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> Belletristik > Von der Schönheit der Umwege
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Belletristik
Buch Leseprobe Von der Schönheit der Umwege, Monika Jarju
Monika Jarju

Von der Schönheit der Umwege


Prosa & Lyrik

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SCHMETTERLINGSWOLKEN


 


Ich rücke den Hocker näher zur Eingangstür, hinter der seit Tagen das Paket liegt, das ich zur Post bringen will. Regen prasselt auf das rostige Wellblechdach, spritzt gegen die bröcklige Hauswand, trommelt auf die Blätter des Mangobaums im Hof. Wann wird der Regen aufhören? Das Postamt ist mehr als eine halbe Stunde Fußmarsch vom Haus entfernt. Während ich dasitze grünen Tee trinke und dem monotonen Rauschen lausche, erinnert mich das Nieseln und Plätschern an den Klang eines Balafons, das summt, surrt, schnarrt und zirpt, von den Facetten des Regens singt wie ein Geschichtenerzähler. Blitze zucken über dem Atlantik, zerreißen sekundenlang den Himmel, ein mächtiger Donnerschlag folgt. Ich rücke den Hocker dichter an die Wand, rieche den modrigen Geruch, der vom Boden aufsteigt und sehe den Frauen zu, die im Hof hin und hereilen, Eimer und Schüsseln aufstellen, das Wasser auffangen. Die Frauen in der Koch-hütte schütteln lachend die Nässe ab und verrücken die Kochtöpfe. Es regnet bereits durch das Dach, schwarze Rauchschwaden quellen aus dem Eingang, werden niedergedrückt von den Schauern. Der Boden ist ausgetrocknet, brüchig und rau vom Staub, er saugt die Wassermengen nicht auf. Die Kinder ziehen sich nackt aus, tragen nur noch ihre Amulette an den Oberarmen und um den Bauch. Jauchzend hüpfen sie in den Hof, waten durch das warme Regenwasser, bespritzen einander, und seifen sich ein, bis ihre zappligen Körper weiß schäumen. Der Regen ist ihr Fest.


Mein Blick fällt durch das weit geöffnete blaue Tor, davor führt ein holpriger Sandweg vorbei, er ist unbenannt. Die Grundstücke zu beiden Seiten des Lateritweges tragen weder Hausnummern noch Namensschilder. Die Häuser sind länglich und einfach, ebenerdig gebaut. Sie stehen hinter unverputzten Mauern aus Zementsteinen und werden von Palmen und weit ausgreifenden Mangobäumen überragt, die Schatten spenden. Die Frontseiten haben überdachte Veranden. Auf den Rückseiten reihen sich abgetrennte kleine Innenhöfe aneinander, die von außen nicht eingesehen werden können und die Kochhütten. Brunnen gibt es auf fast allen Gehöften, der Wasseranschluss befindet sich bei den meisten im Hof. Die Stromleitungen reichen noch nicht an alle Gebäude heran. Vor der Mauerseite des Grundstücks liegt quer ein Baumstein, er lädt am kühleren Abend zum Sitzen ein wie eine Bank. Manchmal sitze ich dort und beobachte das gesellige Treiben vor Chernos Laden gegenüber. Ich halte mich oft in seinem Laden auf, hier erlebe ich immer eine Geschichte. Die Leute aus der Umgebung kommen zu ihm und halten ein Schwätzchen zwischen den Einkäufen. In seinem verstaubten Kramladen stapeln sich bis zum Wellblechdach Konservenbüchsen, Öl, Tee, Nescafé, Streichhölzer, Kerzen, Insektenspray, Unterwäsche und andere Produkte übereinander, die meisten stammen aus China. Einmal erzählte Cherno mir, wie er während der Aufstände aus Guinea geflohen war. Er gehört zum Stamm der Fula, zu einer Familie von Kaufleuten. Er versuchte sein Glück in diesem Land, und als das Geschäft lief, fuhr er zurück und holte seine Frau nach. Der Ort, an dem ich lebe, liegt nahe am Atlantischen Ozean. Von dort weht häufig eine frische Brise. Manchmal in der Nacht, wenn es ganz still ist, kann ich das Rauschen der Brandung hören, die Flut. Jeden Tag laufe ich zum Strand, der Weg führt an den Bewohnern vorbei, die mich von überallher grüßen. Ich grüße zurück in den Sprachen, die hier gesprochen werden. Dabei blicke ich in die Höfe und sehe, was die Leute tun. Immer ist Zeit für ein kurzes Palaver. In dieser Umgebung lebe ich schon eine ganze Weile. Ich führe ein einfaches Leben, mit der Zeit lernte ich zu improvisieren. Mein Leben ist reich an sinnlichen Eindrücken, voller Spannung und Widersprüche. Es ist ein Leben, so stark, wie ich es nie zuvor erlebt habe. An jedem Tag fühle ich mich lebendig. Wenn mir auch manchmal das Lachen vergeht und ich verletzlicher geworden bin.


 


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