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″Angie - Das Familienband″


von Angela Zimmermann

fantasy
ISBN13-Nummer:
9783738608977
Ausstattung:
Taschenbuch, E-Book
Preis:
13.90 €
Mehr Infos zum Buch:
Website
Verlag:
telegonos-publishing
Kontakt zum Autor oder Verlag:
angela.zimmermann2805@web.de
Leseprobe

 

EINS

 

Es sind über drei Monate vergangen, in denen ich versucht habe, alles was passiert ist zu verarbeiten. Aber das Gegenteil ist der Fall, ich habe es bis heute nicht geschafft. Mein Leben ist förmlich zum Stillstand gekommen und ich fühle mich irgendwie ausgelaugt.

Ich sitze hier, wie seit Tagen und Wochen, verloren in meinem Gartenstuhl, in der warmen Julisonne und kann sie kaum genießen. Um mich herum blühen Blumen in allen erdenklichen Farben, ohne dass ich etwas dafür tun muss. Sie zeigen wie damals die Liebe, die mit Mell und dem Haus verbunden ist, jedoch berühren sie in letzter Zeit nicht mein Herz. Es fühlt sich wie erdrückt an und hat sich irgendwie verschlossen von den vielen Ereignissen.

Alles begann letztes Jahr mit diesem Haus. Ich liebe es wirklich, aber momentan gibt es mir nicht die Wärme und Geborgenheit, wie es eigentlich sein sollte, oder ich mir vorgestellt habe. Meine Gedanken hängen fest und ich komme nicht von ihnen los.

Der Weg bis hier her war nicht leicht gepflastert. Einige Stolpersteine brachten mich ins Wanken und als Erstes war es die Prüfung, die ich von meiner Familie auferlegt bekam.

Ich habe sie angenommen und in meinen Augen auch sehr gut gemeistert. Schnell habe ich mich damit abgefunden, mein Leben von nun an mit Geistern zu verbringen. Jedoch hat mich niemand darauf vorbereitet, wie schwer es ist, sie hinübergehen zu

lassen. Dafür bin ich jetzt zuständig und bei den meisten gelingt es mir auch, aber da gibt es auch welche, die einen ans Herz gewachsen sind. Und das waren auch noch die Ersten, die ich kennengelernt habe.

Die Zwillinge Ranja und Tabea waren am Ende wie meine eigenen Kinder und sie haben sogar Mama zu mir gesagt. Sie sind beide gegangen und ich bin mir sicher, dass sie dort, wo sie jetzt verweilen, bei ihrer richtigen Mama, sehr glücklich sind. Mit ihnen habe ich viel erlebt, habe ihnen Wünsche erfüllt und sogar ihren Tod aufgeklärt. Sie haben mir auch einiges beigebracht, was ich im Umgang mit anderen Geistern

gut verwenden kann. Ich lerne zwar immer noch, vor allem aus Ginas Buch, aber die praktischen Erfahrungen mit den Zwillingen waren viel prägender.

Und das, was sie hinterlassen haben, trage ich tief in meinem Herzen.

Durch sie habe ich viel Liebe gespürt, aber auch Verrat und Betrug erfahren. Meine erste große Liebe hat sich als ein riesengroßer Fehler entpuppt. Er hat mich verletzt und ausgenutzt. Er war der Mörder der Mädchen und wollte am Ende auch mich umbringen. Nur weil ich zu viel wusste.

Als er sich selbst umgebracht hat und sich bei mir verabschieden wollte, merkte ich, dass da wirklich Liebe im Spiel war. Wir hatten jedoch nie eine Chance.

Er hat im Sinne der Tante der Zwillinge gehandelt und ihm stand es nicht zu, sich in mich zu verlieben. Was natürlich nicht geklappt hat, mich aber auch nicht besänftigen konnte. Er hat mir das Herz gebrochen und daran ändert auch ein Eingeständnis, auf der Schwelle des Todes, von ihm nichts daran.

