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Fantasy Bücher
Buch Leseprobe Die Centerer-Feinde in deinem Kopf, René Junge
René Junge

Die Centerer-Feinde in deinem Kopf



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07. August 22 Uhr Reeperbahn


Du forderst mich zum Kampf? Was zum Teufel denkst du dir dabei? Du Arsch wirst mich kennenlernen. Es blieb lange warm an diesem Samstagabend, als David gegen 22 Uhr durch den Partytrubel auf der Reeperbahn hetzte. Die Sonne war noch nicht ganz hinter dem Horizont verschwunden und die drückende Luft roch zu gleichen Teilen nach Elbwasser und Bier.


Er wollte heute nicht bedrängt und erforscht werden, wollte keine ungefragten Kontakte, keine fremden Bilder und Botschaften. Er wollte nur den finden, den er suchte. Natürlich war die Reeperbahn ein ungeeigneter Platz, um seine Gedanken für sich zu haben. Zu viele seiner Leute trieben sich zu dieser Stunde hier herum und waren auf die geheimen Gedanken anderer aus. Telepathen aus dem Volk der Centerer. Aus seinem Volk - leider unbestreitbar.


David musste einem Junggesellinenabschied ausweichen. Die vielleicht dreißigjährige Braut trug ein rosa T-Shirt mit der Aufschrift upgrade von Freundin 1.0 auf Ehefrau 2.1.


Er selbst würde wahrscheinlich nie heiraten. Es sei denn, eine Frau aus dem Volk der Centerer.


Seine verhasste Identität ließ ihn einfach nicht los. Er war sogar vorübergehend aus dem Viertel seiner Leute weggezogen, doch der Drang, sich wieder in die Nähe der Gemeinschaft zu begeben, hatte sich als stärker erwiesen.


David umkurvte kurz vor der Esso Tankstelle ein Rudel Nutten, das sich gerade auf ihn stürzen wollte.


Ohne nachzudenken, sendete er den Frauen ein Bild, das sie entsetzt zurückprallen ließ. Telepathie hatte ihre unbestreitbaren Vorzüge.


Sie anzuwenden, war ein übermächtiger Drang, auch wenn er das zwei Jahre lang ignoriert hatte. Er war nicht böser als der Drang zu essen, nicht überflüssiger als der Drang zu atmen und vor allem nicht leichter zu kontrollieren als der Geschlechtstrieb. Er war der Fickseligkeit nicht nur ebenbürtig, er war ihre Schablone, das Angesicht, nach dessen Vorbild sie geschaffen war.


Plötzlich begann etwas, in seinem Kopf herumzuwühlen. Wie erwartet. David musste stehen bleiben und sich sammeln. Vor seinem inneren Auge begannen seine Jonglierbälle zu kreisen. Das war seine Art, sich zu konzentrieren. Nur eine Sekunde später war er wieder der alleinige Herr über seine Gedanken und der Eindringling gab auf. Natürlich war er nicht der einzige Centerer, der heute Abend auf der Reeperbahn unterwegs war, aber es war nur einer, den er suchte. Die anderen sollten sich von ihm fernhalten.


David atmete tief durch. Die Wut hatte ihn angreifbar gemacht. Das würde ihm heute kein zweites Mal passieren. Langsamer als zuvor setzte er seinen Weg fort.


*  *  *


Katja und Steffi standen rauchend auf der kleinen Treppe vor der Washington Bar in der Bernhard-Nocht-Straße, unweit der ehemals besetzten Häuser in der Hafenstraße.


Wie läuft es eigentlich mit deinem Dad?“


Katja antwortete nicht.


„Also immer noch Funkstille oder was?“


Katja blies Rauch aus ihrer Nase und fixierte Steffi mit zusammengekniffenen Katzenaugen.


„Kannst du aber drauf wetten. Findest du, ich sollte das ändern?“


„Steht mir nicht zu, dir Ratschläge zu geben. Hat mich bloß interessiert. Gehen wir wieder rein und haben ein bisschen Spaß?“


„Klar. Mal sehen, was der Abend so bringt.“


*  *  *


Vor dem Aufgang zur Absturzkneipe „Clochard“ hatte sich ein Rudel Punks mit Hunden niedergelassen und versperrte David den Weg. Eines der beiden Mädchen aus der Gruppe baute sich vor ihm auf. David schätzte sie auf höchstens sechzehn Jahre. Sie war durchs halbe Gesicht gepierct und sah aus, wie die kleine Schwester von Nina Hagen .


„Alter, haste mal ´n Euro für mich und meine Viecher?“ Die beiden Rottweiler zu ihren Füßen glotzten David an. Er zog lächelnd einen Fünfeuroschein aus der Hosentasche und hielt ihn Nina vor die Nase. Die wilde Göre war ihm sympathisch.


„Soll ich den fressen oder was?“ blaffte sie ihn an, woraufhin David den Schein wieder von ihr zurückzog. Sympathisch war sie ihm immer noch, aber sie brauchte einen Dämpfer. David hielt den Schein jetzt einem der Rottweiler hin.


„Na, mein Lütter, willst du ihn, wenn dein Frauchen nicht will?“


„Ey Terror, nicht“, schnauzte Nina den Hund an, doch der hatte weniger Respekt als Appetit. Mit einem Happs war der Fünfer in Terrors Maul verschwunden.


David musste sich beherrschen, nicht zu lachen.


Jetzt kamen Ninas Kumpane auf die Beine und grölten David zusammen mit der hysterisch keifenden Nina an: Ob er denn Pisse im Hirn hätte, ob er ma´n Arsch aufgerissen haben wolle und weitere Nettigkeiten.


