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Fantasy Bücher
Buch Leseprobe 19, Rose Snow
Rose Snow

19


Das erste Buch der magischen Angst

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Kapitel 1


Die meisten Menschen haben vor allen möglichen Dingen Angst. Sie fürchten sich vor Spinnen, Hochhäusern, Clowns oder der Steuererklärung. Manche haben Angst, ihren Partner zu verlieren, andere davor, keinen besseren zu finden. Dazu kommt die Angst vor der Einsamkeit, vor der Langeweile, der Routine oder davor, die falschen Entscheidungen zu treffen. Viele fürchten sich davor, Präsentationen zu halten, ihren Job samt Existenz zu verlieren, im Aufzug zu pupsen oder beim Lachen zu grunzen. Frauen haben Angst, ihr Hintern sei zu dick, ihr Busen zu klein oder ihre Wohnung zu dreckig. Männer haben Angst, ihr Einkommen sei zu gering, ihr Penis zu kurz und die Glatze unaufhaltbar.


Viele haben Angst vor Hunden, einige vor Kindern und manche vor alten Menschen. Ein paar Verrückte haben Angst vor Bärten, der Farbe Gelb oder der Zahl dreizehn. Es gibt praktisch nichts auf der Welt, wovor man nicht Angst haben kann.


Was ich in diesem Moment nur zu gut nachvollziehen konnte. Angespannt trat ich im obersten Stockwerk des New-Yorker-Hochhauses aus dem Lift und wandte mich nach links. Am Ende des kurzen Korridors befand sich die Tür zu dem schicken Loft, in dem ich in Zukunft wohnen sollte. Mein Herz klopfte schneller als sonst, was lächerlich war. Schließlich war der Mailverkehr mit diesem Josh total nett gewesen. Es war ein absoluter Glücksfall, dass die Anzeige für diese WG ausgerechnet dann auf meinem Laptop aufgepoppt war, nachdem ich die Zusage für das Columbia College erhalten hatte. Noch dazu, weil die Miete absolut bezahlbar war, was aufgrund der Fotos und des kurzen Skype-Rundgangs, den Josh mit mir absolviert hatte, eigentlich ein Wunder war. Oder vielleicht auch wieder nur Glück. Möglicherweise versuchte mich das Leben dadurch ja irgendwie für den Schmerz der letzten Monate zu entschädigen.


Entschieden drängte ich alle Gedanken an die Vergangenheit beiseite, fuhr mir mit den Fingern durch die Haare und atmete tief durch. Die Zahl auf der weißen Tür vor mir war eine geschwungene 19, was man ebenfalls als gutes Omen werten konnte – schließlich wurde ich selbst in einer Woche neunzehn Jahre alt. Trotzdem hatte ich es bisher nicht über mich gebracht, den Klingelknopf zu drücken.


Verdammt noch mal, jetzt stell dich nicht so an, Widney.


Ich beugte mich nach vorne und klingelte. Im selben Moment wurde die Tür vor meiner Nase aufgerissen und ich starrte in ein Paar haselnussbrauner Augen. Sie gehörten zu einer jungen Frau in meinem Alter. Ein wenig Mascara klebte an ihrem unteren Wimpernkranz und ihre Lippen waren geschwollen. Hinter ihr ragte ein Typ in die Höhe, der mich spontan an einen der Schauspieler aus Vikings erinnerte. Er war mindestens 1,90 groß, hatte breite Schultern, dunkelblonde Haare und stechend blaue Augen. Er machte eindeutig Sport, wobei er trotz seiner beträchtlichen Muskeln nicht aufgeblasen wirkte.


Das Mädchen mit der verschmierten Wimperntusche drehte sich noch einmal zu ihm um und legte eine Hand auf seine Brust. „Wollen wir uns später noch sehen? Ich kann dich anrufen.“


Ohne eine Miene zu verziehen, pflückte er ihre Finger von seinem grauen T-Shirt. „Nein, danke.“


„Aber …“


„Hab ich mich nicht klar ausgedrückt? Wir hatten eine schöne Nacht. Mehr ist bei mir nicht drin.“ Seine Stimme ließ keinen Zweifel daran, dass das Gespräch beendet war. „Komm gut nach Hause.“


Noch während die junge Frau ihn verdattert anschaute, glitt sein Blick zu mir. „Und du bist?“


„Widney“, sagte ich, während sich seine zurückgewiesene Eroberung mit einem Schnauben an mir vorbei drängte und zum Aufzug stampfte.


