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Fantasy Bücher
Buch Leseprobe Das Schwert im Stein, Daniel Daub
Daniel Daub

Das Schwert im Stein



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Es war eine stürmische Nacht, in der Merlins Geist in dieser Welt erwachte. Mit ungestümer Beharrlichkeit krachte in den Buchten des Mor Hafren die See gegen die schwarzen Felsen, während der Sturm seinem Höhepunkt entgegen strebte, sodass man hätte meinen können, das Jüngste Gericht stände bevor, wo die Spreu sich vom Weizen trennt.


Verschiedene Personen versicherten Merlin später unabhängig voneinander, dass die Schmerzensschreie seiner Mutter von dem höchsten Turmzimmer, wo sie gebar, bis hinunter in die Kellergewölbe unter der Küche zu hören gewesen seien. Alles in allem war es eine komplizierte Geburt und als das mit dunklen Fläumchen behaarte Köpfchen zwischen Gwendydds Schenkeln erschien, wollte es plötzlich nicht mehr weiter, und die Hebamme musste all ihre Künste aufbieten, um Frau und Kind das Leben zu retten. Als sie schließlich Speiseöl zur Hilfe nahm und Merlin so zu seiner ersten Rutschpartie verhalf, wurde schließlich alles gut und seine Mutter trug ihm auch nie die erduldeten Schmerzen nach.


Gwendydd gab von da an ihrem Sohn viel Liebe und Geduld, sodass er wild und übermütig heranwuchs und schnell seinen Weg machen wollte. Nie verhehlte sie ihm gegenüber, dass er ihr höchstes Gut auf Erden sei und bedachte ihn stets mit verliebt-traurigem Blick, wofür ihr Gemahl Tryffin sie oft tadelte und meinte, sie sei zu nachsichtig mit dem Bengel.


Bereits im zarten Alter von fünf Jahren stand für Merlin fest, dass er Seemann werden wollte, da sein Vater als Herrscher über das Volk der Demetae über eine nicht unwesentliche Flotte verfügte, die sogar dem großen Caesar zur Ehre gereicht hätte. Natürlich war Merlins Weg als zweitgeborener Sohn eines Edelmannes bereits in anderer Hinsicht vorgezeichnet, und als er einmal wagte seinem Vater in dieser Hinsicht zu widersprechen, musste er viele Hiebe und Schläge einstecken, dass sein Körper tagelang an allen möglichen Stellen blaue Flecken aufwies, obwohl Tryffin ihn mit Bedacht schlug.


Die Festungsstadt Caer Maridunum in der Merlin aufwuchs, war eine Ansammlung von Weilern mit primitiven Hütten, die aus mit Lehm beworfenem Flechtwerk und Binsen gedeckten Dächern bestanden. Karge Heide und Ackerland zeichneten das Bild der Landschaft, die in terrassenförmigen Abstufungen bis zur Küste hinab fiel, wo das Meerwasser von einer Unzahl schmaler und dunkler Buchten aufgefangen wurde. Nahezu das ganze Jahr fanden dort die Füße nur feuchte Wiesen mit faulendem Gras, aus denen ständig blinde Wasserpfützen hervorstachen. Ansonsten erblickte das Auge allerlei Bäume mit mürbem Geäst und im Sommer eine Vielzahl an strohgelben Wildblumen, denen die Kraft der Sonne fehlte.


Die Feste von Merlins Vater war ein kaltdrohender Steinklotz auf einer Erhebung, die von einem aus rohen Eichenbalken gezimmerten Palisadenzaun umschlossen war, worum sich ein stinkender, feuchter Graben zog. Erreichte die Demetae die Nachricht, dass irische Plünderer angelandet waren und landeinwärts zogen, flüchtete alles Volk in den Wall. Es waren gefährliche Zeiten, voller Querelen und Wirrnisse. Wenn man mit den Iren nicht Handel trieb, führte man Krieg gegen sie. Nie wusste man, ob der Mann, der einem die Hand schüttelte, nicht doch in der anderen unter dem Umhang ein Messer verbarg.


Im staubigen Licht, das durch die mit Ölhäuten verhangenen Fenster, in die mit Stroh ausgelegte Halle fiel, tat Merlin die ersten Stolperschritte. Gwendydd umhüllte ihn mit einer Liebe und Fürsorge, die selbst für eine Mutter ungewöhnlich war. Obwohl gerade Kinder das Außergewöhnliche oft nicht wahrnehmen, spürte Merlin dies jedoch schon recht früh. Sie war anmutig in jeder Hinsicht, und ihrem Gesicht wohnte etwas inne, das über bloße Schönheit hinausging.


