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Fantasy Bücher
Buch Leseprobe Das Flüstern der Toten, Pascal Wokan
Pascal Wokan

Das Flüstern der Toten


Nekromanten-Zyklus II/III

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»Voller Stolz präsentiere ich das neueste Wunderwerk Amdras!« Nerul ließ seinen Blick über die Menge schweifen, die sich auf Geheiß seines Lords versammelt hatte. Es waren mehr Menschen als erwartet. Die Sonne stand hoch am Zenit und tauchte die sandfarbenen Gebäude der Stadt in strahlendes Licht. Nur wenige Wolken zerfledderten am Himmel, als könnten sie sich nicht entscheiden, welche Form sie annehmen sollten. Ein heißer Wind wehte über den weiten Platz und kündete vom Beginn des Frühlings, der im südlichen Dunvell besonders unangenehm war. Schweiß perlte auf Neruls Stirn, drängte aus den Poren und klebte das seidene Gewand an seine Brust. Er schwitzte wie verrückt, da half auch alles Abwischen mit dem Handtuch nichts. Dabei hatte er zur Eröffnung noch nicht viel beigetragen. Aber nun war der Zeitpunkt gekommen, endlich seinen Wert unter Beweis zu stellen. Es war auch höchste Zeit. »Sehet und staunet!« Er gab das vereinbarte Zeichen und hielt den Atem an. Soldaten in roten, steifen Uniformen packten den Vorhang und zogen ihn zur Seite. Ein riesiger, dunkelgrauer Klotz aus genietetem, gehämmertem Stahl kam zum Vorschein. An der Front befand sich ein Hebel, der nur mit Hilfe eines ausgeklügelten Zahlenschlosses bewegt werden konnte. Der Klotz war so gewaltig, dass er den gesamten Raum des Gebäudes ausfüllte, welches zwei einfache, aber bedeutsame Worte auf einem verblassten Schild über dem Eingang trug: Stählerne Bank. Nerul war stolz und genoss die Bewunderung des einfachen Volkes, obwohl er wusste, dass die nicht ihm galt. Einige Städter tuschelten miteinander, andere betrachteten den Klotz mit großen Augen, wiederum andere jubelten vor Freude. Als neuer Berater des südlichen Lords von Amdra hatte er eine hohe Stellung inne, auf die er jahrzehntelang hingearbeitet hatte. Alles war perfekt geplant und durchorganisiert. Alles fand seinen Platz. Nerul schielte zur Seite. Zasean, der Lord des Südens stand neben ihm. Dessen Augen waren zu Schlitzen verengt, die Lippen leicht gekräuselt und das dunkle Haar von Schweiß verklebt. Er trug eine schwarze seidene Weste mit goldenen Knöpfen über einem steifen, weißen Hemd, wie es die neueste Mode vorschrieb. Eine Hand stützte sich auf einen goldenen Stock, während die andere einen Zylinder umklammert hielt. Seit den Ereignissen im kaiserlichen Palast vor einem Jahr ließ sich der Lord nur noch selten in der Öffentlichkeit blicken. Genau aus dem Grund konnte sich Nerul keinen Fehler erlauben. Zasean war nicht gerade für seine Geduld bekannt. Nerul stellte sich aufrechter hin, kämpfte seine Unruhe nieder und wartete, bis alle Aufmerksamkeit wieder auf ihm ruhte. So sollte es sein. Sie hingen an seinen Lippen, sehnten sich, mehr zu erfahren. Und er war in der Lage, ihre Neugier zu stillen. Noch nicht, dachte er, und wartete, bis die Luft vor Anspannung knisterte. Jetzt! »Lord Zasean liegt das Wohlergehen seiner Untertanten sehr am Herzen«, rief er gewichtig und deutete auf den Lord, der zustimmend nickte. »Aus diesem Grund hat er in seiner Voraussicht keine Mühen und Kosten gescheut, um euer Hab und Gut sicher hinter Schloss und Riegel zu wissen.« Er betrat das Gebäude. Seine Schritte waren federnd und zielsicher, mit einer Spur Entschlossenheit. Irgendjemand hatte mal behauptet, dass der Schritt eines Mannes viel über ihn verriet. Was wohl hinter seinem steckte? Mit einer einladenden Geste zeigte er auf den Klotz und bedeutete der Menge, näherzutreten. »Tresor!