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Fantasy Bücher
Buch Leseprobe Acht Sinne - Band 2 der Gefühle, Rose Snow
Rose Snow

Acht Sinne - Band 2 der Gefühle



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Kapitel 1


 


„Heilige Wachsamkeit! Hier siehts ja aus, als ob ein Sandsturm durchs Zimmer getobt wäre!“ Der Manager des Turms der Achtsamkeit schlug theatralisch die Hände vor dem Gesicht zusammen und besah sich kopfschüttelnd das Szenario.


Ich lehnte mich müde an die Wand und rückte den Schultergurt meiner Provianttasche zurecht.


„Schon gut“, murmelte ich. „Ich bezahle die Reinigung. Sag mir einfach, wie viel es kostet.“


Der Manager strich sich über das Kinn und ein verschlagener Ausdruck huschte über sein Gesicht.


„Nun, ich fürchte, für meinen Aufwand muss ich dir fünfunddreißig Währungsblätter berechnen.“


„Fünfunddreißig?“, wiederholte ich entrüstet und spürte meine Gesichtslinien heiß werden. „Das ist nicht dein Ernst.“


„Hast du eine Ahnung, wie lange es dauert, den ganzen Sand wieder aus allen Ritzen zu bekommen?“, fragte er mich anklagend. „Ich sage fünfunddreißig Blätter und keines weniger!“


Ich starrte ihn an. Seine Augen funkelten gerissen und ich spürte deutlich, dass er versuchte, mich übers Ohr zu hauen. Konzentriert legte ich meine Finger auf die Wange und verband mich mit meinem Sinn.


Wie beim letzten Mal hatte ich das Gefühl, ein gelber Schleier legte sich über die Welt. Die Konturen in dem kleinen Raum gewannen an Klarheit und wurden gestochen scharf. Ich sah jeden Riss in der weißen Holzmaserung der Betten, jeden Farbspritzer auf der goldenen Wand und jedes Sandkorn auf dem schmutzigen Boden. Na los, bewegt euch, verlangte ich innerlich und starrte angestrengt auf ein Häufchen Sand, das sich unter meinem Blick leicht zu kräuseln begann.


„Was wird das denn?“, schnappte der Manager gereizt. Ich presste weiterhin die Finger gegen meine Wange und ignorierte ihn. Wenn es mir gelänge, den Sand selbst aus allen Ritzen zu bekommen, konnte er mir unmöglich fünfunddreißig Blätter verrechnen. Und das war wichtig, denn so viel Geld hatte ich nicht mehr.


Die Magie pulsierte pochend durch meinen Körper und erfüllte mich mit gelber Hitze. Ich befahl dem Sand, sich zu erheben, stellte mir vor, wie er in die Höhe flog und aus dem Zimmer schoss, doch außer dem sanften Kräuseln passierte nichts. Angespannt kniff ich die Augen zusammen und versuchte, die Magie zu zwingen, mir zu gehorchen, doch es war, als versuchte man, mit nassen Händen ein rutschiges Stück Seife festzuhalten. Je mehr ich mich bemühte, desto schneller flutschte sie davon.


Frustriert stieß ich die Luft aus und riss die Hand von meiner heißen Wange. Je länger ich vergeblich versuchte, die Magie unter meine Kontrolle zu bringen, desto stärker brannten meine Fingerspitzen.


Der Manager betrachtete mich noch immer feindselig, doch als er begriff, dass ich aufgegeben hatte, schlich sich ein zufriedenes Lächeln in sein Gesicht.


„Fünfunddreißig Blätter also“, fasste er die Situation zusammen.


Ich atmete tief durch.


„Zehn“, sagte ich fest. „Für einen gelben Träger, der darin geübt ist, Sand zu beherrschen, ist es ein Leichtes, hier Ordnung zu schaffen.“


„Ach ja?“, echauffierte sich der Manager. „Und wie viele Wachsamkeitsträger beherrschen diese Fähigkeit? Denkst du, die Wächter aus dem Ministerium kommen hierher, um bei mir aufzuräumen?“ Mit einer theatralischen Bewegung riss er eine der Bettdecken hoch und glitzernder Sand rieselte auf die darunterliegende Matratze.


