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Belletristik
Buch Leseprobe Vom Mädchen zum Mann, Manuel Magiera
Manuel Magiera

Vom Mädchen zum Mann


Jugend auf Burg Wildenstein

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1.    Kapitel  Der Kindheit entwachsen   
Maximiliane fühlt sich seit frühester Kindheit nicht als Mädchen. Nach klärenden Gesprächen mit Fachärzten und Psychotherapeuten geben die Eltern nach. Maximilian von Wildenstein’s größter Wunsch erfüllt sich. Der Zwölfjährige darf als Junge auftreten. Die Pubertät wird medikamentös ausgesetzt, eine regelmäßige Begleitung durch den Endokrinologen Dr. Reimers findet ebenso statt, wie turnusmäßiger Kontakt zur Psychotherapeutin Frau Michelsen. Max ist überglücklich ein Junge sein zu dürfen und schießt mit seinen Streichen gehörig übers Ziel hinaus. Er freut sich auf seinen siebzehnten Geburtstag: Dann kann er selbst entscheiden, ob er männliche Hormone einnehmen und sein Geschlecht im Anschluss auch operativ angleichen lassen will. 
Die Geschichte spielt in der Übergangszeit zwischen altem und neuem Melderecht.
Max ist inzwischen im siebzehnten Lebensjahr. Er wurde von Dr. Reimers zu einem Wochenendseminar eingeladen um andere transidentische Jugendliche kennenzulernen.

Unser Hotel lag in Hamburgs City an der Alster. Wir konnten von unserem Zimmer aufs Wasser sehen. Ich war begeistert. Wenn man, wie ich, aus einem kleinen bayerischen Dorf kam, ist eine Großstadt wie Hamburg der absolute Wahnsinn. Rene lebte in Norderstedt, einem Vorort, und kannte sich dementsprechend gut aus. Wir waren am Freitagnachmittag angereist. Mein Flieger nach Hause sollte am Sonntagnachmittag starten. 
Und Samstag spielte der HSV gegen Dortmund. Rene war Fußballfan wie ich. Das erste, was wir taten, war, Dr. Reimers zu fragen, ob wir das Spiel sehen durften. Er hatte schließlich die Aufsicht und organisierte unsere Freizeit an diesem Wochenende. Er lachte verständnisvoll. Es war sechs Uhr abends und wir saßen im Essensraum des Hotels. Er bat uns auf seine Ansprache zu warten.

„Einen schönen guten Abend, meine jungen Damen und Herren.“ Freudig schaute der Doc von einem zum anderen. 
„Ich freue mich, dass ihr alle es geschafft habt, heute an unserem ersten Treffen teilzunehmen. Ich sehe diesen Kontakt als sehr wichtig und bedeutsam für euch an, denn ihr lernt auf diese Weise das erste Mal andere Kinder und Jugendliche kennen, denen es genauso geht wie euch. Nutzt die Zeit für private Gespräche. Tauscht eure Handynummern aus und versucht später in Kontakt zu bleiben, wenn ihr erwachsen seid. Nicht alle von euch werden den eingeschlagenen Weg zu Ende gehen. Aber gerade für diejenigen, die es tun, ist es wichtig, sich mit Gleichgesinnten auszutauschen, um von den Erfahrungen der anderen zu profitieren.“ Eines der Mädchen meldete sich. 
„Ja, Caro, was gibt es?“ 

„Warum sind nur zwei Jungen dabei, hatten die anderen keine Lust?“ 
„Nein, das sind im Augenblick die einzigen Herren, die wir in dieser Altersklasse haben. Es kommen sehr viel mehr Mädchen zu mir in die Sprechstunde als Jungen. Ich rätsle selbst über die Gründe. Bei Rene und Max trat die transsexuelle Prägung schon sehr früh im Kleinkindalter auf. Beide wussten, dass sie keine Mädchen, sondern Jungen waren. Ich denke, es liegt an der Gesellschaft und an den Eltern. Wenn sich ein Mädchen wie ein Junge verhält, hat es weniger Probleme mit der Umwelt, als umgekehrt. Es wird toleriert, wenn ein Mädchen keine Kleider tragen will. Für die Eltern läuten zunächst keine Alarmglocken. Sie glauben an ihrer Tochter sei nur ein Junge verloren gegangen und denken, sie wird sicher eine emanzipierte Frau werden, was den Eltern in der Regel recht ist. So bleiben die Jungen zunächst unerkannt und unbehandelt. 

Das war eine sehr gute Frage. Wir sind deshalb zusammen gekommen, damit ihr Fragen stellen könnt. Transsexualität ist kein Kinderspiel. Ihr habt es etwas besser als eure erwachsenen ‚Kollegen‘, weil ihr frühzeitig die Gelegenheit erhaltet, euch zu dem Geschlecht zu bekennen, dass ihr in euch fühlt.“ Ich meldete mich. 

„Meine Mutter hat mal unserem Pfarrer den Marsch geblasen und gesagt, dass unser Gehirn bestimmt, wer oder was wir sind.“ 
„Ja, das ist richtig. Davon gehe ich auch aus. Ohne die Leistung unserer Gehirne ist der menschliche Körper nur ein Klumpen Fleisch. Wenn das Gehirn nicht richtig funktioniert, benötigen wir Hilfe bei den einfachsten Aufgaben. So wie es bei geistig Behinderten der Fall ist. Ein schwer behinderter Mensch kann nur in der Gemeinschaft mit Gesunden überleben und wäre allein nicht in der Lage, sich gegen wilde Tiere zu wehren oder sich Nahrung zu suchen. Das Gehirn ist somit unser Motor. Und es entscheidet, wenn wir zwischen dem dritten und vierten Lebensjahr die Frage beantworten müssen, ob wir Junge oder Mädchen sind.“ 

Wir waren bereits mitten in der Diskussion. Alle sprachen durcheinander. 
„Bitte nehmt die Namensschildchen, die ich euch vorhin gegeben habe, und befestigt sie an euch. So könnt ihr einander schneller kennen lernen. Ich habe mein Zimmer hier im Hotel und bleibe bei euch, damit wir uns gegenseitig Löcher in den Bauch fragen können. Allerdings soll der Spaß nicht zu kurz kommen und Hamburg bietet Einiges. Ich wurde schon auf das Fußballspiel morgen angesprochen. Wer hat außer Rene und Max Interesse am Volksparkstadion? Es besteht die Möglichkeit im Nebengebäude Schlittschuhe auszuleihen, während eine Gruppe Fußball schaut. Es gibt dort nämlich eine Sommereisbahn.“ 
Drei Mädchen wollten spontan zum Fußball, der Rest entschied sich für die Eishalle. Rene und ich schauten uns an. Arschkarte. Beides ging wohl nicht. Der Doc telefonierte mit einer seiner Sprechstundenhilfen. Sie wollte kommen und die Eisgruppe begleiten. Am nächsten Morgen sollte eine Psychologin einen Vortrag bei uns halten und hinterher mit uns diskutieren. 
„Schreibt euch in die Liste ein, die ich jetzt rumgebe. Für Sonntagvormittag habe ich eine Hafenrundfahrt geplant. Zu Planten un Blomen oder Hagenbeck reicht leider die Zeit nicht aus. Aber wenn euch das Seminar gefallen hat, versuchen wir es im nächsten Jahr zu wiederholen und dann steht Hagenbeck auf dem Programm.“ 

Alicia, die jüngste mit dreizehn Jahren, hob ihren Arm. „Dürfen wir nicht morgen Abend zum König der Löwen? Ich freue mich schon so sehr darauf.“ 
„Dafür habe ich dreizehn Karten bestellt, elf Kids und zwei erwachsene Begleitpersonen. Wir fahren gemeinsam mit den öffentlichen Verkehrsmitteln und ich bitte euch auf jeden Fall bei der Gruppe zu bleiben. Bitte auch die beiden siebzehn- bzw. achtzehnjährigen Damen. Ich trage während dieser drei Tage die Verantwortung für euch und möchte alle wieder heil und gesund bei den Eltern abliefern. So wie ich sehe, gibt es Abendbrot. Wir treffen uns um halb acht Uhr im Seminarraum zum weiteren Kennenlernen und Quatschen und versuchen eine gemütliche Sofarunde aufzubauen.“ 

Ich spürte Hunger. Das Essen war reichlich und schmeckte gut. Es gab Würstchen, Kartoffelsalat und Brot mit Aufschnitt. Rene und ich langten ordentlich zu. Die Mädchen an unserem Tisch staunten Bauklötze, was wir in uns hinein futterten. Aber Rene spielte Tennis im Verein und manchmal Eishockey. Er traf sich mit ein paar Kumpels jeden Tag zum Skateboarden. Wir brauchten beide viele Kalorien für unsere sportlichen Aktivitäten. 
„Ich warte schon sehnsüchtig auf meine Hormone“, sagte ich zu ihm und nahm mir das sechste Würstchen. 
„Ich auch. Meine Kumpels haben alle mit dem Stimmbruch angefangen.“ Ich nickte traurig. 
„Ja, mein bester Freund Andy hat mir gezeigt, was für Kunststücke sein bestes Stück kann und ich saß wie Pik Sieben daneben. Es ist schon ein Kreuz. Die Mädels haben, was wir so gerne hätten.“ Melanie und Kerrin hörten uns aufmerksam zu. Kerrin schüttelte genervt den Kopf. 
„Ich hatte schon befürchtet, dieses Gespräch würde nie enden. Wie appetitanregend, mit euch zweien am Tisch zu sitzen. Wir können gerne tauschen.“ Melanie gab ihr Recht.

 „Mein komisches Teil da unten könnt ihr liebend gern bekommen. Es gehört da nicht hin und ist total umsonst. Schade, eigentlich bräuchten die Chirurgen doch nur unsere Teile abnehmen und bei euch anbauen. Das würde die Operation sehr vereinfachen.“ 
Keine schlechte Idee, dachte ich bei mir. 
„Das will ich aber erst sehen. Nicht, dass ich etwas zu Kleines kriege.“ Melanie schüttelte den Kopf. 
„Wenn du dich als Frau fühlen und so wie ich aussehen würdest, wärst du garantiert nicht zufrieden. Wir können froh sein, dass es den Doc und sein Team gibt.“ Oh, das hörte sich nicht gut an. Ich spürte ein schlechtes Gewissen. 

