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Esoterik Bücher
Buch Leseprobe Mein Schutzengel war immer da, Bernd Ehm
Bernd Ehm

Mein Schutzengel war immer da


Das Leben des Bernd Ehm

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Aufbruch und Wandel
Nun ging es Schritt für Schritt mit mir bergauf. Einige Monate nach meiner Gesellenprüfung kündigte ich meine Arbeitsstelle bei dem Marler Handwerksbetrieb. Im Herbst 1970 begann ich für ein Gelsenkirchener Leiharbeiterunternehmen zu arbeiten.
Ich wurde im Chemiewerk, das mittlerweile Hüls AG hieß, in Marl eingesetzt. Welch eine glückliche Fügung, denn zwischen Wohnung und Arbeitsplatz waren es lediglich eineinhalb Kilometer. Man konnte bequem mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren.
Es war die Zeit, als an den Werkstoren Schilder aufgestellt wurden „Wir stellen ein“ - aufgelistet waren die Berufe, in denen Arbeitskräfte gesucht wurden. Arbeitslosigkeit war zu dieser Zeit ein Fremdwort. Welch paradiesische Zustände…
In unserem Betrieb wurde im Akkord gearbeitet. Klingt stressig, war es aber nicht. Zweimal in der Woche kam der Kalkulator, um die Stundenzettel auf ihre Richtigkeit hin zu überprüfen. Mein Kollege und ich waren ein eingespieltes Dream-Team. Meine Aufgabe war, vor Ort alles auf eine mögliche Kontrolle des Kalkulators vorzubereiten. Das bedeutete, alte Leitungen auf neu zu trimmen oder zum Beispiel auf Kabeln und Leitungsbühnen ein paar Kupferrohre optisch so zu platzieren, dass der Kalkulator das Produkt unserer Arbeit sehen konnte.
Zwei Dinge wiederholten sich jedes Mal aufs Neue: bei Regen fuhr der Kalkulator niemals von der Werkstatt zur Arbeitsstelle in einer der Produktionsstätten, und auf ein Gerüst kletterte er wegen seines Übergewichtes generell nicht. Wir hatten einen ruhigen Job und verdienten gutes Geld, zwischen 1700 und 1900 DM.
Es gab Bauten, die eine Zwischenbühne hatten. Für uns ein idealer Ort, um während der Mittagspause ein Nickerchen zu machen.
Dieses Schlaraffenland fand nach drei Jahren ein Ende, denn unsere Fremdfirma wurde nicht mehr benötigt.
1970 habe ich mein erstes Auto, einen roten VW Käfer, für 2000 D-Mark gekauft. Mein Gott war ich stolz!
Von nun an begann ein neuer Lebensabschnitt. Mein Freund Peter und ich waren fast jeden Abend auf der Piste. Wer nun fälschlicherweise glaubt, dass ich der große Partyhecht war, der täuscht sich gewaltig. Genau das Gegenteil war richtig. Meistens habe ich mich hinter Peter versteckt, in der Überzeugung, dass sowieso nichts geht. Mit anderen Worten: Ich gab schon wieder auf, bevor das Spiel überhaupt begann. Zu diesem Zeitpunkt waren für mich Mädels noch unbekannte Wesen. Aber das sollte sich bald ändern.
Kurze Zeit später lag ein Brief auf dem Tisch. Das Kreiswehrersatzamt bestellte mich zur Musterung nach Recklinghausen. Nachdem sowohl mein Bruder als auch ich die Folgen eines Krieges täglich an unserem Vater sahen, war absolut klar: Zur Bundeswehr gehe ich auf keinen Fall!
In den letzten zwei Tagen vor der Musterung habe ich nichts mehr gegessen und nur Kaffee getrunken, um meinen Blutdruck hochzutreiben. Allen Hoffnungen zum Trotz wurde ich als tauglich eingestuft. Wenige Tage später verweigerte ich den Kriegsdienst.
Heute genügt in solch einem Fall eine Erklärung – Militärdienst oder Zivildienst. Damals musste man klagen, was oft einen ermüdenden Kampf durch mehrere Instanzen bedeutete. Eine solche Klage hatte aber keine aufschiebende Wirkung. Hätte man in der Zwischenzeit die Einberufung bekommen, musste man erst einmal den Wehrdienst antreten.