„Zehn“, wiederholte ich bestimmt. „Gestern hat mein Begleiter eine Tränenmassage von einer Trauerträgerin namens Charleen erhalten. Wusstest du, dass die Wächter Charleen ihre Lizenz für Tränenmassagen entzogen haben? Ihr Etablissement in der Schwarzweißen Stadt wurde deshalb gesperrt. Und das bedeutet“, ich trat einen Schritt auf ihn zu, „dass du in deinem Turm illegal arbeitende Sinnträger beschäftigst.“


„Was? Nein! Davon wusste ich doch gar nichts!“, stotterte der Manager.


Ich sah ihm fest in die Augen. „Das ist unerheblich. Ich sehe schon eine fette Geldstrafe und jede Menge Papierkram auf dich zukommen.“


Der Sinnträger leckte sich nervös über die Lippen.


„Wir können uns sicher einigen“, sagte er nach einer kurzen Pause.


Ich sah ihn aufmerksam an. „Möglicherweise.“


„Mit fünfzehn Blättern komme ich dir schon sehr entgegen.“


„Zwölf“, sagte ich und griff in meine Tasche.


Der Manager zögerte noch einen Moment. „Also gut. Zwölf“, schnaubte er schließlich und schnappte nach meinem letzten Geld, das ich ihm entgegenhielt.


Als ich aus dem Turm der Achtsamkeit hinaus in die sengende Sonne trat, schloss ich für einen Moment die Augen. Seit ich auf diese Welt gekommen war, lief nichts so, wie ich es mir vorgestellt hatte – und nun stand ich hier, mit buchstäblich nicht mehr als dem, was ich am Körper trug und fühlte mich schrecklich. Simeon war tot, die Spinner ebenso und der grüne Lichtstein war im Besitz der Totaa. Und Ben hatte mich verlassen. Was sollte ich nun tun? Allein nach dem gelben Wächter suchen, den ich während Cleos Tränenlesung gespürt hatte?


Ich schluckte trocken und mir wurde die Aussichtslosigkeit meines Unterfangens bewusst. Hatte Ben recht? Hatte ich mir alles nur eingebildet? Hatten mich meine Schuldgefühle nach jedem Strohhalm greifen lassen, selbst wenn keiner mehr vorhanden war? Hatte mich mein Wächterinstinkt im Stich gelassen? So schwer es mir fiel, musste ich mir eingestehen, dass ich tatsächlich nichts in der Hand hatte.


Ein leises Rascheln erregte meine Aufmerksamkeit und ich drehte mich in seine Richtung. Neben dem Wasser spuckenden Brunnen richtete sich eine Frau vom Boden auf und versteckte rasch etwas hinter ihrem Rücken. Es war die rote Trägerin, die dem Wächter die Fußmassage gegeben hatte. Ich runzelte die Stirn und betrachtete das Büschel Gras mit den gelben Blumen zu ihren Füßen. Hatte sie da eben eine davon gepflückt?


„Du bist eine, oder?“ Die Spuckemasseuse mit den roten Haaren kam etwas näher und starrte mich aus erweiterten Pupillen eindringlich an. Dabei glommen ihre roten Gesichtslinien.


„Ich bin eine was?“, fragte ich und zog eine Augenbraue hoch.


„Du bist eine.“ Ihre Gesichtsmuskeln zuckten mehrmals wie elektrisiert. „Eine Wächter-Anwärterin.“


Ich kniff die Augen zusammen. Irgendetwas stimmte nicht mit der dünnen Frau.


„Das ist richtig“, sagte ich langsam.


Sie schüttelte den Kopf. „Richtig? Nichts ist richtig“, fauchte sie. „Die Wächterprüfung ist schon morgen. Die anderen trainieren schon die ganze Zeit. Und du? Stehst hier rum und bringst uns einen Sandsturm ins Haus. Sandstürme vertreiben uns die Kundschaft, das können wir hier nicht gebrauchen, keiner von uns.“ Sie gestikulierte wild und ich erkannte gelbe, zerriebene Blütenblätter zwischen ihren Fingern.


Als sie meinen Blick sah, hielt sie erschrocken die Luft an und versteckte die Hände rasch wieder hinter ihrem Rücken.