„Entschuldige, ich wollte dir nicht zu nahe treten. Bist ‘n sehr nettes Mädel.“ Sie verzog ihren Mund. Kerrin brachte es geschickt und diplomatisch auf den von beiden beabsichtigten Punkt. 
„Deine Freundin kann sich glücklich schätzen. Ein junger Graf, mit Schloss und Manieren. Das gibt es heute nicht oft.“ Hach, das ging runter wie Öl. Ich überlegte, bevor ich die Katze aus dem Sack ließ, ob ich das letzte Würstchen noch essen sollte und drehte mich zu Rene. Der hatte es bereits selbst in Augenschein genommen. 
„Wollen wir teilen?“, meinte er. Im nächsten Moment stachen unsere beiden Gabeln zu und machten der Wurst erst mal den Garaus. Melanies Blicke ruhten auf mir. Ja, Süße, ich muss dich leider enttäuschen. Du willst wissen, ob ich noch frei bin. Nein, bin ich nicht. Jenny hat gewisse Vorrechte. Erst einmal war sie vor dir da, zweitens ritt sie gut und… ihr Vater trug einen Titel. Zwar nur ein einfacher Freiherr von Regitz, aber immerhin. Ich begann wie meine Eltern standesgemäß zu denken. Es gab so wenige von uns, dass wir versuchen mussten, ein paar Adelsgeschlechter zu erhalten. 

„Ich habe eine Freundin, sie heißt Jenny von Regitz und reitet im Landeskader von Schleswig-Holstein. Wir haben uns in Warendorf beim Sichtungslehrgang kennengelernt. Aber ich denke, sie hat nichts dagegen, wenn ich nett zu euch bin, solange es nicht in zu wilde Knutschereien ausartet und sie sich Sorgen machen muss. Sie weiß von mir und findet nichts dabei. Wenn ich erst Hormone bekomme, werde ich männlicher aussehen und nach der OP besteht die Möglichkeit eine Pumpe in den Penis einzusetzen, so dass ich mit einem Mädchen schlafen kann.“ 
Melanie sah mich mit verklärtem Blick an. 
„Verloben heißt: Festhalten und Weitersuchen.“ 

„Also, unsere OP ist ebenfalls nicht ohne. Der Schniedel wird weggeschnitten und nach innen gestülpt, so dass eine Vagina daraus wird. Wichtig ist die Harnröhrenverkürzung. Da darf nichts schief gehen, sonst trägt Frau Windeln. Aber es gibt inzwischen sehr gute Ärzte und Kliniken, die das machen. Ich weiß nur noch nicht, ob ich mir Silikon in die Brust einsetzen lassen will“, meinte Kerrin und machte ihrem Herzen ungeniert Luft. 

„Was sagt denn der Doc dazu?“, meldete sich Rene.
„Ich hab dank ihm keine Regel mehr gekriegt, sonst wäre ich wohl total durch geknallt. Die erste Blutung war so schrecklich, dass ich dachte, mein letztes Stündlein hat geschlagen und ich war erst knapp Zwölf gewesen.“ 
„Ja“, antwortete ich. „Mir ging es genauso. Und was das Silikon angeht, da wäre ich vorsichtig. Nicht auszudenken, wenn das ausläuft! Das gibt doch bestimmt genug Sachen für euch zum Unterstopfen. Meine Klassenkameradinnen tragen alle so besondere BH‘s, wo es mehr scheint, als tatsächlich da ist.“ 
Rene grinste und meinte: „Stell dir vor, du bist so weit, dass du ihr in die Oberweite greifen darfst und da ist nur Stoff. So’n Shit, das wird die totale Verarsche für dich.“ 
Die Mädchen kicherten. Unser Doc löste den Abendbrottisch auf, wir durften auf unsere Zimmer gehen. Melanie nahm mich besitzergreifend in den Arm. Geiles Gefühl, als Junge so angebaggert zu werden. 
Rene zog die Gardinen vor und knipste seine Nachttischlampe an. Es wurde gemütlich. Ich schaltete meinen Laptop ein.
„Sind da auch Lesben dabei?“, fragte Melanie, als ich den anderen meine Lieblingsseiten zeigte. 
Die Bilder lösten spontane Erregung bei mir aus. Inzwischen wusste ich, dass die Klitoris für meinen Lustgewinn verantwortlich war und es immer bleiben musste. Einen richtigen Penis mit Schwellkörper, so wie ihn Andy besaß, werde ich nie haben können und somit war mir ein Orgasmus als Mann verwehrt. Ich schluckte traurig, als ich daran dachte. Da werde ich endlich irgendwann ein Mann sein und das Wichtigste, den Orgasmus, kann ich nur wie eine Frau erleben. Irre. Und irgendwie ungerecht. Es war fies, gemein, was mit uns geschah. Wir hatten doch niemandem etwas getan. Warum mussten wir so leiden? Missgeburt, da war es wieder. Das Wort, das mir eine leise Stimme in meinen ersten jungen Kinderjahren immer zuflüsterte, wenn ich über mich nachdachte und mich damit oft bis an den Rand des Wahnsinns brachte. 

„Ich glaube, wir werden alle bisexuell“, erklärte ich den anderen und versuchte mich damit aus der Lethargie zu holen. 
„Das ist irgendwie logisch. Allerdings ein Vorteil bei der Partnersuche. Man hat mehr Möglichkeiten, den oder die Richtige zu finden.“ Melanie schmiegte sich wie ein Kätzchen an mich. 
„Wenn deine Jenny keine Lust mehr auf dich hat, ziehe ich gerne zu dir aufs Schloss und werde Gräfin. Ansonsten werde ich nach der OP Lesbe.“ 
Rene platzte heraus: „Vielleicht eine lesbische Gräfin.“ 

Ich sah auf die Zeit. Es war gleich halb acht Uhr und wir sollten in den Seminarraum gehen. Ich wollte mir noch etwas zu trinken besorgen. Wobei, ein paar Bier hatte ich schon im Rucksack. Die gehörten Rene und mir heute am späten Abend. Der Gutenachttrunk für echte Männer! 
Die Mädchen wollten sich frisch machen. Mit Cola, Schokolade und Gummibärchen betraten wir Jungen den Gruppenraum. Dort lernten wir die anderen Mädels kennen. Wir waren beide heißbegehrt. Alle wollten neben uns sitzen und sich an uns kuscheln. Ich legte meinen Arm mal um die eine und mal um eine andere. 

„Was ist bei uns eigentlich normal, Doc. Werden wir hetero oder schwul-lesbisch oder alles davon?“, fragte ich Herrn Reimers. 
„Wieder so eine gute Frage. Max, wenn ich das wüsste, wäre ich vielleicht schon reich. Ich denke, dass ihr bereits viel weiter seid und eure ersten Erfahrungen auf diesem Gebiet gesammelt habt, stimmt’s?“ 
Ich grinste. „Ich habe eine Freundin, mit der ich aber außer Knutschen noch nicht viel anfangen kann. Auch mit meinem Freund war es schön.“ 
„Und jetzt kommt meine Gretchenfrage: Max, als was hast du dich dabei gefühlt und gesehen? Als Mädchen oder als Junge?“ 
Ich sah den Doktor an, trank einen Schluck Cola und antwortete selbstsicher: „Als Junge. Ausschließlich. Ich bin wahrhaftig kein Mädchen.“ 

„Ist es denn normal, wenn ich mich als Mädchen fühle und mit Mädchen schmusen will, obwohl ich biologisch ein Junge bin?“, fragte Meike und schien sehr verunsichert und ängstlich zu sein. 
„Es ist alles normal, Meike. Wichtig ist dein Gefühl. Wenn es dir dabei gut geht, kannst du jeden Partner wählen. Deine sexuelle Ausrichtung und deine transidentische Prägung haben nichts miteinander zu tun. Du musst dir nur sicher sein, dass du wirklich als Mädchen leben willst und kannst. Wenn du nur leichte Zweifel spürst, warte mit der Hormoneinnahme. Dein Gehirn entwickelt sich noch und es kann dir plötzlich signalisieren, dass du doch ein Junge bist. Ihr reift in einem unterschiedlichen Tempo. Niemand kann vorhersehen, was in ein, zwei oder drei Jahren sein wird. Deshalb sind wir Ärzte vorsichtig. Kollegen von mir gehen noch viel weiter und sagen, dass unsere Methode falsch ist, weil laut ihrer Studien ein großer Teil Jugendlicher sich mit seinem Geschlecht aussöhnt und schwul oder lesbisch wird“, erklärte Herr Reimers. 

Katharina war bereits achtzehn Jahre alt und hatte die ersten weiblichen Hormone eingenommen. Sie empörte sich heftig. 
„Hört bloß auf mit diesem Idiotenverein. Die nennen das standards of care und sind Ärzte ohne eigene persönliche transsexuelle Erfahrung. Man muss selbst betroffen sein, um das verstehen zu können. Die Behandlung, die wir hier erhalten, ist die einzig Vernünftige. Bei Herrn Reimers steht der Mensch, der einzelne Mensch im Vordergrund. Nicht das Profilierungsdenken von Ärzten, die vielleicht nur auf eine Professur hoffen und bereit sind, dafür über unsere Leichen zu gehen. Ich konnte nur deshalb anständig meine Schule weitermachen, weil ich wusste, dass mir der Doc mit spätestens Achtzehn helfen würde. Meine Eltern erlaubten mir mit sieben Jahren als Mädchen zur Schule zu gehen. Sie halfen mir, wo sie nur konnten. Ich verdanke ihnen und Doktor Reimers mein Leben. Und das tut ihr in gewisser Hinsicht alle.“ 

Das waren ehrliche Worte. Ich hatte schon viele Lebensgeschichten von Transsexuellen im Internet und in Büchern gelesen. Mein Bücherschrank glich fast der Schlossbibliothek meines Vaters. Die meisten bekamen die Unterstützung erst als Erwachsene und so lange gab es das Transsexuellengesetz auch noch nicht. Die Medizin machte in den letzten Jahren große Fortschritte, die an uns nicht spurlos vorüber gingen. Gerade die OP Frau zu Mann war sehr schwierig, weil ein Penis aufgebaut werden musste. Es gab einige Ärzte in Deutschland, die das in unterschiedlichen Zeiten konnten. Die Angleichung bestand aus mehreren Eingriffen, die jeder für sich recht umfangreich waren. Oder es gab eine einzige große OP, die allerdings sehr viel kostete und nicht immer von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen wurde. 

