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Belletristik
Buch Leseprobe YANKEE BIRD & SOCCER BOY, Josie Charles
Josie Charles

YANKEE BIRD & SOCCER BOY


College-Liebesroman

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Prolog


London, England


Hunter


Die Nachspielzeit läuft. Noch ungefähr fünfzig Sekunden bis zum Abpfiff und es steht immer noch zwei zu zwei.
Aus der Nähe der gegnerischen Torlinie sehe ich zu, wie Ronny, einer unserer Mittelfeldspieler, nach vorn hechtet, auf den Ball zu, den einer der Gegner gerade im Sprint vor sich her dribbelt. Für einen Moment herrscht atemlose Stille im Stadion, dann schafft es Ronny, ihm den Ball abzunehmen, schnell, geschickt und ohne den Hauch eines Fouls.
Unsere Fans jubeln und stimmen einen Gesang an, der uns zeigt, was sie als Nächstes von uns erwarten: »Auf geht’s, Männer, schießt ein Tor! Schießt ein Tor! Schießt ein …«
Sie haben Recht.
Mir ist klar, dass das der entscheidende Spielzug ist. Meine letzte Chance.
Ich möchte nicht, dass unser letztes gemeinsames Spiel in einem Unentschieden endet, deshalb gebe ich nochmal alles.
Ich stehe zwar nicht perfekt, aber ich weiß einfach, dass ich es schaffen kann, den entscheidenden Treffer zu erzielen. Also presche ich los, lasse die Gegenspieler, die mich decken, hinter mir und brülle: »Ron!«
Er sieht mich, und während ich mich versichere, dass ich nicht im Abseits zum Stehen komme, kickt er den Ball mit einem perfekten Fallrückzieher zu mir rüber.
Ich springe in die Luft, der Ball prallt gegen mein Schienbein und ich befördere ihn mit einer halben Körperdrehung in Richtung Tor.
Gebannt sehe ich ihm hinterher und nehme die nächsten Sekunden wie in Zeitlupe wahr.
Der Ball beschreibt eine Kurve in der Luft, gerade als Hugh Blackwood, der Torwart der gegnerischen Mannschaft, sich dafür entschieden hat, sich in die linke Ecke zu werfen. Mit den Augen folgt er der Flugbahn und das Entsetzen ist ihm ins Gesicht geschrieben, als ihm klar wird, dass er einen Fehler gemacht hat. Er kann das Tor nicht mehr halten.
Noch ehe der Ball hinter der Torlinie in der rechten Ecke zum Liegen kommt, reiße ich die Arme in die Höhe und schreie. Es wird abgepfiffen, dann brechen auch unsere Fans in Jubel aus. Sofort sind meine Mannschaftskollegen bei mir, ein Gewirr aus schweißnassen Trikots und Testosteron.
Ronny und die anderen heben mich in die Höhe, ihr Geschrei vermischt sich mit meinem eigenen. Die Fans auf der Tribüne zücken ihre Handys und wir werden vom Blitzlicht geblendet, als wir uns in Siegerpose fotografieren lassen.
