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Belletristik
Buch Leseprobe Verführt! Ein Model für Alex, Isabella Defano
Isabella Defano

Verführt! Ein Model für Alex


Der de Luca Clan (Band 2)

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Prolog

 


Fröhlich und vergnügt fuhr Alexander an diesem Tag schon früher nach Hause. Gut, es hätte noch einiges zu tun gegeben, doch nach dem Gespräch mit seinem jüngeren Bruder Raphael hatte sich Alexander nicht mehr auf seine Arbeit konzentrieren können. Sein kleiner Bruder wollte heiraten und er sollte der Trauzeuge sein. Wer hätte gedacht, dass es nach all den Problemen schließlich ein Happy End geben würde. Als Alexander über die bevorstehende Hochzeit seines kleinen Bruders nachdachte, musste er an seine eigene Verlobte denken. Bisher hatten sie immer nur theoretisch über eine Hochzeit gesprochen. Aber nach dem Gespräch mit seinem Bruder erkannte Alexander, dass es langsam Zeit wurde, den nächsten Schritt zu wagen. Gut, Tayna war erst 21, aber er würde noch dieses Jahr seinen 30. Geburtstag feiern. Langsam wurde es Zeit, sesshaft zu werden und über Kinder nachzudenken. Er würde noch heute Abend mit Tayna darüber sprechen. Wer weiß, vielleicht konnte er im nächsten Jahr schon seinen eigenen Sohn oder seine Tochter im Arm halten.


Nur wenige Minuten später parkte Alexander seinen Wagen vor seinem Mietshaus im Stadtteil Venice. Als er auch den Wagen seiner Verlobten vor dem Haus stehen sah, ging er schnell hinein. Sie wollte heute an einem Vorstellungsgespräch bei einem bekannten Fotografen teilnehmen. Eventuell würde dieser Mann Tayna gleich für einen Auftrag engagieren. Dies könnte der Durchbruch für ihre Karriere sein, denn bisher waren gute Modelangebote für seine Verlobte noch Wunschträume. Als Alexander Tayna weder in der Küche noch im Wohnzimmer oder am Pool finden konnte, ging er hoch ins Schlafzimmer. Vielleicht hatte sie sich etwas hingelegt und er konnte ihr Gesellschaft leisten. Doch schon auf dem Weg nach oben hatte er ein seltsames Gefühl, irgendetwas schien nicht zu stimmen. Als Alexander die Tür zu seinem Schlafzimmer aufmachte, konnte er es sehen. Seine Verlobte, in den Armen eines anderen Mannes. Auch Tayna bemerkte ihn jetzt, doch bevor sie etwas sagen konnte, ging er ohne ein weiteres Wort aus dem Zimmer.


Es dauerte fast zehn Minuten, bis Tayna in Alexanders Arbeitszimmer auftauchte. Sie hatte sich inzwischen etwas angezogen, trotzdem konnte Alexander das Bild nicht verdrängen. Wieder musste er gegen eine Übelkeit ankämpfen. Er konnte nicht glauben, dass seine wunderschöne Verlobte mit diesem alten Typen ins Bett gegangen war.


„Du bist heute schon früh zu Hause!“


Ohne ein Gefühl von Reue ging Tayna auf Alexander zu und wollte ihn umarmen, doch er zuckte sofort zurück. Wütend und angeekelt sah er sie an.


„Ist das alles, was du zu sagen hast? Glaubst du, dein Betrug wäre sonst weniger schlimm? Wie lange betrügst du mich schon? Von Anfang an?“


Alexander schüttelte den Kopf und setzte sich an seinen Schreibtisch. Tayna hingegen lachte kurz auf.


„Komm schon, Alex! Betrug! Ich habe dich nicht betrogen, immerhin wusstest du von dem Vorstellungstermin.“


Fassungslos schaute Alexander Tayna an.


„Das ist doch wohl ein Witz! Du hattest in der letzten Zeit einige Vorstellungsgespräche. Ich wusste aber nicht, dass du dich als Hure bewirbst.“


Nun wurde auch Tayna langsam sauer.


„Jetzt reicht es aber! Ich lass mich von dir nicht als Hure beschimpfen. Ich bin Model. Doch, um Aufträge zu bekommen, muss ich erst einmal bekannt werden. Gut, vielleicht schlafe ich dafür mit ein paar Männern. Na und?! Es ist doch nur Sex. Als Gegenleistung erhalte ich gute Aufträge. Außerdem ist Marvin Thorn einer der Topleute. Durch ihn komme ich mit guten Auftraggebern in Kontakt. Also bleib locker.“


Taynas Worte hatten Alexander die Sprache verschlagen. Wer ist diese Frau? Habe ich mich so in ihr getäuscht? Noch vor einer halben Stunde wollte er sie so schnell wie möglich heiraten und mit ihr eine Familie gründen. Doch inzwischen wurde ihm schon bei dem Gedanken, sie anzufassen, schlecht.


„Sorry, aber ich kann nicht locker bleiben. Ich wünsche mir eine Frau und Kinder. Kein Model, welches ständig mit anderen Kerlen ins Bett steigt. Wenn du so leben willst, bitte. Aber dann ist es mit uns aus.“


Abfällig sah Tayna Alexander an.


„Kinder? Das ist nicht dein Ernst! Glaubst du wirklich, ich möchte mir meine gute Figur durch eine Schwangerschaft ruinieren? Meine Karriere fängt gerade erst an. Außerdem lass ich mir von dir nicht vorschreiben, welchen Job ich ausführen soll. Ich bin Model. Das ist mein Beruf. Da kannst du doch nicht so spießig sein. Schließlich habe ich auch nichts dagegen, wenn du zu deinen ewig langen Geschäftsessen gehst.“


Mit jedem Wort wurde Tayna immer lauter. Schließlich schrie sie ihm die letzten Worte fast entgegen. Doch Alexander zeigte sich völlig unbeeindruckt.


„Tja, ich schätze, wenn ich dabei mit jeder Frau schlafen würde, hättest du mit Sicherheit etwas dagegen. Doch wie gesagt, es ist deine Entscheidung. Du möchtest Model sein und weiter als Gegenleistung für Aufträge Sex anbieten? Gut, ich werde dich nicht aufhalten. Aber mit uns ist es aus.“


Plötzlich stand er auf und ging direkt auf sie zu.


„Ich möchte, dass du sofort mein Haus verlässt.“


Tayna bekam einen leicht panischen Gesichtsausdruck. Damit hatte sie nicht gerechnet.


„Ich bitte dich, Alex! Das ist nicht dein Ernst! Wir wollen doch bald heiraten.“


Alexander schüttelte mit dem Kopf.


„Wir wollten, und das ist ein großer Unterschied. Deinen Ring kannst du behalten, doch in diesem Haus möchte ich dich nicht mehr länger sehen.“


„Wo soll ich denn hin?“, fragte Tayna leise. „Du weißt doch, dass ich kaum Geld habe. Ich kann mir allein keine Wohnung leisten.“


Alexander blieb hart und unnachgiebig.


„Es ist nicht mein Problem. Du kannst ja zu deinem Topfotografen ziehen. Außerdem bin ich sowieso nicht mehr lange in Amerika. Bereits in ein paar Monaten kehre ich nach Deutschland zurück.“


Unter Tränen packte Tayna ihre persönlichen Sachen zusammen. Immer wieder sah sie Alexander an, doch sein Blick blieb kalt und ausdruckslos. Dabei redete sie auf ihn ein. Wollte ihn überzeugen, dass es nicht wieder vorkommen würde. Aber Alexander glaubte ihr nicht. Im Gegenteil! Ihm war klar, wenn er jetzt nachgab, würden sie in einigen Tagen an der gleichen Stelle stehen. Der Modelberuf war Tayna viel zu wichtig. Niemals würde sie für ihn ihren großen Traum aufgeben.


Gut eine Stunde später, ging die junge Frau schließlich zu ihrem Wagen und fuhr davon. Erst jetzt erlaubte sich Alex, die Maske fallen zu lassen. Es tat weh! Gut, sie hatte ihm nicht das Herz gebrochen. Immerhin hatte er sich Tayna damals aufgrund ihres Aussehens und ihrer Qualitäten im Schlafzimmer ausgesucht. Trotzdem konnte sich Alexander nur schwer mit der Trennung abfinden, denn nun würde er noch länger auf eigene Kinder warten müssen.


Plötzlich rief sich Alexander selbst zur Ordnung.


„Ich brauche doch Tayna nicht, um ein eigenes Kind zu bekommen. Ab nächstes Jahr bin ich in Deutschland. Ich werde mir einfach dort eine passende Frau suchen. Nur um Frauen wie Tayna werde ich in Zukunft einen großen Bogen machen.“


 


 


1. Kapitel

 


10 Monate später.


 


Langsam machte sich Ronja für das nächste Fotoshooting fertig. Nur noch wenige Tage, dann würde ihre Arbeit als Model endlich enden. Dank ihres Großauftrages in Amerika und dem exklusiven Shooting in Zürich verfügte sie nun über genügend Geld. Jetzt stand ihrer Firmengründung für Inneneinrichtungen nichts mehr im Weg. Sobald ihre letzte Vergütung auf dem Konto einging, konnte sie mit der Suche nach einer geeigneten Wohnung beginnen. Natürlich war Ronja klar, dass es nicht einfach werden würde. Schließlich gab es viele ausgebildete Fachkräfte, die deutlich mehr Erfahrung besaßen. Doch sie konnte es sich leisten, es wenigstens zu versuchen. Da sie ihre Firma erst einmal von zu Hause aus leiten wollte, würden keine zusätzlichen Kosten für Büroräume anfallen. Insgesamt hatte sie so genügend Geld für mindestens zwei Jahre. Sollte ihr Geschäft bis dahin immer noch nicht erfolgreich sein, würde sie halt wieder als Model arbeiten, oder etwas ganz anderes wagen.


