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Belletristik
Buch Leseprobe Verfall, April Nierose
April Nierose

Verfall


Band 1

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Kapitel 1: 2017


 


Es war ein hässlicher Morgen, der lange kein Morgen mehr war. Hanna wehrte sich gegen die Sonnenstrahlen, die durch die Jalousien drangen und sie in unregelmäßigen Zeitabständen weckten, indem sie sich unter der Decke vergrub. Sie wollte nicht aufstehen, weil sie sich nichts von diesem Tag versprach. Ihre Kopfschmerzen waren der Vorwand, um liegen zu bleiben, doch nach einiger Zeit fiel ihr selbst das Liegen zur Last. Sie konnte nicht den ganzen Tag im Bett verbringen, selbst dort hielt sie es nicht lange aus.


Sie schubste das Kissen von sich weg, sodass es zu Boden fiel und setzte ihre Füße daneben. Dabei fiel etwas klirrend um. Das Geräusch des auf das Parkett prallenden Glases durchzog jeden Nerv ihres Kopfes und hallte leiser werdend in ihr nach. Ohne den Drang, den Gegenstand aufzuheben, rieb sie sich die Augen und sah nach unten. Es war eine leere Wodkaflasche, die nun vor ihr auf der Seite lag und langsam hin und her rollte. Sie stupste sie mit einem Fuß an. Die Flasche rollte langsam unter ihren Schreibtisch, wo sie, nachdem sie auf einen Widerstand getroffen war, verstummte.
Hanna gestaltete ihren Morgen wie gewohnt: Nach dem sie dem Kleiderschrank beliebige Kleidungsstücke entnommen hatte, betrat sie das Badezimmer. Sie duschte heiß und lange, um sich von der vergangenen Nacht zu reinigen. Sie musste sich von vielem reinwaschen. Verdammter Gelegenheitssex; gelobter übermäßiger Alkoholkonsum, der für Filmrisse sorgte, damit sie sich für nichts schämen konnte, weil sie nicht mehr wusste, wofür es sich zu schämen gab.
Erst nach dem Reinigungsritual wagte sie einen Blick in den Spiegel. Ihre Lider waren gerötet und geschwollen, die Haut blass und trocken. Nie hätte sie damit gerechnet, jemals so erschöpft auszusehen. Ihr Blick strahlte etwas Kluges aus. Dazu war sie noch immer hübsch, obwohl sie in kaum einer schlechteren Verfassung sein konnte. Sie war sich dessen bewusst, welche Konsequenzen und Risiken ihre neue Lebensweise barg. Sie wusste, dass all das kein gutes Ende für sie nehmen konnte, doch sie hatte sich mit den Umständen abgefunden, weil sie bereits zu tief in diesem Sumpf gefangen war. Sie würde es so lange ertragen können, wie es Alkohol gab. Dabei hatte sie alle Möglichkeiten, ihr Leben zu ändern, doch sie hatte längst den Willen verloren, es zu versuchen. Sie hatte sich mit allem abgefunden, was noch kommen könnte, während es ihr gar nicht lag, auf wundersam unerwartete Wendungen zu hoffen, überhaupt lag ihr das Hoffen nicht.
Ihr Umfeld würde einst ihr verschwendetes Leben und Potenzial beklagen, doch es spielte keine Rolle, was das Umfeld sagte oder sagen würde. Sie maß dem keine Relevanz zu.
Sie öffnete den Spiegelschrank. Das morgendliche Ritual setzte sich fort: Alles, was nicht gesehen werden sollte, wurde korrigiert, wurde übertüncht. Im Grunde genommen, waren es nur die Augen, die besonders stark geschminkt werden mussten. Der Rest war unwesentlich. Etwas Rouge, um frisch auszusehen und das neue Gesicht war fertig. Das Schminken bereitete ihr keine Freude, aber es war ein notwendiges Übel, um ihre Lebensweise zu verbergen. Es funktionierte.
Hanna begab sich in die Küche, wo sie sofort die Kaffeemaschine betätigte. Sie wusste, sie würde keinen Tag ohne die Drogen des Alltags überleben. Der Kaffee hielt sie wach, die Zigaretten hielten sie für eine gewisse Zeit ruhig. Sie wollte sich nicht vorstellen, was ohne diese Alltagshelfer geschehen würde.