Für mich konnte ich mir diese Lösung vorstellen. Das Ganze fand in einer Privatklinik statt. Es gab dabei kaum Komplikationen und darauf kam es doch an. Man musste an den Menschen denken und das Beste für jeden Einzelnen tun. Ich hatte Glück, denn meine Eltern konnten die Kosten bezahlen, wobei mein Vater einen großen Teil von unserer privaten Krankenversicherung zurückbekam. Das war inzwischen wohl von jemandem gerichtlich durchgesetzt worden. Die bezahlten auch die Behandlung bei Doktor Reimers vollständig. Ich erzählte den anderen, was ich wusste. 
„Du bist sehr weit für dein Alter, Max. Aber das liegt sicher an deiner besonderen Erziehung als Adelsspross“, meinte Herr Reimers. 

Ich lachte. „Wir liegen in Bayern in Pisa nicht umsonst so weit vorn. Es wird am Gymnasium bei uns viel verlangt und ohne freiwilliges Lernen und Büffeln ist das nicht zu schaffen. Aber ich bin in gewisser Weise sehr streng, beziehungsweise standesbewusst erzogen worden. Mein Vater meint immer: Adel verpflichtet. Das hörte ich mitunter täglich und es prägte sich irgendwann ein. Die Religion ist bei uns ebenso nachhaltig. Bei unserem alten Pfarrer hatte ich es sehr schwer gehabt, aber meine Mutter hat dem ordentlich die Meinung gesagt. Der Neue ist da toleranter. Und ich hab ihm übel mitgespielt, aber das gehört hier nicht her.“ 

Erschrocken schwieg ich. Das Erlebnis mit dreizehn Jahren belastete meine Seele, trotz fleißiger Gartenarbeit, immer noch. Es schlich sich stets in meine Gedanken und meine momentane Erlebenswelt hinein, wenn ich das Gefühl hatte richtig glücklich zu sein. 
Ich spürte plötzlich Müdigkeit und musste gähnen. Einige andere reagierten darauf und wollten ins Bett. Dr. Reimers löste die Gruppe auf. 
„Ich wünsche euch allen eine gute Nacht. Wir treffen uns morgen früh um acht Uhr im Frühstücksraum.“ 
Rene und ich putzten nach dem Duschen die Zähne und schlüpften zusammen mit meinem Laptop unter seine Bettdecke.

2. Kapitel   Interessante Gespräche
Nach dem Frühstück am anderen Morgen trafen wir uns wieder im Seminarraum. Die Psychologin war gekommen und stellte sich vor. Sie hieß Irmtraud Wagner und arbeitete schon lange mit jugendlichen und erwachsenen Transidenten. Wir erfuhren einiges über Gerichtsgutachten und Kostenübernahmeerklärungen der Krankenkassen. 
„Das soll zunächst genügen. Das meiste ist nur für eure Eltern wichtig, doch ihr solltet ebenso über diese rechtlichen Sachen Bescheid wissen. Mit dem Gerichtsbeschluss über die Vornamen- und Personenstandänderung dürft ihr euch an euer Geburtsstandesamt wenden. Die Geburtsurkunde wird auf Antrag auf den neuen Namen umgeschrieben und das Geschlecht wird geändert.  Wann ein neues Melderecht von der Regierung verabschiedet wird, ist noch offen, aber es soll später vieles vereinfacht werden. Wenn ihr etwas wissen wollt, hilft euch auch Herr Reimers gerne und ich bin ebenfalls ortsansässig. Nun, habt ihr Fragen an mich? Vor allem menschliche? Wie kommt ihr mit eurer Umgebung klar? Eltern, Geschwister, Freunde, Schulkameraden? Gibt es irgendwo Mobbing wegen eurer Andersartigkeit?“ 
Ich überlegte einen Moment. 
„Wir haben uns gestern über die sogenannten standards of care unterhalten, in denen Regeln aufgestellt werden, wie man uns ärztlich behandeln soll. Wie denken Sie darüber?“ 

Katharina richtete sich auf. 
„Gute Frage, ich habe nämlich von anderen gehört, die dadurch sehr schlechte Erfahrungen bei Ärzten gemacht haben“, sagte sie. Ich hatte wohl ihr Lieblingsthema getroffen. Wir saßen wieder in unserer Sofarunde zusammen. Dr. Reimers war jetzt nicht anwesend. 

„Ja, in der Tat, ich sehe schon, ihr seid bestens informiert. Das ist wichtig, denn ihr allein bestimmt über euer Leben. Nun, ich stehe diesen standards sehr verhalten gegenüber, um es mal vorsichtig auszudrücken. Die meisten Leute, die sie aufstellten, waren Ärzte und keine Patienten. Man kann sich zwar in andere Menschen hinein fühlen und das gelingt vielen Zeitgenossen sogar sehr gut, aber letzten Endes ist der Mensch selbst ausschlaggebend. Kleine Kinder wissen schon sehr früh, ob sie Junge oder Mädchen sind. Ich gehe davon aus, dass es ihnen eine Stimme im Kopf mitteilt, sobald sie die Welt bewusst wahrnehmen können. Das findet zwischen drittem und viertem Lebensjahr statt. Einem Kind die Fähigkeit abzusprechen, sein eigenes Geschlecht benennen zu können, bedeutet schlicht eine Respektlosigkeit vor dem kleinen Wesen und die Nichtbeachtung seiner Persönlichkeit. Mit all den negativen Folgen, die so etwas für die kindliche Seele und ihre Entwicklung hat. Wir müssen einander zunächst ernst nehmen. 

Warum soll ein Mädchen, das sich als Junge fühlt, keine Hosen tragen und mit Jungenspielzeug spielen dürfen? Und wenn es lieber mit einem Jungennamen gerufen werden will, was spricht dagegen? Kinder verkleiden sich gerne und spielen. Irgendwann beginnt er/sie ein neues Spiel, das da heißt, ich will ab sofort wieder ein Mädchen/Junge sein. So, und das ist der springende Punkt. Wenn dies nicht kommt, muss man das Kind genau beobachten und fragen, was anders läuft. Bleibt ein Kind bis zum Beginn der Pubertät in der gewünschten geschlechtlichen Rolle, ist davon auszugehen, dass möglicherweise eine transidentische Prägung vorliegen könnte. Und es ist Fingerspitzengefühl gefragt. 

Der Körper wird sich dem biologischen Geschlecht gemäß entwickeln und die Unterdrückung der Pubertät ist eine Möglichkeit, diesem Kind alle Optionen offenzuhalten. Ich halte es für besser, die körperliche geschlechtliche Entwicklung auszusetzen, denn der Patient will gerade diese Entwicklung verhindern, als darauf zu vertrauen, dass die meisten sich mit ihrem Geschlecht aussöhnen und homosexuell werden. Die sexuelle Ausrichtung hat mit dem selbst empfundenen Geschlecht nichts zu tun und die weiblichen oder männlichen Körperteile werden von Kindern abgelehnt, die sich dem Gegengeschlecht angehörig fühlen. Warum muss man sie zwingen, diese Organe zur vollen Funktion zu bringen? Die Kinder sind ohnehin schon gestresst genug und leiden unter ihrer Geschlechtsidentitätsstörung. Das ist dem Gedanken von Hilfe und helfen wollen völlig abtrünnig. Wann hast du festgestellt, dass du kein Mädchen bist?“ Sie sah mich fragend an. 

„So mit dem dritten oder vierten Lebensjahr. Ich wusste es einfach. Da waren mein Vater und unser Chauffeur Gerhard, Hartmut Berger, der Förster, und mein Reitlehrer Robert. Frauen gab es auf dem Schloss auch, aber ich war wie mein gleichaltriger Freund Jacob und die erwachsenen Männer. Ich brauchte das nicht zu hinterfragen. Was sollte ein Mädchen eigentlich sein? Ich war jedenfalls keines. Es gab jedes Mal einen riesen Aufstand, wenn meine Mutter mich als Mädchen herausputzen wollte. Meine Eltern ignorierten in dieser Hinsicht meine Wünsche und meinen Willen und ich musste tun, was sie bestimmten. Das war sehr schwer, denn ich wollte sie nicht verlieren oder dass sie böse mit mir sind. Wobei ich irgendwann mein eigenes Ding durchgezogen hab. Und mir war es egal, ob ich ihnen Scherereien mit meinem Geschlechtsproblem machte. Als ich meine erste Regel bekam, wäre ich am liebsten gestorben. Das Gespräch mit meiner Mutter fiel an dem Tag sehr heftig aus und setzte wohl ein Umdenken bei ihr in Gang. Gottseidank ist sie mit einer Psychologin befreundet, die ihr die Telefonnummern von Herrn Reimers und Frau Michelsen gab. Das war die Kehrtwende in meinem Leben.“ 

Die Mädchen begannen sich zu unterhalten. Sie erzählten ihre eigenen Geschichten. Den meisten war es ähnlich ergangen. Frau Wagner lächelte. 
„Das hatte ich mir gedacht. Es wäre wichtig gewesen, dich mit deiner Aussage ernst zu nehmen, um dir auf diese Weise nicht nur geschlechtliche Sicherheit zu geben, sondern auch Selbstwertgefühl. Aber deine Eltern haben noch rechtzeitig die Kurve bekommen und dafür kannst du ihnen dankbar sein. Wie gesagt sehe ich nicht ein, warum man Kinder quälen soll, damit sie eine geschlechtliche Entwicklung durchmachen, die sie auf das Tiefste ablehnen. Jeder Mensch wird sein Leben so einrichten, wie er es gut findet. Und wer sich als junger Erwachsener mit seinem biologischen Geschlecht aussöhnt und in der Ausrichtung schwul oder lesbisch leben will, wird das auch durchsetzen. Meine Aufgabe als Psychologin ist es, auf den Menschen zu achten. Ich respektiere die Wünsche und dadurch entwickelt sich Selbstvertrauen und Selbstsicherheit beim Patienten. Davon können wir gar nicht genug haben. Natürlich dürft ihr nicht alles. Ein paar Regeln, vor allem die Strafgesetze und den Straßenverkehr, müsst ihr beachten. Aber das tut jeder vernünftige Mensch. Ihr könnt das umso besser, je sicherer ihr euch selbst erlebt.“ 