„Schließlich bin ich erst 20 Jahre alt! Also jung genug, um so ein finanzielles Risiko einzugehen.“


Ganz in Gedanken versunken, bemerkte Ronja nicht, dass sie plötzlich nicht mehr alleine in der Umkleidekabine war.


„Ronja? Komm schon! Es geht gleich los.“


Ronja schreckte hoch, als ihre Kollegin und Freundin Malena Borchardt leicht ihre Schulter berührte. Schon seit fast zwei Jahren arbeiteten sie für die gleiche Modelagentur. Sie sahen sich sogar irgendwie ähnlich, sodass viele Kollegen sie für Schwestern hielten. Beide besaßen sie grasgrüne Augen und eine schlanke Gestalt. Lediglich die Haarfarben unterschieden sich leicht. Denn während Ronjas dunkelrote Locken ihr fast bis zum Po reichten, zeigten sich Malenas schulterlange Haare in einem leichten Rotblond.


„Ich bin gleich fertig!“, antwortete Ronja schnell, als sich ihr Herzschlag langsam wieder normalisierte.


Malena nickte und ging hinaus. Da Alissa Scheidt, die dritte im Bunde, noch nicht aufgetaucht war, wollte Malena sie suchen gehen.


Ronja hingegen drehte sich zum Spiegel um und beeilte sich mit dem Schminken, ohne dabei jedoch viel Freude zu empfinden. Normalerweise konnte sie mit Make-up nicht viel anfangen. Privat würde sie sich diese Chemie niemals antun. Doch zu ihrer Arbeit als Model gehörte es nun einmal dazu, und notgedrungen musste Ronja damit leben. Jedoch konnte sie nicht verstehen, warum so viele Frauen privat Make-up benutzten. Immerhin gab es genügend Möglichkeiten, auch ohne dieses Make-up-Programm gut und schön auszusehen.


Wieder freute sie sich, dass dies alles nun bald enden würde. Bereits vor über einem Jahr hatte dieser Beruf seinen Reiz verloren. Jung und naiv, wie sie damals gewesen war, hatte sie den Versprechungen eines Mannes vertraut. Jedoch ging es ihm immer nur um das Eine. Tja, und als er es bekommen hatte, verlor er sofort sein Interesse. Seit diesem Erlebnis spielte Sex für Ronja keine Rolle mehr. Ehrlich gesagt konnte sie sowieso nicht begreifen, warum so viele Frauen davon schwärmten. Sex war erniedrigend und tat weh.


 


Als die Tür laut zugeknallt wurde, drehte sich Ronja erstaunt um. Kopfschüttelnd sah sie zu der jungen Frau hin, die sich schnell an ihren Schminktisch setzte. Schon zum vierten Mal in dieser Woche kam Alissa zu spät.


„Wurde auch langsam Zeit, dass du kommst! In wenigen Minuten geht es schon los! Mick mag es gar nicht, wenn wir ihn warten lassen.“


Aber wie immer stießen Ronjas Worte auf taube Ohren. Inzwischen machte sich Alissa nicht einmal mehr die Mühe, zu antworten. Stattdessen sah sie Ronja kurz abfällig an. Alissa Scheidt gab nicht viel auf die Meinung anderer. Im Gegenteil! Normalerweise ließ sie Ronja und Malena links liegen. Sogar auf gemeinschaftliche Aktivitäten am Abend legte sie keinen wert. Für Alissa zählte nur der Erfolg, alle anderen Models waren Konkurrenten.


Am Anfang hatte Ronja noch versucht, ihr zu helfen, damit sie sich in diesem Modedschungel zurechtfand. Leider wollte die junge Frau nicht einmal zuhören. Stattdessen versank das Model immer mehr im Modesumpf, denn für sie zählte nur der schnelle Erfolg. An die Folgen dachte sie nicht. Sie wurde zu einem Model, wie es sich viele Leute vorstellten. Für gute Aufträge setzte Alissa sogar ihren Körper ein, ohne zu ahnen, dass sie dadurch immer mehr von sich verlor. Dabei wusste Ronja nur zu gut, dass sich dieses Verhalten auf die Dauer nicht lohnte. Irgendwann waren Models wie sie verbraucht und niemand hatte dann noch Interesse an einer professionellen Zusammenarbeit. Schon so oft hatte Ronja dies erlebt, doch von alle dem, wollte Alissa nichts wissen.


„Du bist nur neidisch, weil ich erfolgreicher bin als du!“, hatte die junge Frau Ronja vorgeworfen. „Wie lange bist du schon dabei? Fast vier Jahre. Ich arbeite erst seit einigen Monaten für die Agentur und wurde jetzt schon für dieses Exklusivshooting ausgewählt. Meine Karriere läuft fantastisch, also komm mir nicht mit diesem Mist. Du willst mich nur verunsichern. Aus diesem Grund spielst du dich auch immer als Moralapostel auf.“


 „Wenigstens kann ich mich noch im Spiegel anschauen, ohne mich zu schämen“, hatte Ronja geantwortet und konnte Alissa nur kopfschüttelnd ansehen.


Es war kaum zu glauben, welchen Unsinn sich die junge Frau ausdachte. Schließlich hatte ihre Art zu Arbeiten kaum mit wirklichem Erfolg zu tun. Trotzdem, Ronja machte sich ab diesem Tag nicht mehr die Mühe, mit Alissa zu sprechen. Sollte sie doch ihren Weg gehen. Irgendwann würde sie erkennen, dass Ronjas Warnungen ernst gemeint waren. Leider konnte es zu diesem Zeitpunkt für Alissa schon zu spät sein.


 


Wenige Minuten später stand Malena in der Tür und holte Ronja in die Gegenwart zurück. Mit ihren 18 Jahren war sie das jüngste Model in ihrer Runde. Und, wie Ronja fand, auch das vernünftigste. Mit einem kurzen Blick auf Alissa wandte sie sich Ronja zu.


„Ich habe gerade erfahren, dass Mick Selent plötzlich krank geworden ist. Wahrscheinlich irgendetwas mit dem Blinddarm. Der Boss ist total am Ausflippen. Gerade jetzt! Schließlich arbeitet er schon ewig mit dem gleichen Fotografen zusammen. Auf jeden Fall braucht ihr euch jetzt nicht mehr zu beeilen. Sie müssen erst schauen, wie es weitergeht.“


Genervt stand Ronja auf.


„Das kann doch nicht wahr sein! Wir waren doch schon fast fertig. Morgen sollten die letzten Aufnahmen gemacht werden.“


„Ich weiß!“, sagte Malena geknickt und zuckte mit den Schultern.


„Tja! Ich schätze mal, es wird sich nach hinten verschieben, außer Herr Keber findet schnell Ersatz.“


Ronja schüttelte mit dem Kopf und setzte sich hin.


„Die Zeit habe ich aber nicht. Meine Freundin Lara heiratet am Wochenende ihren Verlobten Raphael de Luca und ich bin die Brautjungfer. Sie haben extra bis Februar gewartet, damit ich dabei sein kann. Wenn sich das Shooting jetzt verschiebt, kann ich es zeitlich nicht mehr schaffen. Schließlich muss ich von Zürich erst einmal nach München fahren.“


„Tja, dann musst du wohl entscheiden, was dir wichtiger ist!“


Mit einer Spur von Arroganz in der Stimme wandte sich nun Alissa dem Gespräch zu.


„Ich für meinen Teil würde gar nicht erst groß darüber nachdenken. Deine Freundin muss halt ohne dich feiern. So wichtig ist eine Hochzeit nun auch wieder nicht.“


Spöttisch sah sie Ronja mit ihren blau-grauen Augen an und strich sich eine lange braune Strähne hinters Ohr. Kurz darauf ging sie an den beiden Frauen vorbei und verließ die Umkleidekabine. Kopfschüttelnd sah Malena ihr hinterher.


„Irgendwann wird sie mit diesem Verhalten einmal richtig auf die Nase fallen. Ich hoffe nur, dass sie vorher zur Vernunft kommt.“


„Vergiss es, Lena. Da sie mit dem Leiter der Agentur schläft, hält sie sich für etwas Besseres. Ich habe versucht, mit ihr zu reden, doch ohne Erfolg. Stattdessen hat sie mir vorgeworfen, ich sei neidisch auf sie. Tja, ich schätze, solange sie so an Aufträge kommt, wird sie ihre Taktik nicht ändern. Dabei hat sie wirklich Talent. Mit ein wenig Arbeit und Ausdauer hätte sie auch ohne Sex erfolgreich werden können.“


Malena sah Ronja an.


„Vielleicht, doch bestimmt nicht innerhalb von einem Jahr. Ich arbeite nun schon seit fast zwei Jahren für die Agentur und erst in diesem Jahr habe ich diesen Auftrag erhalten. Sonst waren meine Einsätze lange nicht so exklusiv. Im Gegenteil! Am Anfang musste ich um jeden Job geradezu betteln.“


„Das ging mir auch nicht anders. Geschenkt wird einem hier nichts. Doch für mich ist ein guter Name und Fleiß viel wichtiger als eine schnelle Nummer im Bett. So verschafft man sich Respekt und wird in der Branche ernst genommen. Alissa hingegen wird wohl eher so enden wie Nora und Sophie. Die beiden haben bereits seit Monaten keine seriösen Aufträge mehr bekommen.“


Malena gab ihrer Freundin recht. Die beiden Frauen hatten damals mit ihr zusammen angefangen. Durch ihre intimen Kontakte wurden sie schnell für lukrative Events gebucht. Umso tiefer war der Fall, als solche Angebote ausblieben.


Auch Malena hätte es einfacher haben können. Immer wieder gab es eindeutige Angebote. Doch dank Ronja hatte sie schnell gelernt, diese Einladungen richtig zu deuten. Auf diese Weise konnte es gar nicht erst zu Missverständnissen kommen.


Plötzlich ging die Tür auf.


