Suchbuch.de

Leseproben online - Schmökern in Büchern



Kategorien
> Belletristik > Weihnachtswünsche in Manhattan
Belletristik
Bücher Erotik
Esoterik Bücher
Fantasy Bücher
Kinderbücher
Krimis & Thriller
Kultur Bücher
Lyrikbücher
Magazine
Politik, Gesellschaftskritik
Ratgeberbücher
regionale Bücher
Reiseberichte
Bücher Satire
Science Fiction
Technikbücher
Tierbücher
Wirtschaftbücher
Bücher Zeitzeugen

Login
Login

Newsletter
Name
eMail

Belletristik
Buch Leseprobe Weihnachtswünsche in Manhattan, Josie Charles
Josie Charles

Weihnachtswünsche in Manhattan



Bewertung:
(12)Gefällt mir
Kommentare ansehen und verfassen

Aufrufe:
185
Dieses Buch jetzt kaufen bei:
Drucken Empfehlen

 


New York City, New York
24. Dezember


 


Leon



Ich starre diese Zahlen schon so lange an, dass sie vor meinen Augen verschwimmen.
Es gelingt mir einfach nicht, mich darauf zu konzentrieren und ich glaube, ich weiß auch, woran das liegt – an dieser dämlichen Weihnachtsparade, die seit einer gefühlten Stunde durch die Straße unterhalb meines Büros zieht. Obwohl es im 42. Stock liegt, sind die Weihnachtslieder und das Stimmengewirr unglaublich laut. Das Schlimmste ist, dass von den verschiedenen Paradenwagen auch noch unterschiedliche Songs gespielt werden. Last Christmas, Rudolph, the Red-Nosed Reindeer und Dear Santa vermischen sich zu einer unerträglichen Mixtur, die so kitschig-süß klingt, wie bunter Zuckerguss schmeckt. Ich möchte davon nichts hören.
Weihnachten könnte, wenn es nach mir geht, auch einfach ausfallen und das nicht nur dieses Jahr, sondern jedes.
Ich schiebe das Notebook von mir, stehe auf und wende mich der Glasfront zu. Eines der bodentiefen Fenster ist einen Spaltbreit geöffnet, so wie meistens, denn ich mag die kalte, klare Winterluft. Jetzt jedoch will ich es schnellstmöglich schließen, um die Musik und das fröhliche Kindergekreische nicht mehr hören zu müssen.
Einen Moment lang blicke ich dabei in die Tiefe und sehe mir die Parade von oben an. Festlich geschmückte Wagen kriechen vorbei, begleitet von Elfen, die Süßigkeiten an Kinder mit bunten Pudelmützen verteilen. Gerührte Eltern schießen Fotos und wirken so enthusiastisch, als wäre es der echte Weihnachtsmann, der mit ihren Kleinen posiert.
Es ist der späte Nachmittag des 24. Dezember. Wieso sind all die Menschen dort unten nicht längst zu Hause und bereiten das Abendessen vor oder was man sonst an Heiligabend so treibt?
Im Grunde kann mir das egal sein. Familien mit Kindern und deren Eigenarten und Angewohnheiten muss ich nicht verstehen, denn sowas ist nicht Teil meiner Welt.
Als ich den Fensterriegel zusperre, verstummt die Musik. Stattdessen springt mit einem leisen Surren die Klimaanlage an, um das Büro wieder auf angenehme 22 Grad aufzuwärmen. Schon besser. Einen Augenblick lang bleibe ich hier stehen und blicke nach draußen, auf die Spiegelfassade des gegenüberliegenden Hochhauses. Schemenhaft kann ich meinen eigenen Umriss erkennen – groß, breitschultrig, die Hände in die Taschen meiner Armani-Hose geschoben. Schon den ganzen Tag fallen dicke Flocken vom Himmel, sodass es in der Spiegelung aussieht, als stünde ich in einer gigantischen Schneekugel, die gerade geschüttelt worden ist.
Mit einem leisen Brummen wende ich mich ab und setze mich wieder an meinen großen, gläsernen Schreibtisch. Ich ziehe mir den Laptop heran und will gerade einen weiteren Versuch starten, etwas Ordnung in den Investmentfonds eines unserer größten Kunden zu bringen, als es an der Tür klopft.
Unwillig sehe ich auf. Was ist denn jetzt schon wieder?
Am liebsten würde ich der Person dort draußen sagen, dass sie verschwinden soll. Aber da mir für gewöhnlich sämtliche Besucher von meiner Vorzimmerdame Maureen angekündigt werden, kann es eigentlich nur Maureen selbst sein, die da klopft. Und zu ihr wäre ich niemals unhöflich.
