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Fantasy Bücher
Buch Leseprobe Das Biest in ihm, Swantje Berndt
Swantje Berndt

Das Biest in ihm



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„Im Keller liegt was rum.“ Pauls überzarte Finger trommelten an den Türrahmen. Das Geräusch seiner auf Hochglanz gepflegten Nägel auf dem Holz ließ Vincent die Haare zu Berge stehen. „Es blutet noch!“ „Ich trinke meine Beute nicht aus, ich fresse sie.“ Paul kniff in stummer Qual die Augen zusammen. „Keine Details, bitte. Es ist noch früh am Tag.“ Gestern Nacht hatte Vincent nach einem längst überfälligen Nachtmahl versäumt, die Reste zu beseitigen. Der Rausch der Jagd hielt ihn länger als sonst in den Klauen und zu schnöden Aufräumaktionen fühlte er sich außerstande. Es war eine gute Nacht gewesen. Die Erinnerung an den sterbenden Herzschlag seiner Beute jagte ihm jetzt noch Schauder der Erregung über den Rücken. Leidenschaft! Jagen war zurzeit seine einzige. Er schloss die Augen und spürte den Wünschen des Wesens nach, das tief in ihm verborgen schlummerte. „Vincent! Ich rede mit dir!“ „Kannst du nicht einfach nass drüberwischen?“ Es sollte Paul nicht schwerfallen. Immerhin putzte er sonst auch hier den Dreck weg. „Mit Drüberwischen ist es nicht getan. Es kleben Bröckchen an der Wand!“ Lautstark zog er die Luft ein und Vincent spürte seinen vorwurfsvollen Blick im Nacken. „Entschuldige. Kommt nicht wieder vor.“ Er vertiefte sich in seine Arbeit. Vielleicht gab Paul auf, wenn er ihn gründlich genug ignorierte. Aber Paul ging nicht. Er erwartete ein reumütiges Zukreuzekriechen und einen sanften Augenaufschlag, der ihm Dinge versprach, die Vincent nie halten würde. „Ich will dich nicht bevormunden, aber unsere Absprache lautet, dass du keine Reste übrig lässt oder sie wenigstens selbst verscharrst.“ Paul würde nicht von ihm ablassen, bis er ihm Rede und Antwort stand. Schuldbewusst sah er sich nach ihm um. Er schaffte so etwas auf Kommando. Sofort wurde Pauls Blick milder. Paul liebte ihn und selbst die Tatsache, dass Vincent unter widrigen Umständen zu etwas wurde, das nichts mehr mit dem Mann zu tun hatte, den Paul meistens zu sehen bekam, hielt ihn nicht ab. Diesen Umstand nutzte Vincent seit Jahren eiskalt aus. Doch diesmal hatte Paul recht. Kadaver in Berliner Stadtvillen der Verwesung anheimzugeben, war ekelhaft. „Ich räume es weg, sobald ich hier fertig bin.“ Bewusst entschied er sich für das rauchigste Timbre, zu dem seine Stimme fähig war. „Mach dir bitte keine Mühe, ich weiß, wie sehr dich körperliche Arbeit anstrengt.“ Ein Hauch Qual, ein Quäntchen Sehnsucht und eine Prise Langeweile. Schon wurde Pauls Blick weich wie Butter. Er schenkte ihm seinen „Ach-das-macht-doch-nichts-Blick“ und schlenderte glücklich zu ihm. „Hab ich dir schon gesagt, dass Knut heute Abend vorbeisehen will?“ Automatisch begann Paul, das Chaos auf der Tischplatte aufzuräumen. Seine Hände huschten zwischen Kugelschreibern, Bleistiften und der Post von vorgestern hin und her. Vincent hielt ihn auf, als er den antiken Brieföffner in die angeschlagene Kaffeetasse stecken wollte, in der er die Kohlestifte für seine Skizzen aufbewahrte. Paul zuckte zusammen. Sein Blick flackerte verunsichert. Es gab keinen Grund für Angst. Nachdem er Vincent vor drei Jahren in seiner anderen Erscheinung und in vollem Einsatz erlebt hatte, vereinbarten sie einen Termin bei dem teuersten Notar der Stadt, der aufzutreiben gewesen war. Sicher dachte der gute Mann an einen Scherz, als sie ihm erklärten, was sie von ihm wollten. Nach einem unnötigen Notarzteinsatz und einem Beinahe-Ausrücken einer kompletten Polizeistaffel setzte er für sie den skurrilsten Vertrag auf, den die Welt je gesehen hatte, beziehungsweise niemals sehen würde. Er lag verschlossen in einem noch teureren Schließfach eines ebenso skurrilen Instituts. Dort sollte er auch bleiben. Jedenfalls erklärte sich Paul danach bereit, weiterhin für Vincent und seine Belange zur Verfügung zu stehen. Er brauchte ihn und das wusste Paul auch. „Ist Knut nicht deine neue Flamme?“ Über Pauls schmales Gesicht huschte ein glückliches Lächeln. „Er ist reizend. Ich war noch nie so glücklich.“ „Soll ich mich heute Abend zurückziehen?“ Paul teilte nicht gern, auch keine Aufmerksamkeit. Und Vincent hasste es, die Wohnung mit Fremden zu teilen. Paul hatte den drohenden Unterton gehört. Vorsichtig zog er seine Hand aus Vincents Griff. Er hatte ganz vergessen, dass er sie immer noch festhielt. „Wenn es okay für dich ist?“ Sein schüchterner Ton ging ihm auf die Nerven. Paul lebte genauso in dieser Wohnung wie er. Nur dass Vincent sie bezahlte. Aber das machte ihm nichts aus. Geld war nie seine Sorge gewesen und das war gut so, denn er brauchte Unmengen davon. „Du könntest in einen deiner Lieblingsclubs gehen, in die du mich nie mitnimmst.“ Vincent schwang sich mit dem Drehstuhl zu ihm und verschränkte die Hände hinter dem Kopf. Es war Zeit für eine Grausamkeit, immerhin wollte er ihn heute los sein und ein wenig Rache war angebracht. „Es würde dir da nicht gefallen. Lauter Frauen, die dir an die Wäsche wollen.“ Paul schnappte nach Luft und sein Blick wurde panisch. „Vincent! Um Himmels willen!“ Er sank auf die Knie und wrang bittend die Hände. Paul hatte schon immer ein Talent fürs Theater. „Du hast es mir geschworen.“ Er schluckte, suchte nach Worten und klammerte sich an Vincents Bein fest. „Keine Frauen. Bitte keine Frauen.“ Nein. Keine Frauen. Denn sonst geschah das, was Paul vor drei Jahren gezwungen gewesen war, mitanzusehen. „Keine Angst. Ich werde ganz brav sein.“ Als ob er nachts in so einem verlockenden Ambiente in der Lage wäre, brav zu sein. Nachts war es am schlimmsten. Tausend Verlockungen bedrängten ihn, lockten und zerrten an seiner Selbstbeherrschung. Würde er mit Paul offen über seine Empfindungen reden, er würde noch heute die Koffer packen. Paul zitterte. Das sollte er nicht. Er mochte ihn und seine bedingungslose Loyalität war unbezahlbar. Nicht, dass er sie sich nicht gern bezahlen ließ. „Ich amüsiere mich nur ein bisschen. Wenn’s eng wird, hau ich ab.“ Dass Paul dieser Lüge Glauben schenkte, sprach von seiner Naivität. Und von seiner Freundschaft. Seit Jahren hatte sich Vincent in keinem Club sehen lassen. Nur hin und wieder verbrachte er Nächte in einer Disco, um sich alle Wünsche aus der Seele zu tanzen, die sich in seinem seltsamen Leben nie erfüllen würden. Paul musterte ihn misstrauisch. „Was heißt eng?“ „Das willst du nicht wissen.“ Er legte sein Kinn auf Vincents Knie. „Rede darüber. Reden hilft.