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Fantasy Bücher
Buch Leseprobe Benny Blu u.d.Geheimnisse Arkaniens, Doris Wirth
Doris Wirth

Benny Blu u.d.Geheimnisse Arkaniens


Der Kelch des Königs

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Prolog


Eine sphärische Musik schwebte durch das Gewölbe. Im Rhythmus der fremdartigen Klänge bewegten sich am Grund des Raumes einige Tänzerinnen. Ein Leuchten ging von ihnen aus, das bis tief in den Raum hineinreichte und sich erst an den dunklen Felswänden verlor. Anmutig wiegten sie ihre Körper und drehten sich mit wehenden Haaren und Gewändern im Kreis. Mit geschlossenen Augen ließen sie sich von der Melodie tragen, bis sie schließlich mit ihr eins zu werden schienen. Schneller und schneller wirbelten sie herum und dort, wo ihre Füße den Boden berührten, schossen kleine, zartbunte Blüten aus dem Stein.


            In der Nähe des Reigens schlängelte sich ein Wasserlauf durch den Raum. An seinem Ufer saß ein Elf und beobachtete wehmütig die Tänzerinnen. Eine Leier lag stumm neben ihm auf dem Boden. Die Kristallkrone auf seinem Kopf fing Lichtreflexe ein und warf sie auf die glatte Wasseroberfläche zurück. Während der Elf den Tanzenden zusah, spielte er gedankenverloren mit dem Amulett, das er um seinen Hals trug und dessen Form an eine Orchideenblüte erinnerte.


            Nach einer Weile hielt er inne und nahm das Schmuckstück ab. Vorsichtig, als sei es zerbrechlich, legte er es in seine Handfläche und betrachtete es zärtlich. Doch plötzlich verhärteten sich seine Gesichtszüge. Die Hand, die das Amulett hielt, ballte sich zur Faust, bis die Knöchel weiß hervortraten und Blut zwischen den Fingern hervorquoll.


            „Ich werde dich rächen", flüsterte der Elf und seine Augen blitzten auf. „Ich schwöre es. Ich werde dich rächen."


Kapitel 13



Bereits seit mehreren Stunden schob sich der Tross gemächlich durch die Landschaft. Die mit Waren und Vorräten schwer beladenen Planwagen rumpelten den Edelleuten, die den Zug zu Pferde anführten, auf dem ausgetretenen Weg hinterher. Wer keinen Platz mehr auf dem Bock oder auf der Ladefläche gefunden hatte - und das war der Großteil der Reisenden - marschierte zu Fuß. Das Schlusslicht bildeten die windschiefen, mit bunten Girlanden geschmückten Karren der Gaukler, die aussahen, als würden sie jeden Moment zusammenkrachen. Ihr Weg führte sie nahe an einem Fluss entlang, an dessen Ufer sich in einiger Entfernung ein dichter Wald anschloss. Die Sonne stand tief und würde wohl bald hinter den Baumspitzen verschwinden und die Nacht Einzug halten lassen. Die fröhlichen Stimmen und das Gelächter, die beim Aufbruch noch über dem Zug gelegen hatten, waren mittlerweile verstummt. Eine bleierne Müdigkeit breitete sich unter den Reisenden aus.


            Auch Benny ließ sich erschöpft von der Menschenmenge treiben. Wie mechanisch setzte er einen Fuß vor den anderen, während er seinen Gedanken nachhing. Finn stapfte missmutig neben Benny her und stöhnte im Minutentakt. Der ungewohnt weite Fußmarsch setzte ihm zu und außerdem hatte ihm die karge Zwischenmahlzeit - ein Kanten Brot und mit einem Tropfen Wein verdünntes Wasser - gar nicht zugesagt. Sein Magen meldete sich immer wieder lautstark zu Wort. Poldi hingegen tat die Bewegung an der frischen Luft sehr gut. Er hatte sich von seinem Rausch erholt und brabbelte bereits wieder in seinem olchischen Kauderwelsch vor sich hin. Benny sah ihm lächelnd dabei zu und schaute von Zeit zu Zeit zurück. Einige Meter hinter ihm ging Lena zusammen mit Griseldis und unterhielt sich leidenschaftlich mit ihr über Pflanzenheilkunde. Die wortkarge Kräuterfrau war aufgetaut und gab bereitwillig ihr Wissen über Pflanzen und Kräuter preis. Dabei ließ sie ihre Augen wohlwollend auf Lena ruhen und auf ihrem runzligen Gesicht war sogar der Anflug eines Lächelns zu erkennen. Kein Wunder, dachte Benny. Lena musste man einfach mögen. Besonders wenn sie in ein Thema vertieft war, das sie begeisterte, schien sie regelrecht von innen heraus zu leuchten. Genau so wie jetzt. Ein warmes Gefühl breitete sich in Bennys Bauch aus.


