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Fantasy Bücher
Buch Leseprobe Das heilige Bündnis, Ryan Elbwood
Ryan Elbwood

Das heilige Bündnis



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Wundersame Geschichten und Geschenke


FORTSETZUNG VORGESCHICHTE



Es war ein Drache, der ein schreckliches Geheimnis in sich trug.

Gemeinsam mit seinen Heerscharen plünderte und versklavte Martoc die Völker der Elfen, Menschen und der Zwerge.

Die Elfen, das Menschengeschlecht und der Volksstamm der Zwerge lebten zu jener Zeit in Frieden miteinander. Dennoch gab es seit Anbeginn der Zeit immer wieder Ungereimtheiten, zwischen diesen alten Völkern.

Obwohl sie alle von Martoc unterdrückt wurden, war an eine gemeinsame Gegenwehr nicht zu denken.

Die Weisen und Seher dieser Völker prophezeiten jedoch, dass einst ein Fremder kommen wird, von königlichem Blute und aus einer fernen Zeit, um die unterdrückten Völker zu vereinen und von Martocs Tyrannei zu befreien ...  


WUNDERSAME GESCHICHTEN UND GESCHENKE


Hier beginnt die Geschichte von Aldrian, der in einer anderen Zeit mit seinem Onkel im Lande von Farlaun lebt.

Es ist kein gewöhnlicher Tag in Steppenwald. Es ist der 22. Juni im Jahre 2222 der zweiten großen Zeitperiode.

Zudem und nicht zuletzt ist dies der 22. Geburtstag des jungen Aldrian von Alfengrimm, der überall in der Gegend großes Ansehen und nicht geringere Zuneigung genießt.

Aldrians Vergangenheit war von dunklen Tagen und vielen sonderbaren Ereignissen geprägt, die es würdig sind erwähnt zu werden.

Seine Mutter hieß Loana. Sie verschwand an seinem fünften Geburtstag spurlos, als sie in den Wald ging, um Honigbeeren und Mehlpilze zu sammeln und frisches Wasser zu holen.

Zuletzt sah sie der Jäger Holdron am großen Steinkreis von Auenlicht, als er auf der Jagd nach Wildschweinen war.

Das Verschwinden von Loana sprach sich schnell wie ein Elfenpfeil herum.

Seit jenem Tage mieden die Bewohner von Steppenwald diesen Steinring, da sie magische Kräfte in ihm vermuteten.

Aldrians Vater war nicht bekannt.

Einige Anwohnerrinnen munkelten jedoch, dass Loana niemals etwas mit einem Manne zu schaffen gehabt hatte und die Geburt von Aldrian ein wahres Wunder sei.

Doch was wird nicht alles geschwätzt unter den Weibern von Steppenwald?

Drei Wochen nach Loanas Verschwinden kam ein stolzer Krieger auf einem schönen Ross nach Steppenwald, der sich als Verwandter 2. Grades ausgab und fortan Aldrians Erziehung übernahm.

Er nannte sich Alarion von Finsterland.

Er war ein Mann von stolzer Größe und schlanker Statur. Außergewöhnlich feine Züge zierten sein Gesicht. Zwei übernatürlich große und schöne blaue Augen gaben seinem Antlitz eine ganz be-sondere Ausstrahlung.

Er hatte langes, hellblondes Haar und trotz seines scheinbar fortgeschrittenen Alters von ca. 40 Jahren hatte er keinerlei Anzeichen eines Bartes in seinem Gesicht.

Auch sonst war keine Körperbehaarung an ihm zu entdecken, was den Steppenwäldlerinnen wiederum zu reichlichem Gesprächsstoff verhalf.

Dennoch war er trotz seiner Größe sehr sehnig und gewandt wie kein anderer in Steppenwald.

Auch im Umgang mit Pfeil und Bogen war er unschlagbar, was sich bei der Jagd und dem jährlichen Schützenfest immer wieder bestätigte.

Da er ein Heil- und Pflanzenkundiger und zudem ein äußerst geschickter Jäger war, holte man oftmals Rat und Tat von ihm. Er verfügte über offenbar unendliche Weisheit, in wahrlich vielen Dingen.

Während der siebzehn Jahre Erziehung brachte er Aldrian alles an Wissen bei, was in diesem Zeitraum möglich war.

Aldrian war ein gelehriger Schüler und hatte nebenbei noch reges Interesse an Erzen, der Schmiedekunst, den Sternen und der Kenntnis von fremden alten Sprachen.

Außer Alarion, den er Onkel nennen durfte, kannten die Schrift nur wenige Bewohner von Steppenwald.

Aldrian wuchs zu einem gebildeten Krieger heran, dem es an Geschick in der Waffenkunst ebenso wenig mangelte wie in den bekannten Wissenschaften.

Er selbst verspürte in sich eine wundersame Kraft und Leidenschaft, die er nicht zu erklären wusste.

Auch seine Liebe zum Flötenspiel und zum melodischen Gesang hatte er anscheinend von seinem Onkel geerbt.

Doch da war noch etwas anderes, tief in seinem Innersten, das er nicht zu beschreiben vermochte.

Oftmals hatte er seltsame Träume von fremden Orten und Wesen, die er noch niemals zuvor gesehen hatte.

In seinen Träumen war er meist ein weiser und mächtiger Krieger, der, von Heerscharen manch seltsamer Wesen begleitet, große Schlachten schlug.

Sein Onkel Alarion lächelte stets, wenn Aldrian von seinen heldenhaften Träumen erzählte.

Im Gegensatz zu seinem Onkel hatte Aldrian einen stattlichen und ungewöhnlich starken Bartwuchs.

An Körpergröße war Aldrian seinem Onkel jedoch etwas unterlegen. Dafür hatte er einen stärkeren Körperbau und eine sehr kräftige Muskulatur, die er bei seinen Schmiedearbeiten zum Einsatz bringen konnte.

Aldrian hatte schöne große Augen und hellblonde Haare, die er wie sein Onkel gern lang trug.

Was ihn jedoch deutlich von seinem Onkel unterschied, war sein künstlerisches Geschick und sein außerordentliches Talent in der Schmiedekunst von Waffen und Schmuckstücken jeder Art.

Auch Aldrian war ein äußerst geschickter Jäger und er respektierte jedes Tier, das er erlegte.

Er hatte Achtung vor allem Leben und er setzte sich oftmals in den späten Abendstunden in den Wald und lauschte den Stimmen der Tiere, die er nicht selten zu verstehen glaubte ...


***


Doch jetzt und heute ist Aldrians 22. Geburtstag und ein großes Fest steht bevor. Alle Bewohner von Steppenwald sind eingeladen und noch einige Vorbereitungen müssen getroffen werden.

Die Wildschweine hängen bereits über der heißen Glut, die Brote sind im Ofen und verbreiten einen köstlichen Duft.