Dann wurde mein Herz auf die nächste Zerreißprobe gestellt. Tabea ist zu ihrer Mama auf die andere Seite gegangen. Der Verlust war schwer, aber ich hatte ja noch Ranja. Sie hatte immer noch etwas zu erledigen. So konnte ich mit ihr noch Zeit verbringen,

wenn es auch nicht lange war, aber wir gingen gemeinsam auf die Suche nach ihrem Vater. Den fanden wir auch, aber er wollte nichts von den Kindern wissen. Ranja ist erstaunlicherweise sehr vernünftig damit umgegangen, wobei ich es nie verstehen werde, wie man seine eigenen Kinder verleugnen kann.

Es war eine schöne Zeit, allerdings nur bis Angelo erschien. Er ist ein Seelenfänger und hatte die Order, Ranja hinüber zu holen, weil sie schon zu lange auf unserer Seite wandelte. Aber Ranja wollte und musste mich vor jemanden beschützen. Ich verstand sie nicht und auch das Geheimnis um diese Person gab sie zuerst nicht preis.

Und dann ist da noch Ramona. Ich lernte sie auf dem Spielplatz kennen und sie hat ebenso eine Gabe wie ich. Sie ist ein Medium, aber sie kann auch Geister sehen. Nur damit hat sie ein Problem. Sie kann sie sehen, jedoch nicht hören und somit auch nicht mit ihnen reden. Sie bat mich um Hilfe und gleichzeitig bot sie mir ihre an. In meinem Laden waren viele Seelen, die ich nicht sehen konnte, jedoch sie als Medium. So haben wir uns zusammengeschlossen und arbeiten seitdem gemeinsam in meinem Laden.

Elena, meine beste Freundin, mit der ich den Laden führte, war sofort damit einverstanden, denn sie konnte weder Geister noch Seelen wahrnehmen und war froh, dass wir sie vor ihnen beschützten. Obwohl beide den Menschen nichts tun. Zumindest habe ich es bis dahin gedacht. Dass es auch anders gehen kann, sollte ich noch erfahren.

Aber die schlechten Ereignisse sollten nicht aufhören. Durch einen Unfall verlor ich Elena. Mein Herz konnte es kaum verkraften, das ist bis heute so.

In dieser schlimmen Zeit zeigte sich, dass Ramona mir ebenso eine gute Freundin ist. Es schweißte uns zusammen, bis der nächste Bruch kam. Ramona wurde von einem Geist bedrängt, den ich dann versuchte, auf die andere Seite zu bringen. Das tat er auch, aber er wollte erst ein Geheimnis von Ramona lüften. Es stellte sich heraus, dass es auch Ramona war, vor der mich Ranja schützen wollte. Aber warum?

Dieses Geheimnis ließ mich denken, dass sich alle und alles um mich herum verschworen hatten. Letztendlich erfuhr ich, dass Ramona meine Mutter ist und nach mir gesucht hatte, damit ich ihr bei den Geistern helfen kann. Sie hat mir damals ihre Gabe übertragen, um in Ruhe und ohne das Familienvermächtnis zu leben, aber sie bekam dafür die Quittung. Sie hatte nun beides und konnte schon seit langem nicht mehr damit umgehen. Der Geist an ihrer Seite war dementsprechend mein Vater, den ich nie kennenlernen durfte. Er hatte jedoch noch etwas, was ihn abhielt, zu gehen. Ramona soll noch ein Geheimnis haben, bei dem nur ich ihr helfen kann. Für mich fast zu viel und so wollte ich das alles zum Abschluss bringen. Angelo, den ich nie richtig

mochte und vertrauen konnte, kam mir da entgegen und versprach mir zu helfen.

Ranja und mein Vater haben uns verlassen und versuchen wohl, auf der anderen Seite ihren Frieden zu finden. Bei Ranja bin ich mir da sicher, aber was meinen Vater betrifft, kann ich es nur hoffen.

