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Belletristik
Buch Leseprobe Xespasmata-Ausbrüche, Rainer Müller-Hahn
Rainer Müller-Hahn

Xespasmata-Ausbrüche



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Der Fahrtwind bläst mir ins Gesicht, er erfrischt angenehm. Ich fahre nicht besonders schnell. Es ist jetzt dunkel, die Straße ist eng und kurvenreich. Neben mir sitzt Wolfgang etwas verkrampft, Karin auf dem Rücksitz hinter ihm. Es wird nicht gesprochen. Unser Weg führt oberhalb der Küste durch einen dichten Olivenwald.Trotz der steil abfallenden Felsen links der Straße, sind auch diese unwegsamen und abschüssigen Flächen mit alten Olivenbäumen bestanden - wie fast jeder freie Flecken der Insel. Insgesamt sollen es etwa drei Millionen sein, sodass auf jeden Einwohner durchschnittlich sechsundzwanzig Olivenbäume kommen würden. Der intensive Anbau ist das Ergebnis eines frühen Förderprogramms der Venezianer. Es diente der Sicherung ihres Bedarfs an Olivenöl, das sie aus den türkisch besetzten Gebieten Griechenlands nicht erhalten konnten. Dadurch, dass Olivenbäume auf der Insel selten beschnitten werden, sind sie größer und wilder, als jene auf dem Festland. Ihre Stämme sind in den bizarrsten Formen gewachsen, verschlungen, zerklüftet und verdreht, mit großen geschwulstähnlichen und krüppeligen Auswüchsen. Manche recken sich in die Höhe, andere ducken sich in die Breite. Die dichten, vielgliedrigen Äste der Kronen haben sich mit denen der Bäume auf der anderen Straßenseite ineinander verkrallt. Das Licht des Wagens öffnet vor mir einen sich ständig verändernden Tunnel aus Stämmen und Zweigen mit einem undurchlässig geflochtenen Dach. An weniger bewachsenen Stellen reißt das Tunneldach kurz auf, ich kann den Sternenhimmel und das Mondlicht sehen, dann tauche ich wieder ein ins Dunkle.Meine Phantasie lässt mich jetzt durch einen Märchenwald fahren. Die tanzenden Lichtkegel der Scheinwerfer verzaubern die verwegenen Baumgestalten und erwecken sie zum Leben. Da sind Ungeheuer, Gnome, Zwerge und Feen. Sie kommen aus der Dunkelheit, leuchten auf, nehmen verschiedene Formen an, huschen vorbei, nähern sich, greifen nach mir, fliehen und verlöschen wieder im Nichts - ein schaurig-schönes Erlebnis, von dem meine Mitfahrer vermutlich nichts mitbekommen.Nach einer knappen halben Stunde sehen wir die Lichter des Dorfes. Ich nenne es ‚Georgetown', weil Georgios Familie von hier stammt und er früher Bürgermeister des Ortes war.Die Häuser säumen eine schmale Straße, die in drei Serpentinen einen Höhenunterschied von etwa sechzig Meter überwindet. Unser Weg stößt auf halber Höhe rechtwinklig auf die erste Serpentine. Da im Dorf jetzt keine Abstellmöglichkeiten für Autos mehr vorhanden sind, suche ich hier eine Stelle zum Parken. An einer Ausbuchtung der Straße, hinter einer Reihe von Müllcontainern finde ich einen geeigneten Platz, allerdings durchzogen von wenig einladenden Düften. Ich fahre ganz dicht neben die rechte gemauerte Straßenbegrenzung. Aussteigen kann man jetzt nur noch zur Fahrerseite. Ich lasse die Scheinwerfer an und warte auf den Wagen von Klaus, den ich zum Parken einwinke. Nach dem alle aus den Fahrzeugen geklettert sind, löschen wir das Licht der Scheinwerfer und lassen nur die Parklichter brennen. Es ist stockdunkel. Das Mondlicht erreicht diese Stelle nicht, das Geflecht der Zweige ist hier ungewöhnlich dicht. Bis zum Dorfeingang sind es noch gut fünf Minuten Fußweg. Wir tasten uns blind, unsicher und vorsichtig in Richtung Dorfeingang. Eine Straßenkurve versperrt nun die Sicht dorthin. Plötzlich leuchtet das Licht einer Taschenlampe auf. Große Erleichterung. Günter