„Okay.“ Der Typ drehte sich um und ließ die Tür offen stehen. Dabei konnte ich sehen, dass er seine längeren Haare zu einem nachlässigen Knoten zusammengebunden hatte, wie ihn auch mein Bruder gern getragen hatte. Der scharfe Schmerz kam unerwartet und heftig, aber ich schaffte es, ihn rasch beiseite zu drängen. Das Mädchen hinter mir schlug gegen den Rufknopf des Lifts, während ich zögernd über die Schwelle in das Loft trat, in dem ich zukünftig wohnen sollte. Es war noch größer, als ich es mir anhand der kurzen Skype-Tour vorgestellt hatte. Gegenüber der Tür gab es eine riesige Glasfront mit Sprossenfenstern, die dem Raum zusammen mit den sichtbaren Rohrleitungen an der Decke einen ziemlich coolen Fabrikhallen-Flair verliehen. Dazu passten die unverputzten grauen Bruchsteinmauern, die in Kombination mit dem warmen Holzfußboden eine bizarre Wohnlichkeit verbreiteten. Links von mir befand sich eine schicke Designerküche mit einem Monstrum von einem Edelstahlkühlschrank, während ich einige Schritte vor mir auf das Herzstück des Lofts blickte: ein gewaltiges, u-förmiges Ledersofa mit einem grauen Teppich und einem quadratischen Couchtisch. Auf dem Sofa fläzte sich ein hellblonder Typ und las in einem wissenschaftlich aussehenden Wälzer. Die beiden Enden der Couch zeigten nicht in meine Richtung, sondern nach links zu einer freistehenden Mauerwand, an der ein riesiger Plasma-Fernseher hing.


Wow. Ich war beeindruckt.


„Hi“, sagte der Typ auf dem Sofa und ließ sein Buch sinken. Der Vikings-Verschnitt steuerte in der Zwischenzeit auf eine gerade Treppe in der hinteren linken Ecke des Lofts zu, die hinauf in den ersten Stock führte. Eine gläserne Galerie zog sich rund um den Raum, von der oben noch weitere Türen abzweigten.


„Hi“, erwiderte ich lächelnd und machte ein paar Schritte auf den Sofatypen zu. „Ich bin Widney.“


„Fick dich, du erbärmliches Stück Scheiße“, sagte der Vikings-Kerl, ohne mich anzusehen. Irritiert sah ich zu, wie er an einer hübschen Topfpflanze am Fuße der Treppe vorbeiging, bevor er immer zwei Stufen auf einmal nach oben nahm.


„Er meint nicht dich“, sagte der Sofatyp und klappte das Buch zu.


„Okay. Redet er mit sich selbst?“


„Nein, Selbsthass ist nicht so Coopers Ding.“ Mein zukünftiger blonder Mitbewohner lächelte kurz, bevor er die Augen zusammenkniff und mich intensiv musterte. „Aber du scheinst damit vertraut zu sein.“


Stirnrunzelnd betrachtete ich den Typen vor mir. Dabei war ich mir nicht sicher, ob er mich einfach provozieren wollte, oder tatsächlich der Meinung war, dass ich mich nicht leiden konnte.


„Ich bin übrigens Xander“, sagte er in diesem Moment und streckte mir die Hand hin. „Aber die meisten hier nennen mich Freud.“


„Wegen deiner verstörenden Psychoanalysen?“


Xander grinste. „Genau. Schön, dich in Zukunft zu analysieren, Widney.“


Ich grinste. „Ist die Miete deswegen so billig? Weil du einen auf Dr. Freud machst und deine Mitbewohner regelmäßig auf die Couch bittest?“


Xander schmunzelte ebenfalls. „Da ich Psychologie studiere und in wenigen Jahren ein angesehener Therapeut sein werde, sollte es eigentlich umgekehrt sein und ihr solltet mich dafür bezahlen.“


