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Belletristik
Buch Leseprobe Verwegen wie Bochumer Bögen., Paul Tobias Dahlmann
Paul Tobias Dahlmann

Verwegen wie Bochumer Bögen.


Historischer Roman

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1. Der Burgmann Mein Name ist Tobias und ich bin ein Burgmann. Ursprünglich war mein Heim die Burg Blankenstein südlich der Ruhr. Ich beginne diese meine Erzählung zu dem Zeitpunkt, als sich daran etwas änderte. Es war der Sommer des Jahres 1386. Der Tag war sehr warm, im Gegensatz zu den vorangegangenen. Im Großen und Ganzen herrschte Frieden im Lande; jedenfalls war Blankenstein nicht sonderlich bedroht. Ohne Eile und ohne besondere Vorsicht war ich also an diesem Tag zu den Höfen am Salzweg geritten, um dort nach dem Rechten zu sehen. Es ist immer besser, zwischendurch nach den Feldfrüchten der Pächter zu schauen. Auf diese Weise kann man deren anteilige Abgaben schon im Vorfeld besser abschätzen. Als ich zurückkam, sah ich schon von Ferne das Banner meines Herrn, des Grafen Engelbert III. von der Mark, über dem hohen Torturm wehen. Ich war leidlich überrascht. Wir hatten ihn erst in einer Woche aus Hörde zurück erwartet. Etwas musste seine Abreise beschleunigt haben. Neugierig trieb ich mein Pferd an, nach Blankenstein hineinzukommen. Die Holzwand um die äußere Freiheit herum wurde mal wieder nicht bewacht. Eigentlich war sie sowieso nur ein schlechter Witz, da sie kaum mehr als ein paar Landstreicher aufhalten konnte. Die Leute nannten sie deshalb schon scherzhaft „Zäunchen“. Aber auch an dem gemauerten Durchgangstor zur inneren Freiheit und an der kleinen Brücke stand niemand. Ich folgerte daraus, dass die Neuigkeiten, mit denen Graf Engelbert gekommen war, nicht allzu schlimm oder kriegerisch sein konnten. Trotzdem brachten mich diese Überlegungen dazu, aufmerksam über die Wehranlagen zu schauen. Hinter den schmalen Gassen und niedrigen Fachwerkhäusern des Ortes folgte die Kapelle. Sie stand unmittelbar neben dem Zugang zur Hauptbrücke über den Graben. Man hatte sie so möglichen Angreifern mitten in den Weg gebaut. Mit großem, schwerem Gerät war kaum um sie herumzukommen. Leider galt das auch für unsere eigenen Fuhrwerke, so dass es oft Geschreie und Geschimpfe gab, wenn hier mal wieder ein Bauer feststeckte. Die große Brücke dahinter war frisch überarbeitet. Wir hatten in den letzten Jahren versucht, sie durch eine Zugbrücke zu ersetzen. Das hatte nicht funktioniert. Entweder wäre kein Platz für das nötige Torhaus gewesen, oder dieses hätte den kleinen Turm behindert und anfällig gemacht. Also hatten wir die Brücke gepflastert und überall Rohre und Leitungen mit zahlreichen Ausgängen verlegt. Durch sie konnte man mit brennendem Öl Flammenmauern errichten oder auch einfach mit Wasser den Zuweg in eine Rutschbahn verwandeln. Das Ganze war ohnehin nur dazu gedacht, Feinde hinzuhalten, damit man sie von dem kleinen Turm aus möglichst lange unter Beschuss nehmen konnte. Dieser Turm an der Brücke war zwar niedrig und eng, aber sehr stark gebaut. Durch seine runde Form und vorgesetzte Lage konnte man von ihm aus sowohl den Zufahrtsweg als auch den niedrigen Südhang mit Geschossen eindecken. Am Eingang des Torturms stand endlich eine Wache. Es war der siebzehnjährige Sohn unseres Schmiedes. Neben einem alten Wappenrock und einem Spieß war sein einziges Rüstzeug ein breiter Strohhut, mit dem er allerdings wirklich bestens gegen die knallende Sonne gewappnet war. Der Junge schaute zunächst gelangweilt, drehte sich dann aber um und winkte durch das offene Tor jemandem auf dem Burghof zu. Zügig ritt ich hindurch und stieg ab. Einer der Leibwächter des Grafen kam auf mich zu. Der alte Kämpe trug seine schwere Brigantine trotz der Hitze wie eine zweite Haut. Er lächelte und hob die Hand. „Ich grüße Euch, Herr Tobias!