“ Paul war ein Freund. Der beste, den er hatte und auch der einzige. „Du würdest dich fürchten.“ „Ich könnte dir helfen.“ „Nein, aber danke für das Angebot.“ Er zog Paul aus seiner knienden Lage und hielt für einen Moment seine Hände fest. Eng wurde es, wenn er das Tier in sich fühlen würde. Wenn es ihn von innen zu zerreißen versuchte, bevor es seine Klauen nach der Frau ausstrecken würde, die er lieben wollte. Als Mensch. Paul seufzte, dann fiel sein kritischer Blick auf Vincents nur schnell übergeworfenes Hemd. „Zieh dich doch mal ordentlich an, Liebes.“ Kopfschüttelnd knöpfte er die obersten Knöpfe zu und bog den Kragen zu-recht. Er verabscheute solche Übergriffe, aber in diesem Leben würde er es nicht mehr schaffen, Paul davon abzuhalten. „Das ist natürlich auch eine Methode, endlich deine Ruhe vor mir zu haben. Mich mit meinem eigenen Hemdkragen erdrosseln.“ Paul lächelte traurig. „Sag so etwas nicht. Ich will doch nur einen schönen Abend ohne Unterbrechungen.“ Natürlich war es nicht leicht, sein Heim mit jemandem zu teilen, der sich in etwas verwandelte, das Klauen und Reißzähne besaß. Und Fell. Auch das war ihm nicht erspart geblieben. „Wenn dein Knut heute kommt, bin ich weit weg und kann ihm nichts anhaben.“ Paul nickte dankbar und versuchte, einen Blick auf das Display von Vincents Laptop zu werfen. Schnell schloss er den Deckel. Seine Nachforschungen gingen ihn nichts an. Paul glaubte immer noch den Schwachsinn mit dem Werwolf. Für ihn wäre es ohne Zweifel der Renner gewesen, Vincent in Vollmondnächten im Keller an die Rohrleitungen zu fesseln, um ihn vor sich selbst zu schützen. Zu Pauls Leidwesen hatte sein Zustand aber weder etwas mit Mondphasen noch mit Silber zu tun. Das hatte er längst ausprobiert. Weil er es hasste, mit Paul über etwas zu diskutieren, das er selbst nicht verstand, klärte er ihn nicht weiter auf. Sollte er annehmen, was immer er wollte. Außerdem hatte er sich in den vergangenen drei Jahren kaum noch verwandelt. Nur, wenn er etwas essen musste, doch das konnte er lange hinauszögern. Hungrig war er kaum zu ertragen, aber besser, als den sanften Paul ständig zu verschrecken und sich dessen Vorhaltungen über seine Essgewohnheiten anzuhören, war es allemal. Selbst heute hatte er noch Albträume von Paul, wie er zusammengekauert und schreiend vor Entsetzen in der Besenkammer hockte. Und das nur, weil eine Schöne sein Blut zum Kochen gebracht hatte und er sich wehrlos dem aussetzen musste, was er war: ein Biest. Warum er das Mädchen mit nach Hause genommen hatte, wusste er nicht mehr. Normalerweise riskierte er solche Leichtsinnigkeiten nur weit weg von jeglicher Zivilisation. Paul kam dazu, als sie es noch exotisch fand, Vincent aber schon anderen Problemen ausgesetzt war. Irgendwann fand sie es nicht mehr prickelnd und schrie ähnlich laut wie Paul. Das Mädchen von damals war ohnmächtig geworden und mit ein paar harmlosen Kratzern davongekommen. Aber Paul blieb der Segen eines minderdurchbluteten Gehirns verwehrt. Er schrie stundenlang wie am Spieß, was nicht zu Vincents Beruhigung beitrug. Erst gegen Morgen war er in der Lage gewesen, Paul aus seinem staubigen Fluchtort zu befreien. Noch am selben Vormittag fuhren sie gemeinsam zum Notar. Damals hatte Paul ihn bekniet, ihn in sein Geheimnis einzuweihen. Fakt war: Vincent hatte weder eine Ahnung, was er war, noch was mit ihm in diesen Momenten geschah. Blieb er kalt wie ein Fisch, war alles gut. Aber wehe, etwas reizte ihn. So gesehen war die Umsicht, sich heute Abend woanders als zu Hause zu langweilen, unnötig. Knut war sicher ein netter Kerl, aber was sollte er mit ihm? Wenigstens in dieser Hinsicht war er zu Pauls Leidwesen eher traditionell. Paul träumte aus dem Fenster. Die Vorfreude auf den Abend stand ihm im Gesicht und Vincent beneidete ihn brennend. „Kochst du ihm was Schönes?“ Mit einem tiefen Seufzen drehte er sich zu ihm. „Ob sie im Bioladen frischen Pulpo haben?“ „Das kann man essen?“ Paul zwinkerte. „Tim Mälzer schon.“ Paul schwärmte ihm von Tintenfischarmen vor und auf was man achten müsse, um zu wissen, dass das Vieh frisch war. Die Saugnäpfe müssten sich noch am Finger festsaugen können. Für Pauls Leidenschaft in der Küche hatte er nichts übrig. Er aß nichts, was vorher in einem Kochtopf war. Er brauchte den Herz-schlag und den brechenden Blick. „Wenn etwas frisch sein soll, muss es noch atmen und wegrennen können.“ Paul erstarrte mitten in seinem Vortrag. Er schluckte und sah Vincent mit diesem ängstlich-misstrauischem Blick an, den er bekam, wenn ihre siebzehnjährige Nachbarin vor der Tür stand und um Zucker, Milch oder sonst etwas bat. Das geschah fast jeden Tag und es hatte nichts mit Paul zu tun oder damit, dass sie nie zum Einkaufen kam. Sie war ein hübsches Ding, aber zu ihrem Glück hatte sich Vincent tagsüber gut im Griff. Klingelte sie nach Ein-bruch der Dunkelheit, öffnete ihr ausnahmslos Paul die Tür. „Was schaust du schon wieder so, als ob ein Monster vor dir steht?“ Der Sarkasmus schmeckte gut auf seiner Zunge, und als er Pauls entgleisende Gesichtszüge sah, schnippte er ihm eine Heftklammer um die Ohren. Paul versuchte erst gar nicht, sie zu fangen. Es gab Dinge, die konnte er nicht. Mit einer steilen Falte auf der Stirn sah er zu, wie die Klammer an ihm abprallte und auf den Boden fiel. „Weil es das tut, Vincent. Und zwar schon seit Jahren.“ „Dann bist du wohl ein Held.“ Jeder war ein Held in seiner Nähe. Die Nachbarin, die Postfrau, die Kassiererin im Supermarkt. Sie alle waren unbewusste Helden, die nicht ahnen konnten, in welcher Gefahr sie sich in seiner Nähe befanden. Paul schürzte die Lippen. „Lebt die Dogge von Herrn Wenzel noch? Oder stammt das blutige braune Fell, das ich jetzt gleich vom Boden kratzen werde, von ihr?“ „Es stammt von ihr und sie war noch so frisch, dass sie gejault hat, als ich sie genossen habe. Ehrlich, frischer geht’s nicht.“ Käseweiß stand Paul da und sortierte, ob er die Wahrheit gesagt oder sich wieder einmal einen grausamen Scherz erlaubt hatte. „Hat dir schon mal einer gesagt, dass du ein fieses Arschloch bist?“ Pauls Lippen bebten vor Empörung. „Ja, du schon öfter.“ In seinem Augenwinkel glitzerte eine Träne. Paul hatte recht. Er war ein Arschloch. Er legte die Arme um Pauls schmale Schultern und zog ihn an sich. „Nie würde ich mir mein Essen aus der Nachbarschaft besorgen. Und schon gar nicht, wenn ich seinen Namen und seinen Besitzer kenne. Außerdem ist der Hund von Wenzel schwarz.“ Paul befreite sich aus seiner Umarmung und schniefte. „Als ob die Farbe etwas ändern würde.“ Er spielte an einer Fluse seines Wollpullis herum und zupfte sie ab. Vincent bekam Gänsehaut. „Lass das.