            Plötzlich stieß Benny gegen etwas Weiches und drehte sich erschrocken um. Während er Lena beobachtet hatte, war er gegen Bruder Zacharias gelaufen.


            „Gemach, gemach, mein junger Freund. Merke auf, wohin du trittst, sonst gerätst du am Ende noch ins Straucheln", sagte der dicke Mönch freundlich. „Deine Augen lass gerade schauen, und deine Augenlider vor deinen Schritten hergehen."


            „Oh, t-t-tut mir leid", stotterte Benny beschämt und sah nach vorn.


            An der Spitze des Zuges ritt Hans Fraunberger zusammen mit Ritter Notker und Ritter Eberhard. Einige Meter hinter ihnen, abseits von den anderen Edelleuten, saß der Mann mit dem Raubvogelgesicht auf seinem Rappen und brütete vor sich hin. Gegen die allmählich aufkommende Kühle des Abends hatte er sich einen Umhang umgelegt, der in weichen Wellen an ihm herabfloss und auch noch das Pferd unter ihm bedeckte. Die Schließe des Umhangs war merkwürdig geformt. Benny stutzte. Unauffällig ging er näher an den unheimlichen Reiter heran, um das Ding besser sehen zu können. Die Schließe hatte die Form eines Raben mit ausgebreiteten Schwingen! Je länger Benny das Schmiedestück betrachtete, desto mehr kam ihm nicht nur das Gesicht, sondern die ganze Gestalt des Mannes wie ein Vogel vor. Ein riesiger, menschlicher Raubvogel. Unvermittelt drehte sich der Mann zu Benny um und sah ihn an. Seine schmalen Lippen zuckten und formten einige stumme Worte. Erschrocken sah Benny weg und eilte mit gesenktem Kopf an seinen Platz zwischen Finn und Bruder Zacharias zurück. Der Raubvogelmann beachtete ihn aber schon gar nicht mehr, sondern blickte sich verstohlen in alle Richtungen um, als suche er etwas. Oder jemanden?


            „Mit dem stimmt doch was nicht", murmelte Benny.


            „Was meinst du?", fragte Finn.


            „Ach nichts."


            „Halt!", tönte es plötzlich von der Spitze des Zuges. Das Kommando wanderte von Marschreihe zu Marschreihe nach hinten und der Tross kam zum Stehen.


            Der Fraunberger wendete sein Pferd und ritt neben den Zug, damit ihn alle sehen konnten. „Hier werden wir unser Lager aufschlagen", rief er. „Es ist ein guter Platz für die Rast. Morgen beim ersten Sonnenstrahl brechen wir wieder auf. Sucht nach Brennholz, damit wir ein wärmendes Feuer entfachen und unser Abendmahl zubereiten können."


            Sofort eilten einige Knechte ins Unterholz, um dem Befehl ihres Herrn nachzukommen. Die übrigen bereiteten das Nachtlager vor. Die Pferde wurden ausgespannt und an dem nahe gelegenen Flusslauf getränkt. Wer seine Habseligkeiten abgelegt hatte, der streckte sich erschöpft auf dem Boden aus, um sich von dem anstrengenden Marsch in der Tageshitze zu erholen.


Bruder Zacharias ließ seinen Wanderstab an Ort und Stelle fallen und setzte sich auf einen wie ein Stuhl geformten Felsblock am Wegrand. „So, nun einen Krug Wein und eine nahrhafte Speise und ich werde keinen Grund zur Klage mehr haben."


            „Na ja, wie ich Sie bisher so kennen gelernt habe, wird da ein Krug Wein nicht ausreichen. Schon eher ein ganzes Fass", neckte Benny ihn.


            Zacharias nahm ihm den kleinen Scherz nicht übel, sondern lachte lauthals los. „Ja, ja, mein lieber Junge, du sprichst wahre Worte. Aber gegen Wein kann ja auch niemand etwas einzuwenden haben. Er sättigt die durstige Seele und die Hungrigen füllt er mit Gutem."


Poldi schüttelte wild den Kopf und streckte prustend die Zunge heraus. „Nein!!! Nie nicht! Rotes Wasser seien schlecht und gemein zu armes Poldi!"


            Benny grinste. „Wenigstens war's dir eine Lehre. Vom Alkohol lässt du in Zukunft besser die Finger."


