Suchbuch.de

Leseproben online - Schmökern in Büchern


Kategorien
> Fantasy Bücher > Die Einherjer
Belletristik
Bücher Erotik
Esoterik Bücher
Fantasy Bücher
Kinderbücher
Krimis & Thriller
Kultur Bücher
Lyrikbücher
Magazine
Politik, Gesellschaftskritik
Ratgeberbücher
regionale Bücher
Reiseberichte
Bücher Satire
Science Fiction
Technikbücher
Tierbücher
Wirtschaftbücher
Bücher Zeitzeugen

Login
Login

Newsletter
Name
eMail

Fantasy Bücher
Buch Leseprobe Die Einherjer, Pascal Wokan
Pascal Wokan

Die Einherjer


Helgrind

Bewertung:
(3)Gefällt mir
Kommentare ansehen und verfassen

Aufrufe:
52
Dieses Buch jetzt kaufen bei:
Drucken Empfehlen

Die Luft stach in der Lunge und schmeckte nach Ruß und verfaultem Fleisch. Jeder Atemzug war eine Qual, jeder Schritt raubte mir mehr und mehr den Verstand. Ich irrte ziellos umher und fühlte mich in einem Wachtraum gefangen, der nicht endete. Zu manchen Zeiten änderte sich die Umgebung und die lederartigen Wände verwandelten sich in festen Stein und Schiefer, durchzogen von einem schwarzen, anderen Stein. Sobald ich mich aber darauf konzentrierte und mit den Händen über die Oberfläche schabte, fand ich mich an dem Ort wieder, an dem ich losgezogen war. Schmierige Fäden blieben an meinen Fingern haften, sobald ein grüner Tropfen darauf landete, brannte es fürchterlich. Anders als in meinem vorherigen Gefängnis wuchs die Haut nicht mehr nach – zumindest nicht sofort. Wodans Fluch war gebrochen, ich war aus der tiefsten Finsternis entkommen. Sein Segen jedoch, der meinen Körper ungewöhnlich schnell geheilt hatte, war zurückgeblieben. Als ich auf meine Hände sah, starrte mir dort blasse Haut entgegen, vernarbt, mit wässrigen Blasen und dicken Schwielen. Kein inneres Leuchten, wie es für einen Einherjer typisch war, und auch keine Wärme. Seltsame Sache das, wenn man sich erst einmal an das Leuchten gewöhnt hatte, erschien es merkwürdig, dass man wieder so verletzlich und schwach wie ein gewöhnlicher Mensch war. Manchmal vermisste man etwas erst, wenn man feststellte, dass man es nicht mehr besaß. Ich stützte mich an der Wand ab und rang nach Atem. Egal, wohin und wie weit ich mich entfernte, die Umgebung sah immer gleich aus. Beinahe wirkte es, als würde mich der Leichenstrand nicht gehen lassen wollen. »So eine verdammte Scheiße!«, fluchte ich und hieb auf die Wand ein. Im nächsten Moment bereute ich es, denn ein großer Schwall grünliche Flüssigkeit spritzte mir entgegen und ich konnte nur ausweichen, indem ich mich zu Seite fallen ließ und hart auf der Schulter landete. Plötzlich brach eine knochige Hand aus dem Boden, griff nach meinem Fuß und versuchte, sich daran hochzuziehen. »Runter mit dir!«, grollte ich und schüttelte die Hand ab, bis sie wieder in der Erde verschwand. Ich runzelte die Stirn, beugte mich tiefer und wischte den Staub zur Seite. Die Hand zischte erneut heran und packte meinen Nacken. Finger gruben sich in meine Haut und kratzten über meine Schultern. Ein Gesicht mit eingefallenen Wangen und fauligen Zähnen wühlte sich aus dem Boden und stieß einen kläglichen Schrei aus. Ich ruckte nach oben und half damit unbeabsichtigt dem Toten aus seinem Gefängnis. Es klang wie ein leiser Seufzer, als sich der Rest des Körpers aus dem Loch quälte und zusammengekrümmt neben mir liegen blieb. Dann zuckte der Leichnam und schrie immer lautet, ob vor Freude oder Qual konnte ich nicht feststellen. »Das kann doch nicht wahr sein …« Ich trat zu, aber eine Hand fing meinen Fuß ab, drehte ihn zur Seite und die andere Hand schnellte vor. Sie verpasste mir einen derart heftigen Stoß gegen die Brust, dass ich mindestens fünf Alen nach hinten flog. Ich landete auf der staubigen Erde, überschlug mich mehrfach und blieb auf dem Rücken liegen. »Du vil dø, enkle sinn!