„Schon gut“, sagte ich. „Noch bin ich ja keine Wächterin.“ Genau wusste ich nicht, was sie da zwischen den Fingern hielt, aber mein Instinkt sagte mir, dass es sich dabei um Sinnesschärfer handeln musste. Das würde auch die erweiterten Pupillen und die fahrigen Bewegungen erklären.


„Weißt du, wie ich zum nächsten magischen Portal komme, das mich zur Pyramide der Wachsamkeit bringt?“, fragte ich und versuchte das nagende Gefühl in meinem Bauch zu ignorieren, das ihre Worte ausgelöst hatten. Die Wächterprüfung war schon morgen? Und die anderen trainierten alle schon dafür?!


„Das nächste magische Portal ist etwa fünfhundert Schritte da entlang“, sagte sie und deutete eine breite Straße aus Glas hinunter.


Ich atmete erleichtert auf.


„Allerdings ist es schon seit Wochen kaputt“, zischte sie und kratzte sich hektisch am Kopf, während ihre Augen wild hin und her huschten. Ich versuchte ruhig zu bleiben.


„Und das nächste funktionierende magische Portal?“, fragte ich. „Wo ist das?“


Sie schnaubte. „Das ist eine Tagesreise entfernt. Nützt dir aber nichts, weil kein magisches Portal direkt zur Pyramide führt.“


Ich fühlte mein Herz in die Hose sinken. „Das heißt, ich muss zu Fuß zum Ministerium gehen?“


Sie schüttelte wegwerfend den Kopf. „Der Weg bis zur Wachsamkeitspyramide ist viel zu weit. Folgst du den befestigten Pfaden, dauert das zwei Tage.“


„Zwei Tage?“, hauchte ich und schluckte trocken. Was würde passieren, wenn ich nicht rechtzeitig zu meiner Prüfung kam? Durfte ich dann auf den nächsten Termin warten? Und was machte ich so lange ohne Blätter?


„Und wenn ich direkt durch die Wüste gehe?“, fragte ich und schirmte meine Augen gegen die Sonne ab. Von hier aus sah die reflektierende Spitze der Pyramide gar nicht so weit entfernt aus und ich dachte daran, dass ich vor Kurzem sowieso durch die Wüste hatte gehen wollen. Egal was passierte, ich durfte die Wächterprüfung keinesfalls verpassen.


Die Masseuse lachte. „Wenn du dich traust.“ Sie kam einen Schritt näher und legte wie ein Vogel den Kopf schief. „Ich habe schon lange niemanden mehr durch die Wüste gehen sehen. Dieser Weg erfordert größte Wachsamkeit. Du darfst nicht schlafen. Und deine Aufmerksamkeit darf niemals nachlassen.“


„Was passiert, wenn meine Aufmerksamkeit nachlässt?“, fragte ich und blickte zu den Sanddünen, die sich wie lebende Tiere langsam durch die endlose Weite bewegten.


Ihre dottergelben Augen starrten mich an, ohne ein einziges Mal zu blinzeln. „Probier es besser nicht aus.“ Sie schien einen Moment zu überlegen, dann holte sie ihre Faust hinter dem Rücken hervor und hielt mir eine Handvoll zerriebener Blumen hin. „Hier. Wirst du vielleicht brauchen.“ Und bevor ich noch ein Wort sagen konnte, drehte sie sich um und verschwand im Turm der Achtsamkeit.


Ich betrachtete die Blütenblätter in meiner Hand. Es waren wilde Wachsamkeitsblumen. Man konnte sie getrocknet rauchen oder die frischen Blumen einfach im Mund zerkauen. Manche zerdrückten auch die Blüten, um sich den Saft in die Augen zu reiben – so wie es die Wutträgerin getan hatte.


Dank meiner geschenkten Erinnerungen wusste ich, dass es verboten war, Sinnesschärfer ohne entsprechende Genehmigung einzusetzen, da ihre Auswirkungen oft fatal waren. Dennoch steckte ich die Blumen nach kurzem Zögern zu meinem Proviant. Ich wusste schließlich nicht, was mich in der Wüste erwartete und die Warnung des grauhaarigen Wächters tauchte in meinen Gedanken auf. Für den Besitz von Wachsamkeitsblumen verhaftet zu werden, war immer noch besser, als gesetzestreu und tot zu sein.


