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Fantasy Bücher
Buch Leseprobe AO, Pascal Wokan
Pascal Wokan

AO


Bewahrer des Lichts

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Melus fluchte laut, als er über seine lange Robe stolperte und der Länge nach zu Boden fiel. Die Lampe, die er bis dahin in der Hand gehalten hatte, ging aus und verteilte ihr Öl auf der gefrorenen Erde. Die Flüssigkeit glitzerte sanft im Mondlicht und sah dadurch fast so aus, wie eine Spur aus Tränen. Ohne weiter darüber nachzudenken, warf er die Öllampe weg. Das spärliche Licht half ihm in dieser Situation sowieso nicht weiter.


Die Umgebung wirkte totenstill und verlassen. Kein Geräusch war zu hören. Nur das sanfte Rascheln des dichten Laubs der Bäume, wenn der Wind hindurch wehte.


Melus hievte sich mit einem lauten Ächzen wieder auf die Füße und versuchte, seine aufkommende Panik niederzukämpfen. Es gelang nicht. Immer wieder verdammte er sich dafür, dass er so unachtsam gewesen war. Weshalb dies so war, konnte er sich nicht ganz erklären. Sonst war er doch eher ein vorsichtiger Mensch, der seine nächsten Schritte mit Bedacht setzte. Nichts anderes erwartete man schließlich von einem Bewahrer.


Heute werde ich vermutlich sterben, dachte er.


Angst und Verzweiflung rangen miteinander. Er atmete einmal tief durch und bemühte sich darum, das schmerzhafte Stechen in seiner Brust zu ignorieren. In diesem Moment galt all sein Streben und Denken nur noch der Überlieferung der Erkenntnisse, die er soeben errungen hatte.


Melus sah hoch zum hellsten Stern am Himmel, der in einem goldenen Licht erstrahlte. Sirus, der Gott aller Menschen Luindars. Er hatte den Bewahrern das Licht gegeben, sodass sie die Sphäre des Lichts und somit das Land vor einer dunklen Bedrohung beschützen konnten. Melus war aus tiefster Überzeugung ein gläubiger Mensch, weshalb er seine Bürde gleichermaßen mit Demut und Freude schon sein Leben lang erfüllte. Erst als Bewahrer, dann als Lehrmeister und schließlich als oberster Bewahrer des Ordens.


So lange Zeit schon und doch verstehen wir es noch immer nicht …


Ein berstendes Geräusch in der Nähe ließ ihn herumfahren. Nur einen Augenblick später konnte er die verräterischen Lichter in der Ferne ausmachen. Ein heller Lichtblitz, dann wieder Dunkelheit.


Los, bewege dich endlich!


Melus rannte mit rasselndem Atem wieder los. Während seine Füße auf die gefrorene Erde trommelten, verdammte er sich für die Wahl seiner Garderobe. Das lange, rote Gewand, das er als oberster Bewahrer zu tragen pflegte, war nicht gerade dafür gedacht, sich derart fortzubewegen. In diesem Moment musste er aber einstweilen damit klarkommen. Er hatte etwas erfahren, das den Verlauf der Geschichte für immer verändern könnte. Er musste seine Erkenntnisse mit dem Orden teilen!


Wieder erklang ein berstendes Geräusch in der Nähe, dicht gefolgt von einem zweiten lauten Knacken. Melus wandte sich aber nicht um und richtete seine Aufmerksamkeit auf die hellen Lichter des Ordenshauses, die bereits in der Ferne erkennbar waren. Nur noch ein bisschen, dachte er, und bemühte sich um einen gleichmäßigen Atem.


Ein Lichtstreifen, zusammengepresst wie eine Scheibe, schoss auf einmal an ihm vorbei und teilte einen nahen Baum genau in der Mitte entzwei. Das Holz knirschte laut, dann fiel der Stamm in sich zusammen und verteilte Äste, Blätter und Schnee auf dem Weg.


Melus vollführte einen Satz nach hinten und blieb schwer atmend stehen. Es war zu spät, er war zu langsam gewesen. Nun gab es nur noch eine einzige Möglichkeit: Er musste sich seinen Verfolgern stellen.


Obwohl er sich der Konsequenzen bewusst war, schloss Melus die Augen, konzentrierte sich auf sein inneres Wesen und rief sein Ao herbei. Wie jedes Mal, wenn er dies tat, flimmerte kurz die Luft um ihn herum. Ein Summen erklang und dann löste sich mit einem leisen Zischen ein schimmerndes Licht aus seinem Körper heraus. Direkt auf Brusthöhe blieb es neben ihm schweben und waberte hin und her.


Mit einem schweren Seufzer öffnete Melus wieder die Augen. Dann speiste er das Ao mit seinem Willen und übermittelte verschiedene komplexe Befehle, die für die kommende Auseinandersetzung wichtig waren. Es brauchte nicht länger als ein Augenblinzeln und das Ao nahm die Verteidigungsform einer gleißenden Scheibe an: Ein Spiegel.


Keinen Moment zu früh, denn im gleichen Augenblick traf etwas mit derartig gewaltiger Wucht auf den Spiegel, sodass dieser mit einem lauten Bersten in unzählige Teile zersplitterte. Melus wurde ebenfalls von der Wucht erfasst und einige Meter zurückgeschleudert. Bevor er jedoch auf den Boden traf, übermittelte er seinem Ao weitere Befehle, sodass es ihn vor dem Fall bewahrte. Wie ein sanfter Windhauch umfloss das Licht seinen Körper und schob ihn wieder in eine aufrechte Position.


