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Fantasy Bücher
Buch Leseprobe Apokalypse, Daniel Daub
Daniel Daub

Apokalypse



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1987
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Mit konfuser Deutlichkeit sah Lukas den Geist neben dem Bett des sterbenden Mannes. Das Wesen stand einfach nur reglos da und starrte auf den Beinahetoten hinab. Manchmal unterbrach der Geist seine Starre und vollführte undeutbare Bewegungen mit seinen Händen in der Luft über dem Sterbenden, denen Lukas keinen Sinn einzuleiben vermochte.


Lukas konnte sie praktisch von Kindesbeinen an sehen, sodass diese Erfahrung für ihn schon zur Alltäglichkeit geworden war, ihn aber dennoch stets aufs Neue mit Verwunderung erfüllte. Trotz des häufigen Umgangs mit ihnen konnte er sich bis heute über die meisten ihrer Handlungen keine Rechenschaft ablegen. Hier jedoch schien klar zu sein, dass der Lebensfaden vom alten Hans bald reißen würde. Das Geistwesen würde ihn hinübergeleiten - wohin auch immer.


In den achtundzwanzig Jahren, die Lukas lebte, hatte er noch nicht viele Menschen sterben sehen, doch er wusste, wenn jenes ätherische und silbern pulsierende Kraftfeld um sie herum zum Versiegen kam, dass es mit ihnen zu Ende ging. Und der alte Hans hatte bereits in dem Moment, als Lukas die Tür zu dem Zimmer betrat, keine Aura mehr gehabt - wie Lukas diese Erscheinung in Ermangelung eines besseren Begriffes zu nennen pflegte.


Neunzig Jahre hatte der Mann, den alle im Ort nur den „Alten Hans" nannten, diesen Körper bewohnt. Bis ins hohe Alter war er rüstig gewesen, bis er sich vor drei Tagen wegen Unwohlsein ins Bett gelegt hatte und nicht mehr aufgestanden war. Hans war ein Original gewesen und starb nun in dem gleichen Haus, in dem er als Säugling in dieser Welt einst erwachte.


Lukas löste seinen Blick von dem Sterbenden und sah zu der Frau des alten Mannes hinüber, die eingesunken auf dem Stuhl neben ihm saß und die Hände wie zum Gebet ineinander verschränkt hatte. Lene hatte Lukas gerufen, als sie merkte, dass es mit ihrem Ehemann zu Ende ging, denn für den alten Hans war Lukas so etwas wie ein Sohn gewesen. Als Lukas vor drei Jahren mit Frau und Tochter hier im Ort ankam, praktisch besitzlos, nur mit einem alten Auto, einem Anhänger mit ein paar Habseligkeiten und so gut wie keinem Geld in der Tasche, da hatte der alte Hans ihnen geholfen, weil auch er schon bittere Zeiten hinter sich hatte.


Lukas machte sich um Lene wenig Sorgen, sie würde mit dem Verlust klarkommen. Sicherlich würde sie traurig sein, aber in ihrem Alter besaß der Tod nicht mehr jene einschüchternde Wirkung, die er auf jüngere Menschen ausübt.


Sie legte ihre Hand auf die Stirn ihres hinscheidenden Mannes. „Vor drei Stunden hat er das letzte Mal gesprochen, dann trat Lethargie ein", sagte sie leise in die Stille der Kammer hinein. „Kurz davor bestand er darauf, verkehrt herum ins Bett gelegt zu werden, mit dem Gesicht nach Osten, zum Heiland, hat er gesagt. Dann sagte er, ich solle kein betrübtes Gesicht machen. Der Tod hätte für ihn keinen Schrecken mehr und würde ihn endlich erlösen von diesem irdischen Leben."


Lukas kommentierte ihre Äußerungen mit einem Nicken.


Eine Weile saßen sie noch still am Bett, der Atem des alten Hans ging immer flacher, bis der Brustkorb sich nur noch wenig und sehr langsam hob und senkte. Lastende Stille lag in dem Zimmer, dass sie beinahe zu greifen war. Lukas schaute aus dem Fenster, vor dem sich mit einem halben Meter Schnee eine klirrend kalte Winterlandschaft lang und weit erstreckte. Die Sonne war bereits hinter den Hügeln verschwunden, und die Dunkelheit rückte beharrlich heran. Noch eine Weile saßen sie stumm an dem Bett, bis die alte Frau in die Stille hauchte: „Ich glaube, er ist jetzt tot."