Bis auf Bärbel erzählten alle der Reihe nach von sich und den eigenen Erfahrungen. Bärbel saß still neben uns. Ich tauschte mit Rene den Platz und stupste sie an. Sie war sehr zart  und machte den Eindruck, als würde sie jeden Moment zerbrechen. 
„Hey, was ist mit dir. Du warst gestern Abend schon so traurig, gefällt es dir nicht bei uns?“, fragte ich sie. Melanie horchte auf und Kerrin blickte sofort zu uns. 
„Doch, es, es ist schön bei euch zu sein. Ich habe Schwierigkeiten mit meinen Eltern und den Geschwistern. Zwei meiner drei Brüder sind älter und sie drohen mir immer Prügel an. Ich bin eine Schwuchtel und kein normaler Mensch wegen meiner Sache, sagen sie. Wenn es nach meinen Eltern ginge, wäre ich nicht hier. Sie wollten, dass ich in die Psychiatrie komme, weil bei mir eine Schraube locker sei.“ 
Frau Wagner beendete sofort ihr Gespräch mit Rene. 
„Bärbel, wie alt bist du?“, fragte sie. 
„Ich bin jetzt Fünfzehn.“ 
„Gut, damit bist du alt genug, um dein Leben selbst in die Hand zu nehmen. Ich werde mit Herrn Reimers sprechen, damit er versucht, an deine Eltern heranzukommen. Sie sind der Schlüssel zu deinen Brüdern. Andererseits müssen wir möglicherweise sehen, ob wir dich woanders unterbringen können, damit du frei von Zwang und Gewalt deine Entwicklung abwarten kannst. Du bist nicht geisteskrank und du bist kein Fall für die Psychiatrie. Das muss deinen Eltern erklärt werden. Meistens machen die sich Gedanken und glauben, sie haben bei ihrer Erziehung etwas falsch gemacht. Oder ihre eigenen Gene sind schuld an deiner Ausprägung. Das ist alles Quatsch und ich hoffe, Herr Reimers kann deinen Eltern helfen.“ 
Bärbel kuschelte sich an mich.
„Danke, ich bin nicht so stark und manchmal habe ich schon daran gedacht, dass es besser wäre, tot zu sein.“ 

Nein, um Gottes Willen. Der Schreck traf mich sehr. Melanie, Kerrin und Katharina standen spontan auf und knieten sich vor sie hin. Melanie nahm sie in den Arm, Kerrin umschloss ihre Hände. 

„Liebes, daran darfst du nicht einmal im Traum denken. Du bekommst jetzt alle Hilfe der Welt. Ich verstehe, was der Doc gestern gemeint hat. Wir müssen zusammenhalten und uns gegenseitig helfen. Wir sind für dich da. Und wenn du nicht mehr zu Hause wohnen willst, finden wir eine Lösung. Wir können zusammen eine WG gründen“, sagte Katharina. 
Frau Wagner atmete laut aus und machte sich zufrieden Notizen. 

„Das solltet ihr auch. Ihr braucht den Kontakt zu anderen Transsexuellen. Später rate ich euch, die Erwachsenen in ihrer Gruppe zu besuchen. Natürlich erst, wenn ihr selbst erwachsen seid. Jetzt reichen eure Beziehungen völlig aus und Herr Reimers koordiniert euch. Er konnte euch nur so zusammenbringen, denn er muss das Arztgeheimnis wahren. Wir haben lange überlegt, wie wir es am besten anstellen, damit ihr einander kennenlernt. Manchmal klappt es im Wartezimmer, wenn die Spritzen- und Behandlungstermine gleich liegen, aber es erschien uns besser, ein solches Seminar ins Leben zu rufen.“ 
Ich fühlte eine innere Wärme in mir aufsteigen und kämpfte kurzzeitig vor Rührung mit den Tränen. Diesen Moment der Anteilnahme und des Geborgenseins im Kreise meiner neuen Freunde, aufgefangen durch Ärzte wie Frau Wagner und Herrn Reimers, würde ich niemals vergessen. An diese Gefühle durfte ich mich später erinnern, wenn es Schwierigkeiten geben sollte. Ich dachte daran, anderen Transsexuellen zu helfen, sobald ich erwachsen war. Ich wollte etwas von diesen schönen Augenblicken an jene weitergeben, die es vielleicht noch mehr gebrauchen konnten als ich. 

Es war Mittag geworden. Frau Wagner gab jedem von uns ihre Karte. Wir sollten sie anrufen, wenn es Probleme gab. Sie würde dafür nichts nehmen, solange sie nicht von unseren Eltern einen entsprechenden Auftrag bekam und über die Krankenkasse abrechnen konnte. Sie verabschiedete sich. 
„Wenn also irgendjemand Dummheiten plant, ruft bitte erst an. Blödsinn könnt ihr danach immer noch machen, aber wir sollten vorher drüber reden.“ 

Wir brachten sie mit viel Beifall zur Tür. 
Zeit fürs Mittagessen. Herr Reimers war anwesend und führte während der Mittagspause einige persönliche Gespräche. Rene und ich machten uns Fußballfertig. Wir schwelgten in Vorfreude auf unser Spiel und wollten uns auf jeden Fall einen HSV Schal besorgen. Kerrin neckte uns. Sie stand auf Dortmund. 
Ein gelungener Nachmittag schloss sich an, den am Abend der König der Löwen toppte. Ich hatte ihn somit zum zweiten Mal gesehen. Die Baronin hielt damals nämlich Wort und schickte meiner Mutter drei Eintrittskarten für die Ehrenloge. Aber die Aufführung jetzt inmitten von ‚Leidensgenossen‘ sehen zu dürfen, war einfach toll. Wie selbstverständlich besuchten Rene und ich die Herren- und die Mädchen die Damentoilette. Wir fielen nicht auf. Niemand nahm Notiz von uns. Wir gehörten in unserer selbst erlebten Geschlechterrolle zur normalen Gesellschaft dazu. Nach der Hafenrundfahrt am nächsten Tag saßen wir zum Abschlussgespräch bei Kakao und Kuchen im Seminarraum zusammen. Alle wollten ein weiteres Treffen und baten Herrn Reimers, im nächsten Jahr wieder etwas zu organisieren. Rene und ich versprachen, einander zu besuchen. Ich hatte ein schlechtes Gewissen Andy gegenüber und überlegte, wie ich ihm meine Gefühle für Rene am besten beibringen konnte. Auf dem Rückflug grübelte ich. Mir war nicht gut, aber da musste ich wohl durch.  
Zuhause überraschte mich mein Vater damit, dass er mich zum nächsten Termin in Hamburg begleiten wollte, der Mitte März anstand. Er sollte Geschäftspartner treffen. In etwas mehr als drei Monaten würde er mit mir fliegen und sich ein Männerwochenende mit mir gönnen, wie er augenzwinkernd meinte. Mum sollte nicht allzu viel erfahren. Ich dachte mir meinen Teil. Ich war in bestimmter Hinsicht wesentlich weiter als mein Vater ahnte. 
Trotzdem kam Vorfreude auf.

Die Zeit verging. Andy erschien eines Nachmittags bei mir auf dem Schloss. Er musste dringend mit mir reden. Oh je. Mein Mut rutschte in die Hose. Wir hatten uns seit meiner Rückkehr verhalten wie immer und ich brachte es nicht übers Herz ihm von Rene zu erzählen, dem ich in der Zwischenzeit fleißig Mails schickte. Auch Jenny schrieb. Ich hatte also drei Beziehungen am Laufen. 
Andy trat etwas zusammengesunken zu mir ins Zimmer. Sonst rannte er immer die Stufen hinauf, aber heute war es anders. Er sah nicht gut aus. Wir küssten uns wie sonst. 
„Max, ich muss dir etwas sagen. Bitte, du darfst mir nicht böse sein. Ich liebe dich, aber es ist wie verhext. Max, ich hab da jemand kennengelernt, beim Fußballlehrgang. Und, ich,…oh Shit.“ Er druckste. 
„Ein anderer Junge?“, fragte ich. „Und du hast mit ihm…?“ 
Mein bester Freund nickte blass mit dem Kopf. Mir fiel ein Stein vom Herzen und ich schrie erleichtert auf. 
„Freut dich das etwa? Ist dir unsere Freundschaft so wenig wert?“, empörte er sich. Ich nahm ihn in die Arme. Meinen Mund presste sich auf seinen und unsere Zungen verschmolzen miteinander. 
„Einen Augenblick“, sagte ich und stand auf. Ich zeigte ihm Rene auf dem Handy. „Er heißt Rene und weiß über dich Bescheid. Wir waren die einzigen Jungen auf dem Seminar. Als wir uns zusammen auf meinem Laptop entsprechende Seiten ansahen, passierte es einfach. Männer reagieren auf Bilder. Er wird mich im Sommer besuchen kommen und möchte dich kennen lernen. Er will mich nicht heiraten, das überlässt er gerne dir.“ 

Andy warf sich gespielt wütend auf mich. Wir rauften und rangelten auf meinem Bett. 
„Weißt du, wie viel Blut und Wasser ich geschwitzt habe, weil ich nicht wusste, wie du meinen Ausrutscher mit Thorsten aufnimmst?“ 
„Ich habe nächtelang nicht geschlafen, weil ich Angst vor dir hatte und nicht wollte, dass es wegen Rene aus zwischen uns ist“, konterte ich. 
„Oh, wie sind wir doch bescheuert!“ Andy sah mich mit zusammengekniffenen Augen an. 
„Ja, wir sind schon dämliche Schwuchteln, wobei: Bist du noch mit Jenny zusammen?“ 
Ich bejahte. 
„Aber an uns wird sich nie etwas ändern, Andy. Du bist mein Freund und wenn ich zweimal heiraten könnte, wärst du mein Mann. Aber ich brauche irgendwann eine Frau, damit wir Kinder kriegen können.“ 

„Wir können auch als schwules Paar Kinder bekommen. Wir suchen uns ein lesbisches Mädchenpaar.“ 
„Ach, Andy, woher nimmst du deine überragende Intelligenz. Ich weiß nur nicht, ob meine Eltern dich gerne als Gräfin Wildenstein haben wollen.“ Andy starrte mich an. 

„Andere Version. Ich lass mich zur Frau operieren, mein Sperma wird vorher eingefroren und du lässt deine Eizellen einfrieren. Wir ziehen mit einer geburtswilligen Lesbe zusammen und leben glücklich zufrieden bis an unser Lebensende hier auf dem Schloss.“ 
„Und wenn wir nicht gestorben sind, leben wir noch heute!“ Ich konnte nicht mehr vor Lachen. Andy meinte es tatsächlich ernst. Wir waren beide Siebzehn und die Welt lag uns zu Füßen. Was eines Tages aus uns werden würde, interessierte jetzt nicht. 

