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Fantasy Bücher
Buch Leseprobe Die 4. Welt, Michael Hanuschek
Michael Hanuschek

Die 4. Welt



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Tiamat stellte ihre beiden gepackten Koffer neben die Haustür. Salia war wie immer früher, als Tiamat und Temya aufgestanden, um letzten Schliff an ihr Awin-Nathe zu legen. Es unfertig zurücklassen zu müssen war für sie ein Gräuel. Sie saß auf ihrer mit weichem goldgelbem Samt gepolsterten Plattform, dessen leise Düsen an der Unterseite sie in der Luft hielten. Der brüllende Lärm, den diese Vorrichtung einst aussendete, wurde mit den Jahren zu einem kaum mehr hörbaren Rauschen verbessert, das bei Tiamat nicht mehr Ohrenschmerzen, sondern angenehmste Erwartungen weckte. Er schlich auf Zehenspitzen durch den Flur, weiter am leeren Esstisch vorbei, lehnte sich lautlos gegen den Türrahmen und verschränkte die Arme vor der Brust. Salia war so sehr in ihre Arbeit vertieft, dass sie ihn nicht gehört hatte. Ihre Plattform schwebte in einer Höhe von etwa einem Meter über dem Boden vor der rechten Wand, auf der sie ihr neuestes Bildnis von Poseidon, der einem der Ureinwohner des Kontinents das Spiel auf der Opalia beibrachte, fertigzustellen versuchte. Sie hatte ihr weißes Arbeitskleid angelegt, das einzig dafür ausersehen war, es bei der Bearbeitung der Awin-Nathe zu tragen. Der Luftzug der Düsen durchwirbelte die unteren Passagen ihres Rockes, die über die Begrenzungen der Plattform hinaushingen und ließen sie wirken, als hätte sie keine technische Unterstützung nötig, um sich schwebend fortzubewegen. Seit Monaten plagte sie sich mit der geeigneten Darstellungsweise und den passenden Farben herum, die das Ereignis am würdigsten auf der Wand verewigen könnten. Das Spielen der Opalia, ein schwer zu erlernendes Instrument mit 87 Metallsaiten, war ihre liebste Verehrungsart Poseidons, in der sie es zu einer bisher ungekannten Meisterschaft brachte. Die ärgsten Schwierigkeiten bereitete ihr nach wie vor die Arbeit mit dem Pinsel, die allgemeinhin als die höchste Kunst der Verherrlichung Poseidons angesehen wurde. Die Perfektion, die ihre Mutter in dieser Sparte erreichte, war ihr auch nach intensivstem Bemühen bis jetzt nicht vergönnt gewesen. Trotzdem versuchte sie es ohne Unterlass, und die Führung des Pinsels in ihren Fingern wandelte sich mit den Jahren von einer hölzernen Unbeholfenheit in eine elegant fließende Bewegung, die die Farbe wie von Zauberhand auf die Wand aufzutragen vermochte. War ihr Blick zu früheren Zeiten noch verkrampft, frustriert und den Tränen nahe, wenn ihr das Ergebnis ihrer Anstrengungen nicht zusagte, strahlten ihre smaragdgrünen Augen heute bei jeden geglückten Strich wie damals, als er ihr zum ersten Mal begegnete.