Das Stadion der University of London tobt und wir sind mittendrin. Was für ein gelungener Abschluss!
»Mann, du wirst uns fehlen!«, sagt Timothy Welsh, den alle nur Tiny nennen. Er ist mit seinen einen Meter und siebzig der Kleinste und Wendigste im Team und mir seit meinem ersten Semester in London richtig ans Herz gewachsen.
»Mir auch.« Joseph, unser Torwart, legt mir seinen schweren Arm um die Schulter. »Überleg es dir nochmal. Was willst du denn in Ami-Land?«
»Es sind nur ein paar Monate«, erwidere ich.
Mein Entschluss steht, auch wenn er mir nicht leichtgefallen ist. Meine Eltern wandern nach Amerika aus und haben mich nahezu angefleht, sie zu begleiten. Sie wollen ihren einzigen Sohn nicht in England zurücklassen und in einem Anflug von Sentimentalität, Loyalität oder irgendwelchem anderen Bullshit habe ich eingewilligt, zumindest für ein Auslandssemester mitzukommen.
Danach werde ich allerdings nach London zurückkehren, es gibt also keinen Grund, solche Gesichter zu ziehen.
»Komm schon, sechs Monate sind doch gar nichts. Ich bin schneller wieder da, als du Torlinientechnik buchstabieren kannst«, ziehe ich Joseph auf, der zwar der Größte, aber nicht der Hellste ist.
»Wenn’s danach ginge, kämst du in zehn Jahren nicht zurück.« Stan aus der Verteidigung scheint wirklich geknickt zu sein. Anstatt sich über den Sieg zu freuen, wirkt er wie ein Häufchen Elend.
Ich schüttle Josephs Arm ab und lege meinen jetzt wiederum um Stans Schultern, während wir alle unter immer noch anhaltendem Gejohle in Richtung Kabinen gehen.
»Aber danach geht’s nicht und ich komm zurück, Kumpel. Wer soll dir denn sonst beibringen, wie man die Gegner gescheit abzockt?«
Anstatt auf meine Scherze einzusteigen, sieht Stan immer noch aus, als wäre ich zum Tode verurteilt worden.
»Alter …«, bitte ich ihn. »Hörst du jetzt mal auf, so zu gucken?«
»Ich hab da ein ganz mieses Gefühl. Was ist, wenn du wegen einer Frau da bleibst?«
Jetzt muss ich lachen. »Als würde ich das hier«, ich mache eine umfassende Bewegung, »wegen einer Tussi sausen lassen. Hast du dir die amerikanischen Frauen mal angesehen? Das sind alles aufgeblasene Barbiepuppen. Glaubst du, wegen so einer werf ich alles hin?«
Ich lasse den Blick durch das Stadion schweifen, das in Blau-Weiß, unseren Mannschaftsfarben, und Rot-Gelb für unsere Gegner geschmückt wurde. Die Ränge beginnen sich nur zögerlich zu leeren, Fangesänge schallen von überall her zu uns herunter auf den Rasen, und so langsam dringt zu mir durch, dass wir wirklich gewonnen haben.
»Mein Platz ist hier«, stelle ich klar. »Und zwar nur hier. Für immer.«