“ „Ich grüße Euch, Junker Frank!“ „Der Graf wartet auf Euch“, erklärte er. „Ich würde vorschlagen, dass Ihr Euch ein frisches Hemd anzieht. Dann könnt Ihr ihn oben im alten Haus antreffen.“ Ich dankte ihm und beeilte mich, zu meiner Kammer zu kommen. Ich war verwundert. Was wollte der Graf von mir? Rasch wechselte ich in ein gutes Wams in den märkischen Farben und wusch mir Hände und Gesicht. Dann ging ich von den neuen Gebäuden an der Nordseite wieder hinüber zu dem alten, festen Steinhaus im Südwesten. Der Graf hatte seine Räume oberhalb des dortigen Saales. Ich eilte die Treppe hoch und wurde von einem seiner Leibwächter durchgewunken. Engelbert saß in der kleinen Schreibstube und klopfte mit einem Tintenschaber auf einem unbeschriebenen Blatt Papier herum. „Ihr habt schon wieder das Buch herumliegen lassen“, grüßte er mich. Ich blieb unmittelbar stehen. Der Graf wirkte verkniffen. Trotz seines Alters war er ein drahtiger Mann, dessen scharfen Augen nichts entging. „Verzeiht, mein Herr“, erwiderte ich zögerlich, ehe ich einwandte: „Es weiß doch sowieso jeder hier, dass ich es habe.“ Engelbert blickte auf und zog die ebenmäßigen, grauen Augenbrauen zusammen. „Und woher wollt Ihr wissen, dass ich nicht einen Gast dabei habe, der sich daran stoßen könnte?“ „Verzeiht, Graf“, sagte ich nochmals. „Daran hatte ich nicht gedacht. Trotzdem denke ich nicht, dass Kirchenmänner in Eurem Gefolge nicht schon einmal irgendwo Gutes von Siger von Brabant gehört haben.“ „Trotzdem sind seine Schriften gebannt.“ Der Graf trommelte weiter mit dem Metallstab auf das Papier. „Himmel, Tobias, der Mann leugnet die Möglichkeit der Erlösung! Die vielen Freunde, die er bisher noch an den Universitäten hat, schützen dich vielleicht vor dem Tod, aber nicht vor der Exkommunikation.“ „Durch wen? Den Erzbischof von Köln?“ Nun musste Engelbert doch lächeln. Jedem Menschen weit und breit war bekannt, dass das Wort des Erzbischofs bei den Grafen im Lande, gelinde gesagt, nicht allzu viel Gewicht hatte. Man hatte seit jeher keine hohe Meinung von ihm und lebte das aus, sobald es möglich wurde. Darüber hinaus konnte ich noch nachsetzen: „Außerdem ist das Buch schließlich aus Eurer eigenen Bibliothek. Euer eigener Großonkel hat es doch damals aus Lüttich mitgebracht. Und Ihr habt es mir überlassen mit den Worten, ich könne damit machen, was ich wolle.“ „Na gut, ich gebe mich geschlagen.“ Der Graf legte den Tintenschaber zur Seite. „Das war es auch eigentlich gar nicht, worüber ich mit Euch reden wollte.“ „Sondern?“ Auf seine einladende Geste hin ließ ich mich auf einem Lehnstuhl nieder. „Seht Ihr“, begann der Graf gedehnt. „Die Lage mit Dortmund spitzt sich zu. Über kurz oder lang wird es da Ärger geben, das ist unausweichlich.“ „Ihr sprecht immer noch von dieser Sache mit der Frau, die sie hingerichtet haben; Eurer Verwandten.“ „Agnes. Sie war eine Freundin der Familie.“ Ich wiegte ein wenig den Kopf. „Verzeiht, mein Herr, aber die Sache ist jetzt bald acht Jahre her.