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Fantasy Bücher
Buch Leseprobe Alia (Band 3), C.M. Spoerri
C.M. Spoerri

Alia (Band 3)


Das Land der Sonne

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Ich wache mit klopfendem Herzen auf und schaue mich um, kann je-doch nichts außer Dunkelheit erkennen. Mein Puls schlägt wie verrückt, meine Hände sind schweißnass. Was hat mich aus dem Schlaf gerissen? Ich erinnere mich vage daran, dass Reyvan in meinem Traum vorkam – wie in jeder Nacht, seit wir die Stadt der Elfen von Westend verlassen haben. Verzweifelt versuche ich, gegen die Tränen anzukämpfen, die mich jedes Mal zu übermannen drohen, wenn ich an Reyvan denke. Rey. Inzwischen muss er in der Waldsteppe angelangt sein und vielleicht ist er schon dabei, Xenos mit seiner Armee zu bekämpfen. Ich wage nicht, daran zu denken, dass ihm etwas passieren könnte. Zaron, der neben mir schläft, rührt sich und ich höre, wie er sich auf-richtet. Kurze Zeit darauf spüre ich den mir bereits bekannten, kühlen Hauch, als er mit seiner schwarzen Magie eine schwache Lichtkugel erschafft. Im Schein der Kugel, die über seiner Hand schwebt, erkenne ich sein Gesicht. Sein schwarzes, langes Haar ist wie immer offen und er sieht mich fragend an. Das Licht wirft Schatten auf seine kantigen Züge, was ihm zusammen mit dem Dreitagebart einen wilden Ausdruck verleiht. »Alia, ist alles in Ordnung?«, ich höre Besorgnis in seiner Stimme. »Ja … ich … ich habe nur schlecht geträumt«, ich lege mich zitternd auf die Decke zurück und starre hoch in den schwarzen Nachthimmel zwischen dem Blätterdach. Immerhin regnet es nicht. »Ist es wegen Reyvan?«, Zarons Stimme ist nun nahe bei meinem Ohr. Ich spüre seinen Atem, als er spricht. Ich schüttle den Kopf. »Du kannst mir alles sagen, Alia, das weißt du?« Ich starre weiterhin schweigend nach oben. Ich will jetzt nicht sprechen – nicht über Reyvan, nicht über irgendetwas. Ich höre, wie der Schwarzmagier leise seufzt und sich wieder hinlegt. Nach ein paar Sekunden erlischt die Lichtkugel und wir sind abermals in die Finster-nis des Waldes gehüllt. Ich kann die Hand vor meinen Augen kaum erkennen und bin froh, dass Maryo mit einem seiner Männer Wache hält. Der Elfenkapitän hört und sieht viel besser als wir Menschen. Wenn es eine Gefahr im Umkreis von hundert Schritt gibt, dann wird er uns frühzeitig war-nen. Meine Gedanken schweifen zum letzten Mal, als ich Reyvan gesehen habe. Er hatte einen Zug verzweifelter Entschlossenheit in seinen dun-kelblauen Augen, als er sich von mir verabschiedet hatte, um der Königin seine Entscheidung mitzuteilen. Mir hat es fast das Herz zer-rissen, als er mich mit Zaron in unserem Zimmer zurückgelassen hatte, aber der Schwarzmagier hatte mich festgehalten, mir zugeredet – auch wenn ich seine Worte vor Taubheit und Schmerz nicht begreifen konnte. Ich wollte keinesfalls bis zur Hochzeit bleiben, obwohl uns die Königin eingeladen hatte, ein paar Tage lang die Gastfreundschaft der Elfen zu genießen. Aber die Nähe zu Reyvan und mitansehen zu müssen, wie er eine andere Frau heiratet, ich glaube, das hätte ich nicht überstanden. Genauso wenig, wie wenn ich an seiner Seite in den Krieg gezogen wäre, obwohl ich ihm das versprochen hatte. Aber damals hatte ich auch noch gedacht, wir würden dies alles zusammen durchstehen und für immer zusammenbleiben. Reyvan hatte das ohne Worte verstanden und ich glaube, er war sogar erleichtert über meine Entscheidung, die Stadt noch vor der Hochzeit zu verlassen. Da Zaron und ich nichts Besseres zu tun hatten – die Prophezeiung schweigt, obwohl ich das Kästchen fast im Stundentakt öffne – schlug uns Maryo vor, dass wir ihn begleiten sollten. Der