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Belletristik
Buch Leseprobe Verzaubert!Ein Kunstwerk aus Zahlen, Isabella Defano
Isabella Defano

Verzaubert!Ein Kunstwerk aus Zahlen


Der de Luca Clan (Band 4)

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Prolog

 


Zufrieden ließ Joel seinen Blick über die Menschenmenge gleiten. Wie bei den letzten drei Kunstausstellungen in diesem Jahr war auch diese sehr gut besucht. Überall standen Pärchen und Gruppen herum, die neugierig die einzelnen Bilder betrachteten. Und soweit Joel wusste, waren sogar einige der Arbeiten bereits verkauft.


Joel liebte diese Veranstaltungen sehr. Der Geruch, die Stimmung, für ihn gab es keinen besseren Ort. Seit der ersten Ausstellung des Künstlers J. D. Lay vor gut fünf Jahren war er jedes Mal mit dabei. Als offizieller Agent des Künstlers arbeitete er eng mit den Galeriebesitzern zusammen. Und diese waren nur zu gerne bereit, die Werke dieses Künstlers auszustellen.


Das war nicht immer so gewesen. Joel erinnerte sich noch gut an die Zeit, in der es eine Absage nach der anderen gegeben hatte. Niemand wollte die Bilder des noch unbekannten Künstlers ausstellen und es hatte viel Zeit und Arbeit gekostet bis zur ersten offiziellen Ausstellung in einer Galerie. Heute war dieser steinige Weg Vergangenheit, denn niemand wollte einen erfolgreichen Künstler wie J. D. Lay abweisen.


Leider hat dieser Erfolg auch Nachteile, ging es Joel durch den Kopf, während er seinen Blick über die Menge schweifen ließ. Nicht selten wurden er und seine Männer von verrückten Fans belästigt, die unbedingt die Identität des Künstlers wissen wollten. Da dieser es vorzog, im Hintergrund zu bleiben, gab es keine Fotos oder Interviews von ihm. Der einzige Weg, über den er mit seinen Fans kommunizierte, war über seine Arbeiten. Zum Glück, dachte Joel und musste wieder an eine Gruppe von fünf Frauen denken, deren Verhalten schon fast an Stalking grenzte. Wenn die wüssten, wer sich hinter dem Pseudonym versteckte, würde sich J. D. Lay vor ihren Belästigungen nicht mehr retten können.


 


„Sie sind wieder da.“


Als Joel die Stimme seines besten Freundes und Partners Jordan Rathmann hörte, drehte er sich zu ihm um. Dieser zeigte gerade auf eine Gruppe junger Frauen, die sich leise miteinander unterhielten und sich suchend in dem Gang umschauten. Genervt stöhnte Joel auf, denn er kannte sie nur zu gut. Wieso können uns diese verrückten Weiber nicht endlich in Ruhe lassen, ging es ihm durch den Kopf. Und ohne ein Wort zu sagen, ging Joel in die andere Richtung davon, während sein Freund ihm schweigend folgte.


Am anderen Ende der Galerie angekommen, zogen sich Joel und Jordan in eine Nische zurück. Hier waren sie vor neugierigen Blicken geschützt und konnten sich in Ruhe unterhalten.


„Ich kann nicht glauben, dass Britta und ihre Mädels extra aus Deutschland nach Wien gekommen sind“, sagte Joel genervt und schüttelte mit dem Kopf. „Also langsam ist das nicht mehr lustig. Schon seit der Ausstellung in München, vor gut einem Jahr, reisen sie uns praktisch hinterher.“


Jordan zuckte mit den Schultern und sah seinen Freund belustigt an.


„Vielleicht lieben sie J. D.s Bilder so sehr, dass sie keine Ausstellung verpassen wollen.“


Verwirrt sah Joel seinen Freund an, der kurz darauf zu lachen begann.


„Das war ein Witz. Auch mir ist aufgefallen, dass es diese Frauen langsam übertreiben.“


„Übertreiben“, sagte Joel wütend. „Nach allem, was sie sich letztes Mal geleistet haben, müsste ich sie eigentlich rausschmeißen lassen.“


„Joel …“, begann Jordan zu sprechen, doch dieser winkte ab.


„Dafür gibt es keine Entschuldigung“, sagte Joel zornig. „Sie haben einen potenziellen Kunden so lange belästigt, bis dieser völlig genervt gegangen ist. Und das nur, weil ich mich vorher eine Weile mit ihm unterhalten habe. Sie dachten, er wäre J. D. Lay.“


„Woher weißt du das?“, wollte Jordan wissen und sah seinen Freund mit seinen grauen Augen fragend an.


Joel strich sich kurz durch sein schwarzes schulterlanges Haar und lehnte sich lässig an die Wand.


„Britta hat mich darauf angesprochen. Sie wollte von mir wissen, ob dieser Mann der schüchterne Künstler sei, der sich vor seinen Fans versteckt. Natürlich habe ich Nein gesagt, doch sie hat mir nicht geglaubt.“


„Oh, Mann“, meinte Jordan und wischte sich eine braune Strähne aus dem Gesicht. „Langsam verstehe ich, warum du nicht willst, dass jemand die Wahrheit über den Künstler erfährt.“


Joel nickte.