“ Engelbert nickte. „Es wäre etwas Anderes, wenn es damals wirklich eine rechtmäßige Hinrichtung gewesen wäre, mit neutralem Gericht und angemessenem Strafmaß. Aber die Dortmunder waren Kläger und Richter in einem. Ob sie ihr ebenbürtig waren, bezweifle ich auch. So etwas kann und darf niemals geschehen. Außerdem haben sie Agnes nicht einfach nur hingerichtet, sondern sie haben sie auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Ich kann mir kaum eine Tat vorstellen, die so etwas verdient. Und die Gesetze können es auch kaum.“ „Die Anklage lautete auf Verrat. Es wurde behauptet, sie hätte eines der Stadttore für Eure Männer öffnen lassen“, hakte ich nach. „Ja“, sagte der Graf, und legte eine Pause ein, in der er sich am Kinn kratzte. Schließlich entschied er sich jedoch, weiterzureden: „Mag sein, dass ich ihr einmal etwas gesagt habe, das sie ermutigt hat. Mag auch sein, dass ein paar von meinen Männern in die Sache verwickelt waren. Aber dieses Urteil! Nein, das kann ich nicht hinnehmen, niemals.“ „Ich habe außerdem gehört, dass die Dortmunder Euch verspotten“, erwähnte ich. Bei einem anderen Mann als Engelbert wäre ich vielleicht vorsichtiger gewesen mit meinen Nachfragen. Doch ich ahnte seine wegwerfende Handbewegung schon, bevor er sie ausführte. „Wenn es nur das wäre“, seufzte er. „Dieses Spottlied ist so grauenvoll schlecht gedichtet, dass es jeden Hörer eigentlich nur auf meine Seite treiben kann. Es sind die Flammen, die ich im Schlaf sehe. Sie lassen mich nicht los. Ihr wisst, dass ich selbst so ein Urteil nie verhängt habe und es auch nie tun würde. Wenn ein Verbrecher den Tod verdient hat, dann ist es so. Aber diese unnötige Grausamkeit, die ist ehrlos. Ich kann nicht anders, als sie zu bekämpfen.“ „Also wollen wir demnächst gegen Dortmund ins Feld ziehen?“, fragte ich. „Wahrscheinlich.“ Der Graf nickte wiederum. „Und in der Angelegenheit soll ich irgendetwas für Euch tun?“ Engelbert atmete lang durch und klopfte auf den Tisch. „Ja. Es geht darum, dass Ihr einer meiner kundigsten Männer in Sachen Wehranlagen seid. Ich brauche Euch in der Verteidigung des Hinterlandes.“ Meine Augenbrauen zuckten hoch. „Blankenstein ist gut befestigt“, sagte ich. „Stimmt. Und zum Teil ist es das dank Eurer Mühen. Die Idee mit den Feuerwänden hat mich überzeugt. Aber in anderen Orten, über die ich herrsche, sieht es nicht so gut aus.“ „Ich soll also wo anders die Wehranlagen auf Vordermann bringen?“ „Ja, in Bochum.“ Der Graf klopfte wieder auf den Tisch, um seine Aussage zu unterstreichen. Während ich noch über den Gedanken nachdachte, fuhr er fort: „Ihr seid natürlich ein freier Mann, ich kann Euch nicht zu einem Wechsel zwingen. Aber ich kann es Euch schmackhaft machen. Was meint Ihr zu zusätzlichen drei Schillingen Jahresrente auf Michaelis? Dann hättet Ihr genug Zeit, um vorher umzuziehen. Außerdem dürftet Ihr Euch von mir aus Burggraf von Bochum nennen.“ Jetzt musste ich lachen. „So einen Titel würde kaum jemand ernst nehmen. Aber Euer Angebot klingt gut.“ „Gut, dann denkt darüber nach!“ Der Graf klopfte ein letztes Mal auf den Tisch. Dann stand er auf und verabschiedete mich. Das Angebot war verlockend, es überzeugte mich. Als Witwer hielt mich wenig auf Blankenstein. Ich hatte meine kleine Tochter zu meiner Schwester nach Wetter gegeben. Da machte es keinen Unterschied, ob ich hier war oder in Bochum. Zwar mochte ich Blankenstein und seine Bewohner, aber ich kannte auch Bochum einigermaßen. So weit war die Stadt schließlich nicht entfernt. Die neue Aufgabe reizte mich wirklich. Also machte ich mich wenige Tage später auf den Weg. Ich hatte mir vorgenommen, mehrfach hin und her zu reiten, um alle meine Sachen nachzuholen. Zu Anfang nahm ich nur das Nötigste