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Fantasy Bücher
Buch Leseprobe Die Einherjer, Pascal Wokan
Pascal Wokan

Die Einherjer


Weltenbrand

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Der Himmel war eine Masse geschmolzenen Eisens, die wie im Kübel eines Schmiedeofens träge herumwirbelte. Blassblaue Blitze zuckten ab und an aus den schwarzen Wolken, begleitet von ohrenbetäubenden Donnerschlägen. Der Sturm brachte Regen mit sich, der unablässig in dicken Tropfen herabfiel und das Land ertränkte. Ihm folgte ein Wind, der selbst lose Steine und Gebälk mit sich fortriss, um sie in die rußgeschwärzten Ruinen der Unterstadt von Kaetilfast zu schleudern. Die Natur erhob sich, aber das Gewitter war keines natürlichen Ursprungs. Ein Mann war dafür verantwortlich, ein Gott Asgards, der im Auftrag des Allvaters nach Skaldheim gereist war, um die letzte Verbindung zwischen der Erdenwelt und dem Himmelreich zu vernichten: die Einherjer. Ich sah auf die Leiche meines einstigen Gefährten, die zurückgelassen wie nutzloses Fleisch in einer schlammigen Pfütze lag. Skars gebrochene Augen waren in den Himmel gerichtet, während sein Körper zunehmend im Matsch versank. Ich zwang mich, hinzusehen. Die Tatauierungen auf dem Körper, die seinen Lebensweg beschrieben, schimmerten feucht. Eine Frau aus dem Waldvolk hatte mich einst gelehrt, sie zu lesen, und so wagte ich zum ersten Mal, Skars Werdegang zu betrachten: Wie sein Vater Rod in jungen Jahren den nördlichen Stamm des Waldvolkes verließ, weil er etwas bewirken und verändern wollte. Ein Umstürzler, oder auch Unreiner genannt, der sich gegen sein eigenes Volk wandte. Wie Skar zum Mann reifte und die Entscheidung traf, ebenfalls den Stamm zu verlassen, um dem Huskarl zu begegnen, der ihm vielleicht Antworten auf seine Fragen und Zweifel bieten könnte. Ich sah in den verschlungenen Mustern aber noch mehr. Eine Liebe, die er zurückgelassen hatte, der Zwist im Stamm, ob sie den Menschen im kommenden Krieg zur Seite stehen sollten und ein Geheimnis über einen verschwundenen Gott, das schwer auf seinem Herzen gelastet hatte. Niemand außer ihm hatte es erkannt. Skar war ein vielschichtiger Mann gewesen und nun war er wieder Schlamm. Wenn es jemals in meinem Leben einen Moment gegeben hatte, an dem ich mich selbst hasste, dann war es dieser. Er war wegen mir gestorben, wegen meiner Schwäche. Eine verdammte Schande. Ich presste die Hände zusammen, bis die Knöchel knackten. Selbst dann presste ich weiter und spürte kaum etwas aufgrund der feuchten Kälte. Innerlich fühlte ich mich wie ausgebrannt und leer. Nicht nur mein Gefährte Skar war mir genommen worden, sondern auch mein Hammer, dessen Überreste verstreut unter der braunen Brühe lagen. Ein Teil von mir war vergangen und ich wusste nicht, ob ich ihn jemals wiederfinden würde. Die Kraft, die mir als Einherjer gegeben war, war verblasst. Selbst die Verbindung zur Rune Sowilo konnte ich nicht mehr spüren, als hätte es sie niemals gegeben. Alles, was ich außer der Taubheit wahrnahm, waren Hass und Zorn. Ich hob meine Hand und spreizte die krummen Finger weit auseinander, damit der Gott des Donners sie sehen konnte. Über uns schwoll der Sturm an, jagte über das Land und peitschte uns Nässe in die Gesichter. Donner grollte, Blitze zuckten am Himmel und der Wind toste wie ein Orkan um uns herum. »Es endet hier!