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Fantasy Bücher
Buch Leseprobe Alia (Band 2), C.M. Spoerri
C.M. Spoerri

Alia (Band 2)


Der schwarze Stern

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Die Sonne brannte unerbittlich auf den blendend weißen Sand, der sich bis an den Horizont erstreckte und nur von vereinzelten Kakteengruppen durchbrochen wurde. Ein trockener Wind peitschte ihnen glühend heiß entgegen, als sie sich nach Norden wandten, um rasch der todbringenden Hitze zu entkommen. Sie trugen nur das Nötigste an Kleidung, um sich vor den brennenden Strahlen zu schützen und gleichzeitig nicht zu stark zu schwitzen. Es würde dauern, bis sie etwas anderes als das spärliche Wasser der Kakteen zu trinken bekämen. Die Lippen der Frau waren aufgesprungen. Verkrustetes Blut klebte daran. Der Mann sah nicht viel besser aus. Das dunkle Haar von beiden war grau vor Sand. Es hing in verschwitzten Strähnen über ihre abgemagerten, müden Gesichter. Die Kelmen, auf denen sie ritten, schienen die Einzigen zu sein, die sich bei dieser Hitze noch auf den Beinen halten konnten. Eine Klaue vor die andere setzend, schleppten die treuen Tiere ihre erschöpften Reiter durch die Einöde. In einem Tag würden sie die sandigen Dünen endlich hinter sich las-sen und kämen in fruchtbarere Gebiete. Aber sie waren bereits jetzt am Ende ihrer Kräfte. Wenn nicht ein Wunder geschah, würden sie den kommenden Morgen nicht mehr erleben. Der Mann hatte ein paar Mal versucht, die Frau zu überreden, eines der Tiere zu töten, um zumindest deren Blut trinken und das Fleisch essen zu können. Sie hatte sich standhaft geweigert. Die Tiere waren alles, was ihr von ihrer Vergangenheit geblieben war. Abgesehen von dem Bündel, das sie bei sich trug, und das immer seltener weinte. Auch jetzt schlief das Kind, das die Frau erst vor einem Monat inmit-ten der Talmeren geboren hatte. In einer Nacht, in der der Vollmond hell auf ihren geschwollenen Leib geschienen hatte, der sich unter heftigen Wehen aufbäumte. Ihre Schreie hatte niemand gehört, außer ihrem Mann, der ihre Hand gehalten und ihr geholfen hatte, das gemeinsame Kind auf die Welt zu bringen. In eine ungewisse Zukunft, die vielleicht nur wenige Wochen dauern würde. Sie wussten jetzt mit tödlicher Sicherheit, dass sie immer noch verfolgt wurden. Die Reiter waren vor zehn Tagen am Horizont aufgetaucht, als sie schon dachten, dass sie sie endgültig abgehängt hatten. Und jetzt schienen sie nur darauf zu warten, dass sie aufgaben. Sich in den Sand legten und nie wieder aufstanden. Aber weder die Frau noch der Mann wollten sich diese endgültige Kapitulation früher als nötig eingestehen. Solange ihre Kelmen sie tru-gen, wollten sie weitergehen. Bald würden sie ihre Vorräte auffrischen können und mit neuen Kräften vor ihren Verfolgern so weit fliehen, wie es nötig war. Sie waren bereit, bis in die Eiswälder im hohen Norden zu wandern, um ihrer Tochter eine sichere Zukunft bieten zu können. Dafür würden sie aber Glück brauchen – Glück, das derzeit nicht auf ihrer Seite zu stehen schien. In dem Moment stolperte das Kelmen der Frau und schrie schmerzvoll auf. Es hatte sich einen Kakteenstachel in seine Klaue getreten und weigerte sich, weiterzugehen. Der Mann stieg von seinem Reittier und untersuchte die Wunde. Er