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Fantasy Bücher
Buch Leseprobe Aus Feuer und Licht, Swantje Berndt
Swantje Berndt

Aus Feuer und Licht


Das Bündnis der Sieben 02

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KALTE GRÄBER (London, Gegenwart) Eingestürzte Wände, marode Lagerhallen, ein leichter bis mittelpenetranter Geruch nach Urin. Werbeplakate hingen halb abgerissen und voll gesprüht an Betonmauern, Chipstüten tau-melten im nasskalten Wind. Freiwillig hätte sich Jade niemals in dieser Gegend herumge-trieben. Zu wenig Grün. Keine Bäume. Auch die Nähe zur Themse machte das nicht wett. Durch die ersten Nebelschwaden der beginnenden Nacht leuchtete das Werbeschild des Clink Inn. Jade kannte die Kneipe aus Daniels Erzählungen. Früher war sie ein Rückzugsort für ihn gewesen. Seltsam, dass er seinem neuen Klienten ausgerech-net dort auf den Zahn fühlen wollte. Ihre Freundin Lucy und Ives, Daniels Chauffeur, begleiteten sie. Kein Großeinsatz. Aber auch nichts Unbedeutendes. Jade sprang über eine Schneematschpfütze und hakte sich bei Daniel unter. »Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass du diesem Mann ein Angebot machst?« Immerhin galt er als nekro-phil und stand nicht umsonst auf der Todesliste der Anonymen Meister. »Dreißig zu siebzig.« Er verzog den Mund zu einem Lächeln, das seine Augen ausließ. »Du bist das Zünglein an der Waage.« Mit der freien Hand zog er die Tür der Kneipe auf. »Wenn ihn seine Gedanken denunzieren, ist er fällig.« Die Entscheidung über Leben und Tod vollkommen Frem-der traf sie, seit sie für den ehemaligen Auftragskiller arbeitete. Daniel und sie waren längere Zeit befreundet gewesen, ohne dass sie etwas von seinem Job geahnt hatte. Dass sie auch Lucy zu ihren engsten Vertraute zählte, war reiner Zufall. Nein, es gab keine Zufälle. Es war Schicksal. Daniel vertraute ihrer Intuition und er verließ sich auf ihre neu erworbene Fähigkeit, Gedanken zu visualisieren. Heute Nacht beschlich sie eine leise Ahnung, dass die Gabe auch ein Fluch sein könnte. Schon beim Durchsehen der Akte hatte sich ein ungutes Gefühl aufgedrängt, obwohl es sich auf dem ersten Blick lediglich um einen Juwelier mit extravaganten Sehnsüchten handelte »Wollen wir?« Daniel hielt die Tür auf. Ein dunkles Loch, aus dem laute Stimmen und der Geruch nach Bier drangen. Eine Treppe führte nach unten. Sie glich einem Schlund. Ausgetretene Steinstufen, die Wände waren feucht und schmierig. Jade verdrängte diffuse Ängste und stellte die Sinne auf Input. Auf der gegenüberliegenden Seite des Geländers steckten Köpfe auf Pfählen. Originell. Und traurig. Bevor der Tower zu einer Touristenattraktion wurde, vermoderten unzählige Gefan-gene hinter seinen Mauern. Zur Abschreckung hatte man die Brücke zur Festung mit den gepfählten Köpfen gespickt. Daniel erzählte in trübsinnigen Momenten davon. Er war in einem sei-ner vergangenen Leben Zeuge dieser Barbarei geworden. Als Insasse des Towers. Nicht als Wärter. Er ging vor, ohne den Kopfattrappen einen Blick zu gönnen. Lucy und Jade folgten, zuletzt trat mit einem leisen Stöhnen Ives ins Dunkle. Jade spielte mit dem Smaragdring in ihrer Hosentasche. Wenn sie ihn auf den Daumen steckte, stürzten sich die Köpfe garantiert auf sie. Dennoch benötigte der Ring eine Vorglühpha-se, bevor sie Dinge sah, die sonst niemand erblickte. In ihrem Magen kribbelte es. Eine flirrende Aura, Visionen voll Schrecken und Schönheit. Eine Wirklichkeit, die haarfein hinter der Realität auf Entdeckung wartete. Dank des Ringes schob sie sich in den Vordergrund. Obwohl Nephilim-Ringe für Menschen als gefährlich galten, liebte sie ihn. Er überhäufte sie mit mentalen Wundern und war ihr persönliches Fenster in eine verborgene Welt. »Zieh ihn an.« Daniel tippte gegen ihre Hosentasche, die der Schmuck ausbeulte. »Steigere dich nicht rein. Der Kerl ist un-heimlich. Wenn es dir zu viel wird, klink dich rechtzeitig aus seinem Geist aus.« Der Ring flutschte fast von allein auf ihren Daumen. Lucy hatte ihr den in Gold gefassten Smaragd geschenkt, als sie bemerkte, dass Jade mit der verborgenen Macht umgehen konnte. Das Schmuckstück hatte Lucy regelmäßig mit Energie-entladungen gequält. Vor einem Jahr hatte es ihre Freundin dem Nachfahren eines Nephilim gestohlen – Kolja Grigorjew. Fast hätte sie dafür mit dem Leben bezahlt. Das Schmuckstück war grandios, magisch, wunderschön. Doch das Beste: Es sensibilisierte sie auf ungeahnte Weise. Kartenlegen, Pendeln, als Meditation getarntes Tagträumen, alles gelang ihr mit Leichtigkeit. Auch ohne den vorherigen Ge-nuss der niedlichen Pilze mit den dünnen Stielen und den Ke-gelköpfchen. »Ich hasse dieses Loch.« Ives, Daniels Chauffeur und Freund aus längst vergangenen Leben, blickte sich in dem nur durch Kerzenlicht erhellten Gewölbe um. »Wie früher. Das weckt mehr als ein Trauma in mir.« Der Blick zu Daniel strotzte vor hilfloser Panik. »Ehrlich, Mann. Ich saß zu oft in solchen Lö-chern mit stinkenden Leichenteilen.« »Das ist eine Kneipe, Ives«, versuchte Lucy zu trösten. »Kein Kerker.« Ives schüttelte den Kopf. »Ist mir egal. Ich gehe.« Um seine Nase wurde es weiß. Daniel nickte seinem jungen alten Freund zu. Voll Verständ-nis und Mitgefühl. »Gut. Warte im Wagen.« »Danke.« Ives gönnte dem Ring an ihrem Daumen einen grimmigen Blick. »Spionierst du jetzt meine Gedanken aus?« Seine Ohrläppchen färbten sich rot. »Wenn, dann guck weg.« Wenn sie nicht selbst bis zum Anschlag angespannt gewesen wäre, hätte sie gelacht. Ives war süß in seiner Unsicherheit. »Keine Angst. Solange ich nicht ein bisschen schielend durch dich hindurchsehe, bist du vor mir sicher.« Statt zu fokussieren, musste der Blick streuen. Verschwamm die Realität, traten die Gedanken ihres Gegenübers umso schärfer in den Vordergrund. »Okay«, murmelte er und brachte ein halbherziges Lächeln zustande. »Ich hau ab.