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Fantasy Bücher
Buch Leseprobe Acht Sinne - Band 7 der Gefühle, Rose Snow
Rose Snow

Acht Sinne - Band 7 der Gefühle



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Kapitel 1


 


Ich fühlte das Beben bis in meine Fingerspitzen.


Der Knall der entfernten Explosion ließ die Wände erzittern und ein hohes Klirren ging durch die Eishöhle, das sogleich wieder verstummte. Die anderen Wächter hoben lauschend den Kopf und für ein paar Sekunden war nur das Knacken des Lagerfeuers zu hören.


Mels Gesicht war von Sorgenfalten durchzogen, als er sich über den kurzen braunen Bart strich. Dann griff er stumm in einen Beutel, der von einem Gürtel an seiner Hüfte baumelte, und warf eine Prise blauen Sand in die Flammen. Innerhalb eines Atemzugs verwandelte sich das Feuer in züngelnde Wasserflammen und ein mächtiges Rauschen erfüllte die Grotte. Es war so laut, dass Tondel und Frick zusammenzuckten, woraufhin Lydia ihnen einen genervten Blick zuwarf. Die Wutträgerin war nicht sympathischer geworden, seit wir vor ein paar Wochen derselben Sondereinheit zugeteilt worden waren. Das einzig Positive war, dass wir unseren ehemaligen Trainer Mel als Anführer bekommen hatten. Seit er Lydia und mich damals auf unsere Wächterprüfung vorbereitet hatte, vertraute ich ihm.


„Wir haben neue Befehle bekommen“, eröffnete Mel die Besprechung mit gedämpfter Stimme. Durch das ohrenbetäubende Rauschen der magischen Wasserflammen war er kaum zu verstehen und ich fühlte, wie sich die Wachsamkeitslinien auf meiner rechten Wange erwärmten, während ich mich auf seine Worte konzentrierte.


„Der Geheimdienst hat gemeldet, dass es im Ekelland wiederholt zu verdächtigen Aktivitäten der Totaa gekommen ist. Außerdem wurde ein Anstieg der Kampfhandlungen verzeichnet.“


Mein Puls schnellte in die Höhe, als ich das hörte. Ich hatte Ben seit dem Ausbruch des Krieges nicht mehr gesehen und das Einzige, was ich von ihm wusste, war, dass er dem Ruf seines Landes gefolgt war, genauso wie der Rest von uns.


„Was für verdächtige Aktivitäten hat der Geheimdienst ausgemacht?“, zischte Lydia und lehnte ihren drahtigen Körper nach vorne. Sie war gespannt wie eine Feder und mir wurde bewusst, dass ich sie noch nie anders gesehen hatte – nicht einmal im Schlaf wirkte die athletische Wächterin gelöst.


„Es wird vermutet, dass sie an einer gefährlichen magischen Waffe arbeiten“, erwiderte Mel ruhig. „Vielleicht eine Bombe. Wir wissen es nicht.“


„Na toll“, fauchte Lydia und spuckte in die Wasserflammen.


„Wie genau lauten unsere Befehle?“, fragte ich und unterdrückte ein Frösteln. Seit die Flammen ihr Element gewechselt hatten, um uns vor einem Lauschangriff zu schützen, gaben sie leider auch keine Hitze mehr ab.


„Wir müssen in den Wald des Verderbens“, antwortete Mel und rieb seine Handflächen aneinander, um etwas Wärme zu erzeugen. „Einerseits, um die örtlichen Truppen zu unterstützen, andererseits, damit wir die Augen offen halten, um zu sehen, ob wir etwas über diese magische Waffe herausfinden können.“


„Gibt es dort Gewässer?“, meldete sich Tondel zu Wort. Er war ein stämmiger Vertrauensträger, der auf den ersten Blick grobschlächtig wirkte, sich aber völlig lautlos bewegen konnte.