mit. Ich ritt also zur Ruhr hinab, die unterhalb der Burg fließt. Die Fähre nach Haus Kemnade hinüber nahm ich nur widerwillig, denn der Herr jener Burg nahm trotz aller Absprachen gerne auch von uns Rittern und Männern des Grafen Wegezoll. Man munkelte, dass seine Burg einst von den Isenbergern gegründet worden sei. Erst später sei sie als Pfand an den Grafen von Lippe gegangen. Der wiederum war erst recht auf die Eigenständigkeit seiner Territorien bedacht. Ich war mir dieser ganzen Geschichte zwar nicht sicher, aber ein gewisser Zwist zwischen den beiden Festungen bestand tatsächlich. Hinter Stiepel führte nur ein schmaler Weg den Berg hinauf. Mit einem Fuhrwerk hätte ich besser den kleinen Umweg über Heven gemacht. Mit dem Pferd jedoch kam ich gut voran, blickte vom oberen Hang aus noch einmal lächelnd nach Blankenstein zurück, und wandte mich dann dem Grat zu. Hinter der Höhe begann der ebenere Weg nach Bochum. Während ich nach Norden ritt, trafen noch ein paar kleinere Seitenwege auf den meinen, und er wurde langsam zu einer kleinen Straße, die durch offene Waldgebiete und an kleinen Katen vorbei führte. Gut befestigt war er allerdings erst ab den Ländereien von Haus Steinkuhl. Dahinter war es tatsächlich ein sehr angenehmer Ritt bis nach Haus Rechen kurz vor den Toren von Bochum. Hier traf ich auf die breitere Straße, die von Hattingen her kommt. Schon von Außen sah ich, was Graf Engelbert gemeint hatte, als er über den Zustand der Wälle von Bochum gesprochen hatte. Sie waren zwar fast zwei Mann hoch und von Holzwänden gekrönt, doch ihre Oberfläche wirkte merkwürdig unregelmäßig. An einigen Stellen hatten sich die falschen Pflanzen angesiedelt, an anderen waren Löcher und Risse entstanden. Auch der Graben davor war längst nicht überall so tief, wie er hätte sein sollen. Die Gebäude jenseits des Walles schienen dagegen in hervorragendem Zustand zu sein. Der große Kirchturm überragte alles, aber auch die Grafenburg, die Toranlagen und einige Bürgerhäuser zeichneten sich scharf ab gegen den Himmel und die niedrige, grüne Hügelkette zu meiner Rechten. Ich passierte eine kleine Kapelle neben einigen Häusern, die dem Dominikaner-Orden gehörten; dann hatte ich das Schlosstor erreicht. Das hat seinen Namen daher, dass die Straße dahinter direkt zur Grafenburg führt. Das mit Ziegeln eingefasste, zweistöckige Tor stand offen. Eine Wache war nicht zu sehen, jedoch befand sich direkt hinter dem Tor ein Bretterverschlag. Darin lehnte in einer Auslage ein dicklicher Mann, der mir forschend zunickte. Man verband in dieser Stadt gerne das Angenehme mit dem Nützlichen. Ich wusste von früheren Besuchen, dass an diesen Buden, von denen es mehrere in der Stadt gab, Kleinigkeiten verkauft wurden. Offenbar hatte man den Mann beauftragt, ein Auge auf Reisende zu haben. Im Gegenzug brauchte er wahrscheinlich keine Pacht für den guten Standplatz am Tor zu entrichten. An den beiden Toren zum Hellweg waren richtige Wachen aufgestellt, hier jedoch war nicht mit Fernreisenden zu rechnen. Solche Buden gab es auch sonst überall in den Städten am Hellweg, wie mir früher schon aufgefallen war. In anderen Orten standen sie meist nur auf Marktplätzen, in unserer Gegend jedoch waren sie eher unregelmäßig verteilt. Gerade in kleineren Städten machte es wenig Sinn, größere Läden geöffnet zu halten. Bochum hatte meiner Schätzung nach vielleicht 2400 Einwohner, war also nicht wirklich groß. Die Budeninhaber profitierten vor allem von Dörflern und Landarbeitern aus der Umgebung. Diese