            „Hey, ich geh mal 'ne Runde und gucke, ob ich für Edison was Essbares auftreiben kann", sagte Finn. „Einen Knochen oder so was. Bis wir was zu beißen kriegen, wird es wahrscheinlich noch etwas dauern." Als hätte er verstanden, was sein Herrchen gesagt hatte, sprang der braune Mischling begeistert an Finn hoch. „Klar kommst du mit", rief Finn seinem Hund zu und machte sich auf den Weg. „Ich brauch dich ja auch, falls ich unterwegs zufällig auf das diebische Biest, diese Husa, treffe. Der kannst du dann gleich beibringen, dass man keine langen Finger macht."


            „Mach uns bloß keinen Ärger", rief ihm Benny hinterher, doch Finn war schon auf und davon. Benny seufzte und blickte sich um. Wo war Lena eigentlich? Von ihr und auch von Griseldis fehlte jede Spur. Benny reckte den Hals und begann, nervös hin und her zu laufen.


            „Was quält dich denn nun schon wieder, mein Junge?", fragte Bruder Zacharias. „Es ist besser eine Hand voll mit Ruhe als beide Fäuste voll mit Mühe und Haschen nach Wind. Komm, geselle dich zu mir und erhole dich."


            „Aber Lena ... ich seh sie nirgends mehr ..."


            „Sie wird schon nicht verschwunden sein. Außerdem ist Griseldis bei ihr, wenn ich mich nicht irre. Die passt schon auf, dass deiner kleinen ... Freundin", er betonte das Wort, „nichts zustößt." Benny errötete und Zacharias lachte dröhnend.


            Benny ließ sich zu Füßen des Mönchs nieder und fragte rasch, um seine Verlegenheit zu überspielen: „Sie kennen die Kräuterfrau? Woher denn?"


            „Griseldis und ich sind alte Weggefährten", erklärte der Mönch. „Unsere Lebenslinien haben sich schon etliche Male gekreuzt." Er seufzte tief und starrte ins Leere, als würden die Bilder der Vergangenheit vor ihm auftauchen.


            „Griseldis hat uns die Klamotten gegeben, als wir vorhin auf einmal hier gelandet ... äh ... sie hat uns aus einer Notlage befreit", verbesserte sich Benny und biss sich auf die Zunge. Auch wenn er dem Mönch vertraute, konnte er ihm die ganze Wahrheit keinesfalls erzählen. Er musste in Zukunft besser auf seine Worte achten. „Aber irgendwie werde ich aus ihr nicht ganz schlau", fuhr er fort. „Sie ist merkwürdig. So verschlossen."


            Bruder Zacharias seufzte erneut. „Ja, ja, Griseldis hat es in ihrem Leben nicht immer leicht gehabt."


            „Warum? Was ist ihr denn passiert?", fragte Benny neugierig.


            „Das steht auf einem anderen Blatt. Die Vergangenheit sollte man ruhen lassen", wehrte Zacharias ab. „Ich denke, nun ist es Zeit für ein kleines Abendgebet", wechselte er das Thema. „Willst du mir dabei nicht Gesellschaft leisten?"


            „Ich weiß nicht ... Ich glaube, ich werde mich doch nach Lena umsehen", wich Benny aus und stand auf.


            „Nun gut, dann halte ich eben alleine Andacht." Zacharias nahm das Holzkreuz von seinem Hals ab, küsste es und bekreuzigte sich.


Benny fiel auf, wie kunstvoll der kleine Anhänger geschnitzt war. Er war zwar nur halb so groß wie eine Handfläche, aber jedes Detail war wunderschön herausgearbeitet. Auch kleine Schriftzeichen entdeckte Benny an seiner Spitze. „Wahnsinn", staunte er. „Derjenige, der das Ding gemacht hat, versteht aber was von seinem Handwerk."


„Nicht wahr?", meinte der Mönch stolz. „Ich habe es auf einer meiner Wallfahrten* erstanden. In Einsiedeln. Nein, halt, es war doch in Santiago de Compostela ..."


            „Und was bedeuten die Schriftzeichen da oben?", fragte Benny, bevor sich der Mönch noch länger in Grübeleien ergehen konnte. Benny beugte sich zu ihm hinunter und drehte den Kopf, um die Buchstaben lesen zu können. „INRI", entzifferte er.


            Zacharias fuhr mit seinen dicken Wurstfingern andächtig über das Kreuz. „INRI - das heißt Iesus Nazarenus Rex Iudaeorum. Damit ist unser Herr, Gottes Sohn, gemeint. Die Worte sind lateinisch und bedeuten ‚Jesus von Nazareth ...‘" Doch Zacharias sprach nicht zu Ende, denn auf einmal ertönte vom Waldrand her der Schrei eines Mädchens.