„Wir haben strikten Befehl, nicht durch das Wasser zu reisen“, erwiderte Mel und seine Chamäleonaugen wechselten die Farbe von Dunkelbraun zu Hellblau. „Die Totaa scheinen ein System entwickelt zu haben, mit dem sie unsere magischen Wasserreisen lokalisieren können. In den vergangenen drei Tagen wurden zwei Wächtereinheiten bis auf den letzten Träger ausgelöscht. Beide waren kurz zuvor durch das Wasser gereist und wurden an ihrem Ankunftsort schon von den Totaa erwartet.“ Er stieß die Luft aus und sein Atem bildete eine weiße Wolke in der eiskalten Höhle. „Unsere Zahl verringert sich dramatisch.“ Er machte eine kurze Pause. „Wir müssen noch vorsichtiger sein, als wir es bislang schon waren.“


Eine junge Wächterin mit dem Sinn der Angst nickte heftig. „Ich habe gehört, dass sich die Einflüsse des Krieges sogar schon im Sternensaal bei den Neuerweckungen zeigen“, wisperte sie. „Angeblich hatten drei der acht letzten Neuerweckten die Berufung zum Wächter und der Rest wurde zu Beschützern, Heilern und Magiebegabten. Dafür gab es keine Künstler, keine Templer, keine Reisenden und keine Naturverbundenen.“


Mel nickte. „Die Sinnliche Welt reagiert auf die vielen Kriegsopfer. Sie versucht das Gleichgewicht der Berufungen wiederherzustellen. Das tat sie schon immer.“ Er sah uns nacheinander an. „Leider sind seit gestern Abend schon wieder drei magische Portale von den Totaa erobert worden. Wir müssen deshalb einen Umweg in Kauf nehmen, um in den Wald des Verderbens zu gelangen.“


„Und welchen Umweg wollt Ihr konkret nehmen?“, fragte ein dicklicher Ekelträger mit kurzen grauen Haaren, der erst vor ein paar Tagen zu unserer Truppe gestoßen war. Er war bisher auffällig still gewesen und ich hörte ihn jetzt zum ersten Mal sprechen.


„Ich fürchte, die Antwort wird dir nicht gefallen“, sagte Mel ruhig. „Denn um zu dem nächsten freien Portal zu gelangen, müssen wir durch die Schwarze Schluckebene.“


 


***


 


„Diese vermaledeiten Totaa“, fauchte Lydia, als wir nebeneinander in der schwarzen Erde des Ekellandes knieten. „Müssen die sich ausgerechnet in diesem feuchten Drecksloch verschanzen, um ihre Bombe zu bauen?“


Ich erwiderte nichts und konzentrierte mich auf die Baumgrenze vor uns. Mel hatte die Wutträgerin und mich vorausgeschickt, um mögliche Fallen der Totaa aufzuspüren, und tatsächlich hatten unsere Wächterstäbe eine verdächtige magische Aktivität zwischen den schwarzen Stämmen geortet.


„Da“, flüsterte ich und nickte mit dem Kinn in Richtung der Waldgrenze. „Siehst du das?“


Lydia kniff die Augen zusammen und nickte dann kurz. Ungefähr sechzig Schritte vor uns flog ein Bewegungsmelder der Totaa hin und her. Die schwebende weiße Kugel war nicht größer als ein Pingpong-Ball, hatte aber eine enorme Sprengkraft, sobald man in ihren überwachten Radius eindrang.


Dahinter lag die Schwarze Schluckebene, die wir überqueren mussten, um zu dem freien magischen Portal zu gelangen. Ich wusste nicht, was genau uns in der Schwarzen Schluckebene begegnen würde – das wusste keiner -, wir vermuteten nur, dass es definitiv nichts Gutes war.


Aber wir hatten keine andere Möglichkeit.


„Was sollen wir jetzt machen?“, zischte mir Lydia von der Seite zu. Der Schein ihrer rot lodernden Gesichtszeichnung leuchtete bis zu mir herüber und ich duckte mich noch tiefer in die Erde. Dabei streifte ich die schwarzen Blätter des Schneckensaftbaumes, unter dem wir Schutz gesucht hatten.


