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Fantasy Bücher
Buch Leseprobe Acht Sinne - Band 3 der Gefühle, Rose Snow
Rose Snow

Acht Sinne - Band 3 der Gefühle



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Kapitel 1


 


Der Gestank, der uns entgegenschlug, war so entsetzlich, dass ich mir unwillkürlich die Nase zuhielt.


„Ben“, sagte ich, während ich nach ihm durch den schwarzen Nebel des magischen Portals tauchte, „bitte sag mir, dass es hier nicht immer so riecht.“


Ben sog die stinkende Luft tief in seine Lungen und vergrub die Zehen beinahe übermütig in der schwarzen Erde, die bei genauerer Betrachtung voller Würmer war.


„Ist das nicht wunderbar?“, fragte er mich und seine Zeichnung entfachte sich, während ich richtig sehen konnte, wie die Energie des Landes durch ihn hindurchströmte. „Sie freut sich, mich wiederzusehen.“


„Sie? Der Ekel ist eine Sie?“, fragte ich abfällig und trat zur Seite, als ein blasser Wurm den kürzesten Weg über meinen Fuß nehmen wollte.


„Meine Heimat“, korrigierte mich Ben unverdrossen und ich dachte, dass ich ihn noch nie so … euphorisch erlebt hatte.


„Ich kann nicht glauben, dass man sich hier wohlfühlen kann“, murmelte ich angewidert und sah mich um. Verkrüppelte Bäume mit kahlen Ästen wuchsen seltsam verdreht aus der schwarzen Erde. Zwischen ihren Wurzeln wucherten braune Blumen, deren geöffnete Blüten die Ursache für den schrecklichen Gestank sein mussten. Es roch nach Fäulnis, vergorenem Obst und brackigem Wasser – irgendwie alles in einem. Ich drehte mich einmal im Kreis und versuchte, das widerwärtig schmatzende Gefühl, mit dem meine Füße sich von der feuchten Erde lösten, zu ignorieren. Zu unserer Rechten erstreckte sich eine weitläufige Sumpflandschaft bis an den Horizont. Morsch aussehende Stege spannten sich über die Sümpfe und verästelten sich in der Ferne zu einem Netzwerk halb zerfallener Brücken. Zu unserer Linken führte ein schwarzer Weg in den Wald mit den verkrüppelten Bäumen und stinkenden Blumen. Die Sonne stand hoch am Himmel, doch die bräunlichen Strahlen, die sie auf das Land sandte, gaben allem einen ungesunden, kränklichen Schimmer. Es war wirklich ekelhaft hier.


„Ich hatte mir deine Heimat nicht ganz so widerlich vorgestellt“, sagte ich wahrheitsgemäß.


„Ich nehme das als Kompliment“, sagte Ben und grinste mich an. Die schwarzen Linien seiner Zeichnung funkelten schwach. Ich folgte mit den Augen seiner Musterung, die so viel interessanter aussah als andere Gesichtszeichnungen, und deren schwarze Zacken bis zu seinem Hals hinunterreichten. Schnell wandte ich den Kopf ab.


„Und was jetzt?“, fragte ich forsch und machte einen Schritt zur Seite, weil schon wieder so ein glibberiger Wurm mit meinem Fuß Bekanntschaft schließen wollte.


„Jetzt gehen wir ins Ministerium des Ekels, auch bekannt als Sumpfburg“, sagte Ben mit Bestimmtheit.


Irgendetwas an seiner Stimme irritierte mich; es war nicht nur der neu gewonnene und ungewohnte Elan – es schien noch mehr dahinterzustecken.


Meine Augen verengten sich. „Ist der Lichtstein der einzige Grund, warum du ins Ministerium möchtest? Sag die Wahrheit.“


Ben stockte für einen Moment und die gewohnte Arroganz kehrte zurück. „Sag mal, was wird das hier? Ein Verhör?“


„Wieso antwortest du nicht auf meine Frage, Ben?“


„Wieso stellst du solche Fragen, Lee?“, äffte er mich nach. „Was soll ich im Ministerium denn sonst tun, als nach deinem blöden Lichtstein zu suchen?“


„Es ist nicht ‚mein‘ blöder Lichtstein“, fauchte ich wütend, weil er mit nur einem Satz genau in meinen wunden Punkt getroffen hatte.


Irgendwie war es eben doch „mein“ blöder Lichtstein, irgendwie schien ich die Einzige zu sein, die sich wegen der Totaa ernsthaft Sorgen machte und etwas gegen sie unternehmen wollte. Ich fühlte mich orientierungslos, ich fühlte mich der Aufgabe nicht gewachsen, und obwohl ich hier mit Ben stand und er direkt an meiner Seite war, fühlte ich mich allein.


