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Fantasy Bücher
Buch Leseprobe Die Drachenwächterin, Wolfgang Schwerdt
Wolfgang Schwerdt

Die Drachenwächterin



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1. Kapitel


Eigentlich hätte es eine fröhliche Zeit bei den


Drachen sein müssen. Immerhin, der Nachwuchs


hatte diesmal besonders lange auf sich warten lassen


und jetzt waren bei fast allen Drachenfamilien


die Jungen aus ihren Eiern geschlüpft, die Zukunft


der Drachen scheinbar gesichert.


Statt sich aber zu freuen und ausgelassene Drachenfeste


zu feiern, schlichen die wilden Gesellen


mit finsterer Miene umher, wagten kaum sich gegenseitig


anzusehen, geschweige denn nach dem


Wohlbefinden des Nachwuchses zu fragen. Nun


gut, Drachen waren noch nie besonders gesellig


und gingen sich im Allgemeinen sowieso aus dem


Weg. Aber bei einem solch seltenen Ereignis wie


Nachwuchs, legten die Drachen sonst immer ihr


finsteres Gehabe ab und waren für mindestens


zwei Monate ] nur ein Augenblick in einem Drachenleben


] richtig wohlgelaunt, fröhlich und außergewöhnlich


kontaktfreudig.


Nicht aber diesmal. Dabei ] das wussten sie natürlich]


waren die Drachen längst vom Aussterben


bedroht. Alle hundert Jahre dauerte es früher, bis


sich bei Drachens Nachwuchs einstellte. Dafür


aber lebten sie ] so sagen die alten Geschichten ]


Tausende von Jahren, waren zum Teil sogar unsterblich (was natürlich nur ein Märchen war,


denn heute lebt keiner der alten Drachen mehr).


Der jüngst ausgeschlüpfte Nachwuchs hatte immerhin


ganze einhundertfünfundsiebzig Jahre auf


sich warten lassen und das, obwohl Drachen heutzutage


nicht viel älter als zweihundertfünfzig Jahre


werden. Und trotzdem keine Fröhlichkeit?


Der Drache Herr von Alfons konnte das Verhalten


seiner Artgenossen auch nicht verstehen, sein


Kind war noch nicht geschlüpft und er jedenfalls


freute sich gewaltig auf den Nachwuchs, der sein


uraltes Geschlecht immerhin eine Generation weiter


sichern würde. Drache Herr von Alfons legte


sehr viel Wert auf seinen Namen und seine Abkunft,


waren doch seine Ahnen direkte Abkömmlinge


der alten Götter. Sie ließen sich zurückführen


auf die Midgardschlange, auf die schrecklichen


und unendlich mächtigen Drachen des finsteren


Zeitalters. Sicher, ihre Macht und Schrecklichkeit


hatte im Laufe der Zeit abgenommen und sie hatten


schon vor vielen Generationen ihre Unverwundbarkeit


verloren. Aber immerhin waren sie


selbst für solch übermächtige Helden wie Beowulf,


Sigurd und Siegfried ernsthafte Gegner gewesen.


Dass seine Vorfahren in diesen Zweikämpfen


auch die Verlierer gewesen und schließlich im MitTodeslogistik


7


telalter von jedem Hinz] und Kunz] Ritter gejagt


und ermordet worden waren, hatte Drache Herr


von Alfons weitestgehend aus seinem Gedächtnis


gestrichen. Er sich ja sonst kaum etwas auf seinen


Namen einbilden können.


Sicher, Drache Herr von Alfons war kein Riese,


kein Berg wie seine Vorfahren, ja selbst mit der


Höhe eines Baumes konnte er sich nicht messen.


Genau genommen, so musste er zwangsläufig einräumen,


erreichte er kaum noch die Größe einer


Kuh. Er tröstete sich damit, dass er immerhin größer


als die meisten seiner Artgenossen war ] und


vor allem fürchterlicher, viel fürchterlicher. Da es


mit der Größe nicht mehr so hinhaute, legte Drache


Herr von Alfons besonderen Wert auf Fürchterlichkeit.


Er war es seinem Geschlecht schuldig,


der finsterste und furchterregendste aller Drachen


zu sein. Und so wunderte ihn zwar die mangelnde


Euphorie seiner Artgenossen, die bereits Nachwuchs


hatten, war andererseits aber froh, dass er


nicht gezwungen war, seinen furchtbar finsteren


Ruf aufs Spiel zu setzen. Denn bei der Freude über


den Nachwuchs konnte auch er sich nicht mehr


beherrschen, egal ob über den Eigenen oder über


Fremden.