David wich grinsend einen Schritt zurück, ließ den ersten, der auf ihn einstürmte mit einer nachlässigen Körperdrehung ins Leere stolpern, wirbelte dann - jetzt schon beinahe freudestrahlend - um Terrors Mutti herum und tänzelte in den Treppenaufgang zum Clochard. Er genoss es, die Energie wieder frei fließen zu lassen und seiner Intuition den Raum zu geben, den sie immer gefordert hatte und immer fordern würde. Er war ein Centerer – kein Zweifel möglich. Aber seine Ruhe wollte er trotzdem wiederhaben. Zu tief wollte er sich nicht hineinziehen lassen und schon morgen wollte er wieder sein beschauliches Leben als freier Dozent an der Fakultät für Soziologie weiterführen.


Darum war er hier. Nur, weil er keine andere Wahl hatte.


Vor der Tür war ein wütender Aufschrei zu hören. Der gestürzte Punk lag mit einer Platzwunde auf dem Pflaster, weil er aus dem Gleichgewicht gekommen und lang hingeschlagen war. Die Hunde kläfften und die beiden Mädchen aus der Gruppe hatten alle Hände voll zu tun, Terror und seinen Gefährten an ihren Stachelhalsbändern im Zaum zu halten.


David spurtete die Treppe hinauf, ohne sich nochmal umzusehen. Er war froh, niemanden ernsthaft verletzt zu haben. Das wollte er sich für jemand anderen aufsparen.


Ein verdreckter, brauner Fransenvorhang trennte das windschiefe Treppenhaus von der Bar. David hielt davor kurz inne, beruhigte seinen Puls, sammelte sich und tauchte hindurch. Er betrat das Clochard, ohne dass in dem herrschenden Lärm und Gedränge irgendjemand Notiz von ihm nahm. Die Musicbox spielte „run to the Hills“ von Iron Maiden.


Er wandte sich nach rechts und schob sich durch die Menge an der Musikbox vorbei. Den Typ, der davorstand und weitere Lieder drückte, stieß David rüde zur Seite, ohne ihn weiter zu beachten. Nur ein alberner Freak, der sich kleidete, wie der Fürst der Finsternis.


David blickte zum Ecktisch, der am Treppenaufgang zur Dachterrasse der Kneipe stand.


Er sah sofort, dass er gefunden hatte, was er suchte. Crazy Charly hatte David seinerseits bereits kommen sehen. Er verdrehte die Augen, wie schon letzte Woche, als David ihn aufgespürt hatte, um ihn in Schwierigkeiten zu bringen. David ging an ihm vorbei, ohne ihn zu begrüßen.


Charly zog die Kapuze seines Shirts über den Kopf, griff sich seine Zigaretten und sein Bier und stand auf, um David auf die Dachterrasse zu folgen. Der hatte am Absatz noch kurz gewartet, bis er sah, dass Charly keine Zicken machen und ihm folgen würde.


*  *  *


Katja lehnte verschwitzt an der Theke und ließ ihren Blick durch den Laden schweifen. Steffi war noch auf der Tanzfläche und so hatte sie Zeit, die Lage zu sondieren. Heute war ihr nach Gesellschaft – nach männlicher Gesellschaft, um genau zu sein, doch das Angebot war dürftig.


Hauptsächlich Studenten, vermutete sie. Nichts, was sie nicht jeden Tag an der Uni zu sehen bekam. In den Semesterferien hätte sie gern mal andere Gesellschaft gehabt, aber der Laden hier gehörte nun mal zu ihren Lieblings-Locations.


Die Washington Bar war gewissermaßen wie sie. Cool, aber nicht aufgedonnert. Die Einrichtung versprühte den Charme eines Hafenbasars, den man mit einem Flohmarkt zusammengelegt hatte.


Freddy Quinn war hier entdeckt worden, erzählte man sich. Allein diese Story war schon so abseitig, dass Katja sich hier wohl fühlte.


An den Wänden hingen Fotos von Magnum und Higgins, auf einem kleinen Fernseher über der Theke liefen alte Godzilla-Filme ohne Ton und die Luft war zum Schneiden dick, zumal sich kaum jemand um das Rauchverbot scherte.


„Na, Schatzi, hast du schon was Interessantes gefunden?“


Steffi war unbemerkt an Katjas Seite getreten und hielt ihr eine Flasche Bier zum Anstoßen hin.


„Nee, ich glaube, Mr. Right taucht heute nicht mehr auf.“


Steffi knuffte sie in die Seite und lachte. „Sei mal nicht so negativ. Der Abend ist noch jung. Ich setze eine Runde Tequila, dass du heute noch Glück hast.“


„Als wenn das was mit Glück zu tun hat. Ich glaube an Schicksal – weißt du doch.“


„Na, dann gib dem Schicksal aber auch seine Chance, wenn es heute noch anklopft, okay?“


Katja nahm sich vor, genau das zu tun.


*  *  *


David hatte schon Platz genommen, als Charly oben ankam und starrte ihm ausdruckslos entgegen. Innerlich aber war David über die Maßen angespannt, was er auch mit größter Mühe nicht vor Charlys ausgeprägtem Talent verbergen konnte. Letzte Woche hatte Charly ihm die Augen geöffnet und ihn wie einen dummen Schuljungen belehrt. Das hatte David nicht vergessen und Charly offenbar auch nicht.


Als Charly heranschlenderte, wusste David, dass es ihm auch dieses Mal nicht gelungen war, seinen erregten Zustand zu kaschieren. Crazy Charly grinste spöttisch und schien extra immer langsamer zu werden, je näher er Davids Tisch kam. An Flucht dachte er aber sicher nicht. Die Verfolgung und der Kampf wären kurz und hart geworden und am Ende hätte Charly auch seine jahrelange Erfahrung mit solchen Situationen nicht retten können. Ein Crazy-One gegen einen echten Centerer - da gab es im Falle körperlicher Auseinandersetzungen keine zwei Meinungen, wie die Sache ausgehen würde.


Also setzt Crazy Charly sich zu ihm, stellte das Grinsen ein und sah ihn über den Rand seines Bierglases hinweg fragend an, während er einen tiefen Schluck daraus nahm.