holten sich bei ihnen gerne einmal einen Krug Bier, eine Scheibe Brot mit Käse oder ein Stück Lakritze. Ich ritt weiter in die Stadt hinein. Wieder einmal stellte ich fest, dass auf den Freiflächen in der Stadt viele Bäume wuchsen. Die meisten waren eher niedrige Obstbäume, vor allem Pflaumen und Birnen, dazu vereinzelte Kirschen, Quitten und Pfirsiche. Es gab aber auch reine Zierpflanzen, besonders Rosenbüsche und blütentragende Ranken aller Art. Durch den angenehmen Anblick eingeladen ritt ich weiter als nötig durch die Straßen. Dabei entdeckte ich, dass man begonnen hatte, den neuen Marktplatz zu pflastern. Das würde tatsächlich Händler aus weiter entfernten Orten anlocken können. Pflasterung war von Vorteil für eine Stadt; ihre Kosten rechneten sich langfristig. Sonst sahen die Wege und Häuser hier nicht anders aus als in Blankenstein, Hattingen oder Wetter. Sie waren aus Fachwerk mit weiß getünchten Flächen und geschwärzten Balken dazwischen, manchmal auch bunt angemalt oder mit Schnitzwerk verziert. Die Dächer waren mit schwarzem Schiefer gedeckt. Bochum hatte allerdings keine Burgmannenhöfe. Dafür gab es in den Randlagen große Anwesen und Meierhöfe anderer Herren, die hier im Ort ihre Rechte hatten. Nach meinem kleinen Schlenker über den Marktplatz ritt ich rechts um eine Kurve. Dort waren nur wenige Häuser an den Kirchenhügel angesetzt. Auf sie folgte ein kleiner Freiraum und auf diesen die Grafenburg. Im Wesentlichen bestand sie aus dem hohen, steinernen Haus des Rentmeisters. Ein paar Nebengebäude innerhalb einer starken Mauer machten sie zu einer kleinen, abgeschlossenen Welt innerhalb der Stadt. An das Tor mit den dicken Bohlen musste ich lange klopfen, bis man mir öffnete. Ich erfuhr später, dass die Leute den Tag über lieber ein kleines Türchen auf der Rückseite benutzten, um in den Komplex zu gelangen. Ein alter Pferdeknecht öffnete mir schließlich und grüßte freundlich. Als ich ihm mein Anliegen erklärt hatte, nickte er und führte mich zum Drosten. Dieser wohnte ebenfalls mit seiner Familie im Renteihaus. Er war der erste Mann des Amtes Bochum und kümmerte sich hauptsächlich um das Umland. Der Rentmeister dagegen war nicht nur Schatzmeister, sondern auch für die Angelegenheiten des Grafen innerhalb der Stadt zuständig. Auch der Droste, Herr Sander von Galen, empfing mich sehr freundlich. Ich war ihm ja angekündigt worden. Er war ein Mann in den mittleren Jahren, der gerne Löcher in die Luft starrte. Ohne Zweifel war er nur durch seine Familie zu dem Amt gekommen. Ein Steinchen fügte sich für mich ins Bild. Dieser Mann sah zwar kräftig und gesund aus, aber nicht wie ein Krieger. Sicherlich würde er nicht wirklich etwas von Befestigungen und Wehranlagen verstehen. Was er aber dafür sehr wohl verstand, war, seine Gäste zu bewirten. Erst nach einem kräftigen Essen mit dicker Wurst und weißem Brot entließ er mich wieder. Vorher hatte er mir noch gesagt, wohin ich mich wenden sollte. Meine neue Wohnung lag im Butenbergtor. Dieses war weiter ausgebaut als die anderen Bochumer Stadttore zu einer großen, geziegelten Anlage mit weiten Fensterbögen. Einige etwas vorwitzige Bürger bezeichneten es deshalb sogar als Burg. Es beinhaltete auch die Räume der Wache, der ich nun als Burggraf ebenfalls vorstand. Ich musste lächeln, als ich sah, dass die Frau des Rentmeisters eine Messingvase mit einem Strauß Blumen in meine neue Schlafkammer hatte stellen lassen. In den nächsten Tagen ritt ich noch mehrfach nach Blankenstein und wieder zurück. Zuletzt holte