„Ist doch völlig egal, wessen Lichtstein es ist“, schnappte Ben und fuhr sich durch seine zerstrubbelten Haare. „Dieser Orakeltyp hat gesprochen und nun sind wir hier. Das war zumindest endlich mal jemand, der Ahnung hatte.“


Ich sog die Luft ein. „Ahnung? Er wusste nicht mal etwas von Simeons Tod. Ich bin mir nicht sicher, inwieweit wir uns auf seine Worte verlassen –“


„Er wusste, dass wir ins schwarze Land müssen. Das reicht doch.“


„Du wolltest doch nur in deine Heimat“, erwiderte ich und blickte mich angewidert um.


Ben reckte den Hals. „Ich wusste von Anfang an, dass wir hier richtig sind. Kommst du jetzt oder willst du lieber hier rumstehen und dich von den Würmern fressen lassen?“


Ich folgte seinem Blick nach unten und schüttelte mit einem Schrei meinen Fuß, als ich sah, dass ein besonders fettes Exemplar mit milchig weißen Segmenten sich an meinem Knöchel hochwand.


„Wieso habe ich den nicht gefühlt?“, schrie ich entsetzt.


Ben grinste süffisant. „Mistmaden passen sich der Körpertemperatur ihrer Opfer an. So verstärken sie den Überraschungseffekt – und den Ekel, wenn sie entdeckt werden.“


„Ehrlich, Ben“, sagte ich und wischte mir die Wasserperlen meines Anzugs bis über meine Finger und Zehen, „nach fünf Minuten hier kann ich nicht verstehen, was du am Vertrauensland so schrecklich gefunden hast.“


„Du gewöhnst dich dran“, sagte er ungerührt. „Lass uns aufbrechen, bis zur Sumpfburg ist es noch weit.“


 


Entgegen meiner Vermutung wandte sich Ben jedoch nicht den Stegen der Sumpflandschaft, sondern dem verkrüppelten Wald zu und ich passte genau auf, wohin ich trat, während ich ihm durch das ungesunde Licht hindurch folgte. Anders als in den anderen Ländern, in denen stets die Natur oder Architektur im Mittelpunkt meiner Betrachtungen gestanden hatte, waren es hier eindeutig die kleinen Bewohner. Überall wuselte, brummte, schmatzte und klackerte es vor sich hin. Schwärme von Modermotten flatterten auf, als wir durch das diffuse Licht des Waldes wanderten, und ich spürte nicht nur einmal das Kitzeln kleiner behaarter Beinchen, die über meinen Nacken huschten und versuchten, unter meine Wasserperlen zu schlüpfen. Am liebsten hätte ich mir meinen Anzug bis über das Gesicht gespannt und nur zwei Schlitze für die Augen frei gelassen, aber dafür reichte die Anzahl meiner Wasserperlen einfach nicht aus. Außerdem wäre es ein gefundenes Fressen für Ben gewesen.


Nachdem wir den halben Tag gegangen waren, legte sich die Dämmerung wie eine leichte Decke über den Wald. Das Licht veränderte sich, zuerst wurde es grünlicher, dann kippte es ins Grau und die Geräusche der Bewohner des Ekellandes nahmen zu. Ich hatte mich inzwischen an sie gewöhnt. Die Würmer in der Erde schafften es nicht, an mir hochzukriechen, solange ich in Bewegung blieb. Und das krabbelnde Getier, das mich an Tausendfüßler erinnerte und sich aus den Bäumen herunterfallen ließ, löste auch keine Ekelanfälle mehr aus. Ich versuchte, einfach nicht zu genau hinzusehen, wenn ich sie mit ruckelnden Füßchen und zuschnappenden Greifwerkzeugen von meinen Wasserperlen pflückte. Ein Geräusch, das nach dem Schlagen vieler pelziger kleiner Flügel klang, ließ mein gelbes Licht erstrahlen. Ich duckte mich unwillkürlich und blickte in die Äste der verkrüppelten Bäume hinauf.


„Was ist das, Ben?“


Ben schlenderte weiter den schwarzen Weg entlang und schüttelte den Arm, als der Schleimpfropfen eines dieser geflügelten kleinen Wesen auf ihm landete.


„Das sind Ekelsauger. Sie werden in der Dämmerung aktiv und saugen den Ekel aus einem heraus“, sagte er seelenruhig über die Schulter. „Keine Sorge, solange du einen auf gelbe Laterne machst, bist du uninteressant für sie.“


Ich zog den Kopf in den Nacken und hoffte, dass Ben recht hatte. „Dauert es noch lange, bis wir aus dem Wald herauskommen?“, fragte ich und verzog angewidert das Gesicht, als ich mit dem Fuß in einen schwammigen Pilz trat, der sich unter meinem Gewicht in einen stinkenden Haufen Matsch verwandelte.


