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Fantasy Bücher
Buch Leseprobe AO, Pascal Wokan
Pascal Wokan

AO


Hüter des Glaubens

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Cyrion konnte es kaum glauben, als die Kutsche aus dem dichten Waldgebiet herausfuhr und er Obstplantagen und grüne Wiesen ausmachen konnte. Er reckte sich aus seinem Sitz und spähte aus dem Fenster. Marania. Seine Heimat. Wie lange war es her, seit er zuletzt die blühenden Apfelbäume und das gelbe Korn gesehen hatte, das sich zu dieser Jahreszeit sanft im Wind wiegte? Es kam ihm vor wie eine Ewigkeit, und doch wusste er, dass es nur ein Jahr gewesen war. Ein ganzes Jahr hatte er im Ordenshaus von Tona verbracht. Auf Missionen, die ihn in die entferntesten Winkel der Welt gebracht hatten. Er hatte Länder gesehen, die so unglaublich waren, dass es ihm nach wie vor wie ein Traum vorkam, aus dem es kein Erwachen gab. Nun war er nach langer Zeit zurückgekehrt, aber nicht nur als Bewahrer des Lichts, sondern auch als Lord von Vinta. Vater … ich hätte jetzt deinen Rat gebrauchen können. Cyrion konnte die tiefe Traurigkeit spüren, die ihn immer dann gefangen hielt, wenn er an seinen Vater, Lord Kenred von Vinta, dachte. Es hatte eine Zeit gegeben, da sie sich als Feinde gegenübergestanden hatten. Cyrion war der rechtmäßige Erbe der Lordschaft, aber Sirus hatte ihn zu einem Bewahrer des Lichts auserwählt, was bedeutete, dass er sich allen irdischen Pflichten und Banden entsagen musste. Irgendwie war es Kenred aber doch gelungen, letztendlich seinen Willen durchzusetzen und nun kehrte Cyrion nach Hause zurück und nahm die Bürde an, die ihm übertragen worden war. Offiziell tat er dies, um einem Gesetz des Ordens nachzukommen, das besagte, dass jeder Bewahrer das Land vor äußeren und inneren Bedrohungen beschützen und im gleichen Atemzug vor sich selbst bewahren musste. Kenred hatte dieses Schlupfloch erkannt und vor seinem Tod ausgenutzt. Cyrion hingegen war nicht überrascht, denn er wusste ganz genau, dass sein Vater ein intelligenter Mann gewesen war, der immer zwei Schritte voraus dachte. Offiziell war er an Herzversagen verstorben, nach der Enthüllung von Meisterin Anri war sich Cyrion dessen jedoch nicht sicher, auch wenn er nichts beweisen konnte. Die Kutsche rollte die Straße entlang und kam an einigen Schaulustigen vorbei, die sich verbeugten. Jeder wusste, wer sich darin befand: Cyrion, der neue Lord von Vinta und ein mächtiger Bewahrer des Lichts. Er blickte weiter aus dem Fenster und sah den Menschen hinterher. Marania war dafür bekannt sowohl über das geeignete Klima als auch über die notwendige Bodenbeschaffenheit für den Anbau von Getreide und Obst zu verfügen. Das Korn erstreckte sich soweit das Auge reichte und bot einen Anblick, den er schmerzlich vermisst hatte. Ein unachtsamer Betrachter könnte Vinta aufgrund dessen für eine Lordschaft halten, die sich größtenteils auf dem Rücken von Bauern erhob, doch der Schein trog. Vinta stellte das größte Heer an ausgebildeten Soldaten von ganz Luindar. Hier war es Pflicht, als junger Mann der Einberufung zum Soldaten zu folgen, sobald man ein gewisses Alter erreicht hatte. Erst nach mehreren Jahren Dienst durfte man sich einen Beruf aussuchen, allerdings blieben viele Männer bei dem Kriegshandwerk, das sie gelernt hatten. Nur ein Bruchteil entschied sich für ein Leben in den äußeren Bezirken von Vinta, wie in diesem Fall Marania. Cyrion streckte sich, als hinter dem nächsten Hügel ein großes Anwesen zum Vorschein kam. Steinerne Bögen als Abgrenzung, gemeißelte Säulen am Eingang und ein riesiges Gebäude aus Backstein, durchzogen