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Belletristik
Buch Leseprobe Verblüfft! Rote Rosen für Diana, Isabella Defano
Isabella Defano

Verblüfft! Rote Rosen für Diana


Der de Luca Clan (Band 8)

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Prolog

 


Nachdenklich blieb Levin stehen, als er das hohe graue Gebäude erreichte, in dem die DLC Group in Los Angeles untergebracht war, und blickte sich um.


„Seltsam, wieder hier zu sein“, sagte er leise und atmete tief durch.


Inzwischen waren fast zwei Jahre vergangen, seit er seinen Arbeitsplatz aufgegeben hatte, um sich um seine kleine Familie zu kümmern. Doch während dieser Zeit hatte sich hier scheinbar rein gar nichts verändert. Noch immer strahlte das Gebäude mit seiner großen Fensterfront, die bis an den Boden reichte, eine starke Eleganz, aber auch eine gewisse Kälte aus. Und er hatte das Gefühl, nach Hause zu kommen.


Aber das ist auch kein Wunder, ging es ihm durch den Kopf und ein Lächeln huschte über seine Lippen, während er langsam weiterging. Bereits während seines Masterstudiums an der CSU Long Beach hatte er hier gearbeitet. Und sich auf diese Weise nach seinem Abschluss eine Festanstellung gesichert. Später hatte er sich dann an diesem Ort in eine wunderschöne junge Frau verliebt. Was sein vorher so geordnetes und gradliniges Leben ziemlich durcheinanderwirbelte.


Kaum musste Levin daran denken, verschwand das Lächeln wieder aus seinem Gesicht und er blieb gequält stehen. Zu schwer waren die letzten beiden Jahre gewesen. Denn kaum hatten sie die freudige Information über Lilys Schwangerschaft erhalten, bekam seine Frau die Schreckensnachricht Krebs und die Ärzte rieten ihr zu einem Abbruch. Doch sie hatte ihr Baby nicht wegmachen lassen wollen. Stattdessen bestand sie darauf, die Schwangerschaft um jeden Preis zu beenden, bevor sie einer Behandlung zustimmte. Auch mit dem Risiko, dass eine Therapie zum späteren Zeitpunkt keinen Erfolg mehr erbringen würde. Und genau so war es gekommen.


Ein starker rasender Schmerz breitete sich in Wellen in Levins Körper aus und er ballte seine Hände zu Fäusten. Verzweifelt versuchte er, die Erinnerungen zu verdrängen, denn die Wunde war einfach noch zu frisch. Erst vor wenigen Tagen hatte seine geliebte Frau den Kampf gegen den Krebs verloren und ihn mit ihrem noch nicht einmal zweijährigen Sohn alleine zurückgelassen. Dabei schien es für kurze Zeit so, als würde die Behandlung endlich anschlagen. Doch das waren wohl nur Wunschträume gewesen.


Plötzlich begann Levins Handy zu klingeln und er kehrte in die Gegenwart zurück. Dean, war sein erster Gedanke und er griff besorgt nach seinem Smartphone. Hoffentlich ist ihm nichts passiert. Denn zum ersten Mal seit dem Tod seiner Mutter hatte er seinen kleinen Sohn alleine gelassen. Doch die Nummer, die auf dem Display zu erkennen war, stammte nicht von seinem Babysitter, sondern von seiner Schwägerin Lucy und er stöhnte auf. Diese Frau hatte ihm gerade noch gefehlt.


„Wieso kann sie mich nicht in Ruhe lassen?“, fluchte Levin leise und steckte das Handy wieder in die Tasche zurück.


Er wollte jetzt nicht mit ihr sprechen. Denn er wusste bereits, was sie von ihm wollte. Seinen Sohn. Seit der Beerdigung ihrer Schwester gab es für sie kein anderes Thema mehr. Und mit jedem Tag, der verging, wurden ihre Worte immer verletzender. Doch egal, wie oft sie ihn noch als egoistisch beschimpfen würde, weil er Dean nicht mit ihren Kindern zusammen aufwachsen lassen wollte, niemals könnte er sich darauf einlassen. Dafür liebte er seinen kleinen Sohn einfach zu sehr. Außerdem war er das Einzige, was ihm von Lily geblieben war. Und der einzige Grund, morgens überhaupt wieder aufzustehen.


Aber das Klingeln hörte nicht auf. Immer wieder rief Lucy seine Nummer an und schließlich musste er sich geschlagen geben. Denn sie hätte noch stundenlang so weitergemacht, da war er sich sicher.


„Lucy, was willst du? Ich dachte, wir hätten bereits alles geklärt“, sagte Levin wütend, nachdem er das Gespräch angenommen hatte, ohne sich mit einer Begrüßung aufzuhalten. „Fahr doch endlich zurück nach Sacramento und lass mich in Ruhe. Denn ich werde meine Meinung nicht ändern. Dean bleibt bei mir.“


„Das ist schade“, erklang die kühle und missbilligende Stimme seiner Schwägerin, die er inzwischen nur zu gut kannte. Und Levin konnte im Geiste vor sich sehen, wie sie ihre Hände vor ihrer Brust verschränkte. „Ich hatte gehofft, du wärst inzwischen endlich zur Vernunft gekommen. Immerhin bist du ohne einen Job kaum dazu in der Lage, anständig für Dean zu sorgen. Und falls du glaubst, mein Vater wird weiter für die Mietkosten deiner Wohnung aufkommen, dann hast du dich getäuscht“, fügte sie fast schon gehässig hinzu. „Du wirst von der Familie kein Geld mehr bekommen. Es sei denn, du siehst endlich ein, dass der Junge bei uns viel besser aufgehoben ist, und überschreibst mir das Sorgerecht. Dann sind wir bereit, dir genügend Geld zu geben, damit du woanders neu anfangen kannst.“


Ungläubig ließ sich Levin die Worte seiner Schwägerin noch einmal durch den Kopf gehen. Hatte sie ihm gerade wirklich vorgeschlagen, ihr seinen Sohn zu verkaufen?


„Das kann nicht dein Ernst sein“, antwortete Levin aufgebracht. „Dean ist mein Sohn. Glaubst du wirklich, ich könnte ihn für Geld weggeben?“


„Wieso nicht“, entgegnete Lucy scharf. „Wir wissen doch beide, warum du dich an meine kleine Schwester rangemacht hast. Und erzähl mir nicht, du hättest sie geliebt“, fügte sie zornig hinzu. „Sonst hättest du niemals zugelassen, dass sie so lange jede Behandlung verweigerte.“


„Das war Lilys Entscheidung und ich habe sie akzeptiert“, stellte Levin klar. „Sie hat sich dafür entschieden, unser Kind zu bekommen, obwohl sie wusste, was für sie auf dem Spiel stand. Was also hätte ich dagegen tun sollen? Sie zwingen, unseren Sohn abzutreiben?“, fügte er sarkastisch hinzu. „Selbst mit einer früheren Behandlung waren ihre Chancen nicht gerade gut. Und das hat sie genau gewusst.“


„Das sind doch nur Ausreden“, fuhr Lucy ihn wütend an. „Genauso gut hätte es sie retten können. Aber das werden wir nie erfahren. Meine Schwester ist tot. Jetzt kann meine Familie nur noch dafür sorgen, dass nicht auch noch ihr Sohn unter deinem Egoismus zu leiden hat. Und ihm ein ordentliches Zuhause geben.“


Es reicht, dachte Levin gereizt. Er hatte genug und wollte sich die Vorwürfe seiner Schwägerin nicht länger anhören.


„Mein Sohn bleibt bei mir“, erwiderte er scharf. „Und ich werde mit dir nicht länger darüber diskutieren. Es hat sowieso keinen Sinn, denn du hast mich noch nie besonders gemocht“, wechselte Levin das Thema und seine Stimme klang verbittert. „Für dich und deine Familie war ich nie gut genug für Lily.“


„Wundert dich das?“, wollte Lucy ironisch wissen. „Immerhin hast du das Leben meiner Schwester ruiniert. Sie hatte ihre gesamte Zukunft noch vor sich. Sie stand kurz vor ihrem Abschluss an der Uni. Und sie wollte danach Karriere machen. Aber stattdessen ist sie dir begegnet und du hast ihr den Kopf verdreht“, warf sie ihm aufgebracht vor. „Und plötzlich war ihr alles egal. Die Zukunftspläne, die sie mit unserem Vater geschmiedet hatte. Ihr Freund, mit dem sie seit der Highschool zusammen gewesen war. Einfach alles. Stattdessen hat sie dich nur zwei Monate nach eurer ersten Begegnung geheiratet und ihre Familie vor vollendete Tatsachen gestellt. Und das nur deshalb, weil du sie geschwängert hast.“


Levin musste schlucken.


