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Belletristik
Buch Leseprobe WONDERFUL FAKE, Josie Charles
Josie Charles

WONDERFUL FAKE


Liebesroman

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Kapitel 1


Chicago, Illinois


Scott


Ratlos blicke ich auf mein Handy. Die Angelegenheit ist komplizierter als gedacht und ich würde mir am liebsten ein Bier aus dem Kühlschrank holen, das mir hilft, das Ganze etwas lockerer zu sehen. Aber mein linkes Bein ist eingeschlafen, und zwar so vollständig, dass ich es überhaupt nicht mehr spüre.
»Kumpel«, sage ich und versuche, Buddy von mir runter zu schieben.
Doch mein 30 Kilo schwerer Malinois, eine Unterart des Belgischen Schäferhundes, gibt nur ein müdes Brummen von sich und bleibt in seiner Lieblingsposition liegen – halb auf dem Sofa, halb auf mir. Er ist sieben Jahre alt und seine hervorstechenden Charaktereigenschaften sind Verschmustheit sowie absolute Sturheit, wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hat.
Kopfschüttelnd mustere ich den Rüden, der in dem Jahr, das er nun bei mir lebt, sowas wie mein zweiter bester Freund geworden ist. Dann wende ich mich wieder meinem Handy zu, oder besser gesagt der komplizierten Frage, was für ein Foto ich für mein Fake-Profil auf Big City Love verwenden soll.
Ich scrolle durch alle möglichen Bilder, komme aber zu keinem Schluss. Frauen stehen auf durchtrainierte Körper, also würde sich ein Oben-ohne-Foto anbieten. Andererseits könnte das wirken, als wäre ich nur auf Sex-Dates aus. Um die zu bekommen, müsste ich mich allerdings nicht bei dieser App anmelden.
Oben ohne fällt also weg.
Vielleicht sollte ich einfach irgendein sportliches Foto wählen? Oder lieber eines, das seriös und vertrauenswürdig wirkt?
»Was denkst du, Bud?«, frage ich.
Mein Hund öffnet träge eins seiner braunen Augen.
»Nett oder sexy? Worauf springen die Frauen im Netz eher an?«
Buddy gibt ein müdes »Wuff« von sich und macht das Auge wieder zu.
»Du könntest dich ruhig mal revanchieren«, befinde ich und strubble durch das dichte Fell in seinem Nacken. Hätte ich ihn nicht aufgenommen, wäre er vermutlich eingeschläfert worden. Aber anstatt mir mit meinem Flirt-Profil zu helfen, rollt Buddy sich schwerfällig auf den Rücken, um mir zu signalisieren, dass ich seinen Bauch kraulen soll. Dabei rutscht er glücklicherweise so weit von mir runter, dass er mir nicht länger die Nerven abdrückt und mein Bein wieder aufwacht.
Mit einer Hand tätschle ich Buddy, mit der anderen scrolle ich weiter und stoße schließlich auf ein Foto, das meiner Meinung nach einen guten Eindruck vermittelt.
Ich beschließe, nicht länger zu überlegen und stelle es ein.
Die Flirt-App zeigt mir an, dass mein Profil jetzt vollständig ist und ich loslegen kann. Und damit wäre ich beim schwierigsten Teil angekommen: Wie finde ich die richtige Frau für meine Zwecke?
Ein Menü erscheint, auf dem ich ankreuzen soll, was ich suche.


Etwas Festes. Freundschaft plus. Einen One Night Stand.
Blond. Brünett. Schwarzhaarig. Bunt.
Blaue Augen. Grüne Augen. Braune Augen. Graue Augen.
Schlank. Curvy. Füllig.