Ich erhielt nach zwei Instanzen durch das Verwaltungsgericht Gelsenkirchen meine Anerkennung als Kriegsdienstverweigerer.
An die Gerichtsverhandlung kann ich mich nicht besonders gut erinnern. Ich hatte wohl einen sehr verständnisvollen Richter. Ich gebe zu, dass sich meine Einstellung zu diesem Thema mit den Jahren gewandelt hat. Heute leben wir im vereinten Deutschland und den Ost-West-Konflikt gibt es nicht mehr. Sicherlich beunruhigen mich die vielen Auslandseinsätze. Über Sinn und Unsinn kann man streiten. In der Zwischenzeit „flüchtete“ mein Freund Peter, der ein Jahr älter war als ich, nach Wien, um keinen Wehrdienst leisten zu müssen.
Bei einem Besuch in Österreich blieben wir zum Jahreswechsel 1971/72 einige Tage in Lienz (Osttirol). Er besuchte dort seine Freundin Gabriele. Als wir am späten Abend von einem
Besuch zurück ins Hotel fuhren, verlor ich auf verschneiter Straße die Kontrolle über mein Auto.
Wir schleuderten von der Fahrbahn und rutschten genau zwischen zwei Bäumen einen Abhang herunter. Erst kurz vor einem weiteren großen Abhang kamen wir zum Stehen.
Ich war zutiefst geschockt und ließ meinen Tränen freien Lauf. Körperlich waren wir unverletzt, aber unsere Nervenkostüme haben schwer gelitten. Zur damaligen Zeit glaubte ich an großes Glück. Heute bin ich davon überzeugt, dass uns unsere Schutzengel beschützten haben.
Silvester feierten wir anschließend in unserem Hotelzimmer. Zwar waren wir zum Essen eingeladen von Gabrieles Eltern, doch nachdem wir deren Villa betreten hatten, beschlich uns das Gefühl, irgendwie fehl am Platze zu sein. Der Vater, einer der konservativen Parteiführer der Region, und wir Salonrevolutionäre - das ging, zumindest aus meiner Sicht, nicht zusammen.
Wir schlichen uns von dannen.
Auf unserem Zimmer ging es dann munter ins neue Jahr. Peter verschwand mit Gabriele unter der Bettdecke, ich lag im Bett gegenüber und überlegte, ob ich mich nicht vielleicht dezent zurückziehen sollte.
Doch draußen war es bitterkalt und ich wusste aus früheren Erfahrungen, dass es ihm ohnehin egal war, dass ich das Zimmer mit ihm und seiner Freundin zur gleichen Zeit teilte. Außerdem war um vier Uhr in der Früh sowieso alles vorbei, denn Gabrieles Vater stand nebst zwei Herren von der Gendarmerie vor der Tür.
An uns erging die freundlichen Aufforderung: Das Mädchen möge herunterkommen, ansonsten käme die Polizei herauf. Wir gaben natürlich sofort auf. Frohes neues Jahr!
Im Laufe der Zeit habe ich aufgrund verschiedener Lebenswege Peter zeitweilig aus den Augen verloren. Er machte nach vielen Irr- und Umwegen seinen Weg als Journalist und ist heute ein bekannter Fotograf.
Nachdem Jahre später unser Verhältnis wieder enger wurde, haben wir sogar bei einem Werbefilm - Projekt für das Fernsehen, bei dem Peter die Regie und ich die Produktion übernahm, zusammengearbeitet. Mein damaliger Arbeitgeber beauftragte uns einen kurzen Werbefilm über die Vorteile von Börsengeschäften zu drehen.
Titel: Wir lassen Ihr Geld hart für sie arbeiten. Faszination Motorsport und Börsengeschäfte.
Zu dieser Zeit sponserte mein Arbeitgeber ein Racing Team der Tourenwagen Meisterschaft. Es wurde uns der mit Werbung beklebte Porsche samt Fahrer zu Verfügung gestellt. Peter entschied sich den Film auf dem Verkehrsübungsplatz in Haltern am See zu drehen. Es wurden viele Szenen gedreht und anschließend in einem Bochumer Studio zusammengeschnitten.
