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Fantasy Bücher
Buch Leseprobe Das Projekt , Katja Piel
Katja Piel

Das Projekt


Band 1

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11. KAPITEL


Oktober, 1589 in Bedburg bei Köln


 


Sie saßen im Gerichtssaal. Ihr Vater war ganz vorne mit seinem Verteidiger. Gerade sprach eine ältere Frau aus dem Dorf über ihn. Voller Abscheu und Angst im Gesicht. Sybille hörte nicht mehr hin.


 


Sie schaute aus dem Fenster. Unbewusst hielt sie ihre Hand im Schoss. Die alte Frau war fertig. Ein Raunen ging durch den Saal.


 


"Jetzt kommt das Urteil", wisperte Katharina neben ihr. Sie schien aufgeregt.


 


"Aufknüpfen durch das Rad mit anschließender Enthauptung. Das Kind und die Frau werden gehängt, wegen Beihilfe zum Mord an Robert Stubbe. Das Urteil wird in der heutigen Nacht vollzogen. Die Verhandlung ist hiermit beendet." Der Richter stand auf.


 


Zwei Männer führten Peter Stubbe ab. Zwei weitere kamen und nahmen Sybille und Katharina mit. Sybille schaute sich noch einmal um, ihr Vater grinste ihr zu. Sie zuckte zusammen und hob das Kinn. Lautlos formte sie das Wort "Teufel" und drehte sich wieder um.


 


Sie wurden an den Menschen vorbei in die anliegenden Gefängnisse gebracht. Manche spuckten auf sie, die meisten trauten sich nicht, sie anzuschauen, aus Angst, sie könnten etwas Böses abbekommen. Sybille schaute auf ihre Füße. Besser ist es zu sterben als ein Leben lang an die Pein erinnert zu werden.


 


In der Nacht weinte sie. Sie wusste nicht, wie es sein würde zu sterben und sie hatte Angst. Vielleicht verurteilte Gott sie auch und würde sie in dieselbe Hölle schicken wie ihren Vater. Sie begann zu zittern. Wieder war der Mond voll und stark draußen und spendete ihr Licht.


 


Ein Werwolf. Ihr Vater wollte sich tatsächlich aus seinen Taten raus reden, weil er ein Werwolf gewesen sei. Sie schnaubte vor Verachtung. Er war einfach nur verrückt geworden. Wie ein Tier? Ja, schlimmer als ein Tier, fand Sybille.


 


Sie lauschte und konnte die Schreie ihres Vaters hören. Das tat ihr gut. Sie wusste, sobald seine Schreie erloschen waren, würden sie sie holen.


Lange schrie er, sie hatte sich bereits die Ohren zugehalten, da klapperte ein Schlüssel und ein Mann kam, um sie holen. Er verzog keine Miene, stieß sie die ganze Zeit vor sich her. "Nun Lauf schon, du Verrückte" brummte er. Als Sybille aus dem Gefängnis in den Hof trat, sah sie dort aufgespießt den Kopf ihres Vaters. Sie wand den Blick ab.


 


Sie musste einige Stufen hoch laufen und stehenbleiben, als man es ihr sagte. Dann legte man ihr eine Schlinge um den Hals. Ein Pfarrer betete, sie hörte nicht hin, sie hatte nichts mehr zu sagen. "Steig hier drauf", befahl einer der Männer. Sie stellte sich auf den Hocker und schloss die Augen. Eine schwarze Kapuze wurde über ihren Kopf gestülpt. Dann trat jemand den Hocker weg und sie verlor den Boden unter den Füßen.


 


Was sie sah, konnte sie nicht glauben. Ihre Mama nahm sie in die Arme, tröstete sie und küsste sie. Dann, wie ein Blitz, stand Robert vor ihr. Er rannte lachend weg und rief immer wieder "Fang mich doch du Eierloch".


 


Die Familie saß bei einem Picknick im Wald, Papa, Robert Mama und sie. Sie hatten Spaß, lachten, alles war gut.


