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Fantasy Bücher
Buch Leseprobe Das Ritual der Gleißenden Dämonen, Stefan Balzter
Stefan Balzter

Das Ritual der Gleißenden Dämonen



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Stefan Balzter


Das Ritual der Gleißenden Dämonen


Roman (Latos Verlag)


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Prolog


 


Das Wesen gelangte im selben Moment auf das Grundstück, als die letzten Reste einer ohnehin schmalen Mondsichel hinter schwarzen Wolkenwänden verschwanden. Mühelos hatte es den drei Meter hohen Drahtzaun erklommen und war in weitem Bogen in den parkähnlichen Vorgarten gesprungen, wo es jetzt in der Dunkelheit kauerte.


Sein Blick fiel auf das große graue Gebäude, aus dessen Glastüren fahles Neonlicht auf den Rasen fiel.


„Lasst das Spiel beginnen“, zischte es leise.


Mit wenigen schnellen Schritten legte es die letzten zwanzig Meter zurück und stand nun direkt vor der Betonwand. Über ihm signalisierte ein rotes Blinklicht die Bereitschaft der Alarmanlage.


Es richtete sich zu seiner vollen Größe auf und griff mit beiden Händen an die scheinbar ebenmäßige Wand. Seine Fingernägel krallten sich in einer kaum wahrnehmbaren Kerbe fest, und mit einem ohrenbetäubenden Krachen, das die gezirpten Liebeslieder der Grillen und Grashüpfer in dieser warmen Septembernacht donnernd durchbrach, riss es einen Steinblock aus der Mauer.


Dahinter kamen dicke Drahtbündel zum Vorschein, die eine Vielzahl von Kontakten miteinander verbanden.


Ohne einen Moment des Zögerns griff das Wesen zwischen die unzähligen Drähte und riss einige davon los, um sie an anderer Stelle neu zu verbinden.


„Vielen Dank“, ertönte eine blecherne Frauenstimme, „Sie haben die Zahlenkombination des Supervisors eingegeben. Bitte halten Sie Ihren Identifier Key neben das Bedienelement. Wenn Sie nicht der Supervisor sind, müssen Sie damit rechnen, mit Ihrem Verhalten die Polizei zu alarmieren und strafrechtlich verfolgt zu werden.“


Aus den Schatten seines weiten, umhangartigen Kleidungsstücks holte das Wesen ein kleines graues Kästchen hervor und legte einen daran angebrachten Schalter um. Ein leises, aber schmerzhaft hohes Summen erfüllte die Nacht.


„Das Funksignal des Identifier Keys wurde nicht korrekt erkannt. Bitte halten Sie Ihren Identifier Key neben das Bedienelement. Wenn Sie nicht der Supervisor sind ...“


Die Gestalt bewegte vorsichtig einen Schieberegler. Der Summton veränderte seine Frequenz.


„Das Funksignal des Identifier Keys wurde nicht korrekt erkannt. Bitte halten Sie Ihren Identifier Key---“


Wütend schlug das Wesen auf das Gerät ein.


„Vielen Dank. Ihre Bestellung eines vegetarischen Mittagessens in der Betriebskantine wurde aufgen---vielen Dank. Ihre Kündigung ist bei uns eingeg---vielen Dank. Tnakre tkerrok tchin edruw siik rejafitnedia sed langisknuf sad.“


Das rote Licht der Alarmanlage blinkte unverändert über ihm. Ruhig, wie in Zeitlupe, schaltete es sein Sendegerät wieder aus und entfernte sich einige Meter von dem Gebäude, bis es genau auf die Mitte zwischen den beiden großen Panzerglastüren sah.


Sein Blick ruhte auf dem armdicken Stahlriegel, der die Türen auf ganzer Breite sicherte.


Ein leises, gefährliches Geräusch entwand sich seinen Lungen, das man – hätte es nicht einen so bedrohlichen Beiklang gehabt – als Seufzen hätte verstehen mögen.


„Ich hasse Computer“, fauchte die Kreatur, bevor sie sich in einem katzenhaften Sprung gegen die Glastüren warf, die klirrend zerbarsten.


 


Hermann Reser hatte gerade den Mund geöffnet, um in einen Cheeseburger zu beißen, als der Summton ihn aus seinen Gedanken riss.


„Kannst du vielleicht auch mal danach schauen? Du siehst doch, dass ich grad am Essen bin“, schimpfte er über den Schreibtisch hinweg.


„Du hörst dich an wie meine Frau, wenn der Kleine plärrt“, entgegnete sein Kollege gleichmütig.


„Und bleibst du dann auch so auf deinem Hintern kleben wie jetzt?“


„Lass mich noch eben das hier über die Eintracht zu Ende lesen, dann guck ich.“


„Eine Bande von Halbidioten. Vergiss die einfach und such dir einen richtigen Verein, wenn du unbedingt irgendwen anhimmeln willst.“


„Nie und nimmer! Hast du nicht gehört, dass sie jetzt diesen mexikanischen Stürmer einkaufen wollen? Der wird sie alle nass machen ...“


„Erstens ist er Brasilianer und nicht Mexikaner. Zweitens hat er letztes Jahr einfach Glück gehabt und an einigen der besten Tormänner der Welt vorbei ins Netz geknallt. Der wird gnadenlos in der Versenkung verschwinden, sobald er das erste Mal gegen die Bayern spielen muss, weil er drittens keinen Schimmer von Technik hat.“


„Wird er nicht. Und stell endlich diesen nervigen Summer ab.“ „Wieso ich? Ich dachte, du wolltest nachschauen.“


Die Zeitung sank auf den Tisch, ein schmales, bartloses Gesicht Mitte zwanzig kam dahinter hervor.


„Hermann, du sitzt direkt vor dem Ding! Außerdem ist es eh ein Fehlalarm, sieh doch mal! Das kommt aus dem Museum. Wer soll denn da schon einbrechen? Da ist doch nichts zu holen!“


Reser sah sich um, wo auf einer großen, mit Leuchtdioden gespickten Tafel ein gelbes Blinklicht versuchte, seine Aufmerksamkeit zu erregen.