„Wir müssen es irgendwie schaffen, die Sprengfalle auszuschalten“, flüsterte ich zurück und versuchte, das ekelhafte Gefühl zu ignorieren, als das stinkende Sekret des Baumes mir in den Nacken tropfte.


„Und was schlägst du vor?“, stieß Lydia zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. „Soll sich eine von uns vielleicht hineinwerfen und in Stücke reißen lassen?“


Ihre Gereiztheit war so ansteckend, dass ich dem Vorschlag sogar etwas abgewinnen konnte. Im nächsten Moment ertönte ein hässliches Krächzen. Es klang wie der Schrei eines Spinnenfalters und war Mels Zeichen, dass er und der Rest unserer Einheit die Markierung von Lydia und mir unbeschadet erreicht hatten. Ich spürte, wie sich mein Herzschlag beschleunigte. Wir mussten uns schnell etwas einfallen lassen, denn wenn unsere Truppe nicht in Bewegung blieb, drohte uns ein erhöhtes Entdeckungsrisiko durch die Totaa.


„Diese Bewegungsmelder müssen sich in gewissen Abständen immer wieder neu kalibrieren“, flüsterte ich Lydia zu. „Wir sprechen hier von einem wirklich winzigen Zeitfenster, aber wenn wir es schaffen, genau im richtigen Moment nahe genug an das Ding heranzukommen, können wir es vielleicht mit einem gezielten Schuss aus unseren Wächterstäben lahmlegen.“


Die Wutträgerin sah mich an, als ob ich verrückt geworden wäre. „Tolle Idee. Und du läufst vor?“, erkundigte sie sich beißend.


Ich erwiderte ihren Blick ruhig. „Unsere Chancen ständen höher, wenn wir es beide versuchen. Bist du dazu bereit? Oder hast du zu viel Angst?“


Einen Moment herrschte Stille und ich war mir nicht sicher, ob sie mir jetzt an die Gurgel springen würde. Einem Träger der Wut den Sinn der Angst zu unterstellen, war so ziemlich das Schlimmste, was man nur tun konnte – allerdings brauchten wir Lydias Wut, denn es machte sie schneller und stärker. Ihre Linien brannten wie Feuer, während sie mich mit ihren Blicken erdolchte. Dann atmete sie heftig aus und packte ihren Wächterstab fester.


„Ziehen wir es durch, bevor ich dich noch aus Versehen umbringe.“


Ich nickte stumm und verlagerte mein Gewicht, während ich meine aufkommenden Zweifel energisch zur Seite schob und mich ganz auf meinen Sinn einließ.


Die erhöhte Wachsamkeit, die mich seit Kriegsbeginn begleitete, erfüllte mich vom Kopf bis in die Zehenspitzen und ich ließ zu, dass sie die Kontrolle übernahm. Meine Sicht schärfte sich, was im Ekelland nicht unbedingt angenehm war. Denn nun nahm ich nicht nur die mikroskopisch kleinen Schleimschnecken auf den Blättern neben mir wahr, sondern auch das ganze andere krabbelnde Getier zwischen meinen Füßen. Ich zwang mich, es zu ignorieren und meinen Fokus auf die weiße Kugel zu richten. Mein Sinn gestattete es mir, jede noch so kleine Energiefluktuation festzustellen, und ich versuchte, nicht zu blinzeln, während ich auf den Bewegungsmelder der Totaa starrte. Und dann passierte es. Es war nicht mehr als ein kurzes Flackern des weißen Lichts, aber das war genau das Zeichen, auf das ich gehofft hatte. Vier Minuten später kannte ich das genaue Intervall.