Aber natürlich war ihm sein eigener Nachwuchs


am wichtigsten, schließlich sollte der ja ] wie wir


Todeslogistik


8


wissen ] die Linie des uralten und ganz fürchterlichen


Geschlechtes derer von Alfons fortsetzen.


Und deshalb, da war sich Drache Herr von Alfons


sicher, würde sein Sohn (denn es war ein gelbes Ei)


noch fürchterlicher als er selbst werden, mit mächtigen


Schwingen furchterregenden Klauen an den


vier kräftigen Echsenbeinen, einem Gebiss wie


Godzilla und mit Sicherheit mindestens so groß


wie ein Pferd. Sein Sohn würde selbst wieder


Nachkommen haben und bald schon, in vielleicht


nur tausend Jahren, würden die von Alfons wieder


die Erde beherrschen, die Menschen in Angst und


Schrecken versetzen und statt mit dämlichen Rittern


wieder mit Göttern ringen (irgendwie gab es


die Ritter gar nicht mehr, fiel dem Drachen Herrn


von Alfons ein, wo waren die denn geblieben?).


Wenn Drache Herr von Alfons so über die alten


Zeiten und die Zukunft nachdachte ] die Gegenwart


ließ er meistens aus ] dann wirkte er ]


schweigend und unnahbar ] besonders fürchterlich,


zumindest auf seine Artgenossen. Andere


Lebewesen zeigten in der Regel deutlich weniger


Respekt. So hatte er einmal auf einer Viehweide


fürchterlich dagesessen und in seinen Träumen geschwelgt,


als ihn doch tatsächlich so ein Rindvieh,


eine Kuh, auf die Hörner genommen und von der


Wiese verjagt hatte. Wäre er nicht so in Gedanken


versunken gewesen, hätte die Kuh natürlich keine


Chance gehabt, redete er sich immer wieder ein.


Aber seit diesem Erlebnis mied er nicht nur die


Viehweide sondern generell die nicht drachige Öffentlichkeit.


„Alfons, komm sofort her!"


Der fürchterliche Drache Herr von Alfons ärgerte


sich nun ganz fürchterlich. Wenn sie nicht seine ]


übrigens auch ganz fürchterliche ] Frau wäre, hätte


er sich diese Anrede natürlich nicht bieten lassen.


So aber dampfte er nur wütend vor sich hin und


die anderen vorbei schleichenden Drachen dachten


nur respektvoll, wie furchterregend Drache Herr


von Alfons heute wieder ist, gleich speit er Feuer.


Natürlich konnte auch Drache Herr von Alfons


längst kein Feuer mehr speien. Er hielt aber die


Legende, er könne es, eifersüchtig aufrecht.


Schließlich war er der Vertreter des uralten und


mächtigen . . . na ja, das wissen wir ja schon.


„Alfons, komm doch endlich, unser Junge


schlüpft."


Wie von einer Tarantel gestochen, sprang Drache


Herr von Alfons auf, entfaltete seine Schwingen


und rauschte gleichzeitig wild mit den Beinen rudernd


auf seine Höhle zu. Dass er dabei eine Reihe


seiner Artgenossen einfach umriss, seine Flügel


dabei zerknitterten und er eher rutschend und rollend,


statt elegant einschwebend durch den Höhleneingang


schoss, tat seiner Fürchterlichkeit keinen


Abbruch. Immerhin war er der einzige, bei


dem das Anrempeln von Artgenossen als Zeichen


seiner Macht und Größe gewertet wurde, denn


niemand wusste, dass Drache Herr von Alfons


noch nie ein besonders guter Flieger gewesen war


und sein fürchterliches Daherrauschen lediglich


daran lag, dass er Beine und Flügel nicht richtig


koordinieren konnte.


Völlig außer Atem erreichte er das Ei, das bereits


erste Risse zeigte und von der Drachin Frau von


Alfons liebevoll begutachtet wurde.


„Sie nur", zischelte Drache Herr von Alfons stolz,


„sieh nur, wie kräftig er ist, sieh nur die gewaltigen


Risse in der Schale."


Die Drachin Frau von Alfons blickte ihren Mann


von der Seite an.


„Der versucht das bereits seit vier Wochen und


die Risse sind kaum größer geworden", erwiderte


Drachin Frau von Alfons.


Beleidigt senkte Drache Herr von Alfons den


Kopf.


„Und warum hast Du mich dann gerufen?"