            Lena!, schoss es Benny sofort durch den Kopf und er raste los, ohne auf Poldi oder Bruder Zacharias zu achten, die ihm verblüfft hinterherschauten. Wie elektrisiert bahnte er sich einen Weg durch die Menschen, die damit beschäftigt waren, ihr Nachtlager herzurichten, und steuerte auf den Waldrand abseits des Lagers zu, wo der Schrei hergekommen war. Bereits von Weitem erkannte er zwei Jungen, die ein Mädchen zwischen sich herumschubsten. Benny beschleunigte und stürmte auf die Gruppe zu. Im Näherkommen sah er, dass es sich bei den beiden Jungen um den Knappen Falk und seinen Freund, den pickligen Rotschopf Utz, handelte. Das Mädchen konnte er jedoch nicht erkennen. Er sah nur einen dunklen Haarschopf, der Rest von ihr wurde von den beiden Jungen verdeckt.


            „Hey, lasst sie sofort los!", schrie Benny und seine Stimme überschlug sich.


            Falk und Utz fuhren herum und gaben den Blick auf das Mädchen frei. Es war nicht Lena, sondern Husa.


Benny blieb verblüfft stehen. Er hatte hundertprozentig damit gerechnet, Lena in der Gewalt der Knappen vorzufinden. Rasch schüttelte er seine Verwunderung ab und lief weiter auf die beiden Jungen zu, die Husa in die Mangel genommen hatten. Husas große Augen waren schreckgeweitet.


„Finger weg oder ihr könnt was erleben!", fuhr Benny die Knappen an. „Wie armselig seid ihr eigentlich? Zu zweit gegen einen, noch dazu gegen ein Mädchen. Tolle Leistung!"


            „Misch dich nicht ein", herrschte Falk Benny an. „Das hier geht dich nichts an."


            „Ob ich mich einmische oder nicht, musst du schon mir überlassen. Ich schaue bestimmt nicht dabei zu, wie ihr Husa fertigmacht!"


            „Die diebische Elster kriegt Prügel, wenn sie nicht gleich Gehorsam zeigt", rief Utz und schüttelte das Mädchen heftig.


            „Genau! Du gibst uns jetzt, was du uns gestohlen hast, oder du wirst dein blaues Wunder erleben." Falk drückte den Arm der Zigeunerin so fest zusammen, dass Husa ein Schmerzensschrei entfuhr.


            „Hör auf! Sie gibt dir bestimmt auch freiwillig, was du von ihr verlangst. Du musst ihr nicht wehtun!"


Husa funkelte Benny wütend an und warf hochmütig den Kopf zurück.


            „Los, mach schon! Gib ihnen zurück, was du gestohlen hast", forderte Benny sie auf.


            Husa sah aus, als würde sie Benny am liebsten die Augen auskratzen. Sie wand sich aus Falks und Utz' Umklammerung und holte zwei Geldsäckchen aus ihrer zerrissenen Bluse hervor.


            Falk nahm die beiden Säckchen entgegen und zog Husa dicht zu sich heran. „Wenn du noch einmal Hand an unser Eigentum legen solltest, kommst du nicht so glimpflich davon." Er stieß das Mädchen von sich und Husa stolperte in Bennys Arme.


            Dann zeigte Falk auf Benny. „Und auch du solltest uns in nächster Zeit nicht mehr in die Quere kommen, Bauerntölpel, wenn du gesund bleiben willst." Er machte kehrt und rauschte zusammen mit Utz davon.


            „Ja, ja, klopf du nur deine Sprüche. Aber wenn's hart auf hart kommt, hast du sowieso die Hosen voll", murmelte Benny ihnen hinterher. „Alles in Ordnung mit dir?", fragte er Husa.


            Husa sah ihn zornig an. „Ich brauche deine Hilfe nicht", zischte sie und trat ihm mit voller Wucht gegen das Schienbein. Ehe Benny wusste, wie ihm geschah, riss sie sich los, rannte in das Gebüsch am Waldrand und war auf einmal spurlos verschwunden.


            „Na vielen Dank auch!", schrie ihr Benny hinterher. Er wollte sich gerade umdrehen und zurückgehen als er sah, dass Finn schnaufend auf ihn zugelaufen kam.


„W-w-wo ist s-s-sie?", rief Finn atemlos. Edison, der neben ihm hersprang, bellte aufgeregt.


            „Weg", antwortete Benny knapp und rieb sich das Schienbein.