Ranja zeigte mir zuvor, durch Auflegen der Hände und Übertragung der Gedanken, noch das Licht, in das die Geister immer gehen. Es ist für uns Menschen unsichtbar und es zeigte mir, dass ich stets sicher sein kann, dass die, die dort hineingehen, ihren verdienten Frieden finden werden. Es ist unbeschreiblich und ich werde dieses warme Leuchten wohl nie vergessen.

Dass aber dieses Wissen mir zur Gefahr werden kann, konnte ich nicht ahnen.

Als nun auch Ranja weg war, stand ich allein da und es lag wieder ein Geheimnis in der Luft. Von Angelo erfuhr ich aber noch, dass Gina von all dem weiß, aber sogar ihn angewiesen hat, nicht einzugreifen. Er bot mir an, in der nächsten Zeit Geister, die zu mir wollen, aufzuhalten, damit ich erst einmal wieder zu mir kommen konnte und meine innere Ruhe, die ich unbedingt brauchte, wiederzufinden.

Diese habe ich aber bis heute noch nicht vollständig wiedergefunden. Der Alltag hat mich schneller eingeholt, als ich dachte. Ich gehe täglich in meinen Laden und versuche, einen normalen Umgang mit Ramona zu pflegen. Angelo hat sein Wort gehalten, denn es sind keine Geister mehr auf mich zugekommen. Das hilft mir jedoch auch nicht richtig weiter, denn die plötzliche Stille um mich herum, macht mich irgendwie nervös. Ich habe keine Ablenkung mehr und komme so immer wieder in den

Kreislauf der Gedanken und Fragen.

Ramona hüllt sich seit Monaten in Schweigen und ich sehe sie nur kurz am Morgen, wenn sie in ihrem Beratungsraum verschwindet. Am Abend ist es nicht anders und sie gibt mir kaum eine Gelegenheit, mit ihr zu reden, geschweige denn, das zwischen uns

stehende Geheimnis anzusprechen.

Aber seit ein paar Tagen ist etwas anders. Sie hat mich gefragt, ob ich einverstanden bin, dass sie dreimal in der Woche schon mittags gehen kann. Auf meine Frage nach dem Grund, sah sie mich lächelnd an und meinte, dass sie mir demnächst alles erklären würde.

Handelt es sich hier um ihr Geheimnis? Wo geht sie an den Nachmittagen hin? Trifft sie sich mit jemandem? Sie geht auch schon mal zu ihren Kunden, aber nicht so regelmäßig. Irgendetwas stimmt hier nicht. Und das hat offensichtlich nichts mit ihrer

Arbeit als Medium zu tun.

Ich war natürlich damit einverstanden und warte nun schon wieder fast drei Wochen auf ihre Erklärung. Wie kann ich sie nur dazu bringen, mir endlich etwas zu sagen? Kann ich sie zwingen? Aber wie sollte ich das machen? Ich habe auch Angst, sie dadurch verlieren zu können. Aber wie lange soll ich noch warten? Kann mir vielleicht Grace dabei helfen? Oder Gina? Aber mit Gina kann ich keinen Kontakt aufnehmen und vielleicht hat sie auch Grace beeinflusst, genauso wie Angelo. Anscheinend stecken

sie alle unter einer Decke und nur ich weiß nicht, worum es hier eigentlich geht.

Mir hat es wirklich im letzten Jahr ein paar Mal den Boden unter den Füßen weggezogen und ich kann nur hoffen, dass es bei dem Geheimnis von Ramona nicht

wieder so ist.

Es wird langsam kühl, ich schaue auf die Uhr und erschrecke. Es ist schon nach neun Uhr abends und mein Magen macht sich lautstark bemerkbar. Die Sonne ist schon untergegangen und die Blüten einiger Blumen schließen sich auch schon für die Nacht. Ich habe wieder einen ganzen Nachmittag mit diesen Fragen im Kopf verbracht und wieder habe ich keine Lösung gefunden.