«, drang die kreischende Stimme des Toten an meine Ohren. Ich rollte mich zur Seite und entging gerade rechtzeitig dem aufstampfenden Tritt meines Feindes, allerdings brachte mich dies näher an ihn heran, was er nun ausnutzte. Er packte mich an den losen Fetzen meiner Kleidung und riss mich nach oben auf Augenhöhe. Erst jetzt fiel mir auf, dass er ein ganzes Stück größer war als ich. Seine gesprungenen Lippen verzogen sich zu einem höhnischen Grinsen. »Nå dø!« Es war die alte Sprache und bedeutete so viel wie: »Nun stirb!« Ich dachte keineswegs daran, wieder abzukratzen, nachdem ich meinem Gefängnis gerade entkommen war, und wand mich aus seinem Griff. Mit Schwung wirbelte ich zur Seite, trat ihm von hinten in die Kniekehlen und ließ einen Schlag gegen seinen Rücken folgen. Meine Faust fraß sich in das verweste Fleisch, ließ schwarzes, schlammiges Blut aufspritzen und riss einen Teil seiner glibberigen Gedärme heraus. Davon abgesehen, wie widerlich das war, störte es meinen Feind nicht weiter. »Bei den Toten!«, entfuhr es mir. Ich wollte Abstand zwischen uns bringen, aber ich war nicht schnell genug. Sein Knie rammte sich in meinen Unterleib. »Uff«, stöhnte ich und krümmte mich zusammen. Der nächste Hieb beförderte mich wieder auf den Boden. Reflexartig rief ich nach meinem Hammer, der meinem Drängen nicht antwortete. »Ich bin … Sowilo«, keuchte ich. Nichts geschah. Ich bäumte mich auf und wagte einen zweiten Versuch. »Ich bin Sowilo!«, brüllte ich, aber es machte keinen Unterschied. Die Erkenntnis traf mich wie der Sturzbach eines Wasserfalls. Irgendwie war meine Verbindung zu der Rune des Futharks unterbrochen und ich konnte ihre Macht nicht mehr heraufbeschwören. Der Tote warf sich auf mich, presste mich mit seinen Armen auf den Boden und ließ seine Stirn gegen mein Nasenbein krachen. Ich spuckte Blut und versuchte, ihn von mir wegzustoßen, aber ich war nicht stark genug. Die Kraft, die mir die Rune und mein Dasein als Einherjer verliehen hatten, war verschwunden. Nun war ich nur noch ein gewöhnlicher Mann in der tiefsten Finsternis, die man sich vorstellen konnte. Ich hatte auch schon mehr Glück gehabt. Die Stirn des Toten krachte erneut in mein Gesicht. Dann stand er auf und senkte seinen Fuß auf meine Rippen, um mir alle Luft aus der Lunge zu pressen. Rotz und Blut rannen über mein Gesicht. Ich stöhnte auf, wollte mich herauswinden, aber der Druck wurde immer größer. Gleich würde ich … Etwas rammte meinen Feind zur Seite. Ich schnappte wie ein Ertrinkender nach Luft und blickte in das zierliche Gesicht eines jungen Mannes mit langen blonden Haaren, der erhaben auf mich herabblickte. Er wirkte kaum älter als achtzehn Winter, trug ein hellblaues, seidenes Gewand, das an diesem Ort seltsam fehl am Platz war, darüber einen weißen Pelz, der an den Armen ausgeschnitten war, und hielt in der Hand ein verspieltes Kurzschwert mit einer silbern glänzenden