 


Die Welt drehte sich um Sybille, sie bekam keine Luft mehr, das Blut schien sich in ihrem Kopf zu stauen, ihr wurde schlecht. Sie wollte rufen "Hey mir ist schlecht, holt mich runter“, aber sie brachte nur ein Piepsen heraus. Ihre Augen taten weh, sie wollte sie zumachen, aber es fühlte sich so an, als würde jemand mit einem Löffel darin rum stochern. Sie musste sich entleeren, es war ihr peinlich. Dann sah sie sich noch ein letztes Mal mit ihrer Familie glücklich beim Picknick, bevor sie jegliches Zeitgefühl verlor.


 


Es wurde schwarz um sie.


 


"Komm doch nachher mit deiner Frau zum essen, Isabell freut sich sicher", sagte der eine Mann während er den Leichensack zu einer Erdgrube hob. "Ja, gute Idee", antwortete der andere und schmiss seinen Leichensack auf den Boden. "Wir können die Leichen morgen eingraben, es ist jetzt zu dunkel," meinte der, der den anderen eingeladen hatte. Dieser nickte und zusammen setzten sie sich auf den Kutschbock und fuhren weg.


 


Hinter den Wolken kam der Mond wieder raus und im Leichensack bewegte sich etwas. Sybille bekam Panik. Sie strampelte mit den Füßen und holte hektisch Luft. Was ist passiert? Sie versuchte sich zu beruhigen, vielleicht war ein Fehler passiert und man hatte sie einfach begraben. Das wäre ja schon mal gut, denn dann wäre sie nicht tot. Aber wenn sie begraben wäre, wie sollte sie dann aus ihrem Grab kommen? Wieder versuchte sie hektisch mit den Fingern hier raus zu kommen. Da hörte sie plötzlich ein Schnaufen. Sie erschrak und machte sich steif. Das Schnaufen kam näher, irgendwas kratzte an ihr. Ein Tier? Sie wollte sich nicht bewegen. Als sie dachte, es wäre fort, kam es mit lautem Getöse wieder und riss und zerrte an ihrer Hülle.


 


Das Tier tat ihr nicht weh, es versuchte, sie da raus zu holen. Endlich öffnete sich der Sack, sie sah das fahle Mondlicht durch den Schlitz scheinen. Sybille öffnete ihr Gefängnis mit ihren Fingern und zerrte an dem Stoff. Als sie endlich halb im Freien saß, holte sie tief Luft und blickte sich um. Sie saß auf einer Lichtung, um sie herum standen Bäume. Das Tier schien sie hierher geschleppt zu haben, denn sie konnte im schwachen Licht, die Spur erkennen. Was sollte sie jetzt tun? Sie könnte ja schlecht nach Hause gehen.


 


Ich habe Durst, dachte sie und wollte sich auf den Weg machen, ob sie irgendwo ein Bach finden könnte. Da hörte sie ein knacksen. Sie drehte sich um. "Hallo?" Als sie weiter gehen wollte, versperrte ihr ein wunderschöner Mann den Weg. Aber er war komplett nackt. Sie hielt die Luft an. "Was willst du?" fragte sie atemlos und plötzlich wie aus dem Nichts, stand er direkt vor ihr. Er roch nach Wald und... Blut. "Ich will dich“, flüsterte er und sie spürte dabei seine Anziehungskraft. "Ich habe gesehen, wie sie dich gehängt haben und als sie nicht hin sahen, habe ich dich zurück geholt. Und nun will ich dich, mir nehmen, was ich erschaffen habe." Er strich ihr mit den Fingern über die Haare, die Wange und ihre Lippen und sah ihr dabei tief in die Augen.


 


Sybille lachte laut. "Was soll das heißen, du hast mich erschaffen? Und du hast mich zurück geholt?" Sie ging einen Schritt zurück. Er lächelte, dann kam er wieder auf sie zu und sah sie an. Ihr stockte der Atem, seine Augen funkelten plötzlich grün. Das muss am Mond liegen, dachte sie. Er war plötzlich größer, stärker, sein Gesicht schien sich zu verändern. Sybille stolperte nach hinten. Sie schüttelte mit dem Kopf. Nein, das kann nicht sein, das kann einfach nicht sein.


 


Sie wollte weg rennen, drehte sich um und fing an los zu laufen, er holte sie aber wieder ein. Seine Hände waren keine Menschlichen mehr, es waren riesige Klauen. Es war kein Gesicht mehr da, er war ein riesiger...riesiger Wolf. Mit leuchtend grünen Augen. Da erschütterte ein ohrenbetäubender Knall die nächtliche Stille. "Ich hab ihn erwischt!" Rief jemand. Sybille drehte sich nicht um, sie rannte und rannte um ihr Leben.