***


 


Cammy


 


»Cameron. Wie oft möchten Sie mich denn noch mit diesem Thema quälen?«
Rektor March kann ein richtiger Arsch sein. Seit ich in Princeton studiere, habe ich mit ihm so meine Höhen und Tiefen. Ständig lobt er mich wegen meiner Leistungen in meinem Journalismus-Studium in den Himmel und sorgt dafür, dass meine Texte landesweit in irgendwelchen Uni-Zeitschriften veröffentlicht werden. Aber wehe, ich denke auch nur darüber nach, das, worüber ich schreibe, auch praktisch zu betreiben – dann wird er ganz schnell zu meinem größten Kritiker.
Aus irgendwelchen Gründen fällt es dem Rektor unheimlich schwer, mich als Soccer-Spielerin zu betrachten.
Wenn es dabei um mich allein ginge, wäre das ja eine Sache, aber mein Team hängt auch mit drin, und das macht mich besonders wütend. Der Rektor lässt nicht nur meine Träume, sondern auch die der anderen platzen, und ich kapiere einfach nicht, weshalb.
Auf meinem Besucherstuhl setze ich mich aufrecht hin und argumentiere nochmal von Neuem. »Ich habe in der Satzung von Princeton nachgeschlagen und weiß genau, dass Sie die Möglichkeit haben, eine neue Mannschaft pro Jahr zuzulassen. In welcher Sportart, liegt dabei in Ihrem Ermessen.«
»Da haben Sie Recht, Cameron«, pflichtet mir March bei und legt die Stirn in tiefe Furchen.
»Ich versuche ja nicht, hier ein Team im … Monopoly oder Skydiven anzumelden! Was wir treiben, ist ein ganz normaler Sport. Also wo ist das Problem?«
»Es ist ein Sport mit einem hohen Verletzungsrisiko«, murrt March, und jetzt muss ich fast lachen.
In Princeton gibt es Football- und Rugby-Teams. Beides sind Disziplinen, in denen die Spieler wortwörtlich aufeinander losgehen! Möchte er da also wirklich mit dem Verletzungsrisiko argumentieren?
»Da gibt es wirklich Schlimmeres.«
March hebt eine Braue und mustert mich bezeichnend, und ich verstehe, auf was er hinauswill.
Der Sport ist vielleicht nicht generell zu hart – aber zu hart für mich.
»Das ist ja nicht der einzige Grund, Cameron.« March seufzt, vermutlich, weil ihm selbst klar ist, dass sein Argument nicht zieht, und macht eine ausholende Handbewegung. »Dazu kommt das Problem, dass Sie mir nicht mal einen vollständigen Kader präsentieren können.«
»Ich weiß. Aber wenn Sie mir diese Unterschrift geben, verspreche ich Ihnen, dass ich ein komplettes Team zusammenbekomme.« Mein Team besteht zurzeit aus sechs Mitgliedern, was viel zu wenig ist. Wenn March uns allerdings die offizielle Zulassung erteilen würde, bekämen wir Geld aus dem Sport-Fonds der Uni und könnten uns beispielsweise Plakate und Flyer leisten. Dann hätten wir im Nullkommanichts genug Mitglieder zusammen! Zumindest gehe ich fest davon aus ...
Für ein paar Sekunden sieht March ins Leere und ich beginne zu hoffen, dass ich ihn umgestimmt habe. Dann stellt sich sein Blick auf mich scharf und er sagt in väterlichem Ton: »Cameron. Wir wissen beide, dass Sie ein Riesentalent von Ihrem Vater geerbt haben – die Gabe, mitreißende Texte zu schreiben. Anstatt Ihre Zeit auf dem Sportplatz zu verschwenden, sollten Sie sich darauf konzentrieren. Wenn Sie das tun, kann ich Ihnen nämlich etwas versprechen: Dass Sie große Chancen haben, irgendwann in Ihrem Leben den Pulitzerpreis zu gewinnen. Ist es das nicht wert, dafür auf diese fixe Idee zu verzichten?«
Ein paar Momente lang erwidere ich seinen Blick und stelle mir vor, wie es wäre, seinem Vorschlag zu folgen. Ja, ich mag es, zu schreiben, gar keine Frage. Aber den Sport mag ich mehr.
Darum schüttle ich entschieden den Kopf, stehe auf und schnappe mir das Antragsformular, das er ja doch nicht unterzeichnen wird. Zumindest nicht heute.
»Ich komme wieder«, verspreche ich ihm und wende mich der Tür zu.
»Sie geben nicht auf, was?«
»Niemals«, erwidere ich, und als ich die Tür schließe, höre ich ihn hinter dem Holz leise lachen.
Den kriege ich schon noch rum. Alles eine Frage der Taktik.


***


 


Kapitel 1


 


Hunter


 


Princeton, New Jersey


Zwei Wochen später


 