von Lamellen aus dunkelbraunem Holz. Ein blühender Garten zog sich von den Toren bis zur Eingangstür und der hohe, breite Balkon mit den geschwungenen Fenstern war nach Westen in Richtung der Sonnenuntergänge gerichtet. Das Anwesen lag etwas entfernt von den Großstädten, wofür er dankbar war und es versetzte ihm einen Stich, sein Zuhause sehen zu können. Dort war er aufgewachsen und hatte sich auf seine Bürde vorbereitet. Es war so lange her … Eine Klappe wurde umgelegt und der Kutscher spähte herein. »Mein Lord, wir sind fast da«, sagte er. »Ich habe es bereits vernommen«, meinte Cyrion und konnte es nicht verhindern, dass sich ein Lächeln auf seine Lippen stahl. »Können wir uns etwas beeilen? Ich möchte noch vor Sonnenuntergang auf der Türschwelle stehen.« Er blickte aus dem Fenster und sah, wie das Land langsam in rötliches Licht getaucht wurde. »Aber auch nur, wenn es nichts ausmacht.« Der Kutscher nickte, schloss die Klappe und die Kutsche bewegte sich schneller. Cyrion schloss die Augen und ließ sich in die Polster zurücksinken. Er konnte die Wärme der Sonnenstrahlen auf seiner Haut spüren, die durch das Fenster drangen. Seine Heimat hatte einen ganz eigenen Geruch, den er wie ein Ertrinkender einsog. Er hatte eine lange Reise hinter sich. Zunächst durch das Tor des sagenumwobenen Landes Rok′nak ins Ordenshaus von Tona. Von dort quer durch das gesamte Land bis nach Aldbeo. Es war wichtig, dass er schnellstmöglich seine Heimat erreichte, um einer bedrohlichen Situation zuvorzukommen. Diese war immer noch kritisch und er wollte es nicht darauf ankommen lassen, dass irgendeiner seiner Generäle plötzlich entschied, dass dieser besser für die Stellung eines Lords geeignet wäre. Auch ohne diese Problematik gab es einige Schwierigkeiten, die Cyrion meistern musste. Allen voran die Tatsache, dass er ein Bewahrer des Lichts war. Erst durch Kaiser Laskims öffentliche Anfeindungen und nun durch die sogenannte Gesellschaft des Fortschritts wurde der Ruf des Ordens immer mehr zerstört, bis die Menschen den Bewahrern mit einer Mischung aus Furcht und Hass begegneten. Das beabsichtigte Cyrion zu ändern, ansonsten würden schwierige Zeiten auf ihn zukommen. Auf einmal machte die Kutsche einen gewaltigen Satz nach vorne und blieb stehen. Cyrion fiel aus dem Sitz und konnte sich gerade noch abfangen, nicht auf den Boden zu fallen. Bei Sirus‘ Licht! Was war das? Er spähte aus dem Fenster, konnte aber nichts erkennen, was verantwortlich sein könnte. Was jetzt? Die Klappe des Kutschers öffnete sich nicht. Das konnte verschiedene Gründe haben, viel offensichtlicher war aber, dass er nicht mehr an dem für ihn vorgesehenen Platz saß. Ich habe mit etwas Ähnlichem gerechnet ... aber nicht so kurz vor dem Ziel. Er zögerte nur eine Sekunde, dann öffnete er die Kutschentür und trat hinaus. Die grüne Robe, die er seit den nur kurz zurückliegenden Ereignissen trug und die ihn als Bewahrer des zweiten Ranges auswies, bauschte sich im Wind. Die gleichfarbige Kapuze hatte er tief über sein Gesicht gezogen. Er trug keine Missionskleidung und auch keine Waffen. Etwas Derartiges hatte er nicht nötig, denn er verfügte über eine weitaus größere Macht. Er war ein Bewahrer des Lichts. Gemächlich umrundete er die Kutsche und ging auf die Soldaten zu, die sich davor versammelt hatte. Es waren viele, sehr viele und sie versperrten die Straße, die ihn zu seinem Anwesen bringen würde. Er zählte mehrere Dutzend, gekleidet in steife, graue Uniformen auf deren Brust der goldene Greif von Vinta erkennbar war. Ein weinroter Mantel reichte bis zu den schwarzen Stiefeln. In den Händen hielten sie Armbrüste und Degen bereit. Jede Waffe war auf ihn gerichtet, ihren Lord. Zwischen ihnen kauerte sich ein alter Mann zusammen, mit einem gehässigen Grinsen im Gesicht. Der Kutscher. Er hatte ihn verraten und verkauft. »Kann ich Euch behilflich sein, meine Herren?