Die unvergorenen Säfte aus gepressten Waldbee-ren und kühles Quellwasser stehen bereit.

Was noch fehlt, ist genügend Holz für das große Lagerfeuer, denn außer Aldrians 22. Geburtstag ist heute auch Sommersonnenwende und da ist ein Lagerfeuer die ganze Nacht hindurch der Brauch.

Aldrian und Alarion gingen gemeinsam in den Wald, um trockenes Unterholz zu sammeln und vor der Hütte aufzustapeln.

Es war nicht nur der Wald, der heute beunruhigend still war, auch Alarion sprach kaum ein Wort und war eher besonnen und irgendwie in unruhiger Anspannung versunken.

Während Aldrian zu einem stattlichen Mann heranwuchs, hatte sich Alarion in den letzten siebzehn Jahren nicht verändert, was allerdings nicht nur Aldrian aufgefallen war.

Alarion schien ein tiefes Geheimnis zu wahren, welches bis zu jenem Tag noch nicht gelüftet war.

Niemals erzählte er von seiner Vergangenheit und wenn er darauf angesprochen wurde, wusste er das Thema stets geschickt zu wechseln.

Als sie genug Holz gesammelt und gebunden hatten, machten sie sich mit Alarions Pferd Flüsterwind zurück auf den Weg zur gemeinsamen Behausung.

Inzwischen waren fast alle Gäste eingetroffen.

Alle hatten neben Kuchen und anderen Köstlichkeiten auch vielerlei Geschenke und jede Menge Brennholz mitgebracht, welches sie auf dem Weg hierher gesammelt hatten.

Es musste nicht viel gesagt werden, denn Jahr für Jahr wurde hier gefeiert, und jeder kannte seine Aufgabe genau.

Die Frauen kümmerten sich nun um die Wildschweine und um das Brot, welches inzwischen eine bedenkliche, jedoch noch akzeptable Bräune erreicht hatte.

Da es ein wunderschöner Tag war, wurden alle Tische und Bänke im Freien aufgestellt.

Die Männer und Heranwachsenden scharten sich um die Feuerstelle und jeder wusste besser als der andere, wie man es zum Lodern bringt.

Einige Männer hatten auch ihre Instrumente mitgebracht und es wurde bereits in fröhlicher Manier musiziert.

Als Aldrian und Alarion eintrafen, war die Begrüßung und Gratulation von rührendem Ausmaß.

Es war der Brauch, dass der Gastgeber den Tanz eröffnete.

Unter all den Schönheiten des Waldes wählte sich Aldrian die Tochter des Händlers Garf zum Tanz, deren klangvoller Name Layrah war. Ihre Schön-heit war bis über die Grenzen von Steppenwald hinaus bekannt.

Sie hatte langes, gelocktes und rotbraunes Haar. Dazu strahlten wunderschöne grüne Augen, die in ihrem fast bleichen Gesicht wie zwei lebende Edelsteine wirkten.

Ihr Frohsinn und ihre Weiblichkeit wirkten wohl so berauschend, wie es von jenen gegorenen Getränken gesagt wurde, welche Aldrian jedoch auf den Rat seines Onkels immer gemieden hatte.

Dennoch befand sich auch etwas Verborgenes in Layrahs Augen. Tief in ihrer Seele schien sie etwas in sich zu tragen, wofür Aldrian keine Worte fand.

Dies war jedoch schon immer der Grund, warum Aldrian in Layrah nur eine schöne Bewohnerin des Waldes sah. Denn Layrah war auch für ihre Launen und ihre Boshaftigkeit nicht unbekannt in Steppenwald.

Es waren jedoch ihre Augen, ihr Frohsinn und ihre Weiblichkeit, die einen Mann verzaubern konnten.

Alarion spielte vergnügt auf seiner Flöte und tanz-te äußerst galant im Takt dazu, was die Bewunderung aller Frauen auf sich zog.

Nach und nach tanzten fast alle Gäste, und das Fest nahm seinen Lauf.

Plötzlich stellte sich der Schmied auf einen Tisch und rief mit seiner rauen Stimme lautstark in die Menge:

„Wenn hier jemand Geburtstag hat, dann komme er zu mir!“

Die Stunde der Geschenke war angebrochen und Aldrian zeigte sich in fast beschämter Zurückhaltung, bis ihn einige Gäste in die Richtung des Tisches drängten.

Der Schmied zeigte auf ein langes Lederbündel und sprach zu Aldrian mit Neugier erweckender Stimme:

„Dies ist für dich, mein junger Freund, es ist ein altes Meisterstück, das laut Legenden von Zwergen geschmiedet wurde.“

Langsam und mit Spannung rollte Aldrian das Le-der auf.

Er und einige Umherstehende mussten sich plötz-lich die Augen abdecken.

Was da zum Vorschein kam, war nichts Geringeres als ein meisterlich geschmiedetes Schwert, das im grellen Schein der Sonne strahlend reflektierte.

„Der Name dieses Schwertes lautet Draglor. Es ist eine einmalige Arbeit, die nach einem geheimen Verfahren scheinbar von einem meisterlichen Zwerg geschmiedet wurde. Was jedoch die vielen Zeichen auf der Klinge bedeuten, kann ich dir bei bestem Willen nicht erklären“, berichtete der Schmied. Dazu gehörten auch eine kunstvolle Scheide und ein schön verzierter Gürtel.

Das Schwert lag Aldrian wie angepasst in den Händen und er bewegte sich damit so vertraut, als hätte er es von Geburt an geführt.

Die Zeichen auf der Klinge waren eindeutig altzwergische Runen, die jedoch selbst Onkel Alarion nicht genau entziffern konnte.

„Hier steht etwas von besonderer Machart und kraftvoller Energie, die diesem Schwert wohl innewohnt. Den Rest kann ich jedoch nicht genau entziffern“, gab Alarion zu.

Nun trugen auch die anderen Gäste ihre Geschenke herbei, und Aldrian traute seinen Augen nicht.

Da waren kunstvolle Stiefel aus weichem Wildleder und dazu passend eine Hose mit Weste.

Auch Schalen wurden herbeigetragen und anderes getöpfertes Geschirr in Hülle und Fülle.

Seine Tanzpartnerin steckte ihm einen wunderschönen goldenen Ohrring an, den ihr Vater von einem fremden Zauberer als Gegenleistung für ein großes Stück allerbestes Rauchfleisch eingetauscht hatte.

Ein kurzer stechender Schmerz durchfuhr ihn, als Layrah den Ring an sein Ohr heftete.

Er war von kunstvoller Machart und mit seltsamen Zeichen verziert, die jedoch keiner Schrift entsprachen, die er jemals zuvor gesehen hatte.

Als er in Layrahs Augen sah, war der Schmerz jedoch sofort vorüber.

Als Nächster trat Alarion hervor und übergab ihm eine gewickelte Rolle aus prächtigem Wolfsfell.