Morgen ist Montag und Ramona hat abermals einen ihrer freien Nachmittage. Kurz entschlossen, zumindest für diesen Moment, werde ich in dieser Zeit den Laden schließen und zu Grace fahren. Ich hoffe, sie kann mir helfen und vielleicht finden wir

zusammen einen Weg, dass Ramona uns endlich in ihre Geheimnisse einweiht. Vorausgesetzt, sie ist nicht zum Schweigen verdonnert.

Mit dieser Hoffnung mache ich mir noch etwas zu essen und mache es mir mit einer warmen Decke auf der Couch gemütlich. Nach einer Stunde gehe ich schließlich, einsam und allein, wie die ganze letzte Zeit, ins Bett.

 

ZWEI

 

Ramona hat soeben, pünktlich um 13 Uhr, den Laden verlassen. Mit einem ziemlich erzwungenen Lächeln schloss sie die Tür hinter sich. Was soll ich davon halten? Wo geht sie nur hin? Mir kommt es vor, als würde ihr der Weg schwerfallen oder es nagt an ihr selbst, mir immer noch nichts gesagt zu haben. Warum tut sie es dann nicht?

Vielleicht könnte ich ihr wirklich helfen. Ihre Augen sehen in letzter Zeit immer so traurig aus. Irgendetwas muss ihr sehr nahe gehen. Aber was nur?

Schon wieder kreiseln die Fragen in meinem Kopf herum. Deshalb werde ich jetzt den Laden abschließen und zu Grace fahren. Ich will gerade meine Tasche von hinten holen, wozu ich aber nicht komme, weil Angelo plötzlich hinter mir steht und sein Blick sagt mir, dass ich jetzt nicht fahren werde.

„Wo willst du denn hin?“, fragt er und stellt sich mir in den Weg.

Eigentlich könnte ich einfach durch ihn hindurchgehen, ich weiß, dass es geht, aber ich habe es noch nie getan. Die Angst vor einem Stromschlag hält mich davon ab. Wer weiß, wie groß der bei Angelo wäre. Er hat noch mehr Energie in sich, als es die Zwillinge je hatten.

„Lass mich in Ruhe, ich muss dringend zu Grace“, fahre ich ihn stattdessen an. Seine Augen funkeln mich jedoch böse an und somit weiß ich, er hat etwas vor.

„Hallo, ich habe dir geholfen und nun brauche ich mal deine Hilfe“,sagt er und hält komischerweise seine Hände schützend vor sich, als könnte ich ihm gefährlich werden. Mein Tonfall war wahrscheinlich nicht richtig gewählt und eigentlich will ich mich auch

nicht mit ihm anlegen.

„Ich habe aber keine Zeit“, sage ich jetzt etwas leiser, aber immer noch konsequent.

„Grace kann warten. Du musst mir jetzt helfen, ansonsten lasse ich alle Geister auf dich los, die ich zurückgehalten habe“, droht er mir und ich sehe ihm an, dass er es durchaus ernst meint.

„Es geht um Ramona. Ich muss wirklich dringend zu Grace“, sage ich nun etwas ängstlich, denn seine eisblauen Augen versenken jeden Widerspruch, den ich erwäge zu erheben, ins Nichts.

„Ich weiß, was du vor hast. Aber Grace wird dir nicht helfen können. Und auf einen Tag mehr oder weniger kommt es jetzt auch nicht mehr an“, knurrt er und ich bin mir wieder einmal sicher, dass er viel mehr weiß, als er je zugeben würde.

„Ich muss es zumindest versuchen“, widerspreche ich, entlocke ihm aber nur ein hämisches Lächeln.