„Du, ich fahre nächsten Monat mit meinem Dad nach Hamburg zur Spritze. Er will Geschäftspartner treffen und hat so komische Andeutungen gemacht, von wegen Männerweekend und so. Ich glaub, der will mich aufklären. Hihi. Ich weiß doch dank Hubis Website seit langem bestens Bescheid und mit Jenny probiere ich nach der OP meine Pumpe aus. Sie hat mich durch die Blume wissen lassen, dass sie es will. Ich erzählte ihr von Melanie und von unserem Treffen. Die Mädels mailen inzwischen, aber ich hab manchmal das Gefühl, die machen sich einen Spaß mit mir und wollen mich nur verarschen.“ 

Andy lachte sarkastisch auf. 
„Warum, glaubst du, fange ich mit dem Weibervolk nichts mehr an? Ich will mich doch nicht dauernd zum Affen machen lassen. Die sind alle gleich und wollen von uns nur das eine. Ne, ein Junge ist da viel unkomplizierter. Der macht keinen Beziehungsstress und so.“ 
Ich gab ihm einen Kuss. 

Gottseidank hatte mein Fehltritt unserer Beziehung keinen Abbruch getan. Erschrocken sah ich auf die Uhr. Ich musste in den Stall. Die tägliche Reitstunde stand auf dem Programm. Mein Freund lachte. 
„Die hast du doch gerade mit mir gehabt, mein Guter.“ 
Wir zogen uns an. Ich rannte in Reithosen die Treppe zum Stall hinunter. Andy sah mir noch einige Augenblicke beim Training zu und lächelte, als er ging. Auch er schien erleichtert zu sein. 


3. Kapitel   Hormone
Am Abend erfuhr Rene von mir alles. Er erhielt Andys Mailadresse. Die zwei verabredeten sich tatsächlich im Sommer und schickten sich sogar anzügliche Angebote. Das Leben ist doch schön, dachte ich bei mir.
Die Wochen vergingen schnell. Im März startete unser Flieger nach Hamburg. Vater wusste von Rene und lud ihn zu Samstag ein. Wir wollten zum Fußball und am Sonntag zum Eishockey. 
Am Freitag früh um halb zehn Uhr sollte ich zum Termin in der Praxis sein. Doktor Reimers verhielt sich abwartend. Das kam mir irgendwie komisch vor. So war er sonst nie.  Womöglich war dies die letzte Spritze, die meine weibliche Pubertät heraus zögerte. Würde er Wort halten und mir das erste Testosteron geben? Er sprach zunächst lange mit meinem Vater, welcher sehr ernst aus dem Sprechzimmer kam. Ich ging hinein. 
„Doc, kann ich was fragen?“ 
„Aber immer, Max. Was gibt’s?“ „Ich hab im April Geburtstag.“ 
„Oh, das ist schön für dich. Aber vorher gratulieren, bringt Unglück.“ 
„Doc, wir kennen uns schon so lange und bitte, das ist keine Verarschung. Wann darf ich mit der Hormonbehandlung anfangen?“ 

„Max, wenn ich dich jetzt verarschen wollte, würde ich sagen, du bekommst seit deinem dreizehnten Lebensjahr bereits Hormone, aber das ist es nicht. Es ist auch für mich immer ein besonderer Moment, wenn ihr das Erwachsenenalter erreicht habt. Ein banger Moment. Die erste Testosteronspritze ist nicht schlimm, aber nach der zweiten und dritten treten meistens irreversible Veränderungen an der Stimme auf. Ich denke dann immer an euch und ob wir die richtige Entscheidung getroffen haben. Ich fühle mich bei euch wie ein Vater, dessen Tochter das erste Mal ein Date mit einem Jungen hat und bei dir ist es so, als ob mein eigener Sohn vor mir sitzt. Ich fühle und leide mit jedem von euch mit und ich will das Richtige tun, verstehst du?“ 
Ja, ich verstand ihn nur zu gut. Ich war mir der Bedeutung des Augenblicks bewusst. Das gehörte zu einem Weg, der mich unabänderlich in die Welt der Erwachsenen führte. Wie ich mich auch entschied, ich musste für immer damit leben. Aber ich war mir sicher. All die Gefühle aus frühen Kindertagen und meine Erlebnisse als Jugendlicher konnten mich nicht getäuscht haben, es konnte kein Irrtum sein. Ich war ein Mann und würde in meinem weiblichen Körper, wenn er entwickelt wäre, als Frau nicht leben können. 
Ich sagte es dem Doc, der mich seit fünf Jahren wirklich wie ein Vater durch die Höhen und Tiefen der Jugendzeit begleitet hatte. Ich war mir sicher, ganz sicher. Er drückte auf die Gegensprechanlage und bat die Sprechstundenhilfe, meinen Vater aufzurufen. Der kam erwartungsvoll ins Zimmer und setzte sich auf den Stuhl, der neben mir stand. 

„Max! Wiederhole bitte, was Du mir eben gesagt hast“, forderte mich der Doc auf. 
„Ich würde mich freuen, wenn wir mit der Hormonbehandlung beginnen könnten. Ich bin mir ganz sicher, dass ich ein Junge bin und als Mann leben möchte. Genauso sicher bin ich mir, dass ich nicht als Frau leben kann und will.“ 
 „Gut, ich respektiere deine Entscheidung und bin einverstanden“, hörte ich meinen Vater sagen. Doktor Reimers erhob sich und zeigte mir den Weg zur Liege, auf der ich sonst meine Spritze bekam. Er ging an seinen Medikamentenschrank, zog eine Kanüle auf. Ich sah aus dem Augenwinkel, dass es eine andere Schachtel war. Ich ließ die Hosen ein Stück runter, so dass er die Spritze in den Po setzen konnte. 

„Es wird intramuskulär gespritzt, tief in den Muskel und dazu ist am besten der Hintern geeignet. Die Spritze wird jetzt alle drei Wochen gegeben. Nach der Operation alle sechs bis zehn Wochen, je nachdem, wie sich der Patient damit fühlt. Lebenslang, Max. Es wird dir schlecht gehen, wenn dein Testosteronwert zu niedrig ist und vor allem, du kannst Osteoporose bekommen. Es ist wichtig für dich, endokrinologisch gut eingestellt zu bleiben. Ich hatte deine Werte letztes Mal bereits kontrolliert und wir werden uns schon in zwei Monaten wiedersehen. Die Spritzen schreibe ich dir auf und telefoniere mit deinem Hausarzt. Er wird sie dir in Zukunft geben. Du musst dir selbst den Turnus auf dem Kalender notieren. Das ist ab sofort deine Aufgabe. Aber du bist sehr Pflicht- und Verantwortungsbewusst und es geht um deine eigene Gesundheit. Wenn ausreichende Vermännlichung eingetreten ist und alle Werte nach der Operation im Normbereich liegen, können wir auf ein Gel umsteigen. Das wird angenehmer für dich sein, weil du damit dein Leben flexibler gestalten kannst und nicht vom Spritzentermin abhängig bist. Im Auslandsurlaub ist das Gel sehr hilfreich.“ 
Ich hörte nur halb zu. Den Einstich spürte ich nicht. Es war ein so bedeutungsvoller Moment und ich konnte an nichts mehr richtig denken. Ich hatte doch seit der Kindheit von dieser Spritze geträumt und nun? Was fühlte ich? Im Augenblick nichts. Leere. Vielleicht gehörte dieses Nichts, dieses tiefschwarze Loch, dazu? War es der Anfang, der gleichzeitig das Ende markierte? Ich sagte kein Wort, konnte es nicht, denn es fiel mir nichts ein. 

Vater sprach mit der Sprechstundenhilfe, verabredete den nächsten Termin und ich gab Doktor Reimers die Hand. 
„Danke, ich werde das hier nie vergessen.“ Wir sahen uns an. Ich spürte den kräftigen Druck seiner Finger. 
„Max, wir sehen uns. Ich wünsche dir alles Glück der Erde.“ Es war die richtige Entscheidung, wir wussten es beide. Vater ging mit mir in die nächste Apotheke und gab mir die Tüte mit den fünf Ampullen darin in die Hand. Ich passte gut darauf auf. Das Päckchen war meine Lebensversicherung und ich musste immer einen Vorrat davon bei mir haben. 
Im Hotel simste ich Rene. Er rief auf dem Handy zurück. 
„Ich gratuliere dir. Ich hatte meine vorgestern. Doch es bringt noch nichts. Erst die zweite oder dritte macht den Stimmbruch. Aber wir sollten morgen schon mal vorfeiern.“ 
Er musste zu einer schulischen Veranstaltung und hatte erst Morgen Zeit. Wir verabredeten uns im Hotel. Mein Vater wollte die Führung übernehmen, hatte drei Fußballtickets bestellt und mich in ein Doppelzimmer einquartiert, so dass Rene nicht mehr in der Nacht nach Hause fahren brauchte. Wir waren in einem Hotel abgestiegen, das sich direkt an der Reeperbahn befand. 

Vater schmunzelte, als wir mit dem Taxi vom Doc kamen und an der Großen Freiheit und der Davidswache vorbeifuhren. Ich hatte die Leuchtreklame in mich aufgesogen und Ausschau nach den berühmten Mädchen von Sankt Pauli gehalten. Als Vater an meine Tür klopfte, packte ich gerade meine Sachen aus. 
„Max, es ist Mittag. Bist du fertig? Ich nehme dich jetzt zum Geschäftsessen mit. Mr. Henson und Mr. Blake sind Briten, wir werden uns mit ihnen zum Lunch treffen. Du kannst deine Englischkenntnisse beweisen und hörst bitte zu, wie ich verhandle. Eines Tages wirst du für die Firma selbst unsere Auslandskunden betreuen.“ 

