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Fantasy Bücher
Buch Leseprobe 13 - Das erste Buch der Zeit, Rose Snow
Rose Snow

13 - Das erste Buch der Zeit



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Kapitel 1


 


„Lizzy, es wird schon nicht so schlimm werden.“


Alexa sah mich aufmunternd an. Es war das Trost-Gesicht meiner Schwester, das sie immer aufsetzte, wenn wir von einem weiteren Tod in unserem Leben erfahren hatten. Es war das Gesicht, das mir sagte, dass wir nichts dagegen tun konnten, egal wie laut wir schrien, egal wie fest wir uns an den Händen hielten oder was auch immer wir taten.


„Das sagt sich für dich so leicht. Nach den Ferien bist du auf der Uni und ich sitze immer noch hier fest.“


Ich lehnte meinen Kopf ans Fenster des Taxis. Bei der Berührung mit der getönten Scheibe knisterten meine braunen Haare leise. Resigniert ließ ich meinen Blick nach draußen gleiten, wo sich die Häuser mit ihren langweiligen Vorgärten aneinanderreihten und an uns vorbeizogen.


Das war also mein neues Leben.


Alles sah irgendwie gleich aus: die weiß getünchten Häuserfronten, die grünen Briefkästen und die Kleinwagen, die in den adretten Auffahrten standen.


Ich schnaubte. „Es ist eine verdammte Kleinstadt, Alexa. Hier gibt es Kleingärten, Kleinwagen und sicher auch ganz viel Kleingeistigkeit.“


Ich wusste, dass es unfair war, das zu behaupten, ohne Kirchbruch eine Chance gegeben zu haben, aber Fairness war nicht gerade etwas, das mein Leben bisher begleitet hatte. Vor dreizehn Jahren hatten wir unsere Eltern bei einem Autounfall verloren und nun war auch Tante Margret, die uns seitdem aufgezogen hatte, an Krebs gestorben.


Ich atmete tief ein und versuchte, mich nicht von der Trauer übermannen zu lassen oder im Selbstmitleid zu versinken, weil es mit Tante Margrets Tod noch nicht zu Ende gewesen war. Das Unglück, das direkt danach auch noch den Rest unserer spärlichen Verwandtschaft dahingerafft hatte, führte dazu, dass Alexa und ich nun in Kirchbruch festsaßen.


Meine Schwester strich mir sanft über den Arm. „Hey, wir können froh sein, dass dieser Dieter uns aufnimmt. Oder willst du zu irgendwelchen Pflegeeltern? Oder vielleicht ins Jugendheim? Er ist doch der Einzige, zu dem wir können.“


Ich nickte. Insgesamt lagen noch 321 Tage, 7704 Stunden oder 462240 Minuten zwischen mir und meiner Volljährigkeit, zwischen mir und meiner Freiheit, und irgendwie musste ich es schaffen, diese Zeit zu überleben.


„Vielleicht haben die hier an der Schule interessante Kurse, die du belegen kannst. Vielleicht gibt es etwas zum Thema Recherche oder vielleicht kannst du auch Stunden im kreativen Schreiben nehmen.“


Ich zog eine Augenbraue hoch und schnippte einen Fussel von meiner blauen Jeans. „Das sind aber ganz schön viele Vielleichts“, sagte ich und wandte mich meiner Schwester zu, die sich gerade eine rote Haarsträhne aus dem Gesicht strich.


Der neue Haarschnitt stand ihr wirklich gut und passte perfekt zu ihrem ebenmäßigen blassen Teint. Es war das erste Mal in unserem Leben, dass Alexas Haare kürzer waren als meine und ihre Mähne nicht bis zum Po, sondern nur bis zum Kinn reichte.


Sich die Haare abschneiden zu lassen, war eine spontane Entscheidung meiner Schwester gewesen. Nachdem, was in den letzten Monaten alles bei uns passiert war, hatte sie beschlossen, dass es Zeit für eine Veränderung war.