Elfenkapitän wurde von der Königin beauftragt, einige Zeit die Gegend um die Stadt nach Gorkas abzusuchen, bevor er zur Cyrona, seinem Schiff, zurückkehren kann. Da wir vor unserer Ankunft bei den Elfen ein Gorkamädchen in einer Tierfalle gefunden hatten, wollte die Elfenkönigin sichergehen, dass sich keine weiteren Gorkas in der Nähe der Stadt herumtreiben. Der Kapitän hatte seiner Mannschaft auf der Cyrona Bescheid gegeben, dass sich die Weiterfahrt verzögern wird. Für Zaron und mich ist es immerhin sicherer, mit Maryo durch die Wälder zu ziehen, als wenn wir in Westend auf den Elfenkapitän war-ten würden. Denn wer weiß, ob dort nicht unsere Verfolger, die Xenos ausgeschickt hat, um Reyvan und mich gefangen zu nehmen, auftauchen. Wir hoffen, dass Magier, die auf die Cyrona treffen, unverrichteter Dinge wieder abziehen, wenn sie weder Reyvan noch Zaron oder mich an Bord auffinden. Obwohl wir uns nicht sicher sind, ob Xenos tatsächlich weiß, dass sein Bruder uns geholfen und sich uns angeschlossen hat. Seither streifen wir mit Maryo und seinen Männern im Westendwald umher und führen unsere Pferde an den Zügeln durch das dichte Unterholz. Bisher sind wir allerdings auf keine weiteren Gorkas gesto-ßen. Langsam zweifle ich daran, dass die Hochzeit die richtige Entschei-dung war. Vielleicht hatte die Prophezeiung einen anderen Bund ge-meint? Ich gehe in Gedanken nochmals die Zeilen durch: Des Jägers Element durchdringt Wer am Ende Opfer bringt Ein neuer Bund ab nun beginnt Der Erbe und des Waldes Kind Aber wie ich es drehe und wende, die Gewissheit, dass nur Reyvan mit dem Erben gemeint sein kann, bleibt. Denn wer von uns sollte sonst ein Erbe antreten, wenn nicht der Prinz der Elfen von Zakatas? Auch wenn diese Annahme etwas hinkt, da er einen älteren Bruder hat und daher in der Thronfolge als Zweiter aufgeführt wird. Wenn nur die nächsten Zeilen endlich sichtbar würden, dann hätten wir zumindest Gewissheit, dass sich das erfüllt hat, was das Gedicht uns mitteilen wollte. Langsam beginne ich, Rätsel, Gedichte und Prophezeiungen abgrundtief zu hassen. Bei dem Gedanken, dass sich Reyvan umsonst geopfert haben könnte, werde ich so wütend, dass ich mit der Faust auf den feuchten Waldboden schlage. »Alia, ist wirklich alles in Ordnung mit dir?«, fragt Zaron leise. »Ja«, murmle ich und drehe mich auf die andere Seite. Natürlich ist nichts in Ordnung. Wie könnte es auch? Ich habe Reyvan für immer verloren und weiß nicht, wohin wir als Nächstes gehen sollen. Ob mein Leben überhaupt noch einen Sinn ergibt und ob ich nicht besser einfach hier, mitten im Westendwald, liegen bleiben soll, bis ich vor Durst oder Hunger sterbe. Oder von Gorkas getötet werde. Tränen der Verzweiflung rinnen über meine Wangen und ich kann ein Schluchzen nur mit Mühe unterdrücken. Ich spüre Zarons Hand auf meiner Schulter, die mich sanft streichelt. Sie erinnert mich so stark an die Zärtlichkeit von Reyvan, dass ich nun tatsächlich schluchze. »Alia«, murmelt Zaron. »Trauere, aber friss deinen Kummer nicht in dich hinein. Ich weiß aus Erfahrung, dass das nichts bringt. Lass ihn raus oder sprich mit mir darüber.« Ich ziehe die Wolldecke, die mich vor der Kälte der Nacht schützen soll, bis an mein Kinn hoch und weine leise. Es tut gut, Zaron in meiner Nähe zu haben. Er gibt mir das Gefühl, doch nicht ganz allein auf dieser Welt zu sein. Als ob er meine Gedanken erraten hätte, flüstert er: »Alia, ich verspreche dir, ich werde dich nicht verlassen. Ich bleibe bei dir. Solange, wie du es mir gestattest.« Ich drehe mich halb zu ihm um und schaue ihn über die Schulter an. Natürlich erkenne ich sein Gesicht in der Dunkelheit nicht. »Wie könnte ich dich wegschicken?