Ich ließ meinen Rucksack von der Schulter gleiten und hob dabei die Augenbrauen. „Okay. Und was ist dann der Grund für den Spottpreis meines Zimmers?“


„Du kommst schnell zum Punkt.“ Xander legte den Kopf leicht schief und betrachtete mich interessiert. Mit seiner breiten Nase und dem Ausdruck in seinen Augen erinnerte er mich an einen Rottweiler, der gerade eine Katze ins Visier genommen hatte. „Beziehungen“, erklärte er schließlich nach einer kleinen Pause. „Mein Onkel ist in der Immobilienbranche tätig und hat mir das Loft zu einem absoluten Schnäppchenpreis vermittelt.“


Ich blickte mich in dem großen Raum um. Rechts von dem Sofa gab es auch noch einen großzügigen Bereich mit einem Boxsack, der von einer Stahlstrebe an der Decke baumelte. Die metallenen Verstrebungen zogen sich durch den gesamten Raum und waren mit schwarzen Beleuchtungsspots ausgestattet worden. Hinter dem braunen Sandsack sah ich auch noch einen Billardtisch in der Ecke neben der Eingangstür. Er stand halb versteckt hinter einem freistehenden Mauerpfeiler, der mir beim Hereinkommen die Sicht darauf versperrt hatte. An der dahinterliegenden Wand befanden sich drei geschlossene Schiebetüren, die offenbar zu weiteren Zimmern führten.


„Weißt du auch, warum es so ein Schnäppchen war? Wurde hier etwa jemand umgebracht oder lande ich in Kürze mit einer Schimmelpilzvergiftung im Krankenhaus?“


Xander lächelte. „Nein, mein Onkel ist einfach gut in seinem Job. Er hat sogar schon mal für Keira Knightley gearbeitet. Du siehst ihr übrigens ähnlich. Seid ihr etwa verwandt?“


Bei dem Gedanken musste ich lachen. „Nicht dass ich wüsste.“


„Ihr könntet aber Schwestern sein. Die gleichen braunen Haare, die gleichen hohen Wangenknochen, die gleiche verletzliche Ausstrahlung …“


Das gleiche eckige Gesicht … unwillkürlich bewegte ich meinen Kiefer, der für meinen Geschmack etwas zu breit ausgefallen war.


„Möglicherweise sieht sie mir ähnlich“, erwiderte ich halb im Scherz, ohne auf seine Bemerkung mit der verletzlichen Ausstrahlung einzugehen. Dann schlüpfte ich aus meiner Jacke.


Xander kratzte sich nachdenklich hinter dem Ohr. Er hatte ziemlich dichte blonde Haare, die an den Spitzen heller waren und von jeder Menge Gel zu einer lässigen Hochsteh-Frisur aufgerichtet waren.


„Interessant. Egozentrische Persönlichkeitsmerkmale mit einem Schuss Narzissmus. Das wird sicher lustig mit dir.“ Sein breites Lächeln entschärfte seine beleidigende Analyse.


„Oh ja. Mit dir auch“, erwiderte ich im selben Tonfall. „Ist Josh eigentlich da? Er ist der Einzige, den ich bisher kenne, weil wir letzte Woche geskyped haben.“


„Josh ist noch oben, kommt aber sicher bald runter“, erklärte Xander und setzte sich wieder auf das Sofa. Seine einladende Handbewegung kam mir ein wenig so vor, als würde er sich auf das kommende Verhör freuen. „Er macht die ganzen Verträge und den Kram für uns alle, weil er sich am besten mit Mietrecht auskennt.“


„Studiert er etwa Jura?“


„Nein.“ Xander schlug die Beine übereinander. „Computerwissenschaften und Anthropologie. Aber das hält ihn nicht davon ab, mehr zu wissen. Er hat deshalb auch ein paar Schulklassen übersprungen und kam schon mit siebzehn aufs College. Wir nennen ihn gern Wikipedia auf zwei Beinen.“


„Also ist Josh so etwas wie euer hauseigenes Genie?“, fragte ich und ließ mich ebenfalls auf dem schwarzen Sofa nieder. Es war butterweich und ich hatte das Gefühl, darin zu versinken und nie wieder aufstehen zu wollen.