« Er stapfte die Stufen hinauf und schlug die Tür hinter sich zu. »Er ist in dich verliebt, Jade.« Lucy seufzte. »Ich finde es mu-tig von ihm, zu seinen Gefühlen zu stehen.« Ives war mutig. Und sie war beziehungsresistent. »Tu ihm und dir einen Gefallen und gib ihm eine Chance.« Nett von ihrer Freundin, sich um ihr Privatleben zu sorgen. Aber bis auf kleine Ausrutscher bekam sie es hin. Auch ohne Mann an ihrer Seite. Und Ives war noch weit davon entfernt, ein Mann zu sein. Bei ihm hatten sich ihre Fähigkeiten zum ersten Mal gezeigt. Er war bei ihr gewesen, um sich die Karten legen zu lassen. Plötzlich hatte es begonnen. Wie ein brüchiger Film hatten sich seine Gedanken über die Wirklichkeit geschoben. Ives hatte sich zu ihr geneigt, ihr Haar berührt und sacht sei-ne Lippen auf ihren Mund gelegt. Jade hatte die Wärme und den Druck des Kusses deutlich gespürt, obwohl der echte Ives stocksteif vor ihr gesessen und auf die Karten gestarrt hatte. Auf die Konfrontation mit dieser Erscheinung reagierte er mit flammend rotem Kopf und hilflosem Stammeln. Bei der zweiten Tasse Melissentee, den sie mit einem Schuss selbst an-gesetztem Kräuterschnaps verfeinert hatte, gestand er seine zärtlichen Gefühle für sie. Er gab zu, beim Kartenlegen tatsäch-lich daran gedacht zu haben, sie zu küssen. Es sei über ihn ge-kommen. Einfach so. Nach zahlreicher Trost-Reflexzonenmassagen, in denen sie die Reflexzonen von den Fußsohlen auf den Rest seines Kör-pers ausgedehnt und die sensibelsten Stellen miteinbezogen hat-te, konnte Ives mit der Situation vernünftig, da tiefenentspannt und rundum befriedigt, umgehen. Die Visionen blieben ihr treu. Anfangs störten sie ihren All-tag beträchtlich. Dem Postboten dabei zusehen zu müssen, wie er mit einer Kettensäge auf den bellenden Hund des Nachbarn losging, war kein Geschenk. Auch nervten die Sehnsüchte der Kassiererin im Supermarkt. Besser als ein Judoka legte sie jeden halbwegs attraktiven Kunden aufs Rollband, um ihm die Kleider vom Leib zu reißen. Jade gewöhnte sich schnell an, den Ring nur noch zu tragen, wenn sie seine Macht bewusst nutzen wollte. Zum Beispiel wenn sie einen neuen Klienten checkte. Jedes Mal, wenn Daniel Levant, Ex-Anonymer Meiser und Wiedergeborener, seinem früheren Boss die Aufträge versaute, indem er die potenziellen Opfer den beauftragten Killern vor der Nase wegschnappte, erbat er ihren Rat. Mahawaj Baraq’el. Hinter dem geheimnisvollen Namen ver-steckte sich das Oberhaupt der Bruderschaft der Anonymen Meister. Daniel hasste ihn, obwohl er ihm nie begegnet war. Leben für Leben hatte ihn dieser Mann zum Töten gezwungen. Empfand er es als eine Art befriedigende Rache, seinem ehemaligen Boss ins Handwerk zu pfuschen? Daniel sprach ihr gegenüber nie über seine Motive. José, ein Mann aus Daniels Cleaner-Team, seelenlos aber be-gnadet im Umgang mit allem, was nur entfernt nach Computer aussah, hackte erfolgreich die Server der Bruderschaft und späh-te die Teilnehmer auf der Abschussliste aus. Waren sie harmlos genug, um mit gutem Gewissen ihr Leben zu retten, unterbreite-te Daniel ihnen ein Angebot, um genau das zu tun. Waren sie es nicht, überließ er sie ihrem Schicksal. Er selbst hatte dem Mor-den abgeschworen. Ihr heutiges Ziel: Ashton Walbrick, Inhaber eines Juwelierla-dens, Goldschmied und Sammler antiker Schwerter. Der Auftragsgeber: unbekannt. Die Gründe: fanden keine Erwähnung. Daniel meinte, das sei unüblich, aber möglich. Die Bruderschaft agierte diskret. Manchmal so sehr, dass selbst der beauftragte Meister nicht wüsste, warum er sein Ziel töten sollte. In solchen Fällen hätte die Absprache ausschließlich zwischen Mahawaj Baraq’el und dem Klienten stattgefunden. Neben den Vermögensverhältnissen und Einkaufsgewohn-heiten war José bei seiner Recherche auf hilfreiche Informatio-nen gestoßen. Mr. Walbrick besaß eine Vorliebe für Unterordnung und Schläge einerseits und dem Tod an sich und im Besonderen an-dererseits. Daniels Hang zur Düsternis verleitete ihn, die even-tuell rettende Falle auf der Seite der Vergänglichkeit auszulegen. Über entsprechende Internetforen und mit Josés Hilfe war er mit Walbrick in Kontakt getreten. Sein Klient schmückte sich mit fantasievollen Nicknamen: Carcassguzzler und Deadslurper. Jade wusste nicht, ob sie amüsiert oder erschrocken sein sollte. Eine hübsche, wenn auch in die Jahre gekommene Blondine, segelte um den Tresen auf sie zu. Der Blick der von falschen Wimpern verschatteten Augen ruhte auf Daniel. Statt ihm die Hand zu reichen, fasste sie in sein langes Haar. Statt ihn mit ei-nem Hallo zu begrüßen, verschlang ihr überschminkter Mund seine Lippen. Neben ihr dachte Lucy nicht daran, ihr wütendes Schnauben zu unterdrücken. Es war gnadenlos indiskret, doch Jade musste ihren Blick auf Weichzeichnermodus stellen. Das Gemurmel der Gäste verstummte. Stühle, Fässer, der Tresen, alles floss auseinander. Daniel als Teenager. Er kniete Haare raufend in einer dunk-len Ecke. Die blonde Frau, um Jahre jünger, richtete ihn lä-chelnd auf. Sie führte ihn in einen Raum mit Kerzenlicht und rot bezogenem Bett. Daniel redete unter Tränen. Was gestand er? Die Blondine tröstete zuerst mit Zuhören, schließlich mit Küssen. Sie zog Daniel Stück für Stück aus. Ließ ihre Finger über seinen Körper wandern und lockte ihn mit ihren Liebko-sungen auf sich. Daniel nahm die Küsse der Frau gierig, als könnten sie ihn vor dem Tod bewahren. Seine Verzweiflung, sein Sehnen, alles offenbarte er ihr. Sie liebte es ihm von der Seele. Schmerz wech-selte mit Ekstase. Angst mit leidenschaftlicher Dankbarkeit. Sie musste Daniels erste Geliebte in seinem jetzigen Leben gewesen sein. Wurde ihm damals bewusst, wer und was er war? Hatten die Anonymen Meister Kontakt mit ihm aufgenommen, um ihn erneut zu rekrutieren? Ihn an seine bitteren Pflichten gegenüber der Bruderschaft zu erinnern? Töten. Es gab bessere Jobs für einen Teenager. Ein harter Stoß in die Rippen, und der Gedankenfilm fla-ckerte, bis er verschwand. »Hör sofort zu seufzen auf.