„Diese Schwangerschaft war nicht geplant“, stellte er klar, auch wenn sie darüber nicht traurig gewesen waren. „Es ist einfach passiert. Und wir haben dir und deiner Familie nur deshalb nichts davon erzählt, weil dein Vater dieser Ehe sowieso nicht zugestimmt hätte. Für ihn war dieser Typ von der Schule der perfekte Schwiegersohn, da er aus einer guten Familie stammte. Dabei war er für Lily nie mehr als ein guter Freund. Und das wüsstest du, wenn du deiner Schwester nur ein einziges Mal richtig zugehört hättest.“


„Erzähl du mir nichts über meine Schwester. Du Mitgiftjäger“, erwiderte Lucy kalt. „Verschwinde einfach aus unserem Leben.“


„Keine Sorge, dass werde ich“, entgegnete Levin mit unterdrückter Wut. „Denn sobald ich in meiner alten Firma den neuen Arbeitsvertrag unterschrieben habe, ziehen Dean und ich nach Chicago. Dann brauchen wir weder dich noch deine Familie jemals wiederzusehen.“


Kaum hatte Levin das gesagt, hätte er sich am liebsten selbst geohrfeigt. Denn er hatte Lucys Familie bis jetzt ganz bewusst nichts von seinen Plänen erzählt, ans andere Ende von Amerika zu ziehen. Doch jetzt war es heraus. Das konnte nur in einer Katastrophe enden. Und wie recht er damit haben sollte, wurde ihm klar, als seine Schwägerin ihre Sprache wiedergefunden hatte.


„Das ist doch wohl nicht dein Ernst“, sagte sie aufgebracht und er konnte hören, wie sie wütend hin und herging. „Auf keinen Fall werden wir zulassen, dass du den Jungen mitnimmst.“


„Und wie?“, wollte er aufgebracht wissen. „Denn falls du es vergessen hast, Dean ist mein Sohn. Ich kann mit meinem Kind hinziehen, wohin ich möchte.“


„Das werden wir ja noch sehen“, erwiderte Lucy wütend. „Mein Vater ist schließlich der Gouverneur von Kalifornien und hat Beziehungen. Wenn du also nach Chicago ziehen möchtest, bitte. Niemand hält dich zurück. Aber Dean bleibt hier bei seiner Familie. Darauf kannst du dich verlassen.“


 


 


1. Kapitel

 


3 Jahre später


 


Endlich“, sagte Diana erleichtert, als sie den ICE verließ und sah sich suchend um.


Fast sechs Stunden war sie von Berlin nach Stuttgart unterwegs gewesen und wollte jetzt nur noch von hier weg. Doch so oft sie sich auch umsah, sie konnte kein bekanntes Gesicht entdecken und blickte deshalb verwirrt auf ihre Uhr. Hat sie mich etwa vergessen?


Leise stöhnte Diana auf und begann erneut, sich auf dem Gleis umzusehen. Eigentlich hatte Emilia versprochen, sie vom Bahnhof abzuholen. Doch leider hatte ihre Schwester ein Talent dafür, sich zu verspäten oder Termine einfach zu vergessen. Und nicht zum ersten Mal fragte sie sich, wie es kommen konnte, dass sie so unterschiedlich waren. Schließlich waren sie eineiige Zwillinge.


Als zehn Minuten später immer noch niemand zu sehen war, hatte Diana genug von der Warterei und griff nach ihrem Handy. Leicht gereizt wählte sie die Nummer ihrer Schwester, während sie sich eine lange blonde Haarsträhne hinter das Ohr schob, die sich aus ihrem Zopf gelöst hatte.


„Geh ran“, sagte sie leise vor sich hin, als es immer wieder erfolglos klingelte. Aber ihr Wunsch wurde nicht erhört. Schließlich gab sie es leise fluchend auf und schüttelte genervt den Kopf. „Wieso habe ich auch nicht jemand anderen gefragt?“


„Diana.“


Als plötzlich jemand ihren Namen rief, sah sich Diana erneut suchend um. Diesmal dauerte es nicht lange, bis ihr Blick auf eine junge schlanke Frau fiel, die ihr so unglaublich ähnlich sah. Naja, mit ein paar kleinen Ausnahmen, musste sie zugeben, als Emilia mit schnellen Schritten auf sie zueilte. Denn anders als sie hatte ihre Schwester ihrer langen blonden Haare offen gelassen, sodass sie ihr in leichten Wellen über die Schultern fielen. Und sie trug auch keine dunkle Jeans und ein weißes T-Shirt. Sondern einen kurzen schwarzen Rock, den sie mit einem sehr farbenprächtigen Longshirt kombiniert hatte. Sodass man kaum glauben konnte, dass sie bereits Mutter einer fünfjährigen Tochter war.


„Es tut mir leid“, keuchte Emilia ganz außer Atem, als sie Diana erreichte, und blickte sie entschuldigend an. „Auf der Straße war so viel los. Ich bin einfach nicht schneller durchgekommen.“


„Und du bist zu spät losgefahren“, ergänzte Diana schmunzelnd und fiel ihrer Schwester um den Hals.


Trotz aller Unterschiede hatte sie ihre Zwillingsschwester nämlich schrecklich vermisst. Schließlich standen sie sich schon immer sehr nahe. Und daran hatte sich auch nichts geändert, als sie sich für ihr Studium Universitäten in ganz unterschiedlichen Städten ausgesucht hatten.


„Stimmt“, gab Emilia lachend zu, nachdem sie sich voneinander gelöst hatten, und sah ihre Schwester eindringlich an. „Du siehst müde aus“, stellte sie nachdenklich fest, doch Diana winkte ab.


„Dass würdest du auch, wenn du heute schon morgens um halb fünf hättest aufstehen müssen, um deinen Zug zu erwischen. Nur um trotzdem erst zum Mittag hier zu sein.“


„Wahrscheinlich“, gab Emilia zu, schien aber noch nicht völlig überzeugt zu sein. „Doch wieso bist du nicht schon gestern gekommen? Es sind doch Semesterferien.“


Diana zuckte mit den Schultern und griff nach ihrem Koffer.


„Ich musste noch ein paar Dinge für nächste Woche erledigen“, gab sie zu, während sie sich langsam in Richtung des Ausgangs bewegten. „Immerhin fange ich am Montag mein Praktikum in unserer Berliner Filiale an.“


„Ja, ich erinnere mich“, erwiderte Emilia, während sie geschickt einem Fahrgast auswich, der fast in sie hineingelaufen wäre. „Obwohl ich immer noch nicht verstehen kann, warum es ausgerechnet Berlin sein muss. Du hättest doch auch in München ein Praktikum machen können. Dann könnten wir uns wenigstens mal wieder öfter sehen.“


Sofort stöhnte Diana innerlich auf. Nicht schon wieder.


„Das Thema hatten wir doch schon“, erinnerte sie ihre Schwester frustriert. „Ich habe keine Lust auf eine Vorzugsbehandlung, nur deshalb, weil ich eine de Luca bin. Im Gegenteil, ich möchte wie alle anderen Praktikanten behandelt werden. Und wir wissen beide, dass das in München nicht möglich wäre. Immerhin ist unser Bruder Raphael der Geschäftsführer der Online-Vertriebsfiliale, während sich seine Frau halbtags um die Leitung des Ladens kümmert.“


„Und du glaubst wirklich, in Berlin wäre das anders?“, fragte Emilia skeptisch. „Ich meine, nur weil dort niemand aus der Familie arbeitet, bist du trotzdem noch eine de Luca. Das kannst du nicht ändern.“


„Doch kann ich“, erwiderte Diana nach kurzem Zögern und Emilia blieb verwundert stehen.


„Wie?“


„Alexander hat sich darum gekümmert“, beantwortete Diana die Frage ihrer Schwester. „Er hat mir den Job unter Mamas Mädchennamen beschafft.“


„Darauf hat sich unser Bruder eingelassen?“, fragte Emilia ungläubig. „Ist das überhaupt legal?“


Diana zuckte mit den Schultern und ging weiter. Sichtlich verwirrt folgte ihre Schwester ihr.