„Wir sollen sofort zum Boss!“


Mit diesen Worten ging Alissa wieder davon. Verwundert sahen sich die beiden Frauen an. Schließlich folgten Malena und Ronja aber ihrer Kollegin.


 


Als die drei Models im Büro des Auftraggebers eintrafen, war dieser nicht allein im Zimmer. Lässig am Fenster gelehnt stand ein großer Mann mit braunen Haaren, der die jungen Frauen mit seinen grünen Augen eindringlich musterte. Ronja lief es kalt den Rücken herunter. Für ihren Geschmack waren seine Blicke viel zu anzüglich. Plötzlich ergriff ihr Auftraggeber, Herr Keber, das Wort und Ronja erstarrte.


„Schön! Ich nehme einmal an, ihr habt bereits von unserem Problem gehört. Da Mick Selent plötzlich als Fotograf ausfällt, mussten wir schnell einen Ersatz finden. Zum Glück konnte Mick uns einen seiner Freunde empfehlen. Dies ist Jack Sanders, ein ausgezeichneter Fotograf mit den besten Referenzen. Er wird Micks Arbeit beenden. Somit sollten wir unseren Zeitplan einhalten können.“


Ronja war fassungslos. Er als neuer Fotograf, das kann heiter werden. Bereits jetzt zieht er uns mit seinen Blicken fast aus. Wie soll es erst werden, wenn wir im Badeanzug vor ihm stehen? Ronja kannte seinen Typ nur zu gut. In den Jahren ihrer Arbeit als Model war sie schon oft solchen Männern begegnet. Für sie waren Models Freiwild, nicht viel besser als Mädchen von der Straße. Sagte man zu ihnen „Nein“, konnten sie sehr ungemütlich werden. Einmal hätte Ronja deswegen fast einen Auftrag verloren, denn aus Wut erzählte der Mann überall herum, sie würde schlechte Leistungen bringen. Zum Glück für sie kannte ihr Auftraggeber seine Masche bereits. Am Ende musste er gehen und nicht Ronja.


Bevor Ronja die Nachricht richtig verdauen konnte, kam Jack Sanders auf die Frauen zu.


„Malena Borchardt, Alissa Scheidt und Ronja Kaiser. Es freut mich, euch kennenzulernen. Ich bin sicher, wir werden gut zusammenarbeiten.“


Nacheinander gab er jeder Frau die Hand. Nur widerwillig ließ Ronja es zu. Dabei hielt er ihre Hand viel länger als notwendig und sah sie mit einem interessierten Blick an. Schnell entzog sie ihm ihre Hand, denn sie wollte von Anfang an klare Verhältnisse schaffen. Tief atmete sie durch. Zum Glück waren sie fast fertig.


Jack Sanders schien dieses Verhalten zu belustigen. Noch immer sah er Ronja mit einem Ausdruck in den Augen an, der ihr eine Gänsehaut verursachte. Am liebsten hätte sie etwas gesagt, aber um die Aufnahmen nicht weiter zu verzögern, schluckte sie ihre Wut herunter. Plötzlich wandte sich Jack Sanders wieder seinem neuen Auftraggeber zu.


„Wir sollten keine Zeit mehr verlieren. Ich hole noch schnell den Rest meiner Ausrüstung, dann können wir mit den Aufnahmen beginnen. Keine Sorge, wir werden rechtzeitig fertig sein.“


Mit diesen Worten verließ er das Büro. Schweigend folgten ihm Ronja und die anderen Models. Und während der neue Fotograf seine Ausrüstung holte, machten sie sich auf den Weg zur Umkleidekabine.


 


Als das Shooting endlich zu Ende war, wollte Ronja nur noch auf ihr Zimmer. So anstrengend war ihr Arbeitstag noch nie gewesen. Immer wieder mussten sie die Einstellungen wiederholen, weil angeblich etwas nicht stimmte. Dabei fragte sich Ronja jedes Mal, ob Jack Sanders die Aufnahmen absichtlich vermasselte. Schließlich fiel es irgendwann schon auf, dass nur ihre Bilder mehrmals geschossen werden mussten.


Dann kam es auch noch zum Streit, denn als sie sich oben herum komplett ausziehen sollten, hatte sich Ronja geweigert. Nacktaufnahmen, selbst wenn nur halb nackt, lehnte sie ab. Zum Glück gab es in ihrem Vertrag eine entsprechende Klausel, sodass Jack Sanders sie nicht zwingen konnte. Trotzdem bedachte er ihre Weigerung mit einem spöttischen Lächeln.


„Ich verstehe nicht, warum du dich so darüber aufregst, Süße. Bei deiner Arbeit als Model sollten dich solche Bilder nicht weiter stören.“


Daraufhin wurde Ronja noch wütender.


„Herr Sanders! Wie Sie bereits festgestellt haben, bin ich ein Model. Ich führe Kleidungsstücke vor und nicht meinen Körper.“


Wieder einmal verfluchte Ronja ihre Berufswahl. Sie hatte es endgültig satt, als ein Stück Fleisch angesehen zu werden. Ja, mit 16 war dieses Angebot ein Traum gewesen. Schließlich hatte Ronja schnell gemerkt, dass sie sich nicht als Verkäuferin eignete. Doch jetzt mit 20 wollte sie aussteigen. Gut, es war nicht das erste Mal, dass sie solche Geschichten erlebte. Immer wieder versuchten Fotografen, mehr für ihr Geld zu bekommen. Jedoch schien dieser Jack Sanders ihr irgendwie unheimlicher. Ja, schon fast besessen. Nach dem Shooting wollte er sie sogar zu einem Essen einladen, um ihre Spannungen abzubauen. Doch selbst ihren Kolleginnen war es nicht entgangen, dass er damit etwas ganz anderes meinte. Natürlich sagte sie „Nein!“ Nie würde sie sich auf Männer wie ihn einlassen. Und zum Glück sah es so aus, als hätte er ihre Entscheidung akzeptiert. Jedenfalls war er gleich nach dem Shooting verschwunden.


 


In ihrem Zimmer angekommen, wollte sie schnell unter die Dusche und danach ins Bett. Morgen musste sie früh aufstehen, denn sie wollte noch Geschenke für den Geburtstag ihrer Nichten einkaufen. Eigentlich waren Amanda und Alexa nicht wirklich ihre Nichten, doch deren Mutter Larissa war für sie wie eine Schwester. Nachdem sie sich in einer Pflegefamilie kennenlernten, wurden sie unzertrennlich und selbst ihre Arbeit als Model konnte an dieser Freundschaft nichts ändern. Nun würde Larissa in Kürze den Vater ihrer Töchter heiraten.


Als Ronja gerade ins Badezimmer gehen wollte, nahm sie plötzlich hinter sich eine Bewegung wahr. Schnell drehte sie sich um. Auf der anderen Seite des Raumes stand Jack Sanders.


„Was suchen Sie in meinem Zimmer?“


Obwohl Ronja es versuchte, konnte sie die leichte Panik in ihrer Stimme nicht verbergen. Das kann nicht wahr sein. Woher hat er einen Schlüssel für mein Hotelzimmer?


„Na ja, du wolltest ja nicht mit mir essen gehen. Also dachte ich mir, wir können auch gleich den nächsten Schritt machen.“


Sein anzügliches Lächeln verschaffte ihr eine Gänsehaut. Langsam kam er auf Ronja zu und sie ging ein paar Schritte zurück. Doch schon kurze Zeit später stand Ronja an der Wand.


„Ich habe keine Ahnung, wovon Sie reden. Verlassen Sie sofort mein Zimmer oder ich rufe den Sicherheitsdienst.“


Ronja war klar, dass sie nur bluffte. Sie würde es niemals bis zum Telefon schaffen, trotzdem hoffte sie, er würde gehen. Leider hatte sie nicht so viel Glück.


„Stell dich nicht so an. Ich habe bereits mit dem Hotelpersonal besprochen, dass wir uns gerne ein Zimmer teilen. Ich habe bisher noch jede Frau bekommen, die ich will. Und jetzt will ich dich! Wir werden viel Spaß miteinander haben.“


Als Jack Sanders sie kurz darauf gegen die Wand drückte und zu küssen begann, stieß Ronja ihm ein Knie zwischen die Beine. Vor Wut und Schmerz schrie er auf. Ronja nutzte die Zeit und lief zur Tür, doch schon nach wenigen Schritten hatte er sie eingeholt. Laut schrie Ronja immer wieder um Hilfe. Sie wusste zwar nicht, ob es etwas nützte, doch sie würde seinen Übergriff nicht so einfach hinnehmen. Zum Glück waren die Wände sehr dünn und schon nach kurzer Zeit waren Schritte zu hören. Fluchend ließ Jack Sanders Ronja los.


„Wir sind noch nicht fertig miteinander! Das verspreche ich dir!“


Kurz darauf verließ er schnell das Zimmer und Ronja sank an der Tür zusammen. Noch immer schlug ihr Herz schnell und unregelmäßig. Gleichzeitig zitterten ihre Hände und kalter Schweiß lief ihren Rücken hinunter.


 


Nur wenige Minuten später klopfte es an der Tür. Panisch versuchte Ronja, die Tür zu verbarrikadieren. Erst als sie die Stimme von Malena hörte, beruhigte sie sich leicht und öffnete ihre Zimmertür.


„Ronja? Ist alles in Ordnung? Ich konnte dich schreien hören!“


Besorgt sah Malena Ronja an. Als diese Ronjas blasses Gesicht und ihre zitternden Hände bemerkte, ging sie schnell auf ihre Freundin zu.


„Mein Gott, Ronja! Du bist ja kreidebleich. Setz dich erst einmal hin. Ich hole dir ein Glas Wasser.“


Es dauerte eine ganze Weile, bis Ronja aufhörte zu zittern. Nachdem sie sich etwas beruhigt hatte, setzte sich Malena neben sie aufs Bett.


„Was ist passiert?“, fragte sie eindringlich.


Leise und mit einem Zittern in der Stimme begann Ronja zu sprechen.