„Mach es auf“, sagte Alarion mit verheißungsvoller Stimme.

Die Gäste warteten voller Ungeduld, denn Alarion war für Überraschungen bekannt.

Aldrian wickelte den Wolfspelz langsam auf und der Pelz nahm immer mehr die Form eines edel gearbeiteten Mantels an.

Es war jedoch nicht der Mantel allein, der die Aufmerksamkeit auf sich zog.

Im Innern verbarg sich einen Bogen aus den Hörnern eines Gublons, einer jener Büffel, die alle 7 Jahre ihr prachtvolles Gehörn verlieren, welches bestens zur Erstellung von meisterlichen Bögen geeignet ist.

Seltsam war jedoch, dass seit vielen Jahrzehnten niemand mehr einen Gublon gesehen hatte und die Menschen aus Steppenwald diese Bögen nur aus den alten Legenden kannten.

Es wurde auch erzählt, dass es nur die geschicktesten Elfen aus frühen Zeiten verstanden, die beiden Hörner zu verbinden und dazu spezielle Sehnen drillten, um diese Bögen zu bespannen.

Ein erstauntes Raunen ging durch die Menge. Nicht nur entsprach dieser Bogen genau den Beschreibungen der Ältesten, nein, er war auch von solcher Schönheit, dass beinahe Neid unter manchen Gästen aufkam.

Auch ein Köcher mit Gurt und vielen kunstvoll gearbeiteten Pfeilen war in dem Mantel verborgen.

Niemand aus der Menge traute sich zu fragen, woher dieser Bogen wohl stammte. Eines war jedoch ganz klar, es war ein kunstvolles Meisterstück!

Alarion trat hervor und sprach mit nachdrücklichen Worten: „Spanne diesen Bogen!“

Aldrian benötigte all seine Kraft, um die Sehne an ihr Ziel zu führen.

„Schieß nun auf diesen dünnen Pfahl, der dort hinten auf der Lichtung steht. Triff den hellen Punkt, den man in der Mitte sehen kann!“, forderte Alarion.

Über Aldrians Wangen kam ein ungläubiges Lächeln.

Der genannte Pfahl war so weit entfernt, dass ein gewöhnlicher Bogen ihn wohl nicht erreichen konnte, auch nicht bei Rückenwind!

Zudem konnte Aldrian den genannten hellen Punkt auch bei größter Anstrengung seiner ausgezeichneten Augen nur sehr vage erkennen.

Als Alarion sein Zögern bemerkte, sagte er: „Worauf wartest du? Willst du etwa, dass sich der Pfahl zu dir bemüht?“

Ein Lachen ging durch die Menge und Aldrian fühlte sich etwas beschämt.

Voll Zorn spannte er kraftvoll den Bogen und legte auf den Pfahl an.

Man hörte nur ein pfeifendes Schwirren in der Luft und beinahe zeitgleich das Brechen von Holz.

„DAS IST ES! Nun bist du ein Mann“, rief Alarion laut. Es war ein meisterlicher Schuss, mit einem meisterlichen Bogen.

Alarion rannte los und holte den Pfahl zu den Gästen. Der Pfeil durchdrang genau die helle Stelle, welche nicht größer als die Handfläche eines kleinen Kindes war.

Ein erstauntes Raunen ging durch die Menge.

Holdron der Jäger fragte Aldrian, ob er auch einen Pfeil versuchen dürfe, um einen nahe stehenden abgestorbenen Baum zu treffen.

Natürlich willigte Aldrian freundlich ein, doch Holdron konnte den Bogen nicht spannen, ganz gleich, wie sehr er sich auch bemühte.

Nach einigen Fehlversuchen sagte dann auch er: „Wahrlich, mein Freund, nun bist du ein Mann!“

„Auch ich habe ein Geschenk für dich“, betonte Holdron voller Spannung und reichte Aldrian ein wunderschönes Messer mit lederner Scheide, welches sowohl zum Wurf als auch zum Schnitt bestens geeignet war.

Aldrian stieg nun selbst auf den Tisch und sprach zu allen Freunden und Bekannten von Steppen-wald:

„Habt Dank, meine lieben Freunde. Ich weiß nicht, wie ich mich bedanken soll, für all diese wunderbaren Geschenke!“

„Ich hätte da schon eine Idee! Spiele uns eines deiner wundersamen Lieder auf deiner ebenso wundersamen Flöte“, neckte Rupplin, der jüngste Sohn des Schmieds, der auch ein guter Freund von Aldrian war.

Natürlich stimmte Aldrian mit Freude zu, denn er tat nichts lieber, als voller Freude und Leidenschaft auf seiner Flöte zu spielen.

Die Gäste waren entzückt und begannen wieder mit fröhlichem Tanz. Auch die anderen Musikanten konnten sich nicht mehr halten und stimmten beschwingt mit ein.

Plötzlich rief Alarion mit lauter Stimme: „Haltet ein, ich höre eine Kutsche mit zwei Pferden!“

Außer Alarion hörte jedoch niemand etwas, doch schon bald sollte seine Aussage sich bestätigen.

“Wartet, wartet, meine Freunde, ich musste noch etwas besorgen!“, rief eine alte und tiefe Stimme.

Es war Norion, der wohl älteste Bewohner von Steppenwald. Er war noch außerordentlich rüstig und geistig rege für sein ersichtlich hohes Alter, über das er nie genaue Auskunft gab.

„Wo ist Aldrian?“, fragte er hastig.

„Hier bin ich“, antwortete der.

„Bei uns hier in Steppenwald gehört man ab dem 22. Lebensjahr zu den Erwachsenen. Zu diesem Anlass wollte ich dir ein würdiges Geschenk überreichen. Da, nimm schon, mein Freund“, drängte Norion und übergab Aldrian einen ledernen Schnürbeutel.

Voller Spannung warteten die Gäste auf den Inhalt. Auch Alarion war sichtlich gespannt.

Aldrian öffnete den Beutel, und es befand sich eine handgeschnitzte hölzerne Pfeife darin, die im Pfeifenkopf mit Ton beschichtet war.

Dabei lagen ein Stopfer und jede Menge Tabak, der sehr kostbar – und in dieser Gegend nicht erhältlich war, was wohl auch die Verspätung von Norion erklärte.

„Nun komm schon, junger Mann, stopf dir ein Pfeifchen!“, rief Norion mit einem beinahe verschmitzten Lächeln.

„Nun denn, lieber Freund, ich will es versuchen“, erwiderte Aldrian erwartungsvoll.

Er stopfte zur Verwunderung aller Anwesenden die Pfeife so gekonnt, als ob er sein Leben lang nichts anderes getan hätte.


Er griff sich einen Ast aus dem Feuer und steckte die Pfeife an.