„Das ist wirklich seltsam“, murmelte er, während seine Finger geistesabwesend Löcher in die Kruste des Hamburgerbrötchens stachen. „Ich dachte, wir kriegen von dort immer gleich Meldung, wenn überhaupt jemand das Grundstück betritt. Und jetzt soll auf einmal einer im Gebäude sein.“


„Sag ich doch. Fehlalarm. Das hatten wir heute Nacht schon drei Mal. Immer fahren wir zu irgendwelchen leeren Büros, und nie ist ein Einbrecher da. Also schalt einfach aus und futter deine komische Frikadelle weiter.“


„Wir müssten ja zumindest mal hinfahren. Außerdem ist das keine Frikadelle, sondern ein Cheeseburger. Frikadellen enthalten Schweinehack, Burger sind aus Rind. Das ist Gesetz.“


„Schwein, Rind oder Kröte, jedenfalls wär's kalt, bis wir wiederkämen.“


„Hör mal, Achim“, brummte Reser, indem er sich erhob. „Erstens hab ich schon ein paar Dienstjährchen mehr auf dem Buckel als du, also zeig ein bisschen Respekt. Zweitens solltest du dich mit Gesetzen auskennen, wenn du ihre Einhaltung überwachen willst. Und drittens wird mein Burger nicht kalt, weil nämlich du fahren wirst, wenn wir jetzt gleich ins Auto steigen.“


„Du bist heute wirklich ungenießbar“, beschwerte sich Achim, faltete aber nichtsdestotrotz die Zeitung zusammen und stand gleichfalls auf. „Das ist halt so um drei Uhr morgens. Und jetzt Abmarsch.“


Die beiden schmalen Lichtkegel aus den Taschenlampen schienen vor der Finsternis zu kapitulieren. Langsam schritten die zwei Polizisten in Richtung des Zaunes.


„Ist ja richtig gruselig hier bei Nacht“, murrte Schüssler. „Gibt's hier keine Straßenlampen?“


„Die werden in dieser Gegend ab ein Uhr morgens ausgeschaltet. Gewerbegebiet, da ist ja nachts keiner.“


„Außer unserem Einbrecher.“


„Du sagst das, als wärst du immer noch von einem Fehlalarm überzeugt.“


„Und warum nicht? Das wäre der vierte heute Nacht. Und ein richtiger Bruch wäre der erste im ganzen Monat. Und dann noch ausgerechnet im Museum für Eschersbacher Regionalgeschichte. So ziemlich das Ödeste, was man sich aussuchen kann.“


„Der Zaun scheint jedenfalls noch in Ordnung zu sein. Wenn jemand hier durchkommt, müssten wir sofort Bescheid kriegen. Im Garten sind überall Temperaturfühler, die registrieren die Körperwärme. Und hinter dem Zaun gibt es Lichtschranken, da müsste man schon vier Meter weit springen können, um die auszutricksen.“


„Warum ist dieses langweilige Mistding eigentlich so gut abgesichert? Heimliche Atomversuche?“


Reser zuckte die Achseln. „Keine Ahnung. Wahrscheinlich wieder so ein Prestigeprojekt der Stadtoberen, für das unsere Steuergelder draufgehen. Haben halt nix Besseres zu tun. Und jetzt geben wir besser mal Ruhe, vielleicht ist da ja doch was.“


„Gewerbegebiet ist ein lustiges Wort, findest du nicht? Sag das mal ganz schnell hintereinander: Gewerbegebietgewerbege- bietgewerbegebiet ... oder noch besser in der Mehrzahl: Gewer- begebietegewerbegebietegewerbegebiete ...“


„Achim?“


„Ja?“


„Halt den Mund.“


Reser zog den Schlüsselbund aus der Tasche, den er auf der Polizeiwache eingesteckt hatte, und öffnete das Tor in dem hohen Drahtzaun, um das Grundstück des Museums zu betreten. Schweigend liefen die beiden den gepflasterten Weg zum Hauptgebäude entlang, bis sie zeitgleich erstarrten.


„Scheiße.“


Die in Scherben liegende Eingangstür wurde von den zwei Taschenlampen angeleuchtet – sinnlos, denn die Neonröhren im Inneren überstrahlten deren Licht bei weitem.


„Wir müssen da rein, oder?“, fragte Achim. „Verdammt, das sieht aus, als hätten die hier eine Bombe reingeschmissen. War das nicht sogar gehärtetes Glas oder so was?“


Sein Kollege nickte stumm. Beide blickten gebannt auf den Scherbenhaufen.


Dann gelang es Reser irgendwie, auf Routine umzuschalten.


„Du gehst zum Auto und forderst Verstärkung an“, befahl er, „ich halte hier die Stellung und rühre mich nicht vom Fleck. Wenn die Kollegen da sind, gehen wir rein. Alles klar?“


„Alles klar.“ Achim lief sofort zurück zum Streifenwagen, der gerade noch in Sichtweite stand.


 


Als Reser allein war, bemerkte er die Bewegung. Groß, dunkel – vielleicht ein Tier, das durch den offenen Eingang die Wärme des Innenraums gesucht hatte.


Resers Dienstpistole lag schwer in seiner Hand. Er hatte sie seit über einem Jahr nicht gebraucht und nur am Schießstand gezogen. Irgendwie fühlte sie sich dort anders an. Leichter. Und nicht so kalt.


Er hob den Arm und zielte auf den Schatten, der sich jetzt hinter einer Madonnenskulptur in der Eingangshalle verbarg. Vielleicht ein Tier – aber wenn nicht ...


„Kommen Sie mit erhobenen Händen heraus, dann geschieht Ihnen nichts“, rief er. „Sie sind verhaftet.“ Er hielt die Pistole fast ohne Zittern auf den Schatten gerichtet, der sich jetzt aufrichtete und sein Versteck verließ, um sich wortlos dem Polizisten zu nähern. Klobige Armeestiefel knirschten durch die am Boden verstreuten Glasscherben.


Es war ein Mensch! Mein Gott, wie konnte ein Mensch so sehr wie ein Raubtier wirken? Aber jetzt sah man es ganz deutlich. Die Gestalt, die ihm entgegenkam, war unter einem weiten, umhangartigen Mantel verschwunden, dessen Kapuze ihre Gesichtspartie gänzlich bedeckte.


„Bleiben Sie stehen und nehmen Sie die Hände hoch“, bellte Reser in Richtung des weiten Mantels. Ein unbenutzter Bereich seines Unterbewusstseins stellte verwirrt fest, dass er die Farbe dieses Kleidungsstücks überhaupt nicht beschreiben könnte, wenn es später um seine Zeugenaussage ginge. Irgendetwas zwischen grau, braun und dunkelgrün, aber ein wenig blau schien auch dabei zu sein, und irgendwie wirkte er durchsichtig. Nein, durchsichtig war das falsche Wort – es war eher so, dass er den Blick an sich vorbei zu lenken schien.