»Nicht schlecht, alter Mann!«, rief jemand aus nächster Nähe.


Melus klopfte sich die Restsplitter von seinem Gewand ab, sodass sie sich wieder mit seinem Ao vereinigen konnten. Dann widmete er sich seinen Verfolgern, die nur wenige Meter von ihm entfernt stehen blieben. Es waren drei, jeweils umgeben von einem summenden Ao.


»Ich nehme an, ihr lasst einen alten Mann nicht einfach seiner Wege ziehen?«, fragte Melus und wappnete sich innerlich vor einem weiteren Angriff.


Einer der Verfolger trat vor. Zu seinem Erstaunen handelte es sich dabei um eine Frau mit langen Haaren, die ihr in Wellen über die Schultern fielen. Ihr spitzes Gesicht zierte ein voller Mund, der nun zu einem verächtlichen Grinsen verzogen war. Ihre Augen strahlten so hell wie ein wolkenloser Tag im Frühling - allerdings war dort keine Wärme erkennbar, sondern nur kalte Berechnung. Sie trug eine Garderobe aus schwarzem Leder mit einem wallenden Mantel, der ihren Körper wie ein Schleier umfloss. Er wusste sofort, wer vor ihm stand und doch wollte er es nicht wahrhaben.


»Ich befürchte, dass wir dich leider in dieser Hinsicht enttäuschen müssen, Melus«, sagte sie. »Du hast einige Dinge erfahren, die im Verborgenen bleiben sollten.«


Sie nickte ihren Gefährten knapp zu und verwandelte ihr Ao zu einer Lanze aus gleißendem Licht. Sogleich taten es die anderen beiden ihr nach und näherten sich ein Stück.


»Keinen Schritt weiter!«, drohte Melus. Mit seiner Willenskraft teilte er sein Ao in verschiedene kleine Spiegel auf, die ihn von allen Seiten umgaben. Dann gab er ihnen den Befehl, ihn vor etwaigen Angriffen zu schützen.


Hatte er zuvor geglaubt, dass seine Verfolger diese komplexe Befehlskette beeindruckte, belehrten sie ihn sogleich eines Besseren. Die Frau – offensichtlich die Anführerin unter ihnen – fing plötzlich mit glockenheller Stimme an zu lachen und teilte ihr Ao ebenfalls auf. Allerdings nicht in Spiegel, sondern in weitere, unzählige Lichtlanzen, die so fein und klein war, dass sie wie Nadelspitzen aussahen. Melus konnte kaum glauben, was ihm soeben geboten wurde. Das Ao der Frau nahm die Angriffsform eines Schwarms an – eine längst vergessen geglaubte Form des Aos.


Für einen kurzen Moment war Melus sprachlos, denn niemand sollte über eine derartige Willenskraft verfügen, um solch eine Komplexität aufrecht halten zu können. Das verdeutlichte ihm einmal mehr, wie wichtig es nun war, zu überleben.


»Ihr brecht das heilige Gesetz unseres Gottes und ihr handelt entgegen eurer heiligen Pflicht!«, sagte Melus. »Wie könnt ihr das nur tun?«


Die Anführerin schüttelte den Kopf. »Alles hat irgendwann sein Ende. Auch du, Melus, musst dies nun einsehen.«


»Du weißt gar nicht, welche Folgen sich daraus ergeben! Damit setzt du einfach alles aufs Spiel!«


»Du hast es noch immer nicht verstanden, obwohl du es soeben mitangesehen hast.«


»Was habe ich nicht verstanden?«


»Sirus ist nicht mein Gott!«


Mit einem tiefen Summen flogen die Lichtlanzen der Fremden vorwärts, dicht gefolgt von denen der beiden anderen Männer. Melus blieb aber ebenfalls nicht untätig und ließ die Spiegel um sich herum rotieren. Kurz bevor die Lichtlanzen auftrafen, wurden sie abgefangen und zerplatzten in goldenem Lichtstaub. Zwar erging es seinen Spiegeln ebenfalls so, dadurch verschafft er sich aber einen kurzen Moment, um über seine nächsten Schritte nachzudenken.


Als der Angriff schließlich endete, entließ er sein Ao in die ursprüngliche Form einer Kugel. Dann ließ er sie wachsen und sich immer weiter ausdehnen, bis sie fast so groß wie er selbst war. Ehe er jedoch den Angriffsbefehl geben konnte, geschah etwas Unerwartetes: Die Kugel flackerte auf und erlosch auf einmal.


Was geschieht hier?


Melus kämpfte seine aufkommende Panik nieder und rief sein Ao wieder hervor. Ehe es jedoch Gestalt annehmen konnte, verschwand es erneut.


»Du fragst dich vermutlich, was hier vor sich geht?«, rief die Frau und ging mit weiten Schritten auf ihn zu. Unzählige kleine Lichter umtanzten sie und sahen dabei so aus, wie Bienenschwärme. »Es gibt Dinge, die selbst über deinen Verstand hinausgehen.«


Melus war nicht fähig, seine Gedanken in Wörter zu formen. Das, was so eben geschehen war, sollte eigentlich nicht möglich sein. Und doch wusste er insgeheim, warum es so war. Ein letztes Mal rief er sein Ao hervor. Bevor es jedoch Gestalt annehmen konnte, zerfaserte es zu unförmigen Schlieren und vereinigte sich mit dem Ao der Fremden.


Als Melus seine Stimme endlich wiederfand, war es vorbei.


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