„J. D. würde sich vor Frauen wie Britta nicht mehr retten können. Dabei ist er nur Maler und kein Prominenter.“


Nachdenklich sah Jordan seinen Freund an. Ihm war klar, dass mehr dahinterstecken musste. Doch er wusste auch, dass Joel hier an diesem Ort bestimmt nicht darüber sprechen würde. Hinter jeder Ecke könnte sich ein verrückter Fan oder ein Reporter verstecken. Und die Identität des Künstlers zu schützen, stand für seinen Freund an oberster Stelle.


„Tja, für manche gibt es da keinen Unterschied“, warf Jordan ein, dann wechselte er das Thema. „Wie läuft die Ausstellung sonst so?“


Dankbar sah Joel Jordan an. Er war froh, das Thema Britta Rosetti nicht weiter vertiefen zu müssen. Denn dies würde ihn nur noch wütender machen. Und an einem Tag wie heute wollte er sich freuen und nicht sich ärgern. Schließlich war diese Galerie der Höhepunkt dieser Ausstellungsrunde.


„Ich bin sehr zufrieden“, antwortete Joel auf die Frage seines Freundes und schluckte seine Wut herunter. „Von Giovanni habe ich erfahren, dass es bereits einige Angebote gibt. Wahrscheinlich werden am Ende nicht mehr viele Kunstwerke übrig bleiben.“


„Das hört sich gut an“, meinte Jordan und lehnte sich an die gegenüberliegende Wand. „Doch ehrlich gesagt habe ich nichts anderes erwartet. Die Bilder sind unglaublich geworden. Ich wünschte, ich könnte so etwas Besonderes erschaffen.“


Joel winkte ab.


„Jordan, es sind nur Stillleben“, meinte Joel und schüttelte mit dem Kopf. „Bilder von Häusern, Gärten oder dem Meer. Natürlich freue ich mich, dass den Leuten die Bilder gefallen. Doch der Wirbel, der teilweise um diese Werke veranstaltet wird, ist einfach zu viel.“


„Ich denke, das liegt viel an der Anonymität des Künstlers“, vermutete Jordan. „Wer weiß, vielleicht würde der Rummel nachlassen, wenn die Identität des Malers bekannt wird.“


Joel blieb skeptisch.


„Oder es wird nur noch schlimmer und J. D. kann keinen Schritt mehr tun, ohne belästigt zu werden. Glaub mir“, sagte Joel frustriert, „er hat schon oft darüber nachgedacht. Doch im Grunde ist es zu riskant. Solange es Frauen wie Britta und ihre Anhängerinnen gibt, ist es besser, den Mund zu halten.“


Bevor Jordan etwas erwidern konnte, stand plötzlich eine Gruppe junger Frauen vor ihnen. Genervt stöhnte Joel auf. Toll, sie haben uns gefunden, dachte er frustriert. Das hatte ihm gerade noch gefehlt.


„Joel“, sagte Britta mit einem Lächeln auf den Lippen. „Wir haben dich schon gesucht. Wirklich eine gelungene Veranstaltung. Und, wird uns der Künstler heute endlich die Ehre geben?“


Am liebsten hätte Joel dieser Frau so richtig die Meinung gesagt, doch er wollte keinen Skandal riskieren. Er wusste, dass auch einige Reporter anwesend waren. Und das Letzte, was er jetzt gebrauchen konnte, war ein Foto von ihm in der Zeitung, wie er sich mit einem der Besucher stritt. Also drängte er mit aller Kraft seine Wut zurück und verschränkte die Arme vor seiner Brust.


„Ich denke, du kennst die Antwort auf deine Frage“, sagte Joel ruhig und mit ernster Stimme.


Als die Frauen jedoch keine Anstalten machten, zu verschwinden, hatte er die Nase voll.


„Das hier muss aufhören“, sagte Joel kalt. „Ihr solltet euch lieber ein anderes Opfer suchen, denn die Identität von J. D. werdet ihr nie erfahren. Oder glaubt ihr wirklich, ich würde zulassen, dass ihr ihn im Anschluss Tag für Tag belästigt?“


Gespielt unschuldig sah Britta ihn vorwurfsvoll an.


„Ich weiß gar nicht, wovon du sprichst. Wir sind lediglich treue Fans, die den Künstler einmal persönlich treffen wollen.“


Joel ging nicht darauf ein, sondern sah die Frauen nur wütend an. Er hatte keine Lust mehr, mit ihnen zu diskutieren. Es würde sowieso nichts bringen. Schon zu oft hatte er es auf höfliche Weise versucht. Damit war ein für alle Mal Schluss.


„Ich denke, wir haben uns schon verstanden“, sagte er daher nur und schaute abwechselnd jeder der sechs Frauen in die Augen.


Sie sollten erkennen, dass er es ernst meinte. Dann wandte er sich seinem Freund zu.