Alexa grinste mich an und beugte sich verschwörerisch zu mir. „Lizzy, wir haben noch den ganzen Sommer zusammen. Und den werden wir auch genießen. Tante Margret hätte nichts anderes gewollt, Kleinstadt hin oder her. Okay, das hier ist nicht Hamburg, aber es wird sicher ein paar heiße Typen geben. Und wenn nicht, verpassen wir einfach jedem einzelnen Bewohner einen eigenen Grabsteinspruch. Wir werden schon unseren Spaß haben – versprochen.“


Sie deutete mit dem Kinn nach draußen, wo gerade einige Leute dabei waren, auf einem Platz eine Art Tanzfläche aufzubauen und die ringsum stehenden offenen Pavillons zu schmücken. Anscheinend hatten wir das Zentrum des Ortes erreicht, das für irgendeine Festivität hergerichtet wurde.


„Es wird nicht schwer sein, für die ein paar passende Sprüche zu finden.“


Alexa zeigte auf eine stark geschminkte ältere Frau mit braunen Locken, die gerade ein paar Blumen um einen der Pavillons arrangierte und dabei wie eine vergessene Operndiva aussah. Ihre Aufmerksamkeit galt jedoch weniger dem bunten Blumenarrangement, als vielmehr dem gelben Taxi, in dem wir saßen. Die Neugier war ihr dabei ins Gesicht geschrieben.


Ich seufzte. „Wahrscheinlich kommen nicht so oft Fremde hierher.“


„So fremd sind wir doch gar nicht. Immerhin liegen unsere Großeltern hier begraben, auch wenn ich mich nicht wirklich an sie erinnern kann“, sagte Alexa. „Oder an diesen Ort hier.“


Ich schnaubte. „Wahrscheinlich hast du Kirchbruch verdrängt. Es ist dir nicht zu verdenken.“


Sie schmunzelte und blickte mich aus ihren grünen Augen an. „Ich weiß nur noch, dass Opa nach Pfefferminze gerochen hat und mir immer Brokkoli beim Essen unterjubeln wollte. Und du hattest diesen schrecklichen S-Fehler, bei dem du beim Reden immer total viel gespuckt hast.“


Ich runzelte die Stirn. „Ich war drei.“


„Das ist keine Entschuldigung.“ Alexa sah mich vollkommen ernst an und brachte mich damit zum Lachen. Sie verstand es, mich im richtigen Moment aufzuheitern. „Also? Was würde auf dem Grabstein der neugierigen Dame stehen?“, fuhr sie fort und spielte damit auf unser Grabstein-Spiel an, das wir von Tante Margret übernommen hatten.


Ich überlegte kurz. „Was hältst du von: Selbst eine Diva auf Erden muss irgendwann sterben?“


Alexa nickte anerkennend. „Oder: Meine Neugier trieb mich voran, doch jetzt sehe ich mir die Blumen von unten an?“


Wir mussten beide kichern.


„Siehst du, es wird nicht so schlimm werden. Wir werden eine Menge Spaß haben, bevor der Sommer zu Ende ist.“


In diesem Augenblick wurde der Wagen langsamer, weil der Fahrer eines der wenigen schmalen Wohnhäuser ansteuerte, die den Stadtplatz umsäumten. Abgesehen davon gab es hier nur kleine Läden und ich spürte, wie mein Herz schneller zu schlagen begann.


„Wir sind da“, sagte der dünne Taxifahrer und stellte den Motor ab.


Alexa lächelte mir noch einmal aufmunternd zu, während ich tief einatmete. Dann öffnete meine Schwester die Autotür auf ihrer Seite und ich wartete kurz, bevor ich ihr nach draußen folgte.


Warme Sommerluft empfing mich und der Wind fuhr sanft durch meine Haare. Ich ließ meinen Blick über die hellblaue Fassade des Hauses streifen, vor dem wir nun standen. Die Häuserfront könnte einen Anstrich gebrauchen und auch die abgenutzten Fensterrahmen passten nicht zum gepflegten Eindruck der Stadt.


Nachdem der Taxifahrer unsere Taschen aus dem Kofferraum seines Wagens gehievt hatte und von Alexa bezahlt worden war, stieg er wieder ein und startete den Motor. Ich sah ihm mit klopfendem Herzen zu und widerstand dem Impuls, ihn zurückzurufen und zu bitten, uns schnell wieder in unser altes Leben zurückzubringen, denn das existierte nicht mehr.