In diesem Moment registrierte Lukas, dass auch der Geist am Fußende des Bettes nicht mehr anwesend war. Es war ein schöner Geist gewesen, fand Lukas, auch wenn es sich um eine Art Schönheit handelte, die nicht mit irdischen Maßstäben zu messen war, da ihr eine gewisse Seltsamkeit innewohnte. Meist besaßen diese Wesen menschenähnliche Gestalt und unterschieden sich in ihrem grundlegenden Äußeren nur wenig von herkömmlichen Menschen. Dennoch gab es sie in allen möglichen Erscheinungen. Manche hatten monströse Gesichter wie die Masken bei der alemannischen Fastnacht, anderen haftete etwas Vampirähnliches an, und wiederum andere wirkten krank und ausgemergelt. Daneben gab es jene, die wunderschön waren und irgendwie erdentrückt. Manche von ihnen jedoch wirkten so normal, dass es schon wieder unnormal war. Sie redeten nicht und bewegten sich vollkommen lautlos, dabei konnten sie sich nach Belieben auflösen und wieder erscheinen, durch Wände gehen oder sogar durch einen hindurch, wie es Geistern nun mal eigen ist.


Früher, als Lukas noch jünger war, hatte er versucht mit ihnen zu reden, doch auf irgendeine Weise schienen sie nicht ansprechbar zu sein, obwohl sie durchaus mit der manifesten Welt in Wechselwirkung standen und konkret auf Geschehnisse reagierten, wenngleich ihre Handlungen für Lukas oft keinen Sinn ergaben.


Lukas legte seine Hand auf die Hand der alten Frau, welche wiederum auf der des Toten lag. So verharrten sie eine Weile. Lukas verabschiedete sich in Gedanken von seinem Freund und überlegte, was er der alten Witwe sagen sollte, doch bevor er einige nichtssagende Trostworte von sich geben würde, entschied er sich lieber den Mund zu halten. Stattdessen sagte er: „Soll ich morgen früh wieder vorbei kommen, damit wir ihn beerdigen können?", fragte Lukas.


Eine Träne löste sich aus den rotgeränderten Augen der alten Frau, rann die Wange hinab und tropfte auf ihre Schürze. „Nein, nein, drei Tage muss er noch hier bleiben, dann erst beerdigen wir ihn. Wir werden ihn am Waldrand in der Nähe von dem alten Wegkreuz vergraben."


„In Ordnung, ich werde morgen trotzdem bei dir vorbei schauen - natürlich nur, wenn es dir recht ist."


„Ja, tu das." Sie nickte verhalten.


Noch vor weniger als einem Jahr wäre das Vergraben von Leichen in der freien Natur als eine höchst fahrlässige Ordnungswidrigkeit angesehen worden, sinnierte Lukas, doch seit dem großen, globalen Wirtschaftcrash letztes Jahr im Oktober mit allem was er mit sich brachte, nahm man es mit solchen Dingen nicht mehr allzu genau. Nicht dass die Welt auseinandergebrochen wäre, es gab immer noch Gesetze und einen Staat, doch einen chronischen Mangel an Gesetzeshütern und einer ausführenden Gewalt, die Dieses oder Jenes verlangen oder durchsetzen konnten. Alles war durcheinander. Zwar wurden noch Steuern erhoben, um den Staat irgendwie zahlungsfähig zu halten, doch es gab keinen Schulzwang mehr, keinen Impfzwang, keinen Versicherungszwang, keinen Leinenzwang für Hunde oder sonstige Reglementierungen. Seit dem Crash hatten die Regierungen genug damit zu tun, staatliches Leben zu erhalten.


Und so war es auch mit Beerdigungen. Man brauchte keine Genehmigung von einem Ministerium oder der Ortspolizeibehörde für eine private Grabstätte, da der Staat sich ohnehin im Ausnahmezustand befand. Man verzichtete auch auf die Leichenschau und Todesbescheinigung eines Arztes, da das einst so hoch gelobte Gesundheitssystem nur noch rudimentär vorhanden war, und eine Beerdigung konnte sich ohnehin kein Bürger mehr leisten, da die Hyperinflation alles Geld dermaßen entwertet hatte, dass es nicht mal für die Grundbedürfnisse reichte.