Mit vollen Zügen genoss er das Aroma des Rauches. Norion und Alarion waren sehr verwundert. Norion hatte ein kräftiges Husten erwartet und Alarion wusste, dass Aldrian noch niemals zuvor den Rauch von Tabak inhaliert hatte.

„Zur Heilung gibt es etwas her, doch rauchen sollte man dieses Kraut lieber nicht, nein, rauchen sollte man es wahrlich nicht“, betonte Alarion.

Norion sagte nur: „Spielverderber.“ Er hatte sich so sehr auf den sonst üblichen Hustanfall gefreut, den jeder Anfänger üblicherweise bekommt.

Nur Zwerge sollen laut alten Legenden niemals husten, wenn sie ihr erstes Pfeifchen rauchen.

Doch schließlich war Aldrian kein Zwerg, auch wenn er den kräftigsten und schönsten Bart von ganz Steppenwald besaß.

Aldrian freute sich sichtlich über das Geschenk, was Norion trotz des ausbleibenden Hustens sehr beglückte.

„Das Essen ist bereit!“, rief Ladaya aus dem Hintergrund. Sie war die Tochter des Waldwirtes und mit der Zubereitung von Speisen bestens vertraut.

Aldrian verzog sich in die Hütte und schmückte sich mit allen Geschenken, die man am Körper tragen konnte. So war es der Brauch seit vielen Generationen in Steppenwald.

Mit seinen Stiefeln, den ledernen Kleidern, dem Wolfsmantel und all den Waffen, nicht zu vergessen dem Ledersack mit Pfeife und Zubehör, wirkte er wie ein stattlicher Krieger oder gar wie ein jun-ger Prinz.

Die Gäste bewunderten ihn sehr und auch Alarion sah ihn mit würdigenden Blicken an, so, wie man einem Edelmann huldigt.

„Wie soll ich nur essen, mit all diesen Dingen an meinem Leib?“, fragte Aldrian mit ernster Sorge in der Stimme.

Die Gäste konnten das Lachen nicht unterdrücken, und bald war der würdige Auftritt vergessen. Alle widmeten sich dem reichlichen Mahl und den kühlen Getränken.

Da einige der mitgebrachten Getränke vergoren waren, brach bald eine gelassene Heiterkeit aus.

Nur Alarion schien noch immer nicht in Stimmung zu sein und kümmerte sich derweilen um das große Feuer.

Alte Geschichten wurden ausgegraben und natürlich auch einige über Aldrian.

Gesprochen wurde von Aldrians Geschick bei der Jagd und seinem vertrauten Umgang mit allen Tieren in Steppenwald.

Sein Talent in der Waffenkunst war weit bekannt.

Regelmäßig übte er die verschiedensten Kampftechniken mit den unterschiedlichsten Waffen.

Auch sein Wissen über alten Schriften, Sterne und Mineralien kamen voller Achtung zur Sprache.

Selbst in der Heilkunde war er äußerst versiert. Er heilte mit der Unterstützung seines Onkels schon so manche Bewohner von Fieber und Verletzungen.

Seine Hilfsbereitschaft in allen Dingen trug zu seiner Beliebtheit bei. Doch auch sein aufgewecktes und humorvolles Wesen, das von einer erstaunlichen Weisheit begleitet war, sorgte für große Zu-neigung unter allen Steppenwäldlern.

Als Aldrian den schmeichelnden Worten lauschte, wurde ihm eines bewusst. Ohne seinen Onkel Alarion wäre er nicht derselbe junge Mann geworden, der er heute war.

Alarion war in den letzten siebzehn Jahren mehr als nur ein Onkel für ihn gewesen. Er war sein Lehrmeister in vielen Dingen, ein guter Freund und beinahe wie ein leiblicher Vater.

Ja, wer mochte wohl sein Vater sein, dieser Gedanke bewegte ihn von Kindheit an.

Doch auch seine Mutter Loana hatte er niemals vergessen. Er wollte als Kind kein Trauerfest, da er der festen Überzeugung war, dass seine Mutter noch am Leben wäre.

Dies glaubte er damals und bis heute hatte sich daran nichts geändert.

Seine Mutter war eine wunderschöne Frau, von sehr großer, schlanker Statur. Über ihre Herkunft wussten die Steppenwäldler jedoch nichts, da ihre Hütte die erste in ganz Steppenwald gewesen war und sie selbst nie über ihre Vergangenheit sprach.

Die Ähnlichkeit zu Onkel Alarion konnte jedoch niemand im Dorf leugnen.

Dies war auch der Grund, warum von Beginn an niemand die Verwandtschaft von Alarion angezweifelt hatte.

„Ja, wo mag meine Mutter wohl sein?“, sprach Aldrian leise vor sich her.

Ein lautes Rülpsen von Norion, dem offenbar Ältesten, rüttelte Aldrian aus seinen tiefen Gedanken. Schließlich hatte er heute Geburtstag und wollte weiter den Worten der Gäste lauschen.

Redensführer war währenddessen eindeutig Norion geworden, der ebenso eindeutig zuviel von dem vergorenen Traubensaft getrunken hatte.

Er erzählte die folgende Geschichte, die bisher nur wenige kannten:

„Wisst ihr eigentlich, warum euere Familien nach Steppenwald gezogen sind? Es ist nicht allerorts so friedlich, wie es hier in Steppenwald ist. Es gibt Orte, die wahrlich fruchtbarer sind als die kargen Böden hier. Schon seit vielen Generationen wurden die Menschen gejagt, geplündert und versklavt! In den fruchtbaren Tälern in der Nähe von Hohrat ist dies selbst heute noch so. Auch in anderen Gegenden herrscht noch immer kein Frieden“, betonte Norion lautstark und sprach nach einer kurzen Pause weiter:

„Unsere Vorfahren zogen die Armut vor, um endlich in Ruhe zu leben. Daher sind viele hierher nach Steppenwald gekommen, um Zuflucht und Frieden zu finden. Der Vater meines Großvaters wusste noch Geschichten vom Volke der schrecklichen Vylaner zu berichten, welche sich mit den Ogern, Cwards und den Golems verbündeten.

Diese zogen aus, um den Zwergen die Schätze und die Waffen zu rauben. Von den Elfen raubten sie die Frauen und verkauften sie als Sklavinnen. Von den Menschen stahlen sie fast die gesamten Ernten, sodass alle in größter Not leben mussten! Die Heerscharen der Vylaner und ihrer Verbündeten waren einfach zu mächtig, zu viele, als dass die einzelnen Völker hätten Widerstand leisten können. Die Weisen jener Zeit sprachen von einem heiligen Bündnis unter den Elfen, den Zwergen und den Menschen. Ein Fremder von königlichem Blute, aus einer fernen Zeit, sollte dieses Wunder vollbringen und alle Völker einigen, ha, ha, nur leider kam dieser Fremde nie und die Knechtschaft betrifft heute noch viele! Nur hier in Step-penwald ist Ruhe eingekehrt, da es bei uns nichts zu holen gibt, ha, ha, ha.“

Ein großer Schluck aus Norions Krug folgte und kurz darauf ein lautstarkes Rülpsen, das an das Brunftritual der Elche erinnerte.