„Lass uns verschwinden.“


Jordan nickte, und ohne die Frauen weiter zu beachten, gingen sie davon.


 


Die nächsten Stunden verbrachten Joel und Jordan damit, durch die Galerie zu laufen und sich mit den Besuchern zu unterhalten. Alle lobten die ausgestellten Werke und wünschten dem Künstler weiter alles Gute. Einige überreichten Joel sogar Geschenke, die er an J. D. weitergeben sollte. Alles in allem war die Veranstaltung ein großer Erfolg. Und selbst Britta und ihre Freundinnen waren irgendwann verschwunden.


„Alle Bilder sind verkauft“, sagte Joel, als sich die Galerie geleert hatte, und sah seinen Freund zufrieden an. „Giovanni meinte sogar, es hätten noch viel mehr sein können.“


Jordan lachte auf und sah sich um. An jedem Bild hing ein Zettel mit dem Wort „Verkauft“. Bevor er jedoch etwas sagen konnte, kam plötzlich Giovanni Rodriguez, der Geschäftsführer der Galerie, schnell auf die beiden Männer zu.


„Entschuldige, Joel“, sagte Giovanni, als er vor ihm stand. „Ich habe deinen Bruder auf Leitung zwei. Es scheint sehr wichtig zu sein.“


Verwirrt sah Joel in die braunen Augen des Galeriemitarbeiters. Juan?, dachte Joel verwirrt. Warum ruft er mich hier in der Galerie an? Wir wollten uns doch übermorgen treffen. Ist ihm etwas dazwischengekommen? Leicht nickte Joel Giovanni zu, dann ging er in Richtung des Büros. Die ganze Zeit überlegte er, was wohl der Grund von diesem plötzlichen Anruf sein konnte. Noch nie hatte sein Bruder ihn in einer der Galerien angerufen oder ihn hier besucht, dabei hatte er ihn schon oft zu einer Ausstellung eingeladen. Aber seit dem Tod seiner Frau, hielt Juan nicht mehr viel von solchen Vergnügungen, sondern zog sich immer mehr in seine Arbeit und sein Studium zurück.


Im Büro angekommen, griff Joel nach dem Hörer, der neben dem Telefon lag.


Ciao, Juan. Was ist denn los?“


Wie immer, wenn er sich mit seinen Eltern oder Geschwistern unterhielt, wechselte Joel sofort in seine zweite Muttersprache, Italienisch.


„Joel, du musst sofort nach Hause, zu unseren Eltern fahren. Ich habe morgen noch eine wichtige Prüfung und kann daher erst später nachkommen.“


Verwirrt sah Joel zu Jordan, der gerade ins Zimmer gekommen war. Was soll ich zu Hause?, fragte sich Joel. Jade wollte doch mit den Eltern nach Judenburg, zu Tante Melanies Geburtstagsfeier.


„Juan, was meinst du damit?“, fragte er verwundert. „Da ist doch niemand. Sie sind alle auf der Farm.“


Es folgte ein kurzes Schweigen, dann sprach Juan weiter. Erst jetzt hörte Joel die leichte Verzweiflung in seiner Stimme.


„Sind sie nicht. Wegen der aktuellen Kollektion ist ‚Papà in Dornbirn geblieben und Mamma wollte ihn nicht alleine lassen. Jade ist daher alleine gefahren. Vor zehn Minuten hat mich Christian von der Farm aus angerufen. Mamma hat sich bei Jade gemeldet, weil sie niemanden von uns erreichen konnte. Wir sollen sofort kommen.“


Es folgte ein langes Schweigen und Joel begriff, dass etwas Schreckliches vorgefallen sein musste. Bevor er aber etwas sagen konnte, sprach sein Bruder weiter und Joel hatte das Gefühl, als würde ihm jemand den Boden unter den Füßen wegziehen.


„Joel, Papà hatte im Büro einen Herzinfarkt und liegt auf der Intensivstation. Es sieht nicht gut aus.“




 


1. Kapitel

 


Zwei Monate später.


 


Konzentriert brachte Joel ein paar Striche aufs Papier, ohne wirklich zufrieden zu sein. Bereits seit Stunden war er mit den Zeichnungen für die neue Kollektion beschäftigt, doch immer hatte er etwas daran auszusetzen. Einmal war das Kleid zu eng, dann zu kurz. Der Schnitt passte nicht oder es waren zu viele Highlights. Inzwischen quoll der Papierkorb über von seinen unzufriedenen Arbeiten, und auch das aktuelle Blatt warf Joel fluchend hinein. Obwohl er eine ganz genaue Vorstellung davon hatte, wie die neuen Entwürfe aussehen sollten, fiel es ihm schwer, seine Vision aufs Papier zu bringen. Mist, dachte er wütend. Wieso bekomme ich das nicht hin? So schwierig ist das doch nicht.