»Herein«, sage ich daher in ruhigem Tonfall.
Eine der Flügeltüren öffnet sich und Maureen schiebt wie immer zuerst ihren Kopf zu mir rein und schaut sich um, als würde sie Gott weiß was befürchten. Dann richten sich ihre Augen auf mich und sie tritt mit tadelndem Gesichtsausdruck ein.
Auch mein Gesichtsausdruck dürfte ziemlich tadelnd sein, als ich sehe, was sie anhat. Heute Morgen, als ich ins Büro kam, trug sie noch ihren Mantel, aber jetzt erkenne ich, dass sie einen dunkelgrünen Strickpullover trägt, auf dessen Vorderseite ein Rentier abgebildet ist, inklusive einer leuchtend roten Nase, die aus einem glitzernden Bommel besteht. Sowas dulde ich normalerweise nicht. Es könnten schließlich jederzeit Kunden bei uns vorbeischauen, weshalb es wichtig ist, einen seriösen Eindruck zu machen und nicht zu wirken, als befänden wir uns gerade mitten in einer Weihnachtsfeier.
Maureen stört sich nicht an meinem Blick und bringt mir routiniert eine dampfende Tasse Kaffee.
»Was bitte ist das?«, frage ich unzufrieden und weise auf ihr Oberteil.
Sie missinterpretiert meine Frage allerdings und ich vermute, dass sie es mit Absicht tut.
»Green Tipped Bourbon Arabica-Kaffee«, erwidert sie trocken und stellt die Tasse samt Unterteller auf meinem Tisch ab. »Frisch eingetroffen aus St. Helena.«
Forschend sehe ich sie an. Mir ist nicht entgangen, dass sie heute ein wenig schnippisch klingt.
Maureen arbeitet schon ewig bei Denver Investments, länger als ich sogar. Sie war bereits die Sekretärin meines Vaters, als die Firma noch ihm gehörte. Ich nehme an, dass sie auf die sechzig zugeht, auch wenn ihre dunkle Haut kaum von Falten durchzogen ist. Nur ihr Haar ist bereits stellenweise grau und ihre Figur zeugt davon, dass sie abseits der Arbeit eher ein gemütliches Leben führt.
Maureen erwidert meinen Blick anklagend.
»Ist noch etwas?«, frage ich sie.
Vier bis fünfmal am Tag bringt sie mir ungefragt einen Kaffee, aber normalerweise geht sie danach wieder und lässt mich meine Arbeit machen.
»Ja, in der Tat«, sagt sie und verschränkt die Arme vor der Brust, wodurch das Rentier eine ziemlich zerknautschte Form annimmt. »Möchtest du das wirklich durchziehen, Leon? Schon wieder?«
Ich runzle die Stirn als Zeichen, dass ich absolut nicht weiß, wovon sie redet.
Mit einem Seufzer hilft sie mir auf die Sprünge. »Hast du allen Ernstes vor, die gesamte Belegschaft auch in diesem Jahr die Feiertage durcharbeiten zu lassen?«
»Maureen«, gebe ich zurück, wieder in dem ruhigen Tonfall, der mir immer dann am besten gelingt, wenn ich innerlich alles andere als ruhig bin. Diese Stimmlage habe ich bestens drauf, seit mir mit gerade einmal Mitte 20 die Verantwortung für das gesamte Unternehmen übertragen wurde. In einer so wichtigen Position ist Selbstbeherrschung einfach alles.
»Das muss ich dir doch nicht erklären«, fahre ich fort. »Die Börse schließt heute drei Stunden eher als gewöhnlich und öffnet erst übermorgen wieder. Die Feiertage sind darum perfekt, um in Ruhe die Portfolios aufzuarbeiten.«
»Smyth, Jefferson, Hershey, Masters und Washington haben bereits gedroht, zu kündigen, falls du deine Meinung nicht bis 18 Uhr änderst.«
Ich hebe gleichgültig die Schultern, denn das bin ich gewohnt. Seit ich die Firma leite, kündigen jedes Jahr an Weihnachten ein paar Angestellte, da es ihnen wichtiger ist, das sogenannte Fest der Liebe mit ihren Familien zu verbringen. Nicht weiter schlimm.
»Sollen sie nur. Die anderen können den Verlust problemlos ausgleichen.«
Zwischen Maureens Brauen bildet sich nun doch eine Falte. »Leon«, sagt sie. »Ich kenne dich, seit du ein kleiner Junge warst. Du bist wie ein vierter Sohn für mich und zu meinen Söhnen bin ich ehrlich.«
»Ich bitte darum«, sage ich und nehme die dampfende Tasse vom Unterteller, um einen Schluck zu trinken.