„Weil wir ihm helfen müssen, da raus zu kommen,


allein schafft er es nicht."


„Ist ja auch ‘ne fürchterlich dicke Schale", nuschelte


Drache Herr von Alfons, „das schafft ja das


fürchterlichste Drachenbaby nicht allein."


„Und du bist ein fürchterlich dummer Drache",


dachte Drachin Frau von Alfons bei sich und sagte


laut: „Los, Alfons, zerdrück die Schale."


„Pssst", zischte Drache Herr von Alfons, „wenn


das die anderen hören."


Sicherheitshalber wartete er die Antwort seiner


Frau nicht ab, denn er konnte sich schon denken,


dass sie fürchterlich respektlos sein würde, und


zerdrückte vorsichtig die gelbe Eierschale.


Plopp machte es und inmitten des restlichen Dotters


wand sich quiekend die Zukunft derer von Alfons.


Voller Entsetzen wich Drache Herr von Alfons


zurück.


„Was quiekt denn da, was ist denn das?"


Und auch Drachin Frau von Alfons starrte fassungslos


auf das Würmchen.


Natürlich wusste Drache Herr von Alfons, dass


Drachenbabys klein sind, so wie alle Babys auf der


Welt. Aber so klein?


Drache Herr von Alfons wusste aber auch, dass


Drachenbabys bereits voll ausgebildet sind, schon


Flügel besitzen, Echsenbeine mit Klauen haben


und auch drachisch sprechen und fauchen können,


kurz, dass auch Drachenbabys schon fürchterlich


aussehen. Schließlich haben sie in ihrem Ei mehrere


Jahre Zeit, sich körperlich voll auszubilden und


auch die Sprache zu erlernen.


Aber das hier, das war kein Drache, nein das war


kein Drache, das konnte gar kein Drache sein. Das,


was da in der zerbrochenen Eierschale herumflitzte


und fröhlich quiekte war überhaupt nicht fürchterlich,


es war nicht einmal mäßig groß für ein


Drachenbaby, es hatte keine Flügel, keine Echsenbeine


und damit auch keine Krallen, keine Zähne


wie Godzilla.


„Mein Gott, es hat überhaupt gar keine Zähne!"


Drache Herr von Alfons war der Ohnmacht nahe.


Er raste in der Höhle hin und her und brabbelte


völlig hilflos vor sich hin:


„Es hat keine Zähne ] und es quiekt!!"


Drachin Frau von Alfons betrachtete ebenso fassungslos


wie ihr Mann das quiekende und schnatternde


fröhliche Etwas. Im Gegensatz zu ihrem


Mann legte sie nicht besonders viel Wert auf die


längst vergessenen Ahnen und die Bedeutung des


Geschlechtes derer von Alfons. Sie war es zufrieden,


einfach eine Drachin zu sein, lebte in der Gegenwart


und wusste, dass die Zeit der großen und


mächtigen Drachen für immer vorbei war. Im


Grunde ging ihr das fürchterliche Gehabe ] nicht


nur ihres Mannes ] ganz fürchterlich auf die Nerven.


Denn in Wirklichkeit war überhaupt nichts


fürchterliches mehr an den Drachen. Wo immer sie


in der jüngeren Vergangenheit ] also in den letzten


200 Jahren ] Menschen gegenübergetreten waren,


wurden sie bestenfalls ausgelacht, in der Regel


verjagt und schlimmstenfalls einfach getötet. Meist


aber wurden sie nur ignoriert, selbst von Kindern,


denn die Menschen glaubten nicht mehr, dass es


Drachen wirklich gibt. Was also sollte dann das


finstere Gehabe.


Wie gesagt, Drachin Frau von Alfons ] mit bürgerlichem


Namen einfach Klothilde ] war eine


pragmatisch veranlagte Drachin. Daher interessierte


sie nicht, was dem kleinen Wurm alles fehlte,


denn das schien seiner Lebensfreude keinen Abbruch


zu tun. Sie überwand ihre erste Fassungslosigkeit


und sah sich ] während ihr Mann immer


noch in der Höhle hin und her dampfte ] ihren


Nachwuchs genauer an.


„Bleib doch mal still sitzen, ich kann Dich ja


überhaupt nicht erkennen", blaffte Klothilde das


agile Wesen an, das sich geschickt und vor allem


blitzschnell durch das Dickicht des Strohlagers


wand, auf dem das Ei mehrere Jahre zum Ausbrüten


gelagert hatte. Unbeholfen versuchte sie mit ihren


Klauen den Winzling zu fassen zu bekommen,


aber ihr Sohn war schneller.