„Bleiben Sie stehen, oder ich muss schießen“, wiederholte er laut. „Was haben Sie hier angestellt, Mann?“


„Ich“, zischte es unter dem Mantel, „habe nur mal die Alarmanlage ausprobiert. Sie funktioniert.“


„Sie halten sich wohl für sehr witzig“, rief Reser. Der Kerl blieb doch immer noch nicht stehen! Reser richtete seine Heckler & Koch P30 nach oben und drückte den Abzug. Ein scharfer Knall durchschnitt die Luft.


Immer noch kam die Gestalt langsam auf ihn zu.


Diesmal zielte er richtig.


Und drückte ab. Einmal, und noch einmal, immer wieder, und im nächsten Moment lag Hermann Reser auf dem Boden, die Gestalt hockte auf seinem Brustkorb, und Reser schrie und schoss, und dann schrie er nicht mehr, und der Mantel mitsamt seinem Träger war in der Dunkelheit verschwunden.


Achim Schüssler hatte all das vom Wagen aus mit angesehen. Erst jetzt erwachte er aus seiner Lähmung, rannte zu seinem Kollegen, rief dessen Namen, sah die Verletzung aus nächster Nähe und konnte sich gerade noch abwenden, bevor er auf die Knie fiel und die vier Tassen Kaffee erbrach, mit denen er den Nachtdienst hatte überstehen wollen.


 


Erster Teil


 


 


This ain't no technological breakdown,


Oh no, This is the road to hell.


– Chris Rea, „The Road To Hell“


 


1.


 


Aus den Nebeln der Zeit dringt eine Legende zu uns.


Eine Legende von Blut. Von Macht und von Tod.


Sie streckt ihre Krallen aus dem Sumpf der Jahrhunderte. Kratzt des Nachts an unserer Haustür, unseren Fenstern, unserer Zuflucht. Wir hatten geglaubt, wir seien sicher.


Wir hatten sie ins Reich des Aberglaubens verbannt.


Aber es gibt Dinge, die nicht sterben können. Auch wenn die Zeit starb, da man an sie glaubte.


Das Böse schert nicht, ob wir an es glauben. Es existiert. Das ist ihm genug.


Und wenn es Nacht wird, wenn die sterbende Sonne ihre letzten schwachen roten Strahlen wie einen Hilferuf über den Himmel sendet und schließlich im Dunst versunken ist, erwacht es zum Leben.


Wir können die Nacht ausleuchten. Nicht jedoch die Nächtlichen.


Wir können die Dunkelheit verjagen. Nicht jedoch die Finsternis.


Wir können den schwarzen Himmel weiß erhellen. Nicht jedoch können wir die Schwärze jener Wesenheiten lichten, die in der Stille auf uns lauern.


Nein, wir können aus der Nacht nicht den sicheren Tag machen.




Der gesichtslose Schwarze Mann wartet auf uns, und er ist entschlossen, uns zu töten.


Die Legende singt leise in der fernen Dunkelheit. Klagelieder, die sich im Traum in unsere Ohren schleichen und uns Angst machen. Angst vor dem Draußen. Angst vor dem, das wir mit all unserer Technik und Rationalität nicht verbannen konnten, nicht aus unserer Welt, nicht aus uns selbst.


Die Legende singt von spitzen Fängen, die sich in Schlagadern bohren. Von Blut. Von Macht und von Tod.




Und schlimmer noch, der Abwesenheit von Tod.


 


Fritjof Hußmann war Mitte vierzig, hatte kreisrunde Brillengläser und einen Kugelbauch. Die Falten in seinem Gesicht umspielten mehrheitlich die Mundwinkel, nur einige wenige hatten den Weg bis auf seine Stirn gefunden. Er war, mit anderen Worten, einer von der gemütlichen Sorte.


Umso beunruhigender war es, diesen sonst so häufig lächelnden Mund plötzlich unheilvoll schnaufen zu hören.


„Lea“, schnaufte er.


„Ja, Herr Hußmann?“, erwiderte sie leise. Zugegeben, Hußmann war leicht außer Puste zu bringen, es war sein Glück, dass Gott ihn zu einem Deutschlehrer gemacht hatte und nicht etwa zu einem für Sport – aber dieses Geschnaufe bloß wegen eines Aufsatzes? Ihres Aufsatzes?


„Was machen wir mit dir, Lea?“


Klang nicht gut. Lea blieb regungslos und mit erstarrter Miene sitzen, entschlossen, alles durchzuhalten, was sich hier ankündigte.


„Lea, ich will ehrlich sein.“


Mach es kurz, dachte sie, was immer es ist.


„Dein Stil ist wunderbar. Wirklich, nichts auszusetzen. Na schön, ich würde vielleicht nicht ganz so viele Punkte setzen: Von Blut. Punkt. Von Macht und von Tod. Punkt. Ja, ein bisschen viel vielleicht. Und der Ausdruck 'ob wir an es glauben' ist ein wenig unglücklich, es müsste zumindest heißen: ob wir daran glauben. Aber dann wird der Satz wieder uneindeutig, möglicherweise müsste man ihn komplett umformulieren. Wie dem auch sei, das sind alles Kleinigkeiten.“


„Und was ist keine Kleinigkeit, Herr Hußmann?“


„Keine Kleinigkeit, Lea“, fuhr er fort, „ist die Tatsache, dass, mit Verlaub, das Thema dieses Aufsatzes lauten sollte: Urlaubserinnerungen. Urlaubserinnerungen, Lea.“


„Ich weiß.“ Langsam wurde sie missmutig. Und trotzig.


„Und du und deine Familie, ihr habt also den Urlaub unter nächtlichen Monstern und in unerhellbarer Finsternis verbracht? War das ein angenehmer Ausflug?“ Die Klasse lachte kurz, niemand hatte gewusst, dass Hußmann sarkastisch werden konnte.