„Eigentlich wollte ich mein Praktikum in einem anderen Betrieb machen“, nahm Diana das Gespräch wieder auf, als sie den Ausgang erreicht hatten, und sah Emilia mit ernster Miene an. „Alexander war darüber aber nicht besonders begeistert und hat mich gebeten, meine Pläne zu ändern. Doch ich war nur unter diesen Bedingungen einverstanden. Also habe ich ihn keine große Wahl gelassen.“


„Und wieso?“, fragte Emilia, immer noch verwirrt. „Das kann ich immer noch nicht nachvollziehen. Schämst du dich so sehr für unsere Familie?“


„Natürlich nicht“, erwiderte Diana prompt. „Wie kommst du denn darauf?“, wollte sie überrascht wissen. „Ich möchte einfach nur in Ruhe meine Arbeit machen. Und nicht ausgegrenzt werden, weil man mich für einen Spitzel hält.“


So wie Sophie, fügte sie in Gedanken hinzu, während sie an ihre große Schwester dachte. Auch sie hatte Betriebswirtschaft studiert und einige Praktika in den familieneigenen Betrieben absolviert. Doch egal, wo sie aufgetaucht war, die Mitarbeiter hatten aufgehört zu reden und sich ihr gegenüber sehr zurückhaltend gezeigt. Und das wollte sie auf gar keinen Fall. Lieber verzichtete sie während ihres Studiums ganz auf die Arbeit in den de-Luca-Filialen.


„Entschuldige. Daran habe ich nicht gedacht“, gab Emilia nachdenklich zu, als sie ihren roten Opel Corsa Satellite erreichten. „Wahrscheinlich, weil ich diese Probleme noch nie hatte.“


„Wie auch“, erwiderte Diana schmunzelnd und verstaute ihr Gepäck im Kofferraum. „Du studierst ja auch nicht BWL, sondern Erziehungswissenschaften und Psychologie. Somit hast du mit unserem Familienbetrieb nicht wirklich etwas zu tun. Obwohl ich nie verstehen werde, was dich daran so fasziniert.“


„Ebenso wenig, wie ich begreifen kann, warum alle meine Geschwister ausgerechnet Betriebswirtschaft oder Jura studieren wollten“, gab Emilia zurück und sie mussten beide lachen.


„Genau“, stimmte Diana ihrer Schwester zu und sie stiegen ein. „Wo ist eigentlich Hannah?“, wechselte sie kurz darauf das Thema und sah ihre Schwester fragend an. „Wollte sie mich nicht zusammen mit dir abholen?“


Immerhin hatte Diana auch ihre kleine Nichte schon seit Monaten nicht mehr gesehen.


„Eigentlich schon“, erwiderte Emilia nachdenklich und fuhr los. „Aber Alexander hielt es für besser, wenn die Kinder heute Nachmittag nicht mit dabei sind, wenn Sophie ihre Bombe platzen lässt. Und wenn man bedenkt, wie Papa auf das Zusammenziehen mit ihrem Freund reagiert hat, ist die Idee gar nicht mal so schlecht.“


Diana nickte und starrte schweigend aus dem Fenster. Sie konnte sich noch gut an diesen Tag erinnern. Ihr Vater war ausgerastet. Und das konnte sie ihm nicht einmal verübeln. Immerhin war ihr Freund und Filialleiter der de-Luca-Verkaufsfiliale in Wien nicht gerade unschuldig daran gewesen, dass sie vor ein paar Monaten von Mitgliedern seiner früheren Gang entführt und fast getötet worden war. Doch Sophie hatte davon nichts hören wollen, sondern Mario in Schutz genommen, was ihren Vater noch wütender gemacht hatte. Daraufhin hatte ihre Schwester ihn einfach stehen lassen.


„Weißt du schon, was sie diesmal verkünden möchte?“, nahm Diana das Gespräch wieder auf, als ihre Schwester den Wagen vor einem großen Haus mit Turmeckern und Fledermausgauben zum Stehen brachte. „Hat sie irgendetwas gesagt?“


Emilia schüttelte mit dem Kopf.


„Nein“, gab diese zu und schaltete den Motor ab. „Ich weiß nur, dass es etwas Wichtiges sein soll. Und dass Sophie uns alle zur Unterstützung dabei haben möchte.“


Diana nickte, obwohl sie nicht deshalb hergekommen war. Doch bevor sie etwas erwidern konnte, ging die Haustür auf und eine ältere Frau mit kurzen blonden Haaren eilte lächelnd auf sie zu. Schnell stieg Diana aus dem Auto aus und lief ihrer Mutter entgegen. Die sie, mit Tränen in den Augen, in die Arme schloss.


„Diana, endlich“, flüsterte Nancy de Luca leise und wollte ihre Tochter gar nicht mehr loslassen. „Du hast mir so gefehlt.“


„Ich bin auch froh, wieder hier zu sein“, erwiderte Diana und sah ihre Mutter lächelnd an. „Schade nur, dass ich morgen schon wieder nach Berlin zurück muss.“


„Ja“, stimmte Nancy de Luca ihr zu. „Ich wünschte auch, du könntest länger bleiben. Aber wenigstens hast du es überhaupt geschafft, heute hier zu sein. Seit deinem letzten Besuch sind inzwischen Monate vergangen.“


Bevor Diana darauf antworten konnte, wurden sie von Emilia unterbrochen, die stöhnend das Gepäck ihrer Schwester aus dem Kofferraum hievte.


„Mann, was hast du denn in deinem Koffer? Steine?“


Lachend ging Diana, gefolgt von ihrer Mutter, zum Wagen ihrer Schwester zurück.


„Nein, Bücher“, erwiderte sie belustigt. „Schließlich war ich fast sechs Stunden mit dem Zug unterwegs. Irgendwie musste ich mir ja die Zeit vertreiben. Also habe ich schon mal angefangen, erste Informationen für meine Bachelorarbeit zu sammeln.“


„Wurde dein Thema schon zugelassen?“, fragte Emilia verwundert. „Ich bekomme meine Bestätigung erst beim Start des nächsten Semesters.“


„Das ist bei mir auch so“, gab Diana zu und nahm ihrer Schwester die Tasche ab. „Doch ich bin sehr zuversichtlich. Immerhin habe ich bereits im letzten Semester zu diesem Thema ein Exposé geschrieben, das bei meinem Professor sehr gut angekommen ist. Es gibt also keinen Grund, warum ich nicht darauf meine Bachelorarbeit aufbauen sollte.“ Dann wandte sie sich wieder an ihre Mutter. „Ist Sophie schon angekommen?“


Nancy de Luca nickte und ihr Gesicht wurde ernst.


„Vor etwa zehn Minuten“, gab sie zu und seufzte. „Mit ihrem Freund. Leider ist euer Vater darüber alles andere als begeistert.“


„Haben sie sich wieder gestritten?“, wollte Emilia sofort wissen und Diana sah schweigend zur Eingangstür ihres Elternhauses.


„Noch nicht“, erwiderte Nancy de Luca nachdenklich. „Ich habe eurem Vater gebeten, sich etwas zurückzuhalten. Schließlich ist es das erste Mal seit langem, dass alle unsere Kinder für ein ganzes Wochenende hier sind. Trotzdem hat er bis zum Schluss gehofft, Sophie würde alleine kommen und hätte sich von Mario getrennt.“


Emilia stöhnte auf.


„Manchmal ist Papa wirklich stur“, sagte sie kopfschüttelnd. „Na ja, ich werde mal reingehen und die beiden begrüßen. Kommst du mit?“, fragte sie ihre Schwester, doch Diana schüttelte mit dem Kopf.


„Geh schon vor. Ich möchte noch kurz etwas mit Mama besprechen.“


Emilia nickte und ging auf die Eingangstür zu. Kurze Zeit später war sie im Haus verschwunden.


„Wie geht es euch wirklich?“, wollte Diana von ihrer Mutter wissen, als ihre Schwester nicht mehr zu sehen war, und blickte sie fragend an. „Emanuel hat mir von deinem Zusammenbruch erzählt. Wieso hast du mich nicht angerufen?“


„Das hätte dein Bruder nicht tun sollen“, erwiderte Nancy de Luca mit einem schwachen Lächeln. „Denn ich wollte nicht, dass du dir Sorgen machst. Außerdem geht es mir inzwischen wieder gut. Es war einfach nur ein Schock. Die Sache mit Sophie hat mich einfach nur sehr an die Entführung von Nicole erinnert. Doch es ist dieses Mal ja alles gut ausgegangen.“


„Und Papa?“, fragte Diana sofort, denn sie wollte jetzt nicht an ihre kleine Schwester denken, die vor Jahren als Baby entführt worden war.