«, fragte Cyrion und verschränkte lässig die Hände hinter dem Rücken. Er wollte keinen Anlass geben, aus Versehen den Abzug einer Armbrust zu betätigen. Niemand antwortete. Sie zielten auf seine Brust und warteten auf irgendetwas. Gut, dann weiß ich zumindest, dass es kein Attentat ist … Cyrion ging einen Schritt auf die Soldaten zu, woraufhin einige zusammenzuckten. Er runzelte die Stirn, sah genauer hin und erkannte, dass etliche zitterten. Ein Soldat war derart nervös, dass er sich ununterbrochen den Schweiß aus den Augen rieb. Sie haben Angst. Wovor? Wovor könnten … Dann fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. Die Soldaten hatten vor ihm Angst. Einem Bewahrer des Lichts, der gleichzeitig ihr Lord war. Seit der Schlacht um das Ordenshaus sprach man vielerorts von den mächtigen Bewahrern, die ein ganzes Heer besiegt hatten, ohne einen Soldaten zu töten. Das ist wirklich interessant. Cyrion konnte spüren, wie sich ein Lächeln über sein Gesicht legte. Wenn sie vor ihm Angst hatten, dann konnte er dies bestimmt zu seinem Vorteil nutzen. »Meine Herren«, erhob er die Stimme und sah vielen in die Augen. »Ich beabsichtige als rechtmäßiger Lord von Vinta mein Anwesen aufzusuchen.« Weiter hinten konnte er eine Menschenmenge ausmachen, die das Szenario beobachtete. »Habt ihr etwas dagegen einzuwenden?« Erneut antwortete ihm niemand. Dann beschleunigen wir das mal etwas … Er näherte sich einem Soldaten, der daraufhin einen furchtsamen Schritt zurück machte und beinahe über seine eigenen Füße stolperte. »Möchtest du deine Waffe nicht ablegen?«, fragte er. »Ich finde es etwas unangenehm, wenn diese spitzen Dinger auf mich gerichtet sind.« Der Soldat zögerte und warf einen hastigen Blick zurück. Ein General stand dort mit geschwellter Brust. Seinen Rang erkannte man anhand der Stoffstreifen, die auf seiner linken Brust ruhten. Je mehr Streifen, desto höher der Rang. »Wie ich sehe, gibt es hier jemanden, der gerne einen Disput mit mir austragen möchte.« Cyrion bewegte sich auf die Soldaten zu, die ihm sofort auswischen. Wie der Bug eines Bootes im Wasser pflügte er durch die Reihen des zurückweichenden Heeres. Anscheinend hatte keiner mit einer solchen Reaktion von ihm gerechnet. Er blieb vor dem General stehen, blickte diesem fest in die Augen und ignorierte die vielen Waffen, die auf ihn gerichtet waren. »Und?«, fragte Cyrion. Der General war ein kleines Stück größer als er, mit einem Schnurrbart, grünen, stechenden Augen und einem vorspringenden Kinn. »Cyrion von Vinta«, bellte der General. »Wir nehmen Euch hiermit in Gewahrsam. Bitte wehrt Euch nicht, damit wir diese Angelegenheit ohne Zwischenfälle hinter uns bringen können.« Cyrion ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. »Was wird mir zu Lasten gelegt?« »Ihr seid ein Bewahrer des Lichts und gehört damit zu einer Gruppe von Unterdrückern, die Luindar seit Jahrtausenden beherrschen. Wir haben deshalb …« »Wer hat es veranlasst?«, unterbrach er ihn. Der General stutzte. »Veranlasst?« »Wer hat den Befehl gegeben mich zu verhaften?« »Nun, ich bin ein General der Armeen von Vinta und habe …« »Genug!« Tatsächlich schloss der General den Mund und blickte ihn erstaunt an. »Wir wissen beide, dass Ihr im Auftrag handelt. Also ersparen wir uns dies und gehen gleich zum Kern über.