nickte der Frau zu, die mit müden Augen auf ihn herabsah, und legte die Hand auf die Klaue. Das Tier weitete vor Schrecken die Augen, als sich eine unbekannte Wärme in seinem Körper ausbreitete. Es blieb dennoch ruhig stehen, da es dem Mann vertraute. Es wusste, dass er ihm helfen wollte. Dieser sprach beruhigend auf das Tier ein, während er den langen Sta-chel aus der ledrigen Haut zog. Nach wenigen Sekunden war die Klaue geheilt und der Mann kletterte mit bleiernen Gliedern wieder auf sein eigenes Reittier. Am Horizont, auf einer niederen Sanddüne, erkannten sie die fünf Punkte, die keine Eile hatten. Sie blieben in ihrem Rücken, selbst als die Nacht hereinbrach und die eisige Kälte in ihre Knochen schlich. Sie hatten keine Zeit, ein Lager aufzuschlagen. Die Gewissheit, dass sie getötet würden, sobald sie eine Pause einlegten, trieb sie an. Sie ritten weiter, bis selbst die Kelmen nur noch schleppend vorankamen. Ein paar Stunden waren es noch bis zum Rand der Wüste. Dort würden sie im Schutze einer Gruppe von Sträuchern für kurze Zeit ruhen können. Bevor es jedoch soweit war, kippte die Frau langsam aus ihrem Sattel. Der Mann hatte gerade noch die Energie, sein Kelmen neben sie zu treiben, um ihren Sturz aufzufangen. Er nahm ihr das Bündel ab, das leise wimmerte und legte die Hand darauf, um mit seiner Magie dessen Hunger zu stillen. Das machte er seit Tagen so – seit ihnen das Trinkwasser ausgegangen war und seine Frau keine Milch mehr geben konnte. Aber es war keine Möglichkeit, ein Kind lange am Leben zu halten. Außerdem brauchte der Heilprozess enorm viel Energie. Energie, die der Mann nicht mehr hatte. Die Frau blinzelte ihn an und lächelte schwach. Sie war immer noch eine Schönheit, selbst mit ihren eingefallenen Wangen und der von der Sonne verbrannten Haut, die sich an mehreren Stellen schälte. Wahr-scheinlich würde niemand mehr die einst stolze, wunderschöne Frau in ihr erkennen. Aber für den Heiler war sie es immer noch. Er sah sie liebevoll an und führte ihre Kelmen in den Schutz einiger Steine. Es brachte nichts, jetzt noch weiterziehen zu wollen. Selbst ihre Verfolger mussten irgendwann eine Pause einlegen, daher konnten sie hier hoffentlich ein paar Stunden ausruhen. Die Dunkelheit breitete sich aus. In der Nähe vermeinte er, einen Bach zu hören. Vielleicht waren sie bereits aus der Wüste raus – oder sein Verstand, der Wasser sehnlichst herbeisehnte, spielte ihm einen Streich. Er hob die Frau, deren Körper erstaunlich leicht geworden war, vom Kelmen und setzte sie, zusammen mit seiner Tochter, neben den Stein. Danach machte er sich auf, den vermeintlichen Bach zu suchen. Die Sehnsucht nach dem kühlen Nass verlieh ihm neue Kräfte. Und tatsächlich, nach wenigen Schritten fand er ein Rinnsal, das sich zwischen einigen Felsen hindurchschlängelte und in den Weiten der Wüste verlor. Aber es war Wasser, wenn auch schlammiges. Er füllte beide Trinkschläuche damit und kehrte zum Stein zurück, wo seine Frau und das Kind in tiefem Schlaf lagen. Sanft weckte er die Frau auf und hob den Trinkschlauch an ihre aufgesprungenen Lippen. Sie zuckte im ersten Moment zusammen, als das kühle Nass sich in ihren Mund ergoss. Müde öffnete sie die Augen und trank dann gierig. Er gönnte sich ebenfalls einen Schluck und hatte das Gefühl, noch nie