Und das ist noch längst nicht alles – auch der bevorzugte Kleidungsstil wird abgefragt, das Bildungsniveau, sogar die Sexvorlieben. Ich muss grinsen, als ich daran denke, was wohl die meisten Männer ankreuzen. Suche dumm, versaut und leicht bekleidet.
»Oh Mann«, brumme ich, lege das Handy beiseite und stehe endlich auf, um mir das Bier zu holen.
Ich durchquere mein großes Wohnzimmer, dessen Wände mit Schwarz-Weiß-Aufnahmen meiner größten Erfolge bedeckt sind. Jim Claytons Sieg beim Iron Man, Shazza Grays erster gewonnener Boxkampf und so weiter.
In der Küche dagegen gibt es keinerlei Wanddeko, sondern nur ein riesiges Fenster, durch welches man vom Frühstückstresen aus über einige Dächer hinweg bis zum Lake Michigan blicken kann.
Es gibt schlechtere Wohnungen in Chicago. Ich habe mir in den letzten Jahren eine Menge erarbeitet und könnte ein verdammt sorgloses Leben führen, aber stattdessen zerbreche ich mir den Kopf wegen dieser App. Die ganzen Auswahlmöglichkeiten überfordern mich, weil ich mir um sowas normalerweise keine Gedanken mache.
Für gewöhnlich lerne ich Frauen im echten Leben kennen, und da habe ich keine Filter, die dafür sorgen, dass mir nur Blondinen präsentiert werden oder nur Frauen, die ausschließlich auf der Suche nach einem One Night Stand sind. Man lernt sich kennen und es knistert oder nicht, und dementsprechend landet man miteinander im Bett oder eben nicht. Beim Dating eine Vorauswahl zu treffen wie in der Speisekarte eines Lieferdienstes, finde ich eigenartig.
Als ich mit einer kalten Flasche Coors ins Wohnzimmer zurückkehre und mich wieder auf das bequeme Sofa setze, habe ich einen Entschluss gefasst. Ich werde erstmal gar nichts ankreuzen, sondern klicke auf die Option Weiter ohne Vorauswahl.
Ein pochendes Herz-Emoji blinkt auf meinem Display, während die App einige Profile zusammenstellt, um sie mir zu präsentieren.
Dann erscheint plötzlich das Foto einer Frau, versehen mit zwei Optionen: Profil ansehen und Wegblättern.
Ich schaue sie mir genauer an. Ihr Haar ist schwarz und schulterlang, ihr Lächeln offen, fast provokativ. Um den Hals hat sie eine dieser engen Ketten und ihr Oberkörper steckt in einem Justin-Bieber-Shirt.
Amüsiert blättere ich weiter. Typ Justin Bieber bin ich wirklich nicht und ich habe mir vorgenommen, mit allem, was ich in dieser App treibe, so nah es eben geht an der Realität zu bleiben.
Dann sehe ich mir die nächste Frau an. Sie hat lockiges Haar und streckt auf ihrem Bild die Zunge raus. Darin steckt ein Piercing in der Form eines kleinen Diamanten. Ich könnte mir vorstellen, dass sich dieses Piercing an einer gewissen Partie meines Körpers ganz interessant anfühlt, aber davon abgesehen spricht sie mich nicht an.
Also blättere ich zur nächsten. Diesmal finde ich kein Ausschlusskriterium, aber auch nichts, woran ich hängenbleibe. Es ist wirklich schwer, einen anderen Menschen nur anhand eines Fotos zu beurteilen. Ich habe das Gefühl, je mehr Bilder ich mir ansehe, desto stärker verschwimmen die Fotos der Frauen zu einem. Irgendwie sehen sie alle gleich aus: ein bisschen frech oder zumindest auf frech gemacht. Ein bisschen gestellt, ein bisschen gephotoshoppt, wie mir ihre übertrieben weichen Gesichtskonturen verraten.
Vielleicht ist das hier auch alles eine Schnapsidee und ich sollte ...
Auf einmal bleibe ich doch noch an einem der Fotos hängen.
Darauf ist eine Frau zu sehen, die karamellfarbenes Haar und leicht gebräunte Haut hat. Ihre Wangen sind ein wenig rot, ohne dass es geschminkt aussehen würde. Zweifellos ist sie hübsch, doch das ist nicht der Grund, aus dem ich innehalte, denn hübsch sehen in dieser App bisher alle aus. Was dafür sorgt, dass ich nicht weiterblättere, ist vielmehr etwas anderes – der Ausdruck in ihren Augen. Es liegt eine natürliche Wärme darin, die nicht zu dieser App passt und mir gerade deswegen sofort aufgefallen ist.
Eine ganze Weile sehe ich mir diese Augen an. Dann erst betrachte ich ihr Gesicht genauer.
Sie hat ein ziemlich anziehendes Lächeln, das wahrscheinlich jeden Mann in ihrer Nähe sofort animiert, sie zum Lächeln bringen zu wollen. Und wenn ich mir ihre Lippen so ansehe, könnte ich mir auch vorstellen, ganz andere Dinge damit zu tun, als ihr nur beim Lächeln zuzusehen. Sie wirken weich und sexy und ich wette, sie schmecken süß. Nach reifen Kirschen vielleicht.
»Was meinst du, Buddy?«, frage ich. »Soll ich mir sie mal näher ansehen?«
Buddy gibt erneut ein »Wuff« von sich, springt plötzlich auf und trottet schwanzwedelnd in die Küche.
Irritiert blicke ich ihm nach. Ich habe zwar nichts von Abendessen gesagt, aber ich werte seine enthusiastische Reaktion einfach mal als Zustimmung.
Also rufe ich ihr Profil auf. Dann wollen wir doch mal sehen, was für eine Frau sich hinter diesem sexy Lächeln verbirgt.