Ihr Gemahl Tryffin dagegen war ein stets finster dreinblickender Mann, wortkarg, mit buschigen Augenbrauen und breitem Gesicht. Als Herrscher besaß er durchaus einen Sinn für Ordnung und Gerechtigkeit und war stolz auf seinen Besitz sowie die starken Krieger, die er befahl. Er gehörte zu jener Sorte Edelmänner, die dicht beim Volke standen und sah sich im Grunde mehr als einer von ihnen. Aufgrund dieser löblichen Ansicht durchlief Merlin ab dem fünften Lebensjahr, neben der Ausbildung an der Waffe, eine Unterweisung in allen möglichen Tätigkeiten. Dazu gehörte Ziegen hüten bei Wind und Wetter an den kargen Hängen jenseits der Wälle, genauso wie die Betätigung als Küchenhilfe. Ställe ausmisten stand ebenfalls ganz oben auf der Liste, neben Aushilfsarbeiten in der Schmiede. Von früh bis spät musste Merlin den Blasebalg drücken und die Lohe in Gang halten, bis er Schwielen an die Hände bekam. Dabei unterstellte er dem Schmied Baram eine gewisse Schadenfreude, als er am dritten Tag vor Schmerzen heulte, da sich die Blasen an seinen Händen zu entzünden begannen, was jedoch nicht zur Einstellung seines Dienstes führte. Tryffin war unerbittlich und vertrat die Ansicht, dass es für einen künftigen Edelmann unerlässlich sei, den Boden zu kennen auf dem er einhergehe, bevor er sich dem Firmament zuwende, an dem sich noch niemand gestoßen habe.


Obgleich Merlin von Natur aus kein aufsässiges Wesen besaß, zogen ihn mit zunehmendem Alter seine Neigungen mit solcher Übermacht auf andere Pfade, dass man nicht mehr von Eigenwillen reden konnte. Schon früh war er getrieben zu wandern und von einer Art Abenteuerlust gepackt, die ihn mit Macht von Caer Maridunum forttrieb. Es zog ihn hinaus ans Meer auf die Felsgrate, wo er gewagte Kletterpartien unternahm oder er schwamm in den eiskalten Flüssen, um danach nackt über die taubenetzten Lichtungen zu rennen. Ungezählte Tage verbrachte er in einer kleinen, geheimen Bucht, wo er an dem felsenübersäten Kiesstrand kleine Holzboote bastelte und diese mit der Flut hinausschickte. Dabei glitt sein Geist auf zeitlosen Wogen dahin.


Mit neun Jahren sah er das erste Mal, wie ein betrunkener Mann mit einer Frau schlief. Merlin war gerade im Begriff auf einen der Heuboden im Caer zu klettern, um sich vom Wohlbefinden eines Wurfs kleiner Katzen zu überzeugen. Als er die verräterischen Geräusche hörte, ohne recht zu wissen was da vor sich ging, wollte er der Sache natürlich mit kindlicher Naivität auf den Grund gehen. Wie vom Donner gerührt, sah er seinen Vater auf der Küchenmagd. Merlin wollte weglaufen, doch seine Beine versagten ihm den Dienst. Tryffin machte eine unwirsche Handbewegung in seine Richtung, als wollte er nach dem Jungen schlagen, ohne von seiner Verrichtung inne zu halten. Dabei stieß er unartikulierte Flüche aus, da er offensichtlich betrunken war, wie an dem unsteten Blick zu erkennen.


Merlin riss sich von dem Anblick los und rutschte mehr die Leiter des Heubodens hinab, als dass er sie hinunter stieg. Unten angekommen, stieß er einen Schwall Galle aus und lief davon. Nie erzählte er jemanden von dem, was er gesehen hatte.


Meist nahm er solche Konflikte zum Anlass in den kühlen, grünen Tiefen des Waldes zwei Täler weiter unterzutauchen. Er lief fort, vergaß die Zeit und blieb mehrere Tage lang verschwunden, dass seine Mutter vor Angst und Kummer fast verging. Währenddessen lebte er von Nichts, lediglich Beeren und wilde Kresse stillten seinen Hunger, sofern er zu essen nicht völlig vergaß. Stattdessen erkannte er im Wald die Verbundenheit von Tier und Pflanze und dass auch im Alleinsein Freude liegen kann. An solchen Tagen baute er innige Verhältnisse zu Rehen, Wildschweinen und Hasen auf, dass es Merlin oft selbst wunderte wie zutraulich sie waren. Einmal stand in einem dunklen Hain ein Hirsch dicht vor ihm, und sie starrten einander für einen Moment in die Augen, der sich zu Unendlichkeiten dehnte. Merlin kam es vor, als habe sich der gehörnte Waldgott Cernunnos in dem Tier verkörpert.