„Du kannst mir sagen, wo er heute ist, nicht wahr?“


David starrte ihn durchdringend an. Hatte seine Stimme auch nicht gezittert, als er die Frage stellte?


Charly stellte sein Glas mit sanftem Nachdruck auf den Tisch zurück, beugte sich weit zu David hinüber und musterte seine Gedanken.


„Du kannst ihn tatsächlich noch immer nicht alleine aufspüren oder? Er ist stark – zu stark für dich und dein durchschnittliches Talent, habe ich Recht?“


David antwortete nicht auf diese Provokation und zentrierte sich wieder bewusst, um seine Würde zu wahren. Stattdessen entgegnete er mit einem knappen Nicken, das entweder Zustimmung oder Ungeduld bedeuten konnte.


„Mann, Junge, du solltest dir dringend mal den Stock aus dem Arsch ziehen, den sie euch da reinschieben, wenn ihr die alten Träume träumt und die ausgetrampelten Pfade entlang schleicht bei eurer bescheuerten Unterweisung. Sieh´ doch mal, wie leicht ich es habe. Ich gab mir die Kante, bis die Schnur verbrannte, die mich einfing und bannte,“ rappte er schlecht.


„Halt´ die Klappe, Eminem und spuck´s aus, OK? Wo ist der Typ, der sich Spherewalker nennt? Er geht mir auf die Nerven und ich will endlich wieder in Ruhe schlafen, ohne dass er mir Träume unterjubelt, in denen anscheinend Oliver Stone die Regie führt. Was für einer ist das überhaupt, der sich so einen bescheuerten Namen gibt? Ist er ein Crazy-One, wie du, Charly?“


„Er ist ein Crazy-One und er ist es nicht. Er ist keiner und er nicht keiner, verstehst du? Hättest du mich das letzte Woche schon gefragt, wärst du jetzt schon klüger, meinste nicht?“


David verstand und meinte nichts und starrte ihn nur an, als würde er ihn gleich erwürgen.


„Du und ich“, erklärte Charly, „wir sind zwei völlig verschiedene Paar Schuhe, wenn du verstehst, was ich meine. Du bist´n verschissener Centerer, der den ganzen Scheiß liebt, der uns knechtet und zu Sonderlingen macht und ich bin eben crazy-one-motherfucker-Charly, right?“


„Quatsch keine Opern Charly, sondern…“


„Ich bin ein Outlaw, das ist es, was ich bin“, fiel Charly David ins Wort.


„Ich und meinesgleichen sind nicht mehr, was ihr seid, denn wir haben uns entschieden, die Seite zu attackieren und zu hassen, die an uns zwar genauso klebt, wie an euch, die uns aber nicht bekifft macht, wie das Fernsehen die Normalos. Wir helfen uns mit anderen Kicks, nehmen sie als Gegengewicht zu unserem ungeliebten Selbst und saufen, ficken und prügeln uns durch die Welt.“


„Ach Charly, erzähl´ mir doch mal was Neues. Euer Outlaw-Gehabe kenne ich, aber was hat das mit meiner Frage zu tun? Ist dieser Arsch einer von euch oder ist er ein Centerer, der sich langweilt?“


Crazy-Charly blickte David aus einem zugekniffenen Auge an, als er flüsternd antwortete:


„Er ist´n crazy-Centerer, mein guter David. Und wenn du ´n Wolf im Schafspelz für ´ne gute Tarnung hältst, dann stell dir vor, was´n Centerer anrichten kann, der so durchgeknallt ist wie ich und mit einem TALENT gesegnet ist, mein Alter, mit einem TALENT… das kannst du dir nicht mal vorstellen…“


David blickte kühl zurück und zuckte verächtlich mit der Oberlippe.


„Charly, ich glaube, du hast dir heute schon ein Bisschen reichlich was reingetan oder? Crazy Centerer ist Blödsinn, und das weißt du. Das ist ein Widerspruch in sich.“


„Ach, ist das so?“ flüsterte Charly zurück.


Ist wohl genauso unmöglich, wie´n, gecenterter Normalo, häh? Haste ja selbst versucht oder? Ging nicht so gut, ich weiß, aber crazy Normalos, das KANNST du dir vorstellen, was?“


David zuckte innerlich zusammen. Man vergaß nur allzu leicht, wen man da vor sich hatte, wenn man sich von Charlys Äußerem und seinem Getue blenden ließ. Hatte dieser verfluchte Grenzverletzer doch tatsächlich in seinem Innersten Seelengrund gewühlt, wie in einer Wundertüte. David hätte es wissen müssen – Crazy-Ones übertraten jede Grenze der althergebrachten Etikette, aber was er nicht hatte ahnen können, war diese erstaunliche Ausprägung seiner Fähigkeit zur Grenzüberschreitung. David hatte es nicht mal bemerkt.


„Du hast meine Grenze verletzt, du Hurensohn“, fauchte David ihn an und war kurz davor, über den Tisch zu springen und Charly seinen lästerlichen Kehlkopf herauszureißen.


Aber da war keine Angst in Charlys Augen und so mäßigte David sich wieder, da offenbar noch nicht alles gesagt war.


„Also“, zischte er drohend, „was hast du zu deiner Verteidigung vorzubringen, Unseliger?“


Charly begann wieder zu grinsen, aber dieses Mal kalt und missbilligend.


„Du wirfst mir vor, deine Grenze überschritten zu haben? Du mir? Wie hast du mich denn wohl gefunden, mein Alter und wie hast du versucht Ihn zu finden? Hast dir´n Stadtplan mit Telepatenverzeichnis geholt oder was? Verarsch jemand anderen und konzentrier´ dich jetzt mal gut auf das Wesentliche, was ich dir zu sagen habe.