“ Unschuldig sah Paul ihn mit großen Augen an. „Was denn?“ „Das Fussel-Zupfen! Du weißt, dass ich das hasse!“ „Echt?“ Hinterhältig spielte er mit einer weiteren. „Etwa so, wie ich es hasse, am frühen Morgen deine Essensreste wegzuräumen?“ Er riss den Fussel ab und schritt schwungvoll zur Tür. „Wünsch mir Glück!“ Eine Kusshand flog zu ihm und die Tür schlug zu. Kaum war er weg, ließ Vincent seinen Kopf auf die Tischplatte sinken. Wieder würde er durch die Straßen ziehen. Allein und ständig auf der Hut vor dem, was er weder zulassen noch kontrollieren konnte. Fremde Hände glitten über ihren Körper. Verwöhnten sie, schürten ein Verlangen, dem sie nicht standhalten konnte. Heißer Atem strich über ihren Nacken, Arme umschlangen sie, hielten sie fest, ließen sie auch dann nicht los, als sie sich wehrte. Etwas hatte ihr in der Dunkelheit aufgelauert. Hatte sie angesprungen und zu Boden gerissen. Ihr Angstschrei verklang, als ihr Peiniger ihren Namen wisperte und sich immer näher an sie drängte. Sein tiefes Knurren vibrierte durch ihren Körper, seine zärtlichen Nackenbisse raubten ihr den Verstand. Sie wand sich in seinen Armen. Wieder flüsterte er ihren Namen, rau, verzweifelt, unendlich sehnsuchtsvoll. „Nina? Mach mal Kaffee.“ Dirk. Was machte er in ihrem Bett? Er durfte jetzt nicht hier sein. Ihr Körper war voll Sehnsucht nach dem Mann aus ihren Träumen. Nina spürte seinen Berührungen nach, stellte sich seine Küsse vor. Sie hätten ihr den Atem genommen. „Schon vergessen?“ Gähnend wälzte sich Dirk aus der Decke. „Gestern die Fete bei Bo. Da hast du mich abgegriffen.“ Bos Vierzigster. Der Tequila war in Strömen geflossen. Ihre Zunge war immer noch wund von zu viel Salz und Zitrone. „Was ist passiert?“ Sie musste sich den Kopf halten. Schon, wenn sie nur zur Seite sehen wollte, wurde ihr schwummerig. „Dreimal darfst du raten.“ Dirk zog seine Jeans über den nackten Hintern. Dann war das schwarze Zelt, das über dem Bettpfosten hing, seine Hipster. „Wieso bist du nackt?“ Er lachte. „Hätte ich in Klamotten mit dir schlafen sollen?“ Sorgfältig verstaute er alles Wichtige in der zu engen Hose und vorsichtig zog er den Reißverschluss zu. Ein sicherer Griff in den Schritt rückte es an den richtigen Platz. „Deine Unterhose ziert meinen Bettpfosten.“ „Stört’s dich?“ „Eigentlich schon, jetzt, wo du fragst.“ Lässig pflückte er sie ab, roch an ihr und rümpfte die Nase. „Wäschst du sie mit?“ „Hast du sie noch alle?“ „Komm, sei nicht so spröde.“ Mit bittendem Hundeblick schwenkte er das Teil hin und her. Endlich gab er auf und stopfte es in seine Jackentasche. Unter der Decke tastete sie sich ab. Nackt. Was auch sonst? Ihre Sachen verteilten sich großzügig auf dem Boden und erweckten nicht den Eindruck, noch einmal getragen werden zu wollen. „Lass sie hier, ich wasch sie mit.“ Sein dankbarer Blick bekam einen Glanz, als er vom Fußende her über ihr Bett auf sie zurobbte. „Möchtest du einen kleinen Nachschlag, süße Nina, die mir nicht nur das Ohr wundgebissen hat?“ Schnurrend rekelte er sich auf ihr und presste ihr mit seinem Gewicht sämtliche Luft aus der Lunge. Er war schwer wie ein Baum. Fühlte sich in ihrer Umarmung auch so an. Seit wann schlief sie mit Bäumen? „Ich liebe es, wenn du so lustvoll nach Luft schnappst.“ „Runter von mir! Ich ersticke!“ Sie schlug ihn vor die Brust, bis er aufgab. „Gibt es etwas, das ich wissen müsste?“ Das langsame Aufrichten ihres Körpers in die Senkrechte irritierte ihren Magen derart, dass sie es bleiben ließ. Dirk sah sie mitleidig an. „Wie man’s nimmt. Willst du Einzelheiten?“ Vorsichtiges Kopfschütteln ging, ohne ihrem Hirn allzu viel Schaden zuzufügen. „Ein Jammer.“ Selbstbewusst zog er seinen Ledergürtel stramm. „Es war eine wilde Nacht.“ So fühlte sich ihr Körper auch an, aber das schob sie auf den Tequila. „Kränkt es dich, wenn ich dir sage, dass ich mich an nichts mehr erinnern kann?“ Sie wusste nicht mal mehr, wie sie nach Hause gekommen war. Dirk zog eine Schnute. „Ein wenig. Ich habe mein Bestes gegeben. Du übrigens auch.“ Grinsend zog er sich die Sneakers über. „Mannomann, was für ein Weib!“ Sie sammelte den Rest ihrer intakten Hirnzellen. Es waren zu wenige. Das Denken fiel ihr massiv schwer. Sprach er von ihr, wenn er mit diesem anerkennenden Tonfall Weib sagte? Er musste sie verwechseln. Vielleicht lag noch eine andere unter dem Bett und hatte sich nur noch nicht aus ihrem Kater-Schlaf getraut. Sie war noch nie über irgendjemanden hergefallen. Und über einen Arbeitskollegen schon gar nicht. Aber bis jetzt hatte sie auch noch nie das tiefe und dringende Bedürfnis verspürt, sich einer Traumstimme hemmungslos hinzugeben, beziehungsweise dem dazu passenden Mann. In ihrer Fantasie glitten seine Hände wieder über ihren Körper. „Was machst du da?“ Dirk zog die Decke weg. „Streichelst du dich?“ „Nein. Schmeiß mir das Shirt rüber.“ Wenn sie den Tag heute mit Anstand und Würde überstehen wollte, musste sie sich unbedingt von diesem Traum befreien. Dirk wühlte in dem Kleiderhaufen auf der Sessellehne. „Das Rote oder das hier mit den komischen Girlanden?“ „Das Grüne. Drei Schichten tiefer.“ Der halbe Stapel fiel auf den Boden. „Das hier? Da steckt noch irgendwas anderes drin.“ „Ein Top. Ist okay, her damit.“ Bevor sie duschen würde, musste sie wenigstens einen Kaffee trinken. „Wenn ich heute bei der Arbeit erfahre, dass du es warst, der mich abgefüllt hat, bist du dran.“ Dirk lachte. „Ich meine es ernst. Das verzeihe ich dir in hundert Jahren nicht.“ „Dann sei nicht erschüttert von dem, was du hören wirst.“ Es gab nur eine Sache in ihrem Leben, die erschütternd war. Ihre Brüder. Doch von deren wahrer Existenz wusste niemand außer ihresgleichen. „Was werde ich denn hören?“ Wenn sie die Details erfuhr, konnte sie wenigstens kontern, wenn ihr Bo später Vorhaltungen machen würde. „Dass du maulig angekommen bist und mit deiner Ätzlaune fast Bos Fete geschmissen hast.“ Seine wasserblauen Augen sahen sie vorwurfsvoll an. „Mann, warst du schlecht drauf. Dabei hatte sich Bo so eine Mühe gemacht. All die leckeren Kanapees, mein Sushi, die Cocktails.“ „Diese Laune ist nichts Neues.“ Gestern war ein übler Tag gewesen. Sie hatte mit Marcel gestritten, was nie vorkam, da Lieblingsbrüder nicht zum Streiten da waren, hatte vor Kopfschmerzen gewimmert und schlecht war ihr auch gewesen. Sie war nur auf die Fete gegangen, weil sie es allein mit sich und ihrem Elend nicht ausgehalten hatte. Dirk leckte sich grinsend die Unterlippe. „Plötzlich bist du abgegangen wie eine Rakete.“ Nina schluckte. „Bei Bo?