Er, Chenmes und drei seiner Schulkameraden waren auf dem Rückweg von einer Angeltour an den reißenden Flüssen des Jatare-Gebietes, an denen ihnen an jenem Tag nicht allzu üppiger Erfolg beschieden war, als das Gekicher einer Gruppe Mädchen, die sie aus ihrer Schule kannten, durch das Gebüsch eines kleineren Waldes zu ihnen drang. Sie bogen die Zweige der zu ihrem Glück dichtgewachsenen Büsche lautlos zur Seite und begannen, die sieben tuschelnden Mädchen, die für Tiamat rätselhafte und undurchschaubare Spiele praktizierten, mit dem von Chenmes eingeführten und schon bald gefürchteten exkrementellen Humor zu bedenken, der von seinen Zielen mit Abscheu und strengster Missbilligung quittiert wurde. Als Chenmes die leuchtend weißen Kleider mit den im Sonnenlicht eines warmen Sommernachmittages schimmernden goldenen Applikationen darauf mit noch regenfeuchten Erdklumpen bewarf und danach lachend mit den anderen davonlief, wendeten sich die meisten der Getroffenen angewidert ab und entsetzten sich keifend und nach Rache schreiend über die schändliche Besudelung ihrer kostbarsten Besitze. Viele brachen in Tränen aus, als sie ohne Erfolg versuchten, die entstandenen Flecken durch hektisches Reiben aus dem Seidenstoff zu vertreiben. Nur eine von ihnen stimmte nicht in die Klagensarie ein, auf deren Haupt ein roter Feuersturm glänzender Locken loderte und deren makellos weiße Haut Tiamat im Sonnenlicht blendete. In unbeeindruckt aufrechtem Stand wischte sie sich mit einer beiläufigen Handbewegung die gröbsten Verunreinigungen von ihrem bodenlangen Rock. Nur die Suche ihrer großen runden Augen nach den Übeltätern und die zusammengepressten, weichgeschwungenen, unverwirrbaren blutroten Lippen zeugten von ihrer Abneigung gegen das Geschehene. Mit kurzen, zackigen Worten einer klaren und warmen Stimme ließ sie das heulende Elend um sie herum verstummen. Noch nie hatte er ein Exemplar des weiblichen Geschlechtes gesehen, das sich so wohltuend von den gewöhnlicherweise nervtötenden, albernen und verwöhnten Töchtern der Hauptstadt unterschied. Er sah sich außerstande, seinen Blick von ihr abzuwenden, als sie mit königlich wiegenden Schritten durch die Reihen schwebte und ihre Freundinnen dumme Gänse schalt, dass sie sich so aufführten. Erst als sie ihre Schultern herumriss und ihm ihr leicht längliches, weißglänzendes Gesicht zudrehte, das vom Schwall ihrer hüftlangen Haare vollständig umrahmt wurde, als eine der Angesprochenen ihr zu widersprechen ansetzte und er glaubte, dass ihr Blick mit dem seinen kollidierte, ließ er vor Schreck die Zweige los, die zurückschnellten und Laute der Überraschung auf der anderen Seite auslösten. Er folgte dem Weg, den Chenmes gegangen war und holte ihn bald darauf ein, woraufhin er sich, ob seiner Verspätung, mit einer fadenscheinigen Ausrede, die von einer vergessenen Ködertasche handelte, entschuldigte. Tags darauf verabschiedete er sich nach der Schule von Chenmes zu den Flüssen, an denen er angeblich noch einmal nach seinen Ködern suchen wollte und lief zu der Stelle, die er am Vortag so eilig verließ. Als er aber auch nach längerer Wartezeit niemanden sah oder hörte, kletterte er auf den nächstgelegenen Baum, dessen dichtgewachsene Äste ihm einen sicheren Ausblick über einen weiten Teil der Landschaft gewährten. Er scannte die Umgebung ein ums andere Mal wie eine elektronische Überwachungseinheit, und die freudige Erwartung quälte ihn, wie sein hämmerndes Herz, das schon bald begann, ihm körperliche Schmerzen zu bereiten, bis er endlich die piepsenden Stimmen, die er wiederzuerkennen glaubte, vernahm. Salia führte einen Tross gackernder Hühner in wieder rein weißen Roben auf eine kleine Anhöhe in seiner Nähe. Sie setzen sich auf den Rasen, und Salia begann eine Geschichte von Poseidon und seinen Söhnen zu erzählen, die er schon aus der Schule und von seinen Eltern her kannte, aber die begeisternde und inspirierende Überzeugungskraft, mit der Salia sie darbot, faszinierte ihn genauso sehr, wie die umringende Zuhörerschaft, die staunend an ihren Lippen hing und offenbarte ihm die Erzählung, die ihn bisher nie besonders interessierte, in einem ganz neuen Licht. Der weiche und doch entschlossene Klang ihrer Stimme ließ ihn die Gefahr, entdeckt zu werden, die ihn bis dahin sorgte, im Nichts verschwinden. Ein Klang, der ihn auch heute noch fesselt und stets aufs Neue gefangen nahm. Er vergaß daraufhin seine erhöhte Position und den mangelhaften Durchmesser des Astes, auf dem er sich niederließ, bis ein Knacken und Knarren ihn zu spät in die Wirklichkeit zurückrief. Der Ast brach und zu überrascht vom plötzlichen Nachgeben, entfiel ihm die Möglichkeit, sich an einem sichereren Zweig in seiner Reichweite festzuhalten und so stürzte er mit ihm zu Boden. Sein kurzer, aber weithin vernehmbarer Aufschrei schreckte die Mädchengruppe auf, die verängstigt und kreischend davoneilte. Er landete in einem der Büsche, dessen biegsame Zweige seinen Fall abfederten, aber ihm eine bis heute sichtbare Narbe am Knie beibrachten, bei dessen Betrachtung Salia noch immer in ein überlegenes und kopfschüttelndes Grinsen verfiel, in das Tiamat erst seit Neuestem miteinstimmte. Damals war die Peinlichkeit, die ihm nur allzu deutlich ins puterrote Gesicht geschrieben war, für ihn kein Grund zum Lachen. Er wollte sich so schnell wie irgend möglich auf und davon machen, aber Salia, die sich nicht hatte einschüchtern lassen, sah ihn mit strengen Augen an, die fest entschlossen waren, ihm die Leviten zu lesen, ob seines ungebührlichen Verhaltens, als er sich auf die Beine stellte. Aber beim Anblick des dürren, unbeholfenen Burschen mit seinen linkischen Bewegungen und seinem schuldbewussten Auftreten, verflogen all ihre Zurechtweisungsgelüste. In den Wochen und Monaten, in denen sie sich fortan regelmäßig trafen, wandelten sich ihre anfänglichen Vorbehalte gegen alle Freunde und Sympathisanten des ihr verhassten Rüpels Chenmes zu einem unbeeinflussbaren und erschütterungsfreien Maß an Liebe, das bis zu diesem Tag uneingeschränkt Bestand hatte.