„Das kommt darauf an, was du unter ‚lange‘ verstehst“, sagte Ben mit einem hämischen Grinsen über die Schulter.


Als er seinen Kopf zurück nach vorne drehte, schrie ich erschrocken auf. An seinem Nacken klebte ein kleines Ding, das mit rhythmischen Bewegungen an seiner Haut zu saugen schien. Es war schwarz und haarlos und erinnerte mich an eine Fledermaus aus der anderen Welt. Seine ausgebreiteten Flügel hatte es flach auf Bens Nacken gepresst, während es mit großen Schlucken seinen Sinn in sich aufnahm.


„Ben, du hast da was“, presste ich hervor und schlug mir die Hand vor den Mund. Ich hatte nicht geahnt, wie sehr mich der Anblick des Ekelsaugers aus der Fassung bringen würde, doch nun hoffte ich inständig, dass Ben alleine mit dem Vieh fertigwurde. Während der wenigen Herzschläge, die vergangen waren, hatte das Volumen der nackten Fledermaus stetig zugenommen und ihre pelzigen Flügel hingen Ben inzwischen bis zu den Schulterblättern über den Rücken.


Ben schlug mit der Hand auf die Stelle in seinem Nacken und der Ekelsauger verpuffte zu schwarzem Rauch, der sich gleich darauf in der Luft wieder zu einer Art Fledermaus zusammenballte, die keckernd davonflatterte.


Bei dem Gedanken, dass vielleicht in diesem Moment so ein Sauger auch auf mir klebte, schüttelte es mich.


„Das war so widerlich“, keuchte ich und tastete meinen Körper ab. „Hab ich auch so ein Ding auf mir sitzen?“


„Lass mal sehen“, sagte Ben, der stehen geblieben war. „Dreh dich mal.“ Ich drehte mich langsam im Kreis, während ich meine Umgebung argwöhnisch im Blick behielt. „Und jetzt die Arme hoch“, befahl Ben stoisch. Obwohl ich mir blöd vorkam, befolgte ich seine Anweisungen.


„Ich sehe nichts. Vielleicht unter deinem Anzug?“


„Schon gut“, fauchte ich, als ich das verräterische Zucken seiner Mundwinkel bemerkte. Ben wandte sich grinsend um und ich folgte ihm, wütender auf mich selbst als auf ihn. Ich hatte damit gerechnet, dass ich durch den Sinn dieses Landes kurzfristig an Sarkasmus und Arroganz gewinnen würde – doch stattdessen wurde ich zu einer verdammten Tussi, der es vor allem und jedem ekelte.


„Wo ist denn nun diese blöde Sumpfburg?“, maulte ich, als die Dunkelheit hereinbrach und das Flattern pelziger Flügel um uns herum seinen Höhepunkt erreichte.


„Hab Vertrauen, es ist nicht mehr weit“, gab Ben zurück.


„Das ist nicht witzig“, murmelte ich.


Abrupt blieb Ben stehen und ich wäre beinahe in ihn hineingerannt, als er sich zu mir umdrehte.


„Du hast recht“, sagte er mit samtiger Stimme, während um uns herum Schleim aus den Bäumen tropfte. „Es ist nicht witzig. Es ist sehr witzig. Wo ist denn dein ganzes Vertrauen hin?“ In der Dunkelheit konnte ich nicht viel mehr als das Blitzen seiner weißen Zähne sehen, und für einen Moment wünschte ich, er würde einfach eine Art Zauberstab schwingen und uns aus dieser Hölle herausbringen.


„Also wie weit ist es noch?“, drängte ich zu wissen und gähnte.


„Einige Stunden. Vielleicht auch ein paar mehr.“


„Dann sollten wir ein Nachtlager aufschlagen“, sagte ich, obwohl mir bei dem Gedanken, mich auf die schwarze Erde dieses Landes zu legen, alles andere als wohl war.


Ben zuckte mit den Schultern. „Wenn du meinst.“


Ich blinzelte durch die dicht stehenden Bäume. Der unstete Schein eines Lagerfeuers beleuchtete die verdrehten Stämme.


„Sieht so aus, als wären wir nicht die Einzigen im Wald.“


Ben nickte und fixierte einen Baum hinter mir. „Und ich glaube, er mag dich.“


Mit einem unguten Gefühl in der Magengrube drehte ich mich in die Richtung, in die Ben blickte. Der Ekelsauger, der sich an ihm gütlich getan hatte, hing kopfüber von den kahlen Zweigen und glotzte uns aus runden Glupschaugen sehnsüchtig an. Unwillkürlich wich ich einen Schritt zurück und stieß mit dem Rücken gegen Ben.