Lea sagte nichts. Was sollte sie auch sagen? Dass sie in den Sommerferien gar nicht im Urlaub gewesen war, weil ihr Vater geschäftlich so viel zu tun hatte und ihre Eltern ihr nicht erlaubten, ohne sie zu verreisen – mal abgesehen davon, dass das Geld wie immer knapp war? Dass sie stattdessen jeden Tag frustriert auf ihrem Bett gelegen und sich ausgemalt hatte, wie die anderen alle an sonnenbeschienenen Stränden lümmelten? Dass sie jeden Abend sehnsüchtig darauf gewartet hatte, dass in diesem tristen Städtchen endlich mal etwas passierte? Und dass sie dann wieder angefangen hatte, sich vorzustellen, wie es wäre, wenn jetzt eines ihrer Lieblingsgeschöpfe vor dem Fenster auftauchen würde, ein Lestat, ein Dracula, ein großgewachsenes, atemberaubend schönes Ungeheuer, das sie in den Arm nehmen und mit ihr davonfliegen würde, sie entführen auf ein fernes Schloss in Frankreich (oder Transsilvanien), sie gefangenhalten, während ihre Familie sie verzweifelt in der ganzen Welt suchte, aber ihre Eltern würden zu spät kommen, er würde sie nach Monaten der Gefangenschaft in einem fünfzig Meter hohen Turm schließlich zu einer der Seinen machen, zu einem Vampir, einem Blutsauger, und sie würde sanft die beiden kleinen Bisswunden befühlen und ihrem Lestat (oder Dracula) ewige Treue schwören, und er würde sie mit seinem flammenden, leidenschaftlichen Blick fixieren, ja, seine Augen würden lodern, und er würde auf Französisch (oder Rumänisch) erwidern: Ewig ist ein großes Wort für unsere Art, meine Liebste ...


Na schön, Urlaubserinnerungen waren das nicht unbedingt. Im Grunde hatte Hußmann ja recht. Also tat Lea das Nächstliegende: Sie widersprach!


„Ich habe mich an das erinnert, was mich in der Urlaubszeit beschäftigte, Herr Hußmann. Wie würden Sie den Begriff 'Urlaubserinnerungen' definieren?“


Hußmann sah sie mit unverhohlener Abneigung an. „Ich weiß, dass du in dem Ruf stehst, nicht auf den Kopf gefallen zu sein, Lea“, schnaubte er. „Die Kollegen erzählen sich einige Geschichten über dich und deine Neigung, den zweifellos vorhandenen Grips vornehmlich für schlagfertige Bemerkungen einzusetzen. Ich muss dich allerdings warnen. Das ist nicht die Art, wie man erfolgreich durch die Schulzeit kommt. Besonders nicht in meinem Unterricht.“


„Tut mir leid“, murrte sie und starrte entnervt zur Decke, einer Sechziger-Jahre-Decke in einem Sechziger-Jahre-Schulgebäude, mit lauter kleinen Löchern drin und Neonlampen dran, kaltes und ekliges Licht.


„Dabei wollte ich euch mit diesem Thema eine Freude machen, so kurz nach den Sommerferien. Aber ich fürchte, ich muss dir eine Fünf geben, Lea. Du hast das Thema – na ja, verfehlt ist nicht ganz der richtige Ausdruck, ich möchte eher sagen: völlig ignoriert. Und das nicht zum ersten Mal.“


Eine Pause entstand, einige Sekunden einer todesgleichen Stille, in der man das Abnehmen des Mondes hätte hören können.


„Wer liest als Nächstes seinen Aufsatz vor? Bülent?“


 


2.


 


Leas tiefschwarze Locken flatterten hektisch im Wind, als ob jedes einzelne ihrer Haare vor Wut zitterte. Sie legte eine Schrittlänge vor, bei der Lucy Schwierigkeiten hatte, auf den hundert Metern vom Klassenraum zur Aula mit ihr gleichzuziehen.


„Eine Fünf“, kommentierte Lucy, „das hätt's nicht gebraucht. Seine ätzende Schimpftirade hätte schon gereicht.“


Lea schwieg.


„Dabei fand ich's gar nicht mal so unspannend, was du geschrieben hast.“


Immer noch erhielt Lucy keine Antwort.


„Vielleicht, wenn du die Vampire weggelassen und stattdessen eine Gang von Tierschützern erfunden hättest, die in Versuchslabors eindringen und deshalb von der Polizei gesucht werden---“


Lea blieb ruckartig stehen und sah Lucy ins Gesicht. Die beiden hätten äußerlich kaum verschiedener sein können: Lucy, klein, blond, kurzhaarig – nur eine einzige lange Strähne wippte im Laufen vor ihrer Stirn – kleidete sich mit Vorliebe in verschlissenes schwarzes Leder, liebte Nietenarmbänder, löchrige enge Tops und massenweise Kajal. In ihrer Freizeit umgab sie sich gerne mit den wenigen Eschersbacher Punks oder anderen, noch zweifelhafteren Gestalten, die gerüchteweise aus Frankfurt kamen, schwarze Kapuzenpullis mit durchgestrichenen Hakenkreuzen trugen und angeblich sogar kifften.


Dagegen, musste sich Lea eingestehen, wirkte sie selbst recht brav, um nicht zu sagen fast ein wenig langweilig: ungeschminkt und sommersprossig, mit fast hüftlangen, leicht ge- wellten Haaren, Jeans und T-Shirt. Und keinerlei schillernden Bekannten um sich herum. Von außen betrachtet hätte man kaum darauf kommen können, dass die beiden beste Freundinnen waren. Wer sie jedoch eine Weile beobachtete, musste zwangsläufig eine gemeinsame Wellenlänge zwischen ihnen bemerken, eine Verbindung, die tiefer ging als ihr ungleiches Äußeres.


Was allerdings kleinere Meinungsverschiedenheiten nicht ausschloss.


„Du hast in letzter Zeit nur noch deine blöden Tiere im Kopf“, rief Lea.


„Immerhin hätte man dann behaupten können, dass es eine echte Ferien-Erinnerung ist! Du immer mit deinen Vampiren. Komm mal in die Wirklichkeit!“


Du verstehst überhaupt nichts!“ Lea wollte nicht schreien, aber irgendwie kam außer Schreien nichts mehr aus ihr heraus.