«, brüllte ich gegen den Sturm. Donar schwang seinen Hammer Mjölnir hin und her, während er mit weitausholenden Schritten auf mich zu stapfte. Muskeln wölbten sich unter seiner grauen Schuppenrüstung, der rote Mantel war schwer und nass vom vielen Regen. Goldenes Blut bedeckte die linke Hälfte seines Gesichts, die andere schillerte in blauer Farbe. Irgendwann musste ich ihm einen Teil seines Bartes ausgerissen haben, mein Blick nahm aber mehr seine Augen gefangen, die tief in den Höhlen lagen, und in denen Blitze lebten. Er wurde nicht grundlos der Gott der Stürme und des Donners genannt. »Eines muss ich dir lassen, kleiner Mensch«, grollte er. »Du hast wirklich Mut in den Knochen.« Eine leuchtende Gestalt stellte sich uns in den Weg. Die blonden Haare umrahmten ihr anmutiges Gesicht und die großen Augen blickten mich vorwurfsvoll an. Balder, der Gott der Schönheit, trug blaue Gewänder und einen strahlend weißen Pelz. Seine braunen Stiefel waren auf Hochglanz poliert und an seiner Hüfte baumelte das Sternenstahlschwert Gutrender, auf dessen Oberfläche die Rune Sowilo glühte. Erstaunlicherweise wurde er trotz des Wetters nicht nass, als würde der Regen ihm nichts anhaben können. »Einherjer, du darfst nicht gegen ihn kämpfen!«, sagte Balder. »Erinnere dich daran, was wir in Helheim zusammen erlebt haben, und an deine bedeutsamen Worte. Menschen und Götter müssen ihre Vorbehalte fahren lassen und wieder zueinanderfinden, wenn wir Ragnarök aufhalten wollen!« »Er hat Skar getötet und meinen Hammer vernichtet«, erwiderte ich tonlos. »Es ist Zeit, ihn zur Rechenschaft zu ziehen.« »Geht das nicht in deinen einfältigen Verstand?« Seine Stimme überschlug sich, was untypisch für ihn war. »Du hast um die Schönheit getrauert, den Tod umarmt und dem Urteil des Wächters vertraut. Ja, sogar die verzehrende Glut der Liebe war dein Gefährte. Vier Götter, die du Freunde nennst. Ist das nicht von Bedeutung?« »Geh aus dem Weg, Balder!« »Wir Götter sind nicht alle gleich. Es gibt eine Kluft zwischen uns und du bist der Einzige, der sie vielleicht überwinden kann. Du könntest so viel mehr sein als das hier. Das Mittel, um uns alle endlich zu einen.« »Der Allvater hat meinen Tod befohlen und uns dadurch zum Untergang verdammt. Das ist Antwort genug.« Balders Augen zuckten hin und her. »Ja … aber verstehe doch. Wenn einer von euch beiden stirbt, ist alles verloren! Einfach alles! Wir müssen zusammenstehen, wenn wir die Armeen der Riesen aufhalten wollen. Das ist wichtiger als der Tod eines einzelnen Mannes.« »Sag mir, was ist ein Leben wert?« Er zögerte. »Alles«, gab er schließlich zu. Ich stieß ihn mit der Schulter aus dem Weg, aber Balder hielt mich am Arm zurück. »Donar ist nur ein Diener im Auftrag des Allvaters. Wenn du jemand für die Vergehen an euch Menschen bestrafen willst, bestrafe mich! Auch ich war für dein schreckliches Schicksal in Helheim verantwortlich. Auch ich stand an der zerstörten Quelle der Weisheit und habe zugesehen, wie du in die Tiefe von Náströnd verbannt wurdest.« »Lass das! Du weißt genau, dass du nicht wie die anderen bist.« Er griff fester zu, beinahe schmerzte es. »Nun, auch ich bin ein Gott, Erster der Einherjer. Muss ich tatsächlich auf den Umstand hinweisen, dass ich deine Unterstützung benötige, um die anderen Götter zu überzeugen? Erinnere dich an deinen Zweikampf gegen den Schwarzdorn. Wie du im Gleichgewicht der Rune Sowilo gestanden hast, nachdem du etwas Wichtiges begriffen hattest. Überwinde deinen Hass, akzeptiere …« Meine Hand schnellte vor und umklammerte seinen dürren Hals. »Du verstehst das nicht, Gott der Schönheit. Das ist eine Sache, die getan werden muss. Entweder fällt er oder ich.