 


***


Leslie


 


Ich starre auf mein Handy, scrolle durch die Flirt-Profile, ohne auch nur zu blinzeln und nehme alle paar Minuten einen Schluck Mountain Dew. Das süße Zeug hat eine Menge Koffein und hilft mir, wach und konzentriert zu bleiben.


Wie immer, wenn ich von zu Hause aus arbeite – was ich die meiste Zeit tue –, sitze ich auf der breiten Fensterbank unter dem Erkerfenster meines WG-Zimmers und habe insgesamt fünf Handys vor mir liegen, von denen ich vier für die Arbeit brauche. Ich bin Fake-Jägerin und jedes Telefon gehört zu einer meiner Identitäten.
Nummer 1 gehört zu Lola. Sie ist sexy und präsentiert sich online in so knapper Kleidung, dass sie wirkt, als käme sie gerade von einem Unterwäsche-Shooting.
Dann ist da Lee-Anne, eine naive Kellnerin, die von der ganz großen Liebe träumt.
Außerdem habe ich ein Profil für die Millionärstochter Laura, die sich gewählt ausdrückt und sämtliche Champagnersorten der Welt im Schlaf aufzählen kann.
Und dann wäre da noch Liz, ein Partygirl, das schon aussieht, als würde es an sieben Tagen die Woche von einem Rave zum anderen torkeln.
Keine dieser Frauen gibt es wirklich. Ihre Fotos wurden von künstlicher Intelligenz zusammengebastelt und zeigen Menschen, die gar nicht existieren.
Und noch etwas haben sie gemeinsam. Hinter allen vier Ladys stecke in Wahrheit ich – Leslie Fields. Ich bin bereit, Fake-Profile auf Big City Love zu enttarnen.
Für die Chicagoer Flirt-App arbeite ich jetzt seit fast einem Jahr und ich liebe den Job, auch wenn ich nicht gerade unter tollen Umständen dazu gekommen bin.
Damals lebte ich noch mit meinem Freund Patrick zusammen. Patrick kannte ich von der Uni und er war der perfekte Mann. Er war humorvoll, klug und genauso abenteuerlustig wie ich. Vor allem liebten wir beide das Reisen. In den Semesterferien erkundeten wir die Welt, sahen gemeinsam die Mauer von China und die Inseln Thailands. Wir häuften so viele unvergessliche Erlebnisse an, dass ich dachte, wir würden für immer ein Team bleiben, zusammengeschweißt durch drei gemeinsame Jahre, in denen es nie einen ernsthaften Streit gab.
Doch dann kam der große Knall.
Eines Tages, als Patrick gerade für uns kochte, gab sein Handy ein seltsames Zwitschern von sich. Ich war in unserem Wohnzimmer, warf einen flüchtigen Blick darauf und sah die Meldung, dass er eine neue Nachricht auf Big City Love habe.
In den nächsten Minuten – Patrick stand dabei in der Küche wie die Unschuld selbst und schnibbelte Gemüse – fand ich heraus, dass er unter gleich mehreren falschen Namen auf diesem Flirtportal unterwegs war, und das offenbar mit nur einem Zweck: um sich Nacktfotos fremder Frauen zu erschleichen. Als ich ihn damit konfrontierte, sah er noch nicht einmal ein, weshalb es mich störte und als ich Schluss machte, fiel er aus allen Wolken.
Noch am selben Abend zog ich aus. Am nächsten Tag fuhr ich persönlich zur Zentrale von Big City Love und meldete dort all seine falschen Profile. Hank McMahone, der Boss der Flirt-App, war so angetan, dass er mir für die folgende Woche ein Vorstellungsgespräch anbot. Und ehe ich mich’s versah, hatte sich mein ganzes Leben auf den Kopf gestellt.
Mit einem Mal war ich keine Journalismus-Studentin kurz vor dem Master-Abschluss mehr, sondern Fake-Jägerin.
Und das bin ich bis heute.
Mein Team und ich jagen Männer und Frauen, die mit schäbigen Absichten auf Big City Love unterwegs sind, um für unsere ehrlichen Kunden ein sicheres Flirt-Umfeld zu schaffen. Wir sind eine seriöse App für Menschen, die eine feste Partnerschaft suchen.