„Ihm geht es auch gut“, versicherte ihre Mutter. „Er hat es sich nur in den Kopf gesetzt, dass Mario nicht der Richtige für seine Tochter ist. Obwohl ich fast glaube, dass es inzwischen gar nichts mehr mit der Entführung zu tun hat. Für euren Vater ist eben kein Mann gut genug für seine Töchter. Doch jetzt lass uns reingehen. Die anderen warten bestimmt schon auf uns und das Essen wird kalt.“


Diana lachte auf und hakte sich bei ihrer Mutter unter. Doch noch während sie gemeinsam hineingingen, spürte sie, dass sich in ihrem Elternhaus etwas ganz Entscheidendes verändert hatte. Statt lautem Gelächter empfing sie nur ein pures Schweigen, sodass das Haus wie ausgestorben wirkte. Ein Zustand, den es in ihrer Erinnerung nur ein einziges Mal gegeben hatte. Und zwar in den Wochen nach der Entführung von Nicole.


„Opa.“


Nachdenklich sah Levin Dean hinterher, wie er in die weitgeöffneten Arme seines Großvaters lief. Dabei lachte er über das ganze Gesicht und wirkte so glücklich, dass es ihm einen kleinen Schlag versetzte. So selten war dieses Lachen in den letzten Wochen geworden. Zu oft hatte sein vierjähriger Sohn nur ernst vor sich hingestarrt, ohne mit ihm zu sprechen. Und er wusste nicht, was er dagegen tun sollte. Dabei war Dean bis vor einem halben Jahr noch so ein glückliches Kind gewesen.


Wahrscheinlich spürt er meine Anspannung, ging es Levin durch den Kopf, während er seinen Sohn nicht aus den Augen ließ. Zu viel war in den letzten Monaten wieder hochgekommen, nachdem er plötzlich diesen Brief aus Amerika in seinem Briefkasten vorgefunden hatte. Die Gefühle, die Sorge und der Schmerz, die er seiner Meinung nach längst hinter sich gelassen hatte. Doch scheinbar war er sie nie wirklich losgeworden.


„Levin, was ist mit dir?“


Die Stimme seiner Mutter riss Levin aus seinen Gedanken heraus und er wandte sich zu ihr um. Er hatte gar nicht bemerkt, dass sie zu ihm gekommen war. Und wusste auch nicht, was genau er ihr sagen sollte. Er wollte nicht, dass seine Eltern sich Sorgen machten. Wollte allein mit dieser Sache fertig werden. Doch der heutige Tag hatte ihm gezeigt, dass er seine Probleme nicht länger vor ihnen verheimlichen konnte. Denn so, wie es aussah, holte seine Vergangenheit ihn gerade wieder ein.


„Ich muss mit euch reden“, sagte er daher und musste schlucken, als sein Blick dabei wieder auf Dean fiel. „Es gibt da etwas, was ich euch dringend sagen muss.“


„In Ordnung“, erwiderte Susann Alexander besorgt. „Worum geht es?“


„Nicht jetzt“, sagte Levin angespannt und atmete tief durch. „Später, wenn Dean schläft. Ich möchte nicht, dass er etwas mitbekommt.“


Nachdenklich legte Diana ihre Tasche auf das Bett und sah sich in ihrem früheren Zimmer um. So ein angespanntes Mittagessen wie heute hatte sie noch nie erlebt. Nicht einer hatte auch nur ein Wort gesprochen. Nur das Schaben auf dem Teller war zu hören gewesen. Und dafür war sie extra aus Berlin hergekommen? Das hätte ich mir wirklich sparen können. Besonders deshalb, weil ihre Schwester Sophie bisher keinen Versuch unternommen hatte, ihnen allen den Grund für dieses Treffen zu verraten.


Plötzlich klopfte es an ihrer geöffneten Tür und sie drehte sich um.


„Lara“, wandte sich Diana an ihre Schwägerin und schenkte ihr ein schwaches Lächeln. „Komm rein. Will Sophie jetzt endlich doch mit ihrer großen Enthüllung beginnen?“


Larissa schüttelte mit dem Kopf und setzte sich auf das Bett.


„Dein Vater ist in seinem Büro“, begann sie zu berichten. „Sophie hat beschlossen, ihrem Freund die Gegend zu zeigen. Deine Brüder sind unten im Fitnessraum und der Rest draußen im Garten. Die Enthüllung wird also noch etwas warten müssen.“


Diana nickte und setzte sich ebenfalls hin.


„Weißt du eigentlich, worum es geht?“, fragte sie nachdenklich. „Emilia konnte es mir nicht sagen.“


„Nein“, erwiderte Larissa lächelnd. „Aber Raphael und ich hegen ein Verdacht.“


„Eine Hochzeit“, vermutete Diana und ihre Schwägerin nickte. „Das wird Papa nicht gefallen.“


„Da hast du wohl recht“, stimmte Larissa ihr zu, wechselte dann aber das Thema. „Doch deshalb bin ich nicht hochgekommen. Im Gegenteil, ich wollte mit dir über dein Praktikum in der Berliner Filiale sprechen. Hast du dir das wirklich gut überlegt?“


Überrascht sah Diana ihre Schwägerin an. Mit diesem Themenwechsel hatte sie nicht gerechnet. Schließlich hatten sie bisher noch nie viel miteinander zu tun gehabt. Und das, obwohl die Frau ihres Bruders nicht viel älter war als sie. Was aber wahrscheinlich auch daran lag, dass sie in Berlin studierte, während Raphael mit seiner Familie in München wohnte.


„Na ja, Alexander hat mich gebeten, dort mein Praktikum zu machen“, erwiderte sie daher ausweichend. „Er hat alles mit seinem früheren Studienfreund abgesprochen, der den Standort leitet. Wieso?“


Schweigend sah Larissa Diana an, dann stand sie auf und schloss die Tür.


„Ich möchte dir keine Angst machen“, antwortete sie sichtbar angespannt und setzte sich wieder hin. „Aber meine Erfahrungen dort waren alles andere als angenehm. Zwar haben sich inzwischen bestimmt ein paar Dinge geändert, trotzdem solltest du vorsichtig sein. Besonders gegenüber Marc Kluge. Er hat damals im Lager gearbeitet und könnte noch immer dort sein. Lass dich von ihm nicht zu einem Kaffee oder so einladen. Denn er liebt es, sich an Neulinge heranzumachen. Lässt sie genauso schnell aber auch wieder fallen, sobald er seinen Spaß gehabt hat. Ach ja“, ergänzte sie schnell. „Und wenn die Personalchefin Frau Reuther noch da ist, sei vorsichtig. Sie ist eine falsche Schlange, die zwar nett tut, dir aber beruflich ziemlich schaden kann. Dank ihr war es mir damals unmöglich, in Berlin einen neuen Job zu finden, nachdem ich gekündigt wurde. Außerdem kannst du von ihr dann keine große Hilfe erwarten, wenn es Probleme mit anderen Mitarbeitern gibt. Sie hält eher zu denen, die bereits länger dort arbeiten oder mit denen sie befreundet ist.“


Verwirrt sah Diana ihre Schwägerin an.


„Was genau ist damals eigentlich passiert?“, wollte sie irritiert wissen. „Ich weiß nur, dass du früher dort gearbeitet und dabei Raphael kennengelernt hast.“


„Das ist nicht mehr so wichtig“, wich Larissa der Antwort aus. „Sei einfach nur vorsichtig. Obwohl du eigentlich nichts zu befürchten hast. Immerhin bist du eine de Luca.“


„Na ja, ich …“


Weiter kam sie nicht, denn plötzlich ging die Tür auf und Emilia stürmte aufgeregt ins Zimmer.


„Ihr müsst sofort runterkommen. Papa rastet gerade voll aus.“


„Wieso?“, fragten Larissa und Diana wie aus einem Mund.


„Er hat mitbekommen, wie sich Sophie und Mario über ihre Hochzeit unterhalten haben. Sie soll bereits im November stattfinden.“


Kaum hatte Emilia ihren Satz beendet, das wandte sie sich schon um und eilte ins Erdgeschoss zurück. Schweigend folgten Diana und Larissa ihr.