Ich habe meinen Eltern beim Umzug in ihr schickes weißes Vorort-Häuschen in den Staaten geholfen und jetzt bestehen sie darauf, mir ebenfalls zu helfen. Mum ist schon in meinem Wohnheimzimmer und dekoriert wahrscheinlich alles mit Spitzengardinen und Platzdeckchen – was reine Zeitverschwendung ist, weil ich das Zeug sowieso bei der nächsten Gelegenheit wieder in der Versenkung verschwinden lassen werde –, während Dad und ich Kartons durch den Flur schleppen.
Meine Eltern sind nicht die Einzigen, die sich aufgedrängt haben. Überall stehen stolze Mütter und Väter herum und schießen Fotos, als wäre es ein Privileg, in Princeton aufgenommen zu werden. Für mich war es nicht schwierig. Einen Auslandsstudenten mit meinem Notendurchschnitt haben sie nur zu gerne genommen.
Dad, der in etwa so groß wie ich, aber untersetzt und grauhaarig ist, grüßt der Reihe nach jeden, der ihm über den Weg läuft, doch die Amis quittieren seine Höflichkeit nur mit einem irritierten Lächeln. Ich bin, zumindest was das angeht, anpassungsfähiger und beschränke mich auch nur noch auf freundliche Blicke.
»Denk dran: Wenn du Kekse willst, musst du Cookies kaufen und wenn du die Toilette suchst und irgendwo das Wort Restroom siehst, bist du richtig. Und wenn du neue Sportschuhe brauchst, frag nach Sneakers und nicht nach Trainers.«
Ich muss lachen. So geht es schon, seit ich zugesagt habe, die beiden nach Amerika zu begleiten. Seitdem erklärt mir mein alter Herr lauter solchen Kram, der mir nur eines zeigt, und zwar, dass die Amis einen gehörigen Schaden haben.
Cookies, Sneakers und Restroom. Wer bitte redet denn so?
»Ist schon gut, Dad. Ich werde weder verhungern, noch barfuß herumlaufen oder an irgendwelche Bäume pinkeln. Ich komme klar.«
Dad nickt mir nervös zu und tut mir schon fast leid. Was denkt er denn? Dass ich wegen ein paar Keksen direkt die Heimreise antrete?
Als wir in mein Zimmer kommen, warten bereits zwei Überraschungen auf mich.
Zum einen hat Mum daraus entgegen meinen Erwartungen keinen Teesalon gemacht. Sie ist wohl fest entschlossen, mich mit allen Mitteln hierzubehalten, und versucht alles, damit ich mich wohlfühle. Über meinem Bett hängt ein Mannschaftsfoto des FC KING’S COLLEGE, das wir vor unserem letzten Spiel geschossen haben, und sie räumt gerade meine Trikots gut sichtbar in ein offenes Regalfach.
Das Zweite, was mich verwundert, ist, dass sie offenbar bereits meinen Zimmernachbarn kennengelernt hat. Er ist ungefähr so groß wie ich, nur dünner und mit dunkleren Haaren. Mum hat ihn in Beschlag genommen, lässt sich von ihm meine Klamotten aus einem Karton angeben und erklärt ihm, was man am besten wie bügeln sollte.
Kopfschüttelnd sehe ich den beiden einen Moment zu, ehe ich meinem Nachbarn die Hand reiche und mich ihm vorstelle.
»Hunter Davies. Hi.«