Ein Anflug von Unbehagen überkam mich, als ich über den großen Platz ging und an den Rand der Wüste trat. Der Wind blies mir den heißen Sand in die Augen und ich drehte blinzelnd den Kopf zur Seite. Wenn ich diesen Weg nahm, brauchte ich unbedingt Wasser. Mit raschen Bewegungen öffnete ich meine Tasche und holte den Trinkbeutel daraus hervor. Er enthielt noch immer das Wasser aus dem Trauerland. Ich schüttete es in den Sand und ging zu dem Wasser spuckenden Brunnen, wo ich meine Vorräte auffüllte. Als mein Beutel voll war, trank ich davon so viel ich konnte und füllte ihn ein zweites Mal bis zum Rand mit Wasser.


Dann trat ich zurück an den Rand der Wüste. Sie sah wild und ungezähmt aus, was sie in meinen Augen wunderschön machte. Dennoch wusste ich, dass ich sie nicht unterschätzen durfte. Die Sonne wanderte am Himmel höher und die Luft erwärmte sich um drei Grad. Höchste Zeit, endlich aufzubrechen. Ich fasste mein Ziel ins Auge, setzte meinen Fuß in den heißen Sand und marschierte los, ohne mich noch einmal umzusehen.


Die erste Stunde gelang es mir gut, konzentriert zu bleiben. Aufmerksam behielt ich die Dünen im Auge, die sich wie riesige Landwale träge über die Landschaft wälzten. Es schien jedoch keine Gefahr von ihnen auszugehen und ich begann mich zu fragen, ob die Spuckemasseuse mir einfach nur Angst machen wollte, als sie behauptet hatte, der Weg erforderte meine allergrößte Wachsamkeit. Abgesehen von der Hitze war die Wanderung beinahe angenehm, und ich genoss die Stille und die Einsamkeit um mich herum. Während die Zeit dahinfloss, wanderten meine Gedanken wiederholt zu Ben. Es ärgerte mich, dass er sich bei der erstbesten Gelegenheit aus dem Staub gemacht hatte, aber andererseits hatte ich mir auch nichts anderes von ihm erwartet. Ben dachte nur an sich selbst, Ben mochte nur sich selbst und für eine Handvoll Blätter würde er über Leichen gehen. Ich leckte mir über die Lippen, die sich schon nach dieser kurzen Zeit rau und rissig anfühlten, und warf einen Blick in den Himmel. Die Sonne hatte noch lange nicht ihren Höchststand erreicht, trotzdem hatte die Hitze bereits so zugenommen, dass ich das Gefühl hatte, bei lebendigem Leib geröstet zu werden. Ich wischte mir den Schweiß von der Stirn und konzentrierte mich auf den Weg, der vor mir lag. Nichts als Dünen und Sand, soweit das Auge reichte. Nichts als trostlose Eintönigkeit und eine Pyramide, die kein bisschen näher zu rücken schien. Ich blieb für einen Moment stehen und nahm meine ausgestreckte Hand als Maßstab. Kam ich wirklich so langsam voran, wie es aussah? Oder hatte ich mich beim ersten Maßnehmen geirrt?


Ich setzte mich wieder in Bewegung. Schon nach kurzer Zeit fühlte sich meine Zunge pelzig an und meine Glieder wurden bleischwer. Wann hatte ich am Brunnen getrunken? Dem Stand der Sonne nach zu urteilen, war es erst vor wenigen Stunden gewesen. Trotzdem brauchte ich jetzt einen Schluck Wasser. Zumindest einen kleinen. Schwankend öffnete ich die Schnallen meiner Tasche, setzte den Wasserbeutel an meine Lippen und trank.


Eine sanfte Bewegung unter meinen Fußsohlen ließ mich innehalten. Der Sand kitzelte meine Haut und plötzlich rutschte ein Stück davon unter mir weg. Erschrocken hüpfte ich zur Seite und verschüttete dabei etwas von dem kostbaren Nass.