Um so viel Sicherheit wie möglich für unsere Kunden zu gewährleisten, unterscheiden wir bei unserer Arbeit zwischen 3 Kategorien.
Kategorie A ist auf ein Visum, Geld oder andere materielle Dinge aus.
Kategorie B sammelt freizügige Fotos oder Videos.
Kategorie C ist vielleicht wirklich auf der Suche nach der Liebe, versteckt sich dabei aber hinter einer falschen Identität mit geklauten Fotos.
Wir haben Listen von Merkmalen und Schlüsselwörtern, die bei uns die Alarmglocken schrillen lassen. Finden wir drei Alarmsignale, die auf ein Fake-Profil hindeuten, dürfen wir dieses sperren und wenn eine zweite Überprüfung nicht ergibt, dass wir uns geirrt haben, wird es gelöscht.
Ich bin gut in meinem Job. Wie ein Jagdhund spüre ich jede noch so kleine Fährte auf. Im letzten Jahr habe ich insgesamt 431 Fake-Profile aufgedeckt und damit unzählige Single-Herzen davor geschützt, gebrochen zu werden. Jeder Betrüger, den ich entlarve, fühlt sich wie ein Mittelfinger für Patrick an und wer weiß, vielleicht steckt hinter manchen davon ja sogar wirklich er.
Einen Moment lang sehe ich raus auf die ruhige Wohnstraße vor meinem Fenster, die von der tiefstehenden Sonne in orangefarbenes Licht getaucht wird. Dann nehme ich noch einen Schluck, verdränge die düsteren Gedanken an meinen notgeilen Ex und konzentriere mich wieder auf mein Handy. Nichts sorgt bei mir für bessere Laune als die erfolgreiche Sperrung eines Fakes. Und jetzt gerade bin ich wieder mal ganz nah dran.
Ich schaue mir das Foto des Profils an, das ich vor ein paar Minuten mit Lee-Annes Identität ins Visier genommen habe. Darauf zu sehen ist ein Mann in einer Uniform, was für mich ein klares Alarmsignal ist. Männer in Uniform sind fast immer –
Eines der Handys zwitschert.
Es ist jedoch nicht das Smartphone von Lola, Liz, Lee-Ann oder Laura, sondern mein privates.
Stirnrunzelnd ziehe ich es heran und sehe die Meldung, dass ich eine Nachricht auf Big City Love erhalten habe. Ich besitze dort ein privates Profil, aus dem einfachen Grund, weil mein Chef weiß, dass ich Single bin und ich nicht in die Verlegenheit geraten möchte, ihm zu erklären, warum ich seine App nicht nutze.
Doch normalerweise schreibt mir dort nie jemand. Das ist auch kein Wunder, denn das Foto, das ich gepostet habe, ist nicht sehr aufsehenerregend und viele Infos über mich stehen dort auch nicht. Aber irgendwen da draußen hat mein Profil trotzdem neugierig gemacht und die Fake-Jägerin in mir wird sofort misstrauisch. Aus welchem Grund schreibt man eine Frau mit einem nichtssagenden Profil an?
Weil man hofft, dass sie ein verschüchtertes Mauerblümchen ist, dass man nach Strich und Faden hereinlegen kann?
Ich lege Mister Uniform zur Seite, als das Zwitschern, das dem Ruf einer Nachtigall nachempfunden ist, ein weiteres Mal ertönt. Ich öffne meinen Posteingang und sehe, dass die oberen 2 Nachrichten von jemandem stammen, der sich Scott_Brody nennt.
Scott Brody. Das klingt wie der Name eines Profisportlers und ich durchforste mein Hirn nach jemandem, der ähnlich heißt, denn Fakes wählen unterbewusst oft Namen, die welchen ähneln, die sie wirklich kennen. Ich hatte schon mit einem Tom Cruz und einem Larry Potter zu tun aber ein real existierender Name, der eine starke Ähnlichkeit mit Scott Brody hat, fällt mir auf den ersten Blick nicht ein.
Gespannt rufe ich die Texte auf und lese:


Hey, entschuldige meine Ehrlichkeit, aber ich sitze hier seit geschlagenen 5 Minuten, sehe mir dein Foto an und frage mich, wonach deine Lippen schmecken.