Schneide. Ich erkannte Sternenstahl, wenn ich ihn sah, und diese Waffe bestand vom Griff bis zur Klinge aus dem härtesten Material, das es in Skaldheim zu finden gab. Nun, ich befand mich weit entfernt von meiner Heimat, aber selbst in Helheim und Asgard stellte Sternenstahl einen kostbaren Schatz dar. Der Fremde hielt das Schwert nicht wie ein Krieger, der wusste, wie man damit umging, sondern eher, als würde er einen Gehstock in der Hand halten. »Wie es scheint, komme ich gerade zur richtigen Zeit, um dich aus dieser misslichen Lage zu befreien«, sagte er gedehnt und legte ein schmallippiges Lächeln auf. »Auch wenn es nicht häufig vorkommt, dass ich mich zu solch niederen Taten herablasse. Es geziemt sich nicht für jemanden wie mich.« Ich runzelte die Stirn. Die Nase war vermutlich gebrochen. Das war nicht das erste Mal und wenn ich nicht aufpasste, fiel mir das verdammte Ding noch ab. »Tut mir leid, dass sich Eure Erlauchtheit mit so niederem Gewürm wie mir abgeben muss«, brummte ich. Er reckte stolz das Kinn. »Immerhin hast du Manieren, sonst streben die Toten eher danach, mir den Kopf von den Schultern zu trennen. Sagen wir, diese Bekanntschaft ist ein wenig erfrischend.« Erfrischend? Ich würde diesem Arsch gerne mal zeigen, wie erfrischend meine Faust sein konnte. Meine Nase pfiff, als ich mich mit einem Schnauben hochstemmte und mir den Dreck von der Kleidung klopfte. Kurz musterte ich den Fremden aus den Augenwinkeln. »Wer bist du?«, fragte ich. »Ah, natürlich. Wie unhöflich von mir, ich habe mich noch gar nicht vorgestellt. Das werden wir umgehend nachholen.« Er zeigte auf den Toten, der auf uns zu stapfte und sich dabei die gebrochenen Knochen an den Armen richtete. Es knackte, knirschte und mit einem Schmatzen verhakte sich das sehnige Fleisch. »Dieser unflätige Tote sollte nicht hier sein.« Der vorwurfsvolle Blick des Fremden fiel auf mich. »Genauso wenig wie du, Einherjer.« Es wunderte mich kein bisschen, dass er wusste, wer ich war. Vermutlich war ich in Asgard und Helheim bekannt wie ein bunter Hund. Dass er aber nicht aussah wie eine Leiche und bei bester Gesundheit war – einmal abgesehen von seinem arroganten Grinsen, das ich ihm am liebsten aus dem Gesicht schlagen würde – wunderte mich. »Leider sind diese Toten zäh«, bemerkte der Fremde. »Sehr zäh«, stimmte ich zu. »Er ist wohl nicht der Erste, der dir hier unten begegnet.« Er seufzte und hob geschmeidig sein Schwert nach oben. Sein Zeigefinger lag auf der Parierstange und den Griff hielt er locker mit den verbliebenen Fingern, als wäre es keine Waffe, sondern ein Taktstock, wie ihn manchmal die Skalden verwendeten, um einen Chor Betrunkener in ansässigen Gasthöfen anzuleiten. Je länger ich den Fremden betrachtete, umso unwirklicher erschien er mir. Alles an ihm war sanft und beherrscht. Die Kleidung wies keinen einzigen Schlammspritzer auf, ja es gab nicht einmal ein Staubkorn, das es wagte, ihn zu beschmutzen. »Bist du ein Einherjer?«, fragte ich, weil mir nichts Besseres einfiel. »Welch törichte Frage mir hier gestellt wird. Selbstverständlich bin ich kein Einherjer, tatsächlich habe ich aber nach dir gesucht. Und wie man sieht, bin ich fündig geworden.« Also lag ich mit meiner Vermutung richtig. »Weshalb?« »Das wirst du gleich erfahren. Ich könnte glatt eine Ode über unsere Begegnung verfassen.