„Verdammt!“, sagte Joel frustriert, als ihm erneut eine Zeichnung misslungen war, und  legte den Stift zur Seite. „Wenn es in diesem Tempo weitergeht, wird diese Kollektion nie fertig. Ich hätte mich von Mamma nicht dazu überreden lassen sollen. Ich bin eben kein Modezeichner.“


Plötzlich musste Joel wieder an den Anruf seines Bruders denken, der ihn völlig aus der Bahn geworfen hatte. Natürlich war er sofort nach Hause gefahren, um seiner Mutter beizustehen. Diese war völlig verzweifelt gewesen und gab sich selbst die Schuld an dem Unglück. Sie wusste, wie schwer ihr Mann in den letzten Monaten an der neuen Kollektion gearbeitet hatte. Immer später war er abends nach Hause gekommen, um die geplante Frist einzuhalten. Und statt ihn zu bremsen, wie sie es eigentlich hätte tun sollen, hatte sie seine Überstunden einfach stillschweigend akzeptiert. Für sie war es nichts Neues gewesen, denn schon immer war sein Vater ein Workaholic gewesen. Selbst als seine Kinder noch klein gewesen waren, hatte er viel Zeit in seiner Fabrik verbracht. Hatte sogar das Fabrikgebäude ganz in der Nähe seines Hauses bauen lassen, sodass er problemlos zu Fuß hin- und zurückgehen konnte. Tja, und all dies hatte sich am Ende gerächt. Trotzdem litt seine Mutter bis heute unter großen Schuldgefühlen.


Zum Glück für seinen Vater war er nicht allein, sondern mitten im Gespräch mit seiner Buchhalterin Ariadne Steinmeyer gewesen. Diese hatte sofort den Notarzt gerufen und Erste Hilfe geleistet. Ohne ihren schnellen Einsatz wäre es für Valenzo de Luca wohl nicht so gut ausgegangen. Sondern er wäre an diesem Tag gestorben.


Inzwischen konnten er und seine Familie aber wieder aufatmen. Zur Freude aller hatte sich sein Vater erholt und befand sich nicht mehr in Lebensgefahr. Trotzdem würde es noch eine Weile dauern, bis dieser wieder arbeiten konnte. Aus diesem Grund kümmerten sich Joel und sein Bruder, inzwischen seit zwei Monaten, um die Leitung der Fabrik. Oder besser gesagt er, denn Juan studierte zurzeit in Wien Modemanagement. Dieser hatte zwar angeboten, sein Zweitstudium abzubrechen, um sich ganz der Firma widmen zu können, aber Joel war dagegen gewesen. Gut, sein Bruder hatte gerade erst mit seinem neuen Studiengang begonnen, doch er wusste, wie wichtig ihm dieser Lehrgang, zusätzlich zu seinem Abschluss in Modedesign, war. Außerdem würde Joel ja nur vorübergehend mit der Arbeit in der Fabrik beschäftigt sein. Nur so lange, bis sein Vater die Leitung wieder übernehmen konnte.


 


Ein plötzliches Klopfen an der Tür riss Joel aus seinen Gedanken. Noch bevor er „Herein“ rufen konnte, ging diese auf und die Buchhalterin der Fabrik, Ariadne Steinmeyer, kam herein. Wie immer trug sie ein hochgeschlossenes Kostüm, während ihre rotblonden Haare zu einem festen Dutt zusammengebunden waren. Neugierig lehnte sich Joel in seinem Stuhl zurück und sah die junge Frau an. Ich würde sie wirklich gerne einmal mit offenen Haaren sehen, ging es ihm durch den Kopf. Als er jedoch bemerkte, wie sie ihn mit ihren braunen Augen wütend anfunkelte, schob Joel diesen Gedanken beiseite und atmete tief durch. Scheinbar hatte er wieder etwas angestellt.


„Herr de Luca, wir müssen uns dringend unterhalten“, sagte sie schroff. „So geht es einfach nicht.“


Mit schnellen Schritten kam sie auf Joel zu und reichte ihm ein Blatt Papier. Nur kurz überflog er die aufgeschriebenen Zahlen, dann wandte er sich Ariadne wieder zu, die mit verschränkten Armen vor seinem Tisch stehen geblieben war. Trotz ihres strengen Auftretens und ihrer eher unscheinbaren Kleidung konnte Joel nicht leugnen, dass ihm die junge Frau gefiel. Leider beruhte das nicht auf Gegenseitigkeit. Im Gegenteil, alle Versuche, die rechte Hand seines Vaters besser kennenzulernen wurden von ihr konsequent ignoriert, sodass er es schließlich aufgegeben hatte.