Tiamat verkniff sich ein Lachen, als ihm dieses Bild vor sein geistiges Auge trat, während Salia mit leichtem und fließendem Schwung eine Haarsträhne Poseidons auf die Wand strich. Schwerer zu unterdrücken war die Erheiterung, das ihn zu überkommen drohte, als er an die vielen Bemühungen dachte, sie und ihre gestrenge Mutter mit seinen Fähigkeiten zu beeindrucken. Seine missratenen Bildnisse Poseidons, die bei Valinah die Befürchtung weckten, seinen Zorn auf sie herabzubeschwören, als dass sie ihn gnädig stimmten, ließen sie daran zweifeln, ob er der Richtige für ihre Tochter wäre. Seine Versuche auf der Opalia waren ein Desaster. Es gab keine Unterrichtsstunde, die nicht mit gerissenen Saiten oder einer entnervten Lehrerin endete. Letztendlich gab er es auf und verlegte sich einzig darauf, Salia zuzuhören und ihr perfektes Spiel zu bewundern. Wie ihre Finger durch das Meer der Saiten glitten und ihnen die traumhaftesten Töne entlockten, machte ihm glauben, zu schweben und sich in den Gärten Poseidons zu befinden, die Salia mit ihrem Spiel zu formen trachtete.

Salia zeigte sich zufrieden mit dem gegenwärtigen Zustand vom Gesicht Poseidons und seinen Haaren. Sie strich sich mit zwei Fingern langsam durch ihre Haare, wovon sie wusste, dass es Tiamat besonders gefiel und ihm anzeigte, dass sie ihn bemerkt hatte. Sie war nicht überrascht, Tiamat am Rand des Zimmers zu sehen. Es zählte zu seinen Lieblingsbeschäftigungen, sie zu beobachten, während sie vertieft in ihre Farben und Formen war, und sie wusste, dass er ihre geistige Abwesenheit sattsam auskostete, aber letztlich bemerkte sie ihn dennoch immer.