« »Eine Ode verfassen?« Ich lachte freudlos auf. »Sag mal, hat dir jemand ins Gehirn …« Weiter kam ich nicht. Unser Feind stürzte mit einem Kreischen auf uns zu. Nun fiel mir zum ersten Mal auf, dass uns ein glühendes Blau aus den leeren Augenhöhlen entgegen starrte. Ich sprang aus dem Weg, der junge Mann hingegen beschrieb mit seinem Schwert einen hohen Bogen, beinahe grenzte es an einen Tanz, und trennte den Körper oberhalb der Hüfte entzwei. »Ich verabscheue dies zutiefst, aber leider genügt es nicht, sie einfach nur in der Mitte zu zerteilen«, meinte er bedauernd und hackte auch Arme und Beine ab. »Gar besteht die Befürchtung, dass eine andere Waffe benötigt wird, um einen wahren Draugr zu bezwingen. Dies hier jedoch«, er stieß das Schwert mit der Spitze voran durch die Halswirbel und trennte den Kopf ab, »dies sind nur willenlose Sklaven, die man trotzdem nicht unterschätzen sollte.« Das Glimmen in den Augen erlosch und der Tote bewegte sich nicht mehr. »Sie können sich aus dem Boden und den Wänden Náströnds befreien und sind von ungewöhnlicher Stärke durchdrungen, die so manchen Krieger vor eine Herausforderung stellt.« »Krieger.« Ich verschränkte die Arme vor der Brust und musterte ihn von oben nach unten. »Du bist aber kein Krieger. Scheiße, du bist weit entfernt davon einer zu sein.« Der Fremde war von schmächtiger Statur und ein ganzes Stück kleiner als ich. Er stand aufrecht und musterte mich mit einem geringschätzigen Blick, als wäre ich es nicht wert, seine Aufmerksamkeit zu bekommen. Also ein arrogantes Arschloch, das waren mir die Liebsten. Es erklärte aber nicht, warum er vor mir stand, als wären wir zwei Menschen, die zu einem netten Plausch in Helheim zusammengekommen waren. Wenn er hier war, konnte das nur bedeuten, dass er ebenfalls tot war. Mit einer übertriebenen Geste steckte er sich das Schwert in die Scheide am Gurt und neigte leicht den Kopf. Dies war vermutlich mehr Ehrerbietung, als sonst jemand von ihm erfuhr. »Ich bin kein Meister des Kriegshandwerks, denn ich habe mich einer höheren Kunst verschrieben. Aber für diese niederen Kreaturen bedarf es dieser nicht.« »Höhere Kunst?«, fragte ich. »Das würde dein einfach gestrickter Verstand nicht begreifen können. Belassen wir es dabei.« »Klar, ich danke dir natürlich, dass du mir bei diesem Kackhaufen hier geholfen hast.« Ich trat gegen die Überreste meines Feindes. »Ich kenne dich aber nicht. Wer sagt mir, dass du nicht bei der nächsten Gelegenheit mir einen Dolch in den Rücken rammst?« »Sei doch nicht dumm!« Er schüttelte tadelnd den Kopf. »Wir sind zwei einsame und verlorene Seelen in den tiefen Eingeweiden von Hels Reich. Ich halte es immer noch für eine Schmach, dass ich hier gelandet bin«, er unterbrach sich und wartete anscheinend darauf, dass ich irgendetwas beisteuerte, ich starrte ihn allerdings nur stumm an und wartete, dass er seine gedanklichen Ergüsse endlich hinter sich bringen würde. Er räusperte sich und stellte sich aufrechter hin. »Nun, ich empfehle dringend, den weiteren Weg gemeinsam zu beschreiten. Auch wenn ich mir durchaus eine angenehmere Gesellschaft vorstellen kann.« »Angenehmere Gesellschaft?« »Wiederholst du immer die Worte deines Gegenübers?«, fragte er gelangweilt. Ich grinste böse. »Wenn der Tag lang ist und ich von den verräterischen Göttern Asgards in dieses finstere Loch gestoßen werde, schon. Vor allem, wenn ich nicht weiß, welcher Bastard vor mir steht.