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Buch Leseprobe Von Spanien, einer alten Liebe ..., Peter J. Hakenjos
Peter J. Hakenjos

Von Spanien, einer alten Liebe ...


Roadmovie durch Spanien

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CAMINANTE


(Antonio Machado)


 


CAMINANTE, SON TUS HUELLAS   


EL CAMINO, Y NADA MÁS;          


CAMINANTE, NO HAY CAMINO,   


SE HACE CAMINO AL ANDAR.      


AL ANDAR SE HACE CAMINO,    


Y AL VOLVER LA VISTA ATRÁS      


SE VE LA SENDA QUE NUNCA      


SE HA DE VOLVER A PISAR.          


CAMINANTE, NO HAY CAMINO,   


SINO ESTELAS EN LA MAR. 


ANTONIO MACHADO (1875 – 1939) 


 


 


WANDERER, ES SIND DEINE SPUREN


DER WEG, UND SONST NICHTS;


WANDERER, ES GIBT KEINEN WEG,


MAN MACHT DEN WEG BEIM GEHEN


BEIM GEHEN MACHT MAN DEN WEG


UND WENDET MAN DEN BLICK ZURÜCK


SIEHT MAN DEN PFAD, DER 


NIE MEHR ZU BETRETEN IST.


WANDERER, ES GIBT KEINEN WEG


SONDERN KIELSPUREN IN DER SEE.


 


 


Der Aufbruch


Ich war unterwegs. Bis zu meinem achtundfünfzigsten Lebensjahr dachte ich, wichtige Entscheidungen trifft man, nachdem das Für und Wider mit sorgenvollem Haupt und bei vollem Bewusstsein abgewogen wurden. So ist es nicht! Entscheidungen bereiten sich langsam, fast unmerklich vor. Dann tut man etwas und hat keine Ahnung warum.


 


Am Anfang stand nicht das Wort. Am Anfang meiner Reise stand Doris. Und zwar genau vor mir. Es war einer jener Tage, von denen es Anfang Februar viele gibt. Eine dichte Wolkendecke ließ es nicht richtig Tag werden. Im Antiquariat am Kronenplatz in Karlsruhe hatte ich mich mit ein paar nahezu vergessenen Klassikern eingedeckt. Auf Dostojewski, Theodor Storm und Camus kann ich mich verlassen. Gebraucht kosten ihre Bücher fast nichts. Außerdem haben die Jahrzehnte die schlechten Romane der Vergangenheit ausgesondert. Im Unterschied dazu sind einige aktuelle Bestseller das Papier nicht wert, auf dem sie gedruckt wurden. Als Anerkennung für mangelnde Qualität werden nicht wenige davon verfilmt. So erreicht man, dass auch jenes Publikum gelangweilt wird, das nicht willens ist, ein Buch in die Hand zu nehmen. Wenn die Alten sterben, wird ihr Hab und Gut verramscht. Und weil ich mit achtundfünfzig Jahren alt bin, gefällt mir, was diejenigen, die kurz vor mir die letzte Reise antraten, zum Lesen hinterlassen haben. An besagtem Freitag hatte ich mich wieder einmal für einen Packen Altpapier in Buchform entschieden und in meine Aldi-Tüte gestopft. Vorbei an lautstark diskutierenden Obdachlosen trottete ich zu meiner Stamm-Fast-Food-Pizzeria. Die Penner glotzten mir nach. Manchmal winken sie mir zu. Dieses Mal ignorierten sie mich. Vermutlich gab es Wichtigeres zu tun, als einen Neuzugang anzuwerben. In Gedanken versunken schlurfte ich weiter und blieb vor ein paar Veranstaltungsplakaten am Jugendzentrum stehen. Eine Bluegrass-Band spielte und erinnerte mich daran, dass ich Country-Musik in meinem früheren Leben gerne gehört habe. Da stand sie neben mir. Ich erkannte sie sofort. Sie mich nicht. Sie war zwar älter geworden, das schon, aber sie war so attraktiv wie damals. Vereinzelte Falten und ihr Make-up konnten ihrer Schönheit nichts anhaben. Ihre Haare waren dank der Wunder der Chemie dunkelblond geblieben. Ab der Unterprima bis zum Abitur war ich, wie der restliche männliche Teil meiner Klasse, unsterblich in sie verliebt. An mir dagegen haben der Zahn der Zeit und die Scheidung von Helena unbarmherzig genagt. Das Rot meiner Haare ist einem Friedhofsblond gewichen und der Frisör musste es nicht mehr ausdünnen wie in jungen Jahren. Es hing entweder strähnig über meine Schultern oder war verschwunden. Mein einst glattes Jünglingsgesicht zierte jetzt ein struppiger Vollbart von beträchtlicher Länge. Im Spiegel starrte mich Morgen für Morgen ein grantiger Smiley an. Sie aber stand vor mir und sah aus, wie eine reife Diva, eine Frau die das Leben genossen hatte. Weder Kummer noch Alkohol hatten ihrer Erscheinung etwas angetan. Ich gab eher das Bild eines alternden Trappers ab, der von einer mehrwöchigen Bärenjagd zurück in seine Hütte kommt. Sie eine Dame, wohlriechend, jedes Härchen an der Stelle, wo der liebe Gott oder die Kosmetikerin es haben wollten. Ihre Lippen leuchteten dunkelrot und ihre blauen Augen, dank Kajalstift und Lidschatten, strahlten mich wie zwei strahlende, Gutes verheißende Sterne an. Ich habe sie gesehen und wusste, diese Frau hat mir der Himmel geschickt. Gibt es etwas Geeigneteres, um seinen Liebeskummer zu vergessen, als eine neue Liebe zu beginnen? Seit über einem Jahr hatte ich versucht, die Trennung von Helena zu überwinden. Es war mir trotz Therapeut nicht gelungen. Da kam Doris genau zur rechten Zeit! Auch ohne verliebt zu sein, war ich für sie sofort Feuer und Flamme. Wie vor vierzig Jahren hat das nicht ausgereicht, sie für mich zu erwärmen. Immerhin ließ sie sich von mir in ein Café am Marktplatz einladen.