« Seine Stimme klang voll und wohltönend und hallte in der schwülen Luft. »Tresor!«, rief er nochmals und packte den Hebel. »Niemand! Ja, niemand wird dieses Hindernis überwinden können! Ich, Nerul, Berater von Lord Zasean, verkünde hiermit feierlich, dass wir ein Mittel gegen die schurkischen Diebe gefunden haben, die uns seit geraumer Zeit plagen. Der Gerechtigkeit wird Genüge getan!« Die Menge tobte. »Nicht länger müsst ihr um eure Börse fürchten, wenn ihr nichtsahnend durch die Stadt schlendert. Nicht länger lauft ihr Gefahr, auf offener Straße eurer Ersparnisse erleichtert zu werden. Hier gibt es endlich die Antwort auf all eure Forderungen nach Sicherheit und Wohlstand.« Er klopfte gegen das Metall. »Gehärteter Stahl aus den tiefen Stollen der Minen von Nandoc. In den Schmieden von Thargor mit Adamant aufbereitet, dem härtesten Metall in ganz Amdra, und zusammengesetzt an den Grenzen unserer Lordschaft. Ein Wunderwerk modernster Technik und der Beweis, dass das Volk von Dunvell zu Außergewöhnlichem fähig ist!« Nerul ließ seine Worte einen Augenblick wirken. Die Menge wurde unruhig und klebte wie Honig an seinen Lippen. Unwillkürlich fragte er sich, wie es sein musste, ein Lord zu sein. Einflussreich, mächtig, während das Volk zu einem aufsah. Es gab wohl nichts Vergleichbares. Keine Fehler, mahnte er sich und überblickte die versammelten Menschen, die trotz der quälenden Hitze zusammengekommen waren. Es waren viele und noch mehr würden über das Ereignis reden. Sogar die bedruckten Flugblätter – Zeitungen, wie man sie nannte – würden berichten. Aber am wichtigsten war der Mann neben ihm, der ihn mit schmalen Augen beobachtete. Nerul räusperte sich. »Ich versichere euch, nein ich schwöre, dass ihr niemals wieder um euer Hab und Gut fürchten müsst. Hier, im Tresor der Stählernen Bank von Dunvell wird euch niemand berauben können. Aus diesem Grund hat Lord Zasean einen nicht unbedeutenden Teil seines Vermögens sicher darin verwahrt. Um zu beweisen, dass ihr die schurkischen Diebe nicht länger zu fürchten braucht.« Er beugte sich über das Zahlenschloss, zwirbelte seinen Schnurrbart um den Finger und versuchte, sich an die Kombination zu erinnern. Seine Finger zitterten, während er das Rädchen drehte, einrasten ließ und wieder drehte, bis er das vertraute Klicken hörte. Erleichtert atmete er auf. Mit einem kräftigen Ruck wollte er die Tür öffnen, aber der Hebel ruckte an die vorherige Position zurück. Nerul runzelte die Stirn und versuchte es erneut, aber der Hebel klemmte. Ihm brach der Schweiß aus. Zaseans Blick brannte wie tausend Nadelstiche im Rücken. Er weitete seinen Hemdkragen und gab die Zahlenkombination ein zweites Mal ein. Wieder klickte es und er zog den Hebel mit aller Kraft zur Seite. Das Schloss klemmte. Bei den alten Todesgöttern! Nerul drückte, warf sich mit seinem Gewicht dagegen und zerrte wie ein verrückt gewordenes Vila. Er brachte seine ganze Kraft auf und spürte schon die Schlinge um seinen Hals. Plötzlich ging ein Ruck durch den Hebel und er wurde mitsamt der Tür zur Seite geschleudert. Vollkommen durchnässt und mit den Nerven am Ende rappelte sich Nerul auf die Füße und verbeugte sich eher unbeholfen vor der Menge, die seltsam still geworden war. »Wie ich schon sagte!