Neugierig gesellte sich nun auch Alarion wieder zu den Gästen, um Norions Worten zu lauschen.

„Nehmt seine Worte nicht so genau“, bemerkte Claria, die Norion schon seit langem kannte.

Norion ließ sich jedoch nicht beirren und sprach weiter.

„Elfen, Zwerge und Menschen vereinen, ha, dass ich nicht lache! Die Elfen trieben zwar Handel mit den Zwergen, doch mochten sie deren unreines und vulgäres Benehmen nicht. Zwerge arbeiten stets am offenen Feuer und verbreiten daher oft üble Gerüche von Rauch, Schweiß und Schwefel in ihrer nächsten Umgebung. Nur ihre Bärte pflegen sie mit Achtung und Sorgfalt, so sagten die Elfen. Doch ihre Schmiedekunst war es, die den Elfen gefiel und die schon so manches wundersame Schwert und andere kunstvolle Dinge erschaffen hat. Es soll Zwergenmeister gegeben haben, die wahre Wunder vollbringen konnten. Zudem verbindet Zwerge und Elfen auch noch die Kunst der Magie, auch wenn sie auf anderen Grundlagen beruht.

Die Zwerge ihrerseits mochten die Elfen nicht so recht, da sie äußerst reinlich waren. Und die Elfen hatten keine Bärte, was den Zwergen äußerst befremdlich war. Fast wie Weiber sehen sie aus, be-haupteten einst die Zwerge. Die durchschnittliche Größe eines Elfen betrug ein gutes Drittel mehr als die eines Zwerges, was den Zwergen ebenfalls missfiel. Achtung hatten die Zwerge allerdings vor der elfischen Zauber-, Heil- und Kampfkunst. Übrigens sagt man den Elfen nach, dass sie unendlich alt werden sollen. Sie altern bis zu ihrem zwanzigsten Lebensjahr ganz normal, danach jedoch scheint ein Stillstand einzutreten. Erst nach Jahrhunderten soll sich ihr Äußerliches langsam verändern, wobei >langsam< wörtlich zu nehmen ist. Durch ihr hohes Alter erlangen sie eine unver-gleichliche Weisheit, die ihnen andererseits gleichzeitig beinahe angeboren scheint. Ihr Wissen über Kräuter und andere Dinge in der Natur half den Zwergen auch schon oft, wenn sie erkrankt waren“, gab Norion zu verstehen und nahm einen weiteren Schluck von seinem Getränk. Er rieb sich seine knollige rote Nase und erzählte weiter:

„Auch Zwerge werden mehrere Jahrhunderte alt. Wie alt genau, vermochte noch niemand zu sagen. Doch die Weisheit der Elfen erreichen sie laut Aussagen nur selten. Es ist zudem nicht bekannt, ob jemals ein Elfengreis existiert hat oder nicht. Dies erzählte mir der Vater meines Großvaters!“

„Ach, was erzählt der nur wieder, alles Märchen und alte Legenden“, war aus dem Hintergrund zu hören.

Doch Norion ließ sich nicht unterbrechen und sprach voller Überzeugung weiter.

„Die Menschen wiederum liebten das Musikspiel und die Schönheit der Elfen. Es wurde schon berichtet, dass gemischte Ehen eingegangen wurden, Genaueres weiß ich jedoch darüber nicht. Menschen und Elfen wären also denkbar leicht zu verbünden, so glaube ich wenigstens. Nur die menschliche Gier und der kriegerische Zorn der Menschenvölker gaben den Elfen schon immer zu denken. Auch die Vylaner sind ein Menschenvolk, wodurch sich die Elfen in ihrem Urteil bestätigt sehen. Jedoch kommen die Vylaner aus dem ho-hen Norden und sind ein eigenes und rückständiges Menschenvolk, das nur vom Plündern und Versklaven lebt. Es gibt dieses Volk noch heute! Es wurde sogar davon berichtet, dass sie ihre Gefangenen essen sollen, wenn gerade nichts anderes vorhanden ist! Doch die Elfen wussten natürlich auch, dass nicht alle Menschen gleich sind. Den Gedankenaustausch mit Weisen und Zauberern aus dem Menschenvolk schätzten die Elfen sehr. Man erzählt sich sogar, dass Elfen schon so manchem Magier oder Heilkundigem von ihrer Zauberkunst erzählten und dass sie ihre Zauberkünste teilten, wenn der betroffene Mensch die Macht der Magie in sich trug.

Die Zwerge trieben hingegen schon lange regen Handel mit den Menschen und schätzten deren Güter seit Gedenken. Nur das Geschwätz über ihre Kleinwüchsigkeit und über ihre langen Bärte war den Zwergen von Anbeginn an ein Ärgernis. Die Menschen ihrerseits schätzten die Werkzeuge und Waffen sowie den geschmackvollen Tabak der Zwerge sehr. Ihre Belustigung über deren Größe konnten sie jedoch noch nie leugnen.“

„Ja, ja, die kleinen bärtigen Zwerge, davon hat doch schon jeder einmal gehört. In Steppenwald soll sogar vor vielen Jahren eine kleine Sippe für kurze Zeit gelebt haben. Es hieß, sie wären auf der Flucht gewesen und hätten hier überwintert. In der Nähe von Auenlicht sollen sie gehaust haben“, unterbrach Harion der Barbier.

Norion hörte zu und sprach dann weiter.

„Wer soll bei all diesen Verschiedenheiten und bei all der Zwietracht diese Völker vereinigen? Wer soll denn wohl dieser arme König sein, der vor diese schier unlösbare Aufgabe gestellt werden soll, ha, ich will mit dem nicht tauschen! Und zudem, wer weiß denn schon, was dran ist an den alten Legenden? Es wird zwar erzählt, dass Elfen und Zwerge noch existieren sollen, doch so recht weiß das doch niemand. Auch die gemeinen und feigen Cwards sollen noch in kleinen Stämmen leben. Selbst die riesenhaften Oger sollen noch außerhalb von Steppenwald gesehen worden sein ... Ach diese alten Geschichten, ja, ja ...“

Norion nahm noch einen kräftigen Schluck aus seinem neu aufgefüllten Krug und sein folgender Rülpser hätte so manche Elchkuh in größte Entzückung versetzen können.

Dann sank sein Kopf auf den Tisch, und sägeartige Laute folgten in regelmäßigen Abständen.

Einerseits waren die Gäste froh, dass nun endlich Ruhe war von den alten Geschichten. Andererseits war so mancher neugierig geworden, und einige schwatzten noch eifrig darüber.