 


Über die Auswahl des Cafés hatte das Schicksal nicht seine gütige Hand ausgebreitet. Die Stimmung dort war alles andere als romantisch. Am Nachbartisch saß eine Frau, die einem fernen Telefonbesitzer mit Hilfe ihres Handys die Preisentwicklung einzelner Gemüsesorten auf dem Karlsruher Wochenmarkt mitteilte. Interessanterweise unterbreitete sie ihrem unsichtbaren Gegenüber den Vorschlag, Kohlrabi mit einer Rahmsoße und Kartoffeln zuzubereiten. Ihr Gesprächspartner muss ein Mann gewesen sein, der ihr ehevertraglich zum Zuhören verpflichtet war. Ohne Zweifel war er gehörgeschädigt. Auch an den Nachbartischen stockten die Gespräche. Alle Cafébesucher wollten wissen, ob es zu dem angekündigten Kohlrabi-Kauf kommen würde oder nicht. Als die Bedienung die Handynutzerin strafend ansah, hat diese, eine reizende Enddreißigerin, sich nervös umgesehen und abrupt die Unterhaltung beendet. So konnte ich mich nicht mehr in die Diskussion einklinken, wie ich es in solchen Situationen gerne zu tun pflege. Ich wollte ihr vorschlagen zu den Kohlrabis, neben den Kartoffeln, in Butter abgeschmälzte Zwiebeln zu servieren. Wir durften nichts mehr über das Mittagessen bei besagter Dame erfahren. Die Enttäuschung bezüglich der fehlenden Informationen stand uns allen ins Gesicht geschrieben. Aber immerhin begann Doris das Gespräch: »Meine Güte, Tilo, dich hätte ich echt nicht erkannt. Du hast dich vielleicht verändert!«, rief sie so laut lachend aus, dass die Leute am Nachbartisch mich prüfend ansahen. Stirnrunzelnd versuchten sie sich vorzustellen, wie ich wohl früher ausgesehen hatte. 


»Ja, tut mir leid. Ich konnte nicht anders. Ich musste alt und hässlich werden«, erwiderte ich und schaute zur Seite. Was hätte ich tun können, um nicht alt zu werden? Mich umbringen? Anscheinend hat sie die unverblümte Wahrheit nicht ertragen. Sie wusste, dass wir gleich alt waren, und fing sofort an zu lügen: »Ach Tilo, nein, so habe ich das doch nicht gemeint. Du siehst gut aus. Du siehst echt jung aus.«