Lucy verließ sie ohne ein weiteres Wort, und Lea ließ die Schultern hängen. Innerhalb von zehn Minuten die erste Fünf in Deutsch und die beste Freundin vergrault. Und alles nur, weil sie einen sterbenslangweiligen Sommer hinter sich hatte. Selbst die wenigen ihrer Klassenkameraden, denen es finanziell ähnlich ging wie ihr, waren unterm Strich besser dran, denn sie hatten wenigstens Geschwister, Cousins oder Cousinen, mit denen man sich diese dehnbarsten Wochen des Jahres ein wenig verkürzen konnte. Lea hatte weder das eine noch das andere. Sie war die Steigerung eines Einzelkindes. Sie hatte, so schien es ihr, in allen Bereichen die Niete gezogen.


Rein statistisch, dachte sie, wäre jetzt mindestens ein Lottogewinn dran. Um die kosmische Bilanz zwischen Glück und Unglück wieder auszugleichen.


Man weiß im Grunde nicht viel über das Leben. Zwar behaupten Biologen, Mediziner oder Philosophen gerne etwas anderes, aber das ist schließlich auch ihr Job. Denn wenn sie zugeben müssten, dass man nicht viel über das Leben weiß – und das nach Jahrzehnten oder Jahrhunderten, in denen sich viele schlaue Vertreter ihres Fachs viele schlaue Gedanken zum Thema gemacht hatten – würde das kein sehr gutes Licht auf ihre Wissenschaften werfen. Erst wenn man alle Wissenschaft hinter sich lässt und sich Fragen stellt wie: Warum landet das Brot im- mer auf der Butterseite? Wieso dauern zehn Minuten Hausaufgaben länger als eine Stunde Chatten im Internet? Und welcher unsichtbare Schatten verursacht all die kleinen Geräusche im Haus, die man tagsüber nie hört, nur nachts, und die einen vor Angst den Schlaf kosten können? – Erst dann erkennt man, dass man im Grunde nicht viel über das Leben weiß.


Zu den wenigen Dingen jedoch, die der Menschheit schon seit Jahrtausenden über das Leben als solches bekannt sind, gehört die Erkenntnis, dass es sich einen Dreck um die kosmische Bilanz zwischen Glück und Unglück schert.


„Das darf nicht wahr sein. Das glaub ich einfach nicht. Das ist doch eine zum Himmel stinkende, abgefeimte, widerliche, ekelerregende, hässliche Sauerei!“ Leas Blick fuhr wieder und wieder suchend die Liste mit den fünfundzwanzig Namen ab, die als Teilnehmer des Computerkurses am Schwarzen Brett des Eschersbacher Turnvater-Jahn-Gymnasiums hingen. Theo. Kevin. Siegmund. Dani. Yves. Marlon. Noch ein Kevin. Nikita. Yasmin. Beren. Griselda. Noch ein Kevin …


Keine Lea.


Nun wäre es für andere Schüler eine Nebensache gewesen, ob sie ein bestimmtes Fach belegt hatten oder eben ein anderes. Nicht so für Lea. In ihrem Leben gab es zwei große Leidenschaften: Die eine war der noble Blutsauger, von dem entführt zu werden sie diesen Sommer nicht zum ersten Mal getagträumt hatte.


Die andere war der Computer.


Vielleicht hatte es etwas damit zu tun, dass ihr Vater damit sein – na ja, also auch ihr – Geld verdiente: Er schrieb Programme und verkaufte sie. Nicht irgendwelche Programme, sondern das, was er für den zukunftsträchtigsten Zweig hielt: Steuerungssoftware für Haushaltsgeräte. Ein Kühlschrank, der jedes Ei und jedes Stück Fleisch beim Hineinlegen automatisch abscannte und sich beschwerte, wenn etwas schlecht zu werden drohte oder bald ausging. Eine Alarmanlage, die jeden Besucher oder Einbrecher schon an der Grundstücksgrenze erfasste und den Hausbesitzern oder der Polizei meldete. Eine multimediale Tasse mit Temperaturfühler, die den Trinkenden warnte, wenn der Kaffee noch zu heiß war. Ein elektronisches Türschild, das automatisch „Konferenz!“ anzeigte, wenn drinnen mehr als zehn multimediale Tassen mit heißen Getränken auf dem Tisch standen ...


Als ihr Vater vor acht Jahren damit angefangen hatte, schien er die besten Karten in der Hand zu haben. Er kam als Quereinsteiger in die Branche und setzte sich sozusagen ins gemachte Nest: Sein Partner, der sich um die Hardware kümmerte, hatte bis dahin schon sein zweites Haus mit seinen Produkten finanziert. Die Kunden: prestigesüchtige Großunternehmen, die gegenüber ihren eigenen Klienten und Geschäftspartnern mit ihrer technischen Fortgeschrittenheit protzen wollten. Dort war definitiv genug Geld vorhanden, so die Kalkulation, um auch dem ehemaligen Journalisten Hans Leonardt, seiner Frau Valeska und Tochter Lea ein gutes Auskommen zu sichern. In einer Zeit, da das Pressewesen von einer Anzeigenkrise zur nächsten schlitterte, fühlte Leas Vater sich, als habe er das sinkende Schiff gerade rechtzeitig verlassen.


Doch dann kam Ende der Neunziger die große Krise der IT- Unternehmen und bald darauf die der restlichen Wirtschaft. Geld für Prestigeobjekte wurde rigoros zusammengestrichen. Hans Leonardt behielt seinen exzellenten Ruf, aber nicht seine Aufträge.


Was in den ersten Jahren des neuen Jahrtausends wie ein Lichtstreif am Horizont wirkte, eine allgemeine wirtschaftliche Stabilisierung, sollte sich bald zur nächsten, noch schlimmeren Krise entwickeln, in der zunächst Banken, dann ganze Staaten mit immer neuen Milliarden gerettet wurden – die dann an anderer Stelle fehlten. Etwa im Budget für IT-Projekte.


Seitdem hielt er sich mehr schlecht als recht über Wasser, zehrte von langfristigen Wartungsverträgen, die er in den fetten Jahren hatte abschließen können, und von zahlreichen kleineren Aufträgen, die meistens Unmengen an Arbeit erforderten und nicht sehr viel Geld einbrachten. Er konnte sie aber auch nicht ablehnen, denn er wollte seinen guten Ruf ausbauen und damit eines Tages, ganz bestimmt, den einen Großen Auftrag an Land ziehen ...


Lea sah ihren Vater nur noch selten, und dann nie sehr lange.


Dabei hatte er sein Büro zu Hause, im oberen Stock, dreißig luxuriöse Quadratmeter, nicht mehr als ebenso viele Schritte vom Rest seiner Familie entfernt.


