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> Belletristik > Verzeihen heißt nicht vergessen
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Belletristik
Buch Leseprobe Verzeihen heißt nicht vergessen, Gabriela Nicolosi
Gabriela Nicolosi

Verzeihen heißt nicht vergessen



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Vor Kurzem fragte mich eine Freundin, ob ich dieses Buch schreibe, weil ich mich an meinem Mann rächen will. Nein. Ich schreibe dieses Buch nicht, weil ich mich rächen will. Und auch nicht weil ich mir etwas von der Seele schreiben muss, denn das was ich erlebt, womit ich gelebt habe, habe ich aus freien Stücken getan. Ich habe mir oft gewünscht ich könnte was ändern oder ein anderes Leben führen und trotzdem habe ich durchgehalten. Ich würde fast sagen, dass ich heute das ernten kann, was ich gesät habe. Fast. Aber wir sind auf einem guten Weg. Ich entstamme einer Familie, die sich in unserer Stadt durch den Tennissport einen Namen gemacht hatte. Tennis hat in unserer Familie immer eine wichtige Rolle gespielt. Schon mein Großvater besaß in den 30er Jahren eine Tennisanlage und mein Onkel war 18-mal Deutscher Meister, hatte Erfolge im Davis Cup und Wimbledon zu verzeichnen.


Da mein Vater Tennislehrer war, verbrachte ich viele Tage meiner Kindheit und Jugend auf dem Tennisplatz. Auch mein Bruder wurde später Tennislehrer. Auf der Tennisanlage meines Großvaters ging in den 60 Jahren die Prominenz ein und aus. Damals war der Tennissport noch etwas ganz Besonderes. Selbst wenn mein Onkel ein Turnier in Baden-Baden hatte, waren wir dabei. Die Familie B. war eine sehr große Familie und ich fühlte mich immer sehr wohl mit den vielen Onkeln und Tanten, Cousins und Cousinen.


 


Zusätzlich wuchs das Zusammengehörigkeitsgefühl, als meine Eltern sich scheiden ließen. Ich war noch in der Grundschule und durch die Scheidung sah ich meine Onkel und Tanten weniger, weil wir Weihnachten oder andere Festlichkeiten nicht mehr zusammen verbrachten. Ein Haus in unserer Straße, gleich neben dem unseren füllte sich zu dem Zeitpunkt mit italienischen Gastarbeiterfamilien. Die Lehrerin hatte uns Tage zuvor erklärt, dass wir neue Mitschüler bekommen würden, die von weit her kämen, wo es immer warm sei. Diese Familien würden bei uns arbeiten wollen und wir sollten nett zu den Kindern sein. Schließlich seien sie in der Fremde, es wäre kalt und sie hätten keine Freunde hier. Gleich am nächsten Tag kam ein Junge in unsere Klasse. Ich erkannte ihn, er wohnte gleich neben uns. Frau Neikes setzte ihn in die Bank hinter uns und gleich nach der ersten Pause versorgte ich ihn mit Stiften. Das war zu dem Zeitpunkt, als ich meine soziale Ader entdeckte. Wir wurden dicke Freunde und bald gehörte ich in dem "Ausländerhaus" dazu. Meine Mutter hatte nichts dagegen und so manches Mal spielten meine neuen Freunde auch bei uns. Aber nicht alle Deutschen waren so. Viele "deutsche Kinder" durften nicht mehr mit mir spielen bis auf meine beste Freundin Heidi. Die Leute schimpften auf die "Gastarbeiter" die so schmutzig waren, die Kinder so laut und das Haus so verkommen. Für mich waren es die schönsten Tage meiner Kindheit. Im Sommer stellte Enzos Vater den Fernseher ganz nah an das Fenster in Parterre und wir schauten von der Straße aus Schweinchen Dick. Oft war ich auch zum Spaghetti-Essen bei meinen Freunden eingeladen.


Ein großer Tisch, um den eine große Familie versammelt war, das wollte ich auch mal haben. Einen Sizilianer wollte ich heiraten. In der Straße wo ich wohnen würde sollte die Wäsche zwischen den Balkonen über den schmalen Gässchen hängen, so wie ich es im Fernsehen in einem italienischen Film mit Sophia Loren sah. So wurden die Weichen gestellt. Ich wurde mit der italienischen Mentalität und der Sprache schon als Kind vertraut gemacht. Meine Eltern tolerierten meine Freunde, obwohl sie eine ganz andere Gesellschaft gewöhnt waren. Vielleicht wussten sie auch von meiner sozialen Ader. Einmal habe ich einen Karton Tennisbälle über den Zaun der Tennis-anlage meines Opas geschmissen. Auf der anderen Seite war ein Übergangshaus und die spielenden Kinder sahen sehr ärmlich aus. Natürlich erwischte mich mein Opa und schimpfte mit mir. Am nächsten Tag hatte der Zaun einen Sichtschutz. Leider führte mich die Suche nach der idealen großen Familie immer auf eine falsche Fährte. Mit 16 verliebte ich mich in einen Jungen, der mir deswegen ideal vorkam, weil seine Eltern 10 Kindern hatten. Was daraus wurde, habe ich in diesem Buch kurz erwähnt. Mit 19 verliebte ich mich dann in einen Sizilianer.