Für die Stimme des Textes entschieden wir uns für einen bekannten deutschen Schauspieler. Als wir zum ersten Mal den fertigen Film sahen empfanden wir Stolz und Genugtuung mit einem kleinen Budget ein solches " Meisterwerk " gedreht zu haben. Mehrfach wurde der Werbefilm im Deutschen Sportfernsehen ausgestrahlt.
Kurze Zeit danach setzten wir dann noch gemeinsam eine Werbekampagne für italienische Designermöbel um, die Peter unbedingt in einem westfälischen Wasserschloss fotografieren wollte. Der Tag des Fotoshootings kam und wir zogen mit dem gesamten Tross zu der herrlichen Burganlage. Alles stand: das Wohnmobil für Model Eva P., dazu Catering, selbst die Lichtverhältnisse waren optimal. Dann kam der Transporter mit den Möbeln - und mit ihm das Problem:
Der Wagen passte nicht durch den Rundtorbogen. Allerdings merkte der Fahrer das erst, als er schon festsaß.
Es gab kein Vor und kein Zurück. Er hatte sich in historischer Kulisse „verfangen“. Erst nachdem er die Luft aus den Reifen gelassen hatte, konnte er das Tor passieren und in den Burghof fahren.
Ergebnis: Die Risse, die das Auto im historischen Torbogen hinterlassen hat, sieht man noch heute, obwohl wir sie zumindest farblich der normalen Altersverwitterung angleichen wollten, indem wir mit Sand und Blättern den Spuren die Frische nahmen.
Alles in allem: Wir hatten eine hervorragende Fotoausbeute und historische Markenzeichen hinterlassen. Nach den Kriegen der letzten Jahrhunderte hat wohl kaum jemand mehr Spuren an dem Schloss hinterlassen als wir!
Mit 19 Jahren hatte ich meine erste feste Freundin, Margret. Wir blieben vier Jahre zusammen.
Unseren ersten gemeinsamen Urlaub verbrachten wir gemeinsam an der dalmatinischen Küste: Camping in Pirovac. Mit meinem alten VW Käfer machten wir uns auf den Weg. Am
Zielort angekommen merkten wir, dass unsere Campingausrüstung unvollständig war. Zum Glück lernten wir dort hilfsbereite Leute kennen, die ihr Boot mitgebracht hatten. Wir machten gemeinsam viele Ausflüge und ich durfte sehr viel Wasserski fahren. Magret und ich waren zum ersten Mal über eine längere Zeit Tag und Nacht zusammen. Wir hatten genügend Geld zur Verfügung und erkundeten die Umgebung unseres Urlaubsortes. Im Nachhinein betrachtet war es eine unbeschwerte Zeit.
Nach unserer Rückkehr beschloss ich, wie Jahre zuvor auch mein Bruder, in der Abendrealschule Marl auf den Abschluss der Mittleren Reife vorzubereiten. Der erste Versuch endete in einem Desaster. Bereits nach einigen Wochen war Schluss. Aus und vorbei!
Aus und vorbei? Aber nur für den Augenblick!
Im Gegensatz zu früher, als ich ganz schnell alles hingeworfen hatte, war urplötzlich das Kämpferherz in mir geweckt. Ich hatte keine Lust mehr nach dem ersten gescheiterten Versuch aufzugeben. Ich entschloss mich umgehend, Kurse der Volkshochschule Marl in den Fächern Deutsch, Mathematik und Englisch zu besuchen. Nach einem Jahr fühlte ich mich stark genug für einen zweiten Versuch.
Bevor ich die Abendrealschule im Jahr 1973 betrat, leistete ich einen Schwur „Du hörst hier nicht eher auf, bevor du die Mittlere Reife in der Tasche hast!“ BASTA!
Wir starteten mit 48 Schülerinnen und Schülern in zwei Klassen. Nach zwei Jahren legte ich die Prüfung mit elf anderen Schülern ab. Sicherlich gab es viele Mitschüler mit mehr schulischen Erfahrungen als ich sitzen gebliebener Volksschüler. Mein unbedingter Wille, mein Ziel zu erreichen, führte zum ersehnten Erfolg. Eine große Hilfe war meine damalige Arbeitsstelle.