Aber es war eine andere Welt, und der Zutritt wurde selbst für Familienmitglieder streng reglementiert.


Lea durfte an ihrem zwölften Geburtstag zum ersten Mal jenes Allerheiligste betreten und verbrachte seither jede erlaubte Minute am Rechner.


Sie spielte nie.


Ihr Vater hatte für sie ein eigenes Benutzerkonto eingerichtet: Das hieß, sie durfte eigene Programme auf dem Rechner installieren und konnte ihre eigenen Sachen speichern, ohne dass sie irgendetwas von seinen wichtigen geschäftlichen Angelegenheiten zerstören konnte.


Damit erschöpfte sich allerdings die Förderung seitens ihrer Eltern. Was sie auch tat, welche kniffligen Probleme sie am PC löste, wie ausgefeilt auch immer die kleinen Grafiken und Filmchen waren, die Lea für sie zu Weihnachten oder Ostern anfertigte – sie nahmen es hin, bedankten sich, sagten „schön“. Aber sie taten nichts weiter. Obwohl Lea in den Wochen vor ihrem diesjährigen Geburtstag Andeutungen um sich gestreut hatte wie eine Gärtnerin die Grassamen, kam am großen Tag keineswegs ein Rechner unter dem Geschenkpapier zum Vorschein. Stattdessen: eine Wasserpistole! Keine gewöhnliche, zugegeben, sondern ein neonfarbenes Riesending, sie hatte einen Ein-Liter- Tank und erzeugte den Druck zum Schießen mittels einer Spiralfeder, die man mit einer Flügelschraube spannen konnte. Danach ließ das Wunderwerk ein minutenlanges Dauerfeuer zu. Es war sogar eine Weile ganz lustig gewesen, sie an jenem sommerlich heißen 21. Juni zu laden und die Gäste damit zu traktieren. Aber trotzdem: eine Wasserpistole! Sie war doch kein Kind mehr! Sie war fünfzehn geworden! Wenn es wenigstens Rollerblades gewesen wären! Oder ein eigenes Handy, sie war wahrscheinlich die Letzte in ihrer Klasse, die keines hatte! Aber nein – eine Wasserpistole. Und kein Computer.


Als ihr Vater sich dann einen neuen Rechner anschaffte und seinen alten, anstatt ihn ihr zu vermachen, an einen Bekannten verkaufte, gab Lea es auf, von ihren Eltern Unterstützung zu erwarten.


Dennoch war sie weit davon entfernt, die Flinte ins Korn zu werfen. Im Gegenteil: Erst vor kurzem hatte sie einen Jungen aus der zwölften Klasse gefragt, ob er ihr Geld leihen könne, um sich einen eigenen PC zu kaufen. Denn eines Tages, das hatte sie sich geschworen, eines Tages würde sie ihre Eltern, ihren Vater beeindrucken, wie schwierig das auch immer sein mochte, und er würde blutrot anlaufen vor Stolz über seine Tochter ...


Und nun diese Liste. Die unerbittliche Liste. Einmal im Leben hatte sich die Schulverwaltung dazu herabgelassen, in den zehnten Klassen einen Programmierkurs für Fortgeschrittene anzubieten, zwar nur als Wahlfach und nachmittags, aber immerhin – sonst kamen, wenn überhaupt, höchstens die Zwölfer in den Genuss solch höherer Weihen. Für eine Schule, die erst kürzlich von einer Zeitschrift zum ehrenvollen Schlusslicht in puncto „Modernes Lernen“ gekürt worden war und deren inoffizieller Name im Schülermund „Großvater-Tran-Gymnasium“ lautete, war das also schon mal was.


Und sie war nicht dabei. Sie war einfach nicht dabei. Sie dachte an Herrn Grams, ihren Informatiklehrer („Informatik“ hieß zwar so, war aber für Babys – wie man einen Computer einschaltet und so weiter), sie erinnerte sich, wie er ihr erst vorgestern gesagt hatte, es sei kein Problem, der Kurs sei noch nicht voll. Er hatte ihr die Teilnehmerliste gezeigt, vierundzwanzig waren es gewesen. Sie stellte sich vor, wie sie Herrn Grams eine Ohrfeige verpasste, die es garantiert in die Geschichtsbücher bringen würde, eine Ohrfeige, die alle Wut der Welt in sich trug, und wie sein Kopf vom Körper flog, wie das Blut aus dem Hals spritzte und der Kopf in dem Korb landete, der sich unten an der Tafel befand und normalerweise die Kreide beherbergte, und er lag in diesem Korb und starrte sie an und lachte und lachte und lachte, und der blutspritzende Körper kam auf sie zu und streckte die Hände nach ihr aus, fasste sie an, und sie spürte die Hände, Leichenhände, eiskalt in ihrem Gesicht--


Eiskalt. Lea prustete und schlug die Augen auf. Ihr Gesicht war tropfnass, sie lag auf einem Klappbett, um sie herum standen einige Schüler und Lehrer, und Herr Neebel, der Rektor, hielt noch den Waschlappen in der Hand.


„Sie wird wieder wach“, murmelte jemand hinter ihr.


„Die hat doch nur simuliert“, flüsterte eine zweite Stimme.


„Raus jetzt“, kommandierte Neebel, „ihr habt eure Schau gehabt. Ob hier irgendjemand simuliert, wird die Blutdruckmessung zeigen. Raus. Dies ist ein Lehrerzimmer und kein Versammlungsraum. Und Sie, werte Kollegen, können jetzt wohl auch Ihren Unterricht aufnehmen.“


„Ein Klappbett im Lehrerzimmer?“, fragte Lea, als sie mit dem Rektor allein war. „Sie machen sich's ja gemütlich.“


„Eine Anschaffung, die eigens für gelegentlich umfallende Schüler und Schülerinnen getätigt wurde“, erklärte Neebel. „Du solltest es also zu schätzen wissen. Wie fühlst du dich?“


„Betrogen.“


„Ich meinte körperlich. Wieso überhaupt betrogen? Wer betrügt dich?“ Seine Stimme klang gereizt. Ob Hußmann ihm schon von ihrer Vampirgeschichte erzählt hatte? Ob er sie für eine paranoide Spinnerin hielt?