;-)


Ich lache, dann lache ich nochmal. Kein Vorgeplänkel, kein ellenlanger Text, in dem er erstmal seine Vorzüge aufzählt, bevor er in die Offensive geht?
Das ist wirklich mal was anderes.
Ich lese seine kurze Botschaft nochmal, dann rufe ich, von Neugierde gepackt, sein Foto auf und bin mit einem Mal wie vor den Kopf gestoßen.
Wow. Der Typ auf dem Profilbild sieht wirklich gut aus.
Er sitzt auf einer schlichten Bank in einem Raum mit unverputzten Backsteinwänden, vielleicht in einem dieser neuen, auf industriell gemachten Fitness-Gyms. Er trägt ein schwarzes Muscle-Shirt, das seine wie in Stein gemeißelte Figur betont. Aber viel mehr als sein Körperbau beeindruckt mich sein Gesicht. Er hat maskuline Züge mit hohen Wangenknochen, die ihm etwas Markantes verleihen. Seine Augen sind von einem so hellen Grau, dass sie mich mitten im Hochsommer an eine verschneite Winterlandschaft denken lassen und seine Lippen, die zu einem leichten Lächeln verzogen sind, sind der Inbegriff von Sinnlichkeit. Ein Dreitagebart bedeckt seine Wangen und sein Kinn, sein dunkles Haar ist kurz und schweißfeucht.
Eine ganze Weile schaue ich mir das Bild an und spüre, wie dabei ein siegessicheres Lächeln meine Züge überzieht. Die meisten anderen Frauen würden bei diesem Foto zweifellos dahinschmelzen und Scott_Brody all ihre Besitztümer sowie ihr Erstgeborenes für ein einziges Date versprechen.
In mir dagegen erwacht der Jagdtrieb, denn eines steht fest. Der Mann, der mich da angeschrieben hat, ist auf keinen Fall echt.
Der Grund ist simpel: Männer, die aussehen wie der auf dem Foto, sind nicht in Flirt-Apps unterwegs. Das haben sie gar nicht nötig, denn für gewöhnlich müssen sie nur auf die Straße gehen und werden schon aus allen Richtungen besprungen. Die Kassiererin im 7-Eleven, die Uber-Fahrerin, die Sprechstundenhilfe beim Arzt ... Für Kerle wie diesen Adonis finden sich an jeder Ecke potenzielle Dates. Aber nie, wirklich niemals, trifft man solche Typen online an.
Wer auch immer mich da angeschrieben hat, macht es mir also wirklich leicht, ihm auf die Schliche zu kommen. Jetzt muss ich nur noch Beweise finden, was glücklicherweise meine Spezialität ist.
»Du hast dir die Falsche ausgesucht, Scottie«, murmle ich.
Ich lehne mich mit dem Rücken an die Fensterscheibe, schiebe meine nackten Füße unter eines der Dekokissen, die die Bank bedecken, und lege auf meinem Laptop eine Akte für Scott_Brody an.
Dann überlege ich, was ich zurückschreibe, um ihm schnellstmöglich auf die Schliche zu kommen. Es wird einen Grund gehabt haben, dass er sich gerade für mein Profil entschieden hat. Auf meinem Foto wirke ich, wenn ich das selbst richtig einschätze, nett und unkompliziert. Also gebe ich ihm eine nette, unkomplizierte Antwort und schreibe zurück:


Mountain Dew ;-)


Anschließend schaue ich gebannt auf das Chatfenster.
Ein paar Sekunden tut sich nichts, dann erscheint die Meldung: Scott_Brody schreibt.
Und im nächsten Moment taucht ein Tränen lachendes Emoji auf.
»Hm«, murmle ich, denn das reicht mir nicht. Dass ich ihm geantwortet habe, muss für ihn bedeuten, dass ich angebissen habe, also sollte er jetzt in die Offensive gehen.
Vielleicht muss ich dafür doch etwas mehr schreiben als nur zwei Worte.
Ich bin schon drauf und dran, wieder zu tippen, als mir die App meldet, dass er ebenfalls schreibt. Dann erscheint der Text:


Also wirklich, Leslie_123. Das war die perfekte Vorlage für eine sexy Antwort von dir. Stattdessen bekomme ich schon beim Gedanken daran, dich zu küssen, einen Zuckerschock.