Einige der Frauen tuschelten darüber, dass Alarion nach Norions Beschreibungen einem Elfen nicht unähnlich war, ganz im Gegenteil.

Als Alarion dies hörte, sagte er kurz und staubtrocken:

„Aber Elfen haben doch spitze Ohren.“

Und alle konnten sich vor Lachen kaum noch auf den Bänken halten. Selbst Alarion konnte sich ein seltsames Lächeln nicht verkneifen.

Nur Aldrian war nun etwas nachdenklich geworden, denn unter Alarions dichter Haarpracht waren wahrlich zwei Ohren verborgen, die man nicht gerade als rund bezeichnen konnte. Da dies die anderen Gäste jedoch nicht wussten, wollte Aldrian darüber schweigen, was wiederum für seine Weisheit sprach.

Als Aldrian einen fragenden Blick zu seinem Onkel warf, kam ihm ein fast ängstlicher Blick entgegen und Aldrian wollte nun die Angelegenheit auf sich beruhen lassen.

„Mein Onkel ein Elf, wie kann ich nur so etwas glauben?“, sprach er leise vor sich hin.

Nach und nach wurden die Gäste müde, und auch das Feuer war nur noch ein großer Haufen roter Glut, aus dem nur ab und an ein paar kleine Flammen züngelten.

Einige der Gäste wollten bleiben und in der wunderschönen Nacht an der Glut unter den Sternen schlafen. Andere taten sich zusammen, verabschiedeten sich und machten sich gemeinsam auf den Weg.

Viele lagen bereits schlafend auf den Bänken oder unter den Tischen. Alarion holte Decken aus dem Haus und wickelte die Frühschläfer behutsam ein. An die anderen Gäste verteilte er auch Decken und Kissen, die zur Genüge vorhanden waren.

Es war ein gelungenes Fest, soviel war sicher.

Das Essen und alle Getränke waren bis auf einen kleinen Rest vollständig verzehrt.

Aldrian verspürte eine tiefe Zufriedenheit. Zusammen mit anderen noch wachen Gästen half Aldrian seinem Onkel, die gröbsten Unreinheiten zu beseitigen.

Als alles getan war, wollte Alarion sich noch die Beine vertreten und ging allein in den Wald. Etwas schien ihn heute ganz offensichtlich zu bedrücken.

Aldrian nahm sich eine der noch übrigen Decken und setzte sich in die Nähe der großen Glut, die sicher noch bis in den Morgen glimmen würde.

Nach und nach versanken alle in tiefen Schlaf, nur Aldrian konnte keine Ruhe finden.

Die Ereignisse des Tages gingen ihm durch den Kopf. Solch schöne Geschenke hatte er nicht einmal in seiner kühnsten Fantasie erwartet. Und dieser unübertreffliche Bogenschuss, ob der wohl Zufall war? Aldrian trug noch all seine Geschenke am Leib und war sehr stolz darauf.

Er beobachtete die aufsteigenden Funken der Glut und verfolgte ihren Flug in Richtung Sterne.

Plötzlich hörte er in der Ferne das Wiehern eines Pferdes und den Klang vieler Hufschläge.

Dieser Sache musste er einfach auf den Grund gehen.

Das Wiehern kam eindeutig aus Richtung Auen-licht, wo der geheimnisvolle Steinkreis stand.

Langsam schlich Aldrian immer weiter weg vom Haus und immer näher in Richtung Auenlicht.

Nun konnte er es sehen: Es war ein weißer Hengst, der in Begleitung von sechs Stuten war!

Es war ein prachtvolles Tier von unbeschreiblicher Schönheit und Anmut.

Als der Hengst Aldrian bemerkte, lief er stolz auf ihn zu und neigte seinen Kopf vor ihm. So, als ob er seine Hochachtung ausdrücken wollte.

Aldrian näherte sich mit behutsamen Bewegungen und sprach dem prachtvollen Tier mit ruhigen Worten zu.

Der Hengst bewegte sich nicht von der Stelle und Aldrian konnte ihn berühren. Er schien zahm zu sein, doch in seinen großen Augen glänzte ein Licht wilder Natur und zügelloser Kraft.

Aldrian näherte sich der Seite des Tieres, und die Stuten wichen zurück. Der Hengst blieb jedoch völlig regungslos stehen und harrte der Dinge, die da geschehen würden.

Aldrian ging bis an das Äußerste und sprang auf den Hengst, der kurz zusammenzuckte und sich schüttelte. Aldrian saß auf und der Hengst ließ ihn gewähren.

Jedoch nur kurz, wie sich schnell herausstellte.

Blitzartig bäumte der Hengst sich auf und rannte los. Aldrian klammerte sich an der Mähne fest, was den Hengst noch rasender zu machen schien. Er rannte und rannte und die Stuten immer hinter ihm her. Die Richtung, die er einschlug, war eindeutig: Er rannte direkt auf den Steinkreis von Auenlicht zu.

Was sollte Aldrian tun? Sollte er abspringen? Mit Sicherheit wäre der Hengst dann für immer verloren und garantiert wären einige seiner Knochen gebrochen.

Er überlegte nicht weiter und hielt sich fest, so gut er nur irgend konnte.

Der Hengst rannte in vollem Galopp auf den Steinkreis zu, es waren nur noch wenige Meter – was würde wohl geschehen?

In der Mitte des Großen Steinkreises schien sich eine Wasservertiefung gebildet zu haben, die ebenfalls die Form eines exakten Kreises hatte.

Der Hengst galoppierte genau auf diese Stelle zu und dann ...


Alles nur ein Traum


 


Aldrian schwanden die Sinne.

Nach einiger Zeit verspürte er die warmen Strahlen der Morgensonne in seinem Gesicht.

„Ist dies nur wieder einer meiner seltsamen Träume?“, fragte er sich leise.

Vorsichtig öffnete er seine Augen. Um ihn herum war jedoch nicht das Lagerfeuer, sondern tatsächlich der Steinkreis von Auenlicht.

„Abgeschmissen hat er mich“, stammelte Aldrian halblaut vor sich her. Er rieb sich die Augen und wischte instinktiv seine Kleidung ab, die jedoch keineswegs verschmutzt war.

Er richtete sich auf und stellte zu seinem Erstaunen fest, dass der Steinkreis vollständig war.

Seit seiner Kindheit fehlten einige der kleineren Steine, die Gerüchten zufolge von den Bewohnern von Steppenwald zum Hausbau verwendet worden waren.

Was war hier geschehen? Wer mochte diesen Kreis vervollständigt haben, von dem niemand wusste, wer ihn eigentlich erbaut hatte und welchem Zweck er diente?

Etwas stimmte hier ganz offensichtlich nicht.

„Onkel Alarion wird sicher eine Antwort wissen“, brummelte Aldrian in seinen prächtigen Bart und machte sich auf den Weg in Richtung seiner Behausung.