« »Tatsächlich bin ich kein Bastard und sogar weit davon entfernt, deshalb verzeihe ich diese vulgäre Sprache.« Die Situation wirkte immer seltsamer. Mir war vermutlich anzusehen, dass ich nicht wusste, was ich darauf antworten sollte, denn er kicherte leise und hielt mir schwungvoll seine Hand hin. »Es ist mir eine Freude dir wiederzubegegnen, Asgrim Krummfinger. Ich wünschte, es wäre unter anderen Umständen. Leider sind wir aufeinander angewiesen, denn dieser Tage ist vieles, wie es nicht sein sollte.« Mir blieb der Mund offen stehen. Er wusste meinen Namen, aber woher …? Dann fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Ich kannte diesen Mann, da ich ihm schon begegnet war. Allerdings nicht in Helheim und auch nicht in meiner Heimat. Nein, in Asgard. »Du bist Balder!«, entfuhr es mir und ich konnte nicht verhindern, dass ich ihn wie ein Bekloppter anstarrte. »Der Schönling, der Sohn von Wodan und Frigg! Aber … wie?« »Wie?« Er legte sich einen Finger an die Lippen. »Nun, dies ist eine wahrlich bedeutsame Frage, denn das Wie ist die größte aller Fragen. Lass uns am Anfang beginnen, doch zuerst sollten wir von hier verschwinden, denn es besteht der Verdacht, dass es nicht der letzte Tote sein wird, der sich aus dem Gefängnis des Leichenstrandes befreien kann. Und da wir uns die Hände wie Verbündete gereicht haben, wird ab nun alles leichter.« Er lächelte, aber ich konnte die Wahrheit in seinen Augen erkennen. Leicht war ein Wort, das nicht an diesen Ort gehörte. *** Wir stapften schweigsam durch die Dunkelheit von Helheim, wie zwei alte Freunde, die nicht wussten, wie und wo sie einen Anfang machen sollten. Aber natürlich waren wir das nicht, wir waren weit davon entfernt, so etwas wie Freunde zu sein. Aus den Augenwinkeln betrachtete ich den Gott Balder, der mit stolzem Gehabe und unbeschwertem Gang einher schritt, als wäre die Umgebung des Leichenstrandes eine Beleidigung für seine Anwesenheit. Ab und an rümpfte er die Nase oder seine Lippen kräuselten sich. Manchmal blieb er stehen, tippte mit dem Zeigefinger gegen die schmierigen Wände und zuckte anschließend mit vor Ekel verzerrtem Gesicht zurück. Er hielt sich wohl für etwas Besonderes, aber wenn ich das richtig sah, musste es einen Grund für seine Anwesenheit geben und ich vermutete, dass er nicht freiwillig hier war. In Gedanken erwog ich, was ich von ihm wusste. Er war der Sohn von Wodan, dem Allvater, und Frigg, dessen Gemahlin, die ich nur einmal zu Gesicht bekommen hatte. Während Donar der Gott des Donners war oder Tyr der Kriegsgott, wurde Balder keine bedeutsame Rolle zugesprochen. Er war der Gott der Schönheit, wohlbehütet und stets im Hintergrund. Ja, ich konnte mich nicht erinnern, dass er in meiner Anwesenheit irgendwann einmal etwas gesagt hatte. Während ich darüber nachdachte und den schmierigen Fäden auswich, regte sich ein Gefühl in mir, das ich in der letzten Zeit verdrängt hatte. Meine Gedanken waren darauf gerichtet, den Schmerz zu ertragen, nach einem Funken Licht zu gieren oder mich nicht zu bewegen, um nicht die Aufmerksamkeit der Toten auf mich zu lenken. Nun kehrte der Zorn allerdings mit einer Wucht zurück, die mich beinahe taumeln ließ. Balder war einer der Götter von Asgard. Er war dort gewesen, als