Selbst Lukas als studierter Biologe mit nur oberflächlichen Kenntnissen in Ökonomie hatte damals eine Katastrophe im Finanzsystem heraufziehen sehen. Der kleine Wirtschaftscrash des Jahres 2008 und der von 2014 waren nur die Vorboten des großen Knalls von 2017 gewesen. Rückblickend lag alles auf der Hand, aber zuvor hatten nur wenige Zyniker und Pessimisten damit gerechnet.


Es muss noch früher Morgen am 04. Oktober 2017 gewesen sein, als die Computer der Banken in New York City registrierten, dass eine ausgemachte Krise nahte. In den Handelszentren rund um den Globus schrillten die automatischen Telefonrufsysteme wie Kriegssirenen, welche die Finanzmanager in ihre Vorstandsbüros beorderten. Die Börsenkurse stürzten in nie gekannte Tiefen. Die Panik war nicht mehr abzuwenden.


Mittags bildeten sich bereits Schlangen von ängstlichen Anlegern an den Bankschaltern. Ein Bankmob nach dem anderen wurde zahlungsunfähig und ging über die Klinge. An der Wallstreet krachte es unaufhörlich, genauso in London, Frankfurt und Tokio, woraufhin man die Aktienmärkte schloss und den Handel einstellte. Es zog sich über Wochen hin und täglich hörte man in den Medien von Vermögensvernichtungen, Bankpleiten, Kursverlusten und Arbeitslosigkeit, doch es war nur die Spitze des Eisbergs.


Nach den Konjunkturprogrammen der Regierungen in aller Welt stellte sich eine Phase der Stabilisierung ein. Man redete einmal mehr davon, dass die Talsohle der Wirtschaftskrise durchschritten sei und man bereits das Licht am Ende des Tunnels sah. Wie sich herausstellte, war das Licht lediglich die Scheinwerfer des Zuges, welcher der Welt entgegen raste. Man versuchte alles: Setzte die Leitzinsen auf null Prozent und versorgte das marode Finanzsystem mit Scheinblüten.


Die Gangster im Nadelstreif hielten das aufgetakelte Scheinsystem solange wie möglich aufrecht, bis im Dezember des Jahres 2017 der Deckel endgültig wegflog. Der totale Kollaps trat ein und mit ihm die größte wirtschaftliche Depression der Menschheitsgeschichte. Es folgte eine Bankenkrise nie dagewesenen Ausmaßes, gefolgt von der Verstaatlichung aller Banken mit exorbitanten Kosten. Der Euro brach auseinander und der Dollar wurde als Weltleitwährung fallen gelassen. Als der Abverkauf einsetzte, verlor die US-Währung ihre gesamte Kaufkraft, selbst Toilettenpapier besaß plötzlich einen höheren inneren Wert als der Dollar. Die Blase der Staatsanleihen, die von Lehrbuchinvestoren immer wieder angepriesen worden war, platzte und eine Megawelle von Staatsbankrotten setzte ein, gefolgt von Firmenpleiten, die wie eine Feuerwalze um die Welt lief.


Die globale Finanzelite und unfähige, korrupte Politiker hatten den Bogen überspannt und das Finanzsystem ausgehöhlt. Die Preise für Rohstoffe und Lebensmittel stiegen innerhalb weniger Monate ins Gigantische. Der Inflationsdruck wurde immer größer und das produzierende Gewerbe kam zum Erliegen. Geld verlor stündlich an Wert. Letztlich akzeptierte man nur noch Realgüter und physische Edelmetalle wie Gold, Silber und Platin. Der moderne Kapitalismus entwickelte sich allmählich zu einer Tauschwirtschaft. Die Fitness- und Spaßgesellschaft war Vergangenheit. Genauso die Zeit in der Medienzare das Volk dumm hielten und Zentralbanker es arm - denn nun waren mit einem Schlag alle arm.