so etwas Köstliches getrunken zu haben. Auch seiner Tochter, die immer noch in den Armen ihrer Mutter lag, flößte er ein paar Tropfen ein. Sie begann leise zu weinen. Muttermilch wäre ihr wahrscheinlich lieber gewesen. Aber das ging nicht. Er beugte sich zu ihr herunter und strich zärtlich das dunkle Haar aus dem Gesicht des kleinen Mädchens. Sie war der Grund, warum er mit der Frau geflohen war. Aber das wusste sie natürlich nicht. Sie verstand nicht, warum sie seit Monaten unterwegs waren, sich immer nur kurz an einem Ort aufhielten. Das Mädchen öffnete die dunklen Augen und sah ihn fragend an. Eine Träne rann über ihr Gesicht. Er wischte sie sanft mit dem Daumen weg. Sie hatten bisher keine Zeit, sich einen Namen für ihre Tochter auszudenken. Aber sobald sie in Sicherheit waren, würden seine Frau und er sich einen überlegen. Auf einmal hörte er hinter sich ein Geräusch und fuhr herum. Er hatte sich nicht getäuscht. Aus der Dunkelheit kamen zwei Gestal-ten auf sie zu. Waren es etwa ihre Verfolger, die doch näher waren, als gedacht? Diebe, die sie überfallen wollten? Hatte das Weinen des Kindes sie angelockt? Er bildete reflexartig einen Schutzschild, den er über sich und seine Familie ausbreitete. Die Frau war dafür zu schwach. Obwohl sie in der Kampfeskunst besser bewandert war als er, hatte sie doch keine Kraft mehr, sich zu verteidigen. Die Geburt und die Flucht hatten ihr alle Energie geraubt. Er fragte sich, woher sie die Kraft nahm, weiterhin am Leben zu bleiben. Sie hatte so viel Blut verloren – trotz seiner heilenden Kräfte. Aber er hatte zu dem Zeitpunkt zu wenig Energie gehabt, um sie vollständig zu heilen. Sie waren beide zu erschöpft gewesen. »Wer seid Ihr?«, drang eine tiefe Stimme an sein Ohr. Er kniff die Augen zusammen, um besser in der Dunkelheit sehen zu können. »Zwei Wanderer mit einem Kind, die nichts Böses wollen«, antwortete er vorsichtig. Der andere kam näher. Jetzt erkannte er eine hohe, männliche Gestalt und dahinter die Umrisse einer schlanken Frau mit langem Haar. Ein Licht erschien, welches die Szene erhellte. Anscheinend handelte es sich bei den beiden Fremden ebenfalls um Magier. »Wir sind Wandermagier«, sagte der Mann. Als er das Licht, das über seiner Hand schwebte, etwas näher zu sich hielt, war sein Gesicht erkennbar. Er schien etwa dreißig Jahre alt zu sein, hatte eine gerade, schmale Nase und schwarze Augen. Seine mar-kanten, kantigen Gesichtszüge hätten viele Frauen wahrscheinlich als attraktiv bezeichnet. Auch der Dreitagebart tat dem keinen Abbruch. Sein langes, dunkles Haar fiel ihm bis über die Schultern. Der Blick des Heilers wanderte zu der Begleiterin des Unbekannten. Ihr blondes Haar wellte sich bis zu ihren Hüften, die sie sinnlich bei jedem Schritt hin und her wiegte. Ihre Augen waren von einer hellen Farbe, wahrscheinlich blau oder hellgrün, so genau war es bei diesen Lichtverhältnissen nicht zu erkennen. »Ihr scheint am Ende mit Euren Kräften zu sein«, bemerkte die Frau. »Wir wollen Euch nichts Böses. Ich bin Meíssa, das hier ist mein Gefährte Zaron. Können wir Euch helfen?