Dass die scheinbare Wasservertiefung in dem vollständigen Steinkreis nicht mehr vorhanden war, stimmte ihn ebenfalls sehr nachdenklich.

Als er wenige Schritte gegangen war, hörte er wie-der jenes bekannte Wiehern, das ihn in diese missliche Lage gebracht hatte.

Der weiße Hengst war wieder vor ihm und lief so auf ihn zu, als ob die beiden seit Jahren die besten Gefährten wären. Von den Stuten war nichts zu sehen.

Wieder verbeugte sich der Hengst anmutig und wieder ließ er Aldrian aufsitzen.

Aldrian befürchtete schon das Schlimmste, doch der Hengst blieb diesmal ruhig und war folgsam.

Aldrians Verwunderung wuchs mit jedem Augen-blick.

Je weiter Aldrian ritt, desto fremder kam ihm die Umgebung vor. Es gab keinen Zweifel, dass er in Steppenwald war, doch alles sah etwas anders aus, als er es in Erinnerung hatte.

Da standen Bäume, die ihm zuvor noch niemals aufgefallen waren, und an anderer Stelle fehlten welche.

Zudem schien der alte Weg nicht ganz der gleiche zu sein. Er wirkte schmaler und war voller Hufspuren, die hier sonst sehr selten waren.

Doch was ihm am sonderbarsten vorkam, war die Tatsache, dass die Laubbäume bereits buntes Blattwerk trugen und dass es trotz der Sonnen-strahlen bereits sehr kalt geworden war.

Doch was macht das schon aus, dachte er sich, denn schließlich hatte er den Wolfsmantel von Onkel Alarion an, der selbst in kalten Wintern für genügend Wärme sorgen würde.

Nun war es nicht mehr weit bis zum Haus und er konnte bereits den Rauch des Feuers riechen.

Doch als er in die Nähe der Hauslichtung kam, traute er seinen Augen nicht: Das Haus war weg, scheinbar spurlos verschwunden!


Er zweifelte nun ehrlich daran, dass er erwacht war. Doch eines war sicher, das Feuer konnte er riechen und auch das Pferd unter ihm schien echt zu sein.

Da hier jedoch ersichtlich einiges nicht stimmte, stieg er vom Pferd und schlich sich in Richtung des Rauches, den er in unmittelbarer Nähe aufsteigen sah.

Um Geräusche zu vermeiden, ließ er das prächtige Tier zurück.

Er sah vier junge Männer um ein Lagerfeuer sitzen.

Sie sprachen in einem Dialekt, der ihn sehr an die seltsame Aussprache erinnerte, die auch Onkel Alarion verwendete, wenn er im Wald zu den Tieren sprach.

Die Männer waren mit Pfeil und Bogen bewaffnet und trugen lange Dolche, in schön verzierten Messerscheiden.

Sie waren anscheinend in seinem Alter, doch ihre Stimmen klangen seltsam hoch für junge Männer.

Nicht wie Frauenstimmen, jedoch ein seltsam fei-ner Klang war in ihren Stimmen deutlich zu hören.

Er ging näher heran, und plötzlich sagte einer der Fremden, welcher mit dem Rücken zu ihm saß: „Kommt ruhig näher und bringt auch euer Pferd mit.“

Aldrian war sehr verwundert, denn jenes Pferd, das ihn scheinbar in diese Situation gebracht hatte, stand über zweihundert Schritt entfernt.

Er holte das Pferd und ging langsam an das Lager-feuer.

Die Fremden hatten haarlose, schmale Gesichter mit genauso großen und wundersamen Augen, wie sie auch in seiner Familie vererbt wurden.

Die anscheinend jungen Männer hatten langes Haar und trugen darin an vielerlei Stellen dünne Zöpfe von besonderer Flechtweise, mit Perlen, Federn und anderen schönen Dingen verziert.

Alle hatten ein sehr angenehmes Aussehen, welches friedsam und weise anmutete. In ihren Augen schien sich jedoch ein Geheimnis zu verbergen.

Ein gefüllter hölzerner Becher stand bereits an einem freien Platz.

Einer der Fremden sprach plötzlich zu ihm:

„Setzt euch nun endlich nieder und trinkt, es ist ein guter Tee, der euere Gesundheit vor dem herannahenden Schneesturm schützen wird.“

„Was für ein Schneesturm? Es ist doch klares Wetter und mitten im Sommer“, erwiderte Aldrian verwundert.

Ohne auf seine Worte einzugehen, stellten sich die Fremden vor.

„Man nennt mich Andariom“, gab der Fremde zu verstehen, der ihn an die Feuerstelle eingeladen hatte.

„Ich höre auf den Namen Antarion, und das sind meine Brüder Avilon und Andorian“, sprach der Fremde zu seiner Linken.

Auch Aldrian nannte seinen Namen, obwohl er sicher war, dass dies nur ein Traum sein konnte.

Die Fremden musterten ihn genau. Es schien, als könnten sie Aldrian nicht recht einordnen; er entsprach irgendwie nicht den Wesen, die sie kannten.

„Es freut uns, dich kennen zu lernen, doch was tust du hier, allein mit deinem Pferd in diesem Wald?“, fragte Andariom.

Aldrian erzählte, dass noch gestern das Haus von ihm und seinem Onkel Alarion hier gestanden hatte! Er berichtete von der Feier mit den Bewohnern von Steppenwald und von dem Erlebnis mit dem Pferd und dem Steinring von Auenlicht, in dem er vor geringer Zeit erwacht war.

Den Fremden schienen ihre hellen Stimmen im Halse versunken zu sein, denn für geraume Zeit antwortete keiner der vier jungen Männer. Sie blickten ihn mit ihren großen Augen nachdenklich an.

Endlich sprach Andariom zu ihm und unterbrach die Stille.

„Ihr habt das Haar und die Augen eines Elfen, den Bart eines Zwerges, die Gestalt eines Menschen, doch verrückt scheint Ihr nicht zu sein. Auch wenn mir Eure Geschichte so wirr wie verfilztes Zwergenhaar vorkommt, hört sich die Auswahl Eurer Worte weise und bedacht an. Wenn Ihr wollt, könnt Ihr uns zu unseren Ältesten folgen. Vielleicht wissen sie Antworten auf Euere seltsame Geschichte.“

Aldrian willigte ein, auch wenn ihn die Worte des Fremden verwunderten.

Mal sprachen sie ihn mit >DU< und dann wieder mit >EUCH< an. Solche Redensformen kannte er nur aus sehr alten Überlieferungen der Elfen.

Noch immer hatte er einen Funken Hoffnung in sich, dass er nun gleich erwachen würde und alles nur einer jener bösen Träume wäre, die er schon öfter gehabt hatte.