“ „Du hast mir über den Rücken gekratzt, mich in die Lippe gebissen und irre kehlige Laute ausgestoßen.“ Zum Beweis drehte er ihr seinen Rücken zu. Rote Striemen und dazu ein sattes Katergrinsen im Gesicht. „Die erste Attacke hast du im Fahrstuhl gestartet. Wir haben es kaum in deine Wohnung geschafft.“ Nina verschwand unter der Bettdecke. Wieso wusste Dirk alles und sie hätte im Moment nicht einmal ihren schlichten Namen buchstabieren können? Es musste am Alkohol gelegen haben. Sie trank sonst nie. Von außerhalb der Decke drang Dirks Lachen zu ihr. „Komm schon, Süße. Schäm dich nicht. Es gibt keinen Grund.“ „Dann war es schön?“ Wenn sie sich nur erinnern könnte. Dirk hockte sich vor sie, zog die Decke noch etwas weiter runter. „Schön, fragst du?“ „Na ja, du wirkst so zufrieden.“ „Oh Nina.“ Er küsste sie auf die Wange und verkniff sich auch ein mitleidiges Tätscheln nicht. „Vielleicht fällt’s dir ein, wenn dein Kopf wieder klar ist. Sollten wir auf jeden Fall wiederholen.“ Sein Blick ruhte auf ihrem unausgeschlafenen Mund, der sich nach einer Zahnbürste zu sehen begann. „Ich konnte ja nicht wissen, dass du …“ „Was konntest du nicht wissen?“ „Dass du so, wie soll ich sagen? So lecker bist! Ein echtes Häppchen! Es macht Spaß, dich zu genießen.“ „So hat es, glaub ich, noch keiner ausgedrückt.“ Er lachte etwas zu laut, was ihre Kopfschmerzen verstärkte. „Ich denke immer ans Essen. Muss an der Arbeit liegen.“ Schon an der Tür angekommen, drehte er sich noch einmal um. „Mach dir wegen des Kaffees keine Gedanken. Ich komm auch ohne klar. Und übrigens, du übernimmst nachher meine Schicht. Nicht vergessen.“ „Wie bitte?“ Nina fixierte die verschwommenen Zeiger ihres Weckers. „Das ist in drei Stunden.“ „Na dann …“ Dirk zwinkerte ihr zu und legte grüßend den Finger an die Stirn. „Sieh mal zu, dass du bis dahin startklar bist.“ Die Tür fiel ins Schloss und Nina zuckte bei diesem Geräusch zusammen. Drei Stunden. Da würde sie gerade mal aus den Augen sehen können. Die Kaffeemaschine brauchte zu lange. Nina sah den Tropfen beim Fallen zu und wünschte sich das Koffein längst in ihre Blutbahnen. Was für ein Absturz und Annes Gespött würde ihr auch nicht erspart bleiben. Das Smartphone erschütterte sie mit Supermassive Black Hole. Sie würde den Klingelton für Tage wie diesen ändern müssen. „Nina?“ „Marcel? Du traust dich ja was!“ Gestern hätte sie ihn am liebsten verprügelt. „Ich will mich in aller Form bei dir entschuldigen.“ „Daran tust du gut. Dir verdanke ich das tausendste Trauma meines Lebens.“ Marcel lachte. „So schlimm?“ „Schlimmer. Ich dachte, du stirbst.“ „Ich auch.“ Es war lange her, dass sie einen ihrer Brüder zurückholen musste. Er hatte sich mit Egmont geschlagen. Sie wusste nicht, um was es ging, doch es musste heftig gewesen sein. Marcel hatte sich sonst gut im Griff. Wäre sie nur nicht zur Fabrik gekommen. Doch dann hätte Nathan etwas gemerkt und er duldete außerhalb der Jagdsaison keine Transformationen. „Danke Kleines, dass du mir geholfen hast.“ Er klang immer noch geknickt. Sicher fühlte er sich mieser als sie. Er hatte gebrüllt vor Schmerz, als die Transformation nicht zurückgehen wollte. „Gelernt ist gelernt. Ihr habt mir genügend Anlässe zum Üben gegeben.“ Marcel schwieg. Sein schlechtes Gewissen kroch durch den Äther in ihr Ohr und weiter in ihr Herz. „Es wird noch genug Gelegenheiten geben, dich wieder bei mir einzuschleimen.“ „Lass dich mal wieder hier blicken. Jean jammert nach dir.“ Jean jammerte immer nach ihr. Ihr ältester Bruder trauerte täglich, dass sie aus der Fabrik ausgezogen war. „Hab dich lieb. Bis dann.“ Nina drückte ihn weg. Sie hatte noch eine Stunde. Dann musste sie lächeln und so tun, als wäre alles bestens. Das nasse Gras strich über seine nackten Zehen. Es gab nichts Besseres, als barfuß über taunassen Rasen zu gehen. Bis zum Abend war noch genug Zeit, um an seinem Faun zu arbeiten und sich vor Paul zu verstecken. In den Gartenschuppen kam er nie. Er fürchtete sich vor Vincents Geschöpfen. Vom Apfelbaum kletterte die Katze seiner Nachbarin. Sie strich ihm um die Beine und biss in seinen Zeh. „Kommst du mit?“ Mit erhobenem Schwanz stolzierte sie vor ihm her in den Backsteinschuppen, sprang auf die Werkbank und rollte sich auf Pauls ausgedientem T-Shirt zusammen. Dass es nach Firnis roch, störte sie nicht. Der Schuppen war sein Tempel, sein Rückzug, sein Ort der Genesung. In ihm entstanden alle seine Geschöpfe. Stein, Holz, selten Metall. Ohne die Arbeit an seinen Ungeheuern hätte er längst den Verstand verloren. Der Faun war fast fertig. Von den Hufen bis zu den Hörnern gefiel er ihm ausnahmslos gut. Die Hände hielt er zu Fäusten verkrampft an die Seiten gepresst. Er war kein Freund von abstehenden Extremitäten. Die Gefahr, dass sie beim Transport abbrachen, war zu groß. Sein Kopf war mit aufgerissenem Maul in den Nacken geworfen. Es stellte kein Problem für Vincent dar, seinen stummen, qualvollen Schrei zu hören. Im Gegensatz zu vielen anderen Bildhauern, deren Werke er sich manchmal im Internet betrachtete, neigte er nicht dazu, die Grobheit seiner Skulpturen mit überfeinen Meißeln zu mildern. Sie bekamen nie den letzten Schliff. Wie er selbst mussten sie mit der Monstrosität leben. Er ging ein paar Schritte zurück und entschied spontan, dass dieser Faun nicht verkauft werden würde. Und wenn er ihn mit einem Lastenzug in den Umzugswagen hieven musste. „Herr Fabius? Sind Sie hier irgendwo?“ Die schrille Stimme der Postfrau ließ ihm die Nackenhaare hochstehen. „Was machen Sie denn an so einem schönen Tag in diesem alten Schuppen?“ Neugierig steckte sie ihre Nase zur Tür herein. „Hach, das ist aber gruselig, was sie da stehen haben. Da bekommt man ja Albträume.“ „Willkommen in meiner Welt“, hauchte er voll düsterer Versprechen. Sie zuckte mit dem Kopf zurück und sah ihn an wie ein Huhn, das begriff, dass ein Marder im Stall war. Als er nicht aufhörte, sie zu taxieren, räusperte sie sich unsicher und wühlte in ihrer Posttasche. „Na dann wollen wir mal sehen, was ich Schönes für Sie dabeihabe.“ Sie zog einen dicken braunen Umschlag hervor, und als Vincent nicht daran dachte, ihn ihr aus der Hand zu nehmen, legte sie ihn schulterzuckend auf die Werkbank. Die Katze fauchte sie an und sie sprang einen Schritt zurück. Braves Tier! „Na dann schönen Tag noch, Herr Fabius.