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Belletristik
Buch Leseprobe Wer ein gutes Herz hat, Franca Jadis
Franca Jadis

Wer ein gutes Herz hat



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Sonntag, im Oktober 1999

Es ist bald Mitternacht. Nur noch wenige Minuten, und dieser aufregende, angstbeschwerte, wunderbare Tag geht zu Ende. Die kommende Nacht wird alles verändern.

Morgen wird es Hoffnung für mich geben – oder tiefe Verzweiflung. Morgen werde ich wissen, ob Peter wieder ein lebenswertes Leben führen kann oder ob die Krankheit ihn schließlich doch besiegt hat. Denn in diesen Stunden, seit dem frühen Abend, wird meinem Mann das Herz eines Unbekannten eingepflanzt.

Gern wäre ich in der Klinik geblieben, doch man hat mich nach Hause geschickt. Vor morgens gegen sieben habe es keinen Zweck anzurufen, hat man mir gesagt, dann könne ich mit der Intensivstation sprechen. Der Zettel mit der Telefonnummer liegt vor mir auf dem Couchtisch, und ich wünschte, es wäre schon morgen früh. Doch es sind noch mindestens sechs Stunden, bis ich mir erste Gewissheit holen kann. Immerhin hat man mir versprochen, mich sofort anzurufen, wenn etwas Unvorhergesehenes eintreten sollte.

Dankbar schaue ich zum Telefon hinüber: Bisher ist es ruhig ge­blieben. Ein Zeichen, dass alles nach Plan verläuft?

Vorhin in der Klinik hat mich die Ankündigung, dass man sich im Notfall melden würde, noch beruhigt – ebenso wie die Utensilien, die man auf Peters Bettdecke ausbreitete, damit er sie in der Intensivstation zur Verfügung haben würde: Kulturtasche, Buch und Brille. Man rechnet mit dem Gelingen der Operation, lautete ihre Botschaft an mich, kein Zweifel, dass alles gut geht!

Aber je später es wird, desto mehr schrecke ich bei jedem Geräusch zusammen, immer stärker das plötzliche Läuten des Telefons fürchtend. Ich spüre, wie die Angst von mir Besitz ergreift und die Woge des Hochgefühls, die uns durch diesen Tag getragen hat, langsam abebbt. Vergeblich versuche ich, den Gedanken an den geöffneten Brustkorb zu verdrängen, an die hochgebogenen Rippen, die abgetrennten Gefäße und die leere Stelle dort, wo Peters Herz gewesen ist. Ich weiß ja, die Herz-Lungen-Maschine übernimmt während dieser Zeit die Aufgabe, den Körper mit Blut zu versorgen, und ich weiß auch, dass die Transplantation technisch gesehen keine so große Sache ist wie manch andere Operation. Trotzdem verursacht mir die Vorstellung, dass der Körper eine Zeitlang ohne Herz ist, tiefes Unbehagen.

Doch mit welchem Mut und welchem Vertrauen ist Peter in diese Operation gegangen! Liegt es daran, dass der Tod ihn nicht mehr so leicht schrecken kann, nachdem ihm das Leben so schwer geworden ist?

„Entweder wache ich als neuer Mensch auf oder ich habe alles hinter mir“, hat er mir zum Abschied gesagt, und in dieser Hinsicht habe ich es vielleicht schwerer als er. Meine Sorge und meine Angst gelten auch der anderen Möglichkeit, dass er morgen nicht mehr bei mir sein könnte – und nie mehr. Ein Leben ohne ihn? Noch erscheint es mir unvorstellbar.

Ich lasse in Gedanken noch einmal den Tag an mir vorüberziehen, der hinter mir liegt, einen Tag, angefüllt mit den widersprüchlichsten Empfindungen.



Wir haben gerade unser spätes Frühstück beendet, als der Anruf aus der Uniklinik uns aus der resignierten Beschaulichkeit dieses Sonntagmorgens reißt. Ich gehe an den Apparat, der Oberarzt fragt vorsichtig, ob mein Mann wohl im Hause sei. Aufgeregt gebe ich den Hörer an Peter weiter, nicht sicher, ob ich richtig verstanden habe.

„Wie geht es Ihnen?“, wird er gefragt; ich höre nur, wie er mit einem Scherz reagiert:

„Dafür, dass es mir so schlecht geht, geht es mir ausgezeichnet.“

Genau das ist es offensichtlich, was der Arzt hören möchte: Der Patient leidet nicht unter einer Infektion oder Erkältung, und so kann er seine Nachricht überbringen:

„Wir haben ein passendes Herz für Sie, aller Voraussicht nach kön­nen Sie noch heute operiert werden.“

Wir können es nicht fassen. Nach anfänglicher Ungeduld hatten wir uns auf eine lange Wartezeit eingestellt, auf ein Jahr oder mehr, und manchmal hat Peter behauptet, gar nicht mehr daran zu glauben. Jetzt strahlt er, als er den Hörer auflegt, geht wortlos an seinen Schrank, um den Inhalt des vorsorglich gepackten Klinikkoffers zu inspizieren. Dann fragt er mich:

„Fühlst du dich in der Lage, mich in etwa einer Stunde nach Kiel zu fahren?“

Und als ich, ungläubig noch, Genaueres wissen will, fügt er mit einem neuen, verschmitzten Lächeln hinzu:

„Ja, es sieht so aus, als gäbe es doch Einhörner.“

Wie sehr ich meinen Mann in diesem Satz wiedererkenne! Und dafür bewundere, dass er sogar in diesem Moment fähig ist zu einem Scherz, zu einem Ausflug in die Welt der Mythologie und der Metaphern, während mir abwechselnd heiß und kalt wird.

Einhörner – Sinnbild für Hirngespinste, Phantasiegebilde, Traum­gestalten – das ist die Ebene, auf die Peter eine mögliche Transplantation in den letzten Wochen verwiesen hat, in dem Bemühen, sich nach der anfänglichen Euphorie gegen falsche Hoffnungen und vorschnelle Erwartungen zu wappnen:

„Es fällt mir schwer zu glauben, dass wirklich Transplantationen durchgeführt werden. Ebenso, wie ich nicht an Einhörner glaube. Das eine klingt so märchenhaft wie das andere.“

Und nun gibt es sie doch, seine Einhörner, jedenfalls mit großer Wahrscheinlichkeit. Es muss noch untersucht, geprüft, verglichen werden, aber es ist ziemlich sicher, dass die Operation heute durchgeführt wird. Nur in einem von fünfzehn Fällen wird der Patient wieder nach Hause geschickt, weil das Spenderherz nicht in Ordnung ist, das hat man uns bei der Vorbesprechung gesagt.

Eine Weile halten wir uns still umarmt. Wir wissen beide, was dieser Anruf für uns bedeutet. Zu oft haben wir über all das gesprochen, was nun vor uns liegt, als dass jetzt Worte nötig wären.

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