Binnen Kurzem verloren die meisten Leute ihre Arbeitsstelle, ebenso Haus, Auto, Vorsorge und Pension, weil der Staat bankrott war. Niemand half einem, weder die Bank noch das Sozialamt. Die Massenarmut explodierte, plötzlich ging es nur noch darum, eine warme Mahlzeit und eine Schlafstelle zu finden. Das finanzielle Armageddon zog eine Welt der Kriege, des Chaos, von Hunger und Durst, der Gesetz- und Obdachlosigkeit sowie der Völkerwanderungen nach sich. In den heruntergewirtschafteten Großstädten, ökologisch verwüstet und überbevölkert, stritt man sich in guerillaartigen Kriegen um die letzten winzigen Flächen ausgelaugten Agrarbodens und vor den Küsten Europas versenkten die Militärs die anlandenden Flüchtlingsboote.


Die Bürger in Krisenzeiten zu schützen und zu versorgen, war stets eine hoheitliche Aufgabe des Staates, verfassungsrechtlich verankert durch die staatliche Pflicht zur Daseinsvorsorge. Das behauptete zumindest der Bundeskanzler in einer Fernsehansprache. Elementar war hierbei die Nahrungsmittelversorgung. Mit dem Zusammenbruch der Weltwirtschaft brach auch die Logistik von Gütern und Waren für die ersten Monate komplett zusammen. Binnen weniger Tage waren die Supermärkte leer gekauft. Die Menschen benahmen sich wie Tiere, um noch ein Stück des Kuchens zu ergattern, der längst durchgeschimmelt war. Wo war Vater Staat?


Irgendwie vergaß die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung das Dorf in dem Lukas mit seiner Familie wohnte, lediglich die Menschen in den Ballungsräumen konnten sich Mahlzeiten aus Reis und Hülsenfrüchten sowie etwas Mehl ergattern, welches sie jedoch nicht zu Brot backen konnten, da ein Großteil der Stromnetze ausfiel. Nach drei Tagen brach das staatliche Notfallsystem zusammen, welches eigentlich für zehn Tage ausgelegt war. Ob es nun an der ausgefeilten Logistik der Bundesbehörden lag oder an den gewalttätigen Plünderungen in den Sammelverpflegungseinrichtungen, wusste am Schluss niemand.


Als hungernde Demonstranten den Bundeskanzler und seine Frau im Regierungsviertel von Berlin an einer Straßenlaterne aufhängten, wusste auch der Letzte, welche Ausmaße die Lage angenommen hatte: Amerika und Europa hatten ihren Platz unter den notleidenden Staaten eingenommen.


Alles auf der Welt unterliegt Mechanismen, und die Welt reagiert nun mal auf Nahrungsmittelknappheit mit Hungertoten. Nach dem Zusammenbruch der Industrie- und Nahrungsproduktion nahmen die Hungerrevolten schnell apokalyptische Ausmaße an, zuerst in Asien und Osteuropa, dann auch in Amerika und in den westeuropäischen Staaten. Am schlimmsten traf es die Bewohner der modernen Städte. Die Ballungszentren waren in höchstem Maße abhängig vom stetigen Zufluss von Nahrungsmitteln und Energie. Waren einmal die leicht verwundbaren Lebensstränge in den urbanen Zentren gekappt, brach die Massenpanik aus. Die Leute starben wie die Fliegen - ein fruchtbarer Boden für revolutionäre Bewegungen.


Die davon ausgehende Gewalt veranlasste die Staaten das Kriegsrecht auszurufen, so auch in Deutschland. Paramilitärische Eingreiftruppen wie die EUROGENDFOR schlugen allerorts Aufstände nieder. Die mit geheimdienstlichen Kompetenzen ausgestattete Sondereingreiftruppe sollte in Zusammenarbeit mit den europäischen Militärs die Sicherheit in Krisenzeiten gewährleisten. Mit anderen Worten: Die Truppe sollte Aufstände niederschlagen, den heimischen Militärs vorauseilen, um den Eindruck abzuwenden, die Armee des Landes schieße auf die eigenen Bürger. Dies alles wurde bereits vorsorglich am 18. Oktober 2007 im Vertrag von Velsen geregelt. Das kreuzförmige Schwert im Wappen der EUROGENDFOR symbolisierte die Kriegstruppe, das Lorbeerblatt den Sieg und die in Flammen stehende Granate die militärischen Wurzeln.