„Herr Grams hat mir vorgestern noch versprochen, ich komme in diesen Kurs.“ „In welchen Kurs?“


„Programmieren für Fortgeschrittene.“


Seine Stirn runzelte sich im Augenblick des Nachdenkens, die Zunge tippte zwei-, dreimal schüchtern von innen an die Wange, als ob sie um Ausgang bäte – und dann hellte sich sein Blick auf, er strahlte richtiggehend, wie ein Schüler, der endlich eine Aufgabe verstanden hat. Er hatte sich also erinnert. Schön. Lehrer hatten so einfache Freuden.


„Ich erinnere mich“, bekräftigte er überflüssigerweise. „Der Programmierkurs. Ein großes Projekt für unsere kleine Schule. Der Eintritt ins neue Jahrtausend ...“


„Ja, mit noch nicht mal zwanzig Jahren Verspätung.“


„Jetzt werde nicht frech, Mädchen. Warum wolltest du denn unbedingt in diesen Kurs hinein?“


Sie wusste nicht recht, was sie darauf sagen sollte. War das nicht offensichtlich?


„Warum wollte der Grams mich denn unbedingt raus haben?“, fragte sie schließlich zurück.


„Niemand will dich unbedingt irgendwo raus haben, schon gar nicht Herr Grams. Es war lediglich so, dass es mehr Bewerber gab als Plätze, und dass eine Entscheidung getroffen werden musste.“


„Als ich vorgestern auf die Liste geschaut habe, war es noch einer zu wenig. Mit mir wäre sie genau komplett gewesen. Und ich habe mich gleich angemeldet.“


Neebel zögerte einen Moment, bevor er antwortete. „Die Reihenfolge der Anmeldung war nicht das einzige Kriterium ... wir mussten ein gewisses Niveau sichern ... dein Konkurrent um den letzten Platz ist nun einmal der Bessere ... man muss im Leben auch Niederlagen ertragen können ...“


Lea schloss die Augen. Das war es also. Wieder mal. Es war der gleiche Grund, aus dem sie vermutete, dass ihre Eltern so erstaunlich taub waren, wenn es um ihre digitalen Wünsche ging; der gleiche Grund, aus dem selbst Herr Grams nie so richtig begeistert von ihrer Arbeit war, auch wenn er ihr dann immer wieder eine Eins gab; der Grund, aus dem nun ihr 'Konkurrent' das Rennen gemacht hatte. Sie hatte es so satt.


„Es ist, weil ich ein Mädchen bin, nicht wahr? Frauen und Technik, das denkt ihr doch alle.“


Neebel lachte kurz auf. „Was für ein Unsinn“, rief er laut, „wir leben ja nicht mehr im neunzehnten Jahrhundert. Noch nicht mal mehr im zwanzigsten. Wir haben Quoten, wir haben die Frauenbewegung, wir haben ... wir haben ...“


„Wer ist es denn, wegen dem ich rausgeflogen bin?“


„Der Schüler, dessentwegen du“, verbesserte der Rektor automatisch, „nun, es ist Bülent Sertkük. Du kennst ihn, ihr geht ja in eine Klasse.“


Bülent Sertkük. Bülent. Lea starrte konzentriert auf die Innenseite ihrer Augenlider, ruhig, ganz ruhig, es ist alles in Ordnung, alles wird in Ordnung kommen, es ist ausgerechnet Bülent, und das Leben ist ganz gemein und beschissen, aber du bleibst ganz ruhig, irgendwie wird es sich wieder einrenken, obwohl es ausgerechnet Bülent ist, und weil du ganz ruhig bleibst, wirst du jetzt nicht schreien, du wirst ganz ruhig hier liegenbleiben und nicht an Bülent denken und nicht schreien--


Und dann schrie sie, und in der ganzen Schule setzte für einige Sekunden der Unterricht aus, bevor die Welle des Alltags wieder zuschwappte und den Augenblick der Katastrophe unter sich begrub.


 


3.


 


„Herr Schüssler.“ Der Hauptkommissar rieb sich die Augen mit Daumen und Mittelfinger. Dann kratzte er den Bartschatten an seinem Kinn und drückte den Zeigefinger schließlich nachdenklich in seine Wange, deren teigige Form ihm eine entfernte Ähnlichkeit mit einer Dogge bescherte. „Herr Schüssler, ich bin durchaus keine Dumpfbacke. Ich habe fünf Semester Philosophie studiert, bevor ich in den gehobenen Polizeidienst eintrat. Ich habe Watzlawick gelesen und bin im Bilde darüber, dass unsere Wirklichkeit erst in unseren Köpfen entsteht.“


Achim Schüssler kaute nervös auf seiner nicht angezündeten Zigarette herum. „Was wollen Sie damit sagen, Herr Ritterbusch?“


„Ich möchte, Herr Schüssler“, fuhr German Ritterbusch leise fort, „dass Sie sich jetzt etwas mehr Mühe geben, in Ihrem Kopf eine Wirklichkeit entstehen zu lassen, die ein bisschen – nur ein bisschen – mehr mit der Wirklichkeit in meinem Kopf zu tun hat.“


„Ich habe Ihnen alles gesagt, was ich weiß.“


„Das haben Sie nicht. Sie haben mir gesagt, was Sie glauben gesehen zu haben, was Sie glauben getan zu haben und wovon Sie glauben, dass es geschehen ist. Ich hätte nun gerne, dass Sie Ihre hochtrabende Geschichte mit unserem schnöden Alltagsleben in Verbindung bringen. Mit einem Alltagsleben, in dem äußerst selten dunkle Gestalten auftauchen, die noch viel seltener aus dem Stand zehn Meter weit springen können und die absolut selten dazu neigen, es zu ignorieren, wenn ein Polizist ein ganzes Magazin Neunmillimeter in sie reinballert. Selbst ein Wachpolizist muss doch merken, dass sich das nicht sehr glaubwürdig anhört!“


Schüssler zuckte zusammen. Wachpolizisten wie er waren nicht sonderlich gut gelitten im Kollegenkreis. Reser, trotz seines rauen Umgangstones, war noch derjenige, der ihm am ehesten mit Freundlichkeit begegnete. Die damals neue Landesregierung hatte diesen Beruf Ende 2000 eingeführt – um Geld zu sparen, natürlich, denn er war kein Beamter und durfte auch nur zusammen mit einem „vollwertigen“ Kollegen seinen Aufgaben nachgehen; Aufgaben, die sich meist in Gefangenentransporten und ähnlich interessanten Handlangerdiensten erschöpften. Er war, mit anderen Worten, für die anderen ein besserer Butler, ein Billigbulle, der selten für voll genommen wurde.