« Zwischen Lucys Brauen wuchs ein Krater. »Das ist nicht wonnig. Die Alte spielt mit ihrer Exis-tenz.« Dem Funkeln ihrer Augen nach durchlebte Lucy bereits die köstlichen Momente nach dem Spiel. »Grace, ich möchte dir jemanden vorstellen.« Daniel zog die fremden Hände aus seinen Strähnen. Er küsste sie, bevor er sie losließ. Mit einer eleganten Geste wies er zu Lucy. »Das ist Lu-cinde Sorokin, die Liebe meines Lebens.« Keine Spur von Kitsch. Die Erde stand still und lauschte. Die Liebe meines Lebens. Die Worte schwangen in ihr nach, zo-gen ihr Herz in eine Richtung, in die sie sich nie vorgewagt hat-te. Wusste Lucy, wie gut sie es hatte? Grace nickte Lucy freundlich zu. Lucy hingegen strahlte sie mit einem Lächeln an, das einen langen und qualvollen Tod ver-sprach. »Und das ist Jade.« Daniel legte ihr die Hand auf die Schul-ter. »Eine Freundin und talentierte Mitarbeiterin.« »Eine Fee.« Grace klappte eines der mit schweren Wimpern geschmückten Lider zu. »Süße, wenn dir der Job bei ihm zu langweilig wird, steige bei mir ein. Mädchen wie du gehen wie frisches Guinness über den Tresen.« Die Gedanken, die schwarmweise hinter der gepuderten Stirn hervorströmten, vertrieb Jade mit nervösem Blinzeln. Sie wollte keinesfalls wissen, was diese offensichtlich geschäftstüch-tige Frau für Jobs für sie bereithielt. »Ihre Aufgaben bei mir langweilen sie nicht.« Lag in Daniels Stimme eine gewisse Strenge oder bildete sie sich das ein? »Schade«, murmelte die blonde Frau und strich eine Locke aus der Stirn. »Das Zierlich-Zerbrechliche turnt viele Kerle an. Es weckt ihren Beschützerinstinkt. Beim Sex träumen sie davon, der Erste zu sein, der die süß duftende Unschuldsblume pflückt.« Sie war mit dreizehn gepflückt worden. Von dem Freund ih-res Vaters und im Bett ihrer Eltern. Lester Mills. Einen Abend, bevor er mit Malcolm und Alice Conway nach Madras aufbrach, um mit ihnen gemeinsam eine Yoga-Schule zu eröffnen. Sie hatte damals zum ersten Mal Wein getrunken. Aus vor-weggenommenem Abschiedsschmerz und weil das Zeug einfach überall herumgestanden hatte. Nach einer Nacht, überfüllt mit bedrängenden Träumen, die sie von einer Angst in die nächste jagten, war sie am Morgen mit heftigen Schmerzen im Unterleib und Blut auf dem Laken er-wacht. Lester fing sie auf dem Weg zum Badezimmer ab. Es wäre ihre Idee gewesen, ob sie das vergessen hätte? Wie eine Wilde wäre sie auf ihn losgegangen und hätte ihm regelrecht die Kleider vom Leib gerissen. Er habe ihr die Sache ausreden wol-len, aber hey! – Keine Chance. Wollte sie wirklich ihre Eltern kurz vor der Abreise mit der Tatsache belasten, dass sie eine kleine Schlampe großgezogen hatten? Er hatte sie ins Kinn gekniffen und danach ihre Eltern geweckt. Sie waren auf dem Wohnzimmerteppich eingeschlafen. Umgeben von Weinflaschen und abgebrannten Räucherstäb-chen. Noch am selben Tag hatte sie die Wohnung auf Hochglanz poliert und sämtliche Flaschen, ob leer, halb leer oder voll, weg-geworfen. Eine Teenagerzeit bei Tante Esther, die Einführung in die Kunst des Kartenlegens und Pendelns. Die ersten Kontakte mit weiblichen Medien, die größtenteils früher oder später zu Est-hers Lebensabschnittsgefährtinnen wurden. Blicke in den Be-reich hinter der Realität. Anfangs beängstigend, später süchtig machend. Die Hoffnung, in dem Wirrwarr, das sich seit jenem Morgen in ihrem Leben ausbreitete, eine tiefere Ordnung zu finden, wurde nie erfüllt. Das Chaos in ihrem Inneren war ihr zuverlässiger Begleiter. Gleichgültig, was sie dagegen unternahm. Aber wenn sie lächelte und sich hinter einer leicht versponnenen, doch glücklichen Jade Conway versteckte, die ihren Freunden die Karten legte, oder ihnen zur Entspannung eine Tantramassage verpasste, war es auszuhalten. Anderen Lust zu bereiten funktionierte. Sie tat es gern, genoss das Prickeln, das dabei auf sie überprang. Wenn es um ihre eigenen Bedürfnisse ging, wurde es kompliziert. Wenn sich Männerfinger ihrem Jeansknopf näherten, sogar schwierig. Dabei sehnte sie sich nach dem, was sie in Daniels Ge-danken aufgeschnappt hatte. Gemeinsam die Sinne in hel-ler Glut verschmelzen lassen. Sich hingeben, die Hingabe des anderen genießen. Ihm in die Augen sehen, wenn er vor Lust verging, und wissen, dass sie selbst nur noch ei-nen Atemzug davon entfernt war. Sehnsucht. Daniel bestellte eine Flasche Absinth, während Graces Blick an Jade kleben blieb und Lucys Grace erstach. »Wir setzen uns zu dem Herrn dort drüben.« Er wies zu ei-nem Weinfass, an dem ein Mann mit Anzug und zurückge-kämmten Haaren auf sie wartete. Er nippte an einem Whisky und sah zu ihnen hinüber. Schnurgerade Brauen zogen eine Li-nie über der schmalen Nase. Ein verschatteter Blick, dünne Lip-pen, ein vorspringendes Kinn. »Denke dran«, flüsterte Daniel. »Wenn mit dem Kerl etwas nicht stimmt ...« »Du meinst außer, dass er Leichen vögelt?« Daniels Mundwinkel zuckten. »Er liebt den Tod. Auf welche Weise, hat er mir im Chat verschwiegen. Er ist ein Künstler. Eventuell lässt er sich von den Kadavern auch bloß zu neuen Werken inspirieren.« Jades Toleranz schrammte dicht an der Grenze entlang. »Wie auch immer. Sollte ich Bedenken hegen, teile ich es dir in ange-messener Form mit.« Schwer und warm umschloss der Ring ihren Daumen. Er be-schützte sie. Albern, das von einem Schmuckstück anzunehmen, aber nicht alberner, als an Tarotkarten, Ouijabretter oder Pendel zu glauben. Walbrick erhob sich, als sie auf ihn zusteuerten. »Mr. Over-kill, nehme ich an?« Lucys knapp verkniffenes Kichern entging ihm offenbar. Je-denfalls verzog er keine Miene. »Ich freue mich, Sie persönlich zu treffen. In den von uns präferierten Kreisen ist das unüblich.