„Wir sollten ihn Fledi nennen“, schmunzelte er. „Möchtest du ihn nicht streicheln?“


„Wir sollten zu dem Feuer gehen“, murmelte ich mit belegter Zunge.


„Bist du sicher? Was, wenn dort ein Irrer sitzt?“, flüsterte Ben in mein Ohr und ich fühlte, wie sein Atem über meine Haut strich.


„Das wäre ja nicht der Erste“, schnaubte ich und machte, dass ich von Fledi wegkam.


 


Wenig später erreichten wir den Ort des Lagerfeuers; eine idyllische Lichtung, die am Ufer eines kleinen Sees lag. Die acht Monde waren aufgegangen und spiegelten sich auf der glatten Wasseroberfläche, von der ausnahmsweise ein frischer, angenehmer Geruch zu uns herüberwehte.


Zusätzlich roch es nach gerösteten Maiskolben und der Duft ließ mir das Wasser im Mund zusammenlaufen. Kein Wunder, wenn ich bedachte, dass meine letzte Mahlzeit ein paar Sternbaumblätter gewesen waren.


Ein feister Ekelträger, der über und über mit Tätowierungen bedeckt war, saß am Feuer und richtete seine ganze Aufmerksamkeit auf einen Topf, der vor ihm auf dem Boden stand. Als wir auf die Lichtung traten, steckte der schwarze Träger zwei Finger hinein und schloss genießerisch die Augen. Ein Zittern lief dabei über seinen Körper und er stöhnte leise auf. Ich blieb wie angewurzelt stehen, da ich das Gefühl hatte, ihn in einem höchst intimen Moment zu stören.


„Vielleicht sollten wir uns doch einen anderen Platz zum Schlafen suchen“, zischte ich Ben zu und wandte mich halb ab.


„Nun hab dich nicht so“, erwiderte Ben und machte einen Schritt auf den Ekelträger zu.


Ich hielt ihn am Arm zurück. „Bist du echt so hungrig?“


„Hast du etwas anderes als Trockennahrung dabei?“, fragte Ben zurück und ich hörte, wie sein Magen vernehmlich knurrte.


Als der schwarze Träger unser Gezanke hörte, zog er die Finger aus dem Topf und leckte sie langsam ab, bevor er uns mit der anderen Hand langsam zu sich winkte. Ein Schauer rann über meinen Körper und ich vergaß meinen Hunger, als ich mir vorstellte, was er sich da vielleicht gerade von den Fingern leckte.


„Ah, Wanderer“, sagte der schwarze Träger, als wir näher kamen. „Auf dem Weg zur Sumpfburg?“


„Wie kommst du darauf?“, fragte ich und versuchte, mir mein Unbehagen nicht anmerken zu lassen.


„Sind nicht alle auf dem Weg zur Sumpfburg?“ Er wies mit einer einladenden Geste auf sein Lager und lächelte uns an. „Nehmt Platz, ihr seht müde aus. Wollt ihr etwas essen?“


„Klar“, sagte Ben und ließ sich mit einem Seufzer auf die schwarze Erde fallen. „Was hast du denn?“


„Einen Topf mit destilliertem Ekelschleim, aber der ist nicht jedermanns Sache. Und ich hab das da.“ Der tätowierte Sinnträger zeigte ins Feuer und kratzte sich am Kopf. „Keine Ahnung, was es ist. Ich hab es irgendwo unterwegs aufgelesen und dachte mir, es könnte nicht schaden, es mal zu kosten. Jedenfalls riecht es lecker.“


Ben und ich wechselten einen Blick. Das Ding, das er über dem Feuer röstete, sah aus wie eine vergorene Banane – und trotz des ansprechenden Geruchs war ich nicht mehr so scharf darauf, als Erste davon zu kosten.


„Ich fülle mal unsere Wasservorräte auf“, sagte ich und machte Anstalten, zu dem See hinüberzugehen.


„Das würde ich an deiner Stelle nicht tun“, sagte der schwarze Träger und strich mit einem Finger über den Rand des Topfes vor ihm, der mit einer Art fluoreszierendem Schleim gefüllt war.


„Wieso?“, fragte ich und fühlte, wie meine Linien sich erwärmten.


„Besser für dich, glaub mir“, sagte der Ekelträger und griff in den Topf. Sofort wurde sein Körper von einem Schauder durchzogen.


„Was machst du da eigentlich?“, fragte ich und schaffte es nicht ganz, den Abscheu aus meiner Stimme rauszuhalten.