Verdammt. Was war das gewesen? Meine Augen suchten den Wüstensand ab, der völlig ruhig vor mir lag, als ob ich mir das eben nur eingebildet hätte. Meine Wachsamkeitslinien erglühten. Ich packte den Trinkbeutel weg und setzte vorsichtig einen Fuß vor den anderen. Der Durst kehrte nach kürzester Zeit zurück, doch ich ignorierte ihn so gut ich konnte und marschierte Stunde um Stunde weiter. Einfach nur vorwärts, auf die Pyramide zu. Einmal kreuzte eine riesige Wanderdüne meinen Weg und ich konnte wählen, ob ich sie umrunden oder über sie hinwegklettern wollte. Ich entschied mich fürs Klettern. Kurz vor dem Kamm der Düne verließen mich meine Kräfte. Es war so heiß, dass meine Fußsohlen bei jedem Schritt brannten und in meinen Schläfen pochte ein erbarmungsloser Schmerz. Weitergehen, einfach weitergehen, redete ich mir selbst gut zu, immer einen Schritt vor den anderen setzen und nicht die Konzentration verlieren. Ich wiederholte dieses Mantra noch, als ich bereits mit Händen und Knien im Sand lag und nach Atem rang. Ich konnte nicht mehr weitergehen. Mein Durst war so stark, dass ich das Gefühl hatte, vor Tagen das letzte Mal getrunken zu haben. Kurz befiel mich der schreckliche Gedanke, dass das Wasser aus den Steinen nur eine Illusion gewesen war, eine Illusion, die nur kurze Linderung verschaffte, ohne den Durst wirklich zu löschen.


Dieser Moment der Unachtsamkeit reichte. Der Sand unter mir begann sich zu drehen, schneller und immer schneller, bis er sich zu einem gigantischen Trichter erweiterte, der sich unter meinen Füßen öffnete. Ich schrie auf und sprang, sprang so weit ich konnte und schaffte es gerade noch so, mich vor dem Mahlstrom zu retten. Meine Wachsamkeitslinien brannten sich zusätzlich zur Sonne in meine Haut, während ich schwer atmend über den Kamm der Düne robbte und durch den heißen Sand kullerte. Dieses Ding, vielleicht war es die Wüste selbst, spürte, wenn ich mich nicht konzentrierte. Es wartete nur darauf, dass ich in meiner Wachsamkeit nachließ. Das hatte die rote Trägerin gemeint, als sie gesagt hatte, ich dürfe nicht schlafen. Verdammt, ich musste achtsam bleiben.


Als die Düne hinter mir lag und ich endlich das Gefühl hatte, mich weit genug von dem wirbelnden Sandtrichter entfernt zu haben, rollte ich mich auf den Rücken. Alle meine Sinne waren aufs Äußerste gespannt und ich wagte nicht einmal zu blinzeln. Ich brauchte Wasser. Ohne den Sand um mich herum aus den Augen zu lassen, griff ich nach meiner Tasche. Sie war nicht mehr da. Nein. Hektisch tastete ich mit den Händen meinen Körper ab. Ich musste sie bei dem Sprung verloren haben. Ich biss mir auf die Zunge, um nicht vor Verzweiflung zu schreien. Ohne Wasser standen meine Chancen, die Pyramide lebend zu erreichen, gleich null.


Langsam rappelte ich mich hoch und starrte auf das Ministerium der Wachsamkeit. Es sah noch genauso weit entfernt aus wie vor ein paar Stunden. Das konnte doch nicht sein, oder? Ich spürte Angst in mir hochsteigen und versuchte, das Problem mit Logik zu lösen. Vielleicht war das Ministerium gar nicht auf normalem Weg zu erreichen. Ein Bild von Ben schob sich in meinen Kopf, der bei der letzten Prüfung des Triangels wie auf einem Surfbrett den Baum hinaufgeschossen war. Vielleicht musste man um die Ecke denken. Vielleicht war das die Lösung.


Mit zitternden Händen drückte ich die Finger gegen meine strahlenden Linien. Das bekannte Gefühl der Magie, die durch meinen Körper rauschte, nahm von mir Besitz. Ich konzentrierte mich auf den Sand vor mir und versuchte mir vorzustellen, wie er unter mir ein Surfbrett formte und mich zu der Pyramide trug. Nichts geschah. Ich starrte auf den Sand, bis mir die Augen brannten, aber nicht das kleinste Körnchen regte sich. Kraftlos ließ ich die Hand sinken. Ich war müde, so müde. Am liebsten hätte ich mich im Schatten der Düne zusammengerollt und geschlafen, aber ich zwang mich, weiterzugehen. Jeder Schritt kostete mich mehr Anstrengung als der vorherige, aber ich wusste, dass ich nicht anhalten durfte. Sobald ich stehen blieb, konnte es gut sein, dass ich mich hinsetzte, und sobald das passierte, würde der Sand kommen und mich verschlingen.


