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Fantasy Bücher
Buch Leseprobe Andersträumer, Michaela Göhr
Michaela Göhr

Andersträumer



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Er keuchte. Lunge und Oberschenkel brannten von einem endlosen, unmenschlichen Lauf durch diese fremde, dennoch vertraute Stadt, die vor seinen Augen geräuschlos zerfiel. Gebäudeteile stürzten ein, Trümmer und Staub bedeckten die Straßen. Er erinnerte sich nicht mehr daran, wie er hierhergekommen war oder was er vorher getan hatte. Die Suche nach seinem Gegenstück, das alles wieder in Ordnung bringen würde, beherrschte sein gesamtes Denken. Orientierungslos, ziellos rannte er durch dunkle, marode Straßen, sprang über Trümmerstücke und Risse im Boden. Wie sein Pendant aussah, wusste er nicht, lediglich, dass er diesen Menschen unbedingt finden musste. Und zwar so schnell wie möglich. Alles hing davon ab. Die wenigen Gestalten, denen er begegnete, blieben blass, gesichtslos, wirkten gleichgültig. Sie schienen sich nicht dafür zu interessieren, was mit ihnen geschah, falls er seine Aufgabe nicht erfüllte. Anfangs hatte er versucht, sie um Hilfe zu bitten, sie aus ihrer Lethargie aufzurütteln. Es war vergebliche Mühe gewesen. Jetzt rannte er nur noch, blind für die Umgebung, auf den einzig verbleibenden Sinn seines Daseins ausgerichtet. Dann sah er sie: eine junge Frau, fast noch ein Mädchen. Sie saß in sich zusammengesunken am Straßenrand neben einer Ruine, den Kopf in den Händen vergraben. Er näherte sich beinah schüchtern, wusste instinktiv, dass er am Ziel seiner Suche angekommen war. Sein Herz hämmerte wie wild in der Brust, als wollte es jeden Moment zerspringen. Sie hob den Kopf, obgleich er nichts gesagt und keinen Lärm verursacht hatte. Ihre ebenmäßigen, jugendlichen Gesichtszüge faszinierten ihn einen Augenblick lang, bevor er in den tiefblauen Augen versank. Sie war trotz ihrer sichtlichen Erschöpfung das schönste Geschöpf auf Erden. Unendliche Erleichterung ließ ihn tief durchatmen, löste die Enge in seiner Brust. Langsam breitete sich ein Lächeln auf ihrem Gesicht aus, erhellte es, wurde zu einem Strahlen, das ihre gesamte Gestalt erfasste. Sie hatten sich gefunden. Endlich. Ihre Hände empfingen seine, schlossen sich unendlich zart darum. Für eine Sekunde schien alles wieder im Lot, bevor die Gestalt vor ihm in einer lautlosen Explosion zu Millionen Scherben zerbarst. Die Wucht schleuderte ihn zurück. Er schrie auf. Ein unmenschlicher Schmerz zerriss seine Brust, seine Glieder standen in Flammen, doch er spürte die Hitze nicht. Mit ohnmächtigem Entsetzen sah er zu, wie seine Hände zerfielen, zerstoben wie Asche im Wind. Sein Schrei erstarb. Dunkelheit hüllte ihn ein, begleitete seinen Fall ins Bodenlose.  


 


1.


 