« Seine Augen blickten anklagend im Dämmerlicht. Vermutlich war er enttäuscht, aber das war mir egal. Kurz sah ich an ihm vorbei und erkannte die Krieger und Soldaten im Regen. Links die Nordmänner, die nach dem Zweikampf gegen Runa Wildzorn nun unter meinem Befehl standen. Rechts die Südländer, die von Hauptmann Assur geführt wurden. Mein Blick streifte umher und ich sah die Kräuterkundige und Walküre Yrsa nicht weit von mir stehen, daneben den Skalden und Einherjer Skiddi, der seine Leier, auf der die Rune Kenaz sanft glühte, krampfhaft gepackt hielt. Faulzahn und Runa standen auf der anderen Seite, unschlüssig, was sie tun sollten. Vor mir kam Donar Schritt um Schritt näher. Ich ließ Balder los, lief an der Göttin Freya vorbei, die es nicht wagte, mich aufzuhalten, und hielt auf den Gott des Donners zu. Meine Füße trugen mich fort und jeder Schritt fühlte sich wie die Bewältigung eines Berges an. Ich war schwach, hilflos und besaß keine Waffe mehr, aber, bei den Toten, er würde zur Rechenschaft gezogen werden! Ich blieb vor Donar stehen und musste den Kopf in den Nacken legen, um in sein ungeschlachtes Gesicht aufzusehen. »Noch ein paar letzte Worte?«, fragte er. Ich biss die Zähne krampfhaft zusammen. »Unnötig.« »Gut, dann stirb!« Er rammte mir seine Stirn auf die Nase. Blut spritzte und ich fiel rückwärts in den Schlamm. Sofort war er über mir und drosch auf mich ein. Jeder Hieb ging nieder, als würde ein Schmied seinen Hammer schwingen. Aus einer Eingebung heraus trat ich ihm in die Nüsse. Er zuckte, ließ sich aber nicht davon ablenken und drosch weiter auf mich ein. »Du bist so erbärmlich, kleiner Mensch!« Ein Schlag gegen den Kopf. »Wie konntest du dich nur gegen uns Götter auflehnen?« Ein Tritt in die Seite. »Du hast mich verraten … uns alle verraten! Genauso wie es Thorvald Weißauge getan hat! In eurem Verrat seid ihr ein und derselbe. Am Ende stehst du an der Seite von Hel, um Asgard zu vernichten.« Der nächste Schlag schickte mich kurz in die Benommenheit. »Wir sind Götter! Wir sind in Asgard allmächtig!« Den nächsten Angriff ahnte ich, bevor er kam. Mein Arm zuckte hoch und ich fing seine Faust auf. Ich war genauso überrascht wie er und einen Moment lang starrten wir uns an. »Du bist hier aber nicht in Asgard«, knirschte ich und stemmte mich langsam hoch. »Dies ist Skaldheim, meine Heimat.« Mein Atem ging in unregelmäßigen Stößen. »Die Kräfte der Götter sind hier eingeschränkt, weil die Menschen nicht mehr an euch glauben. Spürst du, wie du schwächer wirst?« Ich stemmte mich immer weiter hoch. Meine Muskeln waren zum Zerreißen gespannt, meine Knie schlotterten und ich fühlte mich einer Ohnmacht nahe. »Es scheint … es scheint, dass du deine eigenen Lektionen nicht gelernt hast!« Fast glaubte ich, dass ich gegen ihn bestehen könnte, aber dann traf mich wie aus dem Nichts sein Hammer und machte diesen Traum zunichte. Ich fiel mit dem Hinterkopf auf den Boden und krümmte mich zusammen. Regenwasser klatschte in meine Augen und verschleierte meine Sicht. Balder stellte sich vor mich und blickte Donar trotzig ins Gesicht. »Du überaus dämlicher Hornochse!«, schrie er. »Hast du immer noch nicht verstanden, was hier vor sich geht? Loki hat es nach vielen Jahren der Vorbereitung geschafft, dass wir Götter uns endgültig von den Menschen abwenden. Geht das denn nicht in deinen Kopf?« »Nicht Loki hat diesen Befehl erteilt.« »Nein, aber er hat großen Anteil daran. Es waren seine Worte, die den Allvater zu dieser Entscheidung gedrängt haben. Es sind schon immer seine Worte gewesen, die Unheil gebracht haben.« »Das kannst du nicht wissen.« »Nein, das kann ich nicht, aber ich kenne Loki und weiß von seinen Plänen.« »Loki ist ein Gott, er würde Asgard niemals verraten!« »Deine unbegreifliche Sturheit wird dein Untergang sein! Hättest du damals bei seiner Zankrede Lokasenna in den ewigen Hallen seine Worte vernommen, würdest du ihn mit anderen Augen sehen.