„Es war aber wirklich so“, beharrte er gegenüber seinem Vorgesetzten.


„In Wirklichkeit, Herr Schüssler, sieht alles anders aus, als es wirklich ist. Sagt Stanislaw Jerzy Lec. Vielleicht gestehen Sie sich auch mal die Möglichkeit ein, dass Ihnen Ihre Wahrnehmung einen Streich gespielt haben könnte.“


„In welcher Hinsicht?“


„In der Hinsicht, dass es sich womöglich tatsächlich um ein Tier handelte, das Ihren Kollegen angefallen hat und dann verschwand. Ein Bär etwa. Wenn der sich auf die Hinterpfoten stellt, sieht er aus wie ein Mann mit Fellmantel. Und sagten Sie nicht etwas von einem weiten Mantel, der das Gesicht verbarg?“


„Es war trotzdem ein Mantel und kein Fell.“


„Das möchten Sie gern glauben. Ebenso wie Sie gern glauben möchten, dass mindestens vier von Resers Kugeln direkt in das Wesen eingeschlagen sind, ohne dass es diesem etwas ausgemacht hätte. Ich hatte vorige Woche erst mit einem Typen zu tun, der einen Alligator in seiner Zwei-Zimmer-Wohnung hielt. Ohne Käfig oder Terrarium. Der schlief anscheinend bei ihm im Bett. Die Nachbarin hat uns wegen seltsamer Geräusche gerufen. Ein entlaufener Bär wäre das Letzte, was mich überraschen könnte.“


„Der Kerl stand direkt zwischen Hermann und dem Museum. Wenn Hermann ihn wirklich verfehlt hätte, müsste doch die Spurensicherung die Geschosse aus seiner Waffe in der Wand wiederfinden!“


„Tatsächlich. Ein wacher Gedanke angesichts Ihrer bisherigen Konfusion. Aber die Untersuchung des Geländes ist noch nicht abgeschlossen, und ohnehin kann es ebenso gut sein, dass er in Wirklichkeit nur weitere Warnschüsse abgegeben hat, und die Geschosse stecken jetzt irgendwo in zwanzig Metern Höhe in einem Baum, wo sie nicht mal Argus persönlich finden würde.“


„Aber es war ein Mensch! Er hat sogar gesprochen! Hermann würde Ihnen alles bestätigen, was ich sage.“


„Nur dass Kollege Reser in diesem Moment ein Zimmer weiter an einem Haufen Apparaten und Schläuchen hängt und leider nicht in der Lage ist, sich zu äußern. Ich bin deswegen auf Ihre Aussage angewiesen, so sehr ich das bedaure. Was soll er denn gesagt haben, Ihr angeblicher Mann im weiten Mantel? Haben Sie das von Ihrem sicheren Versteck aus mithören können?“


„Er sagte, er wollte nur mal die Alarmanlage ausprobieren.“


Ritterbusch wandte sich kopfschüttelnd ab. „So kann ich nicht arbeiten“, seufzte er.


In diesem Moment kam eine junge Ärztin aus dem Zimmer, in dem Reser seit seiner Notoperation untergebracht war. Ritterbusch räusperte sich und fragte: „Dürfen wir rein?“


„Er ist noch bewusstlos. Hat sehr viel Blut verloren, mehr als ich vermutet hätte bei seinen Verletzungen. Seine Exkursion war sehr schlecht, deshalb geben wir ihm Sauerstoff.“


„Dass er bei seinem kleinen Ausflug keinen Spaß hatte, hätte ich Ihnen auch noch diagnostizieren können, Frau Doktor.“


„In diesem Fall meinen wir mit Exkursion keinen Ausflug, sondern die Bewegung des Thorax. Ohne Exkursion keine Inspiration.“


„Er soll ja auch keine Gedichte schreiben, sondern eine Aussage zu Protokoll geben.“


„Inspiration“, versetzte sie mit mühsam beherrschter Ungeduld, „bedeutet so viel wie Einatmung, Herr Kommissar. Ich habe übrigens inzwischen einige Informationen zu der Wunde im Schulter-Hals-Bereich, wenn Sie das interessiert.“


„Der Erfolgreichste im Leben ist der, der am besten informiert wird, sagt Benjamin Disraeli. Im Übrigen bin ich Hauptkommissar.“


„Na schön, Herr Hauptkommissar. Wir wissen jetzt definitiv – oder so definitiv, wie man solche Dinge eben feststellen kann – dass die Verletzungen weder durch einen menschlichen Biss noch durch ein Messer oder eine ähnliche Waffe verursacht wurden. Die Wunde ist kein Schnitt, wie es etwa bei einer Klinge der Fall wäre, und für eine menschliche Bisswunde viel zu desaströs. Die Wundränder waren so ausgefranst, dass wir noch nicht einmal sinnvoll nähen konnten; wir haben lediglich die zerfetzten Hautschichten sortiert und Antiseptika aufgetragen, nun müssen wir die sekundäre Wundheilung abwarten. Das war irgendein Raubtier, wenn Sie mich fragen. Annähernd menschengroß wahrscheinlich, aber da müssten Sie nochmal einen Biologen fragen. Oder einen Veterinär.“


Hauptkommissar Ritterbusch warf einen triumphierenden Blick in Richtung des jungen Wachpolizisten. „Das Wissen hat bittere Wurzeln, Schüssler, aber seine Früchte sind süß. Wie Cato der Ältere sagt. Akzeptieren Sie also, was nicht zu ändern ist. Ich gebe derweil die Suchmeldung nach dem mutmaßlichen Bären raus. Frau Doktor, Sie rufen mich bitte an, wenn der Patient bei Bewusstsein ist. Sie wissen ja, eine Änderung des Bewusstseins verändert unbewusst auch das Sein, sagt Uhlenbruck. Habe die Ehre.“


Er drückte der Ärztin seine Karte in die Hand und verließ mit selbstbewussten Schritten den Aufenthaltsraum.


Schüssler wandte sich schüchtern an die weißgekleidete Dame neben ihm.


„Aber er wird doch durchkommen, Frau Doktor?“


Sie sah ihm lange in die Augen, ohne etwas zu sagen.


Dann erwiderte sie: „Das haben Sie gesagt, nicht ich.“


 


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(ausführliche Leseprobe unter www.lealeonardt.de)


 


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