« Der Heiler ließ seinen Schutzschild fallen. Er hätte ohnehin keine Energie mehr gehabt, seine Magie lange aufrecht zu halten und beobachtete die Frau, die zu dem Stein ging und sich über seine Frau beugte. Dabei gab sie einen Blick auf ihre festen Brüste preis, die sie in eine enge Lederkorsage geschnürt hatte. Rasch wandte er den Blick ab. »Ich weiß nicht«, der Heiler hob unsicher die Schultern. »Wir werden seit Tagen verfolgt und sind tatsächlich am Ende unserer Kräfte. Wenn Ihr uns Schutz geben könntet? Gegen unsere Verfolger?« Meíssa und Zaron wechselten einen Blick. Sie schienen sich ohne Worte zu verstehen. »Wer sind Eure Verfolger? Und warum sind sie hinter Euch her?« »Ich kann Euch leider beides nicht beantworten. Aber ich hoffe, Ihr helft uns trotzdem. Ansonsten wird unsere Tochter niemals in Freiheit leben können.« Meíssa beugte sich wieder über die Frau und ihre Augen weiteten sich, als sie das Bündel entdeckte, das sie zuvor übersehen hatte. Sorgfältig nahm sie es auf die Arme und strich behutsam über das Gesichtchen. »Gut, wir werden Euch helfen«, beschloss sie, ohne sich vorher mit ihrem Gefährten abzusprechen. Aber dieser schien ihre Entscheidung keine Sekunde lang in Frage zu stellen und nickte knapp. »Als Erstes müssen wir weg von hier. Habt Ihr Pferde?« »Nein, aber wir haben zwei Kelmen«, er deutete auf den Felsen, hinter dem er die Tiere angebunden hatte. »Noch besser. Wir werden sie benötigen«, sagte die Frau. »Ich heile ihre größte Erschöpfung, dann brechen wir auf.« »Euch hat der Himmel geschickt«, dem Mann kamen vor Erleichterung fast die Tränen. Er half seiner Frau, auf das Reittier zu steigen, welches von Meíssa geheilt wurde und wandte sich dann ab, um sein eigenes Kelmen zu holen. Seine Frau schien von alledem nicht viel mitzubekommen. Als sie je-doch oben war, versuchte sie zu sprechen. Zaron, der daneben stand, ging zu ihr hin, um sie besser verstehen zu können. »Bitte …«, ihre Stimme war kaum ein Flüstern, »falls wir das nicht überleben … bitte kümmert Euch um unsere Tochter. Sie ist alles, was uns geblieben ist.« Zaron sah sie an. Einen Moment schien es, als ob in seinen dunklen Augen etwas aufblitzte. Dann nickte er. Die Frau wirkte beruhigt und kramte in ihrer Tasche. Sie drückte ihm einen Gegenstand in die Hand. »Gebt Ihr das, falls wir sterben sollten.« Sie beugte sich zu ihm hinunter und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Zaron hatte keine Gelegenheit, sich darüber zu wundern, denn in dem Moment brachte seine Gefährtin ihre eigenen Pferde und sie brachen auf. Sie ritten gerade so schnell, dass die beiden erschöpften Flüchtlinge mithalten konnten. Aber schon nach kurzer Zeit war klar, dass sie die Verfolger nicht würden abhängen können – nicht in dem Tempo. »Lasst uns absteigen«, beschloss Zaron. »Es bringt nichts, wenn wir weiterreiten. Wir werden uns Euren Verfolgern in einem Kampf stellen müssen. Um was für Magier handelt es sich?« Er schien automatisch davon auszugehen, dass keine normalen Soldaten hinter ihnen her sein konnten. »Es sind fünf Kampfmagier. Welche Elemente, weiß ich nicht. Aber sie sind sehr stark.« Dem Mann war die Anspannung ins Gesicht geschrieben. Meíssa und Zaron wechselten einen Blick und schienen zu einem Entschluss zu kommen. »Gut, wir werden uns ihnen entgegenstellen«, sagte Zaron entschieden. »Aber wir werden Eure Hilfe benötigen. Gegen fünf Kampfmagier können selbst wir es nicht alleine aufnehmen. Habt Ihr noch genügend Kräfte für einen Kampf?