»Wenn dein Vater sehen könnte, was du hier treibst, wäre er sehr enttäuscht.«
Mitten in der Bewegung halte ich inne und spüre, wie meine beherrschte Fassade einen winzigen Riss bekommt – es fühlt sich an wie das Knacken von zersplitterndem Glas, leise, tief in meinem Inneren. Ich bin mir allerdings sicher, dass man mir von außen nichts davon anmerkt.
Betont langsam lasse ich die Tasse sinken, während ein leises, ungläubiges Lachen über meine Lippen dringt. Maureen weiß genau, dass mein Vater ein wunder Punkt für mich ist. Mit solch einem Angriff unter die Gürtellinie hätte ich nicht gerechnet und so trifft er mich ziemlich unerwartet. Mir wird mit einem Mal flau im Magen und hunderte Bilder fluten mein Hirn, die allesamt meinen Dad zeigen. Doch ich habe mich schnell wieder im Griff, straffe die Schultern und frage, so kühl ich kann:
»Enttäuscht? Hast du dir mal die Quartalszahlen angesehen? Wir waren nie erfolgreicher als in diesem Jahr. Wenn ich wollte, könnte ich«, ich mache eine umfassende Handbewegung, um ihr zu verdeutlichen, wovon ich rede, »das gesamte Büro vergolden lassen, und danach hätten wir immer noch mehr als genug Kapital.«
Ich würde etwas so Unsinniges natürlich niemals tun, aber irgendwie muss ich ihr ja veranschaulichen, dass die Firma nur so im Geld schwimmt.
Maureen ist allerdings nicht beeindruckt. Sie schüttelt den Kopf und wirkt dabei fast traurig. »Nun, wenn du meinst, dass das so entscheidend ist. Ich jedenfalls weiß, was für mich entscheidend ist. Dieses Jahr möchte ich den Truthahn nicht später aufgewärmt aus der Mikrowelle essen und ich will auch am Weihnachtsmorgen nicht ins Büro hetzen müssen.«
Ich stelle die Tasse wieder ab. Es klirrt leise, als sie den weißen Unterteller berührt. »Was soll das heißen?«
»Das heißt, dass ich ebenfalls kündige«, sagt Maureen seelenruhig.
Sie tut was? Sie lässt mich im Stich, nur um Truthahn zu essen? Ausgerechnet Maureen, meine engste Mitarbeiterin? Die Einzige, die mich duzt? Die Einzige, die mich überhaupt regelmäßig zu Gesicht bekommt? Das kann unmöglich ihr Ernst sein.
»Maureen. Nun übertreib bitte nicht. Du kannst nicht einfach gehen.« Da mir keine Argumente einfallen, die nicht sentimental und dämlich klingen, rette ich mich in ein: »Allein schon, jemand anders einzuarbeiten, kostet mich Tage.«
»Das schaffst du schon. Mach’s gut, Leon.«
Ungerührt wendet sich Maureen ab und marschiert entschlossenen Schrittes zurück zur Tür. Ihre Pumps klackern über den dunklen Marmorboden.
Ich sehe ihr nach und fühle mich völlig überrumpelt.
»Maureen«, sage ich gequält und stehe auf, als sie die Tür schon fast erreicht hat.
Mit erwartungsvoll gehobenen Brauen dreht sie sich zu mir um. Mir ist klar, was sie von mir möchte und es widerstrebt mir. Aber dass sie geht, will ich auch nicht und ich fürchte, das weiß sie genau.
Zähneknirschend sage ich daher: »Na schön, du hast gewonnen. Sag den anderen, sie sollen ... bis sechs Uhr nochmal alles geben, und dann können sie von mir aus verschwinden.«
»Was heißt das?«, hakt sie nach.
»Wir machen ...« Gott. Die Worte bleiben mir fast im Hals stecken, so ungern sage ich sie. »Wir machen über die Feiertage zu.«
»Und am Boxing Day«, feilscht Maureen.
Ist das ihr Ernst? Den 26. Dezember will sie auch noch freihaben? Ich schüttle den Kopf und knurre: »Von mir aus.«
Mechanisch lockere ich dabei meine Krawatte ein wenig, um die plötzliche Enge in meiner Kehle loszuwerden.
Maureen dagegen lächelt jetzt zufrieden. »Eine gute Entscheidung. Ich gebe das gern so weiter.«
Damit öffnet sie die Tür und ich spare mir die Frage, ob sie denn nun kündigt oder nicht. Ich schätze, ich bin gerade von meiner eigenen Sekretärin ausgetrickst worden. Diese Frau ist gerissener, als ich dachte, und zudem hat sie mir auch noch das eingebrockt, was ich eigentlich am wenigsten wollte.
Ein Weihnachtsfest ohne Arbeit.