“ Zügig trat sie den Rückweg an. Ihr leises Schimpfen über ihn und sein unmögliches Verhalten blieb ihm nicht verborgen. Der Umschlag lag da und wartete auf ihn. Der Absender lautete Lorena Fabius. Seine Mutter. Weder schrieb sie ihm noch rief sie jemals an. Aus blanker Sentimentalität teilte er ihr jeden seiner Umzüge mit, erwartete aber niemals eine Reaktion. Einen Umschlag solchen Ausmaßes von ihr zu erhalten, konnte nur etwas Unangenehmes bedeuten. Er entschloss sich, ihn zu ignorieren, und begann die letzten Konturen in den kraftvollen Körper des Fauns zu meißeln. Aber er konnte sich nicht mehr konzentrieren. Der Umschlag lenkte ihn ab. „Verdammt!“ Er legte den Meißel beiseite. Das schlichte braune Papier irritierte ihn immer mehr. Er riss den Umschlag auf und neben dem Geschreibsel eines Testamentsvollstreckers und mehreren kleinen Umschlägen war noch ein Brief von ihr enthalten, in dem sie ihm den Tod seines Vaters mitteilte. Einfach so. In zwei Sätzen. Vor zehn Jahren. Damals war Vincent ausgezogen. Warum kam diese Nachricht erst jetzt? Das Gefasel des Notars verstand er nur zur Hälfte. Seine Mutter sei verstorben. Den Inhalt des Umschlags hätte sie für ihren Sohn bestimmt und der Kanzlei zur Aufbewahrung übergeben. Weder seinen Vater noch seine Mutter hatte er seit zehn Jahren gesehen, gehört oder sonst wie wahrgenommen. Trotzdem versetzte ihm diese Nachricht einen Schlag ins Genick. Bis zu diesem tragischen Tag, als sich zum ersten Mal zeigte, was noch alles in ihm steckte, hatten sie ein inniges Verhältnis gehabt. Danach war es vorbei gewesen. An den Haaren hatte ihn sein Vater aus dem Bett gezogen, dabei hatte das Mädchen noch neben ihm gelegen. Er hatte ihn in den Keller gesperrt und bis zum Morgen dort unten gelassen. In der Finsternis war er zur Bestie geworden. Vor Wut, vor Angst. Nicht vor Lust. Er war sicher gewesen, sterben zu müssen. Die Tintenschrift verschwamm vor seinen Augen. Die Katze sprang auf seine Schulter, legte sich in seinen Nacken. Sie rieb ihren Pelzkopf an seiner Wange und die Schrift verschwamm noch mehr. Der Rest des Umschlags interessierte ihn nicht. Was sollten Eltern ihm mitteilen wollen, die ihm beim Auszug nicht in die Augen sehen konnten? Er setzte die Katze ab, packte alles unter den Arm und trennte sich von seinem schreienden Faun. Die alte Kommode im Lagerraum war ein guter Platz für diesen Dreck. Sollten sich die Holzwürmer am Papier versuchen. „Vince?“ Pauls Schritte klackerten auf der Treppe. Vincent wischte sich über die Augen und holte tief Luft. „Ich bin hier!“ Bevor Paul einen Fuß über die Schwelle setzte, drückte er auf den Lichtschalter. „Ich hasse es, dich hier suchen zu müssen. Diese Wohnung ist ein Grusel-kabinett.“ Sie beherbergte seine Geschöpfte. Sie war seine Galerie, sein Panoptikum der Angst und sein Verkaufsraum. „Trolle, Monster, Drachen. Du bist krank, wenn du so was machst.“ Er schüttelte sich und zog die Schultern bis zu den Ohren. „Was ist los?“ „Ein Typ namens Krause hat angerufen. Er lässt fragen, ob seine Vorgartendeko fertig ist.“ Der Drache hockte vor ihm. Granit. Er würde über den Preis nicht verhandeln. „Sag ihm, er kann ihn abholen.“ Paul verschränkte die Arme vor der Brust. „Bin ich dein Sekretär?“ „Willst du nachher die Wohnung für dich?“ „Moralischer Druck?“ Ein Brauenzucken reichte und Paul stapfte nach oben. Vincent kauerte sich in die hinterste Ecke. Sein Auszug damals war eine Flucht gewesen. Viele folgten. Absteigen, kleine Zimmer, winzige Wohnungen, dann die Bekanntschaft mit einem Bildhauer, der sich um den Verstand gesoffen hatte. Die Übernahme seines Ateliers, seines Werkzeugs, seines Wissens. Damals hatte Vincent zum ersten Mal sein eigenes Geld verdient. Es war ein gutes Gefühl gewesen, seine Kreaturen aus der Hand zu geben und noch ein besseres, sich ordentliche Wohnungen leisten zu können. Dann kam der Unfall mit dem ersten Mädchen. Er musste fortziehen. Die Stadt war größer, seine Kunden reicher und seine Geschöpfe wurden mächtiger, bedrohlicher und begehrter. Dann die Freundschaft mit Paul, seine ständige Geldnot und Vincents Angebot, ihn über die Runden zu bringen, wenn er bei ihm wohnen würde. Kein Mensch vertrug zu viel Einsamkeit. Paul hatte ihn oft vor den Abgründen bewahrt, die nachts auf ihn warteten. Hatte ihm das sentimentale Gefühl von Familie vermittelt. Seine gab es nicht mehr. Er war frei. Das letzte Gefühl von Scham und Verzweiflung sollte im Grab seiner Mutter verschwinden. „Nimm die Sonnenbrille ab“, kommandierte Bo, kaum dass er Nina gesehen hatte. Sie steckte sie weg und kniff die Augen zusammen. Die Strahlen der schrägstehenden Abendsonne marterten ihren nach wie vor schmerzenden Kopf. Das hohe Klirren der aneinanderschlagenden Gläser, die Bo ins Regal hinter der Theke räumte, trug dazu bei. „Na? Hat dich Dirk noch heil nach Hause gebracht?“ „Hast du ihn für mich abkommandiert?“ Bo gönnte ihr einen Augenaufschlag über seine Schulter hinweg. „Sicher. Allein hätte ich dich nie gehen lassen. Wer weiß, wo du gelandet wärst.“ Sicher nicht in Dirks Armen. „Danke Bo. War lieb von dir.“ Wahrscheinlich hatte er es nur gut gemeint. Woher hätte er wissen sollen, dass Dirk ihren Zustand ausnutzen würde? „Und? Hattet ihr noch Spaß?“ Er hauchte an ein Sektglas und polierte es akribisch. „Ich dachte schon, du wolltest ihn gleich hier unterm Tresen vernaschen.“ Nina atmete tief ein, aber die Schmach wurde nicht weniger. In Zukunft würde sie um jede Flasche Tequila einen großen Bogen machen. Sicherheitshalber auch um Dirk. Mochte sein Sushi so köstlich sein, wie es wollte. Bos skeptischer Blick begleitete sie bis ins Hinterzimmer, wo Anne bereits im halblangen schwarzen Rock und gestärkter weißer Bluse auf sie wartete. „Ach du liebe Güte, wo haben sie dich denn hergezogen?“ „Aus dem Bett. Sei froh, dass ich überhaupt da bin.“ Anne kräuselte ihre dezent gepuderte Stupsnase. „Wenn du öfter mal in den starken Armen deines nicht vorhandenen Geliebten versinken würdest, wärst du nicht immer so angespannt und unausstehlich.“ Sie band ihre Kellnerschürze im Rücken und warf Nina einen vorwurfsvollen Blick zu. „Sag mal ehrlich, wann hast du das letzte Mal einen Freund gehabt? Ich meine, so richtig.“ Nina entschied spontan, nichts von dem Zwischenfall mit Dirk zu erzählen. Es würde sich schnell genug herumsprechen, auch ohne ihre Mithilfe. „Ist schon eine Weile her.“ Es gab Dinge in ihrem Leben, die sich mit einem Freund schlecht in Einklang bringen ließen. Aber mit Anne darüber zu reden wäre so sinnvoll, wie einem Arachnophobiker eine Vogelspinne ins Bett zu setzen. Die sanfte Anne, die sie schon seit der Schulzeit kannte, schwärmte für alles, was ruhig, beschaulich und bis an die Schmerzgrenze romantisch war. Zarte Küsse, Händchenhalten bei Mondschein und eine Rose im Champagnerglas gehörten für sie zu einer ganz normalen Beziehung. Edel sollte der Mann ihrer Träume sein. Edel, aufrecht und gut. Die meisten Männer, mit denen Nina aufgrund ihres ungewöhnlichen Privatlebens Kontakt hatte, waren noch nicht einmal in der Lage, in allen Situationen ihres Lebens aufrecht zu gehen. Über edel hätte man streiten können. „Der Typ neulich war doch süß“, schwärmte Anne mit verklärtem Blick. „Der dir das sündhaft hohe Trinkgeld zugesteckt hat.