Ja, es war ihr Sohn, stellte Klothilde fest, ob nun


fürchterlicher Drache oder nicht, es war nun einmal


ihr Sohn. Der Winzling begann mit Klothildes


Klauen Fangen zu spielen, wartete ab und verschwand


blitzschnell im Stroh wenn sie nach ihm


griff, nur um kurze Zeit später mit einer Miene, die


besagte „Du fängst mich nie" wieder regungslos


die Bewegungen ihrer Pranke zu beobachten.


Das Wesen, das die Zukunft derer von Alfred


sein sollte, war wirklich unglaublich klein. Sicherlich


hätten mindestens zwanzig Stück davon in das


viel zu große Ei gepasst. Würde der Kleine so


wachsen, wie es Drachen üblicherweise tun, könnte


er nach etwa einhundert Jahren etwa die Größe


einer Blindschleiche erreicht haben. Wahrlich kein


Nachwuchs nach den Vorstellungen des Drachen


Herrn von Alfons. Aber Klothilde war dies egal.


Denn das kleine Kerlchen hatte im Gegensatz zu


den sich so fürchterlich gebenden Altdrachen einfach


etwas liebenswertes, eine Eigenschaft, die


Klothilde selbst zwar noch nicht erlebt hatte, die


sie aber irgendwie zu genießen begann. Außerdem


fand sie auch an seiner körperlichen Erscheinung


Gefallen. „Dragglechen", flüsterte sie mit ungewohnt


sanfter Stimme, „mein Dragglechen."


Draggle, wie der Sohn derer von Alfons schließlich


offiziell heißen sollte, starrte Klothilde erstaunt


an. Er hatte nach alldem, was er über das Drachenleben


und die Drachenwerte im Ei erfahren hatte,


nicht geglaubt, von irgendeinem seiner Artgenossen


akzeptiert zu werden. Dies hatte ihn nicht


sonderlich beunruhigt, denn er war sich ja im Klaren


über seine Erscheinung und hatte sich längst


darauf eingestellt, so bald er aus dem Ei geschlüpft


war, das Weite zu suchen und auf sich allein gestellt


zu leben. Drachen können das, denn wenn sie


aus dem Ei schlüpfen, sind sie bereits voll lebensfähig.


Außerdem werden alle Kenntnisse der Drachenfamilien


von Urzeiten an auf die Nachkommen


vererbt, so dass Drachen eigentlich nicht ] wie


Menschenkinder ] erst mühsam lernen müssen.


Nun aber, da er die außergewöhnlich sanfte


Stimme seiner Mutter vernahm, den liebevollen


Kosenamen (der ihm überhaupt nicht gefiel) und


merkte, dass Klothilde ihn nicht fangen wollte, um


ihn zu zerquetschen, begann er sich vorsichtig zu


entspannen.


Fragend hatte Draggle die weit vorstehenden


Augenbrauen noch oben zusammengezogen, so


dass sich unter seiner flachen Stirn ein kleines spitzes


Dach bildete, unter dem die schräg gestellten


Schlitzaugen hervorblitzten. Das zahnlose Maul


weit geöffnet, fast grinsend, hatte er den Kopf


leicht zur Seite geneigt. Die kleinen, wirklich kleinen


Stummelflügelchen, die dort am Schlangenkörper


aufgeregt schwirrten, wo normalerweise


die Vorderbeine sind, zeigten als einziges die noch


immer vorhandene Anspannung. Selbst der


Kamm, der sich an Hals und Rücken entlang zog,


war nicht ] wie bei den alten Drachen in solchen


Situationen] geschwollen.


Draggle machte einen ersten ernsthaften Kontaktversuch.


„Mama", quakte er. Und als sich das


fürchterliche Drachengesicht seiner alten Dame zu


einem durchaus auch fürchterlichen Lächeln verzog


] denn Drachen können eigentlich nicht lächeln


], drehte er den Kopf dem Drachen Herrn


von Alfons zu und hauchte inbrünstig „Papa".