***



Zur selben Zeit am
anderen Ende der Stadt



Marina


 


Prüfend halte ich eine der leuchtend hellroten und eine der weinroten Kugeln vor den Baum, der in der Ecke meines Wohnzimmers darauf wartet, geschmückt zu werden.
»Welche nehme ich dieses Jahr?«, frage ich mich selbst, komme aber zu keinem Schluss. Die hellen sehen fröhlicher aus, die dunklen festlicher. »Was meinst du, Ruby?«
Eine Antwort bekomme ich allerdings nicht, was wohl daran liegt, dass Ruby eine Katze ist und Katzen leider nicht sprechen können.
»Na schön, dann entscheide ich eben selbst«, lasse ich Ruby wissen und fange an, ein paar der weinroten Kugeln in den kleinen Weihnachtsbaum zu hängen, den ich heute Morgen noch im Schlussverkauf bekommen habe. Er ist nicht gerade ein Riese von einem Baum, aber wie heißt es noch? Es kommt nicht auf die Größe an.
Kaum habe ich mit dem Schmücken begonnen, wird mir warm ums Herz und ich gerate endlich in Weihnachtsstimmung. Aus meinem Handy, das auf der Sofalehne liegt, dringt Have yourself a merry little Christmas und der Duft der Zimtsterne, die ich im Ofen habe, erfüllt das ganze Haus.
»Bist du schon gespannt auf dein Geschenk?«, führe ich mein einseitiges Gespräch mit Ruby weiter, während ich weiterschmücke.
Kugel für Kugel sieht der Baum immer festlicher aus und ich fange an zu lächeln. Die letzten Wochen waren das reinste Chaos, aber eines steht für mich fest: Weihnachten werde ich mir dadurch nicht verderben lassen!
Ich verziere die Tanne mit ein paar goldenen Strohsternen und stöpsle die Lichterkette ein, die ich zuallererst angebracht habe.
Sie funktioniert nicht.
»Mist«, flüstere ich und bin schon drauf und dran, mit der Suche nach einer kaputten Birne zu beginnen. Dann jedoch fällt mir ein, dass ich sowieso keine Ersatzlämpchen habe. Und eine neue Lichterkette kann ich auch nicht kaufen, denn dafür fehlt mir ganz einfach das Geld.
Seufzend betrachte ich die winzige Tanne. Sie sieht eigentlich auch ohne Licht ganz gut aus. Besser als gar kein Baum.
Ich gehe in die Küche, um die fertigen Plätzchen aus dem Ofen zu holen, und kaum habe ich die Klappe geöffnet, stelle ich fest, dass sie gut geworden sind. Der zimtige Duft ist nun noch stärker, die goldbraune Farbe der Plätzchen sieht zum Anbeißen aus. Nachher werde ich sie verzieren und morgen jedem meiner Freunde und Bekannten ein Tütchen vor die Tür stellen.
Mir ist klar, dass die Zimtsterne nicht gerade das überwältigendste Geschenk sind, aber mir ist es wichtig, den Menschen, die mir während der vergangenen Jahre in New York ans Herz gewachsen sind, zu zeigen, dass ich an sie denke.
Auch wenn sie sich in der letzten Zeit nicht gerade toll verhalten haben.
Egal. Es ist Weihnachten, da sollte sowas keine Rolle spielen.