Er ist ein Crazy-Centerer. Er überschreitet Grenzen auch nicht bloß, sondern eliminiert sie und marschiert ein. Er will nicht mit dir spielen, weil ihm langweilig ist - er wird dich kalt machen, sobald du auch nur in seine Nähe kommst, Okay?“


„Ja klar“, entgegnete David spöttisch.


„Der mich kalt macht, muss erst noch geboren werden und außerdem habe ich keine Angst vor einem, der sich vor mir versteckt. Warum soll er mich rufen, um mich in einen Hinterhalt zu locken und dann alle Spuren zu dem Hinterhalt so gründlich verwischen, dass ich ihn nicht finden kann?“


Charly wurde zusehends ungeduldiger und trommelte wie auf Turkey mit seinen Zeigefingern auf der Tischplatte herum, bis David fertig war. Als er sicher war, dass dieser Ansprache nichts mehr hinzugefügt werden würde, hörten seine Finger mit dem Stakkato auf und kamen vollständig zur Ruhe.


„Bist du jetzt fertig, du Klugscheißer? Dann erkläre ich es dir mal wie für´n Blöden:


Du hast ihn gefunden, lange bevor er dich überhaupt bemerkt hatte. Und als er dich bemerkte, musste er sich überlegen, ob du eine Gefahr für ihn darstellst.


Also ruft er dich, du suchst ihn, er versteckt sich und du findest ihn trotzdem. Und dann? Dann weiß er, dass du ihm ebenbürtig bist, und das kann er nicht brauchen- klar - denn er hat was vor und du könntest ihn dabei stören. Deshalb, mein begriffsstutziger Centerer-Freund und nur deshalb, wird er dich im selben Moment abmurksen, in dem du ihn erblickst.“


Davids Augen weiteten sich, als er begriff, worauf Charly hinaus wollte.


Das, was Spherewalker plante, musste etwas mit den Visionen zu tun haben, die ihn in letzter Zeit immer wieder heimgesucht hatten.


Visionen von heimtückischen und brutalen Terrorakten. In diesen Visionen sah David mit den Augen der Attentäter. Er spürte den Rückstoß des Sturmgewehres, das sein Traum-Ich hielt und er sah Menschen getroffen zu Boden fallen.


In diesen Visionen hatte es jedes Mal Dutzende Tote gegeben und jedes Mal endeten sie damit, dass sich die ganze Szenerie in einem gleißenden Licht auflöste, bevor David wieder in die Wirklichkeit zurückkehrte.


Was, fragte David sich jetzt, wenn diese Visionen keine einfachen Alpträume waren, die Spherewalker ihm schickte, um ihn zu quälen? Was, wenn er in solchen Augenblicken stattdessen direkt in Spherewalkers Gedanken blicken konnte? Wäre es möglich, dass er Spherewalkers geheimste Pläne gesehen hatte und er deshalb hinter ihm her war? David war sich plötzlich sicher, dass es so war und die Erkenntnis traf ihn so hart, dass er laut hörbar aufstöhnte und er sich an der Tischplatte festhalten musste, um nicht zur Seite zu kippen.


Im gleichen Augenblick spürte er einen furchtbaren Druck im Kopf, als versuchte sein Verstand, sich mit aller Macht gegen einen Eindringling zu wehren, den er bewusst noch gar nicht wahrgenommen hatte. David stöhnte abermals auf und presste beide Hände gegen seine Schläfen.


Run to the hills – run for your lifes, dröhnte es in Davids Kopf.


Charly fuhr fort:


„Er würde dich kalt machen, gar keine Frage. Aber weißt du eigentlich, was ich riskiere, wenn ich dir das alles erzähle? Weißt du das? Hey, Mann! Hör mir zu und nimm die Flossen von deinem Schädel sonst…“


Charlys Wortschwall riss plötzlich ab und seine Augen verdrehten sich, so dass nur noch das Weiße zu sehen war. Dann fiel sein Unterkiefer schlaff herunter.


Aus weiter Ferne klang es in Davids Kopf, Darla sagt, lauf´ weg. Höre David, doch David hörte nicht, denn jetzt musste er voller Bestürzung mit ansehen, wie mit Crazy Charly eine blitzartige und unheimliche Veränderung vor sich ging. Sein Teint schien übernatürlich rosig zu werden, so als hätte sich die Durchblutung seiner Haut um das Doppelte gesteigert.


Dann sah es auf einmal so aus, als würde Charly beginnen, zu flackern wie ein gestörtes Fernsehbild –aber nur ganz minimal. Davids Auge erschien es dabei, als würde eine zweite Person über die Ränder von Charlys Körperumriss hinaus aufscheinen und gleich wieder verschwinden.


Eine fremde Stimme erklang aus Charlys unbewegtem Mund.


„Ich zeige dir, was er riskiert hat, David!“


Charlys Kopf raste mit einer widernatürlichen Geschwindigkeit auf den Tisch hinunter, zermalmte in Sekundenbruchteilen das massive Bierglas, wobei sich die Reste davon tief in das Gesicht von Crazy-Charly eingruben und eine Bluteruption hervorriefen, der David nur durch seine ihm eigene, blitzartige Reaktionsschnelligkeit entging. Ihm war keine Zeit geblieben, auch nur einen klaren Gedanken zu fassen. Doch nach maximal drei Sekunde, in denen er schreckstarr unter dem Tisch gelegen hatte, lief sein Erhaltungstrieb wieder auf vollen Touren.


Er tauchte wieder auf und wollte schnellstmöglich von hier verschwinden.


Doch plötzlich fiel ein Schatten von der Treppenhaustür her auf die Dachterrasse und David verstand.


Ein Mann im schwarzen Ledermantel, mit dunkler Sonnenbrille und zu einem Pferdeschwanz gebundenen, schwarzen Haaren trat durch die Tür und grinste David an.