„Noch achtundzwanzig Sekunden bis zur nächsten Kalibrierung“, flüsterte ich. „Ich schätze, dass wir dreieinhalb Sekunden brauchen, bis wir den überwachten Radius erreichen. Mach dich bereit.“


Lydia spannte ihren athletischen Körper an und vergrub die Zehen in der schwarzen Erde, um so schnell wie möglich lossprinten zu können. Ich ließ meinen Blick über jeden Grashalm und jede Wurzel schweifen, um sicherzustellen, dass wir keine Falle übersehen hatten. Sobald wir losliefen, hatten wir keine Zeit mehr, auf solche Dinge zu achten. Denn dann mussten wir einfach nur noch darauf achten, am Leben zu bleiben.


„Noch zwölf Sekunden.“


Lydia stieß ein leises Knurren aus, das mich unangenehm an Jesper erinnerte, und fixierte die schwebende weiße Kugel.


„Noch fünf“, wisperte ich und hoffte inständig, dass mich meine innere Uhr nicht trog.


„Vier … drei … zwei … los!“


Kaum hatte ich den Countdown heruntergezählt, schoss Lydia wie ein Projektil aus ihrer Position nach vorne. Gemeinsam rannten wir auf den Bewegungsmelder zu und drangen genau in dem Moment in den überwachten Bereich ein, als die weiße Kugel zu flackern begann. Das Timing war perfekt, nur mussten wir die kleine Kugel aus der Entfernung auch treffen. Ich richtete meinen Wächterstab auf die Sprengfalle und schoss gleichzeitig mit Lydia, während im selben Moment ein lautes Schmatzen aus der Schwarzen Schluckebene ertönte und der Boden zu wackeln begann. Die Erde bebte dermaßen, dass wir nur schwer das Gleichgewicht halten konnten, und ich erlebte die folgenden Momente wie im Zeitraffer.


Ich sah, wie der Energiestoß meines Wächterstabs die weiße Kugel knapp verfehlte, während Lydia einen Streifschuss landete. Der Bewegungsmelder wurde zur Seite geschleudert und färbte sich gefährlich hellrot.


Er würde gleich detonieren.


Wir hatten versagt.


Aus reinem Instinkt schloss ich eine Wächterkugel um die Sprengladung der Totaa und wusste gleichzeitig, dass es nicht reichen würde. Am Rande meiner Wahrnehmung bekam ich mit, dass auch Lydia es mit einer Wächterkugel versucht hatte. Aber keine Wächterkugel der Welt konnte eine Explosion dieser Größenordnung eindämmen. Das war mein letzter Gedanke, bevor alles um uns herum grellrot wurde.



 


Kapitel 2


 


Ich flog durch die Luft. Mein ganzer Körper bestand nur aus Hitze und Schmerz, während ich von der Druckwelle der Explosion nach hinten katapultiert wurde. Der Aufprall war so hart, dass er mir den Sauerstoff aus den Lungen drückte, und ich schnappte verzweifelt nach Luft. Neben mir hörte ich Lydia stöhnen und versuchte den Kopf in ihre Richtung zu drehen, doch mein Körper gehorchte mir nicht. Ich spürte nur, dass ich am Waldboden auf dem Rücken lag und knorrige Wurzeln gegen meine Schulterblätter drückten.


„Bleibt zurück“, hörte ich eine tiefe Stimme und dann näherten sich hastige Schritte.


Lydias Atem neben mir ging schnell und keuchend. Ein hässliches Pfeifen war zu hören, das nach einer Lungenverletzung klang, und ich hoffte, dass es nicht so schlimm war, wie ich befürchtete. Mel erschien in meinem Blickfeld und kniete sich neben Lydia nieder.


„Ruhig atmen, Mädchen“, befahl er ihr und der Umstand, dass sie nicht energisch gegen den Kosenamen protestierte, zeigte mir, dass sie wirklich schwer verletzt sein musste.


„Es tut mir leid“, stieß ich keuchend hervor.


„Die Erde hat gebebt, ihr konntet nichts dafür, dass eure Schüsse danebengingen“, wies er mich zurecht.