Ich schiebe den Gedanken fort, stelle die Plätzchen zum Abkühlen auf die Herdplatte gleich unter dem Fenster und wundere mich dabei, dass mir Ruby nicht in die Küche gefolgt ist. Normalerweise kommt sie jedes Mal mit, wenn ich diesen Raum betrete, in der Hoffnung, dass Essenszeit ist oder sie sich zumindest ein paar Leckerlis erbetteln kann.
Nachher habe ich noch etwas Besonderes für sie: Auch wenn ich momentan knapp bei Kasse bin, habe ich ihr eine Dose Truthahn-Cranberry-Katzenfutter gekauft. Und eine neue Spielmaus. Sie soll ja schließlich auch etwas von Weihnachten haben.
»Bist du schon eingeschlafen?« Ich gehe zurück ins Wohnzimmer und entdecke Ruby in der Ecke zwischen dem Kamin, für den ich leider kein Holz mehr habe, und der grau karierten Couch, wo sie mit ein paar herabrieselnden Schneeflocken spielt.
Ich blinzle, weil ich im ersten Moment glaube, dass meine Augen mir einen Streich spielen. Doch als ich erneut hinsehe, ist das Bild noch dasselbe: Ich sehe meine rot-weiß-schwarze Glückskatze, wie sie mit den Pfoten Schneeflocken fängt. Und das in meinem Bungalow – in dem es eigentlich keinen Schnee geben sollte.
»Shit, Shit, Shit ...«, murmle ich, laufe auf meinen dicken Socken zu ihr hinüber, blicke nach oben und sehe einen Riss im Dach, der sicher fünf Zentimeter breit und zehn Zentimeter lang ist.
Oh nein. Das darf doch nicht wahr sein.
Das ist sicher passiert, als gestern zwei Blocks weiter die Straße aufgerissen wurde. Der Pressluftbohrer brachte mein ganzes Haus zum Vibrieren und hat offenbar das ohnehin schon morsche Dach beschädigt.
Zu meinen Füßen springt Ruby in die Höhe, um mit einem Maunzen nach einer besonders dicken Flocke zu hangeln. Dass der Schnee nicht auf der Stelle schmilzt, macht mir erst so richtig bewusst, wie kühl es hier drin ist. Vielleicht hätte ich den Backofen nicht abstellen sollen, er könnte anstelle des Kamins für Wärme sorgen.
»Na, wenigstens du hast Spaß«, grummle ich und wende mich ab, um schnell eine alte Decke zu holen, die ich unterlegen kann, damit mir der Schnee nicht den ganzen Teppich aufweicht.
Bei der Gelegenheit sollte ich auch gleich nach Werkzeug suchen, aber ich fürchte, das hat George mitgenommen. Als er vor zwei Wochen auszog, hat er jeden Winkel des Hauses nach Dingen durchsucht, die ihm gehören und alles, was wir gemeinsam angeschafft haben, penibel unter uns aufgeteilt. In der Küche hat er die Hälfte der Teller und des Bestecks mitgenommen. Wahrscheinlich kann ich froh sein, dass er nicht auch noch den Esstisch in der Mitte zersägt hat.
Ich öffne die Tür zum Abstellraum, mache Licht und sehe sofort, dass ich kein Glück habe. George hat nämlich nicht nur den Werkzeugkasten mitgenommen, sondern auch die abgenutzte Picknickdecke. Herrje. Wieso merkt er sich überhaupt, wer von uns beiden das Teil gekauft hat? Hatte er von Anfang an vor, unsere Beziehung irgendwann vor die Wand zu fahren?
Ich ermahne mich, nicht albern zu sein und tappe weiter ins Bad.
Dann nehme ich eben ein Handtuch.