„Josh ist unser Nerd. Das Genie bin natürlich ich.“


Ich hob amüsiert eine Braue. „Wer ist hier der Narzisst von uns beiden?“


Xander zuckte grinsend mit den Achseln. „Möglich, dass wir beide narzisstische Anteile in uns tragen. Liegt vielleicht daran, dass ich ein Einzelkind bin. Und du?“


Da war sie wieder, diese Frage, die innerhalb eines einzigen Augenblicks den ganzen Schmerz mit einer Wucht in mein Herz stieß, dass ich zurückzuckte.


Xander sah mich abwartend an.


„Äh, ja“, sagte ich etwas verspätet. „Keine Geschwister.“ Das war zumindest nicht gelogen, auch wenn es deshalb noch lange nicht der Wahrheit entsprach.


„Okay. Und was gibt es sonst so über dich zu wissen? Erzähl mal.“


Na wunderbar. Das war genau das, was ich nicht wollte.


Betont beiläufig zuckte ich mit den Achseln. „Ich bin in Ohio aufgewachsen. Dad ist Musiker und Mum arbeitet in einer Bank. Besser gesagt hat sie dort gearbeitet.“


Xander hatte die Stirn in Falten gelegt und fixierte mich so eindringlich, dass ich mir tatsächlich wie bei einer Psycho-Sitzung vorkam. Sein Gesichtsausdruck ähnelte jetzt weniger dem Rottweiler, sondern mehr dem der Therapietanten, zu denen ich nach der Sache mit Aiden hatte gehen müssen.


„Warum arbeitet deine Mutter nicht mehr in der Bank?“


Ich zögerte. Weil der Tod ihres Sohnes sie in eine bodenlose Depression gestürzt hat, aus der sie sich gerade erst wieder langsam erholte.


„Weil mein Dad in den letzten zehn Jahren als Musiker immer erfolgreicher wurde. Es war nicht mehr notwendig, dass sie arbeiten ging.“


Die nächste Halbwahrheit. Ich war noch nicht mal eingezogen und erzählte schon lauter Blödsinn. Auf der anderen Seite war es ein wenig viel verlangt, mich in den ersten zehn Minuten auf das Inquisitionssofa zu bitten und zu erwarten, dass ich meine gesamte Lebensgeschichte vor ihm ausbreitete. Dieser Typ Mensch war ich einfach nicht.


Freud rieb sich mit einem Finger über die Augenbraue. „Ist dein Vater berühmt? Kenne ich ihn?“


„Ich denke nicht. Er macht Countrymusik“, sagte ich ausweichend.


„Und du? Machst du auch Countrymusik? Oder irgendeine andere Art von Musik?“


Ich kratzte mit dem Daumennagel über einen hellen Fleck auf meiner Jeans. „Nein. Ich mache keine Musik, ich konsumiere sie nur.“


„Auch die von deinem Vater?“


Wow, der Typ war wirklich hartnäckig.


„Ja, manchmal im Radio.“ Bei dem Gesichtsausdruck, den er daraufhin machte, beugte ich mich etwas vor. „Analysierst du jetzt, wie es ist, wenn ich die Musik meines eigenen Vaters gut finde?“


Freud lächelte. „Möchtest du denn, dass ich das tue?“


„Möchtest du denn, dass ich möchte, dass du es analysierst?“ Dieses Spielchen beherrschte ich auch.


Lachend lehnte er sich zurück und verschränkte die Arme über seinem Kopf. Dabei traten seine Oberarmmuskeln sichtbar hervor. Offenbar machte Xander auch Sport, obwohl er rein optisch nicht mit dem fluchenden Cooper mithalten konnte.


„Ich denke, ich müsste zuerst die Musik deines Vaters hören, um mir eine Meinung darüber zu bilden, was das Anhören seiner Lieder möglicherweise bei dir auslöst. Musik ist ja oft etwas sehr Intimes. Die Frage, die ich mir stelle, lautet: Wollen wir so viel über das Seelenleben unserer Eltern wissen?“


„Wollen wir so viel über das Seelenleben von überhaupt jemandem wissen?“, gab ich nachdenklich zurück. Manchmal kam es mir so vor, als ob es leichter wäre, wenn jeder nur sein eigenes Päckchen zu tragen hätte. Das war in den meisten Fällen ohnehin schon schwer genug.


