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Fantasy Bücher
Buch Leseprobe Das Buch der Bibliothekarin, Alexander Keating
Alexander Keating

Das Buch der Bibliothekarin



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Kapitel 1 – Das Buch im Keller

Die Luft roch nach staubigem Papier und Holzpolitur. Der Geruch war nicht unangenehm, eher beruhigend – wie der Duft eines alten Hauses, das seit Jahrzehnten dieselbe Geschichte erzählt. Elara Thomas liebte ihn. Er gehörte zu ihrem Leben wie die regelmäßigen Wege, die sie jeden Tag durch die Bibliothek des Museums führten. Dieser vertraute Begleiter gab ihr die Illusion von Kontrolle und Ordnung.


Seit über dreißig Jahren arbeitete sie hier, zwischen Regalen voller Bücher, von denen viele älter waren als das Museum selbst. Manche hatten Einbände, die sich bereits bröckelig anfühlten, als würden sie bei jedem weiteren Öffnen ein Stück mehr von sich verlieren. Es war ein Ort, an dem die Zeit stehen geblieben war – zumindest in Elaras Augen.


Das Licht fiel schräg durch die hohen Fenster und ließ den Steinboden golden schimmern. Es war Spätnachmittag, die tief stehende Sonne kündigte die nahende Dämmerung an. Noch war es hell genug, um die Umrisse der Regale und die Konturen der Bücher klar zu erkennen, die Elara gewissenhaft einsortierte.


Von der gegenüberliegenden Regalreihe drang eine Stimme zu ihr, die den Frieden störte: »Ach komm, Elara, ein Bierchen mit uns wird dich schon nicht umbringen.« Die Stimme gehörte Ronnie. Natürlich.


Mit einem leichten Schubser rückte Elara ihre Lesebrille zurecht und blickte knapp in seine Richtung.


Ronnie war Mitte zwanzig, groß, schlaksig, und trug, wie immer eine verkehrt herum aufgesetzte Baseballkappe, die ihm einen Ausdruck von Dauerjugendlichkeit verlieh. Er war einer dieser Typen, die immer einen lockeren Spruch auf den Lippen hatten und nie ernst zu nehmen waren – außer man wollte sich über die neuesten technischen Spielereien unterhalten. Dann konnte er stundenlang referieren.


»Wenn ich mit euch etwas trinken gehe, hänge ich morgen wieder wie ein nasser Lappen über den Büchern«, entgegnete Elara trocken. »Und ich habe keine Lust, die Sondersammlung an einem Samstag mit einem Kater durchzugehen.«


Ronnie grinste. »Dora, hast du das gehört? Sie redet sich schon wieder raus.«


»Ich höre es, Ronnie.« Dora trat hinter einem Regal hervor – eine Frau Mitte vierzig mit einem leicht genervten Ausdruck im Gesicht. Sie trug einen auffälligen grünen Strickschal, den sie auch bei sommerlichen Temperaturen nicht ablegte. »Eines Tages wirst du noch selbst so verstaubt sein wie die Bücher hier. Ein Drink nach der Arbeit ist doch kein Verbrechen, oder?«


»Ein Drink vielleicht nicht. Aber zwei mit euch – das grenzt ja schon fast an Körperverletzung.« Elara blies den Staub von einem Buch und schob es ins Regal.


Dora ließ ein kurzes Lachen hören und wandte sich einem weiteren Karton voller alter Dokumente zu. »Ach, hör schon auf. Du hast wirklich ein Talent dafür, aus jeder Mücke einen Elefanten zu machen.«


»Genau«, stimmte Ronnie zu. »Eines Tages wirst du es bereuen, dass du immer nur gearbeitet hast.«


»Wenn ich’s tatsächlich mal bereue, schreibe ich euch eine Karte.«


Dora schüttelte den Kopf, grinste aber. Ronnie hingegen schob sich die Baseballkappe zurück und machte eine theatralische Geste des Aufgebens. »Okay, okay. Wir wollten ja nur nett sein.«


»Danke. Eure Nettigkeit hat mich zutiefst berührt.« Elara schob den letzten Band des Stapels ins Regal und klopfte sich den Staub von den Händen. Sie mochte die beiden, auch wenn sie das nie offen zugegeben hätte. Die kleinen Neckereien sorgten für ein wenig Farbe in ihrem Alltag, der ansonsten aus stillen Räumen und vergilbtem Papier bestand.