« Der General wollte etwas einwenden, doch Cyrion schnitt ihm mit erhobener Hand das Wort ab. »Mein Vater Lord Kenred hat verfügt, dass ich der Erbe dieser Lordschaft bin.« Er sah den umstehenden Soldaten in die Augen. »Ich bin hier aufgewachsen und kehre nun wieder zurück.« »Ihr seid ein Bewahrer des Lichts!«, knurrte der General. »Und?«, fragte Cyrion mit einem Achselzucken. »Ich wurde von meinem Gott Sirus auserwählt und bin dieser Bürde nachgekommen, wie es das Gesetz verlangt. Zu diesem Zeitpunkt verlangt das Gesetz des Ordens und des Kaiserreichs, dass ich zurückkehre.« »Die Gesellschaft des Fortschritts hat verfügt …« »Die Gesellschaft des Fortschritts hat überhaupt nichts zu verfügen! Ich bin der rechtmäßige Lord und ich bin hier, damit Vinta nicht in die Finger einer solchen Verbrecherbande fällt!« Ich muss sie irgendwie überzeugen … nur wie? »Bitte wehrt Euch nicht weiter«, sagte der General. »Wir werden Euch nun in Gewahrsam nehmen und dann darüber entscheiden, was mit Euch geschieht.« »Nein, das werdet Ihr nicht tun!« »Weigert Ihr Euch?« »Sagt Ihr es mir, tue ich das?« »Cyrion von Vinta, ich bitte Euch ein letztes Mal, Euch zu ergeben! Solltet Ihr unseren Anweisungen zuwiderhandeln, dann werden wir Gewalt anwenden müssen.« »Nur zu!« »Wir werden …« Der General stockte. »Wie bitte?« Cyrion zuckte die Achseln. »Versucht, mich zu ergreifen. Wenn Ihr Hand anlegt, dann brecht Ihr damit das kaiserliche Gesetz.« »Das ist uns bewusst, deshalb fordern wir Euch dazu auf, Euch nicht zu wehren.« »Also wollt Ihr mich festnehmen, könnt es aber nicht, weil Ihr im Grunde genommen nicht die Befugnisse dafür habt, nicht wahr?« Der General nahm einen abweisenden Gesichtsausdruck an. »Weigert Ihr Euch?« »Wer hat den Befehl erteilt?« »Das ist unwichtig.« Aus den Augenwinkeln bemerkte Cyrion, dass sich einige der Außenstehenden genähert hatten und gebannt lauschten. »Da Ihr mir keine zufriedenstellende Antwort geben wollt, General, werde ich wohl einige Vermutungen anstellen müssen.« Er ging auf einen Soldaten zu und schnickte gegen den Degen. Der Soldat ließ die Waffe fallen und stieß gegen seinen Nachbarn. Das entlockte Cyrion ein weiteres Grinsen. »Die Wahrheit ist so offensichtlich, wie sie logisch ist. Die sogenannte Gesellschaft des Fortschritts versucht, sich meine Lordschaft unter den Nagel zu reißen. Es ist doch so, oder?« Der General schluckte krampfhaft und blieb ihm eine Antwort schuldig. »Euer Schweigen ist Antwort genug. Ich bin nicht hier, weil ich die Menschen Vintas beherrschen will, wie man es mir anscheinend nachsagt. Ich bin auch kein Unterdrücker, der danach trachtet anderen seinen Glauben aufzuzwingen. Ich will nicht nehmen, sondern etwas vollkommen anderes.« »Was wollt Ihr?«, erscholl es aus der Menge. Cyrion konnte den Sprecher nicht ausmachen, das war aber unerheblich. Es war genau die Frage, die er sich erhofft hatte. Einmal mehr war er der strengen Ausbildung seines Vaters dankbar. Rhetorik und Redegewandtheit waren eine mächtige Waffe, wenn man wusste, wie man damit umgehen sollte. »Ich bin nach Vinta zurückgekehrt, weil ich etwas geben möchte!«, sagte er und blickte den Umstehenden fest in die Augen. »Hoffnung, Zuversicht und eine Zukunft, fernab des Joches der Herrschenden.« Einige Soldaten warfen sich erstaunte Blicke zu. »Man nennt mich Lord, doch ich strebe keine Herrschaft an. Ja, ich wurde in diesen Stand geboren und mein Vater hat mir die Verantwortung übertragen. Ich werde Entscheidungen treffen müssen und dabei Fehler begehen. Aber ich werde niemanden unterdrücken!« »Wie wollt Ihr das anstellen?«, rief jemand aus der Menge. Weitere Stimmen erklangen: »Ja, Wie?« »Er ist ein Lügner!« »Ein Unterdrücker.