hat die kleine Lampe aus seiner Umhängetasche gekramt. Für seine Umsicht erntet er von allen Lob. Das kann Gabi aber offenbar so nicht hinnehmen. Sie versucht, die Anerkennung für Günters Umsicht auf sich umzulenken, indem sie laut sagt: „Seht mal, wie gut es doch war, dass ich Günter zu Hause noch an neue Batterien erinnert habe." Sie erwartet wohl eine weitere Welle von Zustimmung, die aber bleibt aus. Nur Günter murmelt empört, ohne dass Gabi es hören kann: „Es ging um die Batterien für den Radiowecker, das hatte nichts mit der Taschenlampe zu tun." Hinter mir läuft Anna. Ich erkenne sie am Parfüm. Sie tut so, als stolpere sie und müsse sich an mir festhalten. Dazu wählt sie eine Stelle meines Körpers, die sich dafür eigentlich nicht besonders eignet. „Oh, entschuldigen Sie vielmals, Herr Reiseleiter." Ich antworte: „Ist schon gut, Gnädigste."Wie bei einer Polonaise, hintereinander und eng beisammen, am Lichtkegel der Taschenlampe orientiert, erreichen wir die letzte Biegung vor dem Dorf. Von nun an können wir die beiden weißgetünchten Häuser erkennen, welche die Einfahrt zum Dorf bilden. An einem Kabel zwischen den Häusern baumelt eine schwach leuchtende Glühbirne, die nichts wirklich erhellt. Zwar weist sie die Richtung, in die wir uns bewegen müssen, aber um die vielen tückischen Schlaglöcher rechtzeitig erkennen zu können, bleibt Günters Taschenlampe weiterhin notwendig. Erst kurz vor dem Dorf löst sich unsere Marschformation auf.Die Einfahrt ins Dorf ist eng. Vor dem linken Haus der Durchfahrt befindet sich ein winziger Gehsteig. Dort haben gerade die zwei Stühle Platz, auf denen die beiden schwarz gekleideten Frauen sitzen. Ich begrüße die beiden mit einem „Guten Abend, wie geht's", und frage verwundert, „warum seid ihr nicht beim Tanz?" Eine von ihnen hört nicht mehr gut und reagiert nicht. Die andere ruft lachend: „Ich komme später, mein Freund, und tanze mit dir!" Dabei erhält ihr braunes, runzeliges Gesicht noch zusätzliche Falten, die Augen strahlen hell ihr Mund bildet ein schwarzes Oval, in dem nicht ein Zahn zu erkennen ist. Wir winken beiden im Vorbeigehen zu und hören noch, wie sie miteinander kichern und lachen. Nach einem kleinen Anstieg gelangen wir auf die Serpentinenstraße. Links geht es steil bergab, rechts steil nach oben zum Kirchplatz. Das Läuten der Kirchenglocken weist uns die Richtung. Der Weg ist von Laternen und dem Licht aus den Häusern gut erhellt. Wir laufen in kleinen Gruppen hintereinander. Günter und ich führen die Truppe an, es folgen Anna und Karin, das Ende bilden Gabi, Wolfgang und Klaus.Anna hat ihre Kamera mitgenommen und fotografiert. Ihr haben es die Blumenbehälter besonders angetan, die überall Umfriedungen und Zäune der Häuser zieren. Es ist ein Sammelsurium aus aufgeschnittenen Olivenölkanistern, Tontöpfen, Blech- und Plastikeimern verschiedener Farben und Größen, aus denen eine gewaltige Blütenpracht quillt. Rotblühende Bougainvillea rankt an den Häusern, Balkonen und über den Eingangstoren. Die Blüten sind zwar geschlossen, aber sie verströmen noch immer ihren sanften Duft. Vor den Häusern sitzen einige ältere Leute, junge Katzen spielen am Straßenrand balgen sich, jagen allem nach, was sich bewegt.