„Hallo, mein Centerer-Freund. Bist du bereit, zu sterben?“


„Ach du Scheiße, der Fürst der Finsternis. Weiß Ozzy Ozborne, dass du seine Klamotten geklaut hast – Spherewalker?“


Ohne eine Antwort abzuwarten, stürzte David sich auf ihn. Er schaltete seine Zeitwahrnehmung, wie er es damals in seiner Unterweisung von Rafael gelernt hatte, auf Zeitlupe um. Die Zeit verging so schnell wie immer, doch Davids Bewusstsein befand sich jetzt in einem Modus, der es ihm erlaubte, jede Sekunde um das Zehnfache gedehnt wahrzunehmen. So würde ihn kein Schlag und kein Tritt überraschen können.


Bei seinem Angriff rotierte David wie ein Derwisch um die eigene Achse und griff mit jeder Hand einen Bierkrug vom nächsten Tisch, an dem er vorbei wirbelte.


So bewaffnet erreichte er Spherewalker mit der nächsten Drehung. David riss die Bierkrüge hoch wie ein Hammerwerfer sein Sportgerät und im nächsten Sekundenbruchteil würden beide in blitzschneller Folge Spherewalkers Gesicht zerschmettern, ehe der auch nur mit der Wimper zucken konnte.


Doch Spherewalker war verschwunden.


David stoppte seine Rotation und sah sich verwirrt um. Aus dem Augenwinkel glaubte er, eine schnelle Bewegung zu seiner Linken wahrzunehmen, doch ehe er seinen Kopf in diese Richtung drehen konnte, explodierte ein gewaltiger Schlag an seiner Schläfe. David flog mit einem Aufschrei gegen die Wand neben der Tür.


Sofort prasselten weitere Schläge und Tritte auf ihn ein und keinen davon sah er kommen, geschweige denn, dass er ihnen hätte ausweichen können.


Ein Glas, das von einem der Tische fiel und gemächlich zu Boden segelte, verriet ihm, dass mit seinem Bewusstseinsmodus alles in Ordnung war.


Aber das kann nicht sein. So schnell kann er sich einfach nicht bewegen. Ich müsste ihn doch wenigstens rechtzeitig kommen sehen, um auszuweichen.


David sah zu, dass er in Bewegung blieb. Er rollte über den Boden, katapultierte sich vom Rücken in den Stand, schlug einen Salto über zwei Sitzbänke und versuchte, seine Augen überall gleichzeitig zu haben.


„Gib dir keine Mühe, David. Du wirst hier und heute sterben.“


Spherewalker stand breitbeinig zwei Meter von David entfernt und hatte die Mantelschöße zurückgeworfen, wie ein Revolverheld beim Duell.


Doch statt einer Waffe zog er, immer noch so schnell, dass es David in seinem Zeitlupenmodus wie Normalgeschwindigkeit erschien, einen seltsam geformten Stein aus seiner Manteltasche.


Beim Anblick dieses keilförmigen Dings erlahmte in David plötzlich jeder Wille zur Gegenwehr. Spherewalker hypnotisierte ihn irgendwie damit, so viel verstand David.


Spherewalker kam auf ihn zu, um zu beenden, was er begonnen hatte. David wollte gerade die Augen schließen, um dem Unvermeidbaren zu begegnen, als jemand rief:


„Heda, was ist hier los, ihr Knallköppe? Macht eure Randale woanders.“


Als Spherewalker sich zum Wirt umdrehte, der nach oben gekommen war, ließ die Krafts des Steins für einen Augenblick nach. Mehr brauchte David nicht. Im gleichen Moment befand er sich schon auf dem halsbrecherischen Abstieg von der Dachterrasse auf die darunterliegende Straße.


Er landete direkt in der Mitte von Ninas Grüppchen, sprengte mit zwei rücksichtslosen Schlägen eine Lücke in den Punkerzirkel und war schon zwanzig Meter gerannt, ehe der erste der beiden Getroffenen auf dem Asphalt aufschlug. Er hörte Ninas Keifen und das wütende Kläffen der Rottweiler hinter sich, als er schon quer über den Spielbudenplatz und an der Davidwache vorbei in Richtung Hafen unterwegs war. Spherewalker folgte ihm nicht. Niemand hielt ihn auf und niemand nahm auch nur Notiz von ihm, denn er sorgte dafür, dass sie ihn nicht wahrnahmen. Es hatte einen Toten gegeben, also konnte es ihm jetzt auch scheißegal sein, dass er mit dem Tarnkappentrick die althergebrachte Etikette verletzte. Es war eine schmutzige Technik, aber eine sehr wirkungsvolle.


Er musste jetzt ohnehin aufhören, zu rennen, denn das Gedränge war in der Davidstraße um diese Zeit mörderisch. Es war kein Durchkommen, wenn man schneller vorwärts kommen wollte als in Schrittgeschwindigkeit.


David konnte im Gedränge untertauschen, und als er sich nicht mehr verfolgt fühlte, ließ er wieder zu, dass man ihn wahrnahm. Der Etikette war für heute genug zuwider gehandelt, fand er.


Als er sich weiter durch die Menge, Richtung Bernhard-Nocht-Straße schob, bemühte er sich bereits darum, das Chaos zu ordnen und seine Schlüsse zu ziehen. Er brauchte jetzt einen Plan – einen, der, wie immer er auch aussehen würde, ohne jeden Zweifel ein Phantom Namens Spherewalker und die Bereitschaft zu weiteren Grenzverletzungen berücksichtigen musste.


 


 


Washington Bar, 23 Uhr


Es war kurz nach dreiundzwanzig Uhr, als David sich im vorderen Teil der Washington Bar an die Theke drängte, um seinen Entschluss mit einer Zigarette zu besiegeln: Bis auf weiteres würde er einer erneuten Begegnung mit Spherewalker aus dem Wege gehen. Aber er würde sich auch nicht mehr von ihm terrorisieren lassen.