Halver, 16. April 2018, 05:38 Uhr


Mathis erwachte, indem er wie ein Ertrinkender an der Wasseroberfläche nach Luft schnappte. Es kam ihm vor wie der erste Atemzug seines Lebens. Als hätte er es tatsächlich zuvor eine ganze Weile lang nicht getan: atmen. Schweißgebadet saß er senkrecht im Bett, spürte seinen rasenden Herzschlag, keuchte, merkte, wie sein Adrenalinspiegel langsam wieder sank. Nur ein Traum, der rasch verblasste, sich auflöste, wie es sein gesamter Körper gerade erst getan hatte. Aber warum quälten ihn Nacht für Nacht diese grausamen Bilder? Er schaute sich keine Horrorfilme an, las keine Psychothriller, wusste absolut nicht, was er mit derart verstörenden nächtlichen Erlebnissen aufarbeiten sollte. Meistens endeten sie damit, dass er starb oder dem Tod nur dadurch entging, dass er aus dem Schlaf aufschreckte. Diesmal war jedoch etwas Neues geschehen – er hatte das Ziel seiner Suche gesehen! Mühsam befreite er sich aus der Umklammerung des Albtraums, der ihn wie üblich sogar im wachen Zustand noch mindestens eine Stunde am Morgen verfolgte, bis er sich genug auf sein Tagwerk konzentrieren konnte. Heute war es besonders schwierig. Der Traum verblasste, das Gesicht des Mädchens blieb wie eingebrannt auf seiner Netzhaut. Immer und immer wieder durchlebte er den Moment, in dem sie wie eine Puppe aus Porzellan zersprang, kurz bevor er selbst bei lebendigem Leib verbrannte. Er verstand nicht, warum dies geschehen war. Was hatte er falsch gemacht? Die ganze Zeit über hatte er geglaubt, dass alles gut werden würde, wenn er sie bloß fände. Er schalt sich einen Narren, noch immer darüber nachzusinnen, während er bereits im Auto saß und wie üblich zur Arbeit fuhr. Beinah hätte er den Fußgänger übersehen, der keine fünf Meter vor ihm auf den Zebrastreifen trat! Mit einer Vollbremsung kam er gerade noch rechtzeitig zum Stehen. Nun war er wach! Das Fahrzeug hinter ihm hupte, weil er nicht sofort wieder anfuhr, als der Jugendliche vorbei war. Mit weichen Knien betätigte er Kupplung und Gaspedal, vollführte mechanisch die gewohnten Handlungen, um sich dem Verkehrsfluss anzupassen. In seinen annähernd dreißig Jahren als Autofahrer war dies eine der knappsten Beinah-Katastrophen, an die er sich erinnern konnte. Sie lenkte ihn zumindest von seinem Schlafproblem ab. Erst beim Erreichen des Parkplatzes fiel sein Blick auf die Uhr und ließ ihn erschrocken aufstöhnen. Mist, wo war die Zeit geblieben? Mit ausgreifenden Schritten eilte er auf das Gebäude des Gymnasiums zu, an dem er seit über fünfzehn Jahren als Chemie- und Englischlehrer arbeitete, erreichte es kurz vor dem ersten Schellen und hastete zum Lehrerzimmer. „Morgen Mathis“, grüßte ihn sein Vorgesetzter. Er sah ihn mit leicht gerunzelter Stirn an. „Ist irgendwas passiert? Du siehst aus, als hättest du einen Geist gesehen.“