« Seine Stimme klang hart. Die Worte brachen nach der letzten Silbe scharfkantig ab. »Mr. Carcassguzzler.« Daniel lächelte wie ein höflicher Hai-fisch. »Darf ich Ihnen meine Seelenhüterinnen vorstellen?« Jade wurde es warm ums Herz. Wie kam Daniel auf die Idee, sie und Lucy so zu bezeichnen? Ein Scherz? Eine Floskel für Walbrick? Es musste wundervoll sein, die Seele eines anderen Men-schen hüten zu dürfen. »Angenehm.« Mr. Walbrick, alias Carcassguzzler, alias Deadslurper, begrüßte sie nacheinander. An seinem Mittelfinger trug er einen auffälligen Rubin. Lucy hatte es ebenfalls bemerkt. Unter ihren zuckenden Brauen funkelte Sportsgeist. Schließlich war die Reihe an ihr. Walbricks Lächeln gefror auf den dünnen Lippen, als seine Finger ihre Hand umschlos-sen. Sein Blick glitt an ihr hinab. Erfasste ihre linke Hand, die auf der Stuhllehne ruhte. Seine Pupillen verengten sich. Jade versteckte den Schmuck samt Hand hinter ihrem Rücken. Es war zu spät. Fässer und Kerzen verblassten. Walbricks Anzug streckte sich zu einer Tunika. Seine Haare wehten offen um ein Gesicht, das ihm nicht gehörte. Mit beiden Händen umfasste er das Heft eines Schwertes. Jade erkannte verschlungene Gravuren auf der Klinge. Wind wirbelte Staub auf. Unter dem Braungrau wurden aus-geblichene Stofffetzen sichtbar. Knochen zwischen Steinen, spröde Haare auf ledriger Haut. Keine Augen mehr. Nur noch Höhlen. So viele Leichen. So viel Tod. Mit dem Sand legte sich eine erstickende Einsamkeit über die Gerippe. Jade schmeckte sie mit dem Staub auf der Zunge. Der Druck zwischen ihren Augenbrauen grenzte an Schmerz. Sie blinzelte. Es wurde nicht besser. Die Vision er-stickte die Realität. Walbrick führte sie zwischen die Körper. Unter ihren Tritten zerbrachen Knochen wie Glas. Der Schrei wartete in ihrer Keh-le, wuchs, bis sie kaum noch atmen konnte, aber sie durfte ihn nicht ausstoßen. Eine Vision. In Wirklichkeit stand sie in einer Kellerkneipe und schüttelte einem Mann im Anzug und mit Pferdeschwanz die Hand. Aus den Wirbeln aus Sand und Staub traten Gestalten. Mit hängenden Köpfen und müden Schritten erklommen sie einen steilen Bergpfad. Ein Hund trottete neben einer Frau. Die Ka-puze des Umhangs verdeckte ihr Gesicht. Die Hände lagen auf ihrem schwangeren Bauch. Am Mittelfinger trug sie einen Ring. Groß, leuchtend grün, in warmes Gold gefasst. Der Ring der Grigorjewsippe. Überdeutlich spürte Jade das Gewicht ihres eigenen. Ihr Herz galoppierte. Wer war diese Frau? Jade berührte sie an der Schulter, wollte sie zu sich drehen, sie fragen, was mit den Männern geschehen war, in welchem Krieg sie gefallen waren. Ihre Finger griffen in Stoff. Er löste sich auf, flatterte wie ein unsteter Gedanke da-von. Das Gebirge, der Sand und die Toten verschwanden. Wal-brick ließ sie los. Jade wurde schlecht. Dummerweise musste sie diese Tatsa-che hinter einem höflichen Lächeln verbergen. »Zum Geschäftlichen.« Daniel rückte für sie und Lucy die Schemel zurecht. Gott sei Dank. Ihre Puddingbeine trugen sie kaum noch. »Als Bestatter kann ich Ihnen vielerlei unbelebte Dates ver-schaffen«, plauderte er. »Die zwei Säulen unserer geschäftlichen Beziehung heißen Diskretion und Geld. Beides in ausreichender Menge.« Das Gespräch driftete ins Abseits, als sich hinter Walbrick schwarze Wellen auftürmten und an schroffen Berghängen bra-chen. Auf ihnen tanzte ein Schiff. In den dunklen Wassermassen wirkte es verloren wie eine Nussschale. Bleiche Hände klammer-ten sich an Planken, zu schwach, um die Illusion von Sicherheit länger als einen Augenblick halten zu können. Sie würden ertrinken. Warum half ihnen niemand? Die ver-zweifelte Wut der Sterbenden sprang sie an, fraß sich durch ihr Herz. Jade biss sich auf die Innenseite der Lippen. Wie sollte sie die Massen an fremder Todesangst still bewältigen? Als sich eine Wasserwand vor ihr auftürmte und sie unter sich zu zerschmettern drohte, sprang sie auf. Es ging nicht mehr. Keinen Moment. »Entschuldigen Sie bitte, Mr. Guzzler, aber ich muss sofort nach Hause.« Innerlich schnappte sie nach Luft und atmete Wasser. »Ich habe vergessen ...« Was? »Die Tür zum Vogelkäfig ...« »... ist offen?«, half Daniel mit den ihr fehlenden Worten aus. »Richtig. Und die Katze ist auf Diät.« Warum waren Walbricks Iriden plötzlich so schwarz wie die Pupillen? »Gönnen Sie Ihrer Katze den Schmaus und mir Ihre ange-nehme Gesellschaft.« Schwierig, über eine Panikattacke hinweg zu lächeln. Ihr war nach Schnappatmung und nicht nach geheuchelter Freundlich-keit. Daniel deutete ein Nicken an. »Brauchst du Hilfe beim Ein-fangen?« »Was?« Eine schäumende Welle schleuderte sie auf den Grund eines Ozeans aus Angst und Verzweiflung. Sie riss den Ring vom Finger, versenkte ihn in der Hosentasche. Walbricks Strichbrauen wanderten zum hohen Haaransatz. »Der Vogel«, sagte Daniel geduldig. Welcher Vogel? Sie besaß lediglich eine Spinne. Er nickte Lucy zu, die im Gegensatz zu ihr seine kryptischen Worte zu verstehen schien. »Ich begleite dich ein Stück.« Mit zuckersüßem Lächeln neig-te sie sich zu Walbrick und gab ihm artig die Hand. Ihre andere verschwand kurz im Jackett seines Ermenegildo Zegna-Anzugs. »Scheint, als sei Ihre Seele nun unbehütet, Mr. Overkill.« Er hatte Lucys Eingriff in seine privateste Sphäre offenbar nicht bemerkt. »Angst?« Daniels Antwort versickerte in einem lauter werdenden Rau-schen. Die Weinfässer um sie her schwankten, die Schemel ebenfalls. Lucy fasste sie unter und schob sie energisch die Treppe hinauf. Erst als nasskalte Luft in ihre Lungen stach, konnte Jade wieder frei atmen. Ihre Freundin legte den Arm um sie. »Ich habe Daniel gleich gesagt, dass er den Kerl seinen ehemaligen Kollegen überlassen soll.« »Nein. Seine Gedanken sind nicht böse im herkömmlichen Sinn.