„Jack Sanders! Er war in meinem Zimmer. Scheinbar hat er das Hotelpersonal überzeugt, dass wir uns ein Zimmer teilen wollen. Erst als ich laut um Hilfe gerufen habe, ist er schließlich abgehauen. Doch ich befürchte, dass er wiederkommt. Immerhin hat er jetzt einen Schlüssel für dieses Zimmer.“


Fassungslos sah Malena ihre Freundin an. Natürlich war es ihr nicht entgangen, dass der neue Fotograf Interesse an Ronja gezeigt hatte. Jedoch hätte sie so etwas nie für möglich gehalten. Noch nie während ihrer Zeit in der Agentur waren Fotografen handgreiflich geworden. Gut, sie versuchten ihr Glück. Doch wenn man sich weigerte, akzeptierten sie es eigentlich immer, wenn auch zähneknirschend. Schließlich gab es andere Models, die ein solches Angebot gerne annahmen. 


„Du solltest Herrn Keber anrufen. Schließlich kann er nicht von uns verlangen, dass wir mit so einem Menschen zusammenarbeiten. Erst die geforderten Nacktaufnahmen und jetzt das. Ihm muss das Handwerk gelegt werden. Gleichzeitig sollten wir den Hotelchef informieren. Es kann nicht sein, dass Mitarbeiter einfach unsere Schlüssel herausgeben. Da kann ja sonst wer kommen. Wenigstens hätte man mit dir Rücksprache halten müssen.“


Ronja sah Malena verzweifelt an.


„Und wenn der Boss mir nicht glaubt? Vielleicht geht er ja davon aus, ich hätte diese Situation herausgefordert. Du weißt doch, wie es in der Modewelt ist. Wir Models gelten meist als leichte Mädchen, die für einen Auftrag alles tun. Schau dir nur Alissa an. Kein Wunder, dass Jack Sanders so leicht meinen Schlüssel bekommen konnte. Bestimmt war es dieser Typ am Empfang, der uns bereits mehrmals zu einer Privatparty einladen wollte.“


„Ich bitte dich. Als wäre dies eine Entschuldigung. Außerdem, wenn dieser Hoteltyp nicht damit klarkommt, dass wir kein Interesse an ihm haben, sollte er trotzdem seinen Job machen. Dazu gehört bestimmt nicht, wildfremden Kerlen unsere Zimmerschlüssel zu geben. Und was unseren Auftraggeber betrifft, auf mich macht er einen seriösen Eindruck. Es kann ihm nicht entgangen sein, dass du nicht zu dieser Sorte Models gehörst. Immerhin arbeitest du nicht das erste Mal für Herrn Keber. Ruf ihn an, sonst hast du beim nächsten Mal vielleicht nicht mehr so viel Glück.“


Schließlich gab Ronja nach und rief zuerst ihren Auftraggeber an. Dieser war geschockt, als er von der Geschichte hörte. Er kannte Ronja inzwischen sehr gut, da sie ja schon öfter an seinen Shootings teilgenommen hatte. Sie war eine korrekte und tüchtige Person, die immer ihr Bestes gab und sich nicht vor neuen Herausforderungen scheute. Kein Wunder, dass sie inzwischen zu seinen Stammmodels zählte. Aus diesem Grund wusste er auch, dass die junge Frau bestimmt nicht log, denn so eine Geschichte hätte sie niemals erfunden.


Kurz darauf schilderte Malena ihre Eindrücke. Dabei erwähnte sie auch, dass der Fotograf problemlos den Zimmerschlüssel für Ronjas Hotelzimmer bekommen hatte. Herr Keber fluchte laut und versprach, sich umgehend darum zu kümmern.


„Dieses Verhalten ist unentschuldbar. Ich werde sofort dafür sorgen, dass Ronja ein anderes Zimmer bekommt.“


Doch Ronja konnte ihre Angst nicht überwinden. Schon einmal hatte sich Jack Sanders ohne Schwierigkeiten ihren Zimmerschlüssel besorgt. Was wenn er es ein zweites Mal versuchte? Schließlich einigten sie sich darauf, dass Ronja das Shooting vorzeitig beenden durfte.


„Mach dir keine Sorgen, Ronja! Du hast bisher sehr gute Arbeit geleistet und bekommst natürlich dein Geld! Vielleicht ist es auch besser, wenn du die Schweiz verlässt. Dann kann dir Jack Sanders nicht noch einmal zu nahetreten. Ich melde mich bei dir, sobald es etwas Neues gibt!“


Ronja war sehr dankbar für diese Entscheidung. Mit Malenas Hilfe packte sie ihre Sachen zusammen und kurz darauf fuhren die beiden Frauen zum Bahnhof. Ronja hatte beschlossen, noch heute mit dem Nachtzug nach München zu fahren. Dort konnte sie bei ihrer Freundin Larissa unterkommen. Spätestens übermorgen wäre sie sowieso nach München gefahren, somit wäre sie etwas früher da. Vielleicht konnte sie auf diese Weise sogar noch bei den Vorbereitungen helfen. Ein gutes Mittel, um das alles zu vergessen. Schnell umarmte Ronja Malena und stieg ein. Als der Zug langsam losfuhr, atmete Ronja tief durch, doch an Schlaf war nicht zu denken.


 


 


 


2. Kapitel

 


Völlig in Gedanken versunken, ging Alexander durch die Münchner Vertriebsfiliale. Bereits seit zwei Wochen war er nun schon in München, um seinen Bruder Raphael zu vertreten. Dieser war durch seine bevorstehende Hochzeit privat ziemlich eingespannt. Aus diesem Grund beschloss Victor de Luca, ihm eine Auszeit zu geben. Für Alexander kam diese Vertretung gerade rechtzeitig, denn seit er im letzten Herbst aus Amerika zurückgekehrt war, arbeitete er mit seinem Vater in Stuttgart zusammen. Dies blieb nicht immer ohne Spannungen. Alexander war es inzwischen gewohnt, selbst Befehle und Anweisungen zu geben. Jahrelang kümmerte er sich um die unterschiedlichsten Projekte, ohne für jeden Schritt Rechenschaft ablegen zu müssen.


Umso schwieriger fiel ihm die Wiedereingewöhnung in den de-Luca-Familienbetrieb. Victor de Luca hatte jahrelang hart gearbeitet. Sein ganzes Erbe wurde in die Gründung des Modeunternehmens gesteckt. Kein Wunder also, dass es ihm schwerfiel, Abstand zu nehmen. Doch sein Vater wurde nicht jünger und als ältester Sohn sollte er einmal den Betrieb als Geschäftsführer übernehmen. Aus diesem Grund konnte er seinem Vater die Bitte, er möge zurückkommen, nicht abschlagen. Also kehrte er nach Deutschland zurück.


Der Betrieb hatte sich in den letzten Jahren deutlich verändert. Neben dem Onlineversand der de-Luca-Kleidungsstücke waren mit München, Rostock und Berlin auch neue Verkaufsstandorte dazugekommen. Kaum noch etwas erinnerte an den kleinen Familienbetrieb, den sein Vater vor fast 25 Jahre eröffnet hatte.


Aber auch privat hatte sich einiges getan, ging es Alexander durch den Kopf. Gleichzeitig begrüßte er ein paar Mitarbeiter, die ihm auf seinem Weg ins Büro entgegenkamen. Die Liebe seiner Eltern wurde mit acht Kindern gekrönt und selbst nach der Entführung ihrer jüngsten Tochter Nicole hatten seine Eltern nie die Hoffnung aufgegeben.


„Tja, und jetzt würde der Erste von ihnen heiraten!“, flüsterte Alexander und schüttelte leicht den Kopf.


Noch immer konnte er nicht glauben, dass Raphael am Ende der Woche ein verheirateter Mann sein würde. Schon als Kinder hatten sich Alexander und Raphael viel nähergestanden als nur wie Geschwister. Sie hatten alle Geheimnisse geteilt und immer zusammengehalten. Nach seinem schweren Autounfall, vor gut zwei Jahren, wollte Alexander sofort nach Hause kommen. Leider konnte er damals aus Amerika nicht weg. Er steckte mitten in einem wichtigen Projekt und musste ständig vor Ort anwesend sein. Trotzdem rief er jeden Tag bei seiner Familie an, bis Raphael schließlich wieder über den Berg war. Zum Glück waren seine Verletzungen nicht gravierend. Nur sein Gedächtnisverlust hätte ihm fast die Liebe seines Lebens gekostet. Am Ende war jedoch alles gut gegangen. Dank der Einmischung seiner kleinen Schwester Sophie hatten sie sich ausgesprochen und am Wochenende würde Raphael seine Larissa endlich heiraten.


Alexander freute sich sehr für seinen Bruder. Er schien sehr glücklich mit seiner kleinen Familie zu sein. Inzwischen waren sie mit ihren Zwillingen Amanda und Alexa sogar in ein größeres Haus umgezogen, da sie sich noch mehr Kinder wünschten. Für Alexander spielte das Thema Kinder im Moment noch keine Rolle. Er würde jetzt erst einmal seine Vertretungszeit hinter sich bringen. Sobald er dann wieder in Stuttgart war, konnte er sich nach einer passenden Mutter für seine Kinder umsehen. Jedoch anders als sein Bruder glaubte Alexander nicht an die große Liebe, stattdessen würde er nur aus Zweckgründen heiraten.


Raphael hingegen sah das anders.