„Guten Morgen“, hörte sie hinter ihrem Rücken. Es war eine fröhliche, hohe Stimme, die sie jeden Morgen zusammenfahren ließ, denn sie sprühte nur so von Optimismus.
Hanna murmelte ein unkenntliches „Morgen“, ohne sich umzudrehen, bis ihr Kaffee fertig war. Der Prozess des Kaffeeflusses in die Tasse war interessanter als die Gesprächspartnerin. Nachdem die Kaffeemaschine endlich ihr Werk getan hatte, hatte Hanna bereits verdrängt, dass sie nicht alleine in der Küche war. Sonst wäre sie sofort geflohen.
Stattdessen setzte sich Hanna an den Tisch, wo sie Sonja sich gegenüber vorfand. Sonja war in ihrem Haus als Kindermädchen von Hannas kleinem Bruder, Jonathan, tätig. Sie arbeitete erst seit etwa sechs Monaten hier. Als die viele Jahre in Hannas Haus tätig gewesene Putzkraft verstorben war, übernahm Sonja auch ihre Funktionen. Sonja war eine durchschnittlich große Frau überdurchschnittlich breiten Körperbaus. Ihre Haare waren leicht gelockt und hatten einen hellen, natürlichen Rotton, ihr hübsches, symmetrisches Gesicht war leicht überzogen mit Sommersprossen und wurde von Hamsterbäckchen eingerahmt. Trotz oder gerade wegen ihres Körperbaus wirkte sie sehr weiblich.
Wenn sich Hanna eine typische Hausfrau und Mutter ausmalen müsste, dann wäre Sonja die optimale Vorlage. Mit ihren 30 Jahren war sie voller übereifriger Bereitschaft für eine Familiengründung und zu naiv, um in einer Gesellschaft zu überleben, die Hanna ihrerseits als grausam einstufte.
Hanna wusste auch, dass Sonja mit Andreas, ihrem Stiefvater, schlief. Das war nicht zu übersehen und erst recht nicht zu überhören, aber Sonja war in ihrer Gedankenwelt zu romantisch veranlagt, um ihn auszunutzen oder zu verletzten, sodass von ihr keine Gefahr für seine sensible Gefühlswelt ausging. Aus diesem Grunde schwieg Hanna über ihr Wissen, denn solange niemand Nachteile von jener Affäre davontrug, war ihr diese Angelegenheit absolut gleichgültig, obwohl sie wusste, dass ihr einst Andeutungen herausrutschen würden, wenn nicht sogar eine umschweifende Stellungnahme zu interspezifischer Paarung, die nun wirklich niemand hören sollte.
Hanna schlürfte von ihrem Kaffee, ohne Sonja anzusehen. Sonst hätte sie bemerkt, dass etwas anders war als sonst.
Sonja zögerte eine Weile und fuhr dann auf gut Glück fort: „Ich wollte mit dir reden.“
Hanna verdrehte gedanklich die Augen, schaltete ihr Gehör ab und versuchte in eine Traumwelt zu fliehen oder sich unsichtbar zu machen. Es wollte nicht klappen.
„Hanna, ich will mit dir reden“, wiederholte Sonja mit Nachdruck den Versuch der gedanklichen Flucht erkennend, und Hanna bemerkte, dass Sonja etwas auf dem Herzen lag. Nur war es der ungeeignetste Zeitpunkt für einen verbalen Austausch, wenn Hanna nicht ganz wach und zu allem Überfluss verkatert war, aber Sonja war nicht feinfühlig genug, um das zu erkennen. Hanna war außergewöhnlich schlecht gelaunt und das verhieß nichts Gutes.
Etwas war stets in Hanna vorhanden, das sie dazu veranlasste, Sonjas Weltbild zu beleidigen, ihre Gefühle zu verletzen, aber heute war es besonders stark.
„Wenn es nicht um Leben und Tod geht, dann nicht jetzt“, erwiderte Hanna. Sie hoffte, Sonja würde später Andreas mit ihrem Anliegen belästigen, sodass es Hanna gänzlich erspart bleiben würde. „Rede doch einfach mit Andreas darüber“, fügte sie hinzu.
„Aber Hanna, es geht um Andreas und ich muss mit dir darüber sprechen“, stammelte Sonja.
Hanna erkannte sofort, was Sonja sagen wollte und fauchte, sich aufgrund von Sonjas Aufdringlichkeit vergessend: „Ja, ich weiß, dass du eine Affäre mit Andreas hast.“