„Pass auf. Wenn du mir jetzt hilfst, dann bin ich bei Grace mit dabei. Ob es etwas bringt, weiß ich jedoch nicht und kann ich dir auch nicht versprechen“, hält er dagegen.

„Grace kann dich nicht einmal sehen. Wie willst du mir dann helfen?“, frage ich ärgerlich.

„OK, das stimmt. Aber bitte, höre dir wenigstens an, was ich von dir will“, bettelt er und ich weiß, dass er nicht locker lassen wird. Außerdem sollte ich mich geschmeichelt fühlen, wenn ein Seelenfänger von mir Hilfe möchte.

Ich setze mich also hin und warte auf das, was da kommen mag. Angelos Augen blitzen zufrieden auf und er macht es sich auf meinem Tisch bequem.

„Ich bin kurz davor, einen jungen Mann zu verlieren. Ich soll ihn hinüberholen, aber er weigert sich. Ich habe Angst, dass er in die andere Richtung geht. Er ist über zwölf Jahre hier und hat sein Problem bis heute nicht gelöst“, erzählt er mir.

„Welches Problem hat er denn?“, frage ich, obwohl es mich kaum interessiert und ich noch in meinen Gedanken festhänge.

„Er sagt es mir nicht. Ganz im Gegenteil. Jedes Mal wenn ich ihn frage, erscheinen die dunklen Geister und er verschwindet. Ich weiß nicht, ob mit ihnen oder aus Angst vor denen“, erklärt er mir.

„Und du weißt nicht wohin? Haben die dunklen Geister etwas damit zu tun? Was sind eigentlich die dunklen Geister?“ Die Fragen purzeln plötzlich nur so aus mir heraus und gleichzeitig hat er mein volles Interesse geweckt. Ramona ist augenblicklich

vergessen.

„Eins nach dem anderen“, beginnt Angelo wieder.

„Er will nicht auf mich hören und die dunklen Geister sind eindeutig schon hinter ihm her. Er glaubt mir einfach nicht, dass es besser wäre in das Licht zu gehen“, redet er weiter und holt tief Luft. „Was die dunklen Geister angeht, kann ich dir nicht sagen, wo

sie her kommen oder sich aufhalten. Genauso wenig, wo sie die hinbringen, die wir verlieren. Aber sie werden von Seelenfängern geleitet, die für die andere Seite arbeiten und sie ernähren sich von der Energie der Geister. Je mehr sie für sich gewinnen, um so stärker werden sie“, schließt er mit einem Schulterzucken und traurigen Augen ab.

„Woran erkennt man die anderen Geister?“

„Die sehen etwas anders aus“, antwortet Angelo gezwungen.

„Wie?“, hake ich nach.

„Fast wie Zombies. Dunkele Augenringe und rot unterlaufene Augen. Ihr Blick spricht für sich. Wenn du einen siehst, erkennst du ihn bestimmt sofort. Die Seelenfänger wirst du aber nicht unterscheiden können. Von denen musst du dich fernhalten. Aber

das wird kein Problem werden, denn sie zeigen sich fast nie. Sie schicken immer nur die Geister, die sie schon haben.“

„Dieser junge Mann ist aber noch keiner von ihnen?“, frage ich und Angelo schüttelt den Kopf.

„Er hat aber nicht mehr viel Zeit“, sagt er nur kurz.

„Wie soll ich ihn denn überzeugen ins Licht zu gehen?“

„Du musst ihm sein Problem entlocken. Vielleicht kannst du ihm dabei helfen es zu lösen. Und dann kann er auch gehen, und zwar in die richtige Richtung“, antwortet Angelo und sieht mich eindringlich an.

„Und was mache ich, wenn die anderen kommen?“, frage ich ängstlich weiter, denn ich will mit Zombies, falls es welche gibt, nichts zu tun haben.

„Ich werde immer bei dir sein und versuchen, die Bösen von dir fernzuhalten, wenn du mit ihm sprichst“, nickt Angelo mir aufmunternd zu und scheint sicher zu sein, dass ich nicht mehr umdrehe, sondern auch ein wenig von meiner Neugierde getrieben werde.