„Bist du jetzt völlig verrückt. Du kennst diesen Kerl doch kaum. Wie kannst du da an eine Hochzeit denken?“


Bereits auf der Treppe schallten ihnen die zornigen Worte von Victor de Luca entgegen und Diana blieb wie angewurzelt stehen. Noch nie hatte sie ihren Vater so wütend erlebt. Nicht einmal damals, als Emilia ihm beichten musste, dass sie mit gerade mal 15 Jahren von ihrem Freund schwanger geworden war. Und schon damals hatte es ein ziemliches Donnerwetter gegeben.


„Vater, bitte. Hör mir doch einfach mal zu.“


Die Stimme ihrer älteren Schwester riss Diana aus ihren Gedanken heraus und sie setzte sich wieder in Bewegung. Doch kaum hatte sie das Wohnzimmer erreicht, wünschte sie sich, sie wäre oben geblieben. Denn jetzt verstand sie, warum sie alle heute herkommen sollten.


Rot vor Zorn stand ihr Vater vor Sophie, die einen Arm um ihren Freund geschlungen hatte. Ihre Mutter saß mit blassem Gesicht auf dem Sofa, ebenso wie die Frauen ihrer beiden Brüder. Während sich ihre Geschwister hinter und neben dem Paar aufgestellt hatten.


„Ich liebe Mario.“


„Liebe“, zischte Victor de Luca zornig. „Es ist noch nicht einmal ein Jahr her, da hast du noch nicht einmal gewusst, dass es ihn gibt. Wie kannst du da schon von Liebe sprechen? Irgendwann wirst du zur Vernunft kommen und dann bist du mit diesem Mann verheiratet. Einem Mann, der dich überhaupt nicht verdient.“


„Herr de Luca“, meldete sich nun Sophies Freund zu Wort, doch Victor de Luca ließ ihn gar nicht erst ausreden.


„Mit Ihnen will ich gar nicht erst sprechen. Wenn Sie nur etwas Ehre im Leib hätten, würden Sie die Finger von meiner Tochter lassen.“


„Es reicht“, schrie Sophie ihren Vater wütend an. „Ich habe endgültig genug. Ich werde nicht zulassen, dass du weiter so mit Mario sprichst. Wir lieben uns und werden im November heiraten, ob es dir nun passt oder nicht. Ich bin auf deine Erlaubnis nicht angewiesen. Und ich verspreche dir hiermit, dass keiner von uns dieses Haus noch einmal betreten wird, solange du meine Beziehung nicht akzeptierst und dich bei Mario entschuldigt hast.“ Dann wandte sie sich ihrem Freund zu. „Komm, wir gehen.“


Niemand sagte ein Wort, während Diana ihrer Schwester ungläubig hinterher sah, wie sie zusammen mit ihrem Freund das Zimmer verließ. Dann fiel ihr Blick auf ihre Mutter, die inzwischen noch blasser geworden war und ihrer Tochter hinterher eilte.


„Du kannst sie so doch nicht gehen lassen“, durchbrach ihr Bruder Alexander schließlich das Schweigen und Diana wandte sich wieder ihrem Vater zu.


„Vater“, meldete sich auch Raphael zu Wort.


Doch Victor de Luca sah immer noch völlig erstarrt zur Tür, durch die seine Tochter verschwunden war. So als könnte er nicht glauben, welches Ultimatum sie ihn gerade gestellt hatte.


„Papa?“, fragte Diana besorgt und wollte zu ihm gehen, aber ihr Bruder Emanuel hielt sie mit einem Kopfschütteln zurück.


„Nicht“, flüsterte er ihr ins Ohr und sie wusste auch warum.


Im Moment stand sie wahrscheinlich als einzige ihrer Geschwister auf der Seite ihres Vaters. Und er wollte nicht, dass sie die Wut der anderen abbekam.


„Also, worüber wolltest du mit uns sprechen?“, wollte Susann Alexander von ihrem Sohn wissen, nachdem dieser Dean für seinen Mittagsschlaf hingelegt hatte. „Es schien etwas Ernstes zu sein.“


„Das ist es auch“, gab Levin angespannt zu und nahm ebenfalls am Küchentisch Platz. „Und ich hätte es euch schon viel früher sagen müssen“, ergänzte er zögernd und sah seine Eltern entschuldigend an.


„Geht es um Dean?“, meldete sich sofort sein Vater zu Wort und Levin nickte.


„Genauer gesagt, um ihn und um die Familie meiner Frau.“


Verwirrt sah seine Mutter ihn an.


„Das verstehe ich nicht. Du hast uns doch erzählt, dass sie mit Dean nichts mehr zu tun haben wollen. Haben sie ihre Meinung jetzt geändert?“


Verbittert lachte Levin auf und schüttelte mit dem Kopf.


„Ich habe euch angelogen“, gab er zu, ohne seine Eltern anzusehen. „Eigentlich war eher das Gegenteil der Fall. Nach der Beerdigung hat mich Lucy regelrecht unter Druck gesetzt, ihr das Sorgerecht für meinen Sohn zu übertragen. Sie meinte, es wäre besser für ihn, wenn er bei ihrer Familie aufwächst.“


„Was?“, fragte sein Vater wütend. „Wie kann das für Dean das Beste sein? Schließlich ist er dein Sohn.“


„Lilys Familie hat mich nie akzeptiert“, erwiderte Levin angespannt. „Für sie war ich nur ein Mitgiftjäger. Ein Ausländer. Obwohl ich in Amerika geboren wurde und einen amerikanischen Pass besitze. Ihr Vater hat mir sogar Geld für den Fall angeboten, dass ich aus dem Leben seiner Tochter verschwinde.“


„Wieso hast du uns das nie erzählt?“, wollte Susann Alexander mitfühlend wissen und berührte die Hand ihres Sohnes. „Wir hatten ja keine Ahnung.“


Levin schenkte seiner Mutter ein schwaches Lächeln und legte seine andere Hand auf ihre.


„Ich wollte nicht, dass ihr euch Sorgen macht. Außerdem war Lily die Meinung ihrer Eltern egal. Wir haben uns ein Leben in Los Angeles aufgebaut und waren glücklich. Und wir wären es immer noch, wenn sie nicht gestorben wäre.“


„Das mag sein“, erwiderte Wade Alexander nachdenklich. „Doch warum erzählst du uns das jetzt? Lily ist seit drei Jahren tot und du hast mit ihrer Familie seitdem nichts mehr zu tun. Oder haben sie sich in all der Zeit nur einmal bei dir und Dean gemeldet?“


„Nein“, gab Levin zu und lehnte sich in seinem Stuhl zurück. „Aber das konnten sie auch nicht. Denn sie haben nicht gewusst, wo wir sind.“


Überraschte Blicke waren auf Levin gerichtet und er musste schlucken. Schuldgefühle stiegen in ihm hoch. Und es war schwerer als gedacht, nach all der Zeit über die damaligen Ereignisse zu sprechen. Damals hatte er seinen Eltern nur das Notwendigste erzählt, ohne seine Probleme zu erwähnen. Und dank der Hilfe seines Freundes hatte die Flucht auch sehr gut funktioniert.


„Was meinst du damit?“, unterbrach sein Vater das Schweigen und schenkte seiner Frau einen verwirrten Blick. „Du hast ihnen nicht gesagt, dass du wieder nach Deutschland ziehst?“


„Ich habe es niemanden erzählt“, erwiderte Levin stockend. „Alle dachten, mein nächstes Ziel wäre Chicago. Mit Ausnahme von Alexander de Luca, der unter seinen Namen meine Sachen an die Berliner Filiale geschickt und sich um die Kündigung meiner Wohnung gekümmert hat.“


„Aber das ergibt doch keinen Sinn“, meldete sich seine Mutter zu Wort. „Wieso dieser Aufwand? Niemand hätte dir verbieten können, mit deinem Sohn nach Deutschland zu ziehen.“


„Sie wollten meinen Sohn“, erinnerte Levin sie. „Das hat Lucy sehr deutlich gemacht. Wenn ich ihnen Dean nicht freiwillig ausgehändigt hätte, hätten sie sicher einen Weg gefunden, ihn mir wegzunehmen. Ihr Vater ist schließlich der Gouverneur von Kalifornien. Er hätte mit Sicherheit einen Weg gefunden. Also musste ich unbemerkt mit Dean verschwinden. Es war Schicksal, dass ich noch am gleichen Tag meinen alten Studienfreund getroffen habe, der zufällig die Dienste meiner früheren Arbeitsstätte in Anspruch genommen hat.“


„Oh man“, stöhnte sein Vater auf und lehnte sich in seinem Stuhl zurück. „Das ist alles ziemlich verworren. Und wir dachten die ganze Zeit, du bist zurückgekommen, weil dein Freund dir hier eine bessere Stelle angeboten hat.“


Ein schwaches Lächeln huschte über Levins Gesicht.