Eine weitere Begegnung musste er einstweilen vermeiden, weil er seit der blutigen Demonstration im Clochard wusste, dass ihn das sein Leben kosten konnte. Das war der einfachere Part seines Plans.


Diesen Wahnsinnigen davon abzuhalten, weiterhin in seinem Verstand herumzutrampeln, war schon schwieriger. Im Grunde widersprach dieser Teil des Plans sogar dem ersten. David sah, um Spherewalker zu stoppen, eigentlich nur die Möglichkeit, sich ihm zu stellen und ihn zu brechen.


Direkt konnte er sich ihm nicht stellen. Spherewalker war ein Grenzüberschreiter, sogar ein Grenzeliminierer, wenn Charly Recht hatte und bei den Vorfahren- er musste Recht gehabt haben, wenn man Charlys Ende und den Kampf erlebt hatte. Was also blieb?


Charly hatte ihm die Antwort ja eigentlich schon geliefert. Der andere hatte einen Plan, den er offenbar durch David gefährdet sah. Warum auch immer. Das musste er noch herausfinden. Da war jedenfalls der Hebel, an dem er ansetzen musste.


David musste sich abschirmen, sich verstecken und gleichzeitig stärker werden, die Tricks des anderen lernen, Grenzen überschreiten und seine Fähigkeiten darin vervollkommnen. Er musste, um es kurz zu machen, ein Abtrünniger werden, um einen Abtrünnigen zu stoppen.


All das würde er tun müssen, nur um jemals wieder Ruhe vor diesem Hurenbock zu finden. Aber damit allein wäre es nicht getan. David würde herausfinden müssen, welches Vorhaben es war, dem er gefährlich werden könnte. Es hatte etwas mit seinen Visionen zu tun, so viel stand fest.


Wenn er überleben UND siegen wollte, musste er aber genau wissen, wogegen er kämpfte und damit ergab sich die Hauptschwierigkeit in Davids Plan.


Er musste jeden Kontakt meiden und doch direkt in die Höhle des Löwen, um diesem Kerl sein Geheimnis zu entreißen. Nur in Spherewalkers Kopf konnte die Antwort zu finden sein.


Er musste unauffällig agieren und würde doch gleichzeitig die Aufmerksamkeit aller aktiven Wächter der Centerer auf sich ziehen, indem er die Regeln mehr als nur ein Stück dehnte. Wenn diese dann den primären Wächter auf ihn hetzen würden, wäre sein Schicksal besiegelt. Der primäre Wächter vernichtet jeden, der es wagt, die Regeln der Centerer zu brechen und sich dabei erwischen ließ.


Und nicht zuletzt musste am Ende dann doch die direkte Konfrontation stehen, in der David zum Siegen verdammt war, auch wenn er nie zuvor gegen einen anderen Centerer gekämpft hatte. Im Grunde war dies der unmöglichste Teil des Ganzen, denn ein Centerer konnte den anderen nicht besiegen. Das war jedenfalls rein physikalisch unmöglich, denn die Reaktionsgeschwindigkeit eines jeden Menschen war nun mal durch die maximale Leitungsgeschwindigkeit der Nerven beschränkt und somit war jeder Centerer gleich schnell.


Jeder außer Spherewalker, korrigierte David sich.


Ein Centerer konnte den anderen nur dann bezwingen, wenn er die Technik der Grenzüberschreitung beherrschte, und das war eine verbotene Technik. Noch dazu eine, die Spherewalker perfekt zu beherrschen schien.


Die meisten Centerer hatten diese Technik im Laufe ihres Lebens zwar bis zu einem gewissen Grade entwickelt, aber ein Verbot war es dennoch. Ein Verbot, das zusammen mit anderen Aspekten dessen, was man vielleicht als Centerer-Kultur bezeichnen konnte, seit Urzeiten weitergegeben wurde, und das somit einen Respekt einflößte, der tiefer verwurzelt war, als irgendein schriftlich fixiertes Gesetz des modernen Rechtssystems. Gerade weil es nur von Generation zu Generation in einem exklusiven Kreise von Individuen weitergegeben wurde, hatten dieses Verbot und auch die anderen Regeln einen mythologischen Aspekt, die in ihrer Kraft und Langlebigkeit ihre Wirkung auf das Volk normalerweise nicht verfehlten.


Kurzum: Jeder tat es, wenn auch nur bis zu einem gewissen Grade und im Geheimen. Um sich davon zu überzeugen, musste man sich nur einen Abend lang unter seinesgleichen bewegen. Irgendjemand fand sich immer, der zaghaft zu stöbern begann oder zu beeinflussen versuchte und meist hatte das Ganze nur den Zweck, einen willigen Partner für die Nacht zu finden. Im Grunde wurde diese Technik wie alle Kommunikationstechniken hauptsächlich genutzt, um Sex zu bekommen. Damit war sie zwar bei Weitem unterfordert, aber zumindest rief das die Wächter meist nicht auf den Plan, da sie wohl froh sein konnten, dass keine anderen Zwecke verfolgt wurden.


David aber musste die Sache weiter treiben. Er musste lernen, weiter vorzudringen, als ins Lustzentrum seines Gegenübers. Er würde lernen müssen, die Kontrolle vollständig zu übernehmen, um einen echten Vorteil im Kampf zu haben. Der Plan war also vorhanden, aber die Umsetzbarkeit schien gegen Null zu gehen.


Wenn das vorbei ist, will ich von dem ganzen Centerer Quatsch nie wieder etwas wissen, das schwöre ich.


David seufzte, ging zum Tresen und holte sich ein Astra, um sich Mut für seine erste Lektion anzutrinken.