Der Wald zog ihn immer stärker an, was ihm jedoch die Missachtung und das Unverständnis seines Umfeldes verschaffte. Dennoch machte er in der Folgezeit öfter die Bekanntschaft von seltsam geschlechtslos aussehenden Spielkameraden, die anscheinend in Hügeln oder an sonstigen verschwiegenen Plätzen wohnten und manchmal komisch und schalkhaft, manchmal aber auch rüde und grausam zu ihm waren. Jedoch je älter Merlin wurde, je mehr sich sein Verstand ausbildete und die Zeit seine Erinnerung verwischte, desto eher glaubte er in ihnen das Resultat kindlicher Fantasien zu erkennen.


Nach solchen Zeiten des längeren Ausbleibens stellte sich für Merlin immer wieder das Problem, Tryffin aus dem Weg zu gehen. Manchmal griff man ihn im Wald auf und brachte ihn vor Tryffins Thron, daraufhin maßregelte er den Knaben und sperrte ihn tagelang in ein Zimmer. Wegen der Schläge hatte Merlin nie geweint, aber wegen des Eingesperrtseins.        


Dagegen verliefen die Nachmittage bei seinem Lehrer Blaise recht unverkrampft, was vielleicht Merlins schneller Auffassungsgabe und Merkfähigkeit zuzuschreiben war. Sein Wissensdurst war nur schwer zu stillen, und er lernte leicht. Blaise war ein gelehrter Mönch aus dem Kloster Llangynfelyn, dessen Schutzherr und Gönner Tryffin war. Er war ein Mensch, dem die Tugenden so zu Eigen waren, dass man sie gar nicht an ihm bemerkte. Seine dezente Art war gekreuzt mit einem geweckten Geist und scharfen Verstand. Trotzdem war er weit davon entfernt, seine trefflichen Eigenschaften hervorzuheben. Man konnte meinen, sie waren ihm gar nicht bewusst. Solche Menschen mochte Merlin, zu solchen zog es ihn hin, und nicht zu den Tugendbolden, die andauernd erstaunt waren über ihre hohen Fähigkeiten und ihre Vorbildlichkeit, für die sie jeder bestaunen muss.


Im Grunde war es eine schöne Kindheit. Das Land Dyfed blieb lange von den Wirren der Welt unberührt und gab es irgendwo einen Mangel, so spürte Merlin nichts davon. Doch in seinem zwölftem Lebensjahr kam zum ersten Mal der Awen über ihn.


Es war kurz vor Samhain, der Nacht der Toten, wo der Schleier zur Anderswelt dünn ist. Sein Lehrer Blaise verstand sich sehr auf die Kräuterkunde und gab Merlin an jenem Tag Unterweisungen über die Heilkräuter von Diancecht. Er half ihm ein Kräuterkästchen aus Weidenholz herzustellen, erläuterte eingehend die Wirkungsweisen von Mistel und Helmkraut, beleuchtete die Besonderheiten von Kreuzdorn und Schafgarbe und dozierte über die Gefahren und den Nutzen des Fingerhuts, darüber hatten sie wohl die Zeit vergessen.


Die Dunkelheit hatte sich bereits herab gesenkt, als sie den Forst verließen. Dicker, schmieriger Nebel wogte in wallenden Dunstschwaden, abgründig und erhaben zugleich, über dem Erdboden. Sie näherten sich dem Weg zu den Befestigungswällen, achtsam bewegten sie sich durchs Dunkel, um nicht irgendwo fehlzutreten, dabei überquerten sie auf einer gut erhaltenen Steinbrücke den Tywy, der gemächlich durch sein tiefes Bett strömte, vorbei an Sumpf- und Wasserwiesen, um sich wenig später ins Meer zu ergießen.


Ein Stück weiter befand sich eine offene Lichtung, wo Tryffin auf einer natürlichen Erhebung, bereits im dritten Anlauf, einen Wachturm zu errichten gedachte. Zweimal war es geschehen, immer nachts: Die Bewohner des naheliegenden Weilers hörten ein schreckliches Getöse, und als die Menschen herbeieilten, sah man nur noch die eingestürzten Grundmauern, auf den soliden Fundamenten, die in den Tiefen der Grube versunken waren. Blaise meinte, das käme daher, da das Fundament auf einem Wasserloch stünde, in welches das Flusswasser einfließe. Doch Tryffin war ein beharrlicher Mann, manche würden sagen stur. Behauptete einer der Baumeister, es sei unmöglich, dann bestärkten sie ihn noch darin, es immer wieder zu versuchen.