„Morgen Chef. Ach, ist eigentlich nichts. Ich hatte bloß gerade einen Beinah-Zusammenstoß mit einem Fußgänger“, brummte er abwinkend. Er wollte an dem Rektor vorbei zu seinem Fach gehen, um die Kopien des Vokabeltests rauszuholen, die er am Freitag dort deponiert hatte. Doch sein Chef hielt ihn zurück. „Ich sehe dir doch an, dass es da noch mehr gibt. Du wirkst seit Wochen nicht ganz wie du selbst. Also, wenn es was Berufliches ist, du Hilfe brauchst oder jemanden zum Reden … du weißt, dass meine Tür dir jederzeit offensteht. Du musst nur einen Ton sagen, dann plane ich Zeit dafür ein.“ Mathis nickte mit einem gequälten Lächeln. „Danke, Jan. Ja, diese blöden Schlafstörungen machen mir zu schaffen. Vielleicht komme ich bei Gelegenheit auf dein Angebot zurück. Aber erstmal probiere ich noch was anderes aus. So, ich muss los!“ Hastig griff er nach der Mappe, während er die Blicke seiner Kollegen im Rücken spürte. Mindestens zwei hatten das kurze Gespräch gerade mitgehört. Sie tuschelten ohnehin über ihn, nun gab es neuen Stoff für Mutmaßungen. Er wusste, was sie über ihn erzählten: Er kommt über die Scheidung nicht hinweg, er trinkt heimlich, er leidet unter Depressionen. Das waren nur die häufigsten Gerüchte, die ihm langjährige Freunde im Kollegium zutrugen. Seine ‚Schlafstörungen‘ mussten ja irgendwelche Ursachen haben. Doch nicht einmal seine engsten Vertrauten an der Schule kannten den wahren Grund für die ständige Erschöpfung, die sich in dunklen Augenringen und Blässe äußerte, manchmal auch in schlechter Laune oder geistiger Abwesenheit. Seine Tochter war bislang die einzige Person, die sein Leiden kannte. Ihr würde er alles anvertrauen, sogar sein Leben. Aber sonst gab es niemanden mehr, seit seine Exfrau Tanja vor zwei Jahren weggezogen war. Bekannte, Vereinskameraden und Kollegen konnte und wollte er damit nicht behelligen. Isabell, die noch bei ihm im Haus wohnte, hatte rasch gemerkt, dass mit ihm etwas nicht stimmte. Die Medizinstudentin war hartnäckig geblieben, bis ihr Vater ihr schließlich die Sache mit den Albträumen gebeichtet hatte. Im Gegensatz zu ihm selbst nahm sie seine Symptome sehr ernst. „Du musst das untersuchen lassen“, hatte sie befunden. „Das ist nicht normal, nicht über so viele Wochen hinweg. Wer weiß, was dahintersteckt. Vielleicht nimmt dich dein Job zu sehr mit oder es ist Mutter, die dich verfolgt … Ok, war nur ein Scherz. Auf jeden Fall solltest du einen Spezialisten aufsuchen.“ „Aber Isa, das ist Blödsinn. Ich brauche keinen Seelenklempner, der an meiner Psyche rumdoktert.“ „Möchtest du lieber weiter leiden? Dann rechne besser nicht damit, dass ich dir dabei untätig zusehe! Da ziehe ich eher in die WG von Karl und Eva, sobald mein Praktikum in der Klinik beendet ist …“ Seufzend hatte Mathis nachgegeben und einen Termin beim Psychologen vereinbart. Daran musste er nun wieder denken, während er zum Englisch-Leistungskurs der Q1 eilte. Morgen würde er zum ersten Mal in seinem Leben auf der berüchtigten Couch sitzen und einem Wildfremden preisgeben, dass er unter Albträumen litt. Keine besonders aufmunternde Aussicht, wie er fand. Tief durchatmend durchschritt er die geöffnete Klassenraumtür, schloss sie hinter sich, drehte sich um. „Good morning, Ladies and Gentlemen“, begrüßte er die Anwesenden. „Let’s start with a little joke …“