Ich nickte und setzte mich schwerfällig auf. Lydia lag mit bleichem Gesicht neben mir und starrte auf das Holz, das aus ihrer Brust ragte. Ein spitzer Ast hatte sie von hinten durchbohrt und regelrecht aufgespießt.


„Wir können sie in diesem Zustand nicht bewegen“, sagte Mel leise und ich sah, wie die Farbe seiner Augen in ein besorgtes Mitternachtsblau wechselte. Dann griff er nach seinem Kommunikationskristall und setzte einen Notruf ab.


Ich sagte nichts, denn wir wussten beide, dass es viel zu wenige Heiler gab, um all die Verwundeten zu versorgen, die dieser Krieg hervorbrachte. Stumm kramte ich das kleine Fläschchen Heilelixier aus meinem schwarzen Kampfanzug und hielt es vor mein Gesicht. Es waren nur noch wenige Tropfen übrig, die ich in Lydias halb geöffneten Mund träufelte. Die Wutträgerin stöhnte leise und atmete etwas ruhiger.


„Wir müssen weiter“, erklärte Mel knapp, während er aufstand und mir die Hand hinstreckte. Seine tiefe Stimme vibrierte und ich wusste, dass er versuchte, seine Emotionen beiseitezuschieben. Ich ergriff seine Finger und ließ mir von ihm auf die Beine helfen.


„Geht und tötet diese … verdammten … Totaa“, schnaufte Lydia und ich nickte stumm, während Mel den anderen aus unserer Truppe mit den Fingern ein Zeichen gab. Die Sinnträger huschten lautlos heran. Sie sahen von dem langen Marsch genauso erschöpft aus, wie ich mich fühlte.


„Tondel und Frick, ihr bildet die neue Vorhut“, befahl Mel mit gedämpfter Stimme. „Sichert den Weg bis zum magischen Portal. Und seid vorsichtig. Nur weil die Sprengfalle ausgelöst wurde, heißt das nicht, dass die Totaa sich keine weiteren Überraschungen für uns überlegt haben – außerdem ist die Schwarze Schluckebene selbst auch verdammt gefährlich. Deshalb hat Arkadius sie nach seinem Amtsantritt auch zum Sperrgebiet erklären lassen.“


Die beiden Sinnträger nickten und liefen geduckt zu dem Ort zurück, wo die schwebende weiße Kugel detoniert war. Sie hatte einen Krater in den Waldboden gerissen und ich fühlte erneut mein Versagen wie eine schmerzende Wunde.


„Ihr beide habt alles richtig gemacht“, sagte Mel in diesem Moment, als ob er meine Gedanken hören könnte. „Wenn nicht jede von euch eine Wächterkugel um die Sprengfalle gelegt hätte, wärt ihr beide jetzt tot und wir anderen wahrscheinlich auch.“ Er legte mir die Hand auf die Schulter und ich sah, wie seine Gesichtszeichnung, die mich an die Wurzeln eines starken Baumes erinnerte, sanft erglühte. „Richte den Blick nur nach vorne, Wächterin“, sagte er etwas leiser. „In Zeiten wie diesen ist hinter dir nur der Tod zu finden.“


 


Wir ließen Lydia mit der Ortungsbrosche im Wald zurück. Sie war nicht die Erste, bei der wir zu dieser Vorgehensweise gezwungen waren, und ich hasste es, obwohl ich wusste, dass wir keine andere Wahl hatten. Die Gestalter hatten die Kriegserklärung der Totaa deutlich unterschätzt. Statt sich zu einer gemeinsamen Streitmacht zu formieren, hatte jedes Gebiet eigene Kampftruppen gebildet, von denen innerhalb weniger Wochen ein Drittel zerschlagen worden war. So viel Tod und Leid wie in diesen Zeiten hatte es seit dem Ausbruch des Zweiten Sinnlichen Krieges nicht gegeben. Und obwohl niemand dieses Wort in den Mund zu nehmen wagte, wusste doch ein jeder, dass wir uns mitten im Dritten Sinnlichen Krieg befanden.