 


13. KAPITEL


Oktober, 1589 in Bedburg bei Köln


 


Sie schien eine Ewigkeit gelaufen zu sein. Es wurde langsam hell, sie hatte unendlichen Durst und Hunger und war sehr müde. Sie traute sich aber nicht, sich schlafen zu legen. Was, wenn diese Kreatur doch noch lebte? Sie schauderte und wollte nicht mehr darüber nachdenken.


 


Das Häuschen tauchte plötzlich einfach so vor ihr auf. Gemütlichkeit strahlte von ihm aus, die Tannen darum schienen es zu beschützen. Rauch kam aus dem Schornstein. Sie blickte an sich herunter und wusste, dass sie so nicht einfach anklopfen könnte, also wollte sie hinter das Haus laufen, um nachzusehen, ob sie irgendwo Unterschlupf bekommen könnte.


Da ging die Tür auf und heraus trat eine wunderschöne Frau. Sybille blinzelte. "Ich habe dich schon erwartet, Sybille," sagte sie da und breitete ihre Arme aus. Sybille schüttelte den Kopf. Sicherlich war dies ein Trugbild. Ein Bild ihrer Fantasie, sie hatte länger nicht geschlafen und Durst. Möglich könnte es sein.


 


"Nein, du träumst nicht, mein Kind. Komm her, lass dich in den Arm nehmen und komm mit mir ins Haus, ich werde dir alles erklären, was du wissen musst." Sybille sah sie ungläubig an, dann nickt sie und folgte der Frau. "Mein Name ist Shiva, alles Weitere erzähle ich dir, wenn du dich gesäubert hast, deine Sachen angezogen hast und mit mir Tee trinkst. Sicherlich hast du auch Hunger." Sybille nickte. "Dann komm, hier ist frisches warmes Wasser, in dem Zimmer dort", sie zeigte auf eine Tür "Findest du etwas zum Anziehen, ich bin gleich hier in der Küche." Sie ging in einen anderen Raum und ließ Sybille im Flur stehen.


 


Frisch und sauber war sie wenig später in der Küche. Es roch köstlich... Nach....rohem Fleisch. Sybille hielt sich die Hand vor dem Mund, hatte jedoch schrecklichen Hunger und verspeiste das Fleisch mit den Händen. Dazu trank sie gierig den Tee. "Sehr gut. Esse dich satt." Sybille nahm noch einen Schluck Tee und ließ vor Schreck die Tasse fallen. Blut lief dickflüssig aus der Tasse und sickerte durch den Holzboden. Sie stand erschrocken auf, wobei sie den Stuhl nach hinten umwarf. "Pscht, Kleines, alles gut, ich mach das weg." Shiva stellte den Stuhl wieder auf und strich sich eine Strähne aus dem Gesicht.


 


"Die Wolfsmenschen leben seit tausenden von Jahren unter uns“, fing sie an zu erzählen. „Wer der erste war, der sich mit dieser schrecklichen Krankheit ansteckte, weiß man nicht. Dass sie uns nicht alle verschlingen, ist unsere Aufgabe. Wir sind die Wulfens, die Hüter, die Hexen, die Feen, wie man uns auch immer betitelt, unsere Aufgabe ist es, auf das Gleichgewicht zu achten. Wir nehmen uns der armen Seelen an, die angesteckt wurden, von bösartigen Bestien, die schon vor dem Biss nicht wussten, was gut und böse ist. So wie dein Vater. Und wie dein Schöpfer, Raffaelus.“


 


Sie schenkte noch etwas Blut in eine neue Tasse und hielt sie ihr hin. Sybille zögerte erst, dann nahm sie die Tasse und trank das warme Gebräu in einem Zug.


 


„Wir können sie nicht bezwingen, aber wir können die guten Seelen beschützen. Das bedeutet, du musst viel lernen von nun an, meine liebe Sybille. Du kannst in die Schattenseite übergehen, wenn du Menschenblut trinkst und Menschenfleisch isst. Du kannst dich verwandeln, wann immer deine böse Seite die Überhand gewinnt. Du kannst aber lernen, dich zu kontrollieren. Der Fluch wird niemals von dir genommen. Du wirst in die Schattenweld für ewig verdammt sein, wenn du das was ich dir beibringe, nicht beherzt. Und nun ruh dich aus, mein Kind. Du bist hier sicher. Uns können sie nicht angreifen."