“Warum kommst du nicht zu mir?”, sagte sie lächelnd, ihm einen schnellen Blick zuwerfend.

“Aber nur, wenn ich dich nicht störe.”

“Wie könntest du mich stören. Ich glaube mittlerweile, ich kann nur in deiner Nähe den richtigen Strich finden.”

Mit einem kurzen Ruck stupste er sich von der Wand ab, ging auf sie zu und stellte sich hinter die Plattform.

“Wie gefällt dir mein Poseidon?”, fragte sie. “Ich finde, er ist ganz gut gelungen.”

Tiamat sah sich sein Gesicht und seine Haare prüfend, den kritischen Blick ihrer Mutter imitierend, an und tat geheimnisvoll.

“Beinahe bin ich versucht, dir zuzustimmen, aber ich befürchte, sein Blick ist noch etwas zu traurig. Vielleicht stellt sich sein Schüler im Moment gerade etwas ungeschickt an, dann könnte er allerdings gerechtfertigt sein.”

“Wenn du sein Schüler gewesen wärst, müsste ich ihn mit den Händen über den Ohren darstellen”, lachte Salia.

 “Könnte es sein, dass er schielt?”, sagte Tiamat, um ihr diese Bemerkung zurückzugeben.

“So schlimm ist es nun wirklich nicht”, wehrte sie sich, als sie zu ihm herumfuhr und ihre Haare über sein Gesicht strichen. “Aber wenn du es besser weißt, kannst du mir ja helfen, diesen Makel auszubessern”, schlug sie vor.

Wie immer fand sie immer noch eine Kleinigkeit an ih­rem Werk, das hätte verbessert werden müssen, das, zumindest nach Tiamats unmaßgeblicher Meinung, nicht besser sein könnte, aber sie ließ sich ausschließlich von ihrer Mutter ernsthafte Ratschläge erteilen, die sie als Einzige für ausreichend Kompetent dafür erachtete. Besonders ärgerte sie sich, wenn sie von Tiamat auf eine Unvollkommenheit aufmerksam gemacht werden musste.

Er ging noch einen Schritt näher an die Plattform, bis Salias Rücken seine Brust berührte. Er fuhr mit der Hand über ihre rechte Schulter und weiter bis zu ihrer Hand, die den Pinsel geschmeidig zwischen den Fingern tanzen ließ. Gemeinsam tauchten sie seine Borsten in die Farbe, die sie auf einem runden weißgestrichenen Holzbrett verteilt hatte, das vor ihr auf ihren Beinen lag und zogen eine graue Linie über die schon vorhandenen Haare Poseidons, die nichts zur Realität seines Angesichts beitrug. Tiamat übernahm die Führung ihrer beiden Hände, die wie eine fungierten und fügte Poseidons grauer Haarpracht eine schwungvolle Locke hinzu, die sich frech aus seinen strengen glatten Haaren heraus über sein rechtes Auge und seine Stirn stahl.

“Er sieht gleich zehn Jahre jünger aus, findest du nicht?”, meinte Tiamat zu seinem Kunstwerk.

Salia lachte auf und musste ihm zustimmen.

“Ich hoffe, das hat er nicht gehört”, sagte sie.

Nur ihm gewährte sie das Recht, ihre Awins auf so despektierliche und blasphemische Weise zu verunstalten. Jeden anderen würde sie auf ein Maß zurechtstutzen, das ihm ermöglichte, sich durch das Schlüsselloch zurückzuziehen, wenn er sich eine derartige Unverfrorenheit erlaubte.

Temya stürmte, zwei Stufen auf einmal überspringend, in den Flur. Durch diese Unterbrechung an die drängende Uhrzeit erinnert, musste Salia notgedrungen Tiamats Locke unverändert an ihrem Platz belassen, auch wenn ihr nicht ganz wohl dabei war.


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