Über eine steile Treppe erreichen wir schließlich unser Ziel. Der Kirchplatz ist ein großes Rechteck, ein gepflastertes Mosaik aus hellen, unregelmäßig geformten Natursteinplatten, dazwischen breite, graue Zementfugen. In der Mitte ein Springbrunnen, der zurzeit nicht in Betrieb ist und in dem sich auch kein Wasser befindet. Zum Tal hin wird der Platz durch eine gemauerte Balustrade begrenzt, von der eine Felsenwand steil abfällt und im Dunkel eines Olivenhains verschwindet. Von der Balustrade aus, an der entlang Sitzbänke stehen, kann man tief ins Innere der Insel schauen und die funkelnden Lichter der dort verstreut liegenden Dörfer sehen. Auf seiner linken Seite befindet sich die Kirche, ein schmuckloser, ovaler Bau, gelblich gestrichen und gedeckt mit rötlichen Dachpfannen. An der Längsseite des Kirchenbaus hat man ein größeres hölzernes Podest aufgebaut, das als Bühne für Aufführungen dient. Gegenüber steht der Glockenturm. Ein starker Scheinwerfer, hoch oben befestigt, taucht alles in helles Licht. Auf dem Brunnenrand, den Sitzbänken und dem Podest sitzen Leute. Alles ist festlich mit Lichterketten und Luftballons geschmückt, aus Lautsprechern dringt Musik, die aber im Geläut der Glocken untergeht.Zur Bergseite des Platzes bildet eine weiß getünchte treppenförmige Mauer den Abschluss. Diese erreicht in sehr großen Stufen eine Höhe von etwa drei Metern und geht dann über in eine Felsenwand. Es ähnelt einem antiken Theater. Und es ist sogar Publikum vorhanden. Wie auf einer Perlenschnur gereiht, sitzen schwarz gekleidete Frauen und einige ältere Männer auf den Treppenabsätzen. Das ist keine Krähenfamilie mehr, es ist ein ganzer Krähenschwarm, der sich zur Nacht niedergelassen hat. Die schwarzen Frauen betrachten aufmerksam das Treiben vor der Kirche. Manche schweigen, andere sprechen miteinander. Die Szenerie besitzt etwas Unheimliches. Anna fotografiert. Das Blitzlicht schreckt auf und unterbricht die Gespräche. Einige Frauen winken uns freundlich zu.* * *Ich gestehe zu meiner Schande, dass ich die Kirche in all den Jahren noch nicht besucht habe. Wir betreten den Eingangsbereich. Anna hält sich dicht hinter mir, umfasst meine Hüften und schiebt mich vor sich her. Es geht nur langsam, schrittweise voran, weil Kirchenbesucher vor dem Betreten des Kirchenraumes ein hinter einer Glasscheibe befindliches Heiligenbild küssen. Ein großer Mann mit Glatze besprüht ab und zu die Scheibe des Bildes mit einem Reinigungsmittel und trocken sie dann ab.Als Anna diese Prozedur wahrnimmt, beginnt sie hinter mir zu prusten. Diesmal bin ich besorgt, denn diese Umgebung ist für einen Lachanfall schlechter geeignet als die Taverne. Aber alles geht gut.Wir gelangen in den eigentlichen Kirchenraum. Ein betäubender Geruch von Weihrauch und Kräutern sowie lautes Stimmengewirr, ein Gemisch aus Gespräch und Gesang empfängt uns. Der Raum ist nur wenig beleuchtet. Ich benötige einen Moment, mich an die Dunkelheit zu gewöhnen. Ein kleines, unruhig blakendes Flammenmeer in einer sandgefüllten Holzkiste zieht meine Blicke auf sich. Es besteht aus vielen brennenden Kerzen, dicken, dünnen, geraden, von der Hitze gekrümmten, kurzen und langen. Durch das Licht, das von ihnen ausgeht, kann ich nun den Prunk in Form von silbernen Leuchtern, Ikonen, Holzschnitzereien und Wandbehängen wahrnehmen - er ist fast erdrückend. An der Kerzenkiste herrscht Andrang. Die Leute entnehmen neue Kerzen aus Fächern unterhalb der Sandkiste. Dort sind sie der Größe nach sortiert und gebündelt. Fein säuberlich beschriebene Etiketten tragen die Preise der jeweiligen Kerzensorte. Ein Pfeil weist in Richtung einer fest montierten, eisenbeschlagen Holzkassette mit breitem Schlitz. Dort ist das Geld einzuwerfen. Entlang den Seitenwänden der Kirche sind in einer Galerie schmaler Nischen Sitzbänke aus dunklem Holz eingelassen. Ähnlich wie draußen auf der Mauer, sitzen auch hier hauptsächlich Frauen, die sich miteinander unterhalten. In der Mitte des Raumes verteilt, stehen Männer, Frauen und nicht gerade ruhige, meist herausgeputzte, Kinder. Vor dem Altar haben sich Leute