Wodan sein Urteil gefällt und mich für die Zerstörung der Quelle der Weisheit und der Vernichtung des Nidhöggrs bestraft hatte. Ihre Gesichter erschienen vor mir, wie sie mich verhöhnten und sich angewidert abwandten. Ich blieb stehen, senkte den Kopf und presste meine Fäuste zusammen, bis die Knöchel weiß hervortraten. Ich biss mir auf die Zunge, schmeckte metallisches Blut im Mund und schnaufte und keuchte wie ein wild gewordener Ochse, während meine gebrochene Nase pfiff und Blutblasen bildete. Ein tiefes Knurren stieg in mir empor und ohne dass ich es verhindern konnte, machte ich einen Schritt auf Balder zu, der mich weiterhin musterte, als wäre ich nur niederes Gewürm. Es war ein schwerer Schritt und ich glaubte, dass mir Wind entgegenblies, um mich davon abzuhalten. Aber natürlich gab es an diesem Ort keinen Wind, hier gab es nur Tod. Eines musste man diesem Scheißkerl lassen, er zückte weder seine Klinge noch ließ er sich einschüchtern. Er stand ruhig da, begegnete meinem Blick und wartete darauf, wie ich reagieren würde. Der Moment zog sich in die Länge und ich konnte spüren, dass er genau wusste, was in mir vorging. Angst, Verzweiflung und Wut rangen miteinander, stiegen empor und begehrten gegen meine Zurückhaltung auf. »Wenn du nicht vorhast, mir eine Tracht Prügel zu verpassen, schlage ich vor, dass wir diese äußerst närrischen Empfindungen beiseiteschieben und von hier verschwinden«, sagte Balder kühl und wandte mir den Rücken zu. »Auf uns wartet ein weiter Weg und wir müssen dafür sorgen, dass sie nicht auf uns aufmerksam wird.« »Tu das nicht!«, knurrte ich und packte ihn an der Schulter. Meine Finger gruben sich in seine Haut und pressten sich wie Stahlklammern zusammen. Er war schmächtig – nein, er war dürr. Ein Jüngling, der niemals schwere Arbeit verrichtet hatte, wobei, traf dies nicht auf alle Götter zu? »Glaubst du wirklich, dass du mich schlimmer verletzen kannst, als das, was mir in meiner Schmach widerfahren ist?«, fragte er mit kaum hörbarer Stimme. »Du bist ein verdammter Gott! Ein Lügner, ein Betrüger. Bei den Toten! Ihr haltet euch für etwas Besseres und opfert eure Krieger, wenn es euch in den Kram passt!« »Das stimmt …« »Ihr hintergeht euch gegenseitig und …« Ich hielt inne. »Du streitest es nicht ab?« »Warum sollte ich das tun?« »Weil du ein Gott bist. Du hast gehört, was Wodan zu mir gesagt hat. Wie er mich für seine Zwecke missbrauchte, ich aber nicht so gehandelt habe, wie es prophezeit wurde.« »Du hast uns mit deiner Handlung überrascht, Asgrim Krummfinger. Offen gestanden war es mir eine Freude, meinen Vater zum ersten Mal in meinem Leben wahrlich überrascht zu erleben. Er hat es nicht kommen sehen.« Balder senkte seine Stimme zu einem Flüstern. »Niemand hat das.« Ich grinste böse. »Joh, so konnte ich euch Arschlöchern doch noch eines auswischen, bevor ihr mich in dieses Loch gestoßen habt.« Er wandte sich mir zu, sein Kinn weiterhin hoch erhoben. Ich konnte in seinen Augen aber etwas erkennen, das mich innehalten ließ. Meine Hand löste sich wie von selbst und wir starrten uns eine gefühlte Ewigkeit an, bis ich schließlich die Frage stellte, die längst überfällig war. »Warum bist du hier, Wodans Sohn?« »Dies ist ausnahmsweise eine sehr gute Frage, wie die Walküre Hildr sagen würde.