„Und wo finde ich ihn? Wie heißt er? Und wo hat er früher gewohnt?“, plappere ich los. Je schneller ich ihn finde und ihm helfen kann, um so eher kann ich mich um meine Probleme kümmern. Dass sie hierdurch noch größer werden, kann ich ja nicht wissen.

„Er heißt Timo und wir finden ihn bestimmt auf dem Friedhof“, antwortet Angelo und übergeht ebenfalls die Gefahr, die auf mich zukommen könnte.

„Wieso auf dem Friedhof? Vielleicht finden wir da schon sein Problem? Ist er an einem bestimmten Grab?“

„Ja, das von seiner Frau.“

„Sie ist auch tot?“, frage ich und Angelo greift sich an den Kopf.

„Hm, aber sie ist hinübergegangen. Was ihn trotzdem noch hier hält, müssen wir

herausbekommen“, lächelt Angelo, als hätten wir den Fall schon gelöst.

Meine Freude hält sich allerdings in Grenzen, denn ob er mit mir reden wird, steht noch in den Sternen. Und die dunklen Geister machen mir viel mehr Angst, als ich mir eingestehe.

„Lass uns gehen“, fordere ich Angelo auf, nehme meine Tasche und schließe den Laden ab.

In Kürze bin ich an meinem Auto, wo Angelo schon auf mich wartet. Gemeinsam fahren wir zu dem Friedhof, der ziemlich weit außerhalb der Stadt liegt. Er ist sehr groß und ohne Angelos Hilfe würde ich mich vielleicht noch verlaufen. Angelo schwebt vor mir her bis zu dem entsprechenden Grab. Es ist voller Blumen und wird liebevoll gepflegt. Die Inschrift auf dem Stein lässt mich stocken. Da liegt eine junge Frau begraben, die nicht älter war als ich, gerade einmal vierundzwanzig.

Ich schlucke den Kloß in meinem Hals hinunter und suche dann mit den Augen die Gegend ab. Ich bin vollkommen allein hier. Ich sehe weder gute noch böse Geister, nur Angelo steht plötzlich wieder vor mir.

„Kannst du etwas mit dem Namen anfangen?“, fragt er mich und ich erinnere mich daran, wie ich auch über Mell einiges im Internet gefunden habe.

Ich hole einen Zettel aus meiner Tasche und suche noch einen Kugelschreiber. Kurz darauf finde ich ihn und schreibe mir den Namen und die Daten der Frau auf. Gerade als ich den Zettel wieder einstecken will, erscheint vor mir ein Mann und sieht mich finster an. Seine Augen sind noch normal, zumindest ist er noch kein Zombie. Aber der große muskulöse Körper kann einem schon Angst einjagen.

„Was soll das? Was willst du von meiner Frau?“, zischt er mich böse an. Ich schaue zu Angelo, der mir nur zunickt und so weiß ich, dass Timo vor mir steht.

„Ich will dir helfen“, kommt sehr leise von mir, aber ich bin mir sicher, dass er mich versteht.

„Wieso kannst du mich sehen? Du bist doch keine von uns?“, fragt er und mustert mich ziemlich genau.

„Ich bin Angie und habe die Gabe, mit Geistern reden zu können. Ich kann sie sehen und ihnen helfen, ins Licht zu gehen“, antworte ich, aber das war wahrscheinlich schon zu viel, denn er ist augenblicklich verschwunden.

„Du hättest nicht gleich mit dem Licht kommen dürfen. Jetzt hast du ihn verjagt“, schüttelt Angelo neben mir mit dem Kopf.

„Mach´s doch besser“, fauche ich ihn an und verlasse auf dem schnellsten Weg den Friedhof. Erst an meinem Auto taucht er wieder auf.