Quatsch, dachte ich. Klar bin ich alt geworden. Spätestens, wenn einem die Leute sagen, dass man jung aussieht, ist man es nicht mehr. Mit achtundfünfzig ist man alt. Der einzige Unterschied war, dass man es ihr nicht ansah. Ich konnte sie nur hilflos angrinsen und musste mir Geschichten über ihre Kinder und Enkel anhören. Ich werde nie verstehen, warum Frauen glauben, dass uns Männer solche Geschichten interessieren. Üblicherweise kennen wir weder ihre Kinder noch die in aller Regel überdurchschnittlich begabten und außergewöhnlich lieben Enkel. Nichts vergisst ein Mann schneller als Namen, Aussehen und alltägliche Erlebnisse des unbekannten Nachwuchses von Freunden. Vermutlich wollte sie nur die Zeit mit mir totschlagen, die es braucht, einen Kaffee auszutrinken, der zu heiß war, um ihn mit einem Zug zu leeren. Ich meinerseits hatte ihr nicht viel zu erzählen, musste aber versuchen, das Blatt zu wenden. Dass ich geschieden war, habe ich beiläufig erwähnt. Vielleicht hätte sie die bei mir entstandene Partnerlücke füllen wollen. Sie hat meine Andeutung trotz meines auffordernden Blickes nicht genutzt. Glücklich war ich nicht, versuchte aber, es ihr weißzumachen. Welche Frau will schon die Leidensgeschichte eines Mannes anhören? Nein, glücklich war ich absolut nicht. Einen Beruf hatte ich keinen mehr. Allen, die es hören wollten, erzählte ich, dass das Burn-out-Syndrom der Grund meiner Frühpensionierung war. Das war Unsinn. Helena hatte mich verlassen. Anfangs hatte ich mich gefreut, dass ich den Stress mit ihr los war. Jeden Tag Streit, jeden Tag die Forderung, ich solle das tun, ich solle jenes lassen, ich würde nur noch zu Hause hocken und mich und sie langweilen. Jeden Tag die Klage, sie würde ihr eigenes Leben nicht mehr finden, hätte es irgendwo auf unserem gemeinsamen Weg, vermutlich beim Rasenmähen oder beim Essen einkaufen verloren. Wenn es besonders hart kam, hat sie gebetsmühlenartig den Vorwurf wiederholt, ich sei nicht mehr der Mann, den sie geheiratet hatte. Wer kann mit so einem Vorwurf etwas anfangen? Und ich konnte nichts tun, um etwas gut zu machen, wo ich doch nicht einmal wusste, was ich falsch gemacht hatte. Dann kam jener verhängnisvolle Dienstagabend, an dem sie mir von ihrem Verhältnis mit einem anderen Mann erzählte. Das war das Ende meiner Ehe mit Helena. Das alles wollte ich Doris nicht auf die Nase binden. Also habe ich die Mär von meinem Burn-out heruntergebetet, von den stressigen und schlecht erzogenen Schülern und der Unmöglichkeit, damit zurechtzukommen. Ich habe ihr nicht gesagt, dass ich beim Therapeuten gewesen bin. Hätte es sie interessiert, dass meine einzige Abwechslung der immer gleiche Gang in die Stadtbücherei war, nachdem ich auf trockenen Brötchen herumgekaut und mir mit einem schnell aufgebrühten Instant-Kaffee die Lippen verbrüht hatte? Nein, es wäre nicht klug gewesen, ihr davon zu erzählen. Wie gut es mir ohne Arbeit ging, wie entspannt ich jetzt meinen Hobbys nachgehen konnte, wie frei ich jetzt war, das habe ich von mir gegeben. Dennoch waren meine Annäherungsversuche noch hoffnungsloser als damals, als ich sie mit bedeutungsschwangerer Miene für mich zu gewinnen suchte. Meine Ausführungen über den Konflikt zwischen Sartre und Camus waren seinerzeit nicht das geeignete Thema, sie zu becircen. Heute war ich hartnäckiger und hatte mehr Erfahrung. Ich bin näher an sie herangerückt. Sie ist zurückgewichen und hat ihr Taschentuch länger vor die Nase gehalten, als es ein einfaches Schnäuzen notwendig gemacht hätte. Mir drängte sich der Verdacht auf, dass ich in der letzten Zeit ein wenig zu nachlässig mit meiner Körperhygiene gewesen war.


 


Ja, am Anfang meiner Reise stand Doris. So konnte es nicht weitergehen. Zuhause habe ich mich geduscht, die Augenbrauen, den Bart und den sonstigen Haarwildwuchs zurechtgestutzt. Wieder einmal habe ich mich gefragt, warum Helena mich verlassen hatte. Hatte mein Therapeut recht? War ich zu besitzergreifend? Hätte ich alles schlucken sollen? Ausgesehen habe ich nicht immer so schlimm. Nicht umsonst war ich vor meiner Trennung regelmäßig im Fitness-Studio und bin schwimmen gegangen. Dass ich jetzt ein wenig angesetzt habe, war den Umständen zu verdanken. 