ich meine Bücher. Ich besaß fünf. Neben meinem Siger hatte ich noch einen grundlegenden Aristoteles- Kommentar. Aus den beiden Werken leitete ich meine persönliche Philosophie ab. Mehr aus praktischen Gründen heraus besaß ich auch die Kriegslehre des Vegetius. Dazu kam ein kleines, selbst geschriebenes und gemaltes Wappenbuch. Den Schluss bildete ein einfacher Druck über Brettspiele, den ich ein Jahr zuvor zu einem unglaublich niedrigen Preis hatte erstehen können. Der Händler hatte kaum den Gegenwert von einem Dutzend Hühnern für das Büchlein haben wollen. Natürlich lag das auch an dem billigen Papier, das die Preise für Bücher immer weiter fallen ließ. Aus gutem Pergament war ohnehin nur jenes eine Buch, das ich besser nicht jedem zeigte. Ich entschloss mich, während der nächsten Zeit nach weiteren Büchern in Stadt und Umland Ausschau zu halten. Ich wurde fündig. Natürlich gab es Dutzende von Stundenbüchern und alle Arten heiliger Schriften. Beim Pfarrer fand ich außerdem unter einem Messbuch, eingeschlagen in feines Tuch, ein weiteres Büchlein. Als er sich einen Moment abgewandt hatte, schlug ich das Tuch vorsichtig zur Seite, um zu sehen, was es war. In den nächsten Stunden kam ich dann aus dem schallenden Lachen nicht mehr heraus. Ich muss die ganze Stadt zusammengeschrien haben. Es war eine Ausgabe von Ovids Liebeskunst. Der Pfarrer zauberte rasch eine merkwürdige Geschichte hervor, dass er das Buch geerbt hätte und nun die Welt davor beschützen würde. Ich glaubte sie ihm nicht. Die Mönche ihrerseits hatten gleich drei umfangreiche Liederbücher. Sie gaben sich volksnah und praktizierten deshalb auch gerne und häufig die heiligen Gesänge. Auch einfachen Bauernliedern waren manche von ihnen nicht abgeneigt. Leider vermisste ich jedoch die Minnegesänge, die der Graf auf Blankenstein besessen und zu denen ich Zugang gehabt hatte. Doch auch einfachere Leute besaßen hier Bücher. Ein Bürger, der Baumeister war, hatte einen uralten Schrieb über Geometrie und Architektur. Das Werk war leider in einem grauenvollen Zustand. Gut gepflegt dagegen war der Physiologus, den der ansässige Bader besaß. Überhaupt fiel mir auf, dass eher jeder sechste als jeder zwölfte Bürger der Stadt tatsächlich lesen konnte. Sie hatten sich wohl von ihrem Wappen anregen lassen. Auch im Umland entdeckte ich einiges. Der alte Herr auf Haus Rechen besaß ebenfalls ein Spielebuch. Kurz entschlossen tauschten wir unsere beiden Werke auf Jahr und Tag. Während der langen, stillen Winterabende erwies sich das als kluge Entscheidung. Manche Brettspiele waren nicht nur neu für mich, sondern auch schnell in ein Stück Holz geritzt. So konnte man sich gut die Abende vertreiben. Einen wahren Schatz entdeckte ich noch: Die alte Herrin auf der kleinen Burg Wiesche bei Harpen nannte eine lateinische Ausgabe vom Reisebericht des Marco Polo ihr Eigen. Sie war sehr besorgt darum und wollte das Buch nicht verleihen. Darum las ich es bei ihr. Über den Bericht und unsere Diskussionen darüber wurden wir gute Freunde. Ich zeigte ihr meinen Siger. Nach anfänglichem Zögern nahm sie letztlich mehrere Ideen des großen Denkers an, wenn auch nicht alle. Bis auf die Bücher und Spiele kümmerte ich mich tatsächlich längere Zeit um die Wälle von Bochum. Sogar meine Übungen mit dem Schwert vernachlässigte ich deswegen. Mir blieb nicht viel Anderes übrig. Ich hatte lediglich vier Waffenknechte, die mir unterstanden, und diese waren ständig außerhalb der Stadt unterwegs. Sie liefen den Hellweg hinauf und hinunter, um