Mein Zimmernachbar betrachtet kurz meine Hand, dann klatscht er mit mir ab, als hätten wir gerade zusammen ein Match gewonnen. Ich versuche noch, seine Hand zu schnappen, um sie zu schütteln, aber er zieht sie zu schnell wieder weg.
»Cool, ich bin Eric Brewer. Drittes Semester, Ingenieurwesen.«
»Sport und Medizin«, füge ich an und deute mit dem Kinn in Richtung meiner Eltern, die uns anstarren, als wären wir zwei Dreijährige auf dem Spielplatz, die sich gerade anfreunden. Mum schiebt sogar ihre goldgeränderte Brille zurecht, damit sie uns besser erkennen kann.
»Tut mir leid. Kaum sind sie aus dem Königreich raus, vergessen sie schon ihre Manieren.«
Erics Miene und sein verwirrtes Lachen zeigen mir, dass er nicht kapiert, was ich von ihm will.
Ich lasse ihn erstmal über meine Worte nachdenken und wende mich wieder meinen Eltern zu. »Okay, das war’s. Ich komme jetzt wirklich alleine klar. Danke für die Hilfe.« Aber jetzt Abmarsch, füge ich in Gedanken hinzu und umarme erst meine Mutter und anschließend meinen Vater.
»Wenn du irgendetwas brauchst oder nur mal einen richtig guten Steak Pie essen willst, unsere Tür steht dir immer offen.«
»Danke.« Ich nicke, dann verlassen meine Eltern endlich das Wohnheim – jedoch nicht ohne sich vorher noch von Eric zu verabschieden.
Als die beiden weg sind, kommt er auf meine Seite des Zimmers und ich weiche instinktiv einen Schritt zurück. So gut kennen wir uns auch noch nicht.
»Mannschaftssport«, sagt Eric und betrachtet das Poster über meinem Bett.
Ich nicke und spare mir ein »Offensichtlich«.
»Hockey? Rugby?«
Will er mich verarschen oder mir ernsthaft ans Bein pissen? Ich kann Eric noch nicht einschätzen, aber eigentlich wirkt er nicht wie jemand, der gleich bei der ersten Begegnung die Verhältnisse vor der Tür klären gehen will.
»Fußball«, sage ich und behalte ihn dabei genau im Auge.
»Dann kannst du zu den LOVERS gehen. Sie sind eines der bekanntesten American-Foot-«
»Ohne American«, sage ich ein bisschen zu scharf.
»Ohne …« Eric dreht sich zu mir um und sein Blick hellt sich auf. »Aah! Also spielst du Soccer!«
Ich schüttle den Kopf, halb abwehrend, halb angeekelt. Soccer. Noch so ein Wort, das die Amis verwenden und das gar keinen Sinn macht. Fußball ist Fußball. Was die Amerikaner unter Football verstehen, wird weder vornehmlich mit dem Fuß noch mit einem richtigen Ball gespielt.
»Fußball«, wiederhole ich.
Eric lacht. »Ach ja, du bist Engländer. Ihr nennt ja alles so komisch.«
Wir? Das hätte er wohl gerne. Ich bin zu höflich, um Eric zu erklären, dass ‚Restroom‘ Ruheraum bedeutet und es äußerst merkwürdig ist, wenn man auf der Toilette seine Pausen verbringt.
Stattdessen versuche ich, ein anständiges Gespräch über Fußball weiterzuführen. »Ich schließe mich eurer Mannschaft an. Wie heißt sie denn?«
Eric schüttelt den Kopf und sagt etwas, was das Ansehen dieser Uni in meinen Augen von jetzt auf gleich ins Bodenlose sinken lässt.
»Sorry, aber in Princeton gibt es kein Soccer-Team.«