„Wollen Sie sich nicht erst einmal hinsetzen“, sagte er mit einem Lächeln auf den Lippen und zeigte auf den gegenüberstehenden Stuhl. „Dann können wir in Ruhe über das Problem sprechen.“


Wütend sah Ariadne Joel weiter an. Sie ließ sich von seinem Charme nicht einwickeln und blieb stehen. Schon früher hatte sie nicht viel von Joel gehalten, doch jetzt reichte es wirklich. Langsam, aber sicher hatte sie genug von der Arbeitsweise ihres jungen Chefs. Seit dieser vor zwei Monaten die Leitung übernommen hatte, waren die Ausgaben deutlich gestiegen. Sie konnte einfach nicht zulassen, dass Joel de Luca mit seiner Arbeitsweise das Unternehmen in finanzielle Schwierigkeiten brachte. Sie hatte sowieso nicht verstanden, warum ausgerechnet er mit der Leitung der Fabrik betraut worden war. Als Leiter der de-Luca-Designfabrik war er eine absolute Fehlbesetzung. Davon war Ariadne fest überzeugt. Seit seinem Abschluss hatte er sich in der Fabrik nicht mehr blicken lassen, sondern war lieber planlos durch die Welt gereist. Natürlich auf Kosten seiner Eltern. Tja, und jetzt? Jetzt verbrachte er die meiste Zeit damit, sich an die weiblichen Angestellten heranzumachen. Sogar sie hatte er am Anfang zum Essen eingeladen. Als würde ich mich freiwillig mit so einem Mann einlassen, dachte sie angewidert.


„Herr de Luca, ich bin nicht hierhergekommen, um erneut über das Problem zu sprechen“, antwortete Ariadne wütend. „Ehrlich gesagt habe ich es satt, jede Woche das Gleiche zu erzählen. Seit Ihr Vater im Krankenhaus ist und Sie die Leitung übernommen haben, sind die Materialausgaben deutlich gestiegen. Wenn das so weitergeht, ist die Firma bald in finanziellen Schwierigkeiten.“


Frustriert stöhnte Joel auf. Nicht schon wieder. Zwar sah die junge Frau ziemlich süß aus, wenn sie so wütend vor ihm stand, trotzdem konnte und wollte er ihr dieses Verhalten nicht länger durchgehen lassen. Schon seit Wochen kam sie ständig in sein Büro, um mit ihm über die Ausgaben zu sprechen, und langsam hatte er genug. Als würde die Firma pleitegehen, nur weil ich ein paar exklusivere Stoffe bestellt habe.


„Ariadne, ich denke, Sie machen sich zu viele Sorgen“, sagte er leicht gereizt. „Ich weiß schon, was ich tue. Außerdem sollten Sie nicht vergessen, dass ich im Moment Ihr Chef bin. Vielleicht sollten Sie sich daher in Ihrer Wortwahl etwas zurücknehmen.“


Statt auf diesen wohlgemeinten Rat einzugehen, funkelte Ariadne Joel nur weiter wütend an.


„Ich habe nur einen Chef, und das ist Ihr Vater. Er hat mich damals eingestellt, damit ich mich um die Finanzen kümmere. Das tue ich nun schon seit einigen Jahren, während Sie nichts anderes getan haben, als das Geld Ihrer Familie auszugeben. Ich weiß nicht, warum Valenzo ausgerechnet Ihnen die Leitung übertragen hat, schließlich haben Sie gar keine Ahnung von diesem Geschäft. Aber statt mit mir zusammenzuarbeiten und meine Vorschläge anzunehmen, geben Sie nur noch mehr Geld für irgendwelche teuren Stoffe aus. Dabei haben wir schon seit Jahren einen viel günstigeren Anbieter, der uns mit Jeans-, Jersey-, Samt- und Seidenstoffen beliefert.“


Im ersten Moment verschlug es Joel die Sprache. Natürlich war ihm längst klar gewesen, dass sie nicht sehr gut auf ihn zu sprechen war. Doch, dass sie ihn für einen Schmarotzer hielt, der sich von seinen Eltern aushalten ließ, war ihm neu. Wie kommt diese Frau dazu, so über mich zu sprechen, dachte er wütend. Sie kennt mich doch gar nicht. Plötzlich wurde Joel bewusst, dass er selbst an diesem Bild nicht ganz unschuldig war. Bis auf seine beiden Geschwister wusste niemand aus der Familie, womit er wirklich sein Geld verdiente. Kein Wunder also, dass es so aussehen musste, als würde er den ganzen Tag nur auf der faulen Haut liegen. Trotzdem, wenn sich jemand über seinen Lebenswandel aufregen dürfte, dann doch wohl seine Familie, und Ariadne gehörte eindeutig nicht dazu.


„So, Sie glauben also, ich hätte keine Ahnung, wie man diese Firma führt“, sagte Joel gefährlich leise und stand auf.


Seine anfängliche Gereiztheit hatte sich inzwischen in echte Wut verwandelt. So musste er wirklich nicht mit sich reden lassen.