 


Sybille wurde ruhiger, sie nickte und flüsterte leise ein danke. Dann stand sie auf, verließ die Küche und ging in ihr zugeteiltes Zimmer, um sich auf das Bett zu legen. Sie schlief sofort ein. Sie wurde wieder wach, als sie ein lautes Summen im Ohr hatte, ihr Kopf dröhnte, jeder Muskel schmerzte. Erschrocken stand sie auf, es war Nachmittag und es war so laut, dass sie sich die Ohren zu halten musste. "Was ist das?" schrie sie panisch und lief aus dem Zimmer. Ihre Kehle brannte vor Durst. Ihre Augen tränten. Da kam Shiva, sie legte beruhigend den Arm um sie und wiegte sie leicht.


 


"Pscht, du verwandelst dich. Ganz ruhig. Der Wolf will raus.


 


Anikata - diwusa Tel lorem.


 


Alles gut, mein Schatz." Sie streichelte ihr übers Haar und führte sie wieder in ihr Zimmer. "Leg dich wieder hin und schlaf." Sie sprach so ruhig und klar, dass Sybilles Augen zufielen und sie sich auf die Seite legte. Sie schlief sofort wieder ein. Eingehüllt in Geborgenheit und Wärme.


 


Sie wachte irgendwann abends wieder auf. Es war dunkel draußen, jemand hatte ihr eine Laterne ins Zimmer gestellt. Sie lächelte. Nach all dem, was ihr passiert, ging es ihr heute das erste Mal seit Monaten wieder gut. Sie fühlte sich in Sicherheit. Munter stieg sie aus dem Bett, nahm die Laterne und öffnete ihre Zimmertür, als sie fast mit jemanden zusammen gestoßen wäre. „Tschuldigung“, murmelte sie und blickte auf. Ein anderes Mädchen sortierte sich und sah sie an. Dann lächelte sie und gab ihr die Hand. „Hallo, ich bin Rosa. Du bist sicherlich der Neuzugang“, stellte sie fest und sah sie von oben bis unten an. Sybille nickte. „Ja, ich glaube schon“, meinte sie und ergriff ihre Hand. Sie war warm, Rosa drückte nicht zu fest zu. „Ich bin Sybille. Kam heute Morgen an.“ Da ertönte ein leises Klingeln und Rosa nahm sie am Arm, zog sie mit nach draußen zum hinteren Teil der Hütte. Als Sybille ihren Blick schärfte, sog sie scharf Luft ein. Sie starrte mit offenem Mund auf das was sie sah. Hinter der Hütte befand sich ein großer Hof, der mit Fackeln gesäumt war. An den Seiten waren hohe Mauern, die mit verschnörkelten Säulen verbunden waren. Was sie aber noch mehr verwunderte, war das große Haus auf das sie direkt angrenzend starrte. Marmorstufen führten hinauf zum Eingang, es sah aus, wie eine riesige Kirche. Ihre staunenden Blicke wurden durch Shiva unterbrochen. Sie kam auf sie zu und lächelte. Sie trug ein bodenlanges eng anliegendes graues Kleid. Um die Hüften war locker ein breiter Gürtel umgelegt. Das rote leuchtende Haar hatte sie mit vielen Bändchen nach hinten gebunden. Ihr Gesicht war mit feinen schwarzen Strichen bemalt, die aussahen, wie verschnörkelte Rosenstengel. „Schön, du hast Rosa schon kennen gelernt. Sie wird uns bald verlassen und ihre eigenen Wege gehen.“ Sybille nickte still. Rosa ging schweigend von ihnen weg und ließ sie beide alleine. Shiva führte sie an einen wunderschönen Brunnen, mitten im Hof und setzte sich an den Rand. Sie bedeutete ihr mit Blicken, sich zu ihr zu setzen.