« Balder zog den Pelz aus, schob seine Gewandung zur Seite und offenbarte ein Loch auf der nackten Brust. Eine kleine Wunde, kaum breiter als ein Finger, schwärend, verkrustet und benetzt mit getrocknetem, goldenem Blut. Ein kleines Holzstück mit Blättern steckte darin, wenn ich genauer hinsah. »Beantwortet dies deine Frage?« Ich sah stumm darauf und war nicht fähig, meine Gedanken in Worte zu packen. Balder schob sich die Kleidung wieder zurecht und nickte mir erhaben zu. »Wie du unschwer erkennen kannst, bin ich nicht nur auf einen netten Besuch hier, Einherjer. Genau wie bei dir, gibt es einen ganz bestimmten Grund für meine Anwesenheit: Ich bin tot.« »Du bist … tot? Frost und Eis! Wenn Faulzahn jetzt hier wäre, würde er mich fragen, ob dir irgendjemand ins Gehirn gesch …« Er hob abwehrend die Hand. »Bitte nicht. Sprich es nicht aus, nein denke nicht einmal daran. Ich bin tot, alle weiteren Fragen erübrigen sich von selbst. Wenn du nun so freundlich wärst, mich zu begleiten?« Ich verschränkte die Arme vor der Brust. »Warum?« »Ich fürchte, dass du deine Fragen genauer formulieren musst.« »Warum bist du tot? Ich wusste nicht, dass Götter nach ihrem Ableben hier landen.« »Das ist eine Frage, die wir später klären. Nun sollten wir uns auf den Weg machen und dafür sorgen, dass wir diesen Ort verlassen. Wenn sie …« »Nein!« Ich schüttelte entschieden den Kopf. Genauso gut könnte Balder versuchen, einen Berg daran zu hindern, sein Blut über das Land zu spucken, oder eine Winterblume am Wachsen. Diese Sturheit brachte mich immer in unmögliche Situationen, aber ich war es leid, nach der Pfeife anderer zu tanzen. »Warum bist du hier?« »Um dich zu suchen.« Balders Arroganz war auf einmal wie weggeblasen und er wirkte schwach und klein. Er sackte zusammen und lehnte sich gegen einen großen, verhornten Stachel, der aus dem Boden wuchs und den Weg mit anderen kreuzte. »Das erklärt nicht, warum du tot bist.« »Nein, das tut es wahrlich nicht. Können wir jetzt bitte …?« Ich spuckte ihm roten Rotz vor die Füße. »Sprich oder unsere Wege trennen sich hier!« Balder sah sich panisch um. »Wir haben keine Zeit. Wenn sie herausfindet, dass du deinem Gefängnis entkommen bist und ich dich aufgesucht habe, wird sie uns bestrafen. Glaube mir, Einherjer, das möchtest du nicht erleben.« Er schüttelte sich. »Ich fürchte diese Frau, seitdem ich zum ersten Mal von ihr hörte.« »Ich werde …« Ein Lachen erklang. So leise wie ein Windhauch, gleichzeitig so laut, dass es mir in den Ohren dröhnte. Es war überall und steigerte sich, bis es kaum noch zum Aushalten war. Balder versuchte, sich zu verstecken, aber natürlich war das unmöglich. Ich hingegen stellte mich aufrecht hin, die Schmerzen ignorierend, und sammelte mich für die Begegnung, die nun folgen würde. Es gab nur einen Drecksack, der sich mit einem irren Lachen ankündigte, und zwar der größte von allen. »Loki«, grollte ich. Ein schmaler Mann in grün-silberner Gewandung schälte sich aus der Finsternis und verbeugte sich vor uns. Irgendwie schaffte es der Gott des Bösen, dass diese Verbeugung gleichermaßen Verachtung und Hohn ausdrückte. Ein spöttisches Grinsen lag auf seinen Lippen und die grünen Augen blitzten, während ihm die langen, schwarzen Haare über die Schultern fielen. Im Gegensatz zu uns umgab ihn ein Leuchten, das aus seinem Inneren kam. »Asgrim Krummfinger, wie sehr ich mich doch freue, deinen Anblick zu genießen«, säuselte er. »Und natürlich Balder, der gefallene Gott, der so freundlich war, Ragnarök eine gewisse Note zu verleihen.