«, verkündete er stolz. »Nichts und niemand vermag in den Tresor zu gelangen …« Die Worte blieben ihm im Hals stecken. In der Tür stand ein Mann. Die langen Haare waren verfilzt, ein wirrer Bart wucherte in seinem Gesicht, am linken Fuß fehlte ein Stiefel, dafür lugte ein Zeh aus der geringelten Socke und er hielt eine halbvolle Flasche Branntwein in der Hand. Am auffälligsten war sein brauner, verdreckter Mantel, der nur noch in Fetzen hing, wobei lange Quasten über den Boden schrammten. Der Mann sah aus wie ein verwahrloster Bettler. Niemand sprach, niemand wagte es, die bleierne Stille zu durchbrechen. Nerul bemerkte, dass sein Mund offen stand und er schloss ihn hastig. »Wie, im Namen der Kaiserin von Amdra, ist es Euch gelungen, in den Tresor zu gelangen?« Der Bettler leerte die Flasche, ließ die achtlos zwischen drei andere fallen, legte ein breites Grinsen auf und verbeugte sich schwankend. »Das ist eine ausgezeichnete Frage«, sagte er mit weicher Stimme, wobei er leicht lallte. »Falls ich jemanden finde, der sie dir beantworten kann, werde ich dich als ersten aufsuchen, mein Guter. Versprochen!« Nerul brauchte einen Moment, bis er seine Stimme wiederfand. »Wer seid Ihr?« »Mein Name ist …« »Taar Wax!«, fiel ihm Zasean ins Wort. »Taar Wax der Vagabund, wenn ich bitten darf«, verbesserte der Bettler ihn. »Meister der Sümpfe von Charasyl, Flüchtender aus den Verliesen von Nandoc, Frauenheld, Befreier des Bastards und zuletzt Bezwinger des Schlunds. Zweimal wohlbemerkt. Außerdem habe ich die Kaiserin gekrönt und bin ein verdammt guter Liebhaber …« »Wartet!«, warf Nerul hastig ein. »Ihr seid der Taar Wax, über den man allerorts spricht? Der Mann, der nackt über die nördlichen Gebirge geklettert ist?« »Ah, tatsächlich muss ich zu meinem Bedauern zugeben, dass ich noch eine Unterhose getragen habe«, kicherte Taar, packte einen prall gefüllten Sack neben sich und schwang ihn auf seinen Rücken. »Ich fürchte allerdings, dass ich euch alle enttäuschen muss. Ich habe gerade keine Zeit zu arbeiten.« Nerul betrachtete den Lord aus dem Augenwinkel und schluckte schwer. Zasean war so rot im Gesicht wie eine Paja-Frucht. »Was soll das hier werden?«, fragte er und versuchte, seine Stimme herrischer klingen zu lassen. »Und wagt es nicht, mich anzulügen!« »Na gut, wenn du es so willst.« Taar unterstrich seine Bemerkung mit einer nachlässigen Geste. »Ich will rauben, plündern, mir die Taschen vollstopfen und meine schwarze, verkommene Seele füttern.« »Ich sagte, keine Lügen!« Ein Soldat neben ihm räusperte sich. »Wenn Ihr erlaubt, mein Lord, so glaube ich, dass er die Wahrheit sagt.« »Wenn er die Wahrheit gesagt hätte, hätte er es uns nicht gesagt.« Der Vagabund hob einen Finger. »Es sei denn, er wüsste, sie würden die Wahrheit nicht glauben, selbst wenn er sie sagt.« Nerul stutzte. »Du bist in den Tresor eingebrochen«, knurrte Zasean. »Du willst mich also bestehlen? Mich, einen mächtigen Lord Amdras?« »Bestehlen ist so ein böses Wort. Ich bezeichne es eher als Borgen von Dingen ohne Erlaubnis, mit der festen Absicht, sie nicht wieder zurückzubringen, um stattdessen anderen etwas abzugeben.« Taar tippte sich gegen die Stirn. »Wenn ich recht überlege, ist die Erklärung zu lang. Bleiben wir doch lieber bei bestehlen.« »So? Dann siehst du dich also als Held des Volkes?« »Kaiserin Rysana war so frei, mich als Held zu bezeichnen, nachdem ich ihren Sohn aus dem Schlund befreit hatte, aber wenn ich ehrlich bin, lege ich darauf keinen Wert. Klar soweit?« »Die Zeiten haben sich geändert, Taar Wax. Du kannst nicht mehr tun und lassen, was du willst.« »Da bin ich entschieden anderer Meinung.« »Auf dem kaiserlichen Thron sitzt kein Nekromant, sondern eine Gelehrte. Eine Frau, die mit Weisheit und Vernunft regiert und nicht mit Furcht und Strafe. Das Zeitalter der Nekromantie ist vorbei!« »Jetzt hast du mich wirklich getroffen. Ich fühle mich fast ein wenig schäbig.« Er hielt kurz inne und legte eine nachdenkliche Miene auf. »Nein, wohl eher nicht.