Das Taxi fuhr davon und für einen Augenblick standen Alexa und ich einfach nur so da und starrten auf das schmale alte Haus mit dem Spitzdach, das nun unser Zuhause werden sollte.


Meine Schwester räusperte sich. „Es sieht doch ganz nett aus.“


Ich erwiderte nichts, weil wir beide wussten, dass es eine Lüge war.


In dem Moment ging die Tür auf und ein älterer Mann mit grauem Bart und grauen Haaren musterte uns von oben bis unten. Es war kein freundlicher Blick.


„Endlich. Ich dachte schon, dass ihr den Flieger verpasst habt“, murrte er.


„Auch Ihnen einen schönen Tag“, sagte ich und erntete dafür einen leichten Ellenbogenstoß von meiner Schwester.


Der Mann mit dem karierten Hemd und der braunen Hose schnaubte. „Ob das ein schöner Tag ist, werden wir noch sehen. Wollt ihr hier draußen Wurzeln schlagen oder kommt ihr rein?“


„Natürlich kommen wir rein.“ Alexas Stimme klang ruhig und beschwichtigend. Sie griff nach ihren Taschen und deutete mir mit den Augen, ihr zu folgen.


„Gleich. Gib mir noch eine Sekunde“, flüsterte ich ihr zu, weil sich alles in mir dagegen wehrte, den unbekannten, griesgrämigen Mann nach drinnen zu begleiten.


Alexa nickte und ich hörte, wie sie sich dem Rentner freundlich vorstellte, der – wie wir schon wussten – Dieter hieß. Er war der Patenonkel meines Vaters gewesen und hatte sich bereiterklärt, uns aufzunehmen, obwohl wir nicht blutsverwandt waren. Alexa nur für den Sommer, mich für das ganze Jahr – bis ich die Schule beendet hatte. Eigentlich war das sehr nett von diesem Dieter, zwei unbekannte Mädchen bei sich wohnen zu lassen, auch wenn er nicht gerade nett aussah.


Einem Impuls folgend, drehte ich mich um und machte gedankenverloren ein paar Schritte in Richtung Straße.


Ein ganzes Jahr. Ich würde ein ganzes Jahr hier verbringen. Dabei nahm ich nur ganz entfernt wahr, wie sich die Leute geschäftig auf dem Stadtplatz tummelten, während ich mir eine einzige Frage stellte: Wie viele Schritte würde ich brauchen, um Kirchbruch zu verlassen?


Mein Blick verlor sich hinter der Tanzfläche und den Pavillons in der Ferne, weil alles in mir in die Weite zog, weit weg von hier. Meine Gedanken wanderten zu unserem alten Zuhause in Hamburg, zu der Wohnung mit der kleinen Dachterrasse, von der man über die leuchtende Großstadt hatte blicken können, sowie zu dem gemütlichen Wohnzimmer mit den vielen Büchern und Leinwänden. Bei Tante Margret hatte es ständig nach Farbe gerochen und ihre Hände waren immer bunt gewesen. Ich konnte mich nicht erinnern, sie jemals ohne Farbkleckse auf ihrer Haut gesehen zu haben, und man hatte kaum einen Schritt machen können, ohne über eines ihrer Bilder zu stolpern. Auch wenn wir schon lange gewusst hatten, dass Tante Margret krank war, hatten wir doch gehofft, dass sie mit ihrer Stärke den Krebs besiegen würde.


Das Kreischen einer Säge riss mich aus meinen Erinnerungen und ich kam wieder ins Hier und Jetzt zurück. Dabei bemerkte ich, wie mich ein sportlicher Typ verschmitzt anlächelte, der gerade eine Holzbank auf dem Stadtplatz abstellte. Er musste etwa in meinem Alter sein und schien sich über irgendetwas zu amüsieren.


Unwillkürlich schluckte ich. Verdammt, es musste in den letzten Sekunden so gewirkt haben, als hätte ich den dunkelblonden Kerl ungeniert angestarrt. Bei dem Gedanken schoss mir eine heiße Röte in die Wangen, die noch intensiver wurde, als mich der Blick der geschminkten Dame traf. Offenbar hatte sie die Szene beobachtet – und ihrem sanften Lächeln zufolge ging sie nun davon aus, dass ich den dunkelblonden Helfer mehr als interessant fand.