„Du wirst deine Meinung ändern, wenn du die Richtige findest!“


Wieder fiel Alexander der Spruch seines Bruders ein. Raphael war schon immer ein Romantiker mit festen Prinzipien gewesen. Mit Larissa hatte er seine große Liebe gefunden. Nun sollten auch seine Geschwister, besonders sein Lieblingsbruder Alexander, ebenfalls den perfekten Partner fürs Leben finden. Doch ehrlich gesagt wollte sich Alexander gar nicht verlieben. Liebe konnte einem nur das Herz brechen. Dies konnte er schon so oft beobachten, wie beispielsweise bei seiner kleinen Schwester Emilia, deren Freund bei einem Motorradunfall gestorben war. Hilflos musste er damals mitansehen, wie sie viel zu schnell erwachsen wurde, um ihrer kleinen Tochter beide Elternteile zu ersetzen. Oder sein Cousin Juan. Als seine Frau und sein ungeborenes Kind damals bei dem Überfall starben, ist auch ein Teil von ihm gestorben. Inzwischen lebte Juan nur noch für die Arbeit, selbst das Lachen hatte er verlernt. Kein Wunder also, dass Alexander seine Partnerinnen lieber mit praktischer Vernunft aussuchte.


Natürlich konnte er sich dabei irren, wie bei seiner Exverlobten Tayna Larson. Sie schien ihm damals die passende Frau gewesen zu sein. Tayna war jung, schön und ganz gut im Bett. Leider musste er am Ende feststellen, dass seine Verlobte auch andere Männer mit ihrem Körper beglückte. Als Alexander sie dann mit dem Fotografen erwischte, war für ihn alles aus. Er wollte seine Frau  mit keinem anderen teilen. Bis heute konnte er nicht verstehen, warum Tayna diese Tatsache so unverständlich fand. War Treue nicht das Normalste der Welt in einer Beziehung? Nie würde er ihre letzten Worte vergessen.


„Es ist mein Beruf. Da kannst du doch nicht so spießig sein. Es ist nur Sex. Als Gegenleistung erhalte ich gute Aufträge.“


Wenigstens wusste er nun, woran er war. Frauen wie Tayna eigneten sich gut für eine kurze Affäre. Aber sie würden ihm kaum das geben, was er sich jetzt am meisten wünschte. Einen Sohn oder eine Tochter. Also würde er seinen Frauentyp ändern müssen. Jedoch war dies leichter gesagt als getan, denn Alexander fühlte sich nun einmal stark von diesen Eigenschaften angezogen.


 


„Guten Morgen!“


Mit diesen Worten wurde Alexander aus seinen Gedanken gerissen. Schnell schaute er sich um und sah in die blau-grauen Augen einer jungen Frau.


„Julia! Guten Morgen. Ich hoffe, du hattest ein gutes Wochenende.“


„Mit dir wäre es noch schöner gewesen.“


Mit einem verführerischen Lächeln auf den Lippen schaute Julia Sommer Alexander an. Wie immer trug sie eine enge Jeanshose und ein tief dekolletiertes, rückenfreies T-Shirt. Zusätzlich waren ihre langen roten Haare hochgesteckt und das Gesicht stark geschminkt.


Seit seiner Ankunft in der Filiale hatte die junge Frau ihr Interesse an Alexander nicht verborgen. Im Gegenteil, immer wieder suchte sie seine Nähe. Alles in allem war Julia Sommer genau der Frauentyp, für den sich Alexander bisher interessiert hatte. Einfach, schön und unkompliziert. Leider fehlte ihm bisher die Zeit, um auf ihr unausgesprochenes Angebot einzugehen.


Doch das werde ich heute ändern, dachte Alexander und zeigte auf einen leeren Raum. Ich kann etwas Sex gebrauchen. Seit seiner Trennung von Tayna vor gut zehn Monaten hatte Alexander ziemlich enthaltsam gelebt. Da sein Vater große Anforderungen an seinen Sohn stellte, musste er oft ziemlich lange arbeiten. Keine gute Basis also, um sich eine Frau zu suchen. Was spricht also gegen eine kleine Affäre, solange ich in München bin? 


Ohne einen Einwand ging Julia in den Raum hinein. Alexander folgte ihr und begann, Julia sofort zu küssen. Nur zu gerne kam sie ihm entgegen und ließ sich gegen die Wand drücken. Als jedoch Stimmen auf dem Flur zu hören waren, zog sich Alexander zurück.


„Hier ist wohl kaum der richtige Ort, um dies zu vertiefen. Immerhin sollte ich mit gutem Beispiel vorangehen.“


Frustriert stöhnte sie auf. Doch so schnell wollte Julia nicht aufgeben.


„Wieso gehen wir nicht nach oben in deine Wohnung?“


Alexander schüttelte den Kopf und sah die junge Frau an. Die Firmenwohnung, die er zurzeit bewohnte, war sein Rückzugsort. Zwar wollte er ein bisschen Spaß, doch in seiner Wohnung gab es für Frauen keinen Platz. Diesen Fehler hatte er einmal gemacht und es bitter bereut. Die nächste Frau, die er mit in seine Wohnung nahm, würde die Mutter seiner Kinder sein.


„Sorry, Julia! Aber ich denke, wir sollten jetzt beide an die Arbeit gehen. Es wäre nicht gut, wenn sich unsere kleine Affäre im ganzen Haus herumsprechen würde. Jedoch können wir uns heute Abend treffen. Das alte Haus meines Bruders steht im Moment leer, dort wären wir ganz ungestört.“


„Einverstanden! Das hört sich gut an.“


Lächelnd sah sie ihn an, während Alexander ihr den Ersatzschlüssel in die Hand drückte.


„Hier! Nur falls ich etwas später komme.“


„Keine Angst! Ich werde im Bett auf dich warten.“


Kurz küsste sie ihn auf den Mund, dann ging sie mit einem verführerischen Hüftschwung davon.


 


„Ich hoffe, du weißt, was du tust.“


Schnell drehte sich Alexander um.


„Ralph!“


Freudig umarmte Alexander seinen Bruder und ging mit ihm in Richtung Büro.


„Keine Sorge! Es geht nur um etwas Spaß. Ich will sie ja nicht gleich heiraten.“


Kopfschüttelnd sah Raphael seinen Bruder an.


„Mag ja sein, trotzdem arbeitet Frau Sommer für uns. Es ist nicht gut, die Zusammenarbeit mit einer Affäre zu beeinflussen. Was passiert, wenn du das Interesse verlierst? Du wirst noch gut vier Wochen hier arbeiten. Solange wirst du es nie mit ihr aushalten.“


Alexander wischte die Bedenken seines Bruders mit einer Handbewegung fort.


„Ich bitte dich. Natürlich habe ich kein näheres Interesse an Julia. Doch warum sollte ich ihr Angebot nicht annehmen? Ein paar heiße Nächte, dann geht jeder seiner Wege. Ich denke nicht, dass dies zu Problemen führen wird.“


„Dann hoffe ich mal, dass du recht behältst. Ich persönlich halte es für einen Fehler. Affären zwischen Chef und Angestellte gehen fast nie gut aus, besonders wenn sich die Frau mehr erhofft.“


Inzwischen hatten die Brüder die Büroräume erreicht. Nach einer kurzen Begrüßung durch die Sekretärin, Frau Klein, gingen sie in Raphaels Büro. Kaum war die Tür verschlossen, nahm Alexander das Gespräch wieder auf.


„Sollte sich Julia wirklich mehr erhoffen als eine kurze Affäre, ist dies nicht mein Problem. Ich habe ihr jedenfalls nicht mehr versprochen als ein wenig Spaß. Den Fehler, mir mehr von einer Frau ihres Schlags zu wünschen, habe ich einmal gemacht. Dass passiert mir kein zweites Mal.“


Raphael setzte sich auf seinen Stuhl, während sein Bruder vor ihm Platz nahm.


„Wieso suchst du dir nicht eine Frau, die anders ist als deine Ex? Jemanden mit mehr Tiefgang.“


Gespielt panisch sah Alexander seinen Bruder an.


„Bist du verrückt? Und auf den tollen Sex verzichten? Ralph, ich habe kein Interesse an einer engeren Beziehung, solange ich in München bin. In Stuttgart habe ich später genügend Zeit, mir eine richtige Freundin zu suchen. Für die paar Wochen hier in München lohnt es sich nicht, schließlich mag ich keine Fernbeziehungen.“


Raphael wurde klar, dass er seinen Bruder nicht umstimmen konnte. Kopfschüttelnd beendete er das Gespräch.


„Mach, was du für richtig hältst. Jetzt sollten wir aber erst einmal den weiteren Ablauf besprechen. Da die Zwillinge bereits am Samstag Geburtstag haben, würde ich dir gerne schon ab heute das Ruder überlassen. Es gibt noch einiges zu planen, besonders da wir nur einen Tag später heiraten wollen. Irgendwie habe ich gerade das Gefühl, als würde es täglich mehr Probleme geben.“


Alexander nickte. Er hatte mit dieser Entscheidung gerechnet. Da Raphael und Larissa alle Familienmitglieder zum Geburtstag und zur Hochzeit eingeladen hatten, mussten einige Vorbereitungen getroffen werden. Dabei spielte nicht nur die Verpflegung eine wichtige Rolle, auch für die Unterbringung mussten sie sorgen. Doch dies war bei einer so großen Familie gar nicht so einfach. Schließlich würden sogar die Brüder ihres Vaters und deren Familien aus Österreich kommen.


Die sechs Betriebswohnungen im obersten Stockwerk der Vertriebsfiliale waren alle belegt. Drei Wohnungen durch Mitarbeiter, die erst kürzlich mit ihrer Arbeit begonnen hatten, und drei durch Mitglieder der Familie de Luca. Zwar hätten sich Alexander und Sophie auch in Raphaels altem Haus einquartieren können, aber beide zogen eine eigene kleine Wohnung vor. Außerdem wäre Sophie sonst morgens noch länger unterwegs gewesen, um an ihren Arbeitsplatz zu kommen. Nach ihrem erfolgreichen Abschluss in Betriebswirtschaft kümmerte sie sich nämlich gerade um die Verkaufsfiliale und diese befand sich mitten in der Innenstadt.


Auch ihre Cousine Christin, die Tochter von Carlos und Melanie de Luca, lebte gerade in einer der Firmenwohnungen. Anders als ihre Brüder Christian und Matthias, die beide in Wien studiert hatten, hatte sie München für ihr Betriebswirtschaftsstudium vorgezogen. Zwar war sie in den Semesterferien auf die Farm im österreichischen Judenburg zurückgekehrt. Trotzdem bot die Betriebswohnung kaum genügend Platz für ihre gesamte Familie.