„Ich bade in meinem Sinn“, seufzte der schwarze Träger. „Man nennt mich übrigens Xrambald.“


„Lee“, sagte ich und beobachtete, wie der Ekelsauger, den Ben „Fledi“ getauft hatte, über die Lichtung flatterte und sich auf Xrambalds breitem Rücken niederließ. Der tätowierte Träger schubste Fledi weg und der Sauger verpuffte zu schwarzem Rauch.


„Ben“, stellte sich Ben ebenfalls vor.


„Ben, soso.“ Xrambald öffnete die Augen, die er vor Vergnügen – oder Abscheu – beim Kontakt mit dem Schleim geschlossen hatte, um einen Spalt. „Dein Sinn lebt stark in dir, mein Junge. Was machst du beruflich?“


„Ich bin Reisender“, presste Ben hervor und vermied den Blick in meine Richtung. „Und du?“


Ich setzte mich zu den beiden ans Feuer und runzelte die Stirn. Wieso reagierte Ben so seltsam auf diese harmlose Frage?


„Ich bin Künstler.“ Lächelnd breitete Xrambald die tätowierten Arme aus. „Genauer gesagt: Schriftsteller. Ich reise durch die Länder und sammle Eindrücke, die ich in lyrischen Werken verarbeite.“


Ich nickte höflich und unterdrückte ein Gähnen. Die Wärme des Feuers machte mich noch schläfriger – und die Flammen schienen das krabbelnde Getier fernzuhalten. Am liebsten hätte ich mich auf der schwarzen Erde ausgestreckt und die Augen zugemacht. Mit geschlossenen Augen ließ es sich auch leichter von der vergorenen Banane kosten, die nach Mais roch.


„Ich war schon überall in der sinnlichen Welt, nur noch nicht bei unseren Lebensspendern“, sprach Xrambald weiter. „Vielleicht nimmst du mich ja mal mit zu den Menschen und Tieren?“, fragte er Ben.


„Nö“, erwiderte dieser knapp und hielt seinen Kopf gesenkt.


Ich warf Ben einen prüfenden Blick zu.


„Na ja, jeder, wie er mag“, sagte Xrambald und stocherte mit einem Ast im Feuer. „Wird sich schon mal ergeben. Ich war sogar schon in der Sumpfburg, um die Genehmigung für eine Reisendenprüfung zu bekommen, aber das wollten sie mir nicht erlauben. Sagten, ich solle mich aufs Künstlersein beschränken. Sagten, das wäre ja noch schöner, wenn jeder dahergelaufene Sinnträger zu einer Reisendenprüfung antreten könnte.“ Seine schwarze Zeichnung, die mich an verschnörkelte Buchstaben erinnerte, erglühte. „Strenge Zeit, furchtbar strenge Zeit, sage ich euch. Inzwischen haben sie sogar ein Strafgefangenenlager für die Sinnträger angelegt, die unerlaubt die Sumpfburg betreten.“


„Da warst du wahrscheinlich auch schon, wenn du alle Orte der sinnlichen Welt bereist hast“, sagte Ben missmutig und schielte auf die Banane, die noch immer auf einem Stöckchen über dem Feuer hing.


„Natürlich“, sagte Xrambald und nickte.


„Als Besucher oder als Gefangener?“, fragte ich.


Der schwarze Träger richtete seine glänzenden Augen auf mich. „So etwas fragt man nicht, Wächterin.“


„Tut mir leid“, sagte ich. „Das sollte nicht respektlos klingen.“


„Schon gut“, murrte Xrambald, holte endlich die Banane aus dem Feuer und legte sie zum Auskühlen auf einen flachen Stein. „Das Gefangenenlager kann ich nicht empfehlen. Da stecken sie die ganzen Sinnträger hin, die unerlaubt ihre Nase ins Ministerium gesteckt haben. Nur noch schwarze Träger dürfen rein.“


„Aber warum?“, fragte ich mit gerunzelter Stirn.


„Keine Ahnung, da musst du schon Arkadius fragen“, antwortete Xrambald. „Ich glaube, dass er einfach nur nach kostenlosen Arbeitskräften sucht, um mehr Geld fürs Land heranzuschaffen. Ihr wisst ja, in den Gefangenenlagern wird destillierter Ekelschleim gewonnen und teuer verkauft.“ Er machte eine kurze Pause. „Teuer deshalb, weil es eine unglaublich widerwärtige Angelegenheit ist, das könnt ihr mir glauben.“ Er schnalzte mit der Zunge und schüttelte sich.