*  *  *


Als er sich wieder gesetzt hatte, sah er sie. Als erstes Opfer schien sie ihm perfekt. Sie strahlte eine Natürlichkeit aus, die sie stolz und verletzlich zugleich wirken ließ. Ihr Äußeres, das aus einer engen Lederhose, einem schwarzen Tanktop, roten Doc-Martens und einer schwarz gefärbten Struwelmähne bestand, stach aus der Masse der anderen anwesenden Frauen deutlich hervor und hatte Davids Aufmerksamkeit sofort auf sich gezogen. Ihre dominanten Wangenknochen und ihre breiten Schultern machten ihre Erscheinung in Verbindung mit ihrer Größe von höchstens einem Meter achtundsechzig sogar noch interessanter.


David machte sich gerade bereit, sie ein wenig auszuforschen, als der DJ einen Song auflegte, der ihren Geschmack zu treffen schien. Sie drängte zur Tanzfläche. David folgte ihr mit Abstand und postierte sich am Rand des Dancefloors, gegenüber dem DJ-Pult. Er beobachtete sie aufmerksam. Dabei stellte er fest, dass sie grüne Augen hatte, was ihrem Gesicht zusammen mit den markanten Wangenknochen etwas Katzenhaftes verlieh. Sie war offenbar mit einer Freundin da, denn sie wurde auf der Tanzfläche von einer Blondine mit großem Hallo empfangen.


David beeilte sich, die Gedanken der Blonden zu befragen und bekam auch umgehend einen Namen zurück: Katja!


„Hallo Katja“, murmelte er und kostete die Resonanz, den dieser Name in seiner Kehle und in seinem Bauch hervorrief.


In diesem Augenblick war David kurz davon überzeugt, dass er seine Gedanken nicht kontrolliert und sie ihr gesendet hatte, denn Katja drehte sich im Tanz und begegnete für einen kurzen Augenblick, so schien es David, seinem Blick. Im nächsten Moment war dieser Eindruck aber auch schon wieder verflogen und David war fast sicher, dass sie einfach durch ihn hindurchgesehen hatte, ohne ihn auch nur zu bemerken – aber nur fast.


Ihre Bewegungen waren fließend, selbstvergessen, aber auch aggressiv und energiegeladen. David konnte seinen Blick kaum von ihr wenden und musste ihn, um nicht aufzufallen, dennoch von ihr nehmen und sich mit dem indirekten Bild begnügen, das er durch den Spiegel an der Stirnseite der Tanzfläche erhaschen konnte. Seinen Vorsatz hatte er bereits vergessen, genau wie Crazy-Charly und dessen spektakulären Abgang und seine eigene, wilde Flucht. Als er ihrer grünen Katzenaugen ansichtig geworden war, hatte er alles vergessen. Sogar Spherewalker.


Er wollte sie haben, kein Zweifel. Heute Nacht noch und - so fühlte es sich jedenfalls gerade jetzt für ihn an - auch darüber hinaus.


David schloss die Augen und nahm einen tiefen Schluck aus der Flasche, um wieder zu sich zu kommen und um das plötzlich auftretende Brennen in seinem Hals zu löschen. Als er die Flasche abgesetzt und seine Augen wieder geöffnet hatte, war sie verschwunden. Das Lied war zu Ende und bereits durch ein anderes ersetzt worden. Die Tanzfläche wimmelte vor Menschen, von denen manche jetzt zur Bar strebten und andere drängten eben erst darauf.


Natürlich, sie musste an den Tresen zurück sein, überlegte David und war auch schon auf dem Weg, um sie zu suchen. Im Eingangsbereich sah er sie schließlich, nachdem er sich seinen Weg durch das Gedränge gebahnt hatte. Die blonde Freundin hatte gerade ihre Zigarette ausgedrückt und verließ Katja (wieder dieses kehlige Gefühl, wenn er den Namen dieses Mal auch nicht aussprach) in Richtung der Treppe, die zu den Toiletten hinunter führte.


David klinkte sich wieder in die Oberfläche ihres Bewusstseins ein, um seine nächsten Schritte planen zu können. Er empfing das Bild einer taubenetzten Bierflasche, verspürte ihren Durst und ihre Hitze, die vom Tanzen kam und David wusste, was er zu tun hatte.


Die Tresenfrau kam auf seinen mentalen Ruf hin augenblicklich zu ihm herüber. er hatte es schon wieder getan – wie schnell man sich doch daran gewöhnen konnte. Sie nahm seine Bestellung auf, noch ehe sie sich Katja zuwenden konnte, die eben begonnen hatte, nach einer Bedienung Ausschau zu halten.


Als er ein Bier für Katja und eines für sich erhalten und bezahlt hatte, schob er sich am Tresen entlang, bis er unmittelbar neben ihr einen freien Barhocker erklommen hatte, von wo er sie noch kurz musterte und sich sammelte. Die Bedienung, die ihm gerade noch zu Willen gewesen war, näherte sich Katja, als diese sie heranwinkte und blieb kurz vor ihr wie angewurzelt stehen, um zunächst verwirrt zum Eingang hinüber zu starren und sich dann unvermittelt einem anderen Gast zuzuwenden.


„Hey, hallo, ich will was bestellen“, rief Katja ihr noch nach, als David ihr wortlos das Bier, das er für die bestellt hatte, unter die Nase schob.


Sie drehte sich zu ihm um, sah ihn erstaunt an und konnte nicht verhehlen, dass sich ihre kurze Freude über die unerwartete Aufmerksamkeit sogleich mit Misstrauen vermischte. Das war für eine Frau, die alleine an einer Theke stand auch nicht unpassend, wenn ein Fremder sich ungefragt zu ihr gesellte, wie David zugeben musste.


„Kennen wir uns, irgendwie?“ fragte sie ihn scheinbar aufrichtig interessiert, aber mit einem nicht zu überhörenden, spitzen Unterton.