Wieder und wieder kratzte ich das letzte bisschen Entschlossenheit zusammen und richtete meinen Blick auf die Pyramide. Wenn ich die gelbe Blume noch gehabt hätte, hätte ich sie jetzt verwendet, doch ich hatte sie gemeinsam mit meiner Tasche verloren. Die Pyramide sah genauso aus wie in all den Stunden zuvor. Sie hatte sich kein bisschen verändert. Nicht nur die Größe, auch der Schatten, den sie warf, war gleich geblieben … Keuchend blieb ich stehen. Der Schatten der Pyramide änderte sich nicht.


War das nur eine Fata Morgana? Lief ich schon die ganze Zeit einer Illusion hinterher? Ich taumelte und fiel auf die Knie. Die Sonne stach mir in die Augen und meine Kehle schrie nach Wasser. Überall um mich herum begann der Sand zu wogen. Ich biss die Zähne zusammen und zwang mich, aufmerksam zu bleiben. Als ich blinzelnd hochblickte, waren da plötzlich vier Pyramiden. In jeder Himmelsrichtung eine.


Ich schrie auf. Vier Pyramiden. Vier verdammte Pyramiden! Ich schluckte trocken und dachte unwillkürlich an die vier Becher, die auf dem Tisch der Spinner gestanden hatten. Drei waren gestorben, aber wer war der Vierte? Hatte der blaue Träger Boris oder der weiße Träger, mit dem Simeon sich in der Hecke unterhalten hatte, überlebt? War der überlebende Spinner Opfer oder Täter? Und wo war der gelbe Wächter, den ich während der Tränenlesung gespürt hatte? Ich musste ihn nach meiner Wächterprüfung finden, ich durfte jetzt nicht aufgeben. Ich musste einfach, damit Simeons Tod nicht umsonst gewesen war. Mit letzter Kraft kämpfte ich mich wieder auf die Beine. Meine Linien brannten. Ich drückte meine Hand dagegen.


„Tu, was du willst“, flüsterte ich meiner Fähigkeit zu. „Zeig mir den Weg.“


Die Magie durchströmte mich und im selben Moment begann sich der Sand auf die Pyramide zu meiner Linken zuzubewegen. Wie ein Zombie wandte ich mich in dieselbe Richtung. Schritt für Schritt folgte ich dem fließenden Sand. Es waren nur ein paar Körnchen, eigentlich nichts Besonderes, keine große Leistung, aber es war die einzige Hoffnung, die ich hatte. Irgendwann hatte ich das Gefühl, Wasser zu riechen, doch als ich aufsah, war die Pyramide noch immer meilenweit entfernt. Dennoch ging ich weiter, einfach deshalb, weil Aufgeben keine Option war. Dann spürte ich plötzlich, wie mein Fuß ins Leere stieg und als ich nach vorne stolperte, landete ich mit Händen und Knien mitten in einem Fluss.


Ungläubig sah ich an mir hinunter. Ein glitzernder Bach wand sich mitten durch die Wüste, und das Gurgeln des schnell fließenden Wassers klang wie Musik in meinen Ohren. Durstig schöpfte ich eine Handvoll von dem lebensspendenden Nass und nahm einen großen Schluck davon, der sich einfach himmlisch anfühlte – zumindest so lange, bis er sich in meinem Mund zu feinem, trockenem Sand verwandelte. Ich keuchte erschrocken, spuckte aus und hustete heftig. Der Sand war überall, in meiner Kehle, in meiner Nase, auf meiner Zunge – und mit jedem Atemzug beförderte ich ihn noch tiefer in meine Lungen, bis ich das Gefühl hatte, daran zu ersticken. Die feuchten Batzen, die ich ausspuckte, führten mir vor Augen, dass ich gerade den letzten Rest Speichelflüssigkeit, die mein Körper gespeichert hatte, loswurde, und der Gedanke ließ mich verzweifeln.