Er lächelte aufmunternd. Einem gelungenen Auftakt meiner Karriere als Geschäftsmann schloss sich ein ebenso schöner Nachmittag in Stellingen auf der Eisbahn an. Wir blieben noch etwas länger, weil es ein Eishockeyspiel für Jugendliche gab. Nach dem Spiel bekam ich mein Abendbrot an der Pommesbude. Vater musste um acht Uhr noch eine weitere geschäftliche Veranstaltung besuchen, zu der er mich aber nicht mitnehmen konnte. Er würde erst spät in der Nacht wiederkommen, sagte er. Mir war es recht. Ich wollte ausgiebig mit Andy telefonieren. Das Hotel verfügte über ein Hallenschwimmbad und einen Fitnessraum. Internet und Kabelfernsehen boten genug Abwechslung, dachte ich. 
Um neun Uhr abends war mein gesamter Colavorrat leer und alle Süßigkeiten hatten ebenfalls ihren Weg in meinen Magen gefunden. Ich zappte durch die Kanäle. Langweiliges Programm. 
Die Fernsteuerung flog aufs zweite Bett. Ich zog mir ein frisches dunkles T-Shirt an und stellte fest, dass mir meine Jeans zu eng geworden war. Irgendwie bekam ich den Reißverschluss nur noch halb zu. Muss eben ein Stück offen bleiben. Ich hatte mir vor einiger Zeit ein künstliches Glied gekauft, welches ich in der Unterhose trug. Die Beule vorne sah geil aus. Ich griff mir meine Jacke, steckte etwas Geld in die Tasche und die mahnenden Worte meines Vaters, abends nicht ohne ihn aus dem Hotel zu gehen, waren Schall und Rauch von gestern. Ich war Hamburg gewohnt und dachte mir nichts dabei, als ich vor dem Hotel stand und ein paar Schritte in die Richtung spazierte, aus der ich laute Musik hören konnte. Grelles Neonlicht empfing mich, hüllte mich ein und betörte meine Sinne. Gerüche von Bier, Zigarettenrauch und Schweiß drangen auf die Straße. Countrymusik, Jazz, Techno und Lieder aus dem Musikantenstadl vermischten sich. Autos hupten, eine Menschenmenge kam auf mich zu, ich wurde mitgerissen, noch ehe ich verstand, was geschah und blickte mich um. Überall ein Meer von Lichtern, noch mehr Menschen und ein Mädchen, grell geschminkt, in Moonboots und mit riesiger Oberweite, nahm mich in den Arm. 
„Hey, Kleiner, wollen wir zu mir gehen, du bist aber süß“, sagte sie. 
Ich ahnte, dass ich mich von ihr losmachen musste, bekam Panik und antwortete nur: „Danke, du auch. Aber ich bin noch keine Achtzehn.“ 
„Na, dann komm wieder, wenn du soweit bist“, lachte sie mir schallend hinterher. Es klang wie eine Ohrfeige. Puh, das war knapp gewesen und ich gerade noch einmal gerettet. Wo war ich hier gelandet? Ich taumelte ein Stück weiter in die Dunkelheit. 
Eine Kirche, ich las die Inschrift. Was? Auf der Reeperbahn gab es eine katholische Kirche? Wie konnte so etwas sein? Hier auf der sündigsten Meile der Welt? Ich glaubte meinen Augen nicht zu trauen. Neugierig und in der Hoffnung, dass mir dort oben nichts passieren würde, stieg ich die Stufen hoch. Die Tür war natürlich verschlossen. Klar, am Abend, das muss sicher so sein, dachte ich. 
Eine Gruppe japanischer Touristen zog unten auf der Straße an mir vorbei. Von hier oben hatte man einen guten Ausblick. Langsam wurde ich ruhiger und sicherer. Rechts verlief die Hauptstraße, ich musste also noch einmal durch die Menschenmenge zurück und zwischen die Bordelle entlang gehen. Dass ich fast geradezu in einen Puff hineingelaufen war, hatte ich inzwischen herausgefunden. Die Aufschrift auf der Tür war nicht zu übersehen. 
Ich dachte an meinen Vater. Es schien doch etwas an den Warnungen dran zu sein, hier abends nicht allein herumzustromern. Wo lag nun das Hotel? Das war die Preisfrage und von der richtigen Antwort hing einiges für mich ab. Ich atmete durch. Langsam setzte ich mich in Bewegung und versuchte mich bewusst durch die Menschenansammlung zu manövrieren. Es klappte. Ich stand wieder an der lichtdurchfluteten, funkelnd lauten Straße und sah nach oben. Das Straßenschild gab mir den Rest. Große Freiheit, las ich und schluckte. 

Da hatte ich wieder einmal meinem Vater eine Erfahrung voraus, wobei der sicher schon mal hier gewesen war. Aber halt nicht mit mir. Ich beschloss, mein Geheimnis für mich zu behalten. Langsam schlenderte ich an den Kneipen und Sexlokalen vorbei. 
In einer dunklen Nische stand ein Junge, ungefähr so alt wie ich und starrte vor sich hin. Ich ging weiter. Das Bild hielt mich auf geheimnisvolle Weise fest. Abrupt machte ich wieder kehrt, ging auf den Jungen zu. Hey, den könnte ich nach dem Weg fragen, dachte ich und gab damit meinem merkwürdigen Verhalten einen vernünftigen Grund. 
4. Kapitel   Hamburger Nächte
„Du, entschuldige, wo liegt das Mercator Hotel?“ 
Er sah müde aus. 
„Hier nicht, bist du Tourist?“ Er grinste. 
„Ich bin mit meinem alten Herrn da, aber der trifft Geschäftsleute und ich hab mich wohl verlaufen. Ich heiß Max.“ 
„Conrad, meine Freunde nennen mich Conny. Bist du aus Bayern, du klingst so anders?“ 
Ich musste lächeln. 
„Das ist mir aber ziemlich unangenehm, eigentlich versuche ich ordentliches Hochdeutsch zu sprechen. Ich war heute Nachmittag im Eisstadion und morgen wollen wir den HSV sehen. Wenn nicht gerade Bayern spielt, steh ich auf Hamburg.“ 
Er lächelte nun auch. 
„War lange nicht mehr dort. Ist sehr teuer und ich muss Geld verdienen.“ 
„Hier?“, fragte ich ihn irritiert. 
„Ja, du nimmst mir gerade die Kundschaft weg. Ich warte auf Typen, die für einen Jungen bezahlen.“ 
Geschockt und verblüfft über seine direkte Antwort starrte ich ihn an. Gehört hatte ich davon. So wie es Frauen gab, die auf den Strich gingen, gab es auch Jungen, die das taten. In München war das keine Seltenheit, aber ich hatte noch nie Kontakt zu solchen Jungen gehabt. 

„Verdienst du viel und wie läuft so etwas ab? Ich hab davon gehört, aber es noch nie gesehen, geschweige denn, selbst erlebt?“, fragte ich. Meine Neugierde siegte. Die Vorsicht flog gerade mit dem nächsten Luftzug um die Ecke. Was konnte mir schon passieren, Conny war nicht viel älter als ich. 
„Ich mach das schon ziemlich lange. Meine Mutter hatte einen Typen nach Hause gebracht, der vermöbelte mich und da bin ich abgehauen. Aber von irgendwas musst du leben. Ein Freund hat mir den Tipp gegeben. Ich bin schwul, weißt du. Sonst kann man das nicht.“ 

Wow. Das war ehrlich. Ein unsichtbares Band hatte sich spontan um uns beide geschlungen. 
„Wahnsinn. Das bin ich auch, obwohl ich zusätzlich eine Freundin hab. Aber ich kann mit ihr noch nichts anfangen. Ich muss erst operiert werden.“ 
Wir sahen einander in die Augen, er verstand nicht. Ich erzählte ihm meine Geschichte und spürte deutlich Überraschung und Anteilnahme. 
„Wollen wir etwas trinken gehen?“, fragte ich und hoffte, er würde mir mehr über sein Leben erzählen. Er nickte, übernahm die Führung und schob mich zielstrebig zu einem der zahlreichen Kioske. Ich bestellte zwei Bier. Unzählige Menschen aller Nationalitäten und Hautfarben spazierten an uns vorbei. Von der Umgebung ging eine unbeschreibliche Atmosphäre aus, die jeden in ihren Bann zog. Das Sprachgemisch konnte nicht verwirrender sein. 
Conny kannte sich aus und wollte mir später den Weg zum Hotel zeigen. So ließ ich Leuchtreklame und Ambiente auf mich wirken, blickte mich interessiert um. Mein anfängliches Unbehagen verschwand. Neben Kiosken und einschlägigen Sexlokalen gab es Geschäfte, in denen man alles kaufen konnte, was mit Liebe zu tun hatte. 
Immer wieder traten grell geschminkte Frauen in engen Leggings auf vorüberziehende Männer zu. Das eine oder andere Mal hakten sie sich nach kurzem Gespräch unter und führten ihre Partner zu den Hauseingängen, wo beide verschwanden. Ich begann die Zeit mit meinem Handy zu stoppen. Nach einer halben Stunde kamen die meisten Herren wieder heraus. Kurz darauf erschienen auch die Frauen erneut. Conny grinste vielsagend, als ich ihn auf meine Beobachtungen aufmerksam machte. 

Er berichtete aus seinem Leben. Eine fremde Welt wurde für mich zum Greifen nah. Mangel an Phantasie kannte ich nicht. Mein neuer Kumpel stand mit beiden Beinen auf der Erde und konnte mit seiner Erzählweise eine Situation herbeiführen, die 
Faszination in mir hervorrief.
Es bildete sich eine ambivalente Spannung. Ich stellte mir ein Drahtseil vor. Ich hatte die Wahl: Von oben auf die verruchte Welt hinabzusehen und in gebührendem Abstand auf dem Seil in meiner eigenen Welt weiter zu wandern oder den Sprung nach unten zu wagen, um mit der neuen Welt zu verschmelzen. Meine Gedanken schweiften ab. Ich machte mir Sorgen um den Rückweg, wenn ich erst unten angekommen war. 

„Hörst du mir eigentlich zu?“ „Hallo, Max! Bist du noch da?“ Erschrocken zuckte ich zusammen.
Conny sah mich vorwurfsvoll an. „Ich versuche dir grad etwas vom Kiez zu erzählen und du scheinst zu träumen“, meinte er. „Entschuldige, ich bin hin und her gerissen. Das ist dem Augenblick geschuldet. Es hört sich so geil an. Irgendwie fällt mir der Vorhof zur Hölle ein. Verführerisch und mahnend. Auf der einen Seiten die Huren, auf der anderen der Pfarrer. Hast du schon mal dran gedacht, etwas anderes zu machen? Du kannst als Mann auf dem Kiez in Bars und Läden arbeiten. Die brauchen kräftige Kerle. Türsteher ist immer noch besser, als das, was du machst. Oh, sorry, ich rede schon wie mein Alter.“ 

Hups! Wann wollte der wieder im Hotel sein? Wenn er kam und mich nicht vorfand, musste ich mir eine plausible Erklärung einfallen lassen. „Das ist schon okay. Ich kenne die meisten Ladenbesitzer und wenn ich den Absprung mache, findet sich schon etwas. Aber ich muss auf Kohle verzichten. So viel wie jetzt, werde ich niemals in einer normalen Arbeitsstelle verdienen. Nicht mal als Hausmeister im Puff.“ Starkes Argument. Geld war nicht unwichtig. 
„Vielleicht gibt es etwas dazwischen.“ Ich überlegte. Das Internet ließ etliche Innovationen zu. Voller Stolz strafte ich meinen Oberkörper. Hatte ich etwa grad ein neues Geschäftsmodell entworfen? 