Das Grübeln brachte mich nicht weiter. Unwillig schüttelte ich den Kopf und verließ das Badezimmer. Ich dachte an Doris und wusste, ich musste weg. Auf meinem Konto hatte sich ohnedies viel zu viel Geld angehäuft. Und das bei der drohenden Inflation! Vom Verkauf unserer Doppelhaushälfte war mir einiges geblieben. Meine Pension wurde durch die spottbilligen Flohmarktbücher, Pizzen und das tiefgefrorene Kantinenessen kaum angekratzt. Für meine Tochter zu sparen, deren Einkommen höher als mein Ruhegehalt war, wäre auch keine gute Idee gewesen. Ich bin von meinem Ikea-Bürostuhl aufgestanden, im Kreis herumgelaufen, auf den winzigen Balkon meiner Zwei-Zimmerwohnung getreten und habe auf die Nachbarfassade gestarrt. Die Fenster des gegenüberliegenden Wohnsilos starrten zurück. Fenster an Fenster, an Fenster. Alle identisch. Wie die Hühner mussten die Leute darin Tag für Tag aus und ein gehen, eingepfercht in das gleiche Leben zwischen Geburt, Kindheit, erster Liebe, Krankheit und Tod. Und ich mitten in diesem Spiel! Vielleicht stand jetzt gerade einer wie ich auf der anderen Seite und hat mich seinerseits beobachtet. Wer weiß? Immerhin wäre ich dann nicht alleine mit meinen trübseligen Gedanken gewesen.


 


Mittlerweile war es Nacht. Was konnte ich um die Zeit noch tun? Ich habe mich auf meinen IKEA-Bürostuhl zurückfallen lassen und Spiegel-Online im Internet gelesen: Irgendwo in Afrika bringen sie sich gegenseitig um, die Finanzkrise wird immer schlimmer, die neue amerikanische Wunderwaffe funktioniert nicht, ein Richter hat seine Frau und seine zwei Kinder abgeschlachtet. Ist es wirklich notwendig, Nachrichten zu lesen, um zu erfahren, dass die Welt zum Fürchten ist? Nein, es musste sich etwas in meinem Leben verändern. Und so ist es geschehen! 


 


Als wir jung waren, hatten Helena und ich einen Bully, einen VW-Bus mit angerostetem Bodenblech, den uns ein befreundeter Handwerker schwarz zusammengeflickt hatte. Wir haben den Bus mit Peace Zeichen und Blümchen bemalt. Damit ließen sich Rostflecken auf elegante Art verstecken. Anschließend sind wir kreuz und quer durch Südfrankreich gefahren und hatten eine gute Zeit. Wir besaßen nichts, nur uns. Das Essen bestand hauptsächlich aus Ravioli, Rotwein und Spaghetti mit angebratenem Knoblauch. Bei Sonnenuntergang haben wir uns geliebt und es war uns schnuppe, dass die Zeltnachbarn uns am nächsten Morgen in einer Mischung aus Neid und Abscheu angesehen haben. Was war ich denn heute? Ein Wrack und ich wollte immer etwas Besonderes sein und werden! Gerade für sie, für Helena. Anders, als all die anderen, wollte ich sein, anders als die Spießer, auf die wir herabgesehen haben. Ich wollte jemand sein, auf den man hört. Von meinen ganzen Illusionen war nichts geblieben. 


 


Ohne lang zu suchen fand ich ein Wohnmobil im Internet. Am nächsten Tag stand ich beim Händler und habe es gekauft. Wohin fahren? Südfrankreich kam nicht in Frage. Da hatte ich mit Helena die glücklichsten Momente meines Lebens verbracht. Mit dem geliebten Bully sind wir jede freie Minute hingefahren. Und wir hatten während des Studiums einiges an freier Zeit. Ständig gab es Streiks, Vietnamdemos und andere Gründe, die Vorlesungen ausfallen zu lassen. 


Jugoslawien oder die Toskana? Nein, auch dort hätte mich zu viel an sie erinnert. Warum nicht nach Spanien? Es gab ein Spanien jenseits von Mallorca und Ballermann. Für meine Arbeit bei Amnesty International und dem Chile Komitee, wo ich Helena getroffen hatte, hatte ich Spanisch gelernt. Das konnte ich so gut wie Französisch, von dem ich nur nie die Rechtschreibung verstand. Warum man für Französisch Lehrer einsetzt, die die Schrift mehr lieben als die Sprache, konnte ich nie verstehen. War es der Hass auf das Nachbarland, der im Kontrast zur offiziellen Politik der Völkerverständigung stand? Wer weiß!