„Ich bin Wirtschaftsprüfer, Dad“, erinnerte er seinen Vater. „Ich habe jahrelang Firmen dabei geholfen, neue Filialen oder Betriebe aufzubauen. Den Job als Filialleiter habe ich nur deshalb angenommen, weil er mir die Chance eröffnet hat, in Deutschland zu arbeiten und wegen der festen Arbeitszeiten. Dass alles ermöglicht es mir, für meinen Sohn da zu sein.“


„Aber jetzt hat sich etwas geändert“, vermutete Wade Alexander und Levin nickte.


„Lilys Familie hat mich gefunden. Vor vier Monaten bekam ich von Lucy den ersten Brief. Sie möchte, dass ich mit Dean nach Amerika zurückkomme, doch ich habe die Briefe bisher ignoriert. Gestern habe ich wieder einen bekommen und inzwischen ist der Ton ziemlich fordernd. Daher möchte ich euch bitten, vorsichtig zu sein, wenn Dean bei euch ist. Ich traue Lilys Familie alles zu. Auch, dass sie ihn nach Amerika entführen.“


„Du kannst dich auf uns verlassen“, versicherte Wade Alexander. „Niemand nimmt uns unseren Jungen weg.“


Diana wusste nicht, wie lange sie alle schweigend dagestanden hatten. Doch als die Haustür hinter ihrer Mutter ins Schloss fiel, erwachten sie aus ihrer Erstarrung. Schwer atmend ließ sich ihr Vater auf einen der Sessel fallen, während ihre Mutter schluchzend im Badezimmer verschwand.


„Du solltest ihr nachgehen“, wandte sich Alexander an seinen Vater. „So kannst du sie nicht gehen lassen. Sonst …“


Weiter kam er nicht, denn mit einer schnellen Bewegung stand Victor de Luca auf und ging auf seinen Sohn zu.


„Das ist alles nur deine Schuld“, fuhr er ihn wütend an. „Wenn du ihn nicht als Filialleiter behalten hättest, wäre er längst weg. Immerhin hatte er gekündigt. Aber du wolltest ja nicht auf mich hören.“


„Weil es unvernünftig gewesen wäre“, erwiderte Alexander gepresst. „Er ist ein guter Mitarbeiter und bei seinen Angestellten sehr beliebt. Und Sophie …“


„Ach was“, unterbrach Victor de Luca ihn zornig. „Wir hätten sicher auch jemand anderen gefunden.“


„Mag sein“, gab Alexander ihm recht und Diana konnte sehen, wie ihr Bruder nun ebenfalls wütend wurde. „Aber ich bin jetzt für die Firma verantwortlich und treffe meine eigenen Entscheidungen. Damit wirst du leben müssen.“ Dann wandte er sich an Ronja, die das gesamte Gespräch bisher nur stumm verfolgt hatte. „Lass uns gehen. Wir sind hier fertig.“


„Du wirst doch nicht einfach so abhauen“, fuhr Victor de Luca seinen Sohn an.


Doch Alexander machte sich nicht die Mühe, darauf zu antworten, sondern ergriff die Hand seiner Frau.


„Alexander“, schrie sein Vater noch einmal, aber ohne Erfolg.


Nacheinander verließen alle Kinder das Haus, bis nur noch Emanuel neben Diana stand.


„Du bleibst?“, fragte er sie leise, ohne auf seinen Vater zu achten, der seinen Kindern hinterherschrie.


„Wir können nicht alle gehen“, erwiderte Diana bestürzt über das Verhalten ihrer Geschwister. „Denk an Mama.“


Emanuel nickte, dann gab er ihr einen Kuss auf die Stirn. Kurz darauf hatte auch er das Zimmer verlassen.


„Kommt sofort zurück“, schrie Victor de Luca immer noch seinen Kindern hinterher, während Diana langsam auf ihren Vater zuging.


„Beruhige dich, Papa“, bat sie ihn, als sie vor ihm stand und er sich wie benommen wieder in den Sessel zurückfallen ließ.


„Sie sind einfach gegangen“, sagte er mehr zu sich selbst und seine Hände ballten sich zu Fäusten. „Und das alles nur wegen ihm. Er macht unsere Familie kaputt.“


„Sie kommen bestimmt wieder“, versuchte Diana, ihren Vater zu beruhigen, und setzte sich auf die Lehne. Sanft berührte sie seinen Arm. „Da bin ich ganz sicher.“


Ein verbittertes Lächeln huschte über Victor de Lucas Gesicht und er sah seine Tochter zweifelnd an.


„Das glaubst du doch selbst nicht“, erwiderte er bedrückt. „Sie verstehen es nicht. Ich möchte Sophie doch nur vor einer großen Dummheit bewahren.“


„Das kannst du aber nicht, Papa“, sagte Diana leise und legte ihrem Vater ihren Kopf auf die Schultern. „Sophie ist genauso dickköpfig wie du. Sie glaubt, dass sie diesen Mann liebt. Du wirst sie nicht vom Gegenteil überzeugen können.“


„Und was soll ich deiner Meinung nach tun?“, wollte Victor de Luca angespannt wissen. „Einfach zusehen, wie sie in ihr Unglück rennt?“


„Nein“, gab Diana zu. „Doch sie ist erwachsen und es ist ihr Leben. Ob du willst oder nicht, das musst du akzeptieren. Sonst wirst du Sophie ganz verlieren.“


 


 


2. Kapitel

 


Frustriert schaufelte Levin Rührei auf zwei Teller und stellte sie auf den Tisch.


„Dean! Beeil dich. Das Frühstück ist fertig.“


Bereits zum fünften Mal hatte er nun seinen Sohn gerufen, doch bisher ohne Erfolg.


Schließlich hatte Levin genug und stürmte wütend die Treppe zum Zimmer seines Sohnes hoch.


„Dean, was soll das?“


Ungläubig sah er auf den kleinen Jungen herab, der immer noch im Schlafanzug auf dem Boden saß. Seine kastanienbraunen Haare waren zerzaust und die Sachen, die er ihm rausgelegt hatte, lagen unberührt auf einem Stapel.


„Du bist ja immer noch nicht angezogen. Was hast du die ganze Zeit gemacht? Ich muss in einer Stunde in der Filiale sein und vorher will ich dich noch zu Grandma und Grandpa fahren. Mach, dass du fertig wirst.“


„Ich will nicht zu Grandma und Grandpa, Dad“, sagte Dean wenig begeistert, ohne seinen Blick vom Fußboden zu heben. „Ich will bei dir bleiben.“


Überrascht sah Levin seinen Sohn an und ging vor ihm in die Hocke. Damit hatte er nicht gerechnet.


„Ich dachte bisher immer, du bist gerne bei ihnen.“


„Ja“, gab Dean traurig zu und hob seinen Kopf, um seinen Vater anzusehen. „Aber wir waren doch erst dort. Und du hast mir versprochen, dass wir zum Baden fahren, wenn ich nicht in den Kindergarten muss.“


„Aber doch nicht heute“, erwiderte Levin und seufze. Langsam ließ er sich neben seinem Sohn nieder und zog ihn an sich. „Heute ist Montag und ich muss arbeiten“, sagte er mit einem schwachen Lächeln auf den Lippen. „Wir werden am Wochenende an die Ostsee fahren.“


„Wirklich?“, fragte Dean skeptisch.


„Ja“, versicherte Levin, fest entschlossen, alles dafür zu tun, damit er sein Versprechen halten konnte. „Doch jetzt musst du dich anziehen. Grandma und Grandpa freuen sich schon darauf, dass du heute vorbeikommst. Und wenn ich mit der Arbeit fertig bin, hole ich dich wieder ab.“


Tränen schossen Dean in die Augen, doch er presste tapfer die Lippen zusammen. Sofort bekam Levin ein schlechtes Gewissen und musste schlucken. Zu gerne hätte er sich heute, wo der Kindergarten geschlossen hatte, einen Tag freigenommen und Zeit mit seinem Sohn verbracht. Doch es ging einfach nicht. Da einige Mitarbeiter mit einer heftigen Erkältung zu kämpfen hatten, war die Filiale sowieso schon unterbesetzt. Außerdem sollte heute eine neue Praktikantin anfangen, die sein Chef und Studienfreund Alexander de Luca ihm wärmstens empfohlen hatte.