Da, wo der glitzernde Wasserlauf gewesen war, wand sich nun ein Fluss aus weißem Sand durch die Wüste, und die feinen Körnchen brandeten verspielt gegen meinen Körper.


Ich schnappte verzweifelt nach Luft. Es war alles nur eine Täuschung gewesen, und ich Idiotin war voll drauf reingefallen. Die Wüste hatte mich verarscht.


Ein leises, zufriedenes Kichern rollte durch den Sand und ich fiel, noch immer röchelnd, auf die Seite und hustete weiter den Sand aus meinen Lungen. Alles in mir verlangte danach, einfach liegen zu bleiben und die Augen zu schließen, doch mein Überlebenswille war dazu noch nicht bereit. Ich starrte auf die Stelle, wo der Sand in feinen Eruptionen zum Takt der Lachsalven erzitterte. Wenn das Rauschen des Flusses echt gewesen wäre, hätte ich es schon eher hören müssen, sagte ich mir. Ich hatte nicht aufgepasst, war nicht wachsam gewesen – und nun lachte sie mich aus, weil sie mich so leicht drangekriegt hatte.


„Okay“, keuchte ich noch immer japsend. „Du hattest deinen Spaß. Jetzt lass mich gehen.“ Das Kichern verstummte. Stattdessen sah ich, wie das zitternde Häufchen Sand zu wachsen begann, bis es die Größe eines Maulwurfshügels angenommen hatte. Ich kämpfte mich zurück in eine sitzende Position und beobachtete, wie aus dem Maulwurfshügel ein immer größerer Sandhaufen wurde, der sich weiter auftürmte und menschliche Konturen annahm. Die Konturen einer sitzenden jungen Frau mit schlanken Gliedern und langen Haaren. Die Konturen einer sitzenden jungen Frau mit meinen Gesichtszügen. Erschrocken zuckte ich zurück, und die Sandfrau spiegelte meine Bewegungen in absoluter Perfektion. Noch immer rieselten die Körnchen über ihren Körper und vollendeten das Werk ihrer Schöpfung, ergänzten hier eine Falte ihres Anzugs und dort eine Wimper, bis ich das Gefühl hatte, einer Sandausgabe meiner selbst gegenüberzusitzen. Vorsichtig ließ ich mich auf meine Fersen zurücksinken und richtete mich auf. Die Wüstenfrau folgte meiner Bewegung und blickte mir dabei in einer Mischung aus Vorsicht und Erschöpfung entgegen.


„Was willst du?“, flüsterte ich und die Lippen der Wüsten-Lee formten zeitgleich dieselben Worte und warfen sie mir zurück.


„Was willst du? Was willst du?“, wisperten leise Stimmen, die von nirgends und überallher zu kommen schienen.


„Ich möchte nur zum Ministerium der Wachsamkeit“, keuchte ich und sah Verzweiflung auf den Zügen der Sandfrau aufblitzen.


„Ich möchte nur zum Ministerium der Wachsamkeit“, flüsterte die Wüstenfrau gleichzeitig mit mir.


Ohne sie aus den Augen zu lassen, machte ich einen Schritt in die Richtung, in der ich die richtige Pyramide vermutete. Sie bewegte sich ebenfalls und kam wie ein Spiegelbild auf mich zu. Wir standen uns nun so nah gegenüber, dass ich nur die Hand zu heben gebraucht hätte, um sie zu berühren.


 


„Lässt du mich vorbei?“, fragte ich und starrte ihr ins Gesicht, das mir angespannt entgegenblickte. Vorsichtig verlagerte ich mein Gewicht vom rechten aufs linke Bein und registrierte alarmiert, dass sie ganz still stehen blieb. Eine subtile Veränderung schlich sich auf ihre Züge und die Anspannung in ihrem Gesicht verwandelte sich in etwas anderes. Ihre Augen nahmen einen harten Ausdruck an und ihre Lippen verzogen sich zu einem hämischen Grinsen. Ich hob erschrocken die Hand vor den Mund und taumelte zurück. Die Wüstenfrau blieb stehen und legte langsam, wie in Zeitlupe, den Kopf schief, während sie mich noch immer auf furchterregende Art und Weise anlächelte.


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