„Ich erkenne depressive Tendenzen mit einem Schuss Zynismus.“ Freud betrachtete mich wie ein Kind den Weihnachtsbaum. Offenbar machte ihm unsere gemeinsame Zeit auf dem Inquisitionssofa wesentlich mehr Spaß als mir.


„Okay. Du gehörst eindeutig zu denen, die über das Seelenleben anderer genau Bescheid wissen wollen. Allerdings bin ich nicht sicher, ob da nicht einfach nur Sensationsgier dahintersteckt.“


Er kniff die Augen zusammen. „Interessant. Mit deiner Stimme gehst du in die Defensive, gleichzeitig platzierst du einen respektablen Angriff, um von deiner Unsicherheit abzulenken. Was hast du zu verbergen, Widney? Da steckt doch noch mehr dahinter. Lass es einfach raus.“


Ich atmete beherrscht aus. Langsam begann ich mich wirklich unwohl zu fühlen.


„Hey! Nervst du gerade unsere neue Mitbewohnerin?“ Die Stimme kam von der gläsernen Galerie über unseren Köpfen. Erleichtert blickte ich nach oben. Ein mittelgroßer Typ mit rotbraunen Locken war an dem Geländer aufgetaucht. Es war mein Skypekontakt Josh, der rein äußerlich relativ durchschnittlich aussah, aber ich vermutete, dass er innerlich das genaue Gegenteil davon war.


„Wir unterhalten uns nur“, sagte Xander. „Kein Grund, den Ritter zu spielen. Oder gibt es vielleicht doch einen Grund, Josh?“ Er hob beide Augenbrauen und sah vielsagend zwischen ihm und mir hin und her.


Langsam hatte ich genug von psychischen Analysen. „Hallo, Josh. Freut mich, dich auch in echt kennenzulernen“, sagte ich und stand auf.


Er lächelte mich an und kam die u-förmige Treppe heruntergejoggt. Die Stufen waren aus Holz, aber sie hatte ein Glasgeländer, was ihr einen ziemlich coolen Look gab.


„Keiner kann dich leiden, du Miststück“, sagte er beiläufig in Richtung der Topfpflanze auf dem Boden, bevor er weiter zu mir joggte und mir mit einem breiten Lächeln die Hand gab. „Schön, dass du hier bist, Widney. Ich freu mich, dass alles so problemlos geklappt hat.“


Das hatte es tatsächlich. Nachdem mir im letzten Jahr ständig Werbungen für die Columbia ins Haus geflattert waren, hatte ich mich kurz entschlossen an der New-Yorker-Universität beworben und war tatsächlich angenommen worden. Nur einen Tag später war ich auf das Inserat von der WG gestoßen, die sich sogar in unmittelbarer Nähe zum College befand. Der erste Mailverkehr mit Josh war genauso sympathisch gewesen wie unser Skype-Telefonat. Da sich die beiden anderen WGs, die ich ebenfalls angeschrieben hatte, nie zurückgemeldet hatten, war mir die Entscheidung, hierherzukommen, nicht besonders schwergefallen.


„Danke. Ich freu mich auch, hier zu sein.“


Josh sah mich aufmerksam an. „Hat dir Freud schon die WG-Regeln erklärt?“


„Nein, bisher haben wir uns ausschließlich über mich und meine Familie und die Musik meines Vaters unterhalten“, erwiderte ich trocken, wobei mein Blick immer wieder von der hüfthohen Palme neben der Treppe angezogen wurde, die nun schon zum zweiten Mal beschimpft worden war. „Habt ihr eigentlich irgendwas gegen diese Pflanze da?“


„Ja, sie ist hässlich!“, rief Xander in Richtung der armen Palme, die mir schon richtig leidtat.