„Vielleicht kann ich heute ja früher Schluss machen“, dachte er laut und Dean sah ihn hoffnungsvoll an. „Ich werde es auf jeden Fall versuchen“, versprach Levin, der die Hoffnung in den Augen seines Sohnes nicht gleich wieder zerstören wollte.


Schon zu oft hatte er in den letzten Wochen auch an den Wochenenden arbeiten müssen, nachdem sich sein Talent als Controller und Berater für Existenzgründer herumgesprochen hatte. Und nicht nur einmal hatte er sich gefragt, ob es nicht besser wäre, seinen Posten als Filialleiter aufzugeben. Doch er hatte es bisher nicht übers Herz gebracht. Dafür verdankte er Alexander einfach zu viel. Aber früher oder später musste er eine Entscheidung treffen.


„Jetzt zieh dich aber bitte an“, bat Levin seinen Sohn und drängte die Selbstvorwürfe zurück. „Die Eier sind bestimmt schon kalt. Und wir müssen langsam los, wenn ich heute früher Schluss machen möchte.“


Dean seufzte leise auf, nickte aber und griff nach dem Wäscheberg neben sich.


„Keine Sorge, du wirst dir mit deinen Großeltern bestimmt einen schönen Tag machen“, versprach Levin seinem Sohn lächelnd und küsste ihn auf den Kopf. „Grandpa lässt heute extra seine Tierarztpraxis zu, damit ihr etwas unternehmen könnt. Da wirst du gar nicht merken, wie schnell die Zeit vergeht. Und eh du dich versiehst, hole ich dich wieder ab und du bekommst ein großes Eis.“


„Mit Schokolade und Erdbeere?“, wollte Dean hoffnungsvoll wissen. Denn normalerweise durfte er sich nie mehr als eine Kugel aussuchen.


Levin nickte.


„Ausnahmsweise“, erwiderte er amüsiert. „Aber nur dann, wenn du dich jetzt beeilst und schnell runter zum Frühstück kommst.“


„Mach ich“, versicherte Dean prompt und sprang auf.


Schnell zog er sich das T-Shirt über den Kopf, welches er zum Schlafen getragen hatte. Dann folgte die Hose.


Zufrieden betrachtete Levin seinen Sohn, froh, ihn wieder lachen zu sehen, und stand auf.


„Ich gehe schon mal runter und kümmere mich weiter um das Frühstück“, sagte er zu Dean, der sich gerade eine kurze Jeanshose anzog. „Möchtest du Toast oder Cornflakes?“


„Cornflakes“, erwiderte Dean bestimmt, ohne seine Tätigkeit zu unterbrechen. „Aber die mit Schokolade“, ergänzte er schnell. „Und Milch mit Schocki.“


„Einverstanden“, versicherte Levin lachend und ging zur Tür.


Kaum hatte Levin die gewünschten Cornflakes und eine Tasse Kakao auf den Tisch gestellt, kam Dean in die Küche gelaufen und setzte sich auf seinen Platz. Lächelnd betrachtete er seinen Sohn, dessen Haare immer noch nach allen Seiten abstanden.


„Wir müssen wohl mal wieder zum Friseur“, sagte Levin belustigt und zauste Dean sanft über die Haare. „Deine Haare sind schon viel zu lang.“


Sofort schob Dean die Hand seines Vaters fort.


„Dad“, sagte er fast vorwurfsvoll. „Ich will nicht zum Friseur“, entgegnet er bestimmt, worüber Levin noch mehr lachen musste. „Ich mag keine Scheren.“


Mein Sohn hat wirklich seinen eigenen Kopf, dachte Levin amüsiert. Und das ließ sich nicht leugnen. Dabei konnte man schnell vergessen, dass Dean eigentlich erst 4 Jahre alt war. Er war ziemlich reif für sein Alter. Fast schon ein wenig altklug. Aber das lag wohl nicht zuletzt daran, dass er mit seinem Sohn alleine lebte. Er hatte keine Geschwister. Nur seine Großeltern als weitere Bezugspersonen. Und es gab in ihrer Umgebung auch keine anderen Kinder, mit denen er hätte spielen können. Somit kam er nur im Kindergarten mit anderen Gleichaltrigen in Kontakt. Doch dort spielte er fast nur mit einem schon etwas älteren Mädchen, dessen alleinerziehender Vater vor ein paar Monaten wieder geheiratet hatte.


Plötzlich gingen ihm die Worte seiner Schwägerin wieder durch den Kopf und Levin verging das Lachen.


„In einer Familie ist Dean viel besser aufgehoben.“


Vielleicht hatte sie damit gar nicht so unrecht, dachte er angespannt. Vielleicht wäre es für Dean wirklich besser gewesen, mit seinen Cousinen und Cousins aufzuwachsen. Doch die Konsequenz daraus war für ihn auch heute noch unakzeptabel. Er wollte seinen Sohn nicht verlieren. Auch dann, wenn Dean dadurch auf eine Mutter und Geschwister verzichten musste. Denn Levin konnte sich nicht vorstellen, noch einmal zu heiraten. Noch einmal jemanden so zu lieben wie seine verstorbene Frau. Somit würden sie auch weiterhin alleine bleiben.


„Dad?“, fragte Dean verwirrt und riss Levin aus seinen Gedanken. „Alles in Ordnung?“


„Sicher“, antwortete Levin und zwang sich zu einem Lächeln. Obwohl er davon alles andere als überzeugt war. „Iss jetzt. Wir müssen gleich los“, forderte er seinen Sohn auf und setzte sich ebenfalls hin.


Skeptisch betrachtete Dean seinen Vater, begann aber zu essen. Während Levin lediglich an seinem Kaffee nippte. Der Appetit war ihm gehörig vergangen.


„Diana? Hey. Du musst aufstehen.“


Schlaftrunken zog sich Diana die Decke über den Kopf und drehte sich um.


„Was willst du?“, wollte sie gähnend von ihrer Mitbewohnerin Stacy Velten wissen, ohne die Augen zu öffnen. „Kann das nicht warten?“


„Nein“, erwiderte Stacy bestimmt. „Du musst aufstehen. Hast du eine Ahnung, wie spät es ist? Ich dachte, du fängst um 8 Uhr mit deinem Praktikum an.“


Nur langsam drangen die Worte zu Diana durch und verwirrt schob sie die Decke zur Seite. Mit halbgeöffneten Lidern starrte sie auf die Uhr auf ihrem Schreibtisch und erstarrte kurz, als sie die Uhrzeit sah.


„6:30 Uhr! Das kann doch nicht sein“, flüsterte sie ungläubig. Dann sprang sie hoch. „Scheiße“, fluchte sie los.


Dabei fiel ihr Blick auf ihre Mitbewohnerin, die lachend neben der Tür stand und scheinbar gerade erst von einer Party zurückgekehrt war.


„Das ist überhaupt nicht witzig“, fuhr Diana sie an. „Ich komme zu spät.“


Doch ihre Mitbewohnerin zuckte nur mit den Schultern und ihre grauen Augen funkelten amüsiert.


„Mach dir keinen Stress. Davon geht die Welt nicht gleich unter. Ich habe sowieso nicht verstanden, warum du dir das in diesen Semesterferien überhaupt noch antust. Du hast deine Pflichtpraktika doch längst erfüllt. Du solltest die Zeit bis zum nächsten Semester lieber genießen. So wie Katja“, fügte sie belustigt hinzu, womit Dianas zweite Mitbewohnerin gemeint war. „Sie und ihr Freund lassen es sich gerade in Mallorca gut gehen.“


Doch Diana schüttelte mit dem Kopf. Sie hatte keine Lust, ihr Geld für eine solche Reise aus dem Fenster zu werfen. Schon gar nicht jetzt vor ihrem letzten Semester.


„Zusätzliche Erfahrungen in der Rechnungsabteilung können mir bestimmt nicht schaden“, erwiderte sie daher bestimmt und rannte zu ihrem Kleiderschrank. „Schließlich schreibe ich in diesem Bereich meine Bachelorarbeit. Und die soll perfekt werden.“


Hektisch holte Diana nacheinander einige Sachen heraus und warf sie auf das Bett.