« Der Mann nickte und sah seine Frau zweifelnd an. »Das muss reichen«, Zaron schwang sich vom Rücken seines Pferdes und suchte eine geeignete Stelle. »Hier kann sich Eure Frau mit Eurer Tochter verbergen, bis wir die Magier erledigt haben«, er deutete auf ein stacheliges Gestrüpp. Der Mann nickte abermals und führte seine Frau zu der besagten Stelle. Er gab ihr einen sanften Kuss und legte das kleine Bündel in ihre Arme. Sie sah ihn mit fiebrigen Augen an. Er wusste, woran sie dachte. Vor zwei Tagen hatte sie eine Vision gehabt. Darin waren sie alle gestorben. Aber er weigerte sich, dies einfach so zu akzeptieren. Solange ein Funken Energie durch seine Adern floss, würde er kämpfen. Und versuchen, seine Tochter zu retten. Also begab er sich wieder zu den beiden Magiern, die ihnen so unverhofft über den Weg gelaufen waren. Sie beratschlagten, wie sie die Verfolger in einen Hinterhalt locken konnten. Danach blieb ihnen nur, zu warten, bis die fünf Kampfmagier sie eingeholt hatten. Das geschah schneller, als gedacht. Bereits nach einer Stunde waren Huftritte zu hören. Offenbar waren die Verfolger schneller vorange-kommen, als sie selbst. Zaron, Meíssa und der Heiler versteckten sich hinter ein paar Sträu-chern. Als die Feinde so nahe waren, dass der Geruch ihrer Pferde zu ihnen herüber wehte, stürmten sie aus ihrem Versteck hervor und schleuderten Kampfzauber auf die Gegner. Diese erstarrten vor Überraschung, aber nur für den Bruchteil einer Sekunde. Schon hatten sie ihre magischen Schutzschilde hochgezogen, an denen die Zauber abprallten und sprangen von dem Rücken der Pferde, welche panisch flohen. Jetzt begann ein wahres Schlachtgetümmel. Die Luft war erfüllt von Explosionen und Blitzen, die die Nacht erhellten und die kämpfenden Magier für wenige Sekunden in gleißendes Licht tauchten. Die beiden Wandermagier erwiesen sich als erfahrene Kämpfer. Sie verbanden geschickt ihre Energie miteinander und wirkten machtvolle Zauber, geboren aus Erde und Feuer. Der Heiler versuchte, so gut es ging, mitzuhalten. Er spürte jedoch, wie seine ohnehin schon spärliche Energie rasend schnell schwand. Zudem hatte er nur wenige Stunden Ausbildung in Kampfmagie erhalten – durch seine Frau. Das reichte nicht, um gegen fünf gut geschulte Kampfmagier zu bestehen. Seine Zauber wurden mit jeder Sekunde schwächer. Gerade als er ein leichtes Erdbeben unter einem der Gegner beschwören wollte, damit dieser das Gleichgewicht verlor, sah er einen Kugelblitz auf sich zu-schießen. Er hatte keine Kraft mehr, sich rechtzeitig zu ducken, oder seinen Schutzschild zu verstärken. Ein knirschendes Geräusch ertönte, als ihn der Energieball in die Brust traf. Der Mann sank, mit vor Ungläubigkeit weit aufgerissenen Augen, in die Knie. Die Frau schrie schrill auf und rannte an seine Seite. Dass sie die Energie dafür aufbringen konnte, grenzte an ein Wunder. Das Kind hatte sie im Schutz des Strauches liegen gelassen. Sie sank schluchzend neben ihren Mann, hielt seinen sterbenden Kör-per fest und schrie. Sie schrie sich die Seele aus dem Leib, Tränen rannen über ihre knochigen Wangen und ihr Herz drohte vor Kummer zu bersten. »Nein! Nein … mein Liebster … bitte … stirb nicht! Bitte nicht!