dort nach dem Rechten zu sehen. Ich begutachtete also die Wälle und stellte alsbald fest, dass man im vergangenen Jahr an manchen Stellen die damals noch üppigen Brombeerranken herausgerissen hatte. Dadurch waren Löcher entstanden und die Erde war ins Rutschen gekommen. Auf meine Frage, warum man die Ranken entfernt hatte, erfuhr ich, dass sich wohl ein paar Kinder darin verletzt hatten. Die Wege wären zu schmal und zu gefährlich gewesen. Also sollten sie die Brombeeren nun außerhalb pflücken. Verärgert befahl ich eine Wiederbepflanzung. Wenn die Leute sich im Sommer die Beeren holen wollten, sollten sie bitteschön Leitern anlegen. Wege durch den Wall hingegen waren nicht im Sinne der Verteidigung; Dornenranken und ein fester, steiler Abhang schon eher. Die Hölzer oben auf dem Wall waren zum Glück noch in annehmbarem Zustand. Dennoch ist die Instandhaltung von Stadtwällen eine mühselige Angelegenheit. Das ist einer der Gründe, warum so viele Städte lieber Geld ausgeben und Mauern errichten. Vernünftige Tore muss man immer mauern, da führt kein Weg daran vorbei. Doch Mauern haben neben den hohen Baukosten noch einen weiteren Nachteil: Man kann sie mit Geschützen fast vollständig vernichten. Bei Wällen geht das nicht. Deshalb gibt es manchmal sogar Leute, die auch für sehr große und reiche Städte lieber ganz bewusst Wälle fordern. In meinem Fall hatte ich allerdings das Problem, dass ich die Wälle kaum vollständig von eigener Hand ausbessern konnte. Ich brauchte Hilfe. Droste und Rentmeister meinten beide einhellig, dass sie dafür keine Leute entbehren könnten; ich sollte mich an den Bürgermeister wenden. Der wäre schließlich gleichzeitig auch Schultheiß, und damit als Richter auch für die Büttel zuständig. Der Bürgermeister und Schultheiß wiederum meinte, die Pflichten für den Wege- und Festungsbau seien bereits klar verteilt. Für die Wälle und Mauern wäre von jeher der Graf zuständig, da Bochum kein eigenes Befestigungsrecht hätte. Es war wie verhext. Ich musste ziemlich laut werden und wortreich mögliche Gefahren beschreiben, ehe der Mann überhaupt zu der Überzeugung gelangte, dass ich nicht so einfach gehen würde. Missmutig gab er mir schließlich sein Wort, beim Hauptmann der Junggesellen in meinem Sinne vorzusprechen. Zunächst stutzte ich bei dem Begriff, verstand aber schnell, dass es sich bei diesen Leuten um die örtliche Bürgerwehr handelte. Als ich Hauptmann Stefan dann endlich traf, änderte sich alles. Plötzlich hatte ich einen verständigen Mann gefunden, der die Notwendigkeit der Befestigung nicht nur sofort einsah, sondern auch bereit war, zu helfen. Bereits am nächsten Tag erschien ein Dutzend junger Männer bei mir und begann unter meiner Anleitung, Wall und Graben auszubessern. Ich erfuhr dabei, dass es in dieser Stadt Brauch war, als unverheirateter Mann freier Herkunft regelmäßig an Wehrübungen teilzunehmen. Meistens traf man sich dazu einmal in der Woche zum Bogenschießen. Einige der Junggesellen bevorzugten dagegen auch Armbrüste oder Piken verschiedener Art. Ihre wenigen Schwerter dagegen wussten sie nicht recht zu führen. Insgesamt konnte ich durchatmen, nachdem ich erst einmal mit ihnen bekannt geworden war. Die Junggesellen waren ein fröhlicher Haufen, der durchaus willens und in der Lage war, seine Heimatstadt zu verteidigen. Und sie waren bereit, in Vorbereitung dazu auch die Wälle auszubessern. Ich fühlte mich gelöst. Nun war ich wirklich angekommen im Bochum des Jahres 1386.


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