***


 


Hunter


 


Als ich am nächsten Morgen aufwache, fällt mir zuallererst eines auf: Es ist viel zu still. Wieso ist da nicht das Trommeln von Regentropfen gegen mein Fenster zu hören? Wieso ist der Verkehr verstummt? Haben wir noch zu früh am Morgen? Dann müssten doch zumindest ein paar letzte Pub-Besucher zu hören sein, die singend ihren Heimweg antreten.
Seltsam. Außer ein paar zwitschernden Vögeln und leisen Atemzügen ist nichts zu hören.
Atemzüge?!
Ich fahre in meinem Bett hoch und sehe mich hektisch um.
Oh, Scheiße, stimmt ja. Ich bin gar nicht mehr in meinem Wohnheim an der University of London und auch nicht in meinem Elternhaus in Walton-on-Thames. Das hier ist Princeton, eine Uni, an der es zwar jede Menge komischer Gestalten, aber keine Fußballmannschaft gibt.
Ein halbes Jahr ohne Fußball – das stehe ich nicht durch.
Stöhnend lasse ich mich zurück ins Bett sinken und wende meinem Kopf dem Teamfoto an meiner Wand zu. Nachdenklich betrachte ich meine Kollegen. Stan hat bereits auf dem Bild ein Gesicht gemacht, als stünde ihm etwas wirklich Grauenvolles bevor. Tiny und Joseph stehen nebeneinander, was ziemlich bescheuert aussieht, weil Tiny Jo gerade mal bis zur Brust geht. Die beiden grinsen einander an und haben sich wahrscheinlich die ganze Zeit über gegenseitig irgendwelche Sprüche gedrückt, während das Bild geschossen wurde.
Mein Blick gleitet weiter, bleibt an mir und der dunkelblauen Kapitänsbinde hängen. Wenn ich mir vorstelle, dass ich die nächsten sechs Monate nicht mehr mit den Jungs spielen kann, wird mir ganz anders.
Tja, selbst schuld, sage ich mir und schwinge die Beine aus dem Bett, ehe ich noch gefühlsselig werden kann. Es hat mich ja niemand dazu gezwungen, diesem Auslandssemester zuzustimmen.
Leise, um Eric nicht zu wecken, suche ich mir meine Klamotten zusammen. Mein neuer Zimmernachbar ist für einen Ami ganz okay. Zwar ist er unsportlicher als meine Oma, die spielt nämlich wenigstens noch Croquet, aber man kann sich mit ihm einigermaßen unterhalten, auch wenn wir ziemlich oft aneinander vorbeireden.
Er hat mir von einem Uni-Ball erzählt, für den er jede Menge Radiergummis gekauft hat, ohne dass eins davon zum Einsatz kam. Was er damit wollte, ist mir schleierhaft, aber ich habe auch nicht nachgefragt. Vielleicht ist das so ein Ami-Ding. Als ich ihn dann, bevor ich ins Bett gegangen bin, gefragt habe, ob ich ihn aufwecken soll, wenn mein Wecker klingelt, hat er gemeint, dass es eine ziemliche Sensation wäre, wenn ich es schaffen würde, ihn zu schwängern. Weiß Gott, was er mir damit sagen wollte.
Es gibt ziemlich viele Missverständnisse zwischen uns und ich werde mir wohl beizeiten mal ein amerikanisches Wörterbuch zulegen müssen. Eric und ich werden uns ja nicht einmal einig darüber, ob sich unser Wohnheimzimmer in der ersten oder zweiten Etage befindet.
Ich bin gespannt, ob die Amis in ihren Vorlesungen genauso viel Unsinn reden.
Heute steht jedenfalls erstmal eine Einführungsvorlesung an. Ich mache mich auf die Suche nach dem Badezimmer und entdecke das ominöse Pausenraum-Schild, von dem mir mein Dad erzählt hat. Wer weiß, vielleicht ist es den Amerikanern peinlich, wenn sie die Toilette aufsuchen müssen und sie tarnen das Bad deshalb unter diesem Namen.
Der Duschraum ist komplett leer. Entweder bin ich zu früh dran oder die anderen halten es nicht für nötig, sich für die Veranstaltung fertigzumachen. Ich habe darüber gelesen, dass manche Amerikaner in Schlafanzügen zur Schule gehen – vielleicht ist das an ihren Universitäten nicht anders. Innerlich mache ich mich schon mal darauf gefasst, dass ich mich gleich zwischen lauter karierten Pyjamas und Nachthemden befinden werde.
Nach dem Duschen rasiere ich mich, anschließend ziehe ich mich an und bin bereit für meinen ersten Tag. Auf dem Weg nach draußen begegne ich einigen Studenten, die zwar allesamt ziemlich ungekämmt aussehen, aber immerhin etwas mehr als einen Schlafanzug anhaben.
»Morgen, alles klar?«, fragt mich einer im Vorbeigehen.
Ich bleibe stehen, aber irgendwie scheint der andere Typ das nicht zu merken. Er geht einfach weiter und stellt dem Nächsten, dem er begegnet, dieselbe Frage.
Kopfschüttelnd sehe ich ihm nach.
