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Fantasy Bücher
Buch Leseprobe Bota Ëndërr 3, Michael J. Unge
Michael J. Unge

Bota Ëndërr 3


Wald der süßen Träume

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Abgesehen von ein paar alkoholisierten Jugendlichen, die gerade aus den Kneipen gekehrt wurden, waren nicht viele Menschen unterwegs.


Lange schauten wir uns nicht um. Wohin Lara verschwunden sein musste, lag auf der Hand. Wir jagten über den Platz und bogen in den Girisweg ein. Hier war keine Menschseele zu sehen. Leise Musik dudelte aus einer Wohnung, wo die Fenster weit offen standen. Irgendwo bellte ein Hund. Ansonsten lag der beschauliche Weg totenstill vor uns.


In einer Staubwolke kam ich auf dem sandigen Untergrund des Spielplatzes zum Stehen. Zad folgte auf dem Fuße, was mich etwas verwunderte, da er in der Regel der schnellere Läufer von uns war. Um darüber nachzudenken, fehlte mir in diesem Augenblick allerdings jeglicher Antrieb.


Zad trat an das Wäldchen und schob seinen Arm vorsichtig über den Zaun hinweg. Wie schon beim ersten Mal verschwanden seine Hand und der Unterarm bis hin zum Ellenbogen im Nichts.


„Der Zugang scheint noch da zu sein", erklärte er das Offensichtliche und blickte an seinem Arm entlang.


„Und jetzt?", grübelte ich, „sollen wir es wagen und hinüberwechseln?"


„Gute Frage. Also man spürt nicht mehr oder weniger, als wenn man anderswo seinen Arm in die Luft hält."


Nachdenklich schauten wir seinen halb verschwundenen Arm an.


 


„Das glaub ich jetzt ja nicht!", rief jemand hinter uns und ließ uns herumwirbeln. „Bin ich echt so besoffen?", wandte sich Paul an niemand bestimmten.


„Paul", stellte ich unnötigerweise fest. Zad zog hastig den Arm zurück.


„Was machst du denn hier?", versuchte ich abzulenken.


„Du klangst am Telefon besorgt und da habe ich mich auf den Weg gemacht. Als ich euch die Straße entlang rennen sah, war auch ich besorgt", erklärte er.


Gut, dachte ich erleichtert. Die Ablenkung hat funktioniert.


„Aber lass uns noch mal auf die Geschichte mit dem verschwundenen Arm zurückkommen", fuhr er fort. Na super, brummte ich innerlich.


„Keine Ahnung, was du meinst", stellte Zad sich blöd.


„Das hier!" Paul war zu schnell, als dass ich hätte reagieren können. Seinen Arm hielt er ausgestreckt über den Zaun und starrte das Ergebnis aus aufgerissenen Augen an.


Nun ist es wohl zu spät für irgendwelche Ausflüchte oder dafür ihm das Blaue vom Himmel zu erzählen, dachte ich resignierend.


„Erklärung bitte", forderte der große Dunkelhaarige knapp.


Angriff sei die beste Verteidigung, hieß es doch so schön. Das wollte ich direkt mal austesten. Stotternd begann ich ihm einige Eckpunkte der Geschichte zu erzählen. Angefangen von meiner ersten Reise nach Bota Ëndërr bis zur Rückkehr von der zweiten, riss ich die wichtig erscheinenden Passagen an. Seine Augen wurden bei jedem gesagten Wort größer, doch er schwieg und nahm die Massen an Informationen auf. Man sah ihm regelrecht an, dass er sein Hirn dazu drängte, diese Mengen irgendwie zu verarbeiten.


 „Wollt ihr mich verarschen?!", platzte es anschließend aus ihm heraus.


„Erwischt!", unternahm Zad einen weiteren Versuch, das Unheil doch noch abzuwenden.


„Von wegen", hielt Paul dagegen und versetzte Zad einen Hieb in die Magengrube.


„Bist du irre?", schrie ich und kümmerte mich um den Gekrümmten.


Okay, das war's mit der Heimlichtuerei, dachte ich resignierend, als ich das tiefe Grollen in Zads Innerem vernahm. Keine fünf Sekunden später war es so weit. Zad hatte sich zu seiner vollen Größe aufgerichtet, knurrte bedrohlich und ließ die Flügel hervorschießen. Seine schwarzen Augen feuerten wütende Blicke auf Paul ab. Eine der Schwingen ragte über den Zaun hinaus und war zu Hälfte verschwunden. Aber das tat seinem Auftritt keinen Abbruch.


„Ach du ...", setzte dieser an und trat einen Schritt zurück. „Ihr wollt mich doch nicht verarschen", stellte er trocken fest.


 


„Zad, beruhig dich wieder. Er wollte genau diese Reaktion provozieren!" Genervt nickte ich Paul zu. Der war noch immer vollkommen verdattert, grinste aber über seinen Erfolg.


„Und ihr meint, dass Lara in dieses Butter Ende gegangen ist?"


„Bota Ëndërr", korrigierte ich instinktiv und nickte zustimmend.


„Und jetzt gehen wir hinterher und suchen sie?"


„Wir?", zeterte Zad, der sich noch immer den Bauch hielt. "Wir? Nein, Ben und ich gehen, du bleibst schön hier", wies er Paul zurecht.


„Es geht hier um meine Schwester und ich werde mit euch gehen. Ihr glaubt wohl, ihr könnt den ganzen Spaß für euch haben ... Hä? Aber so nicht! Nicht mit Paul! Und wenn ihr mich nicht mitnehmt ... ich weiß ja, wie ich euch folgen kann", flötete er triumphierend.


Mit einem Gewinnerlächeln strahlte er uns an.


Touché. Paul alleine in Bota Ëndërr? Keine gute Idee, befand ich.


„Lass ihn mitkommen. Wenn Lara wirklich im Wald der süßen Träume ist, und davon müssen wir ausgehen, finden wir sie zu dritt hoffentlich schneller."


„Bist du ...", fuhr Zad mich an und es war glasklar, dass das Wort 'irre' folgen sollte. Er besann sich eines Besseren und fuhr mit einem versöhnlichen 'sicher?' fort.


„Er ist sich ganz sicher", beantwortete Paul die Frage, welche mir galt und zog mich am Ärmel in Richtung des Zauns.


„Kommt", forderte er voller Tatendrang, „schauen wir uns in ...ähm ... diesem Land mal um."


Er wirkte vollkommen aufgedreht. Klar, er hatte seit geraumer Zeit nicht geschlafen, war alkoholisiert und würde jeden Moment auf eine Reise in ein phantastisches Land gehen. Wer wäre da nicht überdreht?


Ich nickte nur und gab dem Zug an meinem T-Shirt nach. Kopfschüttelnd sah Zad uns an. „Wenn das mal gut geht", murmelte er.


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