Ganz nach ihrem Motto Lex Paciferat - Recht bringt Freiheit - schossen sie in die Menge der Revoltierenden in den Notstandsgebieten, gemäß Artikel 4 des Gründungsvertrages zum Schutz der Bevölkerung, des Eigentums und Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung beim Auftreten öffentlicher Unruhen. Dennoch erwiesen sich die Ballungszentren als unkontrollierbar. Die Internierungslager der Katastrophenschutzbehörde quollen schnell über und wurden bald aufgegeben.


Jeden Tag kamen neue Horrormeldungen durchs Radio: Hunderte von Toten bei Benzinpreisprotesten in Spanien, tausende bei Unruhen in Peking wegen zu teurem Reis und Brot, blutige Massenproteste in New York von Hungernden. Die Regierungen schlugen alle Aufstände nieder und riegelten die Großstädte ab, zur Erhaltung von Sicherheit und Ordnung. In London fegte das Militär wütende Demonstranten mit Maschinengewehren hinweg, die die Bank of England stürmen wollten. An allen Ecken des Globus brachen Verteilungskriege aus. Amerika kämpfte gleich an mehreren Fronten in Eurasien und im Nahen Osten.


Ständig überschlugen sich neue Gerüchte über eine UN-Währung und Politiker überboten sich gegenseitig mit Reformvorschlägen, die nach Hightech-Feudalismus und globalem Totalitarismus rochen.


Die Krisenanfälligkeit des Weltwirtschaftssystems brachte auch eine Veränderung der gewohnten Wetterabläufe mit sich. Sogar das Ökosystem begann verrückt zu spielen, als spüre Mutter Erde, was auf ihr vorging. Überall brachen Unwetter aus, es kam überdurchschnittlich häufig zu Erdbeben, Vulkanausbrüchen und sonstigen Verheerungen, ein extrem heißer Sommer und ein kalter Winter wechselten sich ab. Doch das Spektakulärste war der Asteroidenschauer, der über Süddeutschland und Teilen von Österreich niederging, als Teile der russischen Armee nach Deutschland vordrangen. Ein Asteroid streifte die Erdatmosphäre. Tagelang lag eine dunstige Glocke über dem Land und sorgte dafür, dass es nie vollständig hell wurde. Jedoch ein paar Hundert Kilometer entfernt sprach man von einer dreitägigen Finsternis. Es kam in Bayern und Baden-Württemberg sogar zu Gesteinsniederschlägen und giftigen Gasen in der Atmosphäre, an denen Leute starben. So kam jedoch der Angriff der russischen Truppen ins Stocken und verhinderte einen dritten Weltkrieg.


Lukas blieb noch eine Weile an dem Bett sitzen, bis er sich erhob. Lene geleitete ihn noch an die Haustür, wo sie sich ein letztes Mal umarmten. Alles geschah in stiller Übereinkunft, ohne viel Worte und unnötige Floskeln. Lukas versprach ein letztes Mal, dass er morgen wieder vorbei schauen würde und ging hinaus in die kalte Winterlandschaft.


Die Nacht war bereits hereingebrochen. Der Nebel hatte sich ins Tal hinab gesenkt und erstreckte sich dicht über dem Erdboden zu einem wogenden Gebrodel, düster und erhaben zugleich. Eiskristalle hatten sich an den Zweigen der Tannen und Buchen am Wegesrand festgebissen, während der Schnee unter Lukas' Füßen knirschte. Er leuchtete mit seiner Dynamotaschenlampe voran, da an Batterien immer noch Mangel herrschte. Im Grunde hätte er das Licht nicht gebraucht, er war den Weg schon so oft gegangen, dass er ihn auch im Dunkeln gefunden hätte, ohne fehl zu treten.


Es galt etwa 100 Höhenmeter zu überwinden. Manche Stellen an den Hängen waren glatt, dass er ab und zu ins Straucheln geriet. Der Strahl der Taschenlampe vermochte den Nebel um nur wenige Meter zu durchdringen. Er stieg beharrlich bergan. Weiter oben löste sich der Dunst auf. Das sich vor ihm erstreckende Plateau schien wie eine Insel im Nebelmeer und die Himmelskuppel zeigte sich blank gefegt, während die Sterne im kalten Glanz auf ihn herabschienen. Doch es dauerte nicht lange, bis von Osten her Wolken dem Mond hinterher jagten und sich auf ihn stürzten.