»Guten Morgen.« Ein Mädchen passiert mich. »Hab einen schönen Tag.«
»Danke, du …« Auch sie ist schon wieder weitergegangen.
»Hey, Mann. Bist du neu?« Ein afroamerikanischer Kerl in Sportsachen stellt sich neben mich. Wenigstens er hat ein bisschen Anstand.
»Ja, bin ich. Ich bin Hunter Davies aus London.«
»Cooool«, macht der Sportler, dann ist er auch schon wieder unterwegs zu jemand anderem.
Die Amis sind wirklich seltsam drauf.
Während ich über den Campus in Richtung des Hörsaals laufe, in dem die Einführungsveranstaltung stattfinden soll, halte ich den Kopf gesenkt und schlage den Kragen meines Mantels hoch, damit mich bloß niemand mehr anspricht. Ich habe keine Ahnung, wie ich auf diese Smalltalk-Versuche reagieren soll, ohne unhöflich zu sein. Vielleicht frage ich nachher Eric danach.
Die Vorlesung ist – wie nicht anders zu erwarten war – anders als bei uns. Während der Professor redet, reden die Studenten ebenfalls, und zwar miteinander. Keiner scheint dem grauhaarigen Mann seine Aufmerksamkeit zu schenken und ihn scheint es nicht zu stören. Er rattert seinen Text herunter, wobei es ihm egal zu sein scheint, ob er übertönt wird oder nicht.
Dann ruft er unsere Namen auf, teilt uns in kleinen Gruppen Studenten zu, die schon länger in Princeton studieren, und ist daraufhin auch schon wieder verschwunden.
Alle stehen unwillig auf, und bevor sich jeder in seiner Gruppe eingefunden hat, vergehen sicher dreißig Minuten. Ich nutze die Zeit, um meinen Tutor (wenigstens hier benutzen die Amerikaner den gleichen Begriff wie wir) ein wenig über Princeton auszuhorchen. Dazu wähle ich den bei uns üblichen Einstieg übers Wetter.
»Ähh, ja, die Sonne scheint hier meistens im Spätsommer«, erwidert er mit einem verwunderten Lächeln.
Anscheinend fragt er sich, weshalb ich ihn überhaupt darauf angequatscht habe. Offenbar ist man hier direkter, also werde ich mich mal anpassen.
»Wo spielt man hier Fußball? Richtigen Fußball, nicht diesen amerikanischen Abklatsch mit einem Ball, der eigentlich gar keiner ist.«
Der Tutor, ein dünner großer Kerl mit Brille und einem pickligen Teenager-Gesicht, schüttelt den Kopf, als würde ich eine andere Sprache sprechen.
»Fußball«, wiederhole ich. »Du weißt schon.«
»Nein.« Der Brillen-Typ schüttelt wieder den Kopf.
»… Soccer«, sage ich zähneknirschend.
»Ach, Soccer!« Sein Gesicht hellt sich auf und meins ebenfalls.
Na, bitte. Eric hat sich einfach nur geirrt, als er sagte, es gäbe in Princeton kein Team dafür.
»Sag das doch gleich.«
»Nächstes Mal«, verspreche ich, auch wenn ich mir lieber die Zunge rausschneiden würde, als noch einmal ‚Soccer‘ zu sagen. »Also? Wo finde ich das Team?«
»Welches Team? Das Soccer-Team?« Er lacht und einige, die sich bereits um uns herum versammelt haben, tun es ihm gleich.
»Warum ist das witzig?«
»Na ja, weil das der wohl dämlichste Sport ist, den es gibt. Zwanzig Leute rennen sinnlos hinter einem Ball her. Hat das Spiel überhaupt Regeln?«
»Scheiße, ja. Natürlich hat es das.« Ich will anfangen, ihm die wichtigsten zu erklären, aber er und die anderen lachen sich nur weiter halb tot, also gebe ich es auf.
»Es gibt so viele Sport-Teams in Princeton, was sollen wir da mit Soccer?«
»Fußball«, grummle ich.
»Der ist genauso gestört wie Cameron!«, lacht einer und ich wende mich ihm zu. Er ist offenbar niemand von den Neuen, denn er trägt einen Princeton-Hoodie zu Jogginghosen.
Eigentlich müsste ich ihm für seine Beleidigung eins auf die Nase geben, aber ich höre geflissentlich darüber hinweg, denn er hat etwas viel Bedeutenderes gesagt.
»Cameron?«, hake ich nach. »Cameron und wie weiter?«
Wenn dieser Typ auch nur halb so besessen von Fußball ist wie ich, dann kann das mit uns vielleicht was werden.
»Avens. Cameron Avens. Versucht schon seit Ewigkeiten, ein Soccer-Team zu gründen, aber viel ist dabei noch nicht rumgekommen.«
Ich speichere den Namen in meinem Gedächtnis ab. »Danke, und wo finde ich Cameron?«
»Die trainieren jeden Nachmittag auf der Wiese vor der Mensa.«
»Perfekt, das finde ich.« Ich bedanke mich und kann es kaum erwarten, diesem Cameron nachher zu begegnen. Vielleicht können er und ich gemeinsam ein Team auf die Beine stellen. Und selbst, wenn nicht, ist es immerhin gut, einen Gleichgesinnten gefunden zu haben.