« Alt, hoffnungslos, von Wut unterspült und von Kälte getragen. Jade schauderte, dass ihre Zähne dabei klapperten. »Ich muss ein paar Nächte darüber schlafen. Dann bekommt Daniel meinen Bericht.« »Mach dir keine Sorgen.« Lucy winkte ein Taxi heran. »Er wird Walbrick einen Besichtigungstermin nächste Woche auf-schwatzen und ihm verschweigen, dass er ihn im Zweifel nicht erleben wird. Abgabetermin für Walbricks Leiche ist laut Auf-tragsdatei der Bruderschaft in drei Tagen.« Sie zog ein Bündel Pfundnoten aus der Manteltasche. »Ein Trostpflaster?« »Stammt das von Walbrick?« »Da war noch mehr, aber in der Eile habe ich nicht alles grei-fen können. Ich hätte ihm sonst das Portemonnaie stehlen müs-sen und das wäre zu auffällig gewesen.« Lucy zählte das Geld. Eine kleine Karte kam zwischen zwei Geldscheinen zum Vor-schein. »F & T Club.« Sie pfiff durch die Zähne. »Dem zig-schwänzigen Peitschending im Hintergrund nach, scheint das ein Etablissement für spezielle Freuden zu sein.« Sie steckte sie zusammen mit dem Geld in ihre Jackentasche. »Wir fahren zu Ethan, dezimieren seine Whiskyvorräte, und wenn du weniger blass, dafür aber glücklicher bist, bringe ich dich nach Hause.« »Ich trinke nicht. Das weißt du.« Lucy verzog das Gesicht. »Heute würde es dir gut tun. Au-ßerdem sind deine selbstgebrauten Tees garantiert bedrohlicher für deine Gesundheit.« Der Wagen hielt, ihre Freundin nannte dem Fahrer Ethans Adresse und kletterte zu ihr auf die Rückbank. Während der Fahrt nach Clerkenwell blieb Jade das erstickende Gefühl, von Wassermassen erdrückt zu werden, treu. Das Licht aus den Schaufenstern des Antiquitätenladens ver-zauberte die Regentropfen in goldene Funken. Ethan Scar-borough ging zwischen einem Kistenstapel und einem Regal hin und her. Mal mit einem Bücherberg in der Hand, mal ohne. Sei-ne Brille hatte er über die Stirn geschoben. Sie mochte ihn. Auch wenn er jedes Mal die Augen rollte, wenn sie sich begegneten. Ethan hielt sie für versponnen bis durchgeknallt. Vom ersten Moment an. Für Lucy war er eine Art Ziehvater geworden, nachdem ihre Eltern bei einem Unfall umgekommen waren und sie aus dem Heim geflohen war. Ihr diebisches Talent verdankte sie ihm. Im Gegenzug brachte er ihre Beute unauffällig bei gut zahlenden Kunden unter. Lucy bezahlte den Fahrer mit Walbricks Geld, nahm sie an der Hand und zusammen betraten sie den nach Staub, altem Leder und Holzwurmfraß riechenden Laden. »Was soll die Invasion?« Ethan rutschte die Brille mit leisem Plopp auf den Nasenrücken. »Überfallt mich morgen. Da bin ich allein und habe für euch Zeit.« Er klang traurig. »Wir brauchen aber jetzt einen Stimmungsaufheller.« Lucy verschwand hinter dem Tresen und tauchte mit einer staubigen Flasche auf. »Daniels neuer Klient macht Jade zu schaffen. Ich habe angeboten, dass wir uns gemeinsam den Abend schön trinken.« »Nehmt die Flasche und tut das woanders.« »Wieso?« Lucy wählte drei Gläser aus dem Regal hinter ihr und blies hinein. »Für mich auch«, ertönte es gleichmütig. José trat aus dem Treppengang, der hoch in die Privaträume führte. Über seiner Schulter hing eine Reisetasche. Nachdem Kolja Grigorjew Ethan mit seinen Gorillas heim-gesucht hatte, stand der Antiquar auf Daniels Liste der durch Nephilimangriffe gefährdeten Personen ganz oben. Da Ethan seinen Antiquitätenladen als Wohnstätte nicht aufgeben wollte, zwang ihm Daniel einen Bodyguard auf. Von den Cleanern stach José als menschlichstes Exemplar heraus. Manchmal lä-chelte er sogar. Das kam bei dem Rest von Rubens seelenlosem Team niemals vor. »Du willst verreisen?« Schwungvoll füllte Lucy ein viertes Glas und reichte es ihm. »Weiß der Boss Bescheid?« »Meine Mutter ist krank.« Der Cleaner leerte das Glas in ei-nem Zug, was ihm von Lucy einen leisen Pfiff einbrachte. »Sie lebt in Barcelona und ich muss für ein paar Tage dorthin.« Armer José. Sicher war es schwer, seiner Mutter Normalität und Gefühle vorzuspielen. Warum tat dieser geheimnisvolle Mahawaj Baraq’el seinen Mitarbeitern solche Grausamkeiten an? Die knapp bekämpfte Panik flackerte erneut auf. Wie, um alles in der Welt, stahl man Seelen? »Markus wird meinen Job bei dir übernehmen.« »Das hat der sich so gedacht.« Ethan schnappte sein Glas vom Tresen. »Dein Kollege darf gern mal zum Schaufenster reingucken. Mehr nicht.« »Ich bin bald wieder da.« Für jemanden, der zu keinen Emo-tionen fähig war, lächelte José ausgesprochen warmherzig. Die Anspannung wich aus Ethans Miene und in seinen Mundwinkeln wuchs ein verträumtes Lächeln. Er liebte den Cleaner. Um das zu erkennen, brauchte sie keinen sinnesschär-fenden Zauberring. Zwischen den Wuschelbrauen des Antiquars bildete sich eine fingerdicke Falte. »Was starrst du mich an? Hast du nicht über eine Waldlichtung zu tanzen oder mit Blütenstaub zu gurgeln?« »Erst im Frühling.« Sie ging zu ihm, schlang die Arme um ihn. Sofort versteifte er sich wie ein Brett. Er hasste es, wenn sie ihm zu nah kam. Als ob ihre Verrücktheit auf ihn abfärben konnte. Doch für seinen Spott hatte er sich eine Strafe verdient. »Du liebst einen Seelenlosen?« Allein dafür sah sie ihm den maßlosen Konsum umweltschädlichen Kapselkaffees nach. Er schob sie von sich. »Und wenn schon. Josés sachlicher Zugang zum Sex ist für mich erfrischend unkompliziert. Außer-dem funktioniert sein hervorragend ausgestatteter Körper auch ohne Seele perfekt. Vor allem in mir.« Sein Blick blieb entsch-lossen, die Farbe seiner Wangen driftete in ein warmes Rosa. »Ich muss los.« José stellte das Glas zurück. »Ich melde mich, sobald ich die Lage einschätzen kann.« Beim Vorbeigehen küsste er Ethan flüchtig auf die Wange. Der sah seinem Liebsten nach und seufzte tief. »So, wenn es unbedingt sein muss, können wir uns jetzt betrinken.« Er pro-stete Lucy und ihr zu. »Ist mir übrigens egal, ob ihr Daniel von uns erzählt. Mein Privatleben geht ihn nichts an.