Kein Geräusch war auf dem winterlichen Hügel zu vernehmen, auch kein künstliches Licht, bis auf das, welches hinter den Läden des nahegelegenen Bauernhauses hervordrang. Lukas, seine Frau Tamara und seine kleine Tochter Isabelle trotzten der Krise oben auf dem Hügel recht gut, was mehrere Gründe hatte. Zum einen verfügten sie über einen Selbstversorgergarten, hatten mit einem größeren Lebensmittelvorrat vorgesorgt und zum anderen entwickelte sich eine große Solidarität unter den Bewohnern des kleinen Dorfes seit Ausbruch der Krise.


Obwohl die Bevölkerung auch in Deutschland durch Hungersnöte und Pandemien stark dezimiert wurde, überstanden sie die chaotische Phase des Niedergangs viel besser als die Menschen in den Städten. Ihr Dorf gehörte nur einer kleinen unbedeutenden Gemeinde im Südwesten Deutschlands in französischer Grenzregion an, von der Welt unbeachtet und relativ abgeschnitten, umringt von dichten Wäldern und weitläufigen Wiesen. Die Wirren der Zeit trafen die Menschen dort nicht so hart wie in den großen Städten, was auch an der Mentalität der Landbewohner liegen mochte.


Die kleine Gemeinschaft entwickelte einen tierischen Überlebenswillen, gepaart mit einer gesunden Portion Solidarität. Das gegenseitige Unterstützen aller im Dorf, vom Landwirt über den Ingenieur bis zum Handwerker, trug wesentlich zum Überleben bei. Sie wurden zusehends autark und bauten ihre eigene Wasserversorgung auf, denn sauberes Wasser war elementar, da schmutziges krank macht und eine Krankenversorgung, welche diese Bezeichnung verdiente, gab es momentan nicht.


Als alle Welt noch Augen und Ohren verschlossen hielt, legte Lukas bereits einen Lebensmittelvorrat an, der ihn und seine Familie durch die ersten Monate brachte. Ferner hatte er einen Garten, den er bebaute. Lange bevor die Stromnetze zusammenbrachen, hortete er Petroleum, Kerzen, Lampen und Gas, da sie wochenlang ohne Elektrizität waren. Es dauerte Monate, bis die Stromversorgung wieder einsetzte und selbst dann war die Versorgung nur sporadisch. Ohne Strom lief nichts. Ohne Strom gab es keine Wasserversorgung, kein Erdgas, keine Energie zum Kochen und der Zapfhahn an der Tankstelle lief auch nicht. Als es wieder Strom gab, wurde es etwas besser, doch eine durchgehende Versorgung mit Energie, Nahrung, Brennstoff und Wasser war nicht ständig gewährleistet. Ebenso war der Wasserdruck ungleichmäßig und blieb manchmal vollständig aus. Für den Notfall verfügte Lukas jedoch über einen Tiefbrunnen auf seinem Grundstück, dessen Wasser er abkochte und mit speziellen Tabletten entkeimte.


In den Anfangsmonaten kam nahezu die gesamte Wirtschaft in den modernen Ländern zum Erliegen und nur allmählich entstand wieder so etwas wie Produktivität, staatliches Leben und Infrastrukturen.


Vor der Krise, als der Konjunkturmotor noch brummte, gehörten Lukas und seine Frau Tamara bereits zu den Verlierern des Systems. Als sie beide zeitgleich mit ihrem Universitätsstudium fertig wurden, stellten sie sich bereits einer Arbeitsmarktflaute. Lukas schloss als Diplom-Biologe ab und Tamara als Soziologin. Bundesweit war keine Arbeit zu finden und obendrein wurde Tamara noch schwanger, und für zwei Akademiker ohne Job ist ein Kind genau ein Kind zuviel.


Lukas war Vollwaise und in Kinderheimen aufgewachsen, doch nach dem Studium erbte er dieses heruntergekommene Bauernhaus von einem Onkel, den er vorher niemals gesehen oder gesprochen hatte. Da der Mann über keine weiteren Erben verfügte, griff bei Lukas die Erbfolge. Anfangs wollte er den Hof verkaufen, doch niemand wollte ihn haben. Da sich ihre Perspektiven nach Tamaras Entbindung nicht verbessert hatten, schlugen sie alle Zelte hinter sich ab und bezogen das alte, baufällige Hofgut.