Sie folgten einer Weile dem ausgetretenen Pfad, als Merlin meinte, er gewahre etwas in den Nebelschwaden, die sich mit einem Mal um ihn herum wälzten, bis sich aus ihnen monströse Leiber bildeten, die unablässig formten und wuchsen, sich trennten, verdorrten und miteinander verschmolzen. Er glaubte Äonen stechende Augen, missgebildete Körperteile, klumpfüßige Stummel, von Geschwüren zerfressene Gesichter und obszöne Gliedmaßen in dem Dunst zu bemerken.


Von weit her vernahm er Blaise Stimme: „Merlin! Merlin! Was fehlt dir?! Was hast du?"


Merlins Körper gehorchte nicht mehr seinen Befehlen, die Beine zitterten wie Espenlaub und knickten weg. Daraufhin begann er zu straucheln und fiel unsanft auf die Knie. Die Sicht des Jungen war gänzlich verzerrt, während seine Schläfen zum Zerbersten pochten. Ohne Verstand und Willen starrte Merlin gebannt in die wogenden Nebelzungen.


Es waren zwei Körper, die sich dort abzeichneten. Der eine weiß, der andere rot. Grausig waren sie anzusehen. Klumpfüßig und aufgedunsen. Mit messerscharfen, hakenförmigen Krallen, sabbernden Mäulern, kantigen Schuppen und lodernden Nüstern starrten sich die beiden Drachen durch bernsteinfarbene Augen an. Dann begann der furchtbare Kampf, ein höllisches Gemetzel, grausam und schnell. Die Krallen drangen tief ins Fleisch, Hautfetzen flogen umher und dickflüssiges Blut spritzte in alle Richtungen. Zuerst schien es, als müsste der rote Drache unterliegen, aber zuletzt gewann er die Überhand und siegte.


Der Weiße lag schrecklich entstellt neben dem Flusslauf am Boden, und das war das Letzte, an was Merlin sich erinnern konnte, bevor tiefste Nacht um ihn herum wurde.


Als er wieder zu sich kam, lag er steif auf dem Rücken, hingeworfen wie ein alter Baum von der Übermacht des Sturms. Blaise kniete über ihm.


„Großer Gott, Merlin. Wie geht es dir? Kannst du aufstehen?"


„Hast du sie auch gesehen?", krächzte Merlin. Seine Stimme klang wie trockenes Laub, das man ins Feuer wirft.


„Wen gesehen?"


Er machte eine vage Handbewegung Richtung Fluss. „Na, dort ..."


Der Mönch blickte auf und wieder zurück. „Was?"


„Der Fluss ... die Drachen ..."


„Was hast du gesehen?" Auf das Gesicht des Mönches trat nun echte Besorgnis.


„Der rote Drache hat den weißen besiegt."


Blaise legte die Stirn graus. „Erkläre dich genauer, Junge."


Merlin berichtete ihm erschöpfend von seiner Vision. Alles was Blaise anschließend tat, war ihm auf die Füße zu helfen. Den Rest des Heimwegs war er ganz in sich gekehrt, während ein gequälter Ausdruck seine Miene zeichnete. Er ging wenige Schritte voraus, und Merlin torkelte ihm nach.


Wenige Tage nach dieser merkwürdigen Begebenheit erreichte Caer Maridunum aus dem rauen Hochland von Gwynedd die Kunde vom Tode Vortigerns, dem Hochkönig Britanniens.


Seit das Römische Reich seine Stützpunkte südlich des Antoniuswalls aufgegeben hatte, waren die Folgen für das Land verheerend. Vor Merlins Geburt hatte der große Feldherr Macsen Vledig die einfallenden Sachsen- und Piktenstämme immer wieder in erbitterten Kämpfen von den Küsten Britanniens zurückgeschlagen, doch irgendwann erkannten die Römer, dass Britannien unmöglich zu verteidigen war. Macsen verließ eines Tages die Insel mit seinen Legionen, um den Mord an seinem alten Oberbefehlshaber aus Rom zu rächen. Er kehrte nie wieder, und man erzählt, dass Theodosius ihn gefangen nahm und vor den Senat stellte, als er auf Rom marschierte. Danach richtete man ihn öffentlich im Flavischen Amphitheater hin.