Ich mache den Schrank auf, spähe hinein – und in dem Moment klingelt es an der Tür, einmal, zweimal und ein drittes Mal.
Irritiert schaue ich zur Diele, denn ich erwarte heute niemanden. Heiligabend werde ich auf der Couch verbringen, mit Fast Food und Weihnachtsfilmen. Zumindest ist das der Plan, aber wie es aussieht, schaut spontan doch noch jemand vorbei.
»Komme schon!«, rufe ich, stehe auf und streiche mir ein paar Strähnen, die sich aus meinem Zopf gelöst haben, hinter die Ohren. Ich eile in die Diele, mache die Tür auf ...
Und kann nicht fassen, wer da steht.
Es ist George, schon feingemacht für das Weihnachtsessen mit seinen Eltern. Er trägt einen dunklen Anzug mit einer violetten Krawatte und hat sich das kurze, lockige Haar elegant nach hinten gegelt. Sein Anblick trifft mich, allerdings auf eine ganz andere Art als früher. Bis vor wenigen Wochen glaubte ich, er sei mein Fels in der Brandung. Jetzt fühlt sich sein Auftauchen wie eine plötzliche kalte Dusche an.
Was sucht George denn hier? Hat er was vergessen? Vielleicht den Duschvorhang oder ...
»Marina«, sagt er und nickt mir zu, während ich bemerke, dass er nicht allein ist.
Einen Schritt hinter ihm steht ein weiterer Mann, ein grauhaariger, lurch-ähnlicher Kerl in einem Trenchcoat, wie ihn sonst nur Columbo und Perverse tragen.
»Hallo«, sage ich überrumpelt.
George deutet mit dem Kopf hinter sich. »Das ist David Eustace, mein Anwalt.«
»Hallo, Mister Eustace«, sage ich, höre selbst, dass ich jetzt noch verwirrter klinge, und sehe George fragend an. »Verrätst du mir, was du an Heiligabend mit deinem Anwalt hier suchst?«
»Das sollte dir eigentlich klar sein«, erwidert George kühl.
Ist es aber nicht. Zum einen ist mir in Sachen George gar nichts mehr klar, denn er ist ganz offensichtlich nicht der Mann, für den ich ihn während unserer dreijährigen Beziehung hielt. Und zum anderen verstehe ich absolut nicht, weshalb er mir gegenüber plötzlich rechtlichen Beistand brauchen sollte.
»Willst du das Sorgerecht für Ruby erstreiten?«, frage ich und kann nicht verhindern, dass meine Stimme ironisch klingt.
»Nein.« George bleibt betont sachlich. »Ich will, dass du verschwindest, und zwar noch heute.«
Ich starre ihn an. Er will was?
Seine Worte machen mich so fassungslos, dass ich drauf und dran bin, die Tür einfach wieder zu schließen.
George jedoch schiebt seinen Fuß dazwischen. »Marina! Sei bitte vernünftig.«
Ich soll vernünftig sein? Und das sagt ausgerechnet er?
»Du kannst mich nicht einfach so rauswerfen!«
»Doch, das kann ich, denn dies ist mein Haus.«
Leider hat er Recht. Das Haus gehört ihm, er hat es vor Jahren von seiner Grandma geerbt. Es ist in keinem guten Zustand und unser Plan war immer, gemeinsam hier zu wohnen, bis wir genug angespart haben, um uns was Besseres leisten zu können. Als wir uns trennten, sagte er, ich könne bleiben, er habe diese Hütte ohnehin satt. Jetzt jedoch scheint er seine Meinung geändert zu haben. Wie aus dem Nichts. An Heiligabend. Er muss vollkommen den Verstand verloren haben.