„Ja klar, ich bin doch Typ, der dir eben das Bier hingestellt hat und du bist doch die, die eben noch auf der Tanzfläche war oder?“


Vielleicht war es der unschuldige Ton, den David seiner Stimme gegeben hatte, vielleicht auch nur spontane Sympathie, wie sie zwischen Menschen eben vorkommt – jedenfalls hellte sich ihre Mine auf und sie entgegnete mit hochgezogenen Brauen:


„Ach jaaa, genau… was frage ich eigentlich so blöde? Also Biermann, schönen Dank auch.“


„Keine Ursache, du sahst durstig aus. Und außerdem hat es mich fasziniert, dass du eben beim Tanzen die Welt nicht mehr kanntest und die Welt dem in Vergessenheit geriet, der dich dabei beobachtete und der war nun mal ich, meine unbekannte Schöne. So habe ich zu danken, dass du mein Geschenk annimmst und mir nicht den Kopf abreißt.“


David war sich relativ sicher, dass er zu dick aufgetragen hatte, konnte seinen Ausrutscher in die Sprache der Altvorderen aber nicht mehr zurücknehmen.


Normalerweise hatte er sich im Griff und den lyrisch anmutenden Jargon, den man im Initiations-Seminar lernte und benutzte, im Alltag abgelegt. So kam er kaum noch jemals in die Verlegenheit, sich der Umwelt als Sonderling zu präsentieren. Aber mitunter, wenn das Gefühl sich des Verstandes bemächtigte, brach die kindliche Prägung doch manchmal unvermittelt hervor und seine Wurzeln bestanden auf ihrem Recht.


Zu Davids Erstaunen wendete Katja sich nicht ab, um verschreckt das Weite zu suchen, sondern rückte sogar näher heran und fixierte seine blauen Augen mit ihren grünen. Ihre Augen waren für David auf diese Entfernung offene Tore zu ihrem Innern. David verlor sich in diesen Augen und damit verlor er sich in ihr.


„Und hütet euch vor der Falle der Liebe, denn diese ist es, die euch des Zentrums beraubt, euch bestenfalls noch die Hälfte davon lässt, die andere der Seelenräuberin, im schlechtesten Falle aber ein Zentrum zwischen euch und ihr schafft, das niemandem mehr gehört und niemandem dient.“


Die Stimme des alten Raphael, die kurz und eindringlich in Davids Kopf aufgetaucht war, verstummte so plötzlich, wie sie erklungen war, als er bemerkte, wie sich Katjas Hand ganz leicht auf seinen Oberschenkel legte.


„So hat noch nie einer mit geredet, fremder Junge und ich frage mich, wieso eigentlich? Es klingt toll, wenn du so sprichst, auch wenn die meisten anderen das nicht hinkriegen würden, selbst wenn sie es versuchen würden, wette ich.“


David wusste nicht, was er darauf erwidern sollte.


„Also OK. Ich bin Katja und ja, ich glaube, ich möchte dich kennenlernen. Sagst du mir deinen Namen?“


„David“, antwortete er. „Und was meine Redensart betrifft, bin ich vielleicht manchmal ein Bisschen von gestern, weißt du. Ich schätze, das liegt am vielen Hesse lesen und, na ja, am Bier und an der Luft hier drinnen vielleicht auch.“


„Ach, nicht mal ein kleines Bisschen an mir?“


„Nein, Du verschlägst mir eher die Sprache, wenn ich ehrlich sein soll.“


„Ich habe nicht den Eindruck, dass dir Irgendwas die Sprache verschlagen könnte, David, aber danke für das Kompliment! Setzen wir uns da rüber?“ Sie deutete auf einen Tisch, von dem sich gerade ein weiterer Junggesellinenabschied erhob. Am Wochenende stolperte man auf dem Kiez über diese Grüppchen wie über gescheiterte Existenzen im Soziologieseminar.


David war einverstanden und sie setzten sich, tranken, rauchten, redeten und gingen noch ein paar Mal Tanzen, bevor sie beschlossen, die Kneipe zu verlassen.


„Wohin musst du jetzt?“ fragte David sie, als sie zur Tür hinaus waren und unschlüssig am Fuß der Eingangstreppe herum standen. Katja blickte nachdenklich die Straße Richtung Hotel Hafen Hamburg hinauf und ließ sich einige Sekunden Zeit bevor sie David aus dem Augenwinkel beobachtend betont beiläufig antwortete:


„Nach Hause jedenfalls nicht. Da wartet keiner auf mich und allein sein ist jetzt gerade nicht so mein Ding. Vielleicht sollte ich irgendwo anders noch einen Absacker nehmen, was meinst du?“


„Ich meine, dass allein trinken nie eine gute Idee ist und da ich für heute genug habe, würde ich dich zu einem kleinen aber feinen Frühstück bei mir zu Hause einladen wollen“, antwortete David und registrierte sehr wohl das flüchtige Lächeln, das dieser Vorschlag auf ihr Gesicht zauberte.


„Was hast du denn anzubieten, geheimnisvoller Fremder?“ Sie fixierte ihn weiterhin aus dem Augenwinkel, während sie immer noch vorgab, irgendetwas am Ende der Straße zu sehen, das sie momentan mehr interessierte als ihr neuer Begleiter.


„Kaffee, Toast, Schrimps in Knoblauchsoße, Marmelade, falls du eine Süße bist und ein bisschen frisches Obst. Wie klingt das für dich?“


Katja wandte sich ihm wieder ganz zu und sah ihn, wie David fand, durchtrieben grinsend an. Sie brachte ihr Gesicht ganz dicht vor seines:


„Das hört sich doch verlockend an. Wenn du es dann noch schaffst, mich satt zu machen, nehme ich deine Einladung gerne an.“


In dieser Nacht fanden Katja und David zueinander, ohne zu ahnen, dass erst der Tod sie eines Tages wieder trennen würde, denn sie selbst würden nicht trennen, was eine höhere Macht zu einem höheren Zweck heute zusammengefügt hatte; und, oh ja – sie wurde satt.


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