« »Ein Mann, der sich in seinen seelisch kastrierten Bodyguard verliebt.« Lucy rollte mit den Augen. »Der Gipfel an Kitsch und Klischeeerfüllung.« »Na und? Wahre Liebe steht über Kleinlichkeiten wie Seelenverlust oder beruflich bedingtes Abhängigkeitsverhältnis.« Er wischte sich über den Mund und reckte stolz das bärtige Kinn in die Luft. »Immerhin sorgt er sich auch um seine arme Mutter.« »Ja genau.« Lucy runzelte die Stirn. »Wieso eigentlich? Strenggenommen müsste es ihm schnurz sein.« Jade war zu verwirrt, um der Frage tiefer nachzugehen. Zumal Ethan sie mit einer Geste aus der Luft wedelte, bevor er sein Glas hob. »Auf die Liebe und ihre verschlungenen Pfade!« Zwei Stunden später, in denen die Flasche nach und nach leerer wurde und lediglich Jades Glas unberührt auf dem Tresen stand, verabschiedete sie sich von den beiden. Sie lieh sich Lucys Fahrrad aus und radelte durch die nas-skalte Nacht. Zum Glück hatte sie es nicht weit. Als sie in die Hatton Wall Street einbog, waren ihre Finger dennoch steif vor Kälte. Sie schulterte das Rad und trug es die wenigen Stufen zu ihrer Souterrainwohnung hinab. Dort stand es sicherer als auf der Straße. Auf dem Boden hinter der Tür lagen ein Magazin, zwei Um-schläge, die nach Rechnungen aussahen und eine Postkarte mit Ruinen-Schlingpflanzen-Motiv. Süße Jade! Sei nicht traurig, dass wir uns an Weihnachten nicht treffen können, aber unsere Arbeit hier ist unendlich wichtig. Täglich kommen neue Menschen, die sich von ihrem geistigen und körperlichen Ballast befreien wollen. ... Schwieriger spiritueller Weg ... Wir müssen uns kümmern ... Mal-com hat einen neuen Yogalehrer eingestellt ... Lester sendet dir Grüße ... Wir wissen, dass du Verständnis hast ... Gedanklich sind wir immer bei dir ... Melde dich, wenn du etwas auf dem Herzen hast ... Wir können ja mal wieder skypen ... Kuss, deine dich liebenden Eltern, Alice und Mal-com. Die letzten Zeilen überflog sie. Sätze wie diese hatte sie seit ihrem dreizehnten Lebensjahr zu oft gelesen. Sie pinnte die Karte zu den anderen an den Kühlschrank. Auch ohne Ethans Whisky zugesprochen zu haben, war sie müde genug fürs Bett. Sie goss sich noch ein Glas Wasser ein und prostete der Karte zu. »Auf die Liebe und ihre verschlung-enen Pfade.« l Was für ein gottverdammter Vater. Und was für eine gottverdammte Tat, ihn umzubringen. Ramuell Grigorjew. Die Lettern standen in Gold auf dunk-lem Grau. Konstantin hockte sich vor den Grabstein. Eiskristalle über-zogen den Granit. Kein Jahr war es her, dass Kolja ihrem Vater aufgelauert und ihm mit dessen eigenem Dolch die Kehle durchgeschnitten hat-te. Ein verdienter Tod. Konstantin vergrub seine Hände im Schnee und wartete, bis die Kälte in seine Finger biss. Der Schmerz lenkte ihn von der Tatsache ab, dass er seinen Bruder für den Mord an ihrem Vater nicht hassen konnte. Doch für alles andere, was er ihm und seinem Leben antat. Weiß und kahl lag die Landschaft in einem verfrühten Win-terschlaf. Sie wirkte trostlos wie das Leben auf dem Gut. Kolja hatte das Patriarchat an sich gerissen. Der älteste Sohn musste dem Vater folgen. Ob er sein Mörder war oder nicht. Konstantin presste die Hand auf die Steinplatte. Kalt, grausam, unerbittlich. Ramuell hatte die begehrtesten Eigenschaften eines Oberhauptes der alten Familien in seiner Person gebündelt. Kolja übertraf ihn, seit ihm der Ring gestohlen worden war. Anfangs nah am Tod, erholte er sich unnatürlich schnell von seinem Siechtum. Konstantin zog die Hände aus dem Schnee. Sie waren blau vor Kälte. Er nahm den Smaragd vom Mittelfinger, befreite eine Stelle des Grabes von den weißen Flocken und bettete ihn darauf. Seine Hand fühlte sich nackt an. Schutzlos wie er selbst in diesem Moment. Verlor er den Schmuck, wich innerhalb von wenigen Tagen das Leben aus ihm. Der Preis, den jeder Nachkomme eines Nephilim für seine lange Existenz zahlte. Wozu? Die Chronik der Familie Grigorjew quoll über vor Größen-wahn und Grausamkeit. Ein Tyrann folgte dem nächsten. Zog die Fäden in Kriegen, geiferte um jeden Fetzen Ruhm. Herrscher, die ihre Hände in das Blut Tausender tauchten. Verräter, die über den Tod anderer Macht erlangten. Die Fami-liengeschichten der Grigorjews, Orszuloks, Abrahamssons, Cal-lahans, Montoires, Navarretes und Sanguinis glichen sich wie eine Pestbeule der anderen. Sein Volk, das Übel der Welt. Kälte kroch in sein Herz. Oder floss das Leben aus ihm heraus und nahm die Wärme mit? Ein Ziehen bis in die Fingerspitzen. Ein taubes Kribbeln bis in die Zehen. Konstantin legte die Hand auf die Brust. Sein Herz stolperte, fing sich wieder, um in einen schleppenden, flachen Rhythmus zu verfallen. Wie beschämend. Seine Vitalität hing von einem Schmuck-stück ab. Hundertundvier Jahre. Mit etwas Glück stand ihm das Vier-fache seiner bisherigen Lebenszeit zur Verfügung. Erst dann geriet die in Gold geschmiedete Macht an ihre Grenzen. Kon-stantin rieb sich die Hände. Das Gefühl kehrte zurück. Verdammt. Der Ring gehörte zu ihm wie sein Herz oder seine Seele. Warum störte es ihn plötzlich? Weil sein Bruder frei war und den Verlust seiner Lebenskraft nicht mehr fürchten musste? Zu welchem Preis? Um Kolja lauerte eine Dunkelheit, die er früher nie wahrgenommen hatte. Sie kroch aus den stets kalt blickenden Augen und verschlang jeden, der sich ihr aussetzte. Konstantin steckte den Ring zurück an seinen Finger. Wärme, kaum dass das Gold seine Haut berührte. Der Vorfahr ist ein Held. Die sumerischen Zeichen beherrschte er seit seinem siebzehnten Lebensjahr. Er verachtete den Ursprung seiner Familie. Sein Vater hatte ihn die Gerte spüren lassen, als Konstantin ihm in einem Anflug von Mut und Verbitterung die Gründe dafür genannt hatte. Im Vergleich zu dem, was er Kolja angetan hatte, war dieser Zwischenfall ein Scherz gewesen. »Du warst ein erbärmlicher Vater!