“ „Du meinst Philipp?“ Anne nickte wie eine verständige Mutter, die Nina nie gehabt hatte. „Der war mal mein Nachbar.“ Umständlich schälte sie sich aus der Jeans. „Er ist nicht das, was ich mir für eine Liebesbeziehung wünsche.“ Sicher war er ein netter Kerl. Aber das war es auch schon. Anne sah ihr dabei zu, wie sich abmühte, ihre Seidenstrumpfhosen hochzuziehen, ohne Laufmaschen zu produzieren. „Moment. Ich helfe dir.“ Mit geübtem Griff führte sie das zarte Gewebe über Ninas Verse hinweg und auch beim Knie half sie nach. „So, sitzt.“ Sie strich die Falten glatt und wirkte mit ihrem Einsatz zufrieden. „Du hast hübsche Beine.“ „Hab ich?“ Nina sah an sich hinunter. Hässlich waren sie jedenfalls nicht. „Hast du.“ Anne schlenderte um sie herum und klatschte ihr auf den Po. „Der ist auch okay.“ „Na, dann bin ich beruhigt.“ „Nur obenrum könnte es ein Hauch mehr sein.“ Sie lehnte sich zurück und verengte die Augen. „Es gibt diese BHs, die man ausstopfen kann.“ „Bis jetzt hat sich noch keiner beschwert.“ „Nicht?“ Seufzend steckte sie ihre Haare hoch und betrachtete sich eingehend im Spiegel. „Nina, du brauchst einen Mann.“ Sie lächelte ihr durch das Glas entgegen. „Das würde dir guttun. Du bist in letzter Zeit so ruhelos und unerfüllt.“ „Mir geht’s auch ohne ganz gut.“ Anne hörte nicht zu. „Dieser Philipp könnte dir Sicherheit geben. Und reich ist er auch.“ Ihre Augen leuchteten und sicher erwartete sie ein euphorisches Zu-stimmen. „Ich brauche keine Sicherheit.“ Sie brauchte Nackenbisse. Diese Erkenntnis war erschreckend und verführte sie zu den seltsamsten Visionen. Anne lächelte nachsichtig. „Doch, Süße. Glaub mir. Das braucht jede Frau.“ Sie stutzte. „Geht es dir gut? Du bekommst Farbe.“ Sie drehte sich um und fühlte Ninas Wange. „Du wirst doch kein Fieber haben?“ Nina nahm die Hand aus ihrem Gesicht. „Bereit für ein Geständnis?“ „Ich bin deine Freundin, raus mit der Sprache.“ Sie holte tief Luft. Sie würde sie brauchen. „Ich sehne mich nach leidenschaftlicher Liebe, rasender Begierde und bettelndem Verlangen, das mich moralisch in die Knie zwingt und mir den Verstand raubt.“ Annes Augen wurden größer und ihr geschminkter Kirschmund formte sich zu einem stummen O. „Ich will Hände auf mir fühlen, die fast irrewerden vor Sehnsucht nach meinem Körper und einen Mund, der droht, sich vor Lust in meinen Lippen zu verbeißen. Ich will einen sich vor Erregung windenden, sich aufbäumenden Körper in den Armen halten und ich, ich ganz allein will es sein, die ihn von dieser Qual erlöst. Oder sie verstärkt, je nach Laune.“ Annes Oh wurde zu einem offenen Ah, was daran lag, dass ihr Kiefer runter-geklappt war. „Aber Nina.“ Mit schüchterner Geste strich ihr Anne über die Wange. „Ich wusste ja nicht …“ „Dass ich nicht nur ein bisschen vor mich hinglühe, sondern lichterloh brenne?“ Wie sollte sie auch? Sie selbst wusste es erst seit der letzten Nacht. Anne hielt ihr unsicher die Bürste hin. Es war ihr anzumerken, dass sie das Geständnis aus dem Gleichgewicht gebracht hatte. „Mach dich hübsch für die Schicht.“ „Hab ich dich schockiert?“ „Ja, aber nicht zum ersten Mal. Also mach dir nichts draus. Hier.“ Sie hielt die Wildschweinborsten-Bürste näher. „Nimm schon! Bo hat’s gern, wenn wir adrett aussehen und sich die Gäste nicht vor uns fürchten müssen.“ Ihr strenger Blick wanderte zu Ninas unordentlicher Frisur. „Und ich würde mir an deiner Stelle die Sache mit Philipp noch mal durch den Kopf gehen lassen.“ Anne verstand sie nicht. Eine gute Partie auszuschlagen wäre ihr nie in den Sinn gekommen. Vielleicht hatte sie recht. Vielleicht sollte Nina ihre Sehnsüchte bezwingen, die durch diesen intensiven Traum bis zur Schmerzgrenze geschürt worden waren. Sie sollte sie nach unten schieben, tief in sich verstecken und dann hoffen, dass Anne ihre Beichte früher oder später vergaß. Sie kämmte sich sorgfältig und verwandelte sich in das, was sie in den nächsten Stunden sein würde: eine charmante Kellnerin, die den Gästen jeden Wunsch von den Augen ablas. „Wo bleibt ihr?“ Manu riss die Tür bis zum Anschlag auf. „Der Laden ist rappelvoll! Soll ich alles allein machen?“ Sie rauschte wieder davon und Anne sah ihr kopfschüttelnd hinterher. „Das Küken soll die Klappe halten. Nach so kurzer Zeit bei uns hat die noch gar kein Mitspracherecht.“ Noch ein kontrollierender Blick in den Spiegel, und mit sorgsam eintrainiertem Lächeln huschte Anne grazil zur Stätte ihres Wirkens. Nina betrachtete ihr Spiegelbild. Die roten Haare, die Nase mit ein paar Sommersprossen zu viel und den etwas zu hellen Teint. Mit dem Finger zog sie ihr Abbild auf der kalten Glasfläche nach und versuchte, es zu einem Lächeln zu überreden. Es wollte nicht. „Bist du jetzt endlich mal weg?“ Paul zischte Vincent gestresst an wie eine Schlange, der man auf den Schwanz getreten war. Es hatte schon zum zweiten Mal geklingelt und Paul stand hektisch kämmend vorm Spiegel in der Diele. „Warst du beim Friseur?“ Pauls hellbraune Haare waren akkurat kurz geschnitten und im Nacken sauber anrasiert. So geschniegelt hatte er ihn lange nicht mehr gesehen. „Ja, stell dir mal vor.“ Er fuchtelte mit dem Kamm in seine Richtung. „Deine Mähne brauchte auch mal wieder Anteilnahme.“ Vincent fuhr sich durchs Haar. Er ließ jeden Schnitt aus Prinzip rauswachsen. Ein Gummi im Nacken musste reichen. „Raus mit dir!“ Es klingelte wieder und Paul japste vor Schreck. „Wenn Knut kommt, will ich dich hier nicht mehr sehen.“ „Warum? Hast du Angst, dass er sich in mich verliebt?“ Paul schnappte nach Luft. „Raus! Du hast es versprochen!“ Vincent tastete die Taschen ab. „Die Schlüssel.“ Paul fauchte vor Ungeduld und warf sie ihm hinterher. „Und kein Wort zu Knut! Keins! Hast du mich verstanden?“ „Darf ich Hallo sagen?“ „Nein. Du darfst abhauen.“ Knut stand kerzengerade vor der Tür. Die Rose, die er ihm entgegenhielt, ließ er wieder sinken. „Ist Paul da?“ Er versuchte, einen Blick über Vincents Schulter zu werfen, aber das gelang ihm nicht. Sein zarter Teint wurde vor Eifer kräftiger und die blonden Locken wippten in seiner Stirn. Ein hübsches Kerlchen. Paul hatte Geschmack. „Hi, ich bin Vincent.“ Der Hauch Rosa, der ihm übers Gesicht huschte, stand ihm bestens. „Magst du Biopulpo? Seine Saugnäpfe klebten eben noch in Pauls Gesicht.