„Was willst du jetzt machen? Das Handtuch werfen?“ Er steht vor mir, die Hände in die Hüften gestemmt, und sieht mich grimmig an.

„Nein. Ich möchte etwas über die Frau herausbekommen und dann verstehen wir ihn

vielleicht besser“, kontere ich und zeige ihm mit einer wedelnden Handbewegung, dass er mir aus dem Weg gehen soll.

Kurz darauf sitze ich zu Hause auf der Couch und habe den Laptop auf meinem Schoß. Ich gebe den Namen der jungen Frau ein und finde eine Webseite von ihr. Dina Seller war eine Künstlerin. Sie hat gemalt und man kann ihre Bilder online kaufen. Die Seite ist sogar nach zwölf Jahren noch frei geschalten und ganz hinten finde ich nicht nur ihre alte Adresse, nein, auch einen weiteren Namen. Sabine Riecke. Wer mag sie

wohl sein? Auch ihre Adresse steht da und so werdeich als Nächstes zu ihr fahren. Ehe ich es mit Timo aufnehme, muss ich mir einen Überblick über das Leben des jungen Paares machen. Ich finde weder eine Todesanzeige, noch etwas anderes Interessantes über sie, was meine Fragen beantwortet. Ich hoffe nur, dass diese Sabine mir helfen kann. Ich gebe die Adresse in meinem Navi ein und mache mich sofort auf den Weg. Angelo ist immer in meiner Nähe und beobachtet jeden Schritt, den ich mache. Mir soll es recht sein, denn etwas Angst habe ich schon vor den dunklen Geistern oder einem

anderen Seelenfänger, der vielleicht etwas dagegen hat, dass ich Angelo helfe.

Nach einer Viertelstunde stehe ich vor einem Mehrfamilienhaus, das auf den ersten Blick wirklich eine Renovierung nötig hätte. Aber ich bin hier in einem Stadtteil, in dem alle Häuser so aussehen. In den Häusern sind Geschäfte und Ateliers, von allem etwas.

Ich komme mir vor, als wäre ich in einem Künstlerviertel. Vieles was es hier gibt, ist eindeutig handgemacht und voller Fantasie. Wenn ich mehr Zeit hätte, würde ich jetzt durch die Läden spazieren und mich inspirieren lassen, aber ich muss diesen Fall zu

Ende bringen, damit ich mich um Ramona kümmern kann. Kaum denke ich an sie, sind auch wieder alle Fragen in meinem Kopf. Irgendwie bin ich doch mehr mit ihr verbunden, als ich zugeben will. Ich bin wieder besorgt um sie, denn ihre Augen sind nicht mehr so leuchtend grün, wie sie eigentlich sein sollten.

Das muss sich schnellstens wieder ändern, denn glücklich ist sie nicht, jedenfalls momentan nicht.

„Was ist? Willst du nicht klingeln?“ Angelo holt mich in die Realität zurück und ich schlucke die Traurigkeit, die in mir aufgestiegen ist, weg.

„Ich brauche noch einen kleinen Moment“, sage ich und schlendere zu dem Laden, der im nächsten Haus ist. Ich schaue mir nicht wirklich die Dinge im Schaufenster an, nein, ich denke an Ramona und ich fühle den Schmerz, den sie gerade fühlen muss. Es drückt mein Herz zusammen und das Atmen fällt mir schwer. Ich schließe die Augen und bekomme fast gleichzeitig heftige Kopfschmerzen. Ich kann mich gerade noch festhalten, damit ich nicht stürze, denn mir zieht es fast die Beine weg.

Ich sehe Blitze und dann bin ich an einem Ort, den ich noch nie gesehen habe. Ein wunderschöner Park liegt vor mir und ein Weg aus feinen Kieselsteinen, eingesäumt von hohen, wahrscheinlich sehr alten Pappeln. Langsam gehe ich auf ein großes Gebäude zu. Es sieht wie eine übergroße Villa aus dem letzten Jahrhundert aus und es führt eine lange Steintreppe zu ihr hinauf.