            „So ein Mist!" Finn machte einen Faustschlag in die Luft. „Jetzt kann ich ihr wieder nicht mein Taschenmesser abknöpfen."


            „Wem willst du was abknöpfen?", war plötzlich Lena zu hören, die hinter Finn auftauchte.


            „Na dieser Husa", knurrte Finn. Ich hab sie gerade noch bei dir gesehen, Benny. Sie kann doch nicht so schnell verschwunden sein."


            Benny schüttelte abweisend den Kopf. „Ich weiß auch nicht. Bei mir braucht sie sich jedenfalls nicht mehr blicken zu lassen. Aber wo warst du eigentlich die ganze Zeit?", wandte er sich an Lena. „Ich hab dich schon vermisst."


            „Ich war bei Griseldis", verkündete Lena begeistert. „Also, was die alles weiß. Wahnsinn. Von der kann man so viel lernen über Heilkräuter, Tinkturen und Arzneien. Am Anfang wollte sie nicht so recht raus mit der Sprache, aber dann ... Finn, ich hab dein halbes Erfinderbuch mit Rezepten vollgeschrieben, damit ich nichts vergesse. Das muss ich unbedingt alles ausprobieren, wenn wir wieder daheim sind."


            „Das kannst du gerne, aber vorher muss ich mir noch was zwischen die Kiemen schieben. Schauen wir doch mal im Lager, ob dieser Eintopf schon fertig ist", schlug Finn vor.


            Lena legte grinsend den Arm um ihn. „Solange du noch Hunger hast, muss die Welt ja in Ordnung sein. Ich würde mir echt Sorgen machen, wenn du mal nicht mehr nach was Essbarem suchst." Finn brummte nur als Antwort und nahm Lena freundschaftlich in den Schwitzkasten.


            Lena befreite sich lachend und drehte sich zu Benny um. „Kommst du?"


Benny wollte Lena und Finn, die sich balgend auf den Weg machten, folgen. Doch plötzlich zog etwas seine Aufmerksamkeit auf sich. Er sah auf einmal, wie sich eine große, vermummte Gestalt aus dem Gewimmel des Lagers löste und eilig auf den Waldrand zuhuschte, während sie sich immer wieder auffallend nervös umblickte. So sieht niemand aus, der nur Feuerholz holt oder mal schnell ins Gebüsch zum Pinkeln geht, dachte Benny sofort. Seine Neugier war geweckt. „Geht ihr schon mal vor", rief er Lena und Finn nach, „ich muss noch schnell was nachsehen."


Lena und Finn gaben sich damit zufrieden und schlenderten zusammen mit Edison auf die Lagerfeuer zu, die mittlerweile zwischen den Wagen brannten. Benny jedoch machte kehrt und schlich der Gestalt hinterher, die gerade im Wald verschwand. Möglichst lautlos legte er die Strecke bis zu der Stelle im Gebüsch zurück, wo der Vermummte untergetaucht war, und legte sich im Schutz dichter Holundersträucher auf die Lauer. Vorsichtig drückte er einige Äste zur Seite, die ihm die Sicht versperrten. Mittlerweile war die Sonne fast untergegangen und im Wald war es schon ziemlich dunkel. Trotzdem konnte Benny in dem dämmrigen Licht zwei Gestalten ausmachen, die sich gedämpft miteinander unterhielten. Der Vermummte hatte seine Kapuze heruntergezogen. Benny schauderte. Es war der Mann mit dem Raubvogelgesicht. Den anderen, kleineren der beiden hatte Benny noch nie zuvor gesehen. Er gehörte nicht zu ihrer Reisegruppe. Was hatten die beiden vor? Nach einer zufälligen Begegnung sah das nicht aus. Der Kleinere musste heimlich hierhergekommen sein, um sich mit dem Raubvogelmann zu treffen.


Benny konnte nicht verstehen, was die beiden Männer sprachen. Bereits nach wenigen gewechselten Worten zog der Kleine ein Fläschchen aus seiner Tasche und reichte es dem Raubvogelmann, der es unter seinem Umhang verschwinden ließ und grußlos davonlief. Einige Meter von Benny entfernt brach er aus dem Gebüsch und hastete zum Lager zurück. Auch der andere wandte sich zum Gehen. Während er sich umdrehte, um im Wald zu verschwinden, sah Benny im letzten Strahl der Abendsonne den Verschluss seines Umhangs aufblitzen. Benny biss sich auf die Unterlippe. Es war der gleiche Rabe mit den ausgebreiteten Schwingen, der am Mantel des Raubvogelmannes befestigt war.


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