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Belletristik
Buch Leseprobe Weltenchaos, Melina Hilger
Melina Hilger

Weltenchaos


Von einer die viele werden musste

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Die Hässlichkeit war immer da für Amelie. Die Mutter erzählte immer wieder, wie krebsrot, faltig und hässlich die kleine Amelie war, als sie geboren war. Amelie saugt es auf, wie Kinder es halt tun. Ja, sie war hässlich. Später, als sie schon zur Schule ging und die Gemeinschaftsbilder der Klassen gemacht wurden, fand sie es bestätigt. Sie versuchte bei der Aufstellung zum Fotografieren immer möglichst hinten zu sein. Meist gelang ihr das auch; sie war in sämtlichen Klassen ja meist eine der Größten. Im Turnen stets die Größte und das war fatal, weil sie als erste auch die Übungen immer vormachen musste. Meist endete das in Gelächter ihrer Mitschüler, denn sie schaffte es fast nie sich so zu konzentrieren, dass sie die Erklärungen der Sportlehrerin verstand. Da war es unvermeidlich es falsch zu machen und auch die zerissene, nicht der damaligen Zeit angemessene Turnkleidung war Anlaß zum Gespött. Amelie kannte Scham in vielfältiger Weise; sie kannte wenige schamfreie Zonen in ihrem Leben. Sie spürte die Blicke der Nachbarn auf der Straße, wenn sie zur Schule ging und zurück kam. Sie wusste, dass die Schreiereien, die aus dem Haus kamen, aus dem Mund ihres Stiefvaters, der viele unflätige Worte benutzte, die Nachbarn mitbekamen und sie schämte sich. Im Wald schämte sie sich nicht, dort gab es keine eigenen Äußerlichkeiten, dort war sie so, wie sie eben war. Die Tiere beurteilten sie nicht und es gab keine Spiegel und vor allem keine schlimmen Worte. Es gab für sie auch keine hässlichen Tiere oder Bäume, alles war in dieser Natur einfach so, wie es war. Amelie bekam die abgelegten Sachen ihrer Schwester, die fünfeinhalb Jahre älter als sie war. Die Farben auf den Kleidern waren ausgebleicht und die Stoffe bestenfalls geflickt. Lange hielten die Kleider nicht bei ihr. Selten blieben sie unversehrt auf den langen Streifzügen durch Wald und Flur und wenn man nur einmal die Woche ein neues Kleid anziehen durfte, so war das Kleid schnell verschmutzt und hatte Risse vom letzten Baumklettern. Diese wurden natürlich gekonnt verborgen vor Mutters Auge, die sonst wieder Ohrfeigen setzte und sie beschimpfte. In der Schule dann gelang es ihr nicht immer den Schmutz und die Risse zu verbergen. Wenn Amelie an die Tafel musste, hielt sie den Atem an, machte sich halbtot, denn sie wusste, was jetzt kam. Zusätzlich zum „Nichtlösen der Aufgaben“ kam auch das Gelächter, wenn die Lehrerin oder der Lehrer darauf hinwies, dass die Mutter wohl nicht nähen und waschen könne oder noch schlimmeres. Ein hässliches Kind ist es nicht wert saubere, ordentliche Kleidung zu haben, das war Amelie längst klar. Froh war sie als die Neue in die Klasse kam. Roswitha hieß sie, hatte rotes Haar und war extrem dick. Sie wohnte in einem Bauernhaus und stank immer nach Kühe und Schweiß. Ihre Fingernägelränder waren sehr schwarz und auch sie trug alte, verschmutzte Kleider. Amelie lachte nicht mit über die Misslichkeiten dieser neuen Schülerin, aber sie war froh, dass der Fokus einmal nicht auf ihr lag. Sie litt trotzdem, denn Roswitha spiegelte ihre eigene Scham und den tiefen Schmerz.


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