Lukas erinnerte sich noch sehr lebhaft an den Tag, als sie dort mit ihrem alten klapprigen Fiesta, einem Anhänger mit diversen Möbeln, die ihren ganzen Besitz verkörperten, und buchstäblich dem letzten Tropfen Benzin hier ankamen. Es war auf Allerheiligen gewesen. Das Wetter war grau, nebelig und ungemütlich - Totenzeit - ganz wie Lukas' Seelenstimmung. Tamara war in Sachen Veränderung stets die Mutigere von ihnen gewesen, doch er spürte, dass auch ihr dabei unwohl war. Als sie vor dem Bauernhaus mit den dicken, schwarzen Holzbalken und dem aus Bruchstein bestehenden Untergeschoss vorfuhren, sank sein Mut. Das Haus besaß einen unverkennbar dunklen Anflug und eine vernachlässigte Atmosphäre, die von den bleigefassten Butzenscheiben und dem wuchernden Efeu, der sich an der Hauswand empor rang, noch unterstützt wurde. Das zweistöckige Wohngebäude war irgendwie windschief, neben ihm gruppierten sich mehrere Gebäude von vorsintflutlichem Charakter, die einmal als Scheune und Schuppen gedient hatten. Um das Gelände herum erstreckte sich im Sommer ein Kleefeld, das in einen dichten Mischwald überging.


Insbesondere die Stille und Abgeschiedenheit hatten ihnen anfangs zu schaffen gemacht, im Kontrast zur nervösen Energie der Stadt, in der sie vorher gelebt hatten. Nachbarn gab es hier oben keine. Gelegentlich näherte sich ein Fuchs, Dachse, ein Rudel Rehe oder eine Wildsau ihrer Einfriedung.


Der erste Winter war hart und zerrte an den Nerven, da sie wochenlang eingeschneit waren, obwohl Lukas immer noch weit davon entfernt gewesen war, wie Jack Nicholson in dem Film Shining durchzudrehen und seine Familie mit der Axt zu zerlegen. Aber sie gewöhnten sich daran, sich selbst zu genügen und hatten vor allem mit Isabelle, die ein Säugling mit Dreimonatskoliken war, genug Ablenkung.


Vor allem die stillen Winternächte, wenn draußen ein halber Meter Schnee lag, bewirkten, dass Lukas mehr als je zuvor in jene unsichtbaren Bereiche abtauchte. Vorher war es meist so gewesen, dass er die Geister nur in Momenten höchster Empfindsamkeit sah, doch durch das zwangsweise In-sich-kehren, wurde sein Geist in dieser Hinsicht empfänglicher, sodass er es sogar willentlich beeinflussen konnte, ob er sie erblickte oder nicht.


So kam es, dass er in ihrem ersten Winter auf dem Hügel viele Geistwesen sah, die auf Durchzug waren. Manchmal sah er sie, wie sie durch das Haus gingen, manche verweilten sogar eine Zeitlang bei ihnen. Häufig verließen sie das Haus durch den Windfang oder den Kamin und Lukas frage sich, ob die Legende vom Weihnachtsmann, der durch den Kamin hinab stieg, nicht vielleicht daher rührte. Fast immer war es so, wenn eines der hässlichen Wesen zu lange blieb, dass jemand im Haus krank wurde, war keines anwesend, blieben sie alle gesund.


Sie bissen sich durch, Lukas klagte ab und zu, doch Tamara beschwerte sich nie und beschwichtigte ihn stets, wenn ihn die Schwermut packte, wegen der Einsamkeit und ihrer materiellen Not. Es war ein viel intensiveres Leben auf dem Hügel, als in ihrer Einzimmerwohnung in der Stadt, wo sie sich mit Barrieren aus Beton, Glas und Plastik von der Umwelt abgeschottet hatten. Auf dem Hügel rissen die Jahreszeiten sie unerbittlich mit, sie schleuderten sie auf die Höhen des Sommers, um sie danach in die kalten Tiefen des Winters zu stürzen. Sie fanden ihren eigenen Rhythmus und irgendwann machten Lukas und Tamara die Feststellung, dass sie ihr Zeitempfinden von Vollmond zu Neumond zu Vollmond ausrichteten und nicht nach dem offiziellen, abstrakten Kalender, der für Behörden, Schulen und eine Finanzbuchhaltung Bedeutung hat.


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