„Weißt du schon, wann alle kommen?“


Raphael nickte und lehnte sich im Stuhl zurück.


„Vater hat gestern Abend noch angerufen. Unsere Eltern werden schon morgen mit den Zwillingen, Hannah und Emanuel eintreffen. Nur Domenik schafft es nicht ganz. Seine mündliche Prüfung wurde auf morgen verschoben. Also wird er wohl erst zum Geburtstag der Mädchen kommen. Schließlich hat er lange für sein zweites Staatsexamen gelernt.“


Alexander nickte leicht mit dem Kopf.


„Schwer zu glauben, dass unser kleiner Bruder schon in wenigen Tagen ein fertiger Anwalt ist. Ehrlich gesagt dachte ich damals, er spinnt. Ausgerechnet Jura? Wo er doch früher nie still sitzen konnte, sondern überall nur Chaos verbreitet hat.“


„Ich verstehe, was du meinst. Mir fiel es auch lange Zeit sehr schwer, mir Nick als Anwalt vorzustellen. Doch er macht seine Sache sehr gut. Und er war mir letztes Jahr eine große Hilfe.“


Dagegen konnte Alexander nichts sagen. Er wusste, dass Raphael im vergangenen Jahr ohne den Rat seines Bruders aufgeschmissen gewesen wäre. Erst Carmen Morgen, die ihm eine Vaterschaft andichten wollte, und dann die Geschichte mit Larissa. Später hatte Raphael sogar eine Unterschlagung in der Berliner Filiale aufgedeckt. Immer stand Nick ihm beratend zur Seite, obwohl dieser zu der Zeit noch als Referendar tätig war.


„Und der Rest der Familie?“, fragte Alexander schließlich und kam auf ihr eigentliches Gesprächsthema zurück.


„Sowohl die Farmer wie die Designer werden am Geburtstag der Mädchen ankommen. Nur Jade konnte noch nicht genau sagen, ob sie es schafft. Sie hat sich zusätzlich zu ihrem Medizinstudium in Heidelberg für eine sozietätsübergreifende Veranstaltung eingeschrieben. Leider wurde diese nun genau auf diese Woche verschoben. Nun hofft sie, dass der Workshop am Freitag nicht ganz so lange dauert. Dann kann sie wenigstens zur Hochzeit kommen.“


„Was ist mit Juan?“, wollte Alexander wissen. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass er seit Mayas Tod viel für Hochzeiten übrig hat.“


Raphael zuckte kurz mit den Schultern.


„Eigentlich wollten, bis auf Jade, alle Designer kommen. Jedenfalls gehen Valenzo und Sophia davon aus. Nur wird Joel nicht vorher zu seinen Eltern nach Dornbirn fahren, sondern gleich von Wien aus nach München kommen. Natürlich kann es aber sein, dass sich Juan vorher noch etwas einfallen lässt, damit er nicht mit muss. Kann ich auch verstehen. Ich wüsste nicht, was ich tun würde, wenn Lara oder den Mädchen etwas passiert.“


Beide schwiegen einige Minuten. Die Geschichte von Juan und Maya war selbst nach all den Jahren immer noch ein heikles Thema. Dann schüttelten jedoch beide die Vergangenheit ab und Raphael begann mit der Übergabe. Zwar hatte Alexander in den letzten zwei Wochen bereits einiges vom Betrieb mitbekommen, trotzdem gab es noch einige Fragen. Immer wieder wälzten sie verschiedene Papiere und Unterlagen. Erst nach einigen Stunden waren sie fertig und Raphael erhob sich, um zu gehen.


„So, dann übergebe ich dir jetzt das Kommando. Im Notfall kannst du mich anrufen. Schließlich bleiben Lara und ich nach der Hochzeit zu Hause mit den Kindern.“


Alexander schüttelte den Kopf.


„Das werde ich bestimmt nicht tun. Im Notfall kann ich ja mit Sophie reden, schließlich hat sie dich schon einmal kurz vertreten. Und damals war sie noch in der Ausbildung. Ich bekomme es schon hin. Ihr macht euch lieber eine schöne Zeit.“


„Keine Angst! Das werden wir.“


Mit diesen Worten stand Raphael auf und verabschiedete sich von seinem Bruder. An der Tür angekommen drehte er sich noch einmal um.


„Viel Spaß! Doch arbeite nicht zu lange.“


Nun musste Alexander lachen.


„Keine Sorge, kleiner Bruder! Heute bestimmt nicht, ich habe schließlich noch etwas vor.“


Kopfschüttelnd verließ Raphael das Büro, während sich Alexander auf Raphaels Stuhl setzte und mit der Arbeit begann.


 


 


 


3. Kapitel

 


Als der Zug endlich in München ankam, war Ronja völlig fertig. Zwar musste sie nur einmal in Salzburg umsteigen, trotzdem konnte sie während der Fahrt nicht einschlafen. Bei jedem kleinen Geräusch bekam sie sofort Panik. Teilweise dachte sie sogar, Jack Sanders wäre ebenfalls im Zug und würde ihr auflauern. Natürlich wusste sie, dass sich diese Bilder nur in ihrer Fantasie abspielten, trotzdem machte es ihr Angst. Jedes Mal, wenn sie ihre Augen zumachte, sah sie sein Gesicht.


„Stell dich nicht so an. Ich habe bereits mit dem Hotelpersonal besprochen, dass wir uns gerne ein Zimmer teilen. Ich habe bisher noch jede Frau bekommen, die ich will. Wir werden viel Spaß miteinander haben.“


Egal, wie sehr sie es versuchte, diese Worte hatten sich in ihr Gehirn eingebrannt. Erst jetzt wurde es ihr so richtig klar, was ihre Freundin damals durchmachen musste. Diese wurde über Jahre von ihrem Chef bedrängt und belästigt. Schließlich griff er sie sogar an und nur dessen Frau hatte das Schlimmste verhindert. Immer wieder erklärte Ronja ihr damals, dass sie keine Schuld daran trage. Doch nun in fast der gleichen Situation konnte Ronja mit diesen Worten nicht viel anfangen. Immer wieder versuchte sie, zu begreifen, wie es dazu kommen konnte. Hatte sie ihm vielleicht irgendwelche falschen Signale geschickt? Ihn mit irgendetwas provoziert? Doch ihr fiel einfach nichts ein. Im Gegenteil, sie hatte eher deutlich gemacht, dass sie nicht viel von ihm hielt. Konnte er dies falsch verstanden haben?


Als Ronja plötzlich mit einer anderen Frau zusammenstieß, versuchte sie sich, auf ihre Umgebung zu konzentrieren. Der Bahnhof war voll, überall standen Menschen herum oder liefen den Bahnsteig entlang. Auch auf den anderen Bahnsteigen sah es nicht anders aus und Ronja fragte sich, wohin so viele Menschen am frühen Morgen wollten. Langsam und vorsichtig, um nicht noch einmal mit einem anderen Reisenden zusammenzustoßen, zog sie ihren Koffer hinter sich her. Es dauerte fast zehn Minuten, bis sie endlich am Ausgang angekommen war. Schnell, um nicht noch mehr Zeit auf diesem überfüllten Bahnhof zu verbringen, ging sie zum Taxistand. Sobald sie eingestiegen war, nannte Ronja dem Fahrer die neue Adresse ihrer Freundin. Kurz darauf setzte sich das Fahrzeug in Bewegung.


 


Die Fahrt mit dem Taxi dauerte fast 30 Minuten. Immer wieder kamen sie nur sehr langsam voran, da viele Menschen auf den Straßen unterwegs waren. Als das Taxi vor Larissas Haus hielt, atmete Ronja kräftig durch und stieg aus. Sie wusste noch nicht, was sie ihrer Freundin sagen sollte. Gut, sie hatte versprochen, immer ehrlich zu sein. Doch Larissa würde in wenigen Tagen heiraten und brauchte jetzt bestimmt nicht noch ihre Probleme. Während sie langsam auf das Haus zuging, traf Ronja eine Entscheidung. Sie würde bis nach der Hochzeit warten. Die Sache war sowieso vorbei. Jack Sanders war in der Schweiz. Es gab keinen Grund für ihn, sie hier in München zu suchen. Nachdem Larissa nach München gezogen war, hatten sie die gemeinsame Wohnung gekündigt. Alle Besitztümer, die Ronja nicht nach Amerika mitnehmen konnte, waren in Berlin eingelagert, während ihre Post per Nachsendeantrag direkt zu ihrer Agentin geschickt wurde. Sie besaß daher zurzeit keine feste Wohnadresse. Selbst wenn Jack Sanders sie suchen würde, könnte er sie gar nicht aufspüren.


Noch bevor Ronja an der Tür klingeln konnte, ging diese plötzlich auf. Kurz darauf kam eine junge blonde Frau freudig auf sie zu.


„Ronja! Das ist aber eine Überraschung. Du wolltest doch erst morgen kommen. Ich freue mich so, dass du da bist.“


Fest umarmte Larissa ihre Freundin und zog sie anschließend ins Haus.


„War euer Shooting schon früher zu Ende?“


Ronja hatte gewusst, dass diese Frage kommen würde. Nur kurz blickte sie sich um, bevor sie sich zu ihrer Freundin umdrehte. Natürlich wollte sie Larissa nicht anlügen. Daher beschloss Ronja, wenigstens teilweise bei der Wahrheit zu bleiben.


„Das Fotoshooting lief gut, doch dann wurde unser Fotograf krank. Als klar wurde, dass wir die weiteren Aufnahmen verschieben müssen, durfte ich früher gehen. Meine Arbeit war praktisch erledigt und der Auftraggeber war zufrieden. Schließlich wollte ich den Geburtstag der Mädchen und deine Hochzeit nicht verpassen.“


Im gleichen Moment sah sich Ronja suchend um.