Die Versuchung, das Wort „Affäre“ in Zusammenhang mit Sonja zu benutzen, war zu groß. Hanna war davon überzeugt, dass Sonja das Wort „Affäre“ mit dem Wort „Schlampe“ assoziieren und dieses zu „Hure“ weiterdenken würde. Etwas Verletzenderes hätte Hanna kaum äußern können und ein Teil von ihr genoss diese Macht, das schwächere Individuum zu quälen. Sonja schwieg erstaunt und beschämt. Hanna sah Sonja nicht an, das brauchte sie nicht, um Sonjas Gesichtsausdruck einzuschätzen. Sonja hingegen wagte nur einige kurze, verstohlene Blicke in Hannas Richtung, nicht um Blickkontakt herzustellen, sondern um in Erfahrung zu bringen, was Hanna fühlte oder dachte, aber Hanna dachte und fühlte gar nichts. Dennoch wollte sie ihre Aussage verdeutlichen, also fügte sie ruhig hinzu: „Ich weiß, dass ihr miteinander fickt und es ist mir egal.“
Auch diese Aussage musste Sonja verletzen, weil Sonja eine Familie wollte, weil sie wollte, dass Hanna Teil dessen würde, wie Hanna wusste, aber Hanna wollte nicht Teil dieser romantischen Inszenierung sein. Sonja mit ihrer Naivität und Emotionalität widerte sie an.
Sonja stand auf und ging in der Küche auf und ab, sammelte sich, fügte ihre Gedanken zusammen, verkettete sie zu Sätzen und brachte endlich aus sich heraus: „Ich bin schwanger.“ Ihre Stimme zitterte, sie begann zu schluchzen.
Hanna sah unwillkürlich zu ihr hoch. „Glückwunsch“, brachte sie verwirrt hervor. Ihre Äußerung hatte einen sarkastischen Unterton, obwohl sie nicht sarkastisch gemeint war. Dabei handelte es sich um eine reflexartige, anerzogene, aber nicht ganz verinnerlichte Reaktion. Hanna wusste nicht, wie sie es meinte, weil der Gedanke noch nicht zu ihrem Bewusstsein vorgedrungen war.
Sonja setzte erneut an: „Ich bin schwanger, ich liebe Andreas. Verstehst du eigentlich, was das bedeutet? Was das für uns bedeutet?“
Hanna nickte und sagte mit fester Stimme: „Für uns bedeutet das gar nichts, aber für dich bedeutet das, dass du endlich deine perfekte Familie gründen kannst.“ Diesmal war der sarkastische Klang bewusst gewählt.
„Du glaubst, ich will ihn ausnutzen, wie es deine Mutter getan hat? Hasst du mich? Bist du eifersüchtig? Hast du Angst, deinen Vater zu verlieren?“
In Hanna stieg Wut auf, denn die Unterstellung jener Gefühle beleidigte sie. Hanna war wie ein Pulverfass, das oftmals zu explodieren drohte und Sonja gelang es häufig unbewusst, gefährliche Schalter umzulegen.
Hanna führte aus: „Nein, Sonja, ich glaube nicht, dass du ihn ausnutzen willst. Dafür wärst du geistig zu beschränkt oder mit deinem Vokabular ausgedrückt: zu dumm. Du bist nicht dazu in der Lage, einen Mann auszunutzen oder mit deinen Reizen zu überlisten, weil du keine Reize hast und darum denke ich, Andreas ist bei dir in guten Händen. Aus dir wird eine gute Mutter und eine gute Ehefrau. Ich hasse dich nicht und sehe dich nicht als Konkurrenz. Ich halte dich nur für minderwertig, aber es ist ein Fehler, viel auf meine Meinung zu geben.“
Sonja schreckte einige Schritte zurück, tastete sich an einen Stuhl und setzte sich. Ihr Blick blieb auf Hanna fixiert. Sonja sah aus wie ein in die Ecke gedrängtes, verwundetes Tier. Hanna begann sich in der Tyrannenrolle unwohl zu fühlen und blickte zurück auf ihre Kaffeetasse. Sie hatte mit ihrer Ausführung zu dick aufgetragen und würde sie es sich gestatten, so hätte sie sich für ihr Verhalten geschämt.
Sonja weinte lautlos, Hanna schloss die Augen und genoss die kurzlebige Ruhe. Sonjas Schweigen war derart tiefsinnig, dass Hanna sich wünschte, es würde niemals enden.
Doch es endete: „Du bist so… böse“, sagte Sonja plötzlich laut, „so verbittert! Ich habe leere Alkoholflaschen unter deinem Bett gefunden. Du bist so jung. Wieso tust du dir das an? Ich will doch nur, dass wir alle eine Familie werden.“