Überraschend zeigte sich Conny interessiert. Er nahm unsere leeren Flaschen und stand auf. Ich wehrte ab. 
„Stopp, für mich nur noch eine Cola. Sonst enterbt mich mein alter Herr. Wir besitzen eine Brauerei und er sagt immer, ich soll aufpassen, nicht mein bester Kunde zu werden!“ Conny brach in glucksendes Gelächter aus. 
Ein knapp bekleidetes Mädchen kam an unseren Tisch und hielt mir ihre Brüste vor, die in einem roten Top steckten. 
„Gibst du mir ein Bier aus?“, schnurrte sie, griff mit ihren Fingern in mein Haar und schlang mir ihre Arme um den Hals. Vor ein paar Stunden war ich noch in Panik vor dieser Anmache weggelaufen. 
„Conny! Bring ein Bier für die Dame mit!“ Er drehte sich nach mir um. 
„Sina ist keine Dame, sonst würde sie Sekt bestellen. Aber okay, ich denke, wir machen heute eine Ausnahme.“ Einen Moment später standen Bier und Cola bereit. Sina sah mich prüfend an. 
„Wie alt bist du, mein Süßer?“ Ihre Hände streichelten über mein Kinn und fuhren dann zielstrebig über den Brustkorb abwärts. Als sie begann meinen Hosenlatz öffnen zu wollen, schritt meine Hand ein und führte die ihre wieder aus der Gefahrenzone.

„Er ist Transmann, Sina. In ein paar Monaten kannst du ihn in die Liebe einführen. Sina macht das gut. Bei mir schlugen bisher alle Versuche fehl. Mein kleiner Freund reagiert nur auf Männer“, erzählte Conny und half mir damit aus der Verlegenheit. 
„Willst du dich operieren lassen?“, fragte Sina, während sie wieder ihre Hände in Richtung meines Gliedersatzes schob. Ich nickte. 
„Ich habe heute die erste Testosteronspritze bekommen. Im nächsten Jahr geht es gleich nach dem Abi ins Krankenhaus. Dann nehm ich dein Angebot dankend an. Ich habe eine Freundin, die über mich Bescheid weiß und du kannst mir helfen, die Grundlagen der Liebe zu lernen.“ Ich legte den Arm um sie und gab ihr einen Kuss auf die Wange. 

Conny lachte. „Auch Schmusen kostet bei Sina. Du hast noch viel zu lernen. Das Leben auf dem Kiez ist kein Ponyhof!“ Oh je, er hatte recht. Im Laufe des Abends tauschten wir unsere Handynummern. Sina bestand darauf, dass ich ihre ganz oben kennzeichnete. Es war fast zwei Uhr geworden. Mein Gewissen meldete sich. Noch länger sollte ich den Ausflug ins Hamburger Nachtleben nicht hinaus zögern. Mein Vater war in der letzten Zeit wahnsinnig cool gewesen, das wollte ich mir nicht verscherzen. Ich sagte den beiden, dass ich gehen muss. Conni bot sich sofort an, mich zum Hotel zu bringen. 
Er legte seinen Arm um meine Schulter als wir uns in Richtung Hotel aufmachten. 
„Das war der erste Schritt zum Mann. Ich möchte irgendwann testen, ob mein Transmannfreund auch etwas für Männer empfindet“, flüsterte er leise. 
Darauf hatte ich gewartet. Wie in Trance drehte ich meinen Kopf, blickte ihm geradewegs in die Augen. Wir standen auf dem Bürgersteig, nur wenige Meter vom Eingang in die Große Freiheit entfernt. Um uns blinkte und blitzte bunte Neonreklame, ein Martinshorn heulte in der Ferne. Die Menschen gingen im Bogen um uns herum, niemand beschwerte sich über das unerwartete Hindernis. Mein Kopf fiel leicht zur Seite. Ich bot Conny unbewusst meinen Hals an. Es war eine typisch weibliche Unterlegenheitsgeste. Aber ich fühlte mich nicht als Frau, als seine Lippen das Angebot annahmen. Ein wohliger Schauer ließ mich erzittern, rann durch meinen Körper. 
Wie von selbst legten sich meine Arme um Connys Hals, meine Hände streichelten seinen Haaransatz. 
Wir küssten uns, versanken in einem Meer von Glückseligkeit.

Mein Vater war noch nicht ins Hotel zurückgekehrt. Nach dem Duschen kroch ich aufgewühlt ins Bett, vor meinem Auge sah ich die grellen Neonlichter, die sündigste Meile der Welt, Sina und Conny. Irgendwann musste ich eingeschlafen sein. Wie von fern klopfte es an meiner Zimmertür. 

„Max, es ist neun Uhr durch, du Schlafmütze. Ich will mit dir auf die Eisbahn.“ Renes Fäuste pochten energischer. Verschlafen und noch immer von den Eindrücken des gestrigen Abends überwältigt, wühlte ich mich aus den Kissen. Rene schlüpfte herein. Er trug einen Sportanzug und warf seine Schlittschuhtasche auf den Boden. Als er mich ansah, stutzte er. „Was ist passiert? Du siehst so anders aus! Als wenn du von einem anderen Stern kommst!“
Ich setzte mich auf.
„Ich komme nicht von einem anderen Stern, ich habe einen gesehen“, erklärte ich und schraubte damit die Verwirrung meines Kumpels ins Unermessliche.
„Erzähl! Aber wehe du verschweigst etwas.“ 
Ich wollte grad ansetzen, als es erneut klopfte. 

„Max, ich hab gleich noch einen Termin. Wir treffen uns um 12 Uhr hier im Hotel.“ Rene öffnete meinem Vater.
„Hallo, ich bin Rene und wollte jetzt mit Max auf die Eisbahn.“
Mein Vater sah verdutzt aus, fing sich aber sofort. 
„Prima, dann hole ich euch gegen 12 Uhr dort in Stellingen ab. Wir gehen Essen und danach zum Fußball.“ Er nahm sein Portemonnaie und gab jedem von uns fünfzig Euro. 
„Hier, für den Eintritt. Viel Spaß, meine Herren.“ Wir bedankten uns überschwänglich. Vater ging aus der Tür. Während ich mich anzog, erzählte ich Rene vom gestrigen Abend. Seine Augen wurden immer größer, als ich von Sina berichtete. 
„Whow! Ich lebe schon seit meiner Geburt hier und habe noch nie einen Stricher kennengelernt und mit einer Hure hab ich auch noch nie gesprochen. Weißt du, dass ich grad neidisch werde?“ Ich lachte. 

Nach einem ausgiebigen Frühstück im Hotel fuhren wir mit der U-Bahn zur Eishalle. Ein wunderschöner Nachmittag im Stadion ließ mich in höchstem Glück schwelgen. Der Frühjahrsdom hatte einen Tag zuvor seine Pforten geöffnet. Um acht Uhr standen wir mit meinem Vater in einer Getränkebude und prosteten uns zu. Ich bekam mein erstes offizielles Bier von ihm und genoss es. Danach spazierten wir über die Reeperbahn, besuchten einen Sexshop und Vater spendierte uns jeder ein Video, damit wir wussten, wie es praktisch mit den Frauen ablief, meinte er und grinste dabei. 

Rene und ich sahen uns entgeistert an. Mein Gott, Dad, wir waren keine Babys mehr. Aber wir bedankten uns artig und spielten die Unschuldslämmer vom Lande. Vater zeigte auf den Eingang zur berühmten Herbertstraße und erlaubte uns einen kurzen Blick hinein. 
In der Freiheit stellten wir uns für die Travestieshow an. Vater lachte über die Witze der Damen, die eigentlich Herren waren. Rene und ich fanden sie lustig, aber wir bemerkten mehr. Wir und diese Frauen hatten etwas gemeinsam, obwohl sie als Transvestiten auftraten und ihr männliches Körperteil behalten wollten. Wir fühlten wie sie und achteten sie mit Wärme und Menschlichkeit. Für die Zuschauer war das Ganze ein Jux und Geblödel. Nicht für uns. Genauso wenig für die Frauen. Ein Teil ihrer Seele verschmolz mit der Weiblichkeit, die sie darstellten. Die Meisten spielten keine Rolle bei ihrem Auftritt, sondern wurden dabei sie selbst. Dessen waren wir uns bewusst. Wir hätten ihnen gerne erzählt, dass wir genauso waren wie sie. Lediglich eine kleine Nuance unterschied uns. Den letzten Schritt nämlich, den Wechsel ins andere Geschlecht im täglichen Leben vollziehen zu wollen und nicht nur abends auf der Bühne zu leben. 

Vater gab nach der Vorstellung noch ein letztes Getränk aus und spazierte mit uns zurück zum Hotel. Ich dachte an Conny. Seine dunkle Nische lag nur einen Wimpernschlag entfernt in die andere Richtung. Ich hätte ihn gerne noch einmal getroffen. Aber das musste warten. Im Hotel verabschiedeten wir uns von meinem Vater. Wir wollten die DVD’s anschauen, die er uns geschenkt hatte. Rene schüttelte später im Zimmer, als wir die Filme geladen hatten, den Kopf. Auf unseren websites ging es wesentlich spannender zu. 