« »Noch ein weiteres Wort und ich schicke dich zurück in die Tiefe, aus der du wiedergekehrt bist!« »Diese maßlose Torheit, Donar. Ich bin dein Bruder!« »Wir sind alle irgendwie miteinander verwandt. Du bist Njördrs Sohn, ich bin Wodans Sohn. Trotzdem werde ich dir die Fresse polieren, wenn du mir nicht sofort aus dem Weg gehst!« Balder ließ seine Faust in Donars Gesicht krachen. Donar war von dem Angriff dermaßen überrascht, dass er zurücktaumelte und in einer Pfütze landete. Dann bückte sich Balder zu mir und drehte mein Gesicht so, dass ich ihn ansehen musste. »Känna dig själv!« »Was …?«, gurgelte ich. »Du weißt, wofür diese Worte stehen.« »Es ist unerheblich, Balder.« Ich setzte mich in eine aufrechte Position. »Der Hammer ist vernichtet, das Band zur Rune existiert nicht mehr. Wir haben verloren.« »Welche Anmaßung, dass ich einen Einherjer über seine Macht aufklären muss.« Er schüttelte tadelnd den Kopf. »Der Hammer ist ein Teil von dir, ein Ausdruck deines Willens. Genau wie die Rune kann er nicht vergehen. Sprich die Worte, festige das Band und erkenne dich selbst, Einherjer. Das ist es, was du tun musst.« Balder ließ mich liegen und trat aus dem Weg. »Mehr kann ich nicht tun, nun liegt es an dir.« Ein Schatten kam näher. Funken tanzten über den Körper, in der rechten Hand Mjölnir. Ich sah an ihm vorbei, betrachtete Skars Leiche und fragte mich, weshalb alles immer so verdammt schief gehen musste. Ich ließ mich auf den Boden sinken und sah in den Himmel. In mir brannte ein Feuer, genährt aus Hass und Zorn. Ich wollte Donar zur Rechenschaft ziehen, aber ich wollte auch die Menschen schützen, die mir vertrauten. Meine Gedanken trieben umher und ich sah mich, wie ich den Schwarzdorn in Helheim im Zweikampf besiegt hatte. Dann sah ich die Göttin Hel vor mir, die eine Gesichtshälfte wunderschön und rein, die andere verdorben und hässlich. Sie trug ihre innere Zerrissenheit offen und schaffte es stets, im Gleichgewicht zu sein. Auch in mir lebten Licht und Dunkelheit. Ich war der Huskarl, ein Einherjer und der Wächter von Náströnd. Es gab noch weitere Namen, die mir zugesprochen wurden, vor allem war ich all dies zugleich. Neue Zuversicht regte sich in mir. Schon einmal hatte ich einem Gott vergeben, obwohl er mich zu unendlichen Qualen verdammt hatte. Ich hatte um Balder getrauert und ihm somit die Rückkehr in die Welt der Lebenden ermöglicht. Meine Hand zuckte zur Seite und ich sog in einem langen Atemzug die Luft ein. »Mein Atem ist das Feuer der Sonne«, flüsterte ich. »Meine Stimme bringt Hoffnung und meine Seele verkörpert Ruhm und Ehre.« Ich spürte ein feines Band, aber es war nicht genug. Ich war nicht nur eine Lichtgestalt, sondern auch eine Waffe, um diesen Krieg zu beenden und die Menschen Skaldheims zu beschützen. Ich war ein erhobener Krieger, der der Hoffnung verschrieben war. Ein Gleichmacher, der die Dunkelheit in sich akzeptierte und nutzte. Je mehr diese Gewissheit in mir reifte, desto mehr fühlte ich die Entschlossenheit, die aus einem tiefen Gewässer emporstieg. Es war eines der schwersten Dinge in meinem gesamten Leben, die Dunkelheit in mir zu akzeptieren und die Rache fallenzulassen, aber ich ahnte, dass es richtig war. Menschen und Götter mussten um jeden Preis zueinanderfinden, unerheblich, was in der Vergangenheit geschehen war. »Nevelnjir«, raunte ich den Namen meines Hammers und spürte gleichzeitig ein vertrautes Zupfen am Bewusstsein. »Ich bin der Gleichmacher. Ich bin Sowilo!