« Ich spüre, wie Zaron mit den Schultern zuckt. »Ich bin froh, wenn du es nicht tust«, er streicht mir über das Haar. »Versuch zu schlafen, Ali-a. Wir werden morgen früh zum Meer aufbrechen und dann hoffentlich einen Hinweis darauf finden, wohin wir als Nächstes gehen müssen.« Ich nicke und drehe ihm wieder den Rücken zu. Er legt den Arm um mich und ich schmiege mich unvermittelt an seine Brust. »Los, aufstehen!«, die raue Stimme von Maryo reißt mich aus der tröstenden Dunkelheit, wo ich Reyvan noch ganz nahe sein kann. Ich blinzle verschlafen. Der Elfenkapitän steht breitbeinig über mir. »Na, habt Ihr gut in den Armen des Schwarzmagiers geschlafen?«, sagt er mit einem wissenden Ausdruck in seinen goldenen Augen. Ich drehe mich um und sehe, dass Zaron immer noch neben mir ist – allerdings ist er bereits aufgestanden und verstaut gerade seine Decke im Rucksack. Er wirft dem Kapitän einen messerscharfen Blick zu, kommentiert die Bemerkung jedoch nicht weiter. Ich spüre, wie meine Wangen leicht warm werden, als ich Maryo wieder ansehe, der mich mit hochgezogenen Augenbrauen grinsend mustert. Aber ich habe keine Lust, ihm irgendetwas zu erklären. Zaron ist ein guter Freund für mich, mehr nicht. Soll der Elfenkapitän doch glauben, was er will. Rasch packe ich meine Sachen zusammen und verschlinge einen Schiffszwieback zum Frühstück. »Wir sind jetzt lange genug im Wald umhergestreift. Es sieht aus, als seien keine weiteren Gorkas in der Nähe, zumindest nicht hier im tieferen Wald«, sagt Maryo, als wir alle zum Aufbruch bereit sind. »Daher werden wir nun zur Cyrona aufbrechen. Wir sind ohnehin schon viel zu lange an Land.« Seine Männer leisten begeisterten Beifall. Sie können es allem Anschein nach kaum erwarten, endlich wieder die schwankenden Planken unter ihren Füßen zu fühlen. Ich wechsle mit Zaron einen Blick. Er nickt mir zu, als hätte er meine unausgesprochene Frage, ob wir uns nun endgültig Maryo anschließen sollen, erraten. Seufzend greife ich nach den Zügeln meines Pferdes, welches wir in Westend gekauft haben, als Reyvan noch in unserer Gruppe dabei war. Es kommt mir vor, als sei das alles in einem anderen Leben passiert. Jetzt reiten wir zurück zum Schiff des Elfenkapitäns und segeln einer ungewissen Zukunft entgegen. Maryo hat uns erzählt, dass er als Nächstes in den Süden fahren wird, in die Hauptstadt Chakas. Er hat uns angeboten, mit ihm dorthin zu reisen. Vielleicht werden wir ja dort eine Antwort darauf finden, was das Gedicht uns sagen will. Zumindest werden wir die kalte Region von Lormir damit endgültig verlassen. Zaron hat mir erklärt, dass es in Chakas um vieles wärmer ist, und dass es nie schneit. Das kann ich mir kaum vorstellen, wo ich doch im kalten Norden aufgewachsen bin, den ich bisher noch nie verlassen habe. Schweigend führe ich mein Pferd durch das Unterholz. Maryo geht mit Sert, Terpan und Ceron, drei Männern aus seiner Mannschaft, voran. Hinter mir ist Zaron, dann folgen Lock und Telek. In zwei Tagen werden wir den Wald verlassen und zurück auf der Cyrona sein. Nach ein paar Stunden spüre ich, wie mein Pferd plötzlich an den Zügeln zieht und unruhig wird. Ich drehe mich um und sehe, dass auch die Männer hinter mir mit ihren Pferden zu kämpfen haben. Die Tiere tänzeln und werfen den Kopf zurück. Offenbar haben sie etwas gewittert. »Seid so leise wie möglich«, befiehlt Maryo, der stehen geblieben ist. »Wartet hier, ich bin gleich zurück!« Damit verschwindet er in einem dichten Gebüsch. Ich habe alle Mühe, mein Pferd zu beruhigen. Dank meinen Kräften in Erdmagie gelingt es mir schließlich. Wir warten schweigend. Ich spüre, wie eine Unruhe über mich kommt, wie ich sie nur kenne, wenn Gefahr ganz in der Nähe lauert. Plötzlich bricht Maryo ohne Vorwarnung aus dem Dickicht hervor und rennt auf uns zu. »Zu den Waffen!