versammelt und verfolgen rituelle Handlungen des Priesters und seiner Diener. Ich höre den Gesang von Männerstimmen, der nur schwach durchdringt, weil es hier so laut und lebendig ist wie auf einem Jahrmarkt.Eine gemeinsame Andacht oder eine Ansprache, wie ich sie kenne, scheint nicht stattzufinden. Vielleicht handelt es sich hier um eine Vigil, eine Gebets- und Begegnungsform, die sich weit in die Nacht hinein erstreckt. Einige der Kirchenbesucher beäugen uns neugierig und stecken ihre Köpfe zusammen, andere nicken uns einen Gruß zu. Ein kleiner, älterer Mann, den ich bisher nur wenige Male im Dorf gesehen habe, kommt auf unsere Gruppe zu und reicht mir die Hand. Er spricht mich mit meinem Namen an und stellt sich als Bürgermeister des Dorfes vor. In gebrochenem Englisch erklärt er, dass er sich freut, mich, meine Ehefrau und meine Freunde hier begrüßen zu dürfen. Er reicht Anna und den anderen die Hand. Niemand korrigiert seinen Irrtum. Wieder frage ich mich, was es ist, das uns für Außenstehende so eindeutig zum Paar werden lässt. Nach dieser Begrüßung wispert Anna mir zu, dass sie sehr beeindruckt und stolz ist, die Ehefrau einer solchen Berühmtheit zu sein. Den Popen Dimitrios, kenne ich schon länger und besser. Er kommt in seinem prunkvollen Sticharion aus Brokat - einem langen, hemdähnlichem Gewand mit farbigen Randstreifen an den Ärmeln - und einem reich bestickten Gebetsschal durch die Reihen der Leute, schwenkt ein Weihrauchgefäß hin und her und segnet gnadenlos alles, was sich in seiner Nähe befindet.Nun erkennt er mich, hält erstaunt inne und klopft mir mit der freien Hand väterlich lobend auf die Schulter und begrüßt mich in fließendem Deutsch: „Mann, dich in der Kirche zu sehen, da staune ich aber! Welcher Teufel hat dich denn geritten? Warte, ich komme in den nächsten Tagen runter zu Georgios, und dann werden wir ordentlich einen heben."Ich schmunzle über diese wenig klerikale Begrüßung. Ich habe Dimitri längere Zeit nicht mehr gesehen und wusste nicht, dass er diese Gemeinde betreut. Er kam früher oft in die Taverne, wir haben uns unterhalten und dabei einige Biere und Ouzo genossen. Sein Deutsch ist sehr gut. Er hat als Kind fast fünfzehn Jahre in Deutschland gelebt, ist dort zur Schule gegangen, ehe er mit den Eltern nach Griechenland zurückkehrte. Er stammt vom Festland, ist verheiratet, hat sieben Söhne, die alle studieren und ist Kettenraucher. Er hat oft von der schwierigen Lage der orthodoxen Priester berichtet - speziell die der Diakone. Nach Abschluss unseres Rundgangs verständigen wir uns in der Gruppe, die Kirche wieder zu verlassen. Der kahle Ikonenreiniger hat immer noch gut zu tun.* * *Wieder auf dem Platz in frischer Luft, fühle ich mich irgendwie befreit. Noch habe ich die fremdartigen Gerüche aus der Kirche in der Nase. Ich atme tief durch. Der Kirchplatz ist weiterhin stark belebt. Die Glocken sind verstummt. Nun übertönt populäre griechische Musik alles.Leute in kleinen Gruppen gehen eine schmale Gasse hinauf zum Festplatz. Wir schließen uns ihnen an. Der Weg führt vorbei an dicht aneinander gedrängten, niedrigen Häusern mit weiß getünchten Hauswänden und Fensterläden im typischen griechischen Blau. Alte Frauen und Männer sitzen vor den Hauseingängen auf Stühlen oder auf Steinbänken mit Sitzkissen. Ich höre Gabi laut sagen: „Sagt mal, das soll ein Gottesdienst gewesen sein, wo alle laut quatschen und herumrennen? Das war ja ein furchtbares Durcheinander!", empört fügt sie hinzu, „so etwas habe ich ja noch nie erlebt!" Sie hält inne, wartet auf eine Reaktion. Aber es entgegnet ihr nur gespanntes Schweigen. Zunächst ist niemand bereit, auf ihre