« Eine ölige schwarze Finsternis erschien in meiner Hand und bildete nach und nach eine längliche Form. Dann drang ein weißes Licht daraus hervor und ließ sie zerplatzen, wie verkrustetes Eis auf einem metallenen Schild. Als es endete, hielt ich meinen Hammer in der Hand, auf dessen Oberfläche die Rune Sowilo durchdringend leuchtete. Kraft durchflutete meinen Körper, schloss die Wunden und verdrängte den Schmerz, der mich zuvor gefangen gehalten hatte. Ich riss den Arm nach oben und fing Donars Hieb ab. Ein lauter Ton erklang, wie der Klöppel einer Glocke. »In dir steckt also doch noch etwas«, spie er mir ins Gesicht. »Ich hatte schon befürchtet, dass der Kampf vorüber sei.« Die Macht der Rune tobte in mir, drängte mich, etwas zu tun. Ich stieß Donar von mir weg, streckte den Arm aus und deutete mit Nevelnjir auf ihn. In mir schrie alles danach, ihn für das, was er getan hatte, zu bestrafen, aber es wäre der falsche Weg. Ich blickte in die Gesichter meiner Gefährten. Sie vertrauten darauf, dass ich das Richtige tat. Sie vertrauten darauf, dass ich sie beschützen und führen würde. Die nächsten Worte verlangten mir alles ab, aber ich begriff, dass sie der einzige Weg waren, um Skaldheim zu retten. »Du verdienst Bestrafung, Gott des Donners«, grollte ich, »aber wir sind keine Feinde.« »So? Das sehe ich anders!« »Kehre zurück zum Allvater. Sage ihm, dass wir Einherjer gegen die Armeen der Riesen kämpfen werden, um Midgard, Asgard, Helheim und Svartalfheim zu beschützen. Zwischen den Menschen und Göttern wird nicht länger Zwist herrschen. Erinnere den Göttervater an seinen Schwur, den er einst gegeben hat.« »Du bist nicht in der Lage, Forderungen zu stellen!«, brüllte er und warf mir Mjölnir entgegen. Ich ließ meine Waffe fallen, streckte die Hand aus und fing den blitzenden Hammerkopf mit der Handfläche auf. Mein ganzer Arm zitterte, die Haut warf Blasen und schmorte, als würde sie einem heißen Feuer ausgesetzt sein, aber Mjölnir blieb in der Waagerechten stehen. Mit einem Kriegsschrei stürmte Donar auf mich zu. Ich konnte die Mordlust in seinen Augen erkennen, ich sah aber auch, dass er Sklave seiner eigenen Gefühle war. Er war der Donner, ungezügelte, unkontrollierte und vernichtende Kraft. Bevor Donar mich erreichen konnte, wirbelte eine schemenhafte Gestalt in seinen Weg und spießte ihn glatt mit ihrem Speer auf. Er brüllte wie ein Wahnsinniger, aber Freya stieß ihm den Speer noch zweimal in den Bauch, bis er blutspuckend zu Boden ging. Dann war auch Balder über ihm und rammte Gutrender in seine Brust. »Ihr stellt euch gegen mich?«, schrie Donar und bäumte sich auf. Goldenes Blut floss in Strömen aus seinen Wunden, das hielt ihn aber nicht auf. Er umklammerte mit der einen Hand Freyas Hals und mit der anderen verpasste er Balder einen Hieb, welcher den zu Boden beförderte. Freya ging kraftlos in die Knie, aber der Gott des Donners war noch nicht mit ihr fertig und rammte ihr das Knie in die Magengrube. Ich ließ den Arm fallen, worauf Mjölnir an mir vorbeirauschte, streckte die Hand zur Seite und fing Nevelnjir auf. Etwas ließ mich allerdings zögern. Es war vergleichbar mit dem Gefühl, wenn man nach einem langen, harten Tag an einem gemütlichen Feuer im eigenen Heim saß. Nicht, dass ich jemals ein Heim mein eigen nennen durfte, aber es beschrieb am besten, was sich in diesem Moment über meinen Verstand legte. Es begann mit einem Reißen und dem frischen Geruch nach Morgentau und Nadelbäumen, der mich in der Nase kitzelte. Ein Licht brach durch die schwarze Wolkendecke, fiel neben mir zu Boden und fächerte in bunte Farben aus. Lichtfunken tanzten durch die Luft, wirbelten immer schneller und zerplatzten schließlich zu goldenem Lichtstaub, der sich auf unsere Schultern legte. Meine Nackenhaare stellten sich auf und ich