«, er verzichtet darauf, leise zu sein. »Wir sind in ein Gorkanest getreten!« Ich spüre, wie ich mit einem Mal hellwach bin. Verdammt, wir haben nicht damit gerechnet, die Gorkas so nahe am Waldrand anzutreffen. Deswegen also sind wir bisher keinen begegnet. Ich lasse mein Pferd los und greife unvermittelt nach meinem Schwert, das ich an meiner Hüfte trage. Zaron hält jedoch meine Hand fest. »Nicht so, Alia«, sagt er mit ruhiger Stimme. »Gorkas kannst du am besten mit Wasser bekämpfen. Gegen Feuer sind sie so gut wie immun.« Ich verstehe und konzentriere mich sofort auf die Wassermagie in mir. Noch bevor ich einen Eispfeil in meiner Hand gebildet habe – in der Aufregung fällt mir das viel schwerer als beim Üben – höre ich vor mir lautes Gebrüll. Die Gorkas brechen an derselben Stelle durch das Dickicht, wie Maryo vor wenigen Sekunden. Die Pferde scheuen und preschen in alle Richtungen davon. Aber das ist uns im Moment gleichgültig. Wichtiger ist, unsere Haut zu retten. Ich zähle mindestens zwanzig Gegner. Eine solche Überzahl werden wir nur mit Mühe bekämpfen können. Maryo und seine Männer haben sich in einem Halbkreis aufgestellt und sehen mit grimmigen Mienen und gezückten Waffen dem Feind entgegen. Zaron eilt an ihre Seite. Es wäre zu gefährlich, wenn er schwarze Magie wirken würde. Da Maryos Männer allesamt Menschen ohne Magie sind, würde er sie auf der Stelle töten, wenn er einen Zauber wirkt, da er damit automatisch ihre Wärme benutzen würde. Ich halte mich im Hintergrund und schleudere den Eispfeil, den ich endlich in meiner Hand gebildet habe, auf den erstbesten Gorka, den ich sehe. Ein Laut des Erstaunens dringt über meine Lippen, als er auch tatsächlich sein Ziel trifft und der Gorka heulend, mit einem Loch in der Brust, zu Boden geht. Ich schaudere. Das ist das erste Mal, dass ich jemanden getötet habe. Aber mir bleibt keine Zeit, darüber nachzudenken. Schon bahnen sich zwei weitere Gorkas ihren Weg zu mir, obwohl Maryo und die anderen versuchen, sie von mir fernzuhalten. Sie sind noch grösser, als ich sie in Erinnerung hatte und überragen mich um mindestens drei Köpfe. Ihre braunen Fratzen sind vor Wut verzerrt und aus ihren gelben Katzenaugen sprüht blanker Hass. Sie tragen zottige Pelzumhänge über ihrer Lederkleidung, welche mit kleinen Stahlplatten verstärkt ist. Beide sind mit Keulen bewaffnet, die ich wahrscheinlich nicht einmal vom Boden hochheben könnte. Sie schwingen sie jedoch über ihren Köpfen, als seien es Spielzeugwaffen. Rasch schleudere ich ihnen einen weiteren Eispfeil entgegen, dem sie jedoch ohne Mühe ausweichen. Sie sind nur noch vier Schritt von mir entfernt. Ich ziehe im letzten Augenblick meinen Schutzschild hoch und sende ein Stoßgebet zu den Göttern, dass er ihren Keulen standhalten möge. Die Gorkas lassen die mit Eisendornen besetzten Waffen mit derartiger Wucht durch die Luft sausen, dass ich den Windzug hören kann. Schon trifft mich der erste Schlag und ich spüre, dass mein Schild da-runter erzittert. Ich konzentriere mich auf meine Magie und lasse unter größter Anstrengung einen Regen aus spitzen Eiskristallen auf sie herunterprasseln, der ihnen hässliche Wunden ins Fleisch schlägt. Sie werden davon jedoch nur für einen kurzen Augenblick in ihrem Angriff unterbrochen, um dann mit umso größerer Wut auf mich einzudreschen. Mit Entsetzen sehe ich, dass fünf weitere Gorkas ihren Weg zu mir gefunden haben. Ich wechsle auf das Erdelement, welches ich besser beherrsche als das Wasser und lasse die Erde unter ihnen erbeben. Sie schwanken, bleiben jedoch auf den Beinen. Ich spüre, wie mir langsam