Uni Stanford, 16. April 2018, 16:58 Uhr


„Ein Taxi kommt überhaupt nicht in Frage, Mom – das ist viel zu teuer! Natürlich bringe ich euch zum Flughafen, das klappt schon.“ Lynn rollte mit den Augen, während sie mit dem Handy am Ohr durch die Gänge hastete. „Aber dadurch kommst du zu spät zu diesem Projekt, das dir so wichtig ist. Wir können auch einen Mietwagen nehmen, das ist kein Problem, Schatz. Die Uni geht vor!“ „Wo wollt ihr denn jetzt noch so kurzfristig einen Leihwagen herbekommen? Versprochen ist versprochen, auch wenn sich der Flugtermin geändert hat. Ist zwar etwas blöd, aber ich krieg das schon hin. Außerdem gehört die Aktion überhaupt nicht zum Studium, jedenfalls nicht richtig. Es ist bloß ein Experiment, das in Zusammenarbeit mit der Fachabteilung Psychologie stattfindet. Einer meiner Dozenten ist federführend dabei, geleitet wird es allerdings vom Schlaflabor. Dr. Kraemer von der ASD in Berkeley sowie jemand aus Wien vom Institut für Bewusstseins- und Traumforschung werden ebenfalls anwesend sein und alles dokumentieren, was irgendwer von den Probanden während der Testphase von sich gibt. Natürlich möchte ich am Experiment teilnehmen. Aber ein paar Minuten sind sicherlich nicht entscheidend, selbst wenn ich zu spät komme.“ „In Ordnung, aber nur, wenn es dir wirklich nichts ausmacht. Wir könnten auch früher fahren.“ „Nicht nötig, das passt alles! Noch eher müsst ihr echt nicht aus dem Bett vor der langen Reise. Ich wollte die Nacht ohnehin durchmachen, damit ich morgen müde genug bin. Du weißt doch, wie gern ich mir euren Wagen ausborge.“ „Ok, Schätzchen. Wenn dir das nicht zu stressig wird …“ „Nein, Mom, mach dir keine Gedanken. Bis morgen früh um sechs!“ Seufzend legte sie auf. Abgesehen davon, dass sie es hasste, beinah ohne Pause unterwegs zu sein, würde es in der Tat verdammt knapp werden, wenn sie um halb acht zurück sein wollte. Aber sie hoffte einfach, dass Professor Azai ihr die Verspätung verzeihen und sie trotzdem noch am Experiment teilnehmen lassen würde. Immerhin war sie eine seiner eifrigsten Studentinnen, die sich brennend für alles interessierte, was mit der Erforschung und Deutung von Träumen zu tun hatte. Eigentlich stellte es nur einen kleinen Teilbereich ihres Psychologiestudiums dar, doch für sie war genau dieses Randgebiet der Hauptgrund gewesen, sich dafür einzuschreiben. Luzides Träumen forcieren, das klang verrückt und aufregend zugleich. Sie wusste, dass ein solches Schlafexperiment nicht zum ersten Mal stattfand, doch für sie würde es eine Premiere werden. Seit ihren Teenagertagen wünschte sie sich Nacht für Nacht einen Klartraum, las alles darüber, was ihr in die Finger fiel, befolgte die Ratschläge der Experten. Leider bisher ohne Erfolg. Was bei anderen Menschen so easy wirkte, funktionierte bei ihr einfach nicht. Ihre Träume folgten eigenen Gesetzen, schienen sie zu verhöhnen und es ihr nie, niemals zu erlauben, Kontrolle über sie zu erlangen. Den Blick noch immer völlig gedankenverloren aufs Handy gerichtet stieß sie beinah mit ihrem Kommilitonen Steven Harris zusammen, der aus der Gegenrichtung kam und ebenso wie sie in den Hörsaal strebte. „Hi, Tagträumerin, was starrst du auf ein tiefschwarzes Display?“, neckte er sie. „Sind da irgendwelche geheimen Zeichen drauf versteckt?“ „Ach, es ist nichts. Meine Eltern reisen morgen Vormittag nach Europa und ich muss sie zum Flughafen chauffieren. Eigentlich sollte es erst abends losgehen, aber die Flugzeiten sind kurzfristig geändert worden.“ „Du Arme! Da hast du ja noch was vor dir. Erst die tödlich langweilige Dosis Psychoanalyse, dann die Fahrt … Sag mal, hattest du morgen nicht eigentlich was anderes vor? Dave hat erzählt, dass du euer Date zum Mittagessen wegen irgendeines dubiosen Schlafexperiments abgesagt hast!“ „Ach der!“ Sie winkte ab. „Dieses ‚Date‘ existierte höchstens in seinem kranken Hirn. Der Kerl tat mir bloß leid, weil seine Freundin mit ihm Schluss gemacht hat. Er brauchte jemanden zum Reden, also bot ich ihm eine kostenlose Therapiesitzung an. Ist schließlich eine gute Gelegenheit, den Lehrstoff in der Praxis anzuwenden.“ Steven lachte. „Das sag ich ihm besser nicht, sonst haut es ihm völlig den Boden weg. Er war so stolz, dass er dich rumgekriegt hat.“ Lynn grinste verschwörerisch zurück. „Ganz unter uns – ich steh auf Frauen. Das kannst du ihm ruhig stecken. Vielleicht bringt das seinen Testosteronspiegel wieder auf Normalniveau.“ Sie verstummte, weil weitere Studenten sich näherten. Zudem wurde es Zeit, die Plätze einzunehmen, da die Vorlesung in wenigen Augenblicken beginnen sollte. „Wenn ich ihm das erzähle, weiß es anschließend die ganze Uni“, raunte Steven ihr im Vorbeigehen zu. Sie schielte ihn von der Seite her an. Irrte sie sich oder stand da Enttäuschung in seinen Augen? Rasch wandte sie den Blick ab. Er sollte nicht merken, dass sie seine Reaktion interessant fand. Schließlich hatte sie ihm gerade eindeutig zu verstehen gegeben, dass er sich keine Hoffnungen zu machen brauchte. Momentan war sie auch nicht zu haben, für niemanden. Es stimmte zwar, dass sie früher einmal Gefühle für ihre beste Freundin Ann entwickelt hatte. Das hieß jedoch keinesfalls, dass Steven sie völlig kaltließ. Er war der begehrteste Junggeselle im Hörsaal, wurde von beinah allen weiblichen Teilnehmerinnen angeschmachtet. Dennoch zeigte er ihnen die kalte Schulter und hatte sie, Lynn Carter angesprochen. Innerlich wurde ihr bei dem Gedanken daran heiß, weil sie sich durchaus vorstellen konnte, irgendwann mal was mit einem Jungen wie Steven anzufangen. Doch Dr. Lennon, Urgestein des Lehrstuhls für Psychologie und mindestens hundertzwanzig Jahre im Dienst, forderte nun ihre gesamte Aufmerksamkeit. Hauptsächlich musste sie diese darauf richten, während seines monotonen Vortrags über Freud’sche Fehlleistungen wach zu bleiben.