»Du hattest doch –«
»Ich hatte«, greift er meinen Halbsatz auf, »bereits vor drei Monaten, als wir sahen, dass unsere Beziehung sich dem Ende zuneigt, eingewilligt, dass du das Haus haben kannst, wenn du mir ab sofort Miete dafür zahlst.«
Sauer und ungläubig zugleich schüttle ich den Kopf. Das stimmt überhaupt nicht! Vor drei Monaten war noch gar nicht abzusehen, dass wir uns trennen würden!
»Du weißt genau, dass das alles Lügen sind«, werfe ich George vor.
Nun hakt der Anwalt ein. »Sie haben damals einen Mietbescheid erhalten und nicht bezahlt. Genau wie im kommenden Monat und in diesem. Auch die Mahnungen meines Mandanten haben Sie ignoriert. Damit hat mein Mandant das Recht, Sie mit sofortiger Wirkung vor die Tür zu setzen.«
Ich komme nicht mehr mit. Eustaces Worte verschwimmen in meinem Kopf und ergeben auf eine Art überhaupt keinen Sinn, aber auf eine andere leider sehr wohl. Das hier ist ein Racheakt, nichts weiter. Wahrscheinlich hat George seine angeblichen Rechnungen und Mahnungen nachträglich ausgestellt und rückdatiert und sein schmieriger, Trenchcoat tragender Anwalt hat sie ihm für ein kleines Trinkgeld beglaubigt.
Entgeistert sehe ich von einem zum anderen. Am liebsten würde ich sie beide zum Teufel jagen, aber ich fürchte, sie sitzen am längeren Hebel. Daher sage ich mit gezwungen ruhiger Stimme: »George, es ist Heiligabend. Ich kann nirgendwo hin. Nach den Feiertagen könnte ich ...«
»Es tut mir leid, aber bis dahin kannst du nicht bleiben.«
»Aber ...«
»Zwing mich bitte nicht, die Polizei zu rufen, Marina.«
Die Polizei. So weit würde er also gehen. Das ist einfach nicht zu fassen.
Ein leises Maunzen dringt an meine Ohren, als Ruby beginnt, um meine Beine zu streichen, fast als würde sie spüren, wie aufgewühlt ich gerade bin.
Ich klaube sie vom Boden und atme dabei tief durch. Ich werde mir nicht die Blöße geben und George anflehen oder vor ihm in Tränen ausbrechen.
»Okay«, sage ich. »Ich packe meine Sachen und dann gehört diese Bruchbude dir. Und übrigens: Das Dach ist kaputt.«
Damit wende ich mich ab und eile mit rasendem Puls ins Schlafzimmer, wo unter dem Bett der Koffer lagert, mit dem ich einst nach New York zog.
Hätte mir damals jemand gesagt, dass ich vier Jahre später an Weihnachten auf der Straße landen würde – ich hätte demjenigen kein Wort geglaubt. Am liebsten würde ich mir auch jetzt einreden, dass das alles nur ein schlechter Scherz ist, aber leider hatte George noch nie sonderlich viel Humor. Und so hilft es alles nichts. Ich muss meine Sachen packen und dann raus in den Schnee.
Ohne Ziel und ohne den Hauch einer Ahnung, was ich jetzt tun soll.


***


 


Für den Inhalt dieser Seite ist der jeweilige Inserent verantwortlich! Missbrauch melden



© 2008 - 2021 suchbuch.de - Leseproben online kostenlos!


ExecutionTime: 4 secs