Das Handy vibrierte in ihrer Hosentasche. Das grelle Licht des Displays blendete sie kurz, als sie es hervorholte.


Jessica.


Elara zögerte kurz, bevor sie den Anruf annahm. Die Beziehung zu ihrer Tochter war kompliziert – freundlich, aber unterkühlt. Jessica rief selten an, und wenn sie es tat, ging es meist um etwas Dringendes. Kein »Wie geht’s dir?«, keine herzlichen Gespräche. So war es schon seit Jahren.


»Hallo, Mum«, kam es knapp aus dem Hörer. Jessica klang ruhig, aber distanziert. »Entschuldige bitte die Störung. Ich wollte dich nur kurz fragen, ob du morgen Zeit hast. Dave bringt den Anhänger zur Werkstatt, und ich bräuchte jemanden, der zwei, drei Stunden auf die Kinder aufpasst.«


Eine vertraute Schwere legte sich auf Elaras Brust. Sie wollte, dass ihre Tochter sie anrief, aber nicht nur, wenn es um praktische Dinge ging. »Ausgerechnet Morgen? Also … da arbeite ich den ganzen Tag in der Bibliothek. Vielleicht kann ich mir eine Stunde freischaufeln, mehr nicht.«


Am anderen Ende herrschte kurz Schweigen. »Ich versteh schon … Na ja, ist auch nicht so wichtig. Ich finde schon jemanden, der Zeit hat …«, sagte Jessica schließlich. Ihr Ton klang abweisend, aber in der Enttäuschung schwang auch ein Hauch von Verletztheit mit.


»Jessica, warte, ich hab doch gesagt, ich versuche …«


»Schon gut, Mum. Ich melde mich wieder … Bis bald.« Die Leitung war tot, bevor Elara antworten konnte. Sie starrte auf das dunkle Display, das jetzt nur noch ihren eigenen nachdenklichen Gesichtsausdruck spiegelte.


»Probleme zu Hause?« Dora hatte das Gespräch offenbar mit halbem Ohr mitgehört.


Elara steckte das Handy zurück in ihre Tasche und zuckte mit den Schultern. »Familienkram.«


Dora zog eine Augenbraue hoch. »Klingt angenehm.«


»Ja, total.«


Ronnie schwang sich seinen Rucksack über die Schulter und rief: »Also gut, wir sind dann mal weg. Du weißt ja, wo du uns findest, falls du es dir anders überlegst.«


»Danke, aber ich bleibe lieber hier bei meinen Büchern.«


Die beiden verabschiedeten sich. Kurz darauf klappte die schwere Metalltür der Bibliothek mit einem gedämpften Poltern zu.


Für einen Augenblick schien die Welt stillzustehen. Elara lauschte dem leisen Summen der Klimaanlage und dem entfernten Geräusch von Schritten, die sich dem Eingang näherten. Sie drehte sich um, als Ed, der Nachtwächter, durch die Tür trat.


»Na, machst du heute wieder länger?« Ed war ein breitschultriger Mann Mitte fünfzig mit Glatze und einem stets mürrischen Gesichtsausdruck, der jedoch täuschte – Ed war einer der hilfsbereitesten Menschen, die sie kannte.


»Ich muss nur noch diese Kartons im Archiv verstauen. Wird hoffentlich nicht allzu lange dauern.«


»Okay, aber du weißt, ich schließe um zehn ab.« Er verschränkte die Arme und sah sie eindringlich an. »Ruf mich, wenn was ist, okay?«


»Natürlich.« Sie manövrierte den Rollwagen voller Bücher die schmale Rampe hinab und öffnete die schwere Metalltür zum Kellerarchiv.