 


Brügge, 17. April 2018, 16:25 Uhr


Mit Herzklopfen sowie einem flauen Gefühl im Magen trat Mathis pünktlich durch die Praxistür von Dr. Schmitter. Mechanisch erwiderte er den Gruß der lächelnden Dame hinterm Empfangstisch. Er durfte sofort ins Behandlungszimmer durchgehen, wo er wie auf heißen Kohlen ganz am Rand des bequemen Sessels saß, bis der Psychologe erschien. „Wie geht es Ihnen?“, begrüßte dieser ihn mit einem prüfenden Blick, der bis in seine Seele zu dringen schien. „Ganz ordentlich“, log Mathis gewohnheitsmäßig, korrigierte sich jedoch gleich darauf. „Na ja, eigentlich nicht so prickelnd. Ich schlafe ziemlich schlecht in letzter Zeit, da mich fast jede Nacht Albträume plagen.“ „Worum geht es in diesen Träumen?“ „Eigentlich ist es immer derselbe Traum, mit leichten Variationen. Ich laufe durch eine Geisterstadt und suche jemanden, den ich dringend finden muss. Dann werde ich entweder von einem zusammenstürzenden Gebäude erschlagen, falle in einen Riss, der sich plötzlich vor mir auftut, werde zerquetscht, verbrenne oder wache vorher schon auf, weil etwas absolut Tödliches auf mich zufliegt.“ Dr. Schmitter, der aufmerksam zugehört hatte, schwieg einen Moment, wartete anscheinend darauf, dass er noch mehr sagte. Als dies nicht der Fall war, nickte er. „Das klingt nach einem Erlebnis, das Sie sehr mitgenommen hat und nicht so leicht loslässt. Gibt es ein solches in Ihrem Leben?“ Mathis seufzte tief. „Ja und nein. Ich bin geschieden, aber das ist es nicht. Meine Exfrau und ich hatten uns einfach nichts mehr zu sagen, deshalb gehen wir getrennte Wege. Es ist auch bereits zwei Jahre her. Die schlimmen Träume haben aber erst vor etwa sieben oder acht Wochen begonnen. Sie sind so intensiv, dass ich nicht aufhören kann, darüber nachzudenken. Wissen Sie, ich habe schon geforscht, ob es die Stadt, durch die ich im Traum ständig renne, wirklich gibt. Bis jetzt bin ich noch nicht fündig geworden, aber ich kenne mich mittlerweile ziemlich gut dort aus. Wenn sie nicht jedes Mal so zerstört wäre und die Einwohner mit mir reden würden …“ „Also handelt es sich nicht um einen Ort, an dem sie schon mal waren?“ „Jedenfalls kann ich mich nicht daran erinnern.“ „Sie sagten, dass Sie im Traum jemanden suchen. Können Sie mir sagen, um wen es sich dabei handelt?“ „Ja“, flüsterte Mathis und schluckte. „Seit letzter Nacht weiß ich es endlich. Da habe ich sie zum ersten Mal gesehen. Hübsch, gute Figur, eher zierlich, ungefähr im gleichen Alter wie meine Tochter.“ Er beschrieb die junge Brünette mit den strahlend blauen Augen, deren Gesicht er ohne Probleme hätte zeichnen können. Der Psychologe wandte den Blick nicht von ihm ab, schien jedes Wort von ihm einzusaugen und mitzufühlen. Gleichzeitig strahlte er eine unerschütterliche Ruhe und Gelassenheit aus. Erst als Mathis geendet hatte, begann der Arzt sich Notizen zu machen, fragte nach Lebens-, Ess- und Schlafgewohnheiten, der beruflichen und privaten Situation seines Patienten, ließ sich sein Schlafzimmer beschreiben und erkundigte sich nach eventuellen Medikamenten. Der Lehrer beantwortete alles wahrheitsgemäß. Nein, er nahm weder Drogen noch übermäßig viel Alkohol zu sich. Schlafmittel hatte er anfangs ausprobiert, den Gebrauch jedoch stark begrenzt. Mit Tabletten konnte er vielleicht zwei Stunden länger durchschlafen als ohne, die Albträume ersparten sie ihm nicht. Nachdem er alle notwendigen Fragen gestellt hatte, blickte Dr. Schmitter ihn wieder direkt an. Diesmal lag etwas Nachdenkliches in seinen Augen. „So wie ich es momentan einschätze, liegt Ihr Problem wahrscheinlich irgendwo in Ihrer Vergangenheit. Natürlich lässt sich nicht ausschließen, dass das Labor etwas in Ihren Blutwerten findet, selbst wenn ich Ihnen glaube, dass Sie nichts bewusst eingenommen haben. Aber ich vermute die Ursache in verschütteten Erinnerungen. Eventuell gab es einen Auslöser, den Sie gar nicht als relevant wahrgenommen haben, der Sie jedoch dazu gebracht hat, die unangenehmen, verdrängten Dinge wieder zu erleben.