„Wo sind eigentlich meine Patenkinder? Ich bin gespannt, wie groß sie geworden sind. Auf den Bildern, die du mir vor zwei Monaten geschickt hast, hätte ich sie fast gar nicht mehr erkannt.“


Freudig führte Larissa Ronja ins Spielzimmer. Bemüht fröhlich folgte Ronja ihr und hoffte, dass Larissa ihre Anspannung nicht bemerkte. Sie hatte Glück. Larissa war viel zu glücklich, ihre Freundin wiederzusehen, um weiter nachzufragen. Außerdem konnte Ronja viel leichter ihre Gefühle verbergen. Eine Taktik, die sie sich in den verschiedenen Pflegefamilien aneignen musste, denn wer Angst oder Freude zeigte, wurde schnell das Opfer der anderen Kinder.


Im Spielzimmer angekommen, traute Ronja ihren Augen nicht.


„Das sind Amanda und Alexa? Sie sehen so anders aus.“


Larissa lächelte ihre Freundin an.


„Du hast sie ja auch einige Monate nicht gesehen. Gerade im ersten Lebensjahr verändern sich Kinder ziemlich schnell. Inzwischen müssen wir sogar schon ein Gitter vor die Tür machen, damit die beiden nicht abhauen.“


Überrascht sah Ronja ihre Freundin an.


„Laufen sie etwa schon?“


Larissa schüttelte den Kopf.


„Nein! Sie ziehen sich bereits an Gegenständen hoch, doch richtig laufen können die Kinder noch nicht. Dafür krabbeln sie ziemlich schnell durch die Gegend. Am Anfang haben wir sie in einen Laufstall gesetzt. Aber darin fingen die Kinder immer an zu weinen. Am Ende hatte Raphael die Idee, einfach einen der Räume als Spielzimmer herzurichten. Nun versperrt nur noch das Gitter die Tür. Ansonsten können sich die Kleinen frei im Zimmer bewegen. Tja! Und für uns gibt es hier ein gemütliches Sofa.“


Plötzlich begann Larissa laut zu lachen und sah ihre Freundin direkt an.


„Manchmal sitzen wir nur so da und schauen den Kindern beim Spielen zu.“


Ronja ging zu einem der Mädchen und nahm es auf den Arm. Kurz darauf kam auch das andere Kind angekrabbelt, um sich an ihrem Bein hochzuziehen. Schließlich musste sich Ronja bücken, um beide Kinder hochnehmen zu können.


„Die beiden sind ganz schön schwer.“


Dann sah sich Ronja die Kleinen ganz genau an.


„Sie sehen sich so ähnlich. Früher habe ich mal gewusst, welchen Zwilling ich vor mir habe. Jetzt kann ich sie überhaupt nicht mehr unterscheiden.“


Mit einem Lächeln auf den Lippen ging Larissa zu ihrer Freundin und nahm ihr eines der Kinder ab.


„Keine Angst! Das kommt schon wieder.“


Dann zeigte Larissa auf das Kind in Ronjas Armen.


„Die Kleine ist Alexa, sie hat hinter dem Ohr einen kleinen Leberfleck. Früher ist er mir gar nicht aufgefallen, doch Raphael hat ihn irgendwann entdeckt. Am Anfang hat er sich so immer vergewissert, welches Kind er gerade trug. Inzwischen braucht er dieses kleine Hilfsmittel nicht mehr.“


Ronja sah sich den kleinen Leberfleck an. Kurz darauf wollten die Kinder jedoch wieder runter, um weiter mit den Spielsachen zu spielen.


„Soll ich dir nun kurz das Haus zeigen? Es ist leider nicht ganz so offen wie unser altes. Aber mit deutlich mehr Platz.“


Ronja nickte und beide Frauen verließen das Spielzimmer. An der Tür angekommen vergewisserte sich Larissa, dass das Türgitter richtig verschlossen war. Anschließend stellte sie das Babyphone ein und ging mit Ronja zum Hauseingang zurück.


„Das Haus besitzt insgesamt elf Zimmer. Im Erdgeschoss befinden sich die Küche, das Wohnzimmer, das Esszimmer, ein Badezimmer und das Spielzimmer. Im ersten Stock kommen Raphaels Büro, die Bibliothek, unser Schlafzimmer mit angrenzendem Badezimmer, ein weiteres Badezimmer und das Kinderzimmer.“


Langsam gingen die beiden Frauen durch alle Räume. Lara hat recht, dachte Ronja, während sie sich die Räumlichkeiten anschaute. Anders als im alten Haus waren die Räume komplett geteilt. Lediglich zwischen der Küche und dem Esszimmer gab es eine Durchreiche. Trotzdem war das Haus sehr schön geschnitten. Alle Räume boten genügend Platz und verfügten über einen hellbraunen Parkettboden. Die Wandfarbe dagegen war deutlich dunkler und schaffte eine angenehme Atmosphäre. Das Spielzimmer und das Kinderzimmer standen im deutlichen Kontrast zu den anderen Räumen. Denn hier gab es bunte Tapeten mit unterschiedlichen Disney-Figuren, die den Zimmern eine ganz besondere Note verliehen. Die Badezimmer hingegen waren mit gelben Fliesen ausgestattet und verfügten alle sowohl über eine Dusche als auch über eine Badewanne.


Alles in allem gefiel Ronja dieses Haus sehr gut. Doch es war sehr groß und bestimmt, nicht leicht sauber zu halten.


„Euer Haus ist toll. Doch es macht bestimmt ziemlich viel Arbeit. All diese Zimmer müssen ja auch sauber gehalten werden.“


Nun wurde Larissa etwas verlegen.


„Stimmt, doch dafür hat Raphael Hilfe eingestellt. Einmal in der Woche kommt eine Putzfrau, die im Haus für Ordnung sorgt.“


Ronja war sprachlos und blickte sich wieder um. Lara lebt nun wirklich in einer ganz anderen Welt. Erst jetzt wurde es Ronja so richtig bewusst, wie sehr sich das Leben ihrer Freundin verändert hatte. Durch ihre Hochzeit mit Raphael wurde Larissa eine de Luca und gehörte somit zu einer sehr reichen Familie.


Schweigend gingen die Frauen noch in den zweiten Stock hinauf.


„Das ist ja nur ein Raum!“


Fragend sah Ronja ihre Freundin an. Im zweiten Stock gab es nur die Außenwände, ansonsten war alles offen.


„Wenn hier nicht so viele Betten herumstehen würden, könnte man locker eine Party feiern.“


Larissas Lippen verzogen sich zu einem Lächeln.


„Der zweite Stock ist noch nicht fertig!“, erklärte Larissa. „Wir haben geplant, oben später die Kinderzimmer einzurichten. Doch dies wird wohl noch etwas dauern. Erst einmal dient dieser Stock als Gästebereich, bis die Kinder größer sind. Im Frühling werden Wände gezogen, sodass oben noch einmal vier Schlafzimmer und ein Badezimmer entstehen. Aus dem Kinderzimmer im ersten Stock soll dann später ein Gästezimmer werden.“


„Vier Schlafzimmer?“, überrascht schaute Ronja ihre Freundin an. „Da habt ihr euch ja einiges vorgenommen.“


Plötzlich fiel ihr etwas ein und sie sah Larissa fragend an.


„Bist du schwanger?“


Larissa schüttelte den Kopf.


„Nein! Das wäre noch zu früh. Erst einmal kommt die Hochzeit. Außerdem werde ich ab Oktober halbtags in der Verkaufsfiliale als Verkaufsleiterin arbeiten, während die Mädchen im Kindergarten sind. Mit einem dritten Kind möchten wir warten, bis die Zwillinge etwas älter sind.“


Ronja nickte. Sie konnte ihre Freundin gut verstehen. Außerdem war Larissa ja erst 20 Jahre alt. Sie hatte also noch genug Zeit für weitere Kinder. Dann fiel Ronjas Blick wieder auf die Betten.


„Und was sollen die Betten?“


„Oh, die sind für Raphaels Familie. Die Farmer und die Designer wollen zwar im Hotel schlafen, doch Raphael hat ziemlich viele Geschwister.“


„Farmer und Designer?“


Ronja war verwirrt, mit dieser Bezeichnung konnte sie nichts anfangen.


„Ich glaube, genauso habe ich damals auch geguckt. Farmer und Designer ist eine Bezeichnung für die anderen Zweige der Familie. Raphaels Vater hat noch zwei Brüder. Carlos de Luca führt eine Farm im österreichischen Judenburg und Valenzo de Luca hat in Dornbirn eine Designfabrik. Tja, und alle in Raphaels Familie werden als Verkäufer bezeichnet, weil Victor viele Verkaufsfilialen besitzt. Am Anfang hat mich das ganz schön verwirrt, besonders da nicht alle Familienmitglieder als Verkäufer, Farmer und Designer arbeiten. Inzwischen habe ich mich aber daran gewöhnt.“


Ronja nickte nur. Noch immer kamen ihr diese Bezeichnungen seltsam vor. Doch wahrscheinlich war dies bei so vielen Personen notwendig. Langsam gingen die Frauen zurück ins Erdgeschoss. Kurz schauten sie ins Spielzimmer, wo die Mädchen noch friedlich spielten.


 


Nachdem Ronja sich alles angeschaut hatte, spürte sie, wie ihre Müdigkeit stärker wurde. Vielleicht hätte ich doch erst in ein Hotel fahren und morgen kommen sollen. Doch nun war es nicht mehr zu ändern.


„Alles in Ordnung?“, fragend sah Larissa ihre Freundin an. „Stimmt etwas nicht?“


Ronja schüttelte den Kopf.


„Ich bin nur müde. Ich bin mit dem Nachtzug gekommen und konnte nicht schlafen.“


Nun fühlte sich Larissa schuldig.