Ich blickte auf den großen Topf zwischen Xrambalds Beinen. „Destillierter Ekelschleim“, wiederholte ich leise und ein kühler Schauer jagte mir über den Rücken.


Xrambald nickte und hielt mir den Topf hin. „Mal probieren?“


„Nein, danke“, lehnte ich höflich ab.


„Ist nicht jedermanns Sache, den Sinn so stark zu fühlen“, räumte er ein und tunkte einen Finger in den Schleim, „doch für mich bedeutet es Geborgenheit und Heimat.“


„Schön gesagt“, ließ sich Ben vernehmen. „Wollen wir jetzt die Banane kosten?“


„Klar“, sagte Xrambald und teilte das Ding in drei gleich große Stücke.


„Wie wird der Ekelschleim denn gewonnen?“, fragte ich, weil es mich wirklich interessierte.


„Das willst du nicht wissen“, sagte Ben grinsend und biss in sein Bananen-Mais-Ding. Der Gesichtsausdruck, den er im nächsten Moment machte, ließ darauf schließen, dass der Geschmack mit dem Geruch nicht mithalten konnte.


„Oh“, sagte auch Xrambald und legte sein angebissenes Stück zurück. „Der Versuch ist wohl gescheitert.“ Eine Welle des Ekels überlief seinen Körper und Fledi pirschte sich mit gierigen Augen immer näher heran, um Xrambalds Sinn aufzusaugen.


„Vorsicht“, sagte ich, doch da schoss Xrambalds tätowierter Arm auch schon in die Höhe und er fing Fledi im Flug.


„Wenn man den Sauger an seinen engelhaften Flügelchen packt, kann er nicht verpuffen“, erklärte mir Xrambald und drehte Fledi so herum, dass ich seinen wabbeligen Bauch sehen konnte. Er war durchscheinend und schien mit einer leuchtenden Flüssigkeit gefüllt zu sein. „Da drin ist der Schleim. Kann man raussaugen“, erklärte Xrambald und presste seine Lippen auf Fledis Bauch. Sofort begann der Ekelsauger, herzzerreißend zu fiepen. „Keine Sorge, ich mach’s ja nicht“, murrte Xrambald und ließ Fledi los. „Ist ja nicht so, als ob es Spaß macht.“


Ich schluckte und versuchte, mir nicht vorzustellen, in naher Zukunft Ekelschleim aus den Bäuchen von Riesenfledermäusen saugen zu müssen, weil ich unerlaubt in die Sumpfburg eingedrungen war.


Das Gespräch plätscherte noch ein wenig dahin, bis wir schließlich alle unserer Müdigkeit nachgaben. Und obwohl ich das Gefühl hatte, mit dem Wissen, dass ein Ekelsauger nur wenige Schritte entfernt an einem Baum hing, keinesfalls einschlafen zu können, gelang es mir doch erstaunlich leicht.


 


Als ich im Morgengrauen aufwachte, sah ich als Erstes die Silhouette von Xrambald, der anscheinend im Sitzen schlief, und rechts und links von seinen Schultern die riesigen Flügel von Fledi, der sich in der Nacht offenbar am Sinn des Ekelträgers gütlich getan und nun die Größe eines kleinen Flugsauriers erreicht hatte.


Mit einem Schrei sprang ich auf und weckte damit Ben, der ebenfalls schlaftrunken auf die Beine kam.


„Was ist los?“, keuchte er und rieb sich die Augen.


„Nichts … ich bin nur … sorry“, murmelte ich verstört und beobachtete, wie sich Xrambald in aller Ruhe streckte und den Ekelsauger mit einer nachlässigen Handbewegung verscheuchte. „Seid leise, wenn ihr geht“, schmatzte er schlaftrunken, „ich bin kein Frühaufsteher.“


 


Ohne weiteren Lärm zu verursachen, setzten wir unseren Weg fort und erreichten wenig später die Sumpfburg. Sie erhob sich auf einer freien Fläche außerhalb des Waldstückes. Ihren Namen hatte sie sich redlich verdient, denn ein stinkender Burggraben umgab die gezähnte Mauer, aus deren zahlreichen Gusslöchern sich eine widerliche, dampfende braune Masse ergoss. Ich rümpfte die Nase und ließ meinen Blick über die unterschiedlich hohen Türme der Festung gleiten. Trutzig erhoben sie sich in den düsteren Himmel und an ihren Spitzen wehten schwarze Fahnen, die das Symbol der Unendlichkeit, das Zeichen der Templer, trugen.