„Es ist ein Experiment“, erklärte Josh auf meinen Gesichtsausdruck hin. „Angeblich reagieren Pflanzen darauf, wie man mit ihnen umgeht. Wenn man sie freundlich behandelt, wachsen sie besser, entwickeln größere Blüten und sind insgesamt schöner. Beschimpft man sie jedoch …“ Er seufzte tief. „Tja, dann sollte sich das ebenfalls zeigen.“


„Und deshalb beschimpft ihr sie? Um zu beweisen, dass ihr sie auf diese Weise zugrunde richten könnt?“


„Ursprünglich hatten wir zwei von diesen Yucca-Palmen“, erklärte Xander, stand auf und schlenderte rüber zum Kühlschrank. „Es war ausgemacht, eine von ihnen gut zu behandeln und sie für ihre schönen Blätter zu loben, während wir der anderen nur Schimpfnamen verpassen wollten. Allerdings hat irgendjemand“, die Art, wie er dabei Josh ansah, machte klar, dass er dieser irgendjemand war, „den Standort der beiden Pflanzen immer wieder umgestellt, sodass am Schluss keiner mehr wusste, welche die gute und welche die böse Yucca-Palme war.“


„Sie haben Licht gebraucht“, verteidigte sich Josh, während ein Hauch von Röte seine Wangen überzog.


Xander holte sich eine Coladose aus dem Kühlschrank, die er zischend öffnete. „Josh, du hast ungefähr dreihundert Pflanzen in deinem Zimmer stehen. Wieso bemutterst du nicht einfach nur die?“


„Mache ich jetzt ohnehin.“


„Und was ist dann passiert?“, hakte ich nach.


„Dann“, Xander ging um den großen Küchenblock herum und stützte sich mit dem Ellbogen auf, „ist eine der beiden Yuccas eingegangen.“


„Die, die ihr mit Schimpfnamen bedacht habt?“


„Nein, die andere, zu der wir nett waren, zumindest die meiste Zeit. Denn als wir einmal eine Woche lang weniger nett zu ihr waren, da Josh die Plätze verstellt hatte, hat sie alles hängen gelassen und Läuse bekommen.“


Ich runzelte die Stirn. „Okay. Also hat das Experiment funktioniert. Sie hat ja auf die Schimpftiraden reagiert.“


„Ja, das hat sie“, sagte Josh etwas schuldbewusst.


Xander grinste schief. „Er ist noch immer nicht darüber weg, dass wir sie entsorgen mussten. Willst du eigentlich auch was trinken, Widney?“


„Ein Glas Wasser wäre super.“ Xander füllte mir aus der Edelstahlspüle ein Wasser ein, während ich die Küche bestaunte. Es war eine typische Designerküche aus Holz, Stein und Stahl, die sich auch gut in einer Kochsendung gemacht hätte. Vor dem massiven Küchenblock mit einer Platte aus Granitgestein standen fünf Barhocker mit schwarzen Ledersitzen und Metallbeinen.


„Und was ist mit der Pflanze bei der Treppe?“, fragte ich, nachdem ich an meinem Wasser genippt und mich bei Xander bedankt hatte.


„Die steht anscheinend auf SM“, erwiderte Josh kopfschüttelnd.


„Ehrlich?“ Ich musste grinsen.


„Ohne Scheiß“, sagte Xander. „Je mehr wir sie beschimpfen, desto grünere Blätter bringt sie hervor. Also tun wir unserem kleinen Miststück den Gefallen, nicht wahr?“


„Das ist total irre“, sagte ich.


„Und es ist eine der WG-Regeln“, stellte Xander klar.


Ich verschluckte mich beinahe an meinem Wasser. „Du verarschst mich.“


„Bei solchen Dingen macht er keine Witze“, sagte Josh ernst.


„Wenn ich hier wohne, muss ich also eure Palme beschimpfen?“


„Unsere Palme, Widney. Aber was hältst du davon, wenn Josh dir erst mal dein Zimmer zeigt?“ Xander warf einen Blick auf sein Handy und kippte den Rest seiner Cola runter. „Ich muss nämlich noch weg.“


„Äh … ja klar.“


„Dann komm mal mit“, sagte Josh. „Ich bin sicher, es wird dir gefallen.“


 


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