« Der Schlag auf den Stein brachte Schmerz statt Befriedigung. Kolja blutend am Boden. Ramuell über ihm. Das Pfeifen vor dem Aufschlag, die aufplatzende Haut. Strafe für was? Dass Kolja den Ring verloren oder bei dessen Versuch, ihn zurückzuholen, versagt hatte? Keinerlei Mitgefühl in dem strengen Gesicht. Die einzigen Tränen, die an diesem Tag vergossen worden waren, stammten aus Konstantins Augen. Koljas waren längst von der fremden Dunkelheit verschlungen worden. Dieselbe Dunkelheit, die einem der Hausmädchen vor aller Augen die Kleider vom Leib riss und sie mit Gewalt nahm. Er war ihr zu Hilfe gekommen. Die Knöchel seiner Hand hatten geknirscht, als er seinen Bruder nieder-schlug. Kolja brüllte vor Zorn. Konstantin solle sich nie wieder zwischen ihn und seine Wünsche stellen. Am selben Abend fand er das Mädchen tot hinter der Sickergrube. Klaffende Wunden übersäten den Körper. Einer von vielen Gründen für ihn, das Gut zu verlassen. Die Verträge mit einer Firma aus Seattle waren unter-schrieben, das Ticket für den Flug längst bezahlt. Vor ihm lag die Zukunft eines hoffentlich erfolgreichen Architekten. Er war stolz darauf, sein Studium mit Auszeichnung beendet zu haben. In wenigen Stunden brach er auf. Der Abschied schmerzte ihn nur wegen Fee. Sobald sein Leben in Amerika in vernünfti-gen Bahnen lief, würde er seine Stute nachholen. Das gusseiserne Tor des Friedhofs quietschte. Kolja schlenderte Arm in Arm mit Galina an den Gräbern vorbei. Demnach befriedigte sie nun auch seine Bedürfnisse. Unter Galinas Händen kam die Lust erst nach dem Schmerz. Ihre nächtlichen Besuche glichen Überfällen. Dennoch entspannte es, von ihr in den Rausch gezwungen zu werden. An manchen Tagen konnte sie nicht grob genug mit ihm sein. Erst wenn ihre Nägel blutige Streifen über seinen Rücken zogen und die Lust wie ein Tier in seine Lenden biss, fühlte er sich von der Last befreit, Mitglied der Familie Grigorjew sein zu müssen. »Du willst deine Familie verlassen.« Kolja verzog den Mund zu einem schiefen Grinsen. »Ich bedauere das.« Es war ein Fehler gewesen, ihn von seiner Abreise zu in-formieren. Gleichgültig, was er an Argumenten vorbrachte, Konstantins Plan stand fest. Kolja breitete die Arme aus. »Gönne mir das Vergnügen und feiere deinen Abschied mit mir.« Ihm war nicht nach feiern. Ihm war nach Aufbruch. Sein Bruder fasste Galina ins Genick und zwang ihr Gesicht zu seinem. Ein Flüstern, ein kaltes, abgehacktes Lachen. Galina verzerrte ihre vollen Lippen zu einem gelogenen Lächeln. Hinter ihrem Rücken zog sie einen Henkelkorb hervor. Aus dem Tuch lugte der Hals einer Sektflasche. Dachte Kolja, sie könnten wie früher unbeschwert miteinander trinken und lachen? Kolja ließ den Korken knallen und der Krimsekt schäumte in den Gläsern. »Auf Kostja! Den Pferdeliebhaber und Dirnenbuhler.« Sein Blick zog eine Spur aus Eis durch Konstan-tins Inneres. Bald war er in Nischni Nowgorod. Das kranke Ge-fasel seines Bruders verschwand dann ebenso in der Vergangen-heit, wie der Rest seines Lebens auf dem Gut. Kolja trank und ließ ihn dabei keinen Moment aus den Au-gen. Konstantin hob sein Glas. Seine Lippen weigerten sich, zu lächeln und er weigerte sich, sie zu zwingen. Wenn Kolja diese Farce zufriedenstellte, bitte. Nicht mehr lange und er konnte ohne ihn seine Umgebung tyrannisieren. »Mein Geschenk für dich.« Sein Bruder warf das Glas hinter sich und nickte Galina zu. Sie streifte den Mantel ab. Darunter war sie nackt. »Lehn dich an den Stein, Konstantin«, befahl er mit kalter Stimme. »Den Rest erledigt unsere gemeinsame Freundin.« »Spiel deine Spielchen ohne mich.« Nichts gegen Galinas Fertigkeiten, aber hier war der falsche Ort dafür. Hinter Galinas Lächeln versteckte sich Angst. »Bitte«, flü-sterte sie, als sie sich an ihn schmiegte. »Verärgere ihn nicht.« Sie drängte ihn auf Ramuells Grab. Konstantin schob sie von sich. »Das ist die letzte Ruhestätte unseres Vaters, Kolja. Auch wenn du ihn gehasst hast, nichts gibt dir das Recht, seine Totenruhe zu schänden.« Obwohl es Momente gab, in denen er ihren Vater selbst gerne aus der Erde gezogen und häppchenweise an die Krähen verfüttert hätte. Koljas Lächeln war widerlich, als er zu ihm kam und seine eisigen Finger in Konstantins Hosenbund schob. »Spielst du nicht mit dieser Schlampe, werde ich es tun.« Mit den Nägeln fuhr Kolja an seiner Leiste entlang, bevor er langsam Gürtel und Knöpfe öffnete. »Auch auf dem Grab unseres lieben Herrn Va-ters.« Er schob Konstantins Hemd hoch, betrachtete seufzend nackte Haut. »Doch ich werde es ganz sicherlich dabei schän-den.« Ihn niederschlagen und gehen. Die Sachen packen und fahren. Nie mehr zurückkommen. Die Reise nach Seattle war eine als Zukunft getarnte Flucht. Wozu sie schämen? Vor Kolja fliehen zu wollen, war legitim. Die Alternative hieß, ihn zu tö-ten. Galina sah ihn flehend an. Vor seiner Abreise musste er ihr einen anderen Arbeitsplatz verschaffen. Weit weg von Kolja. Er kannte genug einflussreiche Menschen, die ihm diesen Gefallen tun würden. »Du verschmähst mein Geschenk?« Der Zorn in Koljas Stimme tarnte sich als Enttäuschung. »Wenn Galina für dich nicht gut genug ist, wie sollte sie es für mich sein?« »Konstantin, bitte!« Mit zitternden Fingern streichelte Galina über seine Unterlippe. »Ich will nicht wie Tasja an der Sicker-grube enden.« Wut ballte sich in seinem Bauch. Konstantin zwang sich zu einem Nicken. Noch einmal nach Koljas Pfeife tanzten. Für Galina. »So ist es brav.« Sein Bruder stieß sie zur Seite, fasste an Konstantins Hosenbund und zog ihm mit einem Ruck Jeans und Pants in die Kniekehlen. Sein Gesicht streifte dabei über den Bauch. Konstantin biss die Zähne zusammen. Kolja richtete sich auf, nahm Galina das Glas aus der Hand und hielt es Konstantin an die Lippen. Einhändig riss er ihm das Hemd auf. Der Sekt floss über Konstantins Kinn, seine Brust und sickerte in den Stoff der Jeans. Kolja drückte die Frau gegen ihn. »Fangt an.