„Wieso hast du denn nichts gesagt? Ich hätte dir das Haus auch später zeigen können. Wenn du willst, mach ich dir gleich eines der Betten fertig. Dann kannst du dich hinlegen.“


Wieder schüttelte Ronja den Kopf. Es war keine gute Idee, hier zu übernachten. Früher oder später würde ihre Freundin merken, dass sie irgendetwas beschäftigte. Und Ronja wollte Larissas gute Stimmung nicht ruinieren.


„Das ist nett von dir! Doch ich denke, ich gehe lieber in ein Hotel. Du wirst morgen schon genug zu tun bekommen, wenn Raphaels Verwandte eintreffen.“


„Aber du bist meine Verwandte, praktisch meine Schwester. Ich kann nicht zulassen, dass du in ein Hotel gehst.“


Da kam Larissa eine Idee.


„Wieso übernachtest du nicht in unserem alten Haus? Es ist nicht weit weg und du kannst problemlos zu Fuß hingehen. So bist du wenigstens in der Nähe, hast aber trotzdem deine Ruhe. Raphaels Geschwister Sophie und Alexander wollten lieber in den Firmenwohnungen wohnen. Selbst seine Cousine Christin zog es vor, in der Nähe der Innenstadt zu bleiben. Aus diesem Grund steht das Haus gerade leer. Nur manchmal schläft Alexander dort, wenn er bis zum späten Abend mit Raphael Papiere durchgehen musste.“


Ronja überlegte. Wahrscheinlich war dies die bessere Idee. Sie wollte selbst nicht so weit von Larissa und den Mädchen weg sein, denn schließlich hatte sie die drei fast ein Jahr lang nicht gesehen.


„Einverstanden, dann komm ich morgen früh wieder her.“


Schnell, damit es sich Ronja nicht noch einmal anders überlegte, holte Larissa die Schlüssel.


„Hier, mach dir morgen früh aber keinen Stress. Schlaf dich mal aus.“


Ronja nickte und machte sich auf den Weg. Nachdenklich sah Larissa ihrer Freundin nach. Noch immer war sie nicht ganz davon überzeugt, dass alles stimmte. Im Gegenteil, irgendetwas schien ihre Freundin zu bedrücken. Doch sie schüttelte dieses Gefühl ab. Ronja würde schon mit ihr reden, wenn es wirklich ein Problem gab. Immerhin hatten sie sich fest geschworen, immer über alles zu sprechen. Sie waren schließlich Wahlschwestern. Als Ronja nicht mehr zu sehen war, ging Larissa ins Haus zurück.


 


Lara hat recht, dachte sich Ronja kurze Zeit später, als sie vor dem alten Haus ihrer Freundin stand. Es sind nicht einmal zehn Minuten vergangen. Als Ronja jedoch das Haus betrat, schossen ihr die Tränen in die Augen. Nur zu deutlich erinnerte sie sich an ihren ersten Besuch vor all diesen Monaten. Damals war noch alles in Ordnung gewesen. Kein Jack Sanders! Kein plötzliches Auftauchen in ihrem Hotelzimmer! Nur sie, Larissa und die Mädchen. Im Grunde war Ronja sehr froh darüber, nicht in ein Hotel zu müssen. Dort hätte sie wahrscheinlich auch nicht schlafen können. Im Gegenteil, vermutlich würde sie dort jederzeit damit rechnen, dass dieser Fotograf auf einmal vor der Tür stand.


Dieses Haus hingegen verströmte das Gefühl von Sicherheit. Nur eine Sache hatte sie bei ihrem ersten Besuch gestört, Raphael de Luca, der Verlobte ihrer Freundin. Gut, damals war Ronja ja noch davon ausgegangen, dass dieser Larissa absichtlich im Stich gelassen und ihre Unschuld ausgenutzt hatte. Kein Wunder, schließlich hatte Ronja wenige Monate früher mit Nick Tanner etwas Ähnliches erlebt. Nur war sie damals nicht schwanger geworden. Zum Glück, denn anders als Raphael hatte Nick keinen Gedächtnisverlust gehabt. Im Gegenteil, er wollte mich lediglich verführen.


„Wegen einer dummen Wette!“


Die Wut auf Nick Tanner half Ronja, ihre Tränen zurückzudrängen. Sie würde sich nicht unterkriegen lassen, denn schließlich hatte sie schon viel Schlimmeres erlebt. Männer wie Nick Tanner oder Jack Sanders waren der Grund, wieso Ronja nicht mehr als Model arbeiten wollte. Für diese Typen waren Models Frauen, die mit jedem ins Bett gingen. Im Verlauf ihrer Karriere hatte Ronja einige dieser Männer kennengelernt. Besonders am Anfang war es oft schwierig, denn einige Kunden erwarteten Sex für gute Aufträge. Nachdem ihnen jedoch klar geworden war, dass Ronja sich darauf nicht einließ, ließen diese Erwartungen nach. Man nahm sie als Model ernst und schließlich bekam sie auch so gute Jobangebote. Trotzdem hörten die anzüglichen Blicke und Anspielungen nie ganz auf. Aber bis auf Jack Sanders hatten alle Männer ihr „Nein“ zähneknirschend akzeptiert.


 


Langsam ging Ronja hoch ins Schlafzimmer und legte sich hin. Bereits nach wenigen Augenblicken war sie vor Erschöpfung eingeschlafen. Jedoch war ihr Schlaf alles andere als angenehm. Immer wieder wälzte sie sich im Bett hin und her, während Jack Sanders ihre Träume bestimmte. Schließlich schreckte Ronja hoch. Nach einem kurzen Blick auf ihr Handy stöhnte sie auf. Sie hatte gerade einmal vier Stunden geschlafen. Immer noch müde ging sie nach unten, um sich etwas zu essen zu machen.


Kaum unten angekommen öffnete sich plötzlich die Tür. Panisch sah sie zur Eingangstür, wieder ganz in Gedanken an Jack Sanders. Hat er mich doch gefunden? Als kurz darauf eine junge rothaarige Frau ins Haus kam, atmete sie hörbar aus. Noch immer schlug ihr Herz schneller, während sie wütend auf die Frau zuging.


„Können Sie mir vielleicht sagen, was Sie hier tun? Dieses Haus ist Privatbesitz.“


Erschrocken sah die Frau Ronja an.


„Tut … mir… leid …! Ich dachte, hier wäre niemand!“


„Also brechen Sie einfach ein? Nun, wie Sie sehen können, ist doch jemand im Haus.“


Plötzlich schüttelte die Frau den Kopf.


„Ich bin nicht eingebrochen. Sehen Sie, ich habe schließlich einen Schlüssel.“


Mit diesen Worten zeigte sie Ronja den Haustürschlüssel. Ronja griff sofort danach und sah ihn sich an. Dann schaute sie wieder auf die Frau.


„Woher haben Sie ihn?“


„Herr de Luca hat mir den Schlüssel gegeben. Er meinte, wir seien hier ungestört.“


Plötzlich wurde Ronja ganz kalt. Das kann doch nicht wahr sein. Wieso sollte Raphael dieser Frau einen Schlüssel für sein Haus geben? Dann kam ihr ein schlimmer Verdacht.


„Haben Sie beide eine Affäre?“


Ronja konnte ihr ansehen, dass ihr diese Begegnung unangenehm war.


„Nicht direkt! Wir haben uns im Büro kennengelernt, für heute Nacht hat er mich zu sich eingeladen.“


Nun wurde Ronja noch wütender. Sie arbeite also mit Raphael zusammen. Also muss die Frau wissen, dass er bald heiraten will.


„Sie sollten lieber schnell gehen. Was sind Sie eigentlich für eine Frau? Werfen sich einem fast verheirateten Mann an den Hals. Sie sollten sich wirklich schämen.“


Bevor die Frau noch irgendetwas sagen konnte, warf Ronja sie praktisch aus dem Haus. Schnell schlug sie die Tür zu und ging wütend in die Küche. Wie kann Raphael Lara so etwas antun? Nach allem, was passiert war? Am liebsten hätte sie sofort mit Larissa gesprochen, doch erst einmal wollte sie Raphaels Geschichte hören. Sie würde ihn morgen so richtig zur Schnecke machen. Das hatte ihre Freundin nun wirklich nicht verdient.


Immer noch wütend suchte Ronja nach etwas zu essen, zum Glück war der Kühlschrank gut gefüllt. Trotzdem wurde sie beim Anblick der vielen Lebensmittel wieder zornig. Es sah fast so aus, als würde in diesem Haus jemand leben. Gut, ihre Freundin hatte erwähnt, dass teilweise Raphaels Bruder Alexander dieses Haus zum Schlafen nutzte. Doch wozu brauch man für Übernachtungen so einen gut gefüllten Kühlschrank? Immer mehr war Ronja davon überzeugt, dass Raphael ihre Freundin betrog. Schließlich deuteten alle Beweise darauf hin.


Um sich etwas abzulenken, ging Ronja ins Badezimmer. Doch selbst nach einer warmen Dusche war ihre Wut noch nicht verflogen. Im Gegenteil! Es war sogar noch schlimmer geworden. Seit sie sich in der Pflegefamilie von Frau Schulz kennengelernt hatten, hatte Ronja auf Larissa aufgepasst. Nun würde ihr dieser Mistkerl das Herz brechen. Immer wieder verfluchte sie Raphael. Dieser Mann verdiente so eine wundervolle Frau wie ihre Freundin überhaupt nicht. 


Schließlich ging Ronja wieder ins Bett, ohne noch einen Gedanken ans Essen zu verschwenden. Sie wollte morgen ausgeschlafen sein, um mit Raphael ein ernstes Wort zu sprechen. Jedoch hatte sie auch Angst, einzuschlafen und zu träumen. Lange wälzte sie sich im Bett hin und her. Am Ende wusste sich Ronja nicht mehr anders zu helfen und nahm eine leichte Schlaftablette. Bereits nach kurzer Zeit sank sie in einen traumlosen Schlaf.


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