„Dein Alter ist ein lustiger Typ. Schau dir mal diesen Quatsch an! Und dafür nehmen die auch noch Geld“, meinte er.  
„Wir können Conny beim nächsten Arzttermin anrufen. Er kennt sich auf dem Kiez aus. Ich kann doch sicher bei euch schlafen, oder?“ 
„Ja, klar kannst du das. Mein Zimmer ist zwar kein Schloss und wir leben in einer Mietwohnung, aber meine Mutter wird dir gefallen und der Doc bleibt uns bis nach der OP auf jeden Fall erhalten. Der will wissen, wie wir uns weiter entwickeln und was aus uns wird.“ 
„Ich bin am 5. Juni wieder hier und werde fragen, ob ich bei dir übernachten darf, wenn deine Mutter nichts dagegen hat.“ 
Es gab in Hamburg viele Schwulenclubs und ich dachte daran, einen mit Rene und Conni zu besuchen. Am nächsten Morgen fuhren wir mit meinem Vater noch einmal in die Eishalle nach Stellingen. Das Eishockeyspiel war nicht so hochklassig, aber schön. Danach aßen wir mit Rene zu Mittag. Mein Vater mochte ihn auf Anhieb und drückte ihn zum Abschied. 
„Rene, ich freu mich auf die Sommerferien, du kannst die kompletten sechs Wochen bei uns bleiben. Max muss anfangs zwar noch zur Schule, aber dir kann es nicht schaden, wenn du mal ein bayerisches Gymnasium kennen lernst. Das bespreche ich alles mit dem Direktor vorher. Ich bin gespannt, wie es dir bei uns gefällt.“ 
„Danke, ich freu mich auch. Max, altes Haus, grüß Andy unbekannterweise.“

Die Schule hatte mich am nächsten Tag wieder. Wie schnell verging die Zeit. Ende März bekam ich die zweite Spritze. Gespannt wartete ich auf den Beginn des Stimmbruchs. Mist! Nichts geschah. Am 21. April folgte die dritte. Keine Reaktion. Ich bekam Angst, dass die Spritzen vielleicht bei mir nicht wirkten. So etwas hatte ich nämlich gelesen. Beunruhigt schlief ich dem nächsten Termin beim Doc entgegen. Ablenkung erlebte ich kurzzeitig an meinem Geburtstag. 

Am 28. April wurde ich siebzehn Jahre alt. Es gab einen alten Schlager, der hieß: Mit Siebzehn hat man noch Träume. Meine Mutter sang das Lied Beatrix vor und die lernte es auswendig. Am frühen Morgen hörte ich Klaviertöne aus dem Musikzimmer und Beatrix stand vor meiner Tür und trällerte das Lied dazu. Sie war inzwischen zwölf Jahre alt geworden, bekam professionellen Gesangsunterricht und hörte sich super an. Ich rannte raus, umarmte überglücklich meine kleine Cousine. 
„Happy Birthday, du Lümmel, bald hast du auch einen Pimmel. Ob er groß wird oder klein, das wird eine Überraschung für dich sein. Ich wünsch dir vorab schon mal Glück mit deinem guten Stück!“ 
Beatrix flüsterte mir leise ihr Geburtstagsgedicht ins Ohr. Ich fing spontan an zu lachen. Das war die Rache für die Vogelscheuche von damals. 
„Danke, du bist die beste Cousine der Welt“, sagte ich und gab ihr einen dicken Kuss. 
Nach und nach kamen meine Eltern und alle anderen aus dem Schloss, um mir zu gratulieren. Abends schenkten sie mir eine große Party. Ich hätte gerne schon Rene dabei gehabt, aber er bekam kein Schulfrei. Wir telefonierten lange in der Mittagszeit. Ich versprach ihm eine zweite Party im Sommer, vielleicht Grillen am Bootshaus, damit er meine ganzen Freunde auf einmal kennen lernen konnte. 

Nach dem Fest lief das Leben weiter. Ich spürte zwei Tage später etwas Kribbeln im Hals und dachte, ich hätte mich erkältet. Hatte ich wohl auch. Am nächsten Morgen bekam ich keinen Ton mehr heraus. Ich sagte nichts beim Frühstück. Als mein Vater mich ansprach, quiekte meine Stimme nur noch. In der Schule brauchte ich nicht mehr zu reden. Das ging bis zum 4. Mai so. Das Kribbeln im Hals ließ wieder nach. Wie üblich begrüßte ich meine Eltern zum Frühstück. Meine Mutter starrte mich überrascht an. Ich wähnte mich in einer Stimmlage wie nach einer durchzechten Nacht. 
„Herzlichen Glückwunsch, mein Sohn. Ich habe endlich Verstärkung im Haus als Hausherr bekommen“, meinte mein Vater und schmunzelte zufrieden. 

Der Stimmbruch hatte eingesetzt. Es würde noch lange dauern, bis sich eine stabile Stimmlage einstellte. Die Stimme veränderte sich bei biologischen Männern beständig im Laufe ihres Alters. Die Stimmbänder dehnten sich unter dem Einfluss des Testosterons, aber weil sich nicht alle auf einmal an die ‚Regeln‘ hielten, kam es zum plötzlichen Kieksen und Überschlagen. Ich hatte mir vieles aus dem Internet dazu durchgelesen. Hier galt wie überhaupt bei der Transsexuellen Prägung, dass sich jeder individuell mit seinen Wünschen hinsichtlich der Körperlichkeit auseinandersetzen musste. Ich dachte stets nur daran, untenrum ein Mann zu werden. Ich wollte im Stehen pinkeln. Das war das Wichtigste für mich. Ebenso für Rene, der ganz auf meiner Wellenlänge lag. 
Auf dem Schulweg telefonierte ich mit ihm. Auch er hörte sich schon tiefer an. Glaubte ich zumindest. Wir freuten uns und flachsten. Im Juni werden wir uns in Hamburg sehen. Ich durfte tatsächlich bei ihm übernachten. Unsere Mütter hatten sich per Telefon kurzgeschlossen. Die beiden meinten, wir wären alt genug, um auf uns selbst aufpassen zu können. 
Die Maschine landete pünktlich am Freitagmorgen in Fuhlsbüttel. Ich fuhr direkt mit der S-Bahn in die Praxis zu Doktor Reimers. Im Wartezimmer traf ich auf Melanie. War das eine Begrüßung! Wir drückten und küssten uns minutenlang. Sie hatte ihre Hormone schon bekommen und als ich sie in den Armen hielt, konnte ich kleine Brüste im Dekolleté betrachten. Sie merkte, wie gebannt ich darauf starrte. 

„Hey, du kleines Ferkel, das ist mein Busen. Schaff dir selbst einen an, wenn du so scharf darauf bist“, meinte sie.
„Die kleinen Möpse stehen dir viel besser. Du siehst gut aus, junge Frau!“ 
„Danke, das Kompliment gebe ich gerne zurück.“ 
„Na, ihr zwei, so geht das aber nicht. Etwas mehr Selbstbeherrschung, Max!“ Der Doktor stand unerwartet im Zimmer. Ich ließ Melanie los und ging gleich auf ihn zu. 

„Hi, Doc. Ich stehe nicht mehr als Kind vor Ihnen. Ich bin jetzt ein Mann“, rief ich aus. Melanie tat, als ob sie husten musste. 
Doktor Reimers lachte. „Der Stimmbruch hat begonnen, aber das ist nur der Anfang, Max. Wie geht es dir mit deiner Spritze?“ 
Wir betraten das Sprechzimmer. 
„Gut. Aber ich bin gewaltig drauf, sexuell, meine ich. Die Spritze macht ordentlich Druck. Meine Klitoris sieht aus wie ein kleiner Penis, so dick ist sie. Und ich hab ein paar Pickel auf dem Rücken bekommen. Dr. Steiner hat mir Salbe aufgeschrieben.“ 
Wir unterhielten uns über die Nebenwirkungen des Testosterons. Ich erzählte aus meinem Leben. Die Ausrichtung war bisexuell. Da war ich mir inzwischen sicher. Ich hatte gleich auf Melanie reagiert und mir vorgestellt, mit Jenny zu schlafen. Einzelheiten über die Art und Weise der Beziehungen zu meinen männlichen Freunden wollte der Doc nicht wissen. Er hielt sich diskret im Hintergrund und wartete ab, was ich ihm freiwillig erzählte. Ich sollte erst Ende Oktober wieder kommen. Wir wollten sehen, wie die Hormone anschlugen. 

Im nächsten Jahr stand mir das Abitur bevor. Meine Eltern wünschten, dass ich die Schule fertig machte und erst vor Beginn des Studiums operiert werden sollte. Die Schule forderte ihren Tribut und die OP hätte mich in diesem Jahr noch zu lange geschwächt. So konnte ich die Sommerferien nach dem Abi im nächsten Jahr zur Erholung nutzen. Ich wollte mich in Berlin operieren lassen. Es war der Eingriff, der nur aus zwei Teilen bestand. Erst werden die inneren Organe entnommen, zur selben Zeit ein Hautlappen des Unterarms präpariert, welcher eingerollt als Penisersatz an die Harnröhre angeschlossen wird. Auch Nerven werden dabei transplantiert, so dass mit dem neugeschaffenen Glied Empfindungen möglich sind. Da die aber keinen Orgasmus hervorrufen können, muss die Klitoris an ihrem Platz bleiben und wird vom Penis und von den Hoden überdeckt. Ein halbes Jahr später, nach der Erholungspause, werden die Hoden geformt und die Erektionspumpe eingesetzt. 

Ich hatte mir im Internet bereits alles Wissenswerte dazu durchgelesen und meine Eltern wollten noch gegen Ende der großen Ferien mit mir nach Berlin fahren, damit ich mich dem Chirurgen dort vorstellen konnte. Ich erzählte Dr. Reimers davon. Er fand die Idee gut. Aber ich sollte mir, zumindest per Internet, weitere Methoden anschauen. Hatte ich bereits und die Berliner Art in einer einzigen Sitzung gefiel mir am besten. 
Um halb zwölf Uhr verabschiedeten wir uns. Melanie umarmte mich noch einmal, als ich ging. Wir verabredeten uns mit ihr und Kerrin am Sonntag zum Brunch. Jedenfalls machte ich das auch in Renes Namen so mit ihr ab. Sein Einverständnis setzte ich einfach voraus. 
Als ich aus der Praxis kam, fiel mir mein Freund schon in die Arme. Wir sahen einander an. Da standen zwei pubertierende Jugendliche auf der Straße, die nach Veränderungen beim anderen suchten, dabei völlig übertrieben, Bartflaum, Kanten und Ecken fanden, wo eigentlich noch gar nichts zu sehen war. Nur die Veränderungen an der Stimme schienen offensichtlich. 

„Lass uns erst mal in den Sexshop gehen“, meinte Rene. 
Ich war sofort einverstanden. Wir stiegen in die U-Bahn und fuhren zur Reeperbahn. Einige Augenblicke später standen wir in der Umkleidekabine und probierten geile enge Hosen und T-Shirts an. Jeder ließ sich seine alten Klamotten in eine Tüte packen. Stolz spazierten wir in unseren neuen Sachen nach draußen. Ich blickte mich um, um mich zu orientieren. Am Tage sah hier alles anders aus. Ich hatte nach kurzer Zeit gefunden, wonach ich suchte. Wir liefen zu Connys Tür. Ich hatte oft mit ihm telefoniert und war für heute Nachmittag mit ihm verabredet. Er freute sich darauf, Rene kennen zu lernen.


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