« »Du glaubst, dass du gerecht handelst, dabei bist du nur ein dreckiger Dieb, der vor nichts zurückschreckt!« »Ich würde dir ja gerne weiter zuhören, aber leider habe ich noch so viel zu tun. Zur Belohnung für deine schöne Ansprache habe ich etwas für dich. Hier, kauf dir was Schönes davon.« Taar nahm eine Münze aus dem Sack und schnickte sie Zasean gegen die Weste. Mit einem leisen Pling landete sie auf dem Pflasterstein. »Wie kannst du es wagen? Das Recht ist auf meiner Seite, Vagabund. Ich, Zasean, bin der Lord des Südens! Ich verfüge über …« »Ja ja«, unterbrach Taar ihn. »Ist ja gut, ich hab′s verstanden. Jetzt leg mal einen Zahn zu.« »Nerul«, sagte Zasean barsch. »Der Vagabund hat im Morgengrauen eine Verabredung mit dem Galgen. Ich würde es begrüßen, wenn er sie nicht verpasst.« Nerul straffte sich »Ergreift ihn!«, rief er, worauf sich ein Dutzend Soldaten in Bewegung setzte. Waffen wurden gezogen, Stahl schnitt durch die Luft und auf einmal wurde die bedrohliche Situation spürbar. Die Menge wurde unruhig. Stimmen riefen durcheinander, einige machten furchtsame Schritte zurück. Jedem Vollidioten war klar, dass etwas bedeutend schiefgelaufen war. Es gab aber auch viele, die das Geschehen mit grimmiger Entschlossenheit verfolgten, und das war kein unbedeutender Teil. Der Vagabund war für das einfache Volk ein Rebell, der denen Streiche spielte, die sich eines bedeutenden Vermögens erfreuten. Hinzu kam der Umstand, dass er und Zasean eine gemeinsame Vergangenheit hatten, über die Stillschweigen gewahrt wurde. Das ist ganz und gar nicht nach Plan verlaufen, dachte Nerul und schätzte die Lage ab. Es sah nicht gut für ihn aus. »Also Zasean«, lachte der Vagabund und winkte fröhlich. »Eine Weile her, dass wir uns gesehen haben. Ich wollte mich noch einmal bedanken, dass du so viel Gold an einen sicheren Ort gebracht hast.« Er klopfte gegen den Sack. »Das macht die ganze Angelegenheit irgendwie leichter. Findest du nicht auch?« Die Soldaten stürmten an ihnen vorbei und umzingelten den Tresor. Irgendwie wurde Nerul aber das Gefühl nicht los, dass ihre Zahl keinen Unterschied machen würde. Taar Wax wurde nicht grundlos gefürchtet. Er war ein Nekromant. * Ich hätte nicht so viel saufen sollen … Taar überflog die Zahl der Soldaten, die sich Schritt für Schritt näherten. Ein Dutzend, genug um einem gewöhnlichen Mann gefährlich zu werden, aber er war kein gewöhnlicher Mann. Er griff in seine Tasche und presste die Hand zusammen, bis er die harten Kanten seines Würfels spüren konnte. Sein Anker, ein wichtiges Instrument für einen Nekromanten, um zu erkennen, ob er noch auf dem Pfad der Lebenden wandelte. Dann schloss er die Augen und begann eine Beschwörung. Wie jedes Mal, wenn er die Seelen der Toten anrief, zerrte etwas unangenehm an seinem Bewusstsein, bis sich ein sanfter, grünlicher Schimmer um ihn bildete, der wie Öl auf einer Wasseroberfläche glitzerte. Der Schimmer griff mit nebelartigen Fingern nach ihm und begehrte mit jedem Augenblick stärker gegen die Anrufung auf. Die Seelen der Toten sprachen mit ihm, flüsterten ihm Dinge ins Ohr und gierten, vollständig in die Welt der Lebenden zu gleiten. Mit einem knappen Befehl brachte er sie unter Kontrolle und sah zu, wie sie sich mit seinem Mantel verwoben. Währenddessen begann sein Anker stärker zu vibrieren. Als er seine Augen wieder öffnete, standen die Soldaten wie gelähmt vor ihm und wirkten, als könnten sie sich nicht entscheiden, was sie tun sollten. Offenbar war es das erste Mal, dass sie einem Nekromanten gegenüberstanden und Zeuge einer Totenbeschwörung wurden. »Beschützt mich!