 


Das Wohnmobil roch nach Farbe und nach der Kunststofffolie, mit der die Polster zum Schutz überzogen waren. Noch niemand hatte auf ihnen geschlafen. Eine kleine Tür führte zu einem WC und einer Dusche. Ein Vorteil des Alters ist, dass man sich Luxus leisten kann. Ein Nachteil, dass man glaubt, ihn zu brauchen. Damals, als wir nur ein tragbares Chemoklo dabei hatten, um nachts nicht über Zeltschnüre zu stolpern, oder als wir mit dem Klappspaten in den Wald gingen, um unsere biologischen Restprodukte zu vergraben, war alles einfacher. Jetzt mussten die eigene Toilette und die eigene Dusche sein. Diese Entschädigung für Lesebrille und Falten, habe ich mir gegönnt. 


 


Die Mischung von Orange und Braun der Inneneinrichtung war nicht gerade umwerfend. Aber die Fenster waren groß genug, um nicht ständig die Polster und Vorhänge ansehen zu müssen. Einen Camper mit mir genehmen Farben zu bestellen, dafür fehlte mir nach meinem Zusammentreffen mit Doris die Geduld. Eine Flucht vor sich selbst muss schnell vonstattengehen oder das Monster »Vergangenheit« holt den Flüchtenden ein.


 


Spanien, da waren Helena und ich nie. Das war das Land Francos, das Land der Faschisten. Als wir jung waren, hatten wir Prinzipien. Mit jedem Jahr sind ein paar davon verschwunden und mit der Zeit begann ich sogar wieder, Liebesgedichte zu lesen, die keine gesellschaftliche Realität reflektierten. Selbst der Bundeswehr-Parka und die abgewaschenen Jeans wichen beruflich bürgerlicher Kleidung mit Bügelfalte und weißem Hemd.


Mein Wohnmobil hatte ich auf einem Parkplatz in der Nähe abgestellt. Es stand einige Tage verlassen da. Bei meinem täglichen Gang zur Bibliothek hatte ich gehofft, Doris wiederzusehen. Sie gab mir keine Chance mehr. Ich hatte den Bart gestutzt, die Konturen ausrasiert und ein Deo benutzt. Olfaktorisch wäre nichts mehr zwischen uns gestanden. Sie blieb verschwunden und ich wusste, anrufen hätte keinen Zweck gehabt.


 


Was hatte ich im Leben erreicht? Eine Ehe, die eine Zeit lang ganz gut lief, eine Tochter habe ich großgezogen, eine widerspenstige Atheistin mit großem Herz und nur einem Fehler. Eine Doppelhaushälfte habe ich besessen und verkauft, finanziell war ich abgesichert und hatte über dreißig Jahre, manchmal sogar mit Freude, Deutsch und Geografie unterrichtet. Und jetzt? Jetzt war von dem Teil meines Lebens, der sich gut anfühlte, nichts geblieben.


 


Nach vier Tagen habe ich einen Umweg genommen und bin über den Parkplatz zu meinem Wohnmobil geschlendert. Es war noch da. Es hat auf mich gewartet. Zumindest hatte ich das Gefühl, es hätte auf mich gewartet. Seine großen Scheinwerfer starrten mich traurig an. Eine Weile bin ich um es herumgeschlichen, habe es still betrachtet, doch dann gab ich mir einen Ruck und öffnete die Tür. Die drei Stufen klappten herunter und ich stand in meiner neuen Behausung. Der Raum war riesig. Ich hatte noch die Vorstellung unseres Bullys mit seiner Enge und zweifelte, ob ich je wieder die gleiche Vertrautheit mit einem anderen Wohnmobil haben könnte. Was haben wir geheult, als der TÜV uns von unserem Bully trennte, weil die Bodenbleche durchgerostet waren! Geld für eine aufwendige Reparatur hatten wir nicht. In meinem Camper war alles steril. Die Polster waren straff und es gab noch nicht die unvermeidlichen Kratzer an den Möbeln. Es gab keine Erinnerungen, die an den Wänden klebten oder Orte, die er schon gesehen hatte. Seine Möbel und sein Blech hatten keine Vergangenheit.


Am nächsten Morgen räkelte ich mich aus dem Bett, brühte meinen Kaffee auf und während das Wasser zischend in den Filter sprühte, starrte ich aus dem Fenster. Die benachbarten Wohnhöhlen waren noch da. Was hätte sich auch ändern sollen? Hier änderte sich nie etwas.  Der Hausverwalter, ein alter Mann, etwa so alt wie ich, war informiert. Den Postnachsendeauftrag hatte ich online erteilt und die Handvoll Kleidung und alles, was man zum Leben braucht, war in einer Stunde im Camper verstaut. Jetzt galt es, Abschied zu nehmen.




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