Hanna lachte auf: „Was geht es dich denn an, was unter meinem Bett liegt? Was ist das denn für eine Unart, sich in fremde Angelegenheiten einzumischen? Ich bin nicht wie du, in keinem denkbaren geistigen Zustand. Finde dich endlich damit ab, dass es falsch ist, von sich auf andere zu schließen und dass deine Vorstellung von der perfekten Familie nur ein gedankliches Konstrukt ist, dessen Erfüllung so unwahrscheinlich ist, dass sie sich bis zur Unmöglichkeit erstreckt.“
Sonja verstand oftmals Hannas komplex aufgebaute Sätze nicht und nahm deren Inhalt häufig lediglich anhand von Schlagwörtern auf. Diesmal stimmten ihre Interpretation und das von Hanna Gesagte überein.
„Ich will nicht schlecht von dir denken. Ich will dich verstehen. Ich will verstehen, wieso du meinen Traum von Familie so schlecht redest und immer so gemein bist“, warf Sonja voller Tränen ein.
„Weil ich das Wort Realität buchstabieren kann.“
„Und was ist mit der Hoffnung? Wieso willst du immer alles zerstören?“
„Ich will gar nichts, schon gar nicht erst etwas zerstören. Im Gegensatz zu deinen Aussagen haben meine keinerlei manipulative Absichten. Mir geht es um reine Meinungswiedergabe. Träume allein bringen niemanden weiter und Hoffnung ist etwas für Schwache, die sich mit der Realität nicht abfinden können oder wollen, aber wir wissen ja beide, dass du überlebensunfähig bist.“
„Ich malipuniere dich nicht! Wieso denkst du so etwas? Du tust mir leid!“, brachte Sonja erst flüsternd, dann schreiend aus sich heraus und verließ eilig den Raum, Hanna damit die Möglichkeit nehmend, das „malipuniere“ zu korrigieren.
Hanna blieb rührungslos sitzen und dachte über Sonja nach: Sonja hatte einen schlechten Schulabschluss, nicht aus Faulheit, sondern aus Unfähigkeit, konnte nur Erzieherin werden, obwohl sie Grundschullehrerin oder Sozialarbeiterin hatte werden wollen und hatte zufällig den Job in Hannas Haus bekommen. Sonja war wohlbehütet aufgewachsen und hatte wenig Schlechtes von der Welt gesehen, wodurch sie kaum emotional belastbar war, doch sie war glücklich und ein zutiefst guter Mensch. Sie schätzte ihr Leben, erfreute sich an Kleinigkeiten, wachte immer gut gelaunt auf. Bei aller Naivität hatte sie Hannas Abneigung nicht verdient. Sonja war Idealistin, Hanna Perfektionistin, doch die Perfektion war längst verflogen. Die Perfektion war flüchtig, die Ideale fest verankert und wenn auch nie erreicht, blieben sie ein Ansporn. Die Perfektion war eine alte, verstaubte Urkunde an der Wand, die an wertlos gewordene Erfolge erinnerte, deren Grundlage verschwunden war. Die Perfektion war verflogen, vielleicht hatte sie nie existiert. Die naiven Idealisten hatten gewonnen.
Vielleicht war es das, was Hanna so erzürnte – die Niederlage vor den Ungebildeten, vor den Realitätsfernen. Die Unwissenheit machte selig und das Wissen saugte die Lebenskraft aus, denn es gab so viel, das man besser nie erfahren und erleben sollte.
Jetzt erst wurde Hanna bewusst, was es bedeutete, dass Sonja schwanger war. Es würde bald ein neues Leben heranwachsen, das liebevoll großgezogen werden würde. Was würde Hanna diesem Kind schon zu bieten haben? Sarkastische, verbitterte Bemerkungen? Ihre Ressourcen waren erschöpft. Alles fort, investiert in Tote. Der Gedanke an das Baby stimmte Hanna weder traurig, noch glücklich, es änderte nichts an der bodenlosen Leere, die sie nach und nach verschlang. Hanna würde dieses Kind nicht lieben können, weil sie sich nie wieder erlauben würde, jemanden zu lieben.


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