«, flüsterte er und spürte das feine Band, das ihn mit den Seelen der Toten verknüpfte. Es war nicht notwendig, die Worte auszusprechen, aber für ihn war es zur Gewohnheit geworden. Gedanken waren flüchtig und so konnte er verhindern, dass er den Befehl falsch wiedergab. Das könnte schreckliche Folgen haben, wobei sein Mantel aufgrund des ersten Gesetzes der Nekromantie der Form einer Totenseele nicht sehr ähnelte. Der Wirkungsgrad war demnach gering. Die Mantelquasten trotzten der Schwerkraft und waberten durch die Luft, als würden sie sich unter Wasser befinden. Zwei Quasten wickelten sich um seine Beine, zwei weitere um seine Arme. Diese Methode nannte man in der Sprache der Nekromantie Verstärkung und besaß einige Tricks, die ihm einen Vorteil verschafften. »Es war mir wirklich eine außerordentliche Freude«, meinte Taar und verbeugte sich ein zweites Mal. Der Boden schwankte. Ja, er hatte wirklich zu viel gesoffen. Allein die Tatsache, dass er im Tresor eingeschlafen war, nachdem er eingedrungen war, zeugte nicht gerade von guter Vorbereitung. »Aber leider muss ich unsere herzliche Begrüßung aufschieben. Ich habe heute noch etwas vor.« Ein Geschoss sauste durch die Luft. Bevor es Taar traf, zuckte ein Mantelfetzen hoch und fing es auf. Bolzen, die neueste Errungenschaft der Waffenentwickler Amdras. Diese gefährlichen Dinger wurden von Armbrüsten verschossen, die in den verschwitzten Händen einiger Soldaten lagen. Ein Degen zischte heran, ein filigran aussehendes Schwert mit nadelförmiger Klinge und rundem Stichblatt. Eine zweite Quaste fing den Degen auf. Höchste Zeit zu verschwinden … Taar ging leicht in die Knie, spannte seine Oberschenkel an und schoss hoch in die Luft. Die Verstärkung seiner Beine verlieh ihm eine unmögliche Höhe, wodurch er über die Köpfe der Soldaten segelte und hinter ihnen landete. Er ächzte unter dem harten Aufprall und der Sack knallte unangenehm gegen seinen Rücken. Taar verbeugte sich vor den Soldaten und wandte sich wieder den versammelten Menschen zu. Eine Gestalt befand sich in der Menge, die ihm vertraut war. Sehr vertraut. Taar blinzelte. Die Gestalt war verschwunden. Das ist nicht möglich, dachte er und suchte die Menge ab. Hatte er sich womöglich getäuscht? Seinen kurzen Moment der Unachtsamkeit hatten die Soldaten genutzt und setzten zum nächsten Angriff an. Taar tauchte unter einem zustechenden Degen hindurch, achtete nicht auf den zweiten, den sein Mantel abfing, und rammte die verstärkte Faust in die Magengrube eines Soldaten, der durch die Wucht zurückgeworfen wurde und gegen andere stieß. In einem unförmigen Knäuel gingen sie zu Boden. Er drückte sich hoch in die Luft, knallte einem Soldaten den eigenen Degen ins Gesicht und riss die Füße eines anderen unter dessen Beinen weg. Ein weiteres Dutzend Soldaten stürmte den Platz. »Nicht gut«, murmelte Taar und langte in seine weiten Taschen. Erneut wirkte er eine Anrufung, aber es dauerte, bis die Seelen der Toten auf seinen Ruf antworteten. Als es endlich soweit war, brandeten sie wie eine Naturgewalt heran und ein schreckliches Konzert aus Geflüster erfüllte seine Gedanken. Schon wieder, dachte er und hielt dem Sturm stand. Seit seinem Sieg über den Wiedergänger und äußerst mächtigen Nekromanten Ranthor hatte sich etwas verändert. Es wirkte fast, als hätte sich der Schleier zwischen dem Reich der Toten und dem der Lebenden gewandelt. Taar zwang den Seelen seinen Willen auf und verwob sie mit den vielen kleinen Gegenständen, die sich in der Tasche befanden. Er hob die Hand, ließ den Inhalt auf den Boden fallen und freute sich auf das Kommende. Dreißig Wachsfiguren, gerade einmal so groß wie ein Fingernagel. »Husch husch«, kicherte er. »Tobt euch aus.