die Konzentration schwindet. Einen Schutzschild gegen Keulenschläge aufrecht zu halten, und im selben Moment Kampfmagie zu wirken, ist äußerst anstrengend. Es führt mir wieder einmal vor Augen, dass ich noch ganz am Anfang meiner Ausbildung zur Magierin stehe. Außerdem gehen mir die Ideen aus, ebenso wie die Energie. Aber ich sammle nochmals all meine Kräfte und lasse diesmal faustgroße Steine, die ich aus dem Boden hole, auf sie herunterregnen. Einige davon treffen ihr Ziel, aber ich muss aufpassen, dass ich Maryo, Zaron oder einen der anderen Männer nicht aus Versehen verletze. Gerade als ich denke, dass wir gegen die Gorkas doch noch die Spur einer Chance haben, stürzen weitere schreiend aus dem Dickicht. Mein Mut sinkt, als ich aus dem Augenwinkel die wachsende Überzahl sehe. Die Verstärkung besteht aus mindestens zwanzig Kreaturen, die auf uns zustürmen. Ein Blick zu Maryo und seinen Männern zeigt mir, dass auch sie langsam am Ende ihrer Kräfte sind. Terpan und Sert liegen schwer verwundet am Boden und rühren sich nicht mehr. Maryos Mantel ist mit Blut bespritzt und an seiner Schläfe klafft eine tiefe Wunde, die wahrscheinlich bis auf den Schädelknochen reicht. Trotzdem kämpft er mit unverminderter Kraft gegen die Gorkas und streckt gerade zwei davon gleichzeitig nieder, als er seine Säbel durch die Luft wirbelt. Auch Zaron sieht übel mitgenommen aus. Er hat seinen Umhang weggeworfen, um die Hände frei zu haben, und ich sehe, dass Blut sein Hemd in Höhe des Bauches dunkel färbt. Er führt sein flammendes Schwert jedoch mindestens ebenso geschickt wie Maryo seine Krummsäbel und tötet einen Gegner um den anderen. Trotzdem werden wir nicht mehr lange durchhalten können. Die Schläge der Männer werden zusehends schwächer und sie kämpfen je-weils gegen eine wachsende Überzahl. Aber sie alle verkaufen ihr Leben teuer, wie an den Leichen zu ihren Füssen zu erkennen ist. Dies alles erfasse ich mit einem kurzen Blick, ehe ich mich wieder auf meine eigenen Gegner konzentriere und abermals die Erde unter ihnen erbeben lasse, damit sie zu Boden fallen. Jedoch beweisen sie eine gute Standfestigkeit und so schleudere ich wieder Steine gegen ihre Köpfe, was sie allerdings nur wenig zu beeindrucken scheint. Schon befürchte ich, dass wir alle hier und jetzt sterben werden, da hebt Maryo einen seiner Säbel und brüllt so laut, dass er den Kampflärm übertönt. »Halt! Wir ergeben uns!« Ich starre den Elfenkapitän entsetzt an. Dass Maryo sich ergeben würde, hätte ich niemals erwartet. Die Gorkas scheinen einen Moment lang ebenfalls nicht zu wissen, wie sie reagieren sollen. Sie sehen verdutzt zu dem Kapitän, der nun langsam seine Waffen auf den Boden legt und seine verbliebenen drei Männer anweist, es ihm gleichzutun. Zaron wendet sich zu mir um. Ich erkenne in seinem Blick, dass es ihm zwar gegen den Strich geht, er aber keine andere Möglichkeit sieht. Er zuckt mit den Schultern und legt seine Waffe dann ebenfalls nieder. Mit einem Seufzen lasse ich den Schutzschild fallen, ducke mich je-doch, da ich befürchte, dass meine Gegner die Chance nutzen und mich totschlagen. Als das nicht passiert, richte ich mich auf, um das Geschehen zu verfolgen. Einer der Gorkas, der die anderen noch um einen halben Kopf über-ragt, tritt vor Maryo und fletscht seine Zähne – oder vielleicht ist es ein Grinsen, so genau kann ich es nicht deuten. »Du ergeben?«, fragt er mit einem Akzent, der das R auf grausame Weise rollt, und mustert den Kapitän von oben herab. »Ja, wir ergeben uns. Nehmt mich als Eure Geißel, lasst aber meine Gefährten ziehen«, erwidert Maryo mit erhobenem Kopf. Aus der Wunde an seiner Schläfe tropft immer noch Blut. Der Gorka, der offenbar der Anführer ist, sieht auf Maryo herunter. Ich vermeine, einen spöttischen Zug um sein Maul zu sehen. Seine Fangzähne blitzen gelbweiß zwischen seinen wulstigen Lippen hervor. »Du wagen, uns Bedingungen stellen, Elf?