Die Sonne stand schon tief, als Tondel und Frick über den Rand des Explosionskraters hinweg auf die zerfurchte Ebene starrten, die sich vor uns ausbreitete. Der Boden bestand aus schwarzer, bröckeliger Erde und sah aus, als wäre er mehrfach umgegraben worden. Ich hielt mich mit den anderen im Schatten der Baumgrenze und beobachtete, wie die beiden Sinnträger, die die neue Vorhut bildeten, sich langsam über die ebene Fläche bewegten. In der Ferne ragte ein halb zerfallenes magisches Portal in die Höhe, von dem ich hoffte, dass es noch funktionierte. Die meisten Portale waren entweder zerstört oder von den Totaa erobert worden, um unsere Beweglichkeit einzuschränken. Und der Plan ging auf. So viel wie in den letzten Wochen war ich noch nie in meinem Leben gelaufen, nicht mal, als ich mit Ben während der Lichtsteinsuche quer durch die Sinnliche Welt gereist war.


„Sieht gut aus“, flüsterte der dickliche Ekelträger mit den kurzgeschorenen grauen Haaren neben mir, als Tondel und Frick etwa die Hälfte des Weges ohne Zwischenfälle hinter sich gebracht hatten. „Anscheinend haben die Totaa dieses Portal vergessen. Wenigstens waren sie einmal nachlässig, dieses widerliche Pack.“ Er spuckte auf den Boden und seine ornamentähnliche Gesichtsmusterung begann, schwach zu leuchten. Seine Zeichnung erinnerte mich an die von Ben und ich schluckte. Das Gefühl, nicht zu wissen, wie es ihm ging und ob er überhaupt noch am Leben war, zehrte an mir. Nach der Kriegserklärung des neuen Anführers der Totaa, der wegen seines dunklen Umhangs Schwarzer Meister genannt wurde, war alles so furchtbar schnell gegangen. Und als dann der Ruf unserer Länder erklang, konnten wir Simeons Plan, nach den Büchern zu suchen, nicht weiterverfolgen. Ben und Tara waren gemeinsam ins Ekelland gegangen, Simeon war dem Ruf ins Erstaunensland gefolgt und ich war ebenfalls in meine Heimat zurückgekehrt. Seitdem versuchte ich, mich auf meine Aufgabe zu konzentrieren und nicht darüber nachzudenken, wie es Ben wohl ging oder wo er sich gerade befand. Doch es blieb nur bei dem Versuch – denn unweigerlich führten meine Gedanken immer wieder zu ihm. War er überhaupt noch am Leben?


„Wieso heißt diese Ebene eigentlich Schwarze Schluckebene?“, fragte die junge Wächterin mit dem Sinn der Angst in dem Moment leise. Der grauhaarige Ekelträger öffnete den Mund, um zu antworten, als die Erde zu beben anfing. Dann ertönte ein lautes Schmatzen und ein riesiger hellrosa Kopf brach aus dem Boden. Mir stockte der Atem. Das Ding erinnerte mich an einen gigantischen Regenwurm, nur dass sein Kopf über drei Saugrüssel verfügte, mit denen es die Sinnträger zu wittern schien.


„Scheiße“, entfuhr es Mel.


„Ich … ich dachte, die wären längst ausgestorben“, stammelte der dickliche Ekelträger und starrte mit kugelrunden Augen auf die Kreatur, die mit einem Rüssel eben Tondels Oberkörper einsaugte, während es mit dem zweiten Frick packte und mit ihm in der Erde verschwand. Das alles ging so schnell, dass wir keine Chance hatten, die beiden zu retten. Innerhalb von nur zwei Sekunden war von ihnen nichts mehr zu sehen.