« Die Wachspuppen schwenkten herum und setzten sich in Bewegung. Der Ansturm der Soldaten kam kurz zum Erliegen, als sie aber sahen, dass es sich nur um mickrige Figuren handelte, die kaum ihrer Mühe wert waren, stürmten sie wieder los. Ein Fehler. Aufgrund der ähnlichen Körperform zwischen Seele und verwobenem Gegenstand bestand ein hoher Wirkungsgrad. Er war nicht so gut, wie ein Verweben einer Seele mit Fleisch oder Knochen, aber dennoch beachtlich. Die Wachspuppen sprangen den Soldaten auf die Stiefel und bahnten sich von dort ihren Weg aufwärts, krabbelten in die Kleidung und bissen und kratzten, wo sie nur konnten. Die Soldaten blieben abrupt stehen und führten einen Tanz auf, der beinahe lustig anzuschauen war, aber nur beinahe. Docar, der Sohn der Kaiserin hatte ihn auf die Idee gebracht, als sie sich für einige Zeit gemeinsam im Schlund befunden hatten. Und aus der Idee war ein Plan gereift, der ihm schon mehrfach den Hintern gerettet hatte. Zwar war es schwer, so viele Beschwörungen gleichzeitig aufrechtzuerhalten, aber Taar war nicht grundlos ein Nekromant. Mit einem breiten Grinsen wandte er sich der Menge zu und ging leicht in die Knie. Er wollte mit seinen verstärkten Beinen lossprinten, aber irgendetwas hatte sich verändert. Er sah an sich hinab, betrachtete den Mantel, der hin und her zuckte, und plötzlich löste sich ein grünlicher Schimmer, bis eine Quaste wieder schlaff hing. Das konnte nur eines bedeuten und Taar taumelte unter der Erkenntnis. Die Versammelten bildeten eine Gasse und mit stampfenden Schritten traten vier Soldaten hervor, gekleidet in Rüstungen aus geschwärztem Stahl. Die Helme waren zu Fratzen geformt, darunter ein Koloss und ein Zangenläufer - der vorderste trug sogar das grausame Antlitz eines Tiefenwesens -, und in den Händen hielten sie gefährlich aussehende Stangenwaffen gepackt. Taars Aufmerksamkeit richtete sich auf eine Sache, die ihn vor größere Probleme stellte: Giftgrüne Symbole glommen an den Rüstungen. Bannrunen. »Gar nicht gut!« Er sah sich gehetzt um, aber hinter ihm lauerten die Soldaten, die er kurzzeitig außer Gefecht gesetzt hatte, und rechts von ihm entledigten sich die anderen seiner provisorischen Ablenkung. Der Boden war mittlerweile übersät mit blauen Wachsklumpen. Taar bemühte sich um eine weitere Beschwörung, aber die Bannrunen schwächten seine Kräfte, bereiteten ihm Schmerzen und sorgten dafür, dass die Seelen aus den verwobenen Gegenständen gepresst wurden. Er wusste nicht, woher die Runen stammten oder ob sie einer göttlichen Fügung entsprangen, aber das war in seiner Situation auch nicht von Bedeutung. Viel mehr wunderte er sich, dass sich Wärter in Zaseans Gefolge befanden. Normalerweise waren sie im Schlund stationiert, einem Gefängnis im Zentrum Amdras, in das Verbrecher geworfen wurden, um zu sterben. Taar war es gelungen, zweimal von dort zu entkommen, auch wenn es mehr Glück als Können gewesen war. Die Wärter nun so weit im Süden zu sehen, fernab ihres Auftragsgebietes, auf das selbst die Kaiserin nur bedingt Einfluss hatte, stellte ihn vor ein Rätsel. Er könnte mit aller Macht Seelen zwingen, den Schleier zu überqueren und sich mit seinem Körper zu verweben – dieser Verlockung würden die Seelen kaum widerstehen –, aber das kostete Kraft, denn die Toten würden versuchen, seinen Körper zu beherrschen, und er hatte das Gefühl, nicht genügend für so eine schwierige Beschwörung aufbringen zu können. »Nun sieh sich einer den großen Taar Wax an«, säuselte Zasean, während er sich ihm näherte. »Er steht so verängstigt wie ein Vila da und wundert sich, dass ihn seine Kräfte verlassen.