„Nur zu Ihrer Information“, sagte er hart und stellte sich genau vor die junge Frau, die nun hochschauen musste, um ihm in die Augen sehen zu können. „Und obwohl es Sie eigentlich gar nichts angeht, ich habe durchaus einen Abschluss in Modedesign. Somit bin ich sehr wohl qualifiziert, hier in der Fabrik die Leitung zu übernehmen. Es mag ja sein, dass ich in den letzten Jahren nicht oft in Dornbirn war, aber das geht Sie überhaupt nichts an. Wahrscheinlich denken Sie, dass niemand Ihnen hier etwas anhaben kann, da Sie die Lieblingsmitarbeiterin meines Vaters sind. Aber ich gebe Ihnen einen guten Rat, halten Sie sich etwas zurück. Ich habe kein Problem damit, wenn Sie mir die aktuellen Zahlen vorlegen. Nicht einmal, wenn Sie mich immer wieder an meine höheren Ausgaben erinnern. Immerhin ist das Ihr Job. Doch ich werde es nicht tolerieren, wenn Sie anfangen, in der Firma über mich herzuziehen, und vielleicht sogar die anderen Mitarbeiter gegen mich aufstacheln. Und jetzt verschwinden Sie.“


Kaum hatte Joel zu Ende gesprochen, klopfte es erneut an der Tür und sein Bruder Juan kam ins Zimmer. Verwirrt sah er erst in das wütende Gesicht seines Bruders und dann zu Ariadne, die irgendwie schuldbewusst wirkte.


„Komme ich ungelegen?“, fragte Juan, während seine rechte Hand immer noch auf dem Türgriff lag.


Joel schüttelte den Kopf.


„Nein“, sagte er bestimmt. „Frau Steinmeyer wollte sowieso gerade gehen.“


Nur kurz sah Juan zu der jungen Frau hin, die zwischen den beiden Brüdern hin- und herschaute. Schließlich gab sie sich geschlagen und, ohne ein weiteres Wort zu sagen, verließ sie das Büro.


 


Nachdenklich sah Juan Ariadne einige Sekunden lang hinterher, dann schloss er die Tür und ging auf seinen Bruder zu. Dieser hatte inzwischen wieder auf seinen Stuhl Platz genommen und wartete darauf, dass Juan zu sprechen begann. Als dieser sich ihm gegenüber hingesetzt hatte, sah er seinen Bruder forschend an.


„Was war denn los?“, fragte er Joel auf Italienisch. „Ich kann mich nicht daran erinnern, dass du jemals jemanden so zur Schnecke gemacht hast. Ariadne war gar nicht mehr wiederzuerkennen.“


Joel zuckte nur mit den Schultern. Er hatte keine Lust, das ganze Thema noch einmal mit seinem Bruder zu besprechen. Doch so leicht ließ Juan seinen Bruder nicht davonkommen. Immerhin hielten sowohl er wie auch ihr Vater große Stücke auf die junge Frau. Und keiner der beiden wollte riskieren, dass Ariadne die Fabrik verließ. Dafür war sie für das Unternehmen zu wichtig. Mit verschränkten Armen saß Juan deshalb schweigend auf seinen Stuhl, sah seinen Bruder eindringlich an und wartete auf eine Antwort. Schließlich gab sich Joel geschlagen.


„Wir hatten nur eine kleine Meinungsverschiedenheit“, spielte er die Geschichte herunter. „Nichts Wichtiges.“


„Wirklich?“ Juan blieb skeptisch. „Das sah für mich aber ganz anders aus. Außerdem wirkst du gerade ziemlich gereizt und angespannt. So kenne ich dich gar nicht.“


„Es ist nur …“, begann Joel und brach gleich wieder ab. Mist, dachte er frustriert. Was soll ich ihm erzählen?


Am Ende entschied er sich für die Wahrheit, denn sein Bruder würde eine Lüge sofort erkennen.


„Unsere Buchhalterin hält mich für einen Schmarotzer, der sich von seinen Eltern aushalten lässt und planlos durch die Welt fliegt.“


Verwirrt sah Juan seinen Bruder an.


„Und? Genau dieses Bild spielst du allen doch seit Jahren vor. Bis auf wenige Ausnahmen weiß niemand, was du beruflich machst. Das ist also kaum ein Grund, so auszurasten.“


„Ich bin nicht ausgerastet“, erwiderte Joel sofort. Gut, vielleicht bin ich ein bisschen laut geworden. „Ich habe Frau Steinmeyer nur zu verstehen gegeben, dass ich es nicht dulden werde, wenn sie diese Geschichte in der Firma herumerzählt.“


„Joel, praktisch jeder hier in der Firma kennt die Geschichte“, erwiderte Juan gelassen. „Da wird es gar nicht notwendig sein, es jemandem zu erzählen.“


Gereizt fuhr sich Joel mit der Hand durch sein schulterlanges Haar, welches er heute offen trug.


„Vielleicht will ich aber nicht, dass sie so über mich denkt.“


Juan sah seinen Bruder an. Plötzlich wurde ihm klar, worum es in Wirklichkeit ging.


„Du bist an unserer Buchhalterin interessiert?“


„Quatsch“, sagte Joel schnell, doch er wusste, dass sein Bruder ihm nicht glaubte.


Schließlich gab er sich geschlagen.