Zwischenzeitlich arbeitete ich seit einiger Zeit bei der Hüls AG als Betriebsschlosser. Schon wieder Akkord, aber diesmal gab es keine Spielchen mehr.
Das Kraftwerk des Unternehmens war meine Arbeitsstelle. Hier mussten zum Beispiel so genannte Brennerecken an den Hochöfen ausgetauscht werden. Es war immer sehr laut, immer sehr schmutzig und immer sehr heiß.
Mit meiner Ausbildung als Gas- und Wasserinstallateur war ich für diese Arbeit im Kraftwerk völlig ungeeignet. Nun passierte etwas Wunderbares:
Mein damaliger Meister wusste natürlich, dass ich zur Abendrealschule ging - viermal in der Woche von viertel vor sieben bis zehn nach zehn.
Er schickte mich ins Magazin. Da wurde lediglich das Werkzeug an die Kollegen ausgegeben. Eigentlich eine Arbeit für ältere, kränkelnde Kollegen. Für mich ein Traumjob, denn ich hatte viel Zeit, um für die Schule zu lernen. Was ich auch ausgiebig tat!
Im Januar 1975 bestand ich die Prüfung und verließ die Abendrealschule Marl mit dem Abschluss der Mittleren Reife.
Mein erstes Ziel war erreicht. Vor meinen Augen hatte ich bereits ein viel größeres: das Abitur.
Durch die bestandene Prüfung hatte ich für den Sommer 1975 bereits die Zulassung für das „Institut zur Erlangung der Hochschulreife Ruhr-Kolleg in Essen“ in der Tasche.
Mit diesem Wissen hatte ich eigentlich keine große Lust mehr, ein weiteres halbes Jahr als Betriebsschlosser zu arbeiten. Sicher konnte ich mir auch nicht sein, im Magazin zu bleiben. Mein Bruder hatte die Idee, mich kurzfristig bei einer Technikerschule zu bewerben. Dort könnte ich naturwissenschaftliche Dinge lernen, die mir anschließend beim Ruhr-Kolleg von großem Nutzen sein könnten. Ich dachte: „Lieber ein Semester Technikerschule als ein weiteres halbes Jahr Betriebsschlosser im Kraftwerk zu verbringen.“
Ich bewarb mich umgehend und bestand die Aufnahmeprüfung.
In der Technikerschule in Wattenscheid lernte ich meinen späteren Freund Dieter kennen. Er hatte das gleiche Ziel wie ich im Auge. Auch er wollte im Sommer zum Ruhr-Kolleg nach Essen gehen.
Somit hatten wir beide eine entspannte Zeit in der Schule. Gern möchte ich erwähnen, dass einige Dinge, die ich auf der Technikerschule gelernt hatte, mir später sehr hilfreich auf dem Ruhr-Kolleg waren. Insbesondere in den naturwissenschaftlichen Fächern - und das, obwohl ich mit denen lange auf dem Kriegsfuß stand. Somit war es keine verlorene Zeit.
In der Zwischenzeit war ich stolzer Besitzer eines roten Alfa Romeos geworden. Ungern denke ich daran zurück, als ich mit Margret an einem warmen Sommerabend wie ein Verrückter mit 180 Kilometer über die Landstraße zwischen Marl und Haltern am See raste.
In einer weit gezogenen Kurve begann der Alfa zu schlingern. Mit Müh und Not konnte ich die Kontrolle über das Auto behalten. Erst Wochen zuvor war ein jungendlicher Motorradfahrer in dieser Kurve zu Tode gekommen. Ich war wie von Sinnen und in einem Geschwindigkeitsrausch. Nun stand ich am Straßenrand und mit fehlten die Worte. Margret war zutiefst geschockt und verfluchte mich.
Ich bin fest davon überzeugt, dass unsere Schutzengel ihre Hände im Spiel hatten.
Bevor ich im August 1975 zum Ruhr-Kolleg in Essen ging, stand ein längerer Urlaub auf dem Programm. Zum ersten Mal besuchte ich die USA und Kanada: New York, Washington, Chicago, die Niagarafälle und Montreal waren die Höhepunkte der Nordamerikarundreise. Es verging kein Tag, an dem ich nicht beeindruckt von diesem Kontinent war. Ganz schnell war mir klar, dass ich wieder kommen würde, vielleicht sogar, um in den Staaten zu studieren. Einige Jahre später erfüllte sich dieser Traum.