« Cyrion wartete noch einen Augenblick, dann streifte er sich elegant die Kapuze vom Kopf und schenkte den Umstehenden ein Lächeln. »Ich gebe dem Volk seine Macht zurück.« Stille. Einige tuschelten miteinander, der Rest sah ihn aber wie gebannt an. »Ich werde einen Rat einberufen und dort Vertreter jeden Standes willkommen heißen.« Er senkte seine Stimme zu einem rauen Flüstern. Es gab einen Trick, wie man dies machen musste, damit selbst weit entfernte Menschen ihn noch verstehen konnten. »Sie werden mich beraten und sie werden letztendlich die Entscheidung treffen. Es wird Abstimmungen geben und wenn es die Mehrheit will, dann werde ich in ihrem Namen eben jene Entscheidungen verkünden.« Lange hatte er über diese Worte nachgedacht und es fühlte sich seltsam an, sie nun offen zu verkünden. Er wusste, dass es der einzige Weg war, um das Vertrauen der Menschen zurückzugewinnen. Es lag nicht an ihm, sondern daran, dass die Gesellschaft des Fortschritts lange Zeit daran gearbeitet hatte, die Angst der Menschen zu schüren und deren Zorn auf die Bewahrer zu richten. Er konnte daher ihr Vertrauen nur zurückgewinnen, indem er ihnen die Hand reichte. Fernab dessen hatte er sich im Laufe des letzten Jahres verändert und ihn dürstete es nicht mehr danach, Macht und Kontrolle über andere zu haben. Sein Herz sehnte sich nach anderen Dingen. Nach Freiheit, nach dem Summen seines Ao und der Nähe von Belenia. Seiner großen Liebe. Cyrion wandte sich ab, schritt durch die Menge, die ihm hastig Platz machte und ging auf seine Kutsche zu. Währenddessen festigte er seinen Willen und spürte das vertraute Summen in seinem Inneren, das sich immer mehr steigerte. Ein klickendes Geräusch erklang. Blitzschnell brach das Ao aus seiner Brust hervor und bildete die gleißende Form einer Glocke um ihn. Ein Bolzen traf darauf und zersplitterte. Mit einem Lächeln wandte er sich der Menge zu. Weiter hinten konnte er sehen, wie ein Soldat versuchte zu fliehen. Cyrion wartete und wartete und als der Soldat fast nicht mehr erkennbar war, formte er sein Ao zu einem schimmernden Nebel, der schlagartig verschwand und sich innerhalb eines Blinzeln wie ein Kokon um den Soldaten zusammenzog. Es war die Zeitblase, eine sehr mächtige Form des Ao. Die Umstehenden blickten ihn erstaunt an. Viele hatten wohl damit gerechnet, dass er den Attentäter richten würde. Ihn zertrümmern, wie eine Schmeißfliege. Stattdessen hatte er ihnen bewiesen, dass er zwar mächtig war, ihn aber nicht nach Gewalt gelüstete. Er hatte sich geschützt und dann den Verbrecher in der Zeit eingefroren. Ein Wunder. »Wäre jemand von euch wohl so lieb meinen Angreifer in Gewahrsam zu nehmen?«, fragte Cyrion. Die Umstehenden erwachten zum Leben. Dieses Mal richtete sich ihr Zorn aber nicht auf ihn, einen angeblich grausamen Unterdrücker, sondern auf den Mann, der diesen magischen Moment mit Gewalt beschmutzt hatte. Cyrion öffnete die Kutsche, setzte sich hinein und wartete, bis der General neben ihm erschien. »Ich werde Euch persönlich eskortieren, mein Lord«, sagte er und nahm Haltung an. »Ihr seid in unserer Nähe sicher. Das schwöre ich bei allem, was mir heilig ist!« »Sehr gut, General. Ich habe auch nichts anderes von Euch und Eurer Tugendhaftigkeit erwartet. Zum Morgengrauen werdet Ihr Euch in den Empfangssaal des Anwesens begeben. Ihr werdet dafür Sorge tragen, dass die anderen Generäle ebenfalls anwesend sind.« Der General salutierte und schloss die Tür. Cyrion hingegen stieß den Atem aus und schloss für einen Moment die Augen. Erst dann wurde ihm bewusst, was er soeben vollbracht hatte.


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