Genau das aber war eindeutig zu viel für den alten


Drachen. Angesichts seiner Enttäuschung und


der sichtlichen Zuneigung Klothildes zu dieser


Missgeburt, angesichts der Tatsache, dass mit diesem


Draggle all seine Zukunftshoffnungen endgültig


zerschlagen waren, angesichts der Tatsache,


dass ihn die anderen Drachen bei diesem, diesem


... Sohn? mit Sicherheit einfach auslachen werden,


ihn den Nachfahren des mächtigsten . . .und so


weiter und so weiter ..., begann sich so viel Wut, ja


regelrechter Hass in dem fürchterlichen Drachen


aufzubauen, dass er nicht mehr nur zu dampfen


begann, sondern etwas passierte, das einem Drachen


seit Generationen nicht mehr passiert beziehungsweise


gelungen war ] der Drache Herr von


Alfons spie Feuer!


Er spie Feuer, verbrannte die Möbel, verbrannte


das Strohlager, auf dem Draggle noch saß und


kaum das Wort „Papa" zu Ende gebracht hatte.


Drache Herr von Alfons spie Feuer und selbst der


blitzschnelle Draggle hatte keine Zeit mehr gefunden,


den tödlichen Flammen zu entfliehen.


Entsetzt schrie Klothilde auf, als sie ihr kleines


Dragglechen sich in der Flammenglut winden sah.


Sie sprang auf und mit einem mächtigen Hieb ihrer


Pranke schleuderte sie den Drachen Herrn von


Alfons gegen die Höhlenwand, so dass er ohnmächtig


zusammenbrach und die Flammen zu verlöschen


begannen.


„Zu spät", jammerte sie, „oh mein Dragglechen,


oh mein Dragglechen...", und hielt sich ihre von


den Flammen ihres Mannes verbrannte Klaue.


Dicke Tränen rollten aus ihren faltigen Augenlidern


und ließen sie wie hinter einem Schleier


erblinden.


Auch Drache Herr von Alfons hatte sich gehörig


die Schnauze verbrannt, denn mit der Unfähigkeit


des Feuerspeiens, hatten die Drachen seit Generationen


auch ihre Feuerfestigkeit verloren. Aber das


ließ Klothilde natürlich kalt.


Wütend packte sie ihren noch halb ohnmächtigem


Mann und warf ihn im hohen Bogen aus der


Höhle. „Du hast unseren Sohn umgebracht", schrie


sie ihm hinterher, so, dass es alle anderen Drachen


hören konnten.


Von all dem hatte Draggle gar nichts mitbekommen.


Als ihn die Flammen erfassten, spürte er, wie


gut es ihm tat. „Ein Feuerbad, wunderbar", dachte


er. Wohlig räkelte und wand er sich in den Flammen


seines alten Herrn und wünschte sich, es


würde nie wieder aufhören. „Papa liebt mich


auch", dachte Draggle, denn für ihn gab es nichts


Schöneres als ein Feuerbad.


Wenn er auch keine gewaltigen Schwingen, keine


mächtigen Klauen und kein fürchterliches Aussehen


mitbekommen hatte, im Gegensatz zur Meinung


seines alten Herrn war er nämlich ein echter


Drache und zwar einer des alten Schlages ] wenn


auch ein wenig winzig geraten.


Draggle hatte die wichtigsten Eigenschaften der


Drachen mitbekommen. Er war Feuerfest und er


konnte Feuer speien ] auch ohne die gewaltige


Aufregung, die sein Vater dafür entwickeln musste.


Er konnte sogar zaubern, eine Fähigkeit, die die


alten Drachen ebenfalls nicht mehr besaßen. Und


Draggle war klug, außerordentlich klug sogar und


mit Sicherheit würde er im Alter weise werden, so


wie es sich für einen echten Drachen gehört. Wenn


also jemand Anspruch darauf hatte, Drache genannt


zu werden, dann sicherlich Draggle.


Aber Draggle war eben winzig und überhaupt


nicht fürchterlich und deshalb würde er unter den


heutigen Drachen nie als Drache anerkannt werden.


Während Klothilde also ihren Mann aus der


Höhle geschmissen, ihn bei seinen Artgenossen


unmöglich gemacht hatte und gleichzeitig über


den vermeintlichen Tod ihres Dragglechen trauerte,


erhob sich Draggle genussvoll aus der erkaltenden


Asche des Strohs und quäkte:


„Mach weiter Papa, bitte mach weiter, es war sooo


schön."


Ein wenig quengelte Draggle noch, bereits im


Halbschlaf, „mach weiter, Papa, mach weiter", um


schließlich, erschöpft von der Aufregung seiner


Ankunft in dieser Welt, fest einzuschlafen.