Da ich nicht schon an meinem Ankunftstag für das Tratschthema sorgen wollte, wich ich hastig einen Schritt zurück und knallte dabei mit voller Wucht gegen einen Passanten hinter mir. Im nächsten Moment donnerte etwas Schweres zu Boden und ich hörte ein hässliches Knirschen, das mich an das Brechen von Glas erinnerte.


„Sag mal, kannst du nicht aufpassen?!“, erklang eine tiefe Männerstimme hinter mir und ich hatte für einen Augenblick das Gefühl, als würde die Welt um mich herum elektrisch knistern. Meine Haut begann zu prickeln und die Härchen an meinen Armen stellten sich auf. Ruckartig drehte ich mich um und bemerkte dabei aus den Augenwinkeln ein kurzes violettes Blitzen, bevor ich dem genervten Blick eines dunkelhaarigen Typen begegnete, der um die zwanzig sein musste. Er hatte ein schmales Gesicht mit ausgeprägten Wangenknochen und tiefbraune Augen, die einen Tick dunkler waren als meine. Einen Moment lang konnte ich nur auf seine dichten Wimpern starren, bevor mein Blick weiter zu dem Schmutz auf seiner Schläfe und der linken Wange schweifte.


„Hat es dir jetzt etwa die Sprache verschlagen?“, fragte er verärgert und stellte seinen Werkzeugkoffer ab, an dem ein dreckiger Lappen hing. Dann ging er in die Knie und begutachtete den hüfthohen Spiegel mit dem abgenutzten Goldrahmen, der auf dem Bürgersteig lag. Ein hässlicher Riss zog sich durch seine gesamte Länge und mir war klar, dass ihm der Spiegel bei unserem Zusammenprall aus der Hand gerutscht sein musste.


„Sorry, das wollte ich nicht“, sagte ich.


Als er zu mir hochsah, fiel ihm eine schwarze Haarsträhne in die Stirn. „Was wolltest du nicht? Rückwärtslaufen?“, fragte er abfällig und warf einen kurzen Blick auf den Stadtplatz, direkt zu dem Dunkelblonden, den ich vorhin unabsichtlich angestarrt hatte.


„Grundsätzlich laufe ich vorwärts“, gab ich genervt zurück und brachte etwas Abstand zwischen uns.


Er schnaubte und betastete behutsam den Rahmen des Spiegels, der zumindest unversehrt zu sein schien. „Vielleicht wäre es besser, wenn du dich immer nur nach vorn bewegen würdest. Vor allem, wenn du dich derart leicht ablenken lässt.“


Seine feste Stimme klang herablassend und mir wurde siedend heiß bewusst, dass er mein Gestarre vorhin offenbar mitbekommen hatte.


„Keine Ahnung, was du meinst“, erwiderte ich kühl, da ich ihm nicht auch noch recht geben wollte. Immerhin hatte ich den Jungen vom Stadtplatz nicht absichtlich angestarrt.


„Oh doch, du weißt genau, was ich meine.“


Er stand wieder auf und mein Blick fiel auf seine abgewetzte Jeans, die ihm tief auf der Hüfte saß. Sein graues T-Shirt war an manchen Stellen schmutzig, offenbar kam er gerade von irgendeiner Handwerksarbeit. Dann nahm er den Spiegel in die eine Hand und griff mit der anderen nach seinem Werkzeugkoffer.


„Und jetzt?“, fragte ich, weil ich mir nicht sicher war, ob ich für das zerbrochene Spiegelglas bezahlen sollte. „Soll ich dir etwas für den Spiegel geben?“


Er nickte und sein intensiver Blick führte dazu, dass sich mein Herzschlag unwillkürlich beschleunigte. „Ja. Und zwar das Versprechen, nicht mehr rückwärtszulaufen.“ Er hob beide Augenbrauen und betrachtete mich abwartend.


„Ich werde es versuchen“, sagte ich und steuerte dann zielstrebig auf die Eingangstür meines neuen Zuhauses zu, um wenigstens als Erste zu gehen. Dabei schnappte ich mir schnell meine Taschen und auch wenn ich das Gefühl hatte, den Blick des arroganten Typen in meinem Rücken zu spüren, widerstand ich der Versuchung, mich nach ihm umzudrehen.



 


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