Nach dem Truppenrückzug verfiel Britannien in Zwist und Streitigkeiten wie nie, und dadurch kam es zu Barbareneinfällen in Ost und West. Die Straßennetze der römischen Besatzer überwucherten und die Kastelle und Wachtürme verfielen. Jahrzehnte vergingen. Ein Emporkömmling namens Vortigern kam an die Macht und hatte es nie geschafft eine große, britische Armee unter seinem Banner auf die Beine zu stellen. Was nicht zuletzt auf seinen schlechten Ruf zurückzuführen war, denn der Ruf eines Königs ist wie Glas, einmal beschädigt, ist er auf ewig ruiniert. Im Glauben den Frieden im Land zu sichern, ging Vortigern ein Abkommen mit dem mächtigen Sachsenführer Hengist ein. Anfangs warb er die Sachsen als Söldner an, um seine Streitkräfte in den nördlichen Gegenden im Kampf gegen die einfallenden Pikten zu verstärken. Er meinte den Frieden sichern zu können, indem er der Sachsenmeute Land überließ, machte ihnen verheerende Gebietszugeständnisse und gab ihnen einen Teil der Ostküste Britanniens. Im Gegenzug erhielt er Hengists Tochter Rowena zur Frau.


Hengist nutzte dies, um mehr und mehr seiner Landsleute ins Land zu schleusen, bis seine Streitmacht so mächtig war, dass er sich mehr aneignen konnte, als er besaß. Der Rat der Edelleute Britanniens verurteilte diesen Alleingang und zollte Vortigern keinen Tribut mehr. Das Land war nun formal ohne Hochkönig, der die Briten unter einem Banner scharte und stürzte in nie gekannten Zank und Streit.


Vortigern bestand weiterhin auf die Hochkönigswürde, schickte sich aber zur Flucht in die öden Gebirge des Yr Widdfa an, auf dem Berge Erith. Er verbarg sich in der Zitadelle Dinas Bran und erwartete, was die Zeit ihm brächte.


Während der ersten Generation nach dem Abzug der kaiserlichen Truppen konnten sich die römischen civitates auf der Insel einigermaßen behaupten. Ein damals lokaler Aristokrat namens Konstans schwang sich auf den Thron. Er war der erste christliche Hochkönig auf britischem Boden. Angeblich fand er durch einen Piktendolch sein Ende. Doch vieles deutete auf eine Meuchelei Vortigerns hin. Und da Vortigern ausreichend Mittel und Ehrgeiz besaß und zudem noch mit ein paar der reichen Fürsten aus dem Süden verschwägert war, ließ er sich noch im selben Jahr in der Kathedrale von Caer Lundein zum Hochkönig ausrufen. Somit blieb dem weniger wohlhabenden Norden nichts weiter übrig sich unterzuordnen.


Doch die Rechnung des Thronräubers Vortigern sollte dennoch nicht aufgehen.


Der gemeuchelte Konstans hatte sich vor seinem Tod eine junge Frau genommen. Ihr Leib hatte schon begonnen runder zu werden, die Frucht war am aufgehen und sollte es ein Sohn sein, würde dieser ein Anrecht auf den Thron besitzen. Vortigern wusste das sehr genau. Doch die junge Frau war klug, sie floh ins Exil nach Gallien, unter König Budecs Schutz, bevor der listige Vortigern sich um sie kümmern konnte.


Die Jahre vergingen unter Vortigerns Willkürherrschaft, die Erde drehte und drehte sich, der Regen fiel auf die Tugendhaften, genauso wie auf die Verworfenen. Konstans' Weib brachte Zwillinge zur Welt und gab ihnen die Namen Uther und Aurelius.


Diese Kinder wurden zu Männern und hoben auf dem Festland ein Heer aus, um für ihren Vater Blutzoll zu fordern und ihr Geburtsrecht einzulösen. Zudem sammelten sie Edelleute um sich, die sich gegen Vortigerns Willkürherrschaft aufzulehnen gedachten. Im Tal von Llangolan trafen die Heere aufeinander. Der Kampf war schnell und hart, die Brüder siegten, und Vortigern starb auf dem Schlachtfeld.


Uthers und Aurelius Feldzeichen zeigte einen roten Drachen, auf Vortigerns Banner war ein weißer zu sehen. Das alles hatte Merlin in seiner Vision erblickt, noch ehe die Schlacht geschlagen wurde.


Nicht, dass sich mit der Machtübernahme der Brüder etwas änderte in Britannien, die Welt blieb unruhig in jeder Hinsicht. Und so wuchs Merlin heran, bis zur Zeit der großen Finsternis, als die Schattenmächte der Verwirrung und Unordnung das Land zu überfluten begannen.


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