Doch dieser Funke war so klein, dass er zu ver-glimmen drohte …

Aldrian setzte sich auf sein Pferd und wartete, bis die Fremden das Feuer gelöscht und das Trinkgeschirr in einem kleinen Bach gereinigt hatten.

„Auch dieser Bach war gestern noch nicht an dieser Stelle“, bemerkte er.

Schweigend und irgendwie anmutig zogen die vier Fremden los, Aldrian folgte ihnen.

Nach gut tausend Schritten sagte Aldrian plötzlich: „Ich kenne diesen Weg, er führt auf die Lichtung vor Norions Haus, unserem Ältesten hier in Steppenwald.“

Als sie an die genannte Stelle kamen, war dort tatsächlich eine Lichtung, doch von einem Haus war weit und breit nichts zu sehen.

Aldrians Stimmung erreichte einen Tiefpunkt und die vier Fremden sahen ihn fast bedauernd an.

Dass nun bald das kleine Birkenwäldchen kommen müsste, in dem immer schmackhafte Pilze wuchsen, erwähnte Aldrian erst gar nicht. Er war offensichtlich tief bedrückt und verstand die Welt nicht mehr.

Doch plötzlich sah er tatsächlich Birken. Birken, soweit das Auge blicken konnte! Aus dem Wäldchen schien über Nacht ein stattlicher Birkenwald geworden zu sein und Aldrian wusste nicht, ob er lachen oder weinen sollte.

Die vier Begleiter spürten seine Verzweiflung und Avilon sprach zu ihm: „Wir sind bald am Ziel, steig nun lieber ab von deinem Pferd, es kommt ein schwieriger Pfad.“

Aldrian folgte Avilons Ratschlag und ging nun zu Fuß neben seinem stolzen Hengst, für den er bereits eine gewisse Zuneigung empfand.

Sie kamen an das Felsmassiv von Irrlicht, das mitten aus Steppenwald herausragte und hohe Felswände hatte, die durch einen wunderschönen Wasserfall geziert wurden.

Der Fels führte das Schmelzwasser von dem Gebirge Grimmlaun, welches als sehr gutes Trink-wasser bekannt war.

Aldrian hatte sich von diesem Platz schon immer magisch angezogen gefühlt und dort seit seiner Kindheit Mineralien und Erze gesammelt.

Der Dorfschmied hatte schon früh Gefallen an Aldrians regem Interesse an diesen Dingen. Er lehrte Aldrian alles, was er selbst darüber wusste.

Aldrians Vorliebe für das Arbeiten mit verschiedenen Metallen war eines jener Dinge, die ihn von seinem Onkel Alarion unterschieden.

Alarion bewunderte jedoch das handwerkliche Geschick von Aldrian sehr. Selbst der Schmied war stolz auf Aldrians Arbeiten, die an Schönheit und Funktion sogar seine eigenen Arbeiten oftmals um Längen schlugen.

Doch Aldrian war nun hier, in einem scheinbaren Traum, der kein Ende zu nehmen schien.

Aldrian schwelgte tief in Gedanken, als er plötzlich einen eisigen Wind verspürte und ihm kräftige Schneeflocken in das Gesicht peitschten.

„Der Schneesturm hat uns erreicht, wir müssen uns beeilen!“, drängte Andariom.

Aldrian wunderte sich immer mehr über die Begleiter. Woher hatten sie zuvor gewusst, dass ein Schneesturm einbrechen würde?


Auch er selbst hatte ein ausgeprägtes Gespür für das Wetter, doch diese Fremden waren ihm darin offenbar deutlich überlegen.

Die Fremden eilten mit langen Schritten in Richtung des Wasserfalls von Irrlicht.

Dort angekommen blieb Andariom plötzlich stehen und legte eine Hand auf Aldrian, die andere auf Aldrians Pferd und murmelte einige Worte.

Es hörte sich an wie „Chaa ne wa enlawa“ oder so ähnlich. Was immer diese Worte auch bedeuten mochten, Aldrian hatte keine Gelegenheit mehr, darüber nachzudenken.

Der Schneesturm hatte nun seinen Höhepunkt erreichte und die Kälte nahm deutlich zu.

Die vier Begleiter eilten direkt auf den Wasserfall zu und verschwanden darunter. Aldrian zögerte kurz, dann nahm er sein stolzes Ross sanft an der Mähne und folgte den Begleitern durch den Wasserfall.

Auf der anderen Seite angekommen war sein Staunen vollkommen. Obwohl er gerade unter einem Wasserfall hindurchgegangen war, war nicht das geringste Zeichen von Nässe an ihm oder einem der anderen Begleiter zu sehen, auch nicht an seinem Pferd.

Wahrlich, dies konnte wohl nur ein Traum sein, ein Traum, der Aldrian einen bösen Streich zu spielen schien.

Auf der anderen Seite des Wasserfalls befand sich ein hoher und breiter Gang, der von außen jedoch nicht zu sehen war.

Nach einem kurzen Fußmarsch endete der Weg vor einer wunderschönen hohen Wand, die mit Zeichen verziert war. Die Zeichen erinnerten Aldrian an eine Schrift, welche die frühen Elfenvölker verwendeten.

Der Händler Garf aus Steppenwald hatte vielerlei alte Schriftrollen, welche Aldrian seit Kindheit an fasziniert hatten und die er schon früh zu studieren begonnen hatte.

Onkel Alarion wusste sehr viel über alte Schriften und Bräuche von den verschiedensten alten Völkern und brachte ihm all sein Wissen bei.

„Das ist eine Elfenschrift!“, rief Aldrian laut heraus.

Verwundert und überrascht sahen ihn seine vier Begleiter an. Dann trat Andariom vor die Wand und sprach mit konzentrierter Stimme Worte, die sich anhörten wie: „Bravane, Bravane, la waa, la waa, elirio av Bravane ...“

Diese Worte bewirkten, dass sich die dicke Felswand langsam verfärbte und schließlich unsichtbar wurde.

„Kommt, lasst uns gehen“, sprach Andariom mit gelassener Stimme. So, als ob es das Normalste der Welt wäre, eine Wand durchsichtig zu machen und dann mal so eben hindurch zu spazieren.

Nun denn, dachte sich Aldrian, jetzt kann ich mir sicher sein, dass dies nur ein Traum ist. Er fühlte sich plötzlich viel besser. Er konnte nun gelassen auf den Zeitpunkt des Erwachens warten, nahm er an.

Als sie durch die Wand hindurchgegangen waren, sah er auf der anderen Seite zwei stattliche Krieger, die Waffen trugen und Signalhörner um den Hals hatten. Sie grüßten freundlich und musterten Aldrian genau.

Es schien hier durchaus üblich zu sein, Wände durchsichtig zu machen und eben mal so hindurchzumarschieren.

Aldrian konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. Soviel war sicher, wenn die kein Traum war, dann hatte er seinen Verstand verloren.


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