 


Seine Mutter hat zwar nur 4 Kinder vorzuweisen aber immerhin. Leider waren wir viel zu jung. Dennoch hatte ich wiederum fast 2 Jahre Zeit mich in die sizilianische Mentalität einzugewöhnen. Ich lernte Brot backen und ein paar Gerichte kochen. Ich lernte weitere Brocken italienisch. Wir haben sogar geheiratet, um uns nach sehr kurzer Zeit wieder scheiden zu lassen. Wie gesagt, wir waren einfach zu jung, denn in der Zeit habe ich Angelo kennengelernt. Seine Mutter hatte nur 2 Kinder und das war echt ein Grund für mich die Sache nochmal zu überdenken. Mit "großer" Familie war da nichts. Leider gab mir dazu mein Sohn Giovanni keine Möglichkeit denn zu dem Zeitpunkt meldete er sich an. Da beschloss ich, Nägel mit Köpfen zu machen. Schluss mit dem Hin und Her, jetzt musste ich da durch. Schluss mit Disco, Jungs und dem Dolce Vita. Eine Freundin, die ich aus dieser Zeit kenne, sagte mir letztens: "Du hast teuer für Deine Entscheidung bezahlt". Angelo kommt aus einem Elternhaus in dem Geld keine Rolle spielte. Seine Eltern waren zwar keine Millionäre aber für sizilianische Verhältnisse in den 60er und 70er Jahren ging es ihnen sehr gut. Mein Schwiegervater war einer der Ersten, der mit Plantagen Geld verdiente und das zahlte sich aus. Meine Schwiegereltern waren auch die Ersten, die einen Fernseher besaßen, eine Badewanne und ein Ferienhaus. Angelo musste viel mitarbeiten im elterlichen Betrieb, aber auch er kannte keine Geldsorgen. Für ihn war es selbstverständlich, immer Geld in der Tasche zu haben. Nach Deutschland kam er, weil er mal Urlaub machen wollte. Erst war er in Norditalien, dann in Frankreich und später kam er nach Deutschland, um seinen Onkel zu besuchen. Deshalb konnte er auch kein Deutsch, als ich ihn in der Diskothek das erste Mal sah.


 


Da kamen mir meine wenigen Kenntnisse seit meiner Kindheit erst recht zugute. Deshalb wurden wir auch gleich Freunde. Freunde. Aus den 3 geplanten Wochen Deutschland wurde dann mehr. Und aus Freundschaft wurde dann auch mehr. Bis zu meiner Schwangerschaft mit Giovanni hatten wir beide noch ein ziemlich lockeres Leben. In den neun Monaten hatten wir Zeit uns an die Veränderung, die dieses Kind mit sich brachte, zu gewöhnen. Es war für mich bei Gott nicht einfach nicht mehr in die Disco zu können und noch schwerer war es zu erfahren, wie eifersüchtig Angelo war. Seit Angelo zu mir in die Wohnung gezogen war, durfte ich das Haus nur noch in seiner Begleitung oder die meiner Mutter verlassen. Das nervte uns beide. Und vor allem, er sagte, welchen Weg ich gehen sollte, um zum Gynäkologen zu kommen oder sonst wohin. Schlimm fand ich auch, dass ich mich im Sommer, wenn es draußen heiß war, statt auf die Wiese oder ins Freibad zu gehen zum Bräunen lediglich bei geöffnetem Fenster aufs Bett legen durfte. Aber es gab auch schöne Momente. Zum Beispiel als wir unsere kleine Wohnung renovierten und sie gemütlich einrichteten. Ich fing an, mich an das Hausfrauendasein zu gewöhnen. Als Giovanni 6 Wochen alt war, tauchte mein Schwiegervater bei uns auf. Er stand plötzlich vor der Tür. Ich konnte nur erahnen, dass er es war. Da Angelo nicht da war, ging er wieder. Es dauerte nicht lange da tauchten beide zusammen auf. Ich hängte gerade die Wäsche im Bad auf als Angelo mich rief. Mein Schwiegervater begrüßte mich ganz herzlich und erzählte, dass er aus Sizilien gekommen sei, weil ihm zu Ohren gekommen war, dass ich ein Kind bekommen hätte. In dem Moment, wie auf Kommando, begann Giovanni zu schreien. Gerührt sah mein Schwiegervater seinen erstgeborenen Enkel an. Der Erstgeborene genießt in Sizilien großes Ansehen. Und als er nach dem Namen fragte und erfuhr, dass er, genau wie sein Opa, Giovanni hieß, war das Eis gebrochen. 6 Wochen später sollten wir nach Sizilien aufbrechen. Ich fühlte mich am Ziel meiner Träume.


Ein Sizilianer mit Familie. Dieses Glück musste ich mir sehr schwer erarbeiten. Ich brauchte dafür sehr viel Optimismus, Positivität, Humor, ein ganz dickes Fell und ganz viel Liebe. Zu bieten hatte ich aber erstaunlicherweise wenig Selbstvertrauen, obwohl ich vom Naturell her eigentlich der Optimist schlechthin bin, dazu sehr viel Ehrgeiz und Humor, und davon hatte ich mehr als genug. Meine Offenheit und Sympathie hat mich immer weiter gebracht. Erst recht im verschlossenen Sizilien.


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