Draggle schlief einen tiefen und langen Schlaf,


träumte von gemeinsamen Abenteuern mit seinen


Eltern, in der festen Überzeugung, dass sie ihn tatsächlich


lieb hatten. Draggle schlief immer noch,


als sich die Morgensonne bereits vom goldenen


Rot in ein strahlendes gelb verwandelt und nicht


nur den Morgennebel vertrieben, die Tiere des


Waldes geweckt, sondern sich auch mit ihren


Lichtfingern in das Innere der Höhle getastet hatte.


„Mach weiter, Papa", murmelte Draggle, langsam


erwachend und die kitzelnden Sonnenstrahlen


mit seinen Stummelflügelchen vom Gesicht wischend.


Es dauerte noch lange, bis Draggle schließlich so


wach war, dass er sich in der Höhle umsehen und


feststellen konnte, dass er ganz allein war. Keine


Mama, kein Papa weit und breit und auch keine


Geräusche, die darauf schließen ließen, dass irgendein


drachenähnliches Wesen überhaupt in der


Nähe war.


Draggle war nun hellwach, schlängelte sich flink


durch die Höhle und stellte mit Entsetzen fest,


dass diese total zerstört war. Die Wände und auch


die steinernen Möbel waren an der Oberfläche zerschmolzen und von der hölzernen Einrichtung war


nichts übrig geblieben, als schwarze Asche. Von


seinen Eltern keine Spur, außer die eine oder andere


Drachenschuppe, die auf eine heftige Auseinandersetzung


schließen ließ.


Vorsichtig schwirrte Draggle, getragen von seinen


kleinen Stummelflügelchen nach Draußen.


Vor der Höhle lagen noch viel mehr Drachenschuppen


und je mehr sich Draggle dem großen


Drachenversammlungsplatz vor der Höhle näherte,


desto mehr Spuren eines schrecklichen Kampfes


konnte er finden.


Der Waldboden war nun übersäht mit abgebrochenen


und ausgerissenen Drachenschuppen.


Überall tief in den Boden eingegrabene Spuren


von Drachenklauen und die umstehenden Bäume


hatten all ihre Zweige bis zu einer Höhe von drei


Metern eingebüßt, abgebrochen, abgerissen, förmlich


zerhackt.


Aber kein Lebenszeichen irgendeines Drachen,


keine Spuren von Menschen oder großen, wilden


Tieren, nur ein von offensichtlich wütend kämpfenden


Drachen völlig zerwühlter Waldboden.


Die Drachen selbst waren wie ein Spuk verschwunden,


einfach verschwunden und mit Ihnen


auch Mama und Papa.


„Mamaaaa, Papaaaa!!", schrie Draggle verzweifelt


in den Wald.


Aber er erhielt keine Antwort.


Dabei hatte alles ] zumindest glaubte Draggle das


] so gut angefangen. Wider Erwarten hatte Mama


ihn in ihr Herz geschlossen und der etwas hartschalige


Papa hatte ihm zu seiner Ankunft sogar


ein herrliches Feuerbad spendiert. Und nun sollte


das glückliche Familienleben bereits zu Ende sein,


bevor es richtig angefangen hatte?


Draggle suchte nach einer Erklärung. Menschen,


die uralten Feinde der Drachen, waren nicht im


Spiel, das wusste er, denn er konnte weder Reiterspuren


noch Lanzenspitzen noch sonst irgendetwas


entdecken, was auf die Gemetzel, die die


Menschen unter den Drachen üblicherweise anrichteten,


hinwies.


Draggle war sich sicher, es waren nur Drachen


im Spiel gewesen. Und so bastelte er sich ein Bild


zusammen, das eher seinen Wunschträumen als


der Wirklichkeit entsprach.


Bestimmt hat Papa ganz fürchterlich mit mir vor


den anderen Drachen angegeben, dachte Draggle,


so lange, bis sie richtig neidisch waren. Und dann


haben die anderen Streit angefangen und es kam


zu einer fürchterlichen Rauferei.


Papa ] und natürlich auch Mama ] haben sich bestimmt


großartig geschlagen, waren aber der


Übermacht der anderen nicht gewachsen und


mussten fliehen.


Natürlich nicht aus Feigheit ] nach dem Feuerbad


hielt Draggle große Stücke auf seinen Vater ] nein,


bestimmt wollten Papa und Mama die anderen


von mir ablenken und mich damit beschützen,


denn wütende Drachen scheuten nicht davor zurück,


auch den Nachwuchs ihrer Gegner zu töten.


Draggle ahnte nicht einmal, wie weit er von der


Wahrheit entfernt war.


 


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