Auf dem Weg zum ersten Schultag im Ruhr-Kolleg in Essen erneuerte ich in abgewandelter Form meinen Schwur von der Abendrealschule.
Jetzt lautete er: „Du hörst hier nicht eher auf, als bis du das Abitur hast!“ BASTA!
Sowohl mein Freund Dieter, der allerdings nach zwei Semestern das Kolleg verließ, um seinen Weg im öffentlichen Dienst zu machen, als auch ich fühlten uns dort sehr wohl. Wir sind auch heute noch sehr gute Freunde.
Bei der Wahl zum Klassensprecher rührte Dieter erfolgreich die Werbetrommel für mich, was zu einem überwältigenden Sieg führte.
Die naturwissenschaftlichen Fächer Chemie, Physik oder Mathematik waren überhaupt nicht mein Ding. Ich hatte riesiges Glück und bekam einen Mathematiklehrer, der mich sehr mochte. Er hieß Herr Franke, den wir Frankyboy nannten. Es war kein Problem während der Klausuren von meiner klugen Nachbarin abzuschreiben, die überragende Fähigkeiten im Fach Mathematik besaß. Es sollte nicht unerwähnt bleiben, dass ich beim Abschreiben in sehr guter Gesellschaft war. Bis zum dritten Semester konnte ich die Note „befriedigend“ halten.
Einmal lobte mich der Mathematiklehrer vor der Klasse. Ich gebe zu, dass mir das verdammt peinlich war.
Dann schlug das Schicksal urplötzlich mit aller Brutalität zu. Mein Mathematiklehrer verstarb an einem Herzinfarkt. Welch eine Tragödie, für seine Familie – und für mich. Ich sah schon das ganze Kartenhaus in sich zusammenbrechen. Und so kam es auch.
In den letzten beiden Semestern unterrichtete uns ein junger, motivierter und „leider" auch sehr gradliniger Mathematiklehrer.
Abschreiben war nun gar nicht mehr möglich. Meine Note verschlechterte sich dramatisch. Es führte dazu, dass auf meinem Abiturzeugnis ein „mangelhaft“ stand. Die Fächer Englisch, Sozialwissenschaften, Geschichte, Geographie und die Psychologie - AG machten mir große Freude, was sich auch in den Schulnoten widerspiegelte. Wenn ich die naturwissenschaftlichen Fächer ausklammere, dann hatte ich einen Notenschnitt von 2,1. Somit war der Weg für mein Studium vorgezeichnet.
Der Tag, an dem ich das Abiturzeugnis in der Hand hielt, war ein Tag des großen Triumphes und der Genugtuung. Vom Sitzenbleiber in der Volksschule zum Abitur über den zweiten Bildungsweg. Donnerwetter! Ich konnte mich sehen lassen.
Viele, mit denen ich den Schulweg begonnen hatte, gaben in der Zwischenzeit auf. Fast alle hatten viele Jahre auf einem Gymnasium verbracht, abgebrochen und dann einen zweiten Versuch unternommen.
Ein Gymnasium hatte ich während meiner Lehre als Gas- und Wasser-Installateur immer dann von innen gesehen, wenn Wasserhähne oder Toiletten repariert werden mussten. Wie bereits gesagt, hatte ich etwas ganz Wichtiges zum ersten Schultag mitgebracht, den unbedingten Willen zum Erfolg. Ich hätte garantiert nicht vor dem Abitur aufgehört.
Meine Eltern waren unheimlich stolz. Beide Kinder hatten nach ihren Handwerkerlehren das Abitur auf dem zweiten Bildungsweg gemacht. Manchmal kam es mir vor, als wenn mein Vater von nun an zwei Zentimeter größer war.
Ich war fest davon überzeugt, dass es natürlich so weiter gehen würde. Was sollte mir im Studium schon passieren? Auch da war Durchmarschieren angesagt.
Irrtum, lieber Bernd! Es sollte alles ganz anders kommen.


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