„Gut, du hast recht, ich finde sie nicht uninteressant. Jedoch beruht das nicht auf Gegenseitigkeit. Im Gegenteil, jeden Versuch, sie besser kennenzulernen, hat sie abgeblockt.“


Als Joel sah, wie sich ein leichter Schatten über das Gesicht seines Bruders legte, bereute er seine Worte sofort. Wieso habe ich nicht einfach meinen Mund gehalten?, dachte er frustriert und sah seinen Bruder an, der ihm so ähnlich war. Als Kind hatte er oft das Gefühl gehabt, in einen Spiegel zu schauen. Und das nicht nur wegen der braunen Augen oder der schwarzen Haare, die bei allen männlichen Mitgliedern der Familie de Luca so typisch waren, oder etwa das gleiche Gesicht. Immerhin waren sie eineiige Zwillinge. Nein, die wohl wichtigste Gemeinsamkeit der beiden Brüder war ihr Charakter. Beide hielten immer an ihren Wünschen und Träumen fest. Niemand konnte dem anderen etwas vormachen. Und egal, was geschah, sie hielten immer zusammen. Jedenfalls war es so gewesen, bevor sich das Leben seines Bruders so radikal verändert hatte. Denn vor fünf Jahren hatte er seine geliebte Frau Maya und sein ungeborenes Baby verloren. Seit diesem Tag gab es für ihn nur noch die Arbeit und nicht ein einziges Mal hatte Joel seinen Bruder lachen sehen. Es war fast so, als wäre ein Teil von ihm mit seiner Frau gestorben. Und ich quatsche hier von meinem Interesse an einer Frau, die ich sowieso nicht haben kann, ging es ihm durch den Kopf. Ich bin so ein Idiot.


„Tut mir leid“, sagte Joel schnell, doch Juan winkte ab.


„Vergiss es, Bruder. Immerhin habe ich dich gefragt. Außerdem kann ich es dir nicht verübeln, dass du dich für unsere Buchhalterin interessierst. Ariadne ist wirklich eine große Bereicherung für die Firma.“


Kaum hatte Juan das Unternehmen erwähnt, wurde er wieder ernst.


„Wahrscheinlich ist es besser so. Du bist nur vorübergehend hier. Sobald es Papà besser geht, wirst du in deine Künstlerwelt zurückkehren. Ariadne ist unsere beste Mitarbeiterin. Es wäre nicht gut, wenn du mit ihr etwas anfangen würdest und dann einfach wieder gehst. Das Unternehmen kann es sich nicht leisten, auf sie zu verzichten.“


Leicht gereizt sah Joel seinen Bruder an. Natürlich, die Firma. Wieso kann Juan nicht einmal an etwas anderes denken, dachte er frustriert. Trotzdem musste er zugeben, dass sein Bruder nicht ganz unrecht hatte. Er würde nur für kurze Zeit in Dornbirn bleiben. Nur so lange, bis sein Vater von seiner Kur zurückkehrte.


„Juan, glaub mir, ich habe nicht vor, etwas mit ihr anzufangen. Ich meine, sie ist ja nicht einmal an mir interessiert. Somit musst du dir darüber keine Gedanken machen.“


Immer noch skeptisch sah Juan seinen Bruder an und Joel beschloss, schnell das Thema zu wechseln. Für heute hatte er genug.


„Warum bist du eigentlich gekommen? Bestimmt nicht, um dich mit mir über unsere Angestellten zu unterhalten.“


Einen kurzen Moment sahen sich die Brüder einfach nur an, dann ging Juan schulterzuckend zum eigentlichen Grund seines Besuches über.


„Stimmt“, gab er zu, „aus diesem Grund bin ich nicht hier. Es geht um etwas viel Wichtigeres. Wie du weißt, war ich in letzter Zeit durch mein Studium sehr eingespannt, doch jetzt sind Semesterferien. Ich habe die letzten Tage genutzt, um mir einen Überblick über unsere Zahlen zu verschaffen. Dabei ist mir aufgefallen, dass die Fabrikverkäufe in der letzten Zeit deutlich zurückgegangen sind.“


Ernst sah Juan seinen Bruder an, während er ihm ein Blatt Papier reichte. Fast eine Minute starrte Joel auf die grafische Darstellung, dann legte er den Zettel zur Seite und sah hoch.


„Glaubst du, es hat etwas mit dem Ausfall von Papà zu tun?“


Juan zuckte mit den Schultern.


„Keine Ahnung, doch es muss einen Grund geben. Noch tun uns die fehlenden Einnahmen nicht weh, doch wenn es so weitergeht, sieht es für die Fabrik nicht gut aus.“


Joel nickte. Die aktuellen Ergebnisse waren ziemlich schlecht, das hatte sogar er erkannt. Sie mussten dringend etwas tun.


„Was ist mit den Verkaufsfilialen?“, fragte er seinen Bruder. „Sind sie auch davon betroffen?“


Kurz sah Juan ihn an, dann nickte er. Einen Moment lang sahen sich die beiden Brüder nur schweigend an. Beide wussten genau, was der andere dachte. Verdammt!