Bemerkung einzugehen. Schließlich erbarmt sich Karin aber doch, zuckt mit den Schultern und antwortet mit der allgemeinen, wie richtigen Bemerkung: „Tja, andere Länder, andere Sitten - was soll's." Da weitere Reaktionen ausbleiben, zieht sich Gabi auf die gewohnte Art zurück - Kopfschüttelnd, leise murmelnd und schmollend. Nach einer Weile beginnen wir anderen vorsichtig über den Ausflug zu sprechen, zunächst über das Dorf, dessen Lage und Baulichkeiten und kommen dann auch zu unserem Besuch in der Kirche. Es wird gedämpft geredet, als wolle man das endlich eingeschlafene Kind nicht aufwecken. Aber Gabi ist hellwach. In das vorsichtig aufkeimende Gespräch über die griechische Orthodoxie, rasselt sie nun wie ein Panzer ins Blumenbeet. Sie empört sich erneut und führt den vorhin begonnenen Satz weiter, als habe es nie eine Unterbrechung gegeben: „... und wisst ihr, diese unhygienische Sabberei an dem Bild. Da kann man sich doch sonst was holen, und ein Glasreinigungsmittel hilft da überhaupt nichts, da muss ein Desinfektionsmittel her wie ..." Sie kann den Satz nicht beenden, denn plötzlich ohne Vorwarnung, brüllt Günter los: „Nun halte doch endlich mal dein dämliches Maul!" Ein verzweifelter Ausruf so laut, dass die vor uns laufenden Leute sich erschreckt umdrehen, die vor den Hauseingängen Sitzenden besorgt zu uns herüber schauen. Günter ist über seinen Ausbruch selbst furchtbar erschrocken. Er steht regungslos da, wie unter einem Schock, den Oberkörper nach vorn gebeugt, hochrot im Gesicht, den Blick starr nach unten gerichtet. Langsam kommt wieder Leben in ihn. Ohne jemanden anzublicken, dreht er sich wortlos um und geht mit schweren Schritten in Richtung Kirchplatz zurück.Gabi, wie vom Donner gerührt, reißt die Augen auf, ringt nach Luft und beginnt herzzerreißend loszuheulen. Karin umarmt sie und versucht, sie mit der vielleicht nicht besonders geschickten Bemerkung zu trösten, dass Günter es bestimmt nicht so gemeint habe. Das aber löst einen neuerlichen, noch heftigeren Weinkrampf aus, in dem sich ohnmächtige Wut offenbart.Anna ist Günter gefolgt, hat ihn nach ein paar Schritten eingeholt, bringt ihn dazu, stehen zu bleiben und legt ihm kameradschaftlich den Arm um die Hüfte. In seiner gebeugten Haltung mit gesenktem Kopf wirkt er nun wie ein großer Laufvogel - ein Marabu. Anna redet ruhig auf ihn ein. Er sträubt sich zunächst, schließlich aber kehren beide langsam zurück. Günter hat nun offenbar einen Entschluss gefasst. Er reckt sich, folgt Gabi, die ihn nicht beachtet und ihren Weg fortsetzt. Schließlich bleibt sie unwillig stehen, weil Karin sie dazu nachdrücklich gedrängt hat. Er tritt vor sie hin, während sie gelangweilt und desinteressiert an ihm vorbeischaut. Ohne spürbares Bedauern entschuldigt er sich für sein Verhalten und fügt dann gestelzt hinzu: „Bitte betrachte ab sofort, unsere eheliche Beziehung als beendet." Ohne auf ihre Antwort zu warten, kehrt er um, zackig wie ein Soldat, der soeben Meldung gemacht hat. Gabi reagiert auf Günters Erklärung mit einer Geste, die ausdrückt, „du kannst mich mal" und läuft mit Karin weiter, als sei nichts geschehen. Ihre Empörung über die öffentliche Demütigung ist aber deutlich abzulesen an den schroffen Armbewegungen und an der Art, wie sie auf ihre Begleiterin einredet. Karin hat die tröstende Umarmung aufgegeben und läuft nun etwas verloren neben Gabi her und wäre wohl dankbar, würde sie jemand ablösen. Das griechische Publikum dieses deutschen Dramas hat sich wieder eigenen Dingen zugewandt. Vom Festplatz wehen der Geruch gegrillten Fleisches und Fetzen von Musik herüber.

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