“ Mathis seufzte. „Möglich. Aber wie soll ich es rausfinden? Ich erinnere mich einfach an nichts dergleichen, so sehr ich mich auch bemühe.“ Der Arzt wiegte leicht den Kopf. „Ich könnte Ihnen anbieten, Sie zu hypnotisieren, um hinter die Ursachen Ihrer Albträume zu kommen. Da Sie privat versichert sind, weiß ich nicht, was Ihre Krankenversicherung dazu sagt. Aber ich versuche, die Kosten so weit wie möglich in die Beratung und weitere Maßnahmen zu integrieren, deshalb wird Ihre Zuzahlung moderat ausfallen.“ Mathis schluckte schwer. Hypnose? Direkt spürte er, wie sich seine Nackenhärchen aufrichteten. Sein Herzschlag beschleunigte sich. „Wie sicher sind Sie denn, dass Sie damit Erfolg haben? Ich meine – ist es nur eine vage Vermutung oder denken Sie ernsthaft, dass das bei mir funktioniert?“ „Nun ja, Hypnotherapie erweist sich vor allem bei verdrängten Erinnerungen, Traumata oder Gedächtnislücken oft als sehr wirksam. Deshalb bin ich guter Dinge, dass wir der Ursache Ihres Problems auf den Grund gehen und es dadurch wahrscheinlich auch beheben können. Selbstverständlich gibt es keine hundertprozentige Garantie, dass die Behandlung anschlägt, aber die Erfolgsquote ist sehr hoch.“ „Das mag ja sein. Ich glaube Ihnen auch, dass Sie Ihr Handwerk beherrschen. Trotzdem verstehen Sie vielleicht, dass mir der Gedanke unangenehm ist. Es kommt mir so vor, als würde ich mich dadurch nackt vor Ihnen ausziehen. Zudem habe ich Angst davor, erneut in diesen schrecklichen Albträumen zu landen und zu sterben. Allein deshalb denke ich, dass es mir kaum gelingen wird, mich darauf einzulassen.“ Der Mann ihm gegenüber nickte mit einem leicht amüsierten Glitzern in den Augen. „Es wird Sie vielleicht überraschen, aber ich höre diese Worte mindestens einmal pro Monat. Viel häufiger führe ich die Behandlungsmethode überhaupt nicht durch, weil sie sich nur bei einem Bruchteil der Probleme eignet, mit denen die Menschen zu mir kommen. Ich kann Ihnen nicht versprechen, dass Sie während der Hypnose keine unangenehmen Erfahrungen machen müssen. Es ist zwar nicht direkt vergleichbar, aber beim Zahnarzt wissen Sie auch, dass eine Wurzelbehandlung eventuell schmerzhaft ist, aber Sie nehmen das Übel auf sich, weil die Alternative wesentlich schlimmer wäre.“ Mathis atmete tief durch, dachte an den Job und an Isabell. Er musste jetzt stark sein, über seinen Schatten springen. Wie oft verlangte er das von seinen Schülern? Als Vertrauenslehrer vermittelte er häufiger bei Mobbing oder Schulangst, suchte mit den Kids gemeinsam nach Lösungen und sprach ihnen Mut zu. Schließlich nickte er. „In Ordnung, versuchen können wir es. Sie haben recht – schlimmer kann es kaum werden. Meinen Sie, es klappt bei Ihnen diesen Monat noch?“ Der Arzt sah schmunzelnd auf die Uhr. „Also ich hätte momentan noch genug Zeit für einen ersten Versuch. Sie nicht? Sie müssten mir bloß vorher diese Einverständniserklärung hier unterschreiben …“  


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