Ein kühler Hauch schlich ihr entgegen, begleitet vom vertrauten Geruch nach Staub und alten Steinwänden. Das Licht war fahl. Nur eine einzelne Leselampe warf einen warmen Schein auf den Holztisch in der Mitte des Raumes.


Elara schob den Wagen an seinen Platz, nahm einen Stapel Bücher und begann, sie einzusortieren.


Alles war ruhig, alles schien normal – bis auf dieses eine Buch, das in einem der Regale hervorstach. Es war merkwürdig – sie hatte es noch nie zuvor bemerkt, obwohl sie fast jeden Tag hier war. Schwarz, zerfurcht, ohne Titel. Ein seltsames, silbernes Symbol auf dem Einband – ein Kreis mit einem fremdartigen Zeichen darin, das Elara an einen Stern oder ein Pentagramm erinnerte.


Sie runzelte die Stirn und zog das Buch vorsichtig hervor. Es war ungewöhnlich kalt, fast so, als entziehe es die Wärme aus ihren Händen. Die Oberfläche war rau, wie Leder, das zu lange der Sonne ausgesetzt war. Sie hielt es kurz fest, bevor sie es zur Seite legte und ihre Arbeit fortsetzte.


Ihr Blick aber wanderte immer wieder zu dem seltsamen Buch zurück. Es strahlte eine eigenartige Faszination aus, die Elara unwiderstehlich anzog.


Schließlich nahm sie es und setzte sich damit an den Tisch. Das schwarze Buch lag schweigend und schwer vor ihr. Und es wartete.


Nach kurzem Zögern schlug sie es auf. Die Seiten raschelten leise, als Elara sie vorsichtig umblätterte. Das Papier war ungewöhnlich, nicht rau und brüchig wie bei den anderen alten Exemplaren, sondern glatt und viel kühler als die Umgebung – beinahe so, als hätte es eine eigene Temperatur. Die ersten Seiten waren mit bizarren, verschlungenen Symbolen bedeckt, die sie nicht einordnen konnte. Manche erinnerten sie an alte Runen, andere waren ihr vollkommen fremd. Eines davon – ein verdrehtes, gezacktes Zeichen – sah fast aus wie das Pentagramm auf dem Einband. Ein eisiger Schauer kroch ihr über den Rücken und ließ sie kurz frösteln. Sie schluckte schwer und zwang sich, weiterzublättern. Auf der siebten Seite änderte sich der Inhalt des Buches. Keine Symbole mehr. Stattdessen war ein Text zu lesen – geschrieben in einer klaren, feinen Handschrift. Elara beugte sich näher heran und las.


»Der Abend fiel über das Museum, als Elara das Kellerarchiv betrat. Ihre Schritte hallten auf dem Steinboden wider. Das Licht der kleinen Lampe warf lange Schatten auf die Bücherregale.«


Sie zog die Brauen leicht zusammen. Das klang seltsam vertraut – beinahe verstörend. Sie las weiter.


»Mit geübter Hand schob sie den schweren Rollwagen an seinen Platz und begann, die Bücher in die Regale zu sortieren. Sie bemerkte das fremdartige Buch nicht sofort, das zwischen den anderen lag – schwarz, ohne Titel, nur mit einem seltsamen Symbol auf dem Einband.«


Ihre Hände wurden feucht. Sie wischte sie hastig an ihrer Hose ab. Ihr Herzschlag beschleunigte sich. Das Buch beschrieb genau das, was sie erst vor wenigen Minuten getan hatte – und ihr Name stand dort. War das nur ein seltsamer Zufall oder erlaubte sich hier jemand einen Scherz mit ihr? Sie blätterte hastig zur nächsten Seite:


»Elaras Blick blieb an dem Buch haften, und sie zog es vorsichtig heraus. Das Leder fühlte sich rau und kühl an. Das Symbol – ein Kreis mit einem eigenartigen Stern darin – wirkte fast, als würde es sie beobachten.«


Elara rang nach Luft und klappte das Buch erschrocken zu. Das Geräusch des zuschlagenden Einbands hallte überlaut durch den stillen Kellerraum.


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