« Er seufzte zufrieden. »Ah, ich hätte nicht erwartet, dass ihr euch so bald schon hier unten über den Weg lauft. Die gute Hel wirkt ein wenig überfordert, sie wird nachlässig.« »Was willst du?«, schnauzte ich. »Was ich will?« Loki betrachtete die Umgebung und verzog geringschätzig den Mund. »Immer so direkt, sogenannter Held. Worte sind da, um genutzt zu werden.« Er blieb vor mir stehen und verschränkte seine Arme hinter dem Rücken. »Und Wahrheiten sind da, um ausgesprochen zu werden.« Obwohl es unsinnig war, schnellte meine Hand nach vorne und versuchte, ihn zu packen. Loki löste sich in Schatten auf, im gleichen Atemzug schlug mich etwas in den Nacken und beförderte mich zu Boden. »Krieche vor mir, Einherjer!«, lachte er. Es war kein wohlig klingendes Lachen, sondern irre und hinterhältig. »So gehört es sich.« Ich wollte mich hochstemmen, aber erneut traf mich etwas in den Rücken und stieß mich wieder zu Boden. Der Staub brachte mich zum würgen und husten. Ein Arm schnellte aus dem Boden und griff nach meiner Kehle. Ich keuchte auf, packte den Arm mit beiden Händen und brach ihn entzwei. Der Tote, der nach Freiheit gestrebt hatte, versank unter mir und war verschwunden. »Lassen wir das!« Ich stellte mich dem Gott in den Weg. »Willst du uns verhöhnen? Dafür kommst du zu spät, Loki.« »Verhöhnen? Aber nicht doch.« Er schüttelte den Kopf und blieb neben Balder stehen. »Darf ein Mann nicht seine alten Freunde besuchen, um nach ihrem Wohlbefinden zu sehen?« »Loki«, sagte Balder mit mühsam beherrschter Stimme. »Wenn du uns nicht zur Flucht helfen willst, sei bitte so gut und lenke nicht Hels Aufmerksamkeit auf uns. Ich wage zu behaupten, dass du mir das schuldig bist, nach allem, was geschehen ist.« »Ah, Hel, die Göttin des Todes. Es liegt die Vermutung nahe, dass sie momentan zu abgelenkt ist, um sich eurer anzunehmen. Ihr seid nicht die Einzigen, die sich aus ihrer Umarmung befreit haben und sie hat … ja, wie nenne ich es am besten?« Er tippte sich ans Kinn. »Sagen wir, sie hat alle Hände voll zu tun, damit ihr nicht die Kontrolle über Helheim entgleitet.« »Warum, Loki?«, fragte Balder. »Du bist einer von uns, du bist ein Gott Asgards.« Kurz verfärbte sich Lokis Haut hellblau. Dann war es wieder vorbei und das gleiche überhebliche Grinsen lag auf seinem Gesicht. »Ich bin ein Sohn von Riesen, Balder, Wodans Sohn. Aber genug davon. Du fragst dich, warum ich deinem Bruder Hödur bei eurem närrischen Spiel den Mistelzweig gab?« »Ich wusste, dass du es gewesen bist. Warum hast du das getan?« »Die Antwort ist ganz einfach: Weil ich es kann und weil es notwendig war, um das Machtgefüge aus dem Gleichgewicht zu bringen.« Er verbeugte sich elegant und verwandelte sich allmählich zu Schatten. »Während ihr Götter euch in eurem jämmerlichen Dasein messen müsst und nicht über den Tellerrand hinausblickt, habe ich im Hintergrund die Fäden gezogen. Dein Tod eines bewiesen: Die Götter Asgards sind blind und naiv und nicht so unsterblich, wie sie glauben.« Dann war er verschwunden.


Für den Inhalt dieser Seite ist der jeweilige Inserent verantwortlich! Missbrauch melden



© 2008 - 2018 suchbuch.de - Leseproben online kostenlos!


ExecutionTime: 3 secs