„Ehrlich, Ben“, flüsterte ich ihm zu, während ich darauf achtete, im Schatten der Bäume zu bleiben, „das ist so ziemlich der widerlichste Geruch, den ich je gerochen habe. Im Vergleich hierzu kommt der Wutwassergeysir ja fast schon einem Spa-Aufenthalt gleich.“


Ben sah mich von der Seite an und ein kurzes Lächeln glitt über sein Gesicht. „Siehst du die beiden Ekelträger dort?“, fragte er dann.


Ich blickte auf die heruntergelassene Zugbrücke und nickte. Zwei schwarze Träger mit langen, fettigen schwarzen Haaren standen vor dem großen Eingangstor und kontrollierten jeden Sinnträger, der die Burg betreten wollte. Dabei stritten sie unentwegt und ich erinnerte mich, sie mit Jesper beim magischen Portal im Wutland schon einmal gesehen zu haben.


„Die achten darauf, dass nur schwarze Träger hineinkommen“, kommentierte Ben das Offensichtliche. „Ich schlage vor, dass ich allein gehe und nach dem Lichtstein suche. Du wartest hier.“


„Kommt gar nicht infrage“, brauste ich auf. „Wir haben bisher alles zusammen geschafft, wir werden uns jetzt nicht trennen.“ Fledi flatterte hinter uns näher; ich hörte das vertraute Knattern seiner pelzigen Flügel und warf dem Ekelsauger einen scharfen Blick zu. Er riss die untertellergroßen Augen auf und verpuffte zu schwarzem Rauch.


„Hör zu, wir sind hier in keinem Teenie-Horrorfilm aus der anderen Welt“, sagte Ben ungeduldig. „Wir können uns trennen, ohne dass etwas Schlimmes passiert. Vertrau mir.“


„Pah“, entfuhr es mir. „Dir vertrauen? Also mit Vertrauen hast du es bekanntlich ja nicht so. Ich weiß genau, dass du mir irgendetwas verheimlichst, du kannst mir nichts vormachen.“


Ben erstarrte und seine Miene gefror zu Eis. Ich biss mir auf die Lippen und wünschte, ich hätte nachgedacht, bevor ich die Worte herausposaunt hatte. Es lag am Sinn dieses Landes; er brachte nicht meine besten Seiten zum Vorschein. Obwohl es durchaus der Wahrheit entsprach. Ich vertraute Ben in dieser Hinsicht wirklich nicht.


„Was schlägst du vor?“, fragte Ben kalt und steckte die Hände in die Hosentaschen. „Deine Gesichtszeichnung schwarz färben, damit du als Ekelträgerin durchgehst?“


Ich atmete tief durch. „Über die Brücke schaffen wir es nicht hinein. Wir müssen einen anderen Weg suchen.“


„Wie du meinst“, sagte Ben. „Auf dein Risiko, Wächterin.“


Geduckt schlichen wir am Rand des Waldes entlang, bis wir die Rückseite der Sumpfburg erreicht hatten. Eine einzige, halb gerissene Hängebrücke spannte sich von der schlammigen Erde über den Blasen schlagenden Burggraben, dessen ekelhafter Geruch boshaft in unsere Nasen kroch.


„Was soll das?“, fragte ich flüsternd und deutete auf die Brücke. Sie endete direkt an der Außenmauer der Sumpfburg – ich sah keine Tür, kein Loch und kein Fenster, durch das wir hineinkämen. „Ist das eure Art von Humor?“


„Die Hängebrücken werden schon lange nicht mehr benutzt“, erklärte Ben gedämpft und maß die Konstruktion mit einem angewiderten Blick. „Früher war es eine Art Mutprobe für Ekelträger, sich direkt durch die schlammigen Mauern zu drücken und auf diese Weise in die Burg zu arbeiten. Doch die meisten Brücken sind gerissen und manche schwarze Träger liegen heute noch auf dem Grund des Grabens. Der Schlamm ist tückisch; manche wurden von seinem Gestank so betäubt, dass sie darin erstickt sind. Irgendwann wurde entschieden, die Brücken nicht mehr instand zu setzen, weil Arkadius etwas dagegen hatte, gute Arbeitskräfte an den Schlamm zu verlieren.“


Ich atmete so tief durch, wie ich mir bei dem widerwärtigen Gestank zutraute. „Und sonst gibt es keinen Weg hinein?“, fragte ich leise.


„Keinen, den ich kenne.“


„Na, dann los“, sagte ich. Ich bückte mich, rieb mir etwas schwarze Erde auf meine Zeichnung und strich mir mein Haar zurück. Ich glaubte nicht, damit jemanden ernsthaft täuschen zu können, aber aus der Ferne würde man mich im ersten Moment vielleicht für eine schwarze Trägerin halten.