« Die Rüstungsträger umzingelten ihn. »Welch wunderbarer Trick«, meinte Taar und ließ den schweren Sack neben sich fallen. Das Gold klirrte. »Jetzt stehst du zwischen mir und meinem Weg nach draußen.« »Möchtest du denn nicht erfahren, wie es kommt, dass sich ausgerechnet Schlundwärter in meinem Gefolge befinden?« »Nein, aber du wirst es mir trotzdem gleich sagen.« Zasean wies einen Soldaten an, den Sack an sich zu nehmen. »Selbstverständlich, denn ich bin gewillt, das Geheimnis mit dir zu teilen. Diese Soldaten hier sind keine Wärter.« »Hä?« »Du erinnerst dich vielleicht an Wynron?« »Anführer im Schlund? Großer, gutaussehender Bursche, der immer stolz die Brust schwellen lässt, große Reden schwingt und mit der liebreizenden Tiahda geflüchtet ist? Nie von ihm gehört.« »Du kannst so viele Witze reißen, wie du möchtest, Taar Wax, aber dieses Mal bin ich es, der zuletzt lacht! Ich habe nicht vergessen, wie du mich blamiert hast.« »Ach, das schaffst du schon ganz alleine, Zasean.« Die Rüstungsträger packten Taars Arme und drehten sie ihm auf den Rücken. Er wehrte sich nicht. Noch nicht. »Taar, Taar, Taar«, schnatterte Zasean kopfschüttelnd. »Wynron kennt dich besser als jeder andere in Amdra. Deshalb hat er mich gewarnt, dass du versuchen würdest, mich zu berauben. Du bist vorhersehbar geworden.« Taar zuckte die Schultern. »Wie du vielleicht mitbekommen hast, ist Wynron der neue Lord des Ostens, nachdem sich zufälligerweise herausgestellt hat, dass er der einzige lebende Nachkomme von Lord Sangar ist. Und wir erinnern uns beide, wie Sangar im kaiserlichen Palast von einem anderen deiner Zunft ermordet worden ist.« Ein Schatten glitt über Zaseans Gesicht. »Dort ließ auch mein Berater Gorma sein Leben.« Taar runzelte die Stirn. »Wynron ist der Sohn von Sangar? Das kann ich mir kaum vorstellen.« »Zufall? Möglich, aber das ist für mich nicht von Belang. Kaiserin Rysana hat ihn nach unwiderlegbaren Dokumenten als neuen Lord akzeptiert und seitdem pflegen wir gewisse Beziehungen, die mir wiederum diese Prachtstücke eingebracht haben.« Er deutete auf die runenbesetzten Rüstungen. »Wusstest du, dass es insgesamt nur hundert Stück gibt und niemand weiß, wie sie zu fertigen sind?« Tatsächlich wusste Taar darum, hielt aber lieber die Klappe. Wynron einer der vier Lords von Amdra? Was war noch alles im vergangenen Jahr geschehen, in dem er einem Geist nachgejagt war? »Im Schlund herrscht der Ausnahmezustand, seitdem du mit dem Bastard des Nekromantenkaisers geflüchtet bist. Immer mehr Gefangene begehren auf, immer mehr Wärter lassen ihr Leben, was die vier Lords wiederum zwingt, tätig zu werden.« Zasean lachte böse. »Ich hielt es für angebracht, ein paar dieser Prachtstücke für den eigenen Gebrauch zu verwenden und, wie sich nun herausstellt, war es eine gute Entscheidung. Die Runen schwächen die Kräfte eines Nekromanten.« »Bist du jetzt fertig, Mann?« »Oh, wir sind noch lange nicht fertig.« Er wandte sich der Menge zu, die das Geschehen still verfolgt hatte, und machte eine wegwerfende Geste. »Taar Wax der Vagabund wollte euren Lord bestehlen und damit auch seine Untertanen«, rief er. Vereinzelte Rufe aus der Menge. Taar musste vor Schmerz aufstöhnen, als die Soldaten fester zupackten. »Er wird als Held bezeichnet, doch seht ihn euch an! Der Vagabund ist nichts anderes als ein Verbrecher! Er wird deshalb für seine Vergehen bestraft.« »Haben wir das nicht bereits mehrfach hinter uns, Zasean?«, presste Taar hervor. »Das wird langsam zur Gewohnheit, dass du mich hängen willst.« »Dieses Mal wirst du deinen Kopf nicht aus der Schlinge ziehen können. Dafür habe ich gesorgt.«


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