“ „Vincent!“ Paul klang wie angeschossen. „Hattest du nicht noch etwas Dringendes vor?“ „Tut mir leid. Ich darf nicht mit fremden Männern reden.“ Knuts Brauen kletterten höher und um seinen Mund spielte ein amüsiertes Lächeln. Die interessante Mischung aus teurem Aftershave und angeschwitzter Männerhaut, die ihm entgegenwehte, hatte was. „Paul, Knut riecht köstlich. Darf ich probieren?“ Der Autoschlüssel seines SLK flog weit an ihm vorbei. Paul konnte nicht fangen und werfen schon gar nicht. „Schon gut, ich bin weg. Viel Spaß euch beiden.“ Knut sah ihm nach, als er die Treppe runterging. Dann knallte die Tür. Sicher hatte Paul ihn an den Haaren reingezogen. Der Fliederduft fühlte sich wie ein Seidentuch auf nackter Haut an. Er mischte sich mit den Gerüchen verliebter Nachtschwärmer, warmem Asphalt und den Abgasen der Großstadt. Diesmal hatte er sich zu lange zurückgezogen. Er musste unter Menschen. Für eine Nacht so zu tun, als wäre er ein normaler Mann mit lediglich ungewöhnlichen Essgewohnheiten, wäre Balsam für seine wunde Seele. Die Gesichter hinter den Panoramascheiben der Bars lachten. Manche auch nicht. Sie sahen ernst ihren Gesprächspartnern zu oder grinsten sie an oder senkten den Blick. Die Zeit, in der er mit Freunden losgezogen war, lag ewig zurück. Er hatte gerade mal einen akzeptablen Bartwuchs gehabt. An einer Litfaßsäule stand ein Paar eng aneinandergeschmiegt. Der Mann hielt das Gesicht seiner Liebsten so behutsam in den Händen, als könnte es zerbrechen. Immer wieder kostete er ihre Lippen, hielt die Augen geschlossen und genoss den Moment. Er bemerkte das Biest nicht, das an ihm vorbeistrich. Wie sollte er auch? Es hatte sich in einem Menschen versteckt und spottete über den Druck in seinem Herzen, der stetig zunahm. Er sollte umkehren, Knut rausschmeißen und sich verkriechen, wie er es immer tat. Paul würde ihm irgendwann verzeihen. Paul verzieh ihm alles irgendwann. Hier auf den Straßen waren zu viele Menschen, zu viele Emotionen, die er nicht teilen durfte und zu viele Verlockungen. „Ich hab Hunger, lass uns zu Bo gehen, ein Baguette essen.“ Eine Schönheit mit hochgesteckten braunen Haaren und sinnlichem, vollem Mund hakte ihre Freundin unter und balancierte auf meterhohen Absätzen an ihm vorbei. Der Blick, den sie ihm zuwarf, versprach mehr, als er nehmen durfte. Die Brünette lachte zu laut, sah sich nach ihm um, lachte noch lauter. Ihr Duft verriet ihr Bedürfnis nach ihm. Wusste sie, dass sie seinen Jagdtrieb schürte? Ihren Nacken zierten nur einzelne Strähnen. Er fokussierte ihn, ging schneller, ebenso wie sein Atem und sein Herz. Es war ein schöner Nacken. Sie war eine schöne Beute. Vincent blieb stehen. Er dachte wie das Biest. Wie hatte es sich in sein Bewusstsein schleichen können? Er konzentrierte sich auf alltägliche Dinge. Briefkästen, Zigarettenkippen am Straßenrand, kleine Klebebildchen auf Laternenmasten. Der Rhythmus seines Herzens wurde wieder ruhiger. Die Braunhaarige war mit ihrer Freundin am Aufgang der Bistroterrasse stehen geblieben. Ihr provokanter Augenaufschlag galt ihm allein. Sie schlenderte über die Terrasse, an den besetzten Tischen vorbei nach drinnen. Zu viele Menschen. Zu viele Gerüche, zu wenig Rückzugsmöglichkeit. Rückzug? Das Biest fuhr langsam die Krallen in ihm aus. „Kann ich Ihnen etwas bringen?“ Die leuchtenden Augen der Kellnerin erfassten ihn mit einem Blick. „Da vorn ist noch ein Tisch frei.“ Sie führte ihn hin, legte ihm die Karte vor. Ihr Duft war unspektakulär. Zu süß und zu gewöhnlich, um ihn zu reizen. Auf den laminierten Seiten stand lauter totes Zeug. Pizza, Baguette, Crêpes. Kein Herzschlag, kein warmes Blut, keine Jagd. Was sollte er damit? „Nur einen Kaffee, bitte.“ Das Mädchen nahm die Karte wieder hoch, berührte dabei seine Hand. „Sind Sie sicher, dass Sie nicht mehr wollen?“ „Ganz sicher.“ Er musste sich sammeln. Runterfahren, wieder klar denken. Er war eine Gefahr für alles, was sich um ihn bewegte. Das nächste Mal würde er Paul vorschlagen, Knut tagsüber zu lieben. Wo stand geschrieben, dass man sich nur bei Dunkelheit seinem Liebsten hingeben durfte? Zwei smarte Anzugträger schlenderten zu seinem Tisch. Vincent sah sich um. Alle Tische im Außenbereich waren besetzt. Allein ihr überhebliches Lächeln schürte bereits seine Aggression. „Entschuldigung. Sind die beiden Stühle noch frei?“ Schon langte der eine von ihnen nach der Lehne. Sein Haar war straff zurück-gekämmt und sollte eine zu früh beginnende Glatze verdecken. „Nein.“ Diese Fremden so nah bei sich zu haben, war unerträglich. Der Mann wechselte einen amüsiert-überraschten Blick mit seinem Anzugkumpel. Dann sah er sich übertrieben um. „Hast du deine beiden Begleiterinnen auf dem Klo versteckt oder wo sind sie?“ Er lachte affektiert und beging den Fehler, sich über Vincents Wunsch hinwegzusetzen. Mit dem Fuß schnappte Vincent das Stuhlbein und zog den Stuhl mit einem kräftigen Ruck wieder an den Tisch, ohne den Smarten aus den Augen zu lassen. „Ich sagte doch, der Tisch ist besetzt.“ Der andere, der offensichtlich heute Abend sehr viel Zeit in seine Föhnfrisur investiert hatte, zupfte am Ärmel des Glatzenkaschierers. „Lass doch“, raunte er ihm zu. „Suchen wir uns eben einen anderen Tisch.“ Sofort wurde er wütend angefunkelt. „Es ist aber keiner mehr frei, wie du siehst!“ Er schüttelte die Hand seines Freundes ab und stützte sich mit seinen breiten Fingern ab. Die Fleischfalten seiner Hand wurden weiß, so fest presste er die Tischplatte. Sie war aus Glas und er würde Abdrücke hinterlassen, schmierige Abdrücke seiner Wurstfinger. „Komm schon, Freundchen, spiel dich nicht auf! Du rutschst einfach ein bisschen, und dann lassen wir dich auch ganz brav in deinem Eckchen sitzen. Okay?“ Vincent warf lachend den Kopf zurück und zeigte kurz seine Zähne. Es brauchte nicht viel, um sie wachsen zu lassen. Warum er so ein Risiko einging, wusste er nicht. Ihm war plötzlich nach Provokation. Außerdem sah er es als seine moralische Pflicht, den beiden im Interesse ihrer Charakterbildung zu zeigen, wo ihre Grenzen lagen. Davon abgesehen, dass es ihm größtes Vergnügen bereiten würde, sie vor Angst schwitzen zu sehen. Irritiert sah der Glatzenkaschierer zweimal hin. Dann schüttelte er verwirrt den Kopf. Sicher dachte er an eine Halluzination, hervorgerufen durch seine ständigen Überstunden im Büro, in denen er Onlinespiele spielte oder sich in irgendeinem Chat herumdrückte. Vincent kippte mit dem Stuhl wieder nach vorn und sah ihn von unten drohend an. „Zieht Leine und vergnügt euch beim Arschlecken eurer Vorgesetz-ten.