Rasch liefen Ben und ich vom Waldrand zu der schaukelnden Hängebrücke. Sie sah nicht sehr stabil aus und verbreitete einen modrigen Gestank. Vorsichtig belastete ich mit meinem Fuß das grobmaschige Netz. Sofort ächzten die Seile gequält auf und die braunen, stinkenden Blasen im Burggraben blubberten lauter.


„Langsam und vorsichtig oder schnell und stürmisch?“, fragte Ben mit hochgezogener Augenbraue.


Ich schüttelte den Kopf. „Keine Ahnung“, murmelte ich. „Lass es uns einfach hinter uns bringen.“


So schnell und vorsichtig wir konnten, liefen wir über die Seile. Die Hängebrücke ächzte bedrohlich und begann unter unseren Bewegungen wild zu schwanken. Als wir die Hälfte geschafft hatten, hörte ich ein reißendes Geräusch und sackte mit dem Fuß ins Leere. Instinktiv warf ich mich nach vorne. Da, wo eben noch ein Strick gewesen war, klaffte nun ein Loch, und noch während ich keuchend in den Seilen hing, spürte ich, wie sich immer mehr Verknüpfungen langsam aufdröselten. Ben war knapp hinter mir und rettete sich mit einem gewaltigen Sprung, der ihn zu mir brachte. Als sein Gewicht die Stricke belastete, riss wieder ein Tau und wir baumelten, an einer letzten Querverbindung hängend, direkt über dem achtzehn Meter tiefen Abgrund.


„Jetzt besser nicht nach unten sehen“, quetschte Ben zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor und machte einen gewaltigen Klimmzug nach oben. Ich mobilisierte meine letzten Kräfte und gemeinsam schafften wir es irgendwie, über die verbliebenen Maschen nach oben zu klettern, bis wir das Ende der Brücke erreicht hatten. Sie war direkt an dem schlammverkrusteten Stein befestigt und ich klammerte mich an den Tauen fest, als ich einen vorsichtigen Blick hinter mich warf. Auf diesem Weg kamen wir jedenfalls nicht zurück, so viel war klar. Der Großteil der Seile in der Mitte war gerissen, es blieb uns also nur der Weg nach vorne.


„Bitte sag mir, dass du weißt, wie wir durch die Mauer kommen“, sagte ich und versuchte die schwindelerregende Höhe, in der wir uns befanden, zu ignorieren.


„Theoretisch“, murmelte Ben und betastete die Mauer vor uns.


„Theoretisch?“, wiederholte ich beunruhigt. „Ich will ja nicht ätzend sein, aber praktisch wäre mir lieber.“


„Ich glaube, wir müssen einfach nur wollen“, murmelte Ben wie zu sich selbst und steckte die Finger seiner Hand in die schlammverkrustete Wand. „Es funktioniert!“ Er grinste, wurde im nächsten Augenblick aber ernst. „Scheiße, ist das widerlich.“ Mit diesen Worten packte er meine Hand und zog mich mit sich durch die Mauer der Sumpfburg.


 


Es war eine unglaublich widerwärtige Angelegenheit. Sobald ich mit der matschigen, warmen Masse in Berührung gekommen war, spürte ich, wie sich ein ekelhafter Geschmack in meinem Mund ausbreitete und von dort in meine Kehle kroch. Mit angehaltenem Atem quälten wir uns Stück für Stück durch den warmen Brei, der mich an eine Mischung aus Fäkalien und Erbrochenem erinnerte. Es schien ewig zu dauern, und als wir die Mauer auf der anderen Seite durchbrachen, schnappte ich gierig nach Luft.


„Das war so ziemlich das Widerwärtigste, was ich je getan habe“, keuchte ich zwischen zwei Atemzügen und Ben, der neben mir auf dem Rücken lag, warf mir einen undefinierbaren Blick zu. „Jesper zu küssen mit eingeschlossen?“


Ich verdrehte die Augen und kam auf die Beine. Wir befanden uns in einem kleinen, schmucklosen Raum, aus dem nur eine Tür hinausführte. Es gab keine Möbel, sondern lediglich drei düstere Wandteppiche, die die Sumpfburg aus verschiedenen Perspektiven zeigten. Kaum hatte Ben seine Hand auf die Türschnalle gelegt, ging ein Alarm los.


„Mist“, murmelte ich. „Hast du einen Plan, wie es von hier aus weitergeht?“


Ben blickte sich gehetzt um. Sein Gesicht sah besorgt aus. „Es war ein Fehler, dich mitzunehmen“, knurrte er. „Wenn sie uns hier finden, stecken sie dich ins Gefangenenlager.“


 


„Dann sollten sie uns besser nicht finden“, fauchte ich zurück und erstarrte, als ich die näher kommenden Schritte zweier Sinnträger hörte.


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