« An einem anderen Ort und ohne Zeugen hätte es Konstan-tin genossen. »Bitte.« Galina erbleichte vor Angst. Schon um sie zu trösten, küsste er ihre zitternden Lippen. »Er lässt mich kaum noch zu dir«, flüsterte sie. »Es gibt Tage, da hält er mich wie eine Gefangene.« Ihre Hände strichen über seinen Oberkörper, ihre Nägel kratzten über seine Brustwarzen. Konstantin keuchte über Schmerz und Ärger hinweg. Galina nahm seinen Oberschenkel in ihre Mitte und rieb sich an ihm. Sie war hart im Nehmen, wenn sie unter Koljas Knute noch Lust empfinden konnte. »Sofia wimmelt mich ab, wenn ich mich bei ihr beklage. Sie fürchtet Kolja mehr als ich.« Ihre Zunge leckte den Sekt aus dem Grübchen zwischen den Schlüsselbeinen. »Ich lasse mir etwas einfallen«, wisperte er in ihr Haar. »Aber nimm mich in deinen Mund.« Je schneller sie ihn zum Ziel führte, umso besser für sie beide. Sein Bruder lehnte an einem Baumstamm und sah ihnen mit einem arroganten Lächeln zu. In Konstantins Mund bildete sich ein bitterer Geschmack. Galina küsste ihn fort, während sich ihre Hand den Weg zwischen seine Beine suchte. Er lehnte sich an den kalten Stein, nahm Galinas Gesicht in seine Hände und führte ihren Kopf dahin, wo er ihn wollte. Auf dem Weg nach unten leckte ihre Zunge über die Sektschlieren auf seinem Bauch. Entspannen. Den Tanz der geübten Zungenspitze genießen und sich nach der feuchten Wärme in ihrem Mund sehnen. Nicht an Kolja denken. Nicht das widerlich triumphierende Lächeln bemerken. Nasse Hitze. Galina hatte ihr Ziel erreicht. Sie nahm ihn tief. Kein sanftes Saugen. Kein zärtliches Lecken. Sie krallte sich mit den Fingern an seinem Hintern fest und ließ ihn ihre Zähne spüren. Konstantin presste die Lippen zusammen. Kein Stöhnen für die gierigen Ohren seines Bruders. Galina verschlang ihn. Zwang ihm die Lust in die Lenden, die heiß durch seinen Körper nach unten floss. »Ich sehe, du genießt mein Geschenk.« Höhnisches Lachen. Hass, den Galina im Moment des Entstehens in ihren Mund saugte. Konstantin griff in ihre vollen Haare und drückte ihr Gesicht näher an sich. Sie atmete schwer, überwand ein Würgen und nahm ihn tiefer. Kein Denken mehr. Zu viel lieblose Erregung, die sich einen Dreck um Koljas Geschwafel scherte. Seine Lust explodierte an Galinas Rachen. Konstantin krümmte sich keuchend zusammen, hörte Galin-as Stöhnen unter sich, fühlte ihr Schlucken. Bis sein Zucken nachließ, behielt sie ihn in ihrem Mund. Als sein Herz langsamer schlug, zog er sie zu sich hoch. Sie war kalt und zitterte. Er entledigte sich seiner Jacke und wickelte Galina darin ein. »Danke.« Ihre Lippen rochen nach ihm. Er küsste sie den-noch. »Ich mache das jeden Tag mit dir, wenn du mich hier wegbringst.« Ihre Angst vor Kolja schwang in ihrem Flüstern. »Warst du schon in Nischni Nowgorod?« Er würde sie mit-nehmen, und wenn er sie im Kofferraum verstecken musste. Galina schüttelte unter Koljas misstrauischem Blick kaum merk-lich den Kopf. »Von dort kannst du gehen, wohin du willst.« »Geld?«, fragte sie leise. »Bekommst du von mir.« Sie seufzte erleichtert. »Danke.« »Genug gefeiert.« Kolja sprang mit zwei Sätzen auf das Grab. »Für den Rest des Tages gehört sie mir.« Er zog sie zu sich, wischte Konstantins Jacke von ihren Schultern und ließ sie nackt neben sich zum Haus gehen. Konstantin rutschte an Ramuells Grabstein hinab. »Fahr zur Hölle, Bruder.« Er richtete seine Kleidung, band seine Haare im Nacken zusammen. Je zeitiger er nach Nischni Nowgorod aufbrach, desto besser. Noch einmal ließ er den Blick über die Felder und Wiesen gleiten. Der Landsitz lag zwischen Twer und Moskau weitab der gängigen Straßen. Als Kind liebte er die Einsamkeit. Jetzt engte sie ihn ein. Er folgte dem Weg hoch zum Gut-shaus, überquerte den Hof. Aus dem Stall drang leises Wiehern. Fee hatte ihn gehört. Ein letzter Ritt mit ihr über die Felder, bevor er sie zu einem Bauern brachte, der sich um sie kümmern würde. Wenn er daran dachte, sie zu verlassen, zog es in seinem Herz. Die weiße Stute schnaubte, als er den Stall betrat. »Ich stinke nach Sekt und rieche zu streng nach mir und Ga-lina. Nimm es mir nicht übel.« Die samtige Pferdeschnauze schnupperte sich über seine Haare bis zu seinem Ohr. »Heute Nachmittag werde ich nur noch nach dir duften. Wir feiern meinen Geburtstag zu zweit, weit weg vom Gut.« Bevor Kolja auf andere Ideen kam. Fees Nüstern blähten sich an seiner Brust. Sie hatte den Ur-sprung des fremden Geruchs gefunden. »Schnuppere bloß nicht tiefer. Du bist das einzige Wesen, in dessen Nähe mein Schamgefühl noch greift.« Er lehnte die Stirn gegen den Pfer-dekopf und atmete den vertrauten Duft ein. Es war leicht, ein Tier einem Familienmitglied vorzuziehen, wenn man zu dem Clan der Grigorjews gehörte. »Ich bin gleich zurück.« Umziehen und auf dem Pferderücken alles Dunkle der vergangenen Monate vergessen. Vor dem Stall lehnte ein Fremder an Ramuells Hummer. »Konstantin Grigorjew?« Der Mann kam auf ihn zu und neigte den Kopf. »Ich bin dein neuer Chauffeur. Bitte steige ein. Dein Bruder hat einen Ausflug für dich geplant.« Verdammt! »Sage meinem Bruder, dass ich weder einen Chauffeur benötige, noch gewillt bin, an seinen erbärmlichen Spielchen teilzunehmen.« Der Fremde nickte. »Kolja hat mit deiner Absage gerechnet.« Er sah knapp an Konstantin vorbei, nickte erneut. Ein Tuch auf seinem Mund. Keine Luft mehr, bloß ein süßer Geruch. Konstantin wollte um sich schlagen, den Angreifer abwehren, doch seine Arme und Beine gehorchten ihm nicht mehr. »Dachtest du, du könntest mir entkommen?« Koljas Stimme. Leise, schneidend. Grauer Schnee, Himmel, wieder Schnee. Dann Dunkelheit.


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