***


 


Hunter


 


Als ich nach einem ziemlich langweiligen Einführungstag die Wiese vor der Mensa erreiche, bin ich ernüchtert, denn anstelle von Cameron und seinen Jungs kicken hier ein paar Mädels.
Auch wenn sie offenbar versuchen, richtigen Fußball zu spielen, stellen sie sich ganz schön ungeschickt an. Sie sind nur zu sechst und versuchen sich an einem langsamen Aufbauspiel drei gegen drei.
Ich lehne mich an einen Baum, um mir das ganze Drama aus der Nähe anzusehen.
Eine Schwarzhaarige in einem roten Trikot ruft ihren Team-Kolleginnen Befehle zu und verwirrt sie dadurch anscheinend so sehr, dass deren Pässe noch zögerlicher werden. Ich würde am liebsten dazwischengehen und das Trauerspiel beenden. Was die sechs da veranstalten, hat nichts mit anständigem Fußball zu tun. Es erinnert an die nervtötende Spielweise der Deutschen, bei denen von der Eingabe bis zum Torschuss jedes Mal gefühlte vier Stunden vergehen. Wir Engländer spielen ganz anders, zumindest traditionell. Unsere Taktik nennt sich Kick and Rush – der Ball wird aus der Verteidigung weit nach vorn geschossen, um so schnell wie möglich einen Torversuch starten zu können. Dadurch macht so ein Match erst Spaß.
Aber diese Mädels hier passen so lange hin und her, bis auch die Letzte ihrer drei Gegnerinnen vor dem leeren Tor steht. Erst dann stürmt die Schwarzhaarige los und schießt. Als sie trifft und tatsächlich einen Punkt erzielt, fallen sie und ihre beiden Freundinnen sich in die Arme, als hätten sie gerade den Pokalsieg geholt.
Süß, aber jetzt sollen sie das Feld bitte für Cameron räumen.
Ich stoße mich vom Baum ab und steuere auf die Schwarzhaarige in Rot zu. Sie freut sich noch immer wie eine Verrückte und ich tippe ihr von hinten auf die Schulter.
»Entschuldige?«
Sie dreht sich zu mir um und der euphorische Ausdruck in ihren braunen Augen macht Neugierde Platz.
»Hi.« Es klingt mehr wie eine Frage als eine Begrüßung. Sie ist ein bisschen außer Atem und ich muss mich zwingen, nicht auf ihre Brust zu sehen, die sich unter dem weiten Oberteil heftig hebt und senkt. Auch ansonsten bietet sie alles andere als einen miesen Anblick. Ihre Haut ist leicht gebräunt, ihre Lippen wirken voll und einladend. Make-up scheint sie nicht zu tragen, was mich wundert. Bisher dachte ich, amerikanische Frauen würden praktisch mit dem Schminkkoffer in der Hand geboren werden.
»Hi.« Ich lächle und schaue ihr in die Augen. »Ich bin Hunter Davies und auf der Suche nach Cameron. Ist er hier irgendwo?«
Die Schwarzhaarige schmunzelt und sieht über die Schulter zu ihren Mädels. »Er sucht Cameron. Habt ihr ihn gesehen?«
Alle lachen, bloß ich verstehe mal wieder nur Bahnhof. Was ist denn jetzt schon wieder so lustig? An die Gepflogenheiten der Amis muss ich mich wirklich erst noch gewöhnen.
»Es wäre ausgesprochen nett, wenn du mir sagen könntest, wo ich ihn finde«, versuche ich es noch einmal.
Die Schwarzhaarige stemmt die Hände in die schmale Taille und grinst mich herausfordernd an. »Was willst du denn von Cameron?«
»Ich habe gehört, dass er hier jeden Tag Fußball spielt, und ich würde gerne mit ihm darüber sprechen.«
»Über Fußball? Und worüber genau?« Ihr Grinsen wird breiter und sie läuft bereits ein wenig rot an. Ich glaube, sie ist kurz davor, in erneutes Gelächter auszubrechen.
Vielleicht bekommt ihr die Sonne nicht, die vor einer guten Stunde rausgekommen ist. Möglicherweise steht sie einfach kurz vor einem Hitzschlag. Auch ich habe bereits gegen Mittag meinen Mantel ausziehen müssen. Der September hier ist um einiges wärmer als in London. Die Sonne scheint und die meisten Studenten laufen nur in dünnen Pullovern herum. Ich deute hinüber zu dem Baum, denn darunter herrscht wenigstens etwas Schatten.
»Willst du dich ausruhen? Dort im Schatten vielleicht?«
Jetzt kann die kleine Yankee-Braut wirklich nicht mehr an sich halten. Sie lacht schallend los und ich weiche automatisch einen Schritt zurück. Sie verhält sich wirklich seltsam.
»Ich brauche keinen Schatten«, japst sie und eine Träne rinnt über ihre Wange. »Cameron ist ein ganz Harter, er braucht keinen Schatten!«
Die anderen Mädchen, die uns inzwischen umringen, lachen mit ihr und ich verstehe nur langsam. Sehr langsam.
»Bist du … Cameron?«, frage ich, obwohl das eigentlich nicht sein kann.
Cameron ist ein Männername, er endet auf -on. Zumindest in England gibt man Mädchen keine Jungennamen und umgekehrt. Doch entweder habe ich es hier mit einem ziemlich weiblichen Jungen zu tun, oder aber die Amerikaner nehmen es nicht einmal mit ihren Namen sonderlich ernst.
»Sag schon«, fordere ich.
Als die Kleine tränenlachend nickt, wird mir klar, dass diese Uni noch verrückter ist, als ich es zu Anfang befürchtet habe.


***


 


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