hatte auf einmal einen metallischen Geschmack im Mund. Ein Ton erklang, der schlagartig abriss, als das Licht verschwand. Dort, wo es erschienen war, verharrten zwei Gestalten. Die eine trug einen Widderhelm und blassblaue Gewänder, die bis über die schweren Stiefel reichten. Ein Schwert, so lang und breit wie ein ausgewachsener Mann ruhte quer über ihren Schultern, und ein geduldiges Lächeln lugte unter ihrem dichten Bart hervor. Das Wesen daneben saß auf dem größten und prächtigsten Hengst, den ich jemals gesehen hatte. Die verkümmerten Beine steckten in Schlaufen, in der rechten Hand hielt es eine gefährlich aussehende Keule und die schwarzen langen Haare waren von vielen grauen Strähnen durchsetzt. Es trug eine schwere dunkelgraue Lederrüstung, die mit einzelnen Kettengliedern verstärkt war, und auf seinem Gesicht lag der grimmige Ausdruck, der mir so schmerzlich vertraut war. Und natürlich drang ein sanftes Glühen aus seinem Inneren hervor, was ihn als Einherjer offenbarte. Oleif Ohnefuß, der Vierte des Ordens. »Das reicht!«, sagte der Gott Heimdall. In seiner Stimme lag eine solche Härte, dass selbst Donar in seinem Tun innehielt. Freya machte sich dies zunutze, wand sich aus seinem Griff und sank keuchend in eine Pfütze. »Heimdall?«, grollte der Gott des Donners und stapfte auf ihn zu. »Du wagst es, dich auf die Seite der Menschen zu stellen?« Er ließ Mjölnir in seine Hand klatschen. Seltsamerweise war seine Stimme ganz leise, was ihn nicht weniger bedrohlich machte. »Du stellst dich gegen deinen Schwur als Wächter?« Heimdall rammte seine Klinge in den Stein. »Nein, mein Schwur besagt, dass ich die Götter Asgards beschützen und über Bifröst wachen soll. Dazu zählen alle Götter Asgards, Donar!« »Was du nicht sagst.« »Es wäre aber nicht weise, wenn ich weiterhin zusehen würde, wie wir uns selbst vernichten. Deshalb habe ich eine folgenschwere Entscheidung getroffen.« Alle Augen waren auf Donar gerichtet, als er sich vor dem kleineren Gott aufbaute. »Welche Entscheidung soll das sein?«, fragte er dunkel. Ein Blitz zuckte vom Himmel und tauchte die Umgebung kurzzeitig in gleißendes Licht. »Ich habe mit dem Allvater gesprochen und ihn an meinem Wissen teilhaben lassen.« Donar stutzte. »Du hast was getan?« Heimdall lächelte geduldig. »Ich habe Wodan offenbart, was mir nicht verborgen bleibt. Er hat gesehen, was ich gesehen habe. Die Zukunft, die Gegenwart«, sein Blick fiel auf mich, »und auch die Vergangenheit. Daher hat er erkannt, welche Folgen ein Bruch mit den Einherjern und den Menschen Skaldheims haben kann. Es sind nur Pfade, aber der Allvater hat die Wahrheit eingesehen. Deshalb bin ich hier.« »Was willst du damit sagen?« »Gib mir deine Hand!« »Nein!« Donar zuckte zurück, als hätte er sich verbrannt. »Nein … ich … ich bin hier noch nicht fertig.« »So vernehme seine Worte: Gehe nach Asgard, Donar, Gott der Stürme, und suche den Allvater auf!« »Das wagst du nicht, Heimdall!« Donar hob seinen Hammer, das Gesicht vor Wut verzerrt. »Ich werde nicht umkehren!« Heimdall riss das Schwert aus dem Untergrund und zeigte damit auf ihn. »Wage es nicht, das Urteil des Allvaters in Frage zu stellen! Du wirst zurückkehren, ansonsten wirst du deiner Macht beraubt und aus deiner Heimat verbannt!« Donar wandte sich mir zu, sein Gesicht lag im Schatten. »Das ist noch nicht vorbei, Einherjer!« »Nein, das ist es nicht«, stimmte ich ihm zu. »Fürs Erste reicht es aber.« Heimdall packte Donar am Arm, gleichzeitig brach ein weiteres Licht aus der Wolkendecke und umhüllte sie vollständig. Als es vergangen war, stand Heimdall alleine dort.


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