«, brüllt er und Speichel bespritzt Maryos Gesicht, der dabei angewidert seinen Mund verzieht. »Auf Knie, Abschaum! Ihr auch!« Er schlägt dem Elf brutal mit der Keule in die Kniebeuge, sodass dieser mit schmerzverzerrtem Gesicht zu Boden sinkt. Seine Männer, Zaron und ich folgen seinem Beispiel, um nicht dieselbe Behandlung zu erfahren. Der Anführer ruft den anderen Gorkas etwas in ihrer Sprache zu. So-fort zerrt einer grob meine Arme nach hinten und ich keuche vor Schmerz, als er mir ein Seil so eng um die Handgelenke bindet, dass mir das Blut fast abgeschnürt wird. Zaron lässt die Fesselung über sich ergehen, ohne mit der Wimper zu zucken. Jedoch nicht, bevor er seinen Mantel wieder angelegt hat. Für ihn wäre es ein Leichtes, die Gorkas im Bruchteil einer Sekunde zu töten. Allerdings würde er dann mindestens Maryos überlebende Männer und vielleicht auch den Elfenkapitän und mich dabei umbringen. Wir werden geknebelt, wahrscheinlich, damit wir nicht um Hilfe rufen können. Ich würge, als einer der Gorkas mir einen groben Stofffetzen in den Mund drückt, der nach Urin stinkt. »Jetzt Ihr mitkommen!«, brüllt der Gorkaanführer. Sogleich werden uns unsanft Speere an den Rücken gehalten, sodass wir aufstehen müssen, wenn wir nicht aufgespießt werden wollen. Ich sehe, dass es Ceron, Lock und Telek schwer fällt, zu gehen. Sie alle haben tiefe Wunden an Beinen und Armen von dem Kampf getragen, welche immer noch bluten. Allein Zaron, Maryo und ich scheinen sich einigermaßen auf den Beinen halten zu können. Rasch werfe ich einen Blick zu Sert und Terpan zurück, die immer noch reglos auf dem Boden liegen – ebenso wie mindestens zwei Dutzend Gorkas, die von Zaron, Maryo und seinen Männern niedergestreckt wurden. Gerade trennt ein Gorka den beiden Seeleuten mit gezieltem Axthieb die Köpfe vom Rumpf, um sicherzugehen, dass sie tot sind. Ich erschaudere und wende den Blick ab. Ich hatte die beiden Männer in den letzten Tagen näher kennengelernt und meine anfängliche Meinung über Maryos Besatzung gründlich geändert. Langsam verstehe ich, warum der Elfenkapitän sie in seiner Mannschaft aufgenommen hat. Jeder von ihnen hatte einzigartige Fähigkeiten. Sert war beispielsweise in der Lage, so gekonnt ein Messer werfen, dass er sogar auf fünfzehn Schritt sein Ziel traf. Terpan wusste jederzeit, wo Norden war und konnte sich somit überall orientieren. Alle Männer aus Maryos Mannschaft sind ihm bedingungslos ergeben. In einigen Gesprächen hatte ich erfahren, dass sie in verschiedenen Häfen ihre Familien, Frauen und Kinder haben, die sie regelmäßig besuchen, um ihnen ihren Anteil vom Handelserlös und anderer Beute nach Hause zu bringen. Maryo achtet darauf, dass auch die Familien seiner Mannschaftsmitglieder gut versorgt werden. Von nun an werden die Kinder von Sert und Terpan jedoch vergebens darauf warten, dass ihre Väter zurückkehren. Ich verscheuche meine traurigen Gedanken und konzentriere mich auf den Weg, den wir einschlagen. Jeder von uns Gefangenen wird rechts und links von einem Gorka flankiert, um Fluchtversuche zu verhindern. Eigentlich unnötig, denn die Hälfte von uns ist ja so stark verwundet, dass sie kaum gehen kann. Ich frage mich, warum sie uns nicht umbringen und was sie mit uns vorhaben. Ein ungutes Gefühl steigt in mir hoch, verstärkt sich mit jeder Minute, die wir unterwegs sind, und vermischt sich mit der Panik, die ich nicht länger unterdrücken kann: Ich habe Todesangst.


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