Ich lese seine Nachricht gleich noch ein zweites Mal – und bin mir plötzlich sicher, dass ich bereits jetzt rausgekriegt habe, zu welcher Kategorie Scott zählt.
Der Begriff ‚sexy‘ gleich in einer der ersten Nachrichten ist ein Keyword für Kerle, die nur auf Nacktbilder aus sind. Ausgerechnet meine verhassteste Kategorie.
»Na, warte«, sage ich.
Drei Alarmsignale reichen für eine vorläufige Sperrung, also muss ich jetzt nur noch zwei finden. Dann kann ich dafür sorgen, dass er zumindest fürs Erste keinen Schaden mehr anrichten wird. Und beim Meeting übermorgen lasse ich ihn dann löschen. Ich kann es gar nicht erwarten, meinem Team sein völlig unrealistisches Foto zu präsentieren.
Aber bis es so weit ist, muss ich ihn noch etwas mehr aus der Reserve locken – am besten, indem ich auf das Sex-Thema eingehe.
Gerade setze ich dazu an, etwas zu tippen, als sich plötzlich die Tür öffnet und Rhia, die nicht nur meine beste Freundin, sondern auch eine meiner zwei Mitbewohnerinnen ist, ruft: »So, bist du fertig? Wenn wir noch einen Platz an der Theke kriegen wollen, sollten wir ...« Sie hält inne und ihre Stimme klingt gleich weniger aufgekratzt, als sie fragt: »Was sitzt du denn hier im Dunkeln?«
Ich blicke auf und stelle fest, dass die Schatten in meinem WG-Zimmer schon ziemlich lang geworden sind. Mein weißes Holzbett und der dazu passende Schrank schimmern nun bläulich im Abendlicht und Rhia ist nur noch ein schemenhafter Umriss in meiner Tür. Offenbar habe ich die Zeit vergessen.
Rhia macht das Deckenlicht an und ich bin für einen Moment geblendet.
»Hey«, protestiere ich blinzelnd, ehe ich erkenne, dass sie High Heels und ein kurzes schwarzes Kleid trägt. Ihr leuchtend rotes Haar hat sie zu einem hohen Zopf gebunden. Sie ist total aufgestylt, und im nächsten Moment fällt mir auch wieder ein, wieso: Wir wollten heute mit ein paar Freundinnen zur Eröffnung einer neuen Cocktailbar hoch über den Dächern der Stadt gehen.
»Tut mir leid.« Ich verziehe das Gesicht. »Ich hab die Zeit vergessen.«
Rhia seufzt und kommt näher, wobei ihre Stilettos in meinem Flauschteppich versinken wie in frischem Schnee. »Du arbeitest noch?«
Ich nicke.
»Oh, und du hast diesen Blick«, fügt Rhia hinzu.
Ich ziehe eine Braue hoch. »Welchen Blick?«
»Den, der mir verrät, dass ich dich heute auf keinen Fall von einem Ausflug in die echte Welt überzeugen kann.«
Ich muss schmunzeln. Rhia kennt mich so gut, dass es manchmal unheimlich ist.
»Ich hab tatsächlich einen ziemlich dicken Fisch am Haken«, gebe ich zu.
»Na dann, schnapp dir deinen Moby Dick.« Mit einem theatralischen Seufzer wendet Rhia sich ab. »Ich werde einen Orgasmus für dich mittrinken, denn wenn du so weitermachst, meine Liebe, wirst du nie wieder einen erleben!«
»Danke!«, rufe ich ihr nach, ehe ich mich, immer noch schmunzelnd, wieder meinem Handy zuwende. »Schalt das Licht wieder aus, okay?«
»Aye!« Rhia knipst das Licht aus und nachdem sie mein Zimmer verlassen hat, bin ich wieder voll und ganz für Scott da.
Erneut vergrößere ich sein Profilbild und schaue nochmal in diese durchdringend grauen Augen.
Zu gern wüsste ich, wie der Mann, mit dem ich mir schreibe, wirklich aussieht. Wer weiß, vielleicht bekomme ich das ja noch raus. Denn er mag gut sein, aber ich bin besser.


***


 


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