«, ihre Stimme überschlug sich. Eine unfassbare Trauer war in ihren Schreien zu hören. Eine Trauer, die durch Mark und Bein ging. Die davon zeugte, dass ihr das Liebste auf der Welt gerade genommen wurde. Sie beugte sich über den leblosen Körper, um ihm einen letzten Kuss auf die erkaltenden Lippen zu geben. In dem Moment erbebte auch sie. Als sie lautlos über ihren Geliebten fiel, war ein qualmendes, schwarzes Loch in ihrem Rücken zu erkennen. Sie war von einem Feu-erball mitten ins Herz getroffen worden. Zaron und Meíssa hatten das Drama nur am Rande mitbekommen. Sie kämpften immer noch gegen die Magier. Zwei davon hatten sie bereits zur Strecke bringen können, die anderen drei hielten sich hartnäckig. Meíssa merkte, dass ihre Kräfte schwanden. Noch wenige Zauber, dann war auch ihre Wärme erschöpft und sie musste aufgeben, wenn sie nicht erfrieren wollte. Zaron jedoch kämpfte mit unverminderter Kraft. Er war schon immer der Stärkere von ihnen beiden gewesen. Er streckte zwei der drei Magier mit einem Feuerball nieder, der sich in letzter Sekunde aufteilte, und die Gegner damit überraschte. Jetzt war noch einer übrig. Dieser hatte aber ebenfalls viel Energie zur Verfügung. Er schoss einen Eispfeil in Meíssas Richtung. Sie versuchte, ihm auszuweichen und zog ihr Schutzschild hoch. Jedoch eine Sekunde zu spät. Sie merkte, wie sich etwas Eiskaltes in ihren Bauch grub. Als sie an sich hinunter schaute, ragte ein Pfeil, vor Kälte dampfend, aus der Mitte ihres Körpers. Sie spürte, wie ihr das Leben entwich und ihre Beine gaben nach. Zaron, der den Magier mit einem wütenden Schrei in einer Feuersäule aufgehen ließ, stürzte zu ihr. Er legte ihr behutsam einen Arm um die Schultern und bewahrte sie davor, umzufallen. Dann kniete er sich hin, bettete ihren Kopf in seinen Schoss. »Mein Liebling, bitte bleib bei mir. Ich werde dich retten«, flüsterte er. Meíssas Lider flackerten, als sie in seine schwarzen Augen blickte und sein Entsetzen, seinen Schmerz, darin las. Diese dunklen, geheimnisvollen Augen, in die sie sich einst verliebt hatte, denen sie bis ans Ende der Welt folgen würde, mit denen sie geweint und gelacht hatte und in denen sie sich verlieren konnte. Und in denen in diesem Augenblick etwas brach. Ihr Herz zog sich schmerzvoll zusammen, als sie sah, wie sich Tränen in Zarons Augen ansammelten und ungehemmt über sein Gesicht rannen. Sein Kinn bebte, er versuchte, ein Schluchzen zu unterdrücken. Ihr würde nicht mehr viel Zeit bleiben. Dabei hatte sie gedacht, sie würden für immer zusammen sein, ihre tiefe Liebe füreinander teilen und gemeinsam alt werden. Seine Hände strichen zitternd über ihre Wange und sie spürte, wie eine Träne auf ihre Stirn tropfte. Er küsste sie zärtlich weg und sie erschauerte unter seiner Zuneigung, die er selbst jetzt, im Tode, noch für sie empfand. »Bitte …«, es fiel ihr schwer, zu sprechen. Jeder Atemzug schmerzte, als ob ein glühendes Eisen sich in ihre Brust und durch die Lungen bohrte. »Mein Liebster … bitte … sorge dafür, dass … das Kind es gut hat. Ich habe … in seinen Augen … gesehen … für … Großes be-stimmt.« Dann fielen ihre Augen zu und Dunkelheit umgab sie. Noch lange war in dieser Nacht ein Heulen zu hören. Ein Heulen, das von keinem lebenden Wesen stammen konnte und doch von der unendlichen Trauer eines einzelnen Mannes am Rande der Goharwüste zeugte.


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