 


„Das wird die nächsten Jahre dein zu Hause sein“, sagte sie und blickte sich um. Sie machte eine Pause und ließ diese mystische Umgebung auf Sybille wirken. „Du wirst lernen, wie du überlebst und du bald dein eigenes Leben führen kannst. Die erste Zeit“, sie kam mit ihrem Gesicht näher, „wird deine schwierigste Zeit werden und du wirst immer wieder mit dem Wolf in dir kämpfen müssen.“ Shiva lehnte sich wieder zurück und beobachtete Sybille. Ihr Schützling reagierte wie erwartet. Der Schrecken und die Fassungslosigkeit standen ihr in den Augen. Sie begriff noch nicht, was mit ihr geschehen war. Shiva nahm ihre Hand und drückte sie leicht. „Du wirst dein ganzes Dasein mit ihm kämpfen müssen“, schloss Shiva und schaute ihr dabei fest in die Augen. Sybille schaute sie nachdenklich an. „Heißt das, ich werde nie sterben? Ich werde nie Mutter sein können oder mich verlieben?“ Dabei schaute sie ängstlich auf ihre Finger. Shiva lächelte. „Es gibt für all deine Fragen mehrere Antworten, nur für eine gibt es eine klare Antwort: Nein, du wirst niemals Mutter sein können. Der Wolf, der dich gebissen hat, dich infiziert hat, hat dir dieses Geschenk genommen. Er hat dich verflucht.“ Sybille schluckte und wollte plötzlich alleine sein. Dies alles war gut und sie war dankbar dafür, aber sie konnte die Freundlichkeit und diese Gelassenheit im Moment nicht ertragen. Sie murmelte eine kurze Entschuldigung und rannte über den Hof an dem riesigen Gebäude vorbei zur Hinterseite des Grundstücks.


 


Hier leuchteten keine Fackeln, eine hohe Mauer trennte sie von der Welt da draußen. Der Mond spendete nur noch wenig Licht, er war am Abnehmen. Sybille setzte sich auf einen Stein und schluchzte. Die Trauer hatte sie mit einem Mal erfasst und sie weinte all die Tränen, die sie in den letzten Monaten nicht geweint hatte. Erst als ihre Tränen versiegt waren, schaute sie nach oben. Direkt in die Augen eines Jungen, der sich zu ihr hockte und ihre Hand nahm. Zögerlich ließ sie ihn gewähren. Sein Blick war so sanft und gutmütig, er konnte nicht böse sein. Er nahm sie in den Arm und wiegte sie sanft hin und her. Sie spürte sein Herz klopfen und sah zu ihm auf. „Entschuldigung, normalerweise heule ich nicht fremde Jungs voll.“ Er strich ihr über die Haare. „Kein Problem. Ich weiß wie du dich fühlst“, sagte er sanft und streichelte ihre Stirn.


 


Erst jetzt sah sie ihn genauer an. Er hatte blonde wirre Locken und erstaunlich blaue Augen. Seine Nase war wie die eines kleinen Mädchens. Aber der Mund war für sie das erstaunlichste an ihm. Volle Lippen, wunderschöne Zähne . Sie wusste nicht warum, aber sie wollte den Mund küssen. Seine Lippen auf ihren spüren, wollte wissen, wie es sich anfühlt.


 


Er nickte und sie blickte ihn erstaunt an. Da beugte er seinen Kopf zu ihr hinunter und ganz sanft berührten seine Lippen die ihren. In ihr explodierte etwas, sie konnte es nicht deuten und bekam schreckliche Angst vor Ihren Gefühlen. „Nein“, keuchte sie. „Nein…ich… das geht nicht“, und rannte vor ihm davon. In ihrem Zimmer lehnte sie sich gegen die geschlossene Tür und atmete tief durch. Was ist nur los mit mir? Diese Gefühle waren schön gewesen, aber erschreckend zugleich. Sie hatte sich ihn ganz bei sich gewünscht. Da er ihre Gedanken zu erkennen schien, war ihr das schrecklich peinlich. Sie konnte ihm nicht mehr unter die Augen treten. Wie viele von ihnen gab es hier? Was passierte in diesem großen Haus?


 


Sybille schüttelte den Kopf und erschrak, als es plötzlich an der Tür klopfte. Sie zitterte. „Ja?“ fragte sie vorsichtig durch die Tür. „Ich bin es Rosa, lass mich bitte rein.“ Sybille atmete erleichtert auf. Was hatte sie erwartet? Dass er hinter ihr hier gelaufen sei? Sie musste grinsen und öffnete die Tür. Rosa sah sie besorgt an. „Alles gut mit dir?“ fragte sie. Sybille fiel in ihre Arme und schüttelte den Kopf. Rosa schaute verwundert auf das Mädchen. „Hee, alles wird gut. Beruhige dich“, sagte sie tröstend und schob Sybille auf ihr Bett.