„Lauft!“, stieß Mel in dem Moment aus. „Saugfresser leben allein, und jetzt ist er beschäftigt. Das ist unsere beste Chance, das Portal zu erreichen!“


 


Wir rannten. Wir rannten, so schnell wir konnten.


Die schwarze Erde spritzte unter unseren Füßen zur Seite und ich versuchte, nicht an Tondel und Frick zu denken, die ihr Leben gegeben hatten, damit wir über diese Ebene kamen. Innerlich reihte ich sie in die Liste all jener ein, mit denen ich gekämpft hatte und die in der Schlacht gefallen waren. So wie Marcus. Mit jedem Tag wurde diese Liste länger und ich verlor den Glauben, dass das alles noch einen Sinn hatte. Es fühlte sich an, als würden wir uns in einem langen, schrecklichen Traum befinden, aus dem es kein Erwachen gab.


Die warme Nässe von Regentropfen auf unserer Haut ließ den dicklichen Ekelträger neben mir erschrocken quieken.


„Was ist das?“, schrie er.


„Ich schätze, das ist Regen“, antwortete ich ihm keuchend, während das magische Portal nur langsam näher kam.


„Und was ist, wenn es ein Säureangriff der Totaa ist?“, brüllte er zurück. Ich hätte ihm gern geantwortet, dass wir dann auch nichts mehr daran ändern konnten, aber die Angst in seiner Stimme brachte mich dazu, den Mund zu halten.


„Wir sind fast da!“, erklang Mels volltönender, beruhigender Bass ein paar Sekunden später. „Und denkt daran: Wir müssen in den Wald des Verderbens. Haltet euch das Ziel immer vor Augen!“ Die Mitglieder unserer stark geschrumpften Truppe nickten keuchend und dann sah ich zu, wie Mel im schwarzen Nebel des halb zerfallenen magischen Portals verschwand.


 


***


 


Wie jedes Mal raubte mir die Reise durch den Nebel des Portals schon nach wenigen Atemzügen die Orientierung. Ich wusste nicht mehr, wo oben und unten war, überall war nur dieser beklemmend feuchte schwarze Dunst, der von allen Seiten auf mich eindrückte, und dann hörte ich plötzlich Schreie und spürte nasses Gras unter meinen Fußsohlen. Die Schwärze des Portals wich grauen Nebelschwaden und ich taumelte mitten in ein Gefecht. Die Sonne war nun endgültig untergegangen und rund um mich erhoben sich hohe, skelettartige Bäume in den nächtlichen Himmel. Ich versuchte in dem Durcheinander von schreienden und rennenden Sinnträgern Mel zu finden, als ein weißer Energieblitz knisternd neben mir in den Boden einschlug. Gleichzeitig prallte ein großer, weicher Körper von hinten gegen mich und ich hörte den dicklichen Ekelträger, der seit kurzem zu unserer Gruppe gehörte, entsetzt nach Luft schnappen.


Der krächzende Ruf eines Spinnenfalters erklang und ich gab dem Ekelträger ein Zeichen, mir still zu folgen, bevor ich zwischen den Bäumen hindurch geduckt in die Richtung lief, in der ich Mel vermutete. Ein brüllender Totaa in einem weißen Kapuzenumhang sprang mir mit einem lodernden Energieball zwischen den Händen in den Weg und ich streckte ihn mit einem Schuss meines Wächterstabs nieder, bevor er den Ball auf mich schleudern konnte.


„Für die TO-TAA!“, hallte in einiger Entfernung ein Ruf durch die dichten Nebelschwaden und ich hörte, wie der Schrei von mehreren Seiten aufgenommen und weitergetragen wurde. Mit klopfendem Herzen blickte ich mich zwischen den skelettartigen Bäumen des Hügels um. Offenbar waren wir von den Totaa eingekesselt. Zwei weitere Kapuzenträger tauchten wie aus dem Nichts aus dem grauen Nebel auf und ich schoss instinktiv auf den einen, während der andere sich auf mich stürzte und mir die Hände um den Hals legte. Gemeinsam gingen wir zu Boden und ich schnappte nach Luft, als seine Finger erbarmungslos auf meine Kehle drückten. Sein Gesicht konnte ich unter dem weißen Kapuzenumhang nicht erkennen, doch ich hörte sein überraschtes Keuchen, als er mich losließ. Dann griff er sich an den Rücken, in dem plötzlich ein Messer steckte, und brach tot zusammen.