“ Glatze lief rot an, Föhnboy wurde weiß. „Wenn du meinst, du kannst hier …“ Weiter kam er nicht. Zuerst suchten sie um sich herum nach dem eigenartigen Geräusch, dann erkannten sie, dass es von ihm kam. „Der knurrt“, wisperte Föhnboy. Glatze sah ihn entgeistert an. „Blödsinn! Kein Mensch kann so knurren.“ Aber der stechende Geruch seines Angstschweißes sagte Vincent deutlich, dass er sich da nicht so sicher war. „Lass uns jetzt gehen, verdammt noch mal!“ Föhnboy hatte anscheinend genug von ihm. Ein kleines Zucken seiner Lefzen reichte aus und die beiden einigten sich darauf, ein anderes Café aufzusuchen. Nicht, ohne sich noch ein paar Mal nach ihm umzudrehen. Es hätte Vincent Spaß gemacht, sie eine Zeit lang vor sich herzutreiben. Einfach so, immer weiter, bis sie an den Rand ihrer Kräfte kommen würden. Es würde schnell geschehen. Zu schnell, um eine echte Befriedigung darstellen zu können. Das Blut lief dem Jungen die Schläfe hinunter. Hatten sie ihn also erwischt. Heinrich wusste nicht, ob er darüber froh sein sollte. „Kurz vorm Bahnhof haben wir ihn aufgegriffen.“ Michal drehte Ondrejs Arm noch weiter nach hinten. Es knackte und Ondrej stöhnte auf vor Schmerz. „Heinrich, hab Erbarmen!“ Er wand sich unter Michals Griff, starrte ihn flehend an. Er war so jung, so dumm, so leichtfertig mit dem eigenen Leben. „Heinrich?“ Michal wartete auf weitere Anweisungen. Er war Ondrejs Freund. Dass er ihn eingefangen hatte, war ein Vertrauensbeweis der Gemeinschaft gegenüber. „Heinrich, bitte!“ Marek löste sich wie ein Geist aus dem Schatten der Mauer und schlug Ondrej ins Gesicht. Dunkles Blut tropfte aus der Nase des Jungen. Als Marek seine Hand wieder hob, griff Michal seinen Arm. „Der Junge muss noch reden können.“ „Der Junge kommt aus demselben Drecksloch von Heim wie ich. Dort redet man nicht. Man hungert.“ Dünn wie Angelschnur waren sie gewesen. Und ebenso durchsichtig. Maria hatte sie mit Speck und Karnickel füttern müssen, damit sie wieder fest auf den Beinen stehen konnten. Undankbarer Bastard! „Was hat dir der Deutsche versprochen, wenn du die Gemeinschaft verrätst und dafür bei ihm unterkriechst?“ Wenn er das Biest in die Pranken bekommen würde, würde er Hackfleisch aus ihm machen. Ondrej spuckte Blut aus. „Freiheit.“ „Freiheit für ein Biest?“ Heinrich musste lachen. Biestern gebührte keine Freiheit, sondern eine Kugel in den Kopf. Ondrej schrie auf. „Das sind wir nicht immer!“ „Doch, mein Sohn. Innen schon.“ Ondrej schluchzte, verschluckte sich und spuckte wieder aus. „Ich will ein Leben, Heinrich!“ Das hatte er ihnen gegeben. Ihnen allen. In den Schluchten des Riesengebirges waren sie sicher vor den Menschen und ihren Waffen. Und die Menschen waren sicher vor ihnen. Ondrej heulte Rotz und Wasser. „Wir hausen in Höhlen wie Tiere und so behandelst du uns auch.“ „Weil wir Tiere sind!“ Marek lachte gehässig. „Oder wie nennst du das Geschöpf, das du im Spiegel siehst, wenn dir der Schwanz hochsteht?“ Der Kerl war ein eiskalter Fisch. Transformierte nie. Egal, was man unter ihn legte. Die Weiber standen Schlange, um sich mit ihm zu paaren und schrien im Rausch lauter als er. „Ich habe sie nicht verletzt!“ Es wurde Zeit, ihm das Maul zu stopfen. „Weil wir es nicht so weit haben kommen lassen.“ Michal schüttelte ihn. Sein Gesicht war ebenso verzerrt wie Ondrejs. „Ich hätte es geschafft!“ „Einen Dreck hättest du! Oder war der Zahn, den ich dir ausgeschlagen habe, aus deinem Milchgebiss?“ Ondrej sackte in Michals Griff zusammen. Ob aus ihm je ein funktionierendes Mitglied der Gemeinschaft geworden wäre? Jetzt war der Zug abgefahren. Er war dem Lockruf eines fremden Biestes gefolgt, das ihm lächerliche Versprechungen machte und aus dem Westen seine Krallen nach Anhängern ausstreckte. Ondrej war nur einer von vielen Überläufern. Einen hatten sie bei der Verfolgung zur Strecke gebracht, fünf waren ihnen durch die Lappen gegangen. Zum Teufel mit der modernen Kommunikationstechnik! Ohne sie wäre auch für Biester ein würdiges Leben in Ruhe und Abgeschiedenheit möglich. Frei von Krieg und Zwietracht unter den ohnehin schon schrumpfenden Populationen der Gestaltwandlergemeinschaften. Ein paar Jahre hatte es Heinrich geschafft, Rivalenkämpfe zu vereiteln. Jetzt hing wieder ein Krieg in der Luft. Er konnte es wittern. Ein Krieg gegen einen Feind, den er noch nicht kannte. Doch das würde er ändern. „Ondrej, mein Junge.“ Ondrej wurde blass, senkte den Blick. „Du weichst mir aus? Mir, deinem Ziehvater?“ Wer mit ihm sprach, hatte ihm in die Augen zu sehen. Er trat ihm die Beine weg. Es tat weh, wenn das ganze Gewicht an den Gelenken zerrte. Was hatte Ondrej gedacht? Dass es ein Zuckerschlecken wäre, seine Gemeinschaft zu hintergehen? „Ich frage, du antwortest.“ Ondrej rappelte sich auf und reckte das Kinn. „Ich will leben, so, wie ich bin!“ „Dann wirst du sterben, so wie du bist.“ Er war nicht der Erste, der unbelehrbar war. Er würde auch nicht der Letzte sein. „Warum?“ Gegen Michals Kraft kam der Kleine nicht an. Da konnte er zappeln, wie er wollte. „Weil du es sagst? Du lügst! Du willst uns kleinhalten, gefügig machen. Ich hasse dich!“ Was für ein mutiger Wicht. Dabei zeigte er kaum Bartwuchs und die Karnickel mussten ihm nach der Jagd vorgekaut werden. „Du willst reißen?“ „Ich will frei sein!“ „Du willst morden?“ „Leben!“ „Du willst deinen haarigen Schwanz in alles stecken, was zwei Beine hat?“ Keuchend ging er in die Knie. Heinrich hatte ihn weichgekriegt. „Freiheit muss man nicht wollen, man muss sie ertragen können.“ Keine Disziplin, kein Leben. Keine Kontrolle, keine Liebe. Gab es was Simpleres? Das hier musste beendet werden. Mochte Michal die Zähne zusammenbeißen oder nicht. Heinrich hatte schon oft die Zähne zusammengebissen. Einer musste die Spreu vom Weizen trennen. Er packte Ondrejs Schopf. „Nicht jammern, Junge. Hinnehmen.“ Die Haare waren nass. Der Kerl starb vor Angst. Sein Schrei war der letzte Laut, den er ihm gestattete. Seine Kralle fuhr durch Ondrejs Kehle. Mit starrem Blick tastete der Junge nach dem warmen Schwall, der aus dem Schnitt pulsierte. Langsam sank er auf die Knie und kippte zur Seite. „Michal! Schaff ihn weg. Er wird verscharrt und vergessen.“ Michal nickte nur. Er sprach nie viel. Er sah die Arbeit und stemmte sie. Ein guter Mann! Marek sah mit finsterer Miene zu, wie Michal Ondrej davontrug. Hatte der nichts Besseres zu tun? „Schick Jakub zu mir. Sofort.“ Er kannte nur ein Biest im Westen, an das er sich wenden konnte. Es wurde Zeit, seinem Zögling einen Besuch abzustatten.


 


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