 


Sie saßen eine Weile schweigend nebeneinander, als Rosa anfing zu erzählen.


 


„Sybille, ich weiß, es geht dir nicht gut, aber je eher du dich akzeptierst, desto eher wirst du damit klar kommen. Sei froh, dass du hier sein darfst, andere neue Seelen bekommen die Chance nicht und sind für immer verdammt, wie Raubtiere zu leben. Sie können sich nie wieder kontrollieren. Meistens leben sie nicht lange unter uns. Denn es gibt auch die Jäger, wo es uns gibt. Jäger machen keinen Unterschied. Für sie sind wir alle Werwölfe, Kinder der Nacht. Kreaturen, die ihre Frauen und Kinder fressen.“ Rosa machte eine kurze Pause und starrte an die Wand. Sie sah wieder Sybille an. „Du wirst hier viel lernen. Nutze es und sauge jede Information auf wie ein Schwamm, du brauchst sie, um zu überleben. Es gibt die Wulfens in jedem betroffenen Quadranten. Shiva ist eine Abgesandte für die Neuen Seelen. Sie ist da, um das Gleichgewicht zu halten. Um zu führen. In jedem Quadranten gibt es eine wie Shiva. Sie ist älter als wir uns vorstellen können und für sie sind wir ihre Kinder, die sie nie haben wird. Es gibt drei Stufen der Entwicklung. Du bist in der ersten, ich bin in der letzten und muss bald gehen. Wir sind meistens nicht viele in einem Quadranten, maximal 15 Seelen leben hier. Dazu kommen die Wulfens, wir haben außer Shiva noch zwei weitere hier. Manchmal kommen Gastwulfens hier her, um uns Besonderheiten zu lehren oder Neuigkeiten von der Welt da draußen zu überbringen. Jede Entwicklungsstufe schließt mit einer Prüfung. Die sind aber meistens recht einfach, denn es sind mystische Prüfungen, um festellen zu können, ob du bereit für die nächste Stufe bist. Bald wird deine erste Stufe hier beginnen und dann bekommst du ein Zimmer in dem großen Haus, das du vorhin so bewundert hast. Dort sind die Lehrräume, Sportunterricht findet dort statt und das Essen bekommt man da serviert. Du wirst dich schnell eingewöhnen und ehe du dich versiehst, sitzt du vielleicht auch mit einer neuen Seele in diesem Zimmer und gibst dein Wissen weiter. Einen Satz möchte ich dir noch mit geben: Lass den Wolf niemals ganz raus oder gib dich dem menschlichen Fleisch hin. Sobald du Menschenfleisch isst oder Blut trinkst, bist du für immer verloren“, Rosa seufzte. „Ich habe schon einige hier kennen gelernt, die es nicht geschafft haben. Sie sind… sie mussten uns verlassen.“ Rosa blickte traurig nach unten. Schließlich lächelte sie und drückte Sybille fest. „Und jetzt schlaf noch ein wenig. Alles wird gut, glaube mir.“ Rosa küsste sie auf die Stirn und verließ das Zimmer.


 


Sybille zog sich aus und legte das Schlafkleid an, das Shiva ihr gegeben hatte. Dann löschte sie die Laterne und legte sich unter die Decke. Bald war sie eingeschlafen.


 


Wenige Tage später kam Shiva wieder auf sie zu und nahm sie mit in das große Haus. Sie liefen die Marmorstufen zum Eingang hinauf und betraten einen großen Saal, von dem eine Treppe nach oben ging. Rechts und links befanden sich schwere Türen. Der Boden war komplett aus rotem Marmor. Es glänzte. Die Treppe war mit einem roten Teppich ausgelegt, das Geländer aus dunklem Holz geschnitzt. Sybille blieb fasziniert stehen. Über ihr hing ein Kerzenleuchter, mit funkelnden Kristallen geschmückt. Überall waren Kerzen aufgestellt, es wirkte warm und wohlig.