„Danke“, japste ich dem grauhaarigen Ekelträger zu, der mich gerettet hatte. Er nickte rasch und streckte mir die Hand hin, als seine Augen plötzlich ganz starr wurden. Mit einem leisen Ächzen kippte er zur Seite.


„Nein“, hauchte ich und krabbelte zu ihm. Doch es war schon zu spät. Ein weißer Energieblitz hatte ihn in den Rücken getroffen und getötet.


„Sinnträger zu mir!“, rief Mel in diesem Moment. „Sammelt euch!“


Ich schluckte gegen das trockene Gefühl in meiner Kehle an, richtete mich auf und lief in Mels Richtung, als der Klang einer anderen Stimme mir kurzfristig den Boden unter den Füßen wegzog.


Es war nicht irgendeine Stimme, es war seine Stimme. Und er rief etwas, das ich nicht verstand.


Mit klopfendem Herzen änderte ich meine Richtung. Es war keine bewusste Entscheidung, meine Beine taten es einfach, ich musste wissen, ob es ihm gut ging. Ich rannte durch den dichten Nebel einen Hügel hinauf und versuchte, den Dunst mit meinen Augen zu durchdringen.


Und dann sah ich ihn.


Er kämpfte am Fuße der Erhebung mit bloßen Händen gegen zwei Totaa, die brutal auf ihn losgingen. Ein paar Schritte entfernt von Ben lag eine zusammengekrümmte Gestalt auf dem Boden, die er offensichtlich verteidigte, und ein seltsamer Stich jagte durch mein Herz. War das Tara?


Hinter mir hörte ich Mel ein zweites Mal rufen, doch ich war nicht in der Lage umzukehren. Meine Füße liefen einfach weiter den Hügel hinab, während Ben nach den Haaren des linken Totaa griff und dessen Kopf so fest gegen einen Baumstamm rammte, dass seine Schädeldecke brach. Der andere nutzte die kurze Pause, um ein Messer zu ziehen, und ich streckte ihn mit einem Schuss aus meinem Wächterstab nieder. Knurrend fuhr Ben zu mir herum. Sein Gesicht wirkte so wild und mordlüstern, wie ich es noch nie zuvor gesehen hatte. Mit seinem Körper schützte er noch immer die zusammengekrümmte Gestalt hinter sich und ich fühlte einen spontanen Anflug von Erleichterung, als ich sah, dass es sich dabei nicht um Tara, sondern um einen männlichen Sinnträger handelte.


Unwillkürlich blieb ich stehen. Bens schwarzer Anzug wies jede Menge Risse und Löcher auf und in seinen Augen loderte ein unversöhnlicher Hass. So wie er mich ansah, war ich mir nicht sicher, ob er mich überhaupt erkannte, und ich hätte am liebsten kehrtgemacht. Aber ein Teil von mir wollte nicht weg von ihm. Ein Teil von mir dachte noch immer an den Beinahe-Kuss im Strafgefangenenlager, dachte darüber nach, ob er tatsächlich fast passiert wäre oder ob ich mir alles nur eingebildet hatte.


In diesem Moment ertönte ein schriller Pfiff von Mel. Ich wandte mich um und sah, dass die Totaa lautlos den Rückzug angetreten hatten. Ihre weißen Gestalten verschwanden wie Schemen zwischen den skelettartigen Bäumen und das alles ging so geordnet und schnell vonstatten, dass es mir kalt den Rücken hinunterlief.


Egal, was hier gerade passierte, es war kein Zufall.



Die Totaa hatten einen Plan.


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