„Ich weiß noch nicht, wie schlimm es in den einzelnen Filialen aussieht“, gab Juan nach einer Weile gereizt zu. „Auf jeden Fall haben wir in der letzten Zeit deutlich weniger Kleidungsstücke an die Verkaufsfilialen ausgeliefert. Ich habe bereits mit Alexander und Raphael gesprochen und sie gebeten, mir eine aktuelle Verkaufsstatistik zu schicken. Beide wollen mir die Zahlen bis morgen zukommen lassen. Dann kann ich mir einen Überblick verschaffen, wie schlimm die aktuelle Lage ist.“


Wieder sah Joel auf die Grafik und schüttelte mit dem Kopf.


„Ich verstehe das nicht. Wieso ist es bisher niemandem aufgefallen? Seit Wochen liegt mir unsere Buchhalterin in den Ohren, weil ich mehr Geld für den Einkauf von Stoffen ausgegeben habe. Doch noch nie hat sie erwähnt, dass es Probleme bei den Verkäufen gibt.“


„Vielleicht wäre es ihr aufgefallen, wenn sich durch dich nicht die Ausgaben geändert hätten“, sagte Juan nachdenklich, ohne seinem Bruder die Schuld daran zu geben. „So hat sie wohl angenommen, du wärst schuld daran. Ariadne kümmert sich in erster Linie um die Gehälter der Mitarbeiter und die Rechnungserstellung für den Vertrieb. Um die Einnahmen aus dem Fabrikverkauf kümmert sich jemand anderes, da sie über eine andere Kostenstelle abgerechnet werden. Im Grunde hat Ariadne daher nur gesehen, dass das Guthaben der Firma schrumpft, jedoch nicht, warum.“


„Tja, und weil sie mich für einen Schmarotzer hält, der das Geld seiner Eltern zum Fenster rauswirft, hat sie natürlich mir die Schuld gegeben. Kein Wunder, dass sie im Moment so sauer ist. Sie muss ja wirklich denken, ich wirtschafte die Firma in den Ruin.“


Juan nickte und betrachtete seinen Bruder mit einem ernsten Blick.


„Leider. Papà wollte Ariadne einen Gefallen tun, als er diesen Bereich an einen anderen Mitarbeiter abgegeben hat. Doch wenn ich mir diese Zahlen so anschaue, war dies ein großer Fehler. Sie hätte schnell erkannt, was hier nicht stimmt und Alarm geschlagen. Stattdessen hat Ariadne dich beschuldigt, weil sie keinen Zugang zu den richtigen Daten hatte.“


„Und was machen wir jetzt?“, wollte Joel wissen, während er sich selbst verfluchte. Wieso habe ich mir ihre Berichte immer nur flüchtig angesehen? Wenn ich genauer hingeschaut hätte, wäre mir vielleicht schon früher aufgefallen, dass etwas nicht stimmen konnte.


„Keine Ahnung“, sagte Juan angespannt. „Auf jeden Fall müssen wir uns so schnell wie möglich einen Überblick verschaffen. Ich werde noch heute mit Ariadne reden und sie bitten, sich unsere Zahlen und die aus den Verkaufsfilialen einmal genauer anzuschauen. Gleichzeitig habe ich Alexander und Raphael gebeten, am Freitag zu einem Krisentreffen nach Dornbirn zu kommen.“


„Was ist mit Christian?“, warf Joel ein und dachte an ihren anderen Cousin, der für die Leitung der de-Luca-Farm verantwortlich war. „Zwar ist er nicht direkt von den sinkenden Verkäufen betroffen, doch er beliefert uns immerhin mit Angorawolle. Wenn wir in finanzielle Schwierigkeiten kommen, wirkt sich das früher oder später auch auf seinen Bereich aus.“


Juan nickte. Daran hatte er noch gar nicht gedacht.


„Du hast recht. Ich werde ihn gleich anrufen“, sagte Juan und stand auf.


Kurz bevor dieser die Tür erreichte, kam Joel noch ein Gedanke und er hielt seinen Bruder zurück.


„Warte! Sollten wir es nicht auch unseren Eltern erzählen?“


Juan schüttelte den Kopf und sah seinen Bruder mit ernster Miene an.


„Das halte ich für keine gute Idee. Wenn Papà von den Problemen erfährt, wird er wahrscheinlich sofort seinen Erholungsurlaub abbrechen und mit Mamma nach Österreich zurückkommen. Das wäre ein großer Fehler. Er ist noch nicht so weit. Wenn er jetzt sofort wieder mit der Arbeit beginnt, hat er in Kürze gleich wieder einen Herzinfarkt. Wir müssen das alleine regeln und hoffen, dass alles wieder in Ordnung ist, wenn er aus Italien zurückkehrt.“


Dagegen konnte Joel nichts sagen. Auch er wollte nicht, dass sich die Geschichte wiederholte. Trotzdem war ihm nicht wohl dabei, die aktuelle Situation vor seinen Eltern zu verschweigen. Als sein Bruder kurz darauf das Zimmer verließ, ging er nachdenklich an seinen Schreibtisch zurück. Sie mussten einfach einen Weg finden, das Unternehmen zu retten. Den Verlust seiner Fabrik würde sein Vater nicht verkraften.


 


 


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