 


„Das hier ist dein neues zu Hause. Hier wirst du lernen, speisen, vielleicht Freunde finden und sicher sein. Die Quadranten sind mit einem Bann geschützt. Keiner kann uns sehen, für die Welt draußen sind wir unsichtbar. So klein wie ein Staubkorn.“ Shiva nahm sie an der Hand und führte sie die Treppe hinauf. Oben drehten sie sich um. „Von hier oben, gehen die Schlafräume der Seelen ab. An der Wand kannst Du die Nummern erkennen. Deine ist die Nummer 12 und befindet sich im rechten Flügel. Die Lehrräume sind alle unten, wenn du die linke Tür hindurch gehst. Rechts ist der Speisesaal. Komm, ich zeige dir dein Zimmer.“


 


Shiva nahm sie wieder an die Hand und ging den rechten Gang mit ihr entlang. Am Zimmer mit der Nummer 12 blieb sie stehen und öffnete mit einem schwarzen Messingschlüssel die schwere Eichentür. Sie stieß die Tür auf und bat Sybille vor zu gehen. Sybille blieb überrascht stehen. Es war wunderschön. So hatte sich immer ihr Zimmer vorgestellt, wie für eine Prinzessin. Es war recht groß, das Himmelbett nahm eine ganze Wand ein. Direkt gegenüber befand sich ein großes Fenster mit einem kuscheligen Sitzplatz davor. Der Boden war mit flauschigem Stoff überzogen. Sie hatte eine eigene Waschecke und einen Platz zum Lernen. Dort lag ein Füllhalter und ein Stapel Papier. Auf dem Regal darüber befanden sich viele Bücher in Leder gebunden. Sie öffnete ihren Schrank und holte erstaunt Luft. Er war voller wunderschöner Kleider. Darunter befanden sich mehrere Schuhe. Sybille lächelte. „Das ist wundervoll und das darf ich alles benutzen? Und das ist für mich?“ Sie schüttelte erstaunt den Kopf und nahm Shiva in die Arme. „Vielen Dank“ Shiva lächelte zurück. „Ich bin froh, dass es dir gefällt. Sybille“, fuhr sie ernsthafter fort, „wenn du Fragen hast oder Sorgen, dann bitte komm zu mir, ich bin immer für dich da.“ Sybille nickte. Sie war so dankbar. „Ich möchte dir noch den Bade raum zeigen und wo du deine Notdurft verrichten kannst. Dann lasse ich dich für heute alleine. Hinter deiner Tür befindet sich ein Zettel. Dort stehen deine Unterrichtsstunden, bitte sei pünktlich.“ Sybille nickte. „Einen Bade raum?“ Shiva nickte. „Aber selbstverständlich. Komm, ich zeig es dir.“ Sie führte Sybille wieder nach unten und ging mit ihr raus.


 


Da stand noch ein kleineres Haus. Dort kam Dampf aus einem Schornstein. Shiva öffnete die Tür, nicht ohne vorher angeklopft zu haben. Es war keiner da, also trat sie ein. Sybille blieb stehen. Sowas hatte sie noch nie gesehen. Im Boden war ein mit Wasser gefülltes Becken, das komplett mit kleinen Mosaiksteinchen geschmückt war. Mittels weniger Stufen konnte man dort hinein gehen und im warmen Wasser baden und sich säubern. Aus einem riesigen Kopf aus Metall floss Wasser in das Becken, das an den Seiten raus schwappte. Es dampfte leicht. Handtücher befanden sich auf aus Steinen gebauten Sitzen. In einem anderen Raum waren die Klos untergebracht. Jedes war mit einer Tür gesichert und die Zimmernummern zeigten an, wem das Klo gehört. Es war alles unglaublich sauber und roch sehr angenehm.


 


„Wer macht das alles sauber? Wer kocht?“ Shiva lachte. „Ihr tut das. Und glaube mir, es sind eure angenehmen Pflichten. Jeder tut es sehr gerne. Auf dem Zettel hinter deiner Tür findest du deine Aufgaben und die Zeiten, zu denen du eingeteilt bist. Wenn du krank bist oder deine Pflicht nicht erledigen kannst, musst du das mit deinen Mitbewohnern selbst klären. Keine Angst, es gab noch nie Probleme und Werwölfe werden nicht krank.“ Shiva schloss die Führung ab und drückte Sybille noch einmal aufmunternd.


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