Kurz bevor ich oben ankomme, sehe ich ein Schild.

Auf dem steht „Klinik für Neuro...“. Ich komme nicht dazu, auch wenn ich versuche, mich anzustrengen es zu Ende zu lesen, denn eine kalte Hand legt sich auf meine Schulter. Gleichzeitig fährt ein Stromschlag durch meinen Körper hindurch.

„Angie, alles in Ordnung?“, höre ich neben mir jemanden fragen und ich erkenne Angelos Stimme.

Ich öffne die Augen und der hämmernde Kopfschmerz verschwindet, wenn auch nur zögerlich. Ich sehe zu Angelo, der mit ängstlich funkelnden Augen neben mir steht.

„Wo warst du?“, will er wissen und ich massiere erst einmal meine Schläfen. Das tut gut und ich komme wieder richtig zu mir.

„Ich glaube, ich hatte wieder eine Vision“, sage ich und setze mich auf die unterste Stufe des Ladeneingangs.

„Was hast du gesehen?“, fragt Angelo neugierig und setzt sich gleichzeitig zu mir.

„Ich habe durch Ramonas Augen geschaut“, kommt von mir, ohne weiter darüber nachzudenken. Wer sollte es sonst gewesen sein? Ich habe an sie gedacht und war mit ihr automatisch verbunden.

„Schade“, flüstert Angelo enttäuscht.

„Was?“, murmele ich, denn ich will hier nicht für verrückt gehalten werden. Selbstgespräche kommen meistens nicht gut an.

„Ich dachte, du warst in Timos Gedanken. War es wenigstens etwas Gutes, was du gesehen hast?“

„Wie man es nimmt. Sie ist irgendwo in einer Klinik. Ich konnte nicht alles lesen, weil du mich zurückgeholt hast“, sage ich etwas vorwurfsvoll.

„Tut mir leid. Aber vielleicht ist es gar nicht so, wie es aussieht“, nuschelt er und wendet sich von mir ab.

„Ob sie krank ist?“, denke ich laut.

„Das musst du sie schon selbst fragen.“ Jetzt klingt Angelo zynisch und ich sehe ihn ernst an.

Geister haben doch auch Gefühle. Warum ist er dann so abweisend? Geht ihm das wirklich am Allerwertesten vorbei? Oder will er nur seinen Fall gelöst haben?

Was ist, wenn Ramona wirklich krank ist und sich nicht traut, es mir zu sagen? Was kann ihr nur fehlen? Welche Klinik war das nur? Und der schöne Park. Welches Krankenhaus hat so etwas heute noch? Ich muss diese Klinik finden. Ich falle in meine Gedanken und suche nach der Vollendung der Worte auf dem Schild. Ich vergesse dadurch die Zeit und lasse mich auch nicht von Angelo stören. Ich schalte ihn einfach

aus.

Klappentext

 

Angie musste letztendlich auch Ranja, den zweiten Zwilling, gehen lassen und will deswegen das Verhältnis Ramona vertiefen. Aber anscheinend hat sie ein weiteres Geheimnis, was sie mit sich herumträgt.

Dann erscheint Angie ein kleines Geistermädchen, in dem sie sich selbst als Kind sieht, und sie nennt sie zudem noch Mama.

Was hat das zu bedeuten? Hängt es etwa mit Ramona zusammen und betrifft am Ende die ganze Familie?

Währenddessen hilft sie dem Polizisten Herrn Bender bei einem ganz emotionalen Familienproblem und sie kommt in Kontakt mit dunklen Geistern.

Aufgeregter kann ihr Leben kaum sein, sie scheint jedoch jede Herausforderung zu meistern, wobei sie stets jemanden hinter sich hat, ob lebendig oder tot, der ihr hilft.