„Also das wird sie ganz bestimmt“, erwiderte Stacy belustigt. „Da mache ich mir überhaupt keine Sorgen. Immerhin bist du die Beste in unserem Jahrgang.“ Dann wechselte sie das Thema. „Wann bist du eigentlich gestern nach Hause gekommen? Du warst noch nicht hier, als ich losgezogen bin.“


„Erst nach Mitternacht“, gab Diana zu und ging zum Bett zurück. „Meine Geschwister sind am Samstag einfach abgehauen und ich wollte meine Eltern nicht alleine lassen.“


„Wieso?“, wollte ihre Mitbewohnerin wissen, doch sie winkte ab.


„Nicht jetzt“, sagte Diana entschieden. „Ich bin sowieso schon spät dran und muss mich fertig machen. Lass uns heute Nachmittag darüber reden, wenn ich zurück bin.“


Stacy nickte und strich sich eine kurze schwarze Haarsträhne hinter ihr Ohr.


„In Ordnung. Dann gehe ich schnell in die Küche und mach dir einen Kaffee, bevor ich mich hinlege. So verschlafen, wie du aussiehst, kannst du einen vertragen.“


„Danke“, erwiderte Diana lächelnd, dann griff sie nach ihren Sachen und eilte ins Badezimmer.


„Wir sind da“, wandte sich Levin an seinen Sohn und winkte seiner Mutter zu, die gerade lächelnd auf sie zukam. Scheinbar hatte sie gesehen, wie er mit seinem Wagen auf den Parkplatz gefahren war, der sich neben dem Haus seiner Eltern befand.


Mit geübten Händen befreite er Dean aus seinem Kindersitz und stellte ihn auf den Boden. Sofort rannte dieser zu seiner Großmutter hin und ließ sich von ihr auf den Arm nehmen.


„Soll ich dir etwas erzählen, Granny?“, fragte er aufgeregt. „Daddy macht heute früher Schluss und dann gehen wir ein Eis essen“, berichtete er schnell, ohne auf ihre Erwiderung zu warten.


„Das sind ja tolle Neuigkeiten“, erwiderte Levins Mutter amüsiert und wandte sich dann an ihren Sohn, der inzwischen ebenfalls nähergekommen war. „Guten Morgen, Junge. Willst du noch kurz mit reinkommen?“


Levin schüttelte mit dem Kopf und gab seiner Mutter einen Kuss auf die Wange.


„Ich muss zur Arbeit“, erwiderte er lächelnd. „Aber ich bin zurück, so schnell ich kann. Schließlich habe ich es Dean versprochen.“


„Und ein Versprechen muss man halten“, meldete sich Dean zu Wort und Levin nickte.


„Das werde ich auch“, versprach er feierlich und küsste ihn auf die Wange. „Bis später.“


Dann ging Levin zu seinem Wagen zurück und machte sich auf den Weg zur Filiale. Dabei konnte er im Rückspiegel sehen, wie seine Mutter mit Dean im Haus verschwand.


Eine gute halbe Stunde später brachte Levin seinen Wagen vor einem Gebäude mit schwarzer Fassade und langer Fensterfront zum Stehen. Bereits jetzt war die beliebte Einkaufsstraße voller Menschen und er konnte sich glücklich schätzen, überhaupt noch einen Parkplatz gefunden zu haben.


Mit schnellen Schritten eilte Levin auf die Eingangstür zu und prallte dort fast mit seiner Personalleiterin Anja Reuther zusammen.


„Vorsicht“, sagte er lächelnd, doch als er ihren wütenden Gesichtsausdruck sah, verging ihm das Lachen sofort.


Bitte nicht, dachte er frustriert, denn dieser Ausdruck konnte nur eines bedeuten. Es musste sich schon wieder ein Mitarbeiter krankgemeldet haben. Das war langsam wie ein Fluch. In den letzten paar Wochen waren von seinen 24 Angestellten und 4 Auszubildenden gleich 10 Leute ausgefallen. Und wenn es so weitergeht, kann ich die Filiale zumachen.


„Wer ist es diesmal?“, fragte Levin resigniert und sah seine Personalleiterin fragend an.


„Was?“, fragte sie verwirrt, dann schüttelte sie mit dem Kopf. „Wir haben keine weitere Krankmeldung“, versicherte sie ihm ernst. „Im Gegenteil, drei Mitarbeiter sind heute wieder zur Arbeit gekommen.“


„Wirklich?“, wollte Levin überrascht wissen. „Was ist dann das Problem?“


„Die neue Praktikantin“, erwiderte die Personalleiterin aufgebracht und schüttelte mit dem Kopf. „Bereits vor zwanzig Minuten hat ihr Dienst angefangen, doch von Frau Schneider keine Spur. Sie hat auch nicht angerufen. Langsam frage ich mich, ob sie überhaupt noch kommt.“


„Seltsam“, sagte Levin verwundert. Jedoch froh, dass es nichts Schlimmeres war. „Laut Alexander soll sie sehr zuverlässig sein. Sie steht kurz vor ihrem letzten Semester und möchte in unserer Rechnungsabteilung noch mehr Erfahrungen sammeln.“


„Das ist auch so eine Sache“, antwortete Anja Reuther nachdenklich. „Diese Abteilung ist die einzige, die im Moment voll besetzt ist. Im Lager könnten die Kollegen zurzeit viel eher etwas Hilfe gebrauchen.“


„Dann ist es halt so“, entschied Levin und sah auf die Uhr. „Sollte sie heute noch auftauchen, soll sie diese Woche erst einmal dort aushelfen, bis sich die Lage bei uns etwas entspannt hat. Schließlich ist sie ein paar Wochen hier.“


Die Personalleiterin nickte und gemeinsam gingen sie weiter nach hinten.


„Und wenn sie nicht kommt?“, wollte Anja Reuther nachdenklich wissen. „Vielleicht hat sie es sich ja anders überlegt. Dann brauchen wir dringend eine Alternative. Zu zweit ist die Arbeit im Lager kaum zu schaffen. Vor allem deshalb nicht, da heute früh der größte Teil der neuen Kollektion eingetroffen ist.“


„Ich werde mich gleich mit Alexander in Verbindung setzen“, versprach Levin, als sie die Tür zum Personalbereich erreichten. „Vielleicht habe ich mich ja beim Datum geirrt und die Praktikantin wollte erst nächste Woche anfangen.“


„Das glauben Sie doch selbst nicht“, erwiderte die Personalleiterin belustigt, während sie den Personalbereich betraten und die Treppe in den ersten Stock hinaufstiegen. „Ich kann mich nicht daran erinnern, dass Sie schon einmal Termine durcheinandergebracht haben.“


Auch Levin musste lachen.


„Da könnten Sie recht haben.“ Dann wurde er wieder ernst. „Doch so oder so, wir finden eine Lösung. Zur Not müssen halt mal unsere Azubis im Lager mit anpacken.“ Dann wechselte er das Thema. „Gibt es noch irgendetwas Dringendes, was ich heute erledigen muss? Ich habe meinem Sohn versprochen, heute früher Feierabend zu machen.“


„Das ist kein Problem“, versicherte Anja Reuther, als sie den Bürobereich erreichten. „Um die Praktikantin kümmere ich mich, sollte sie noch kommen. Ansonsten sehe ich nach, welcher der Auszubildenden nicht gerade dringend in seiner Abteilung gebraucht wird. Und sonst steht nichts an, was nicht auch bis morgen warten kann. Genießen Sie die Zeit mit Ihrem Sohn. Kinder werden so schnell groß.“


„Da haben Sie recht“, stimmte Levin ihr zu und blieb vor seinem Büro stehen. „Danke.“


„Kein Problem“, versicherte Anja Reuther. „Sie haben sich einen freien Tag verdient.“


Bevor Levin darauf antworten konnte, klingelte sein Handy und er sah seine Personalleiterin entschuldigend an.


„Ich sag Ihnen Bescheid, sobald ich mit Herrn de Luca gesprochen habe“, versprach er schnell und griff nach seinem Handy.


Ohne auf die Nummer zu achten, nahm er das Telefongespräch an, während er in seinem Zimmer verschwand und die Tür hinter sich zumachte.


„Hallo?“, meldete er sich verwirrt, als niemand antwortete und ließ sich auf seinen Bürostuhl fallen. „Wer ist da, bitte?“


Bis plötzlich am anderen Ende eine weibliche Stimme erklang und Levin vor Schreck fast das Telefon fallengelassen hätte.


„Hello Levin. Hier ist Lucy.“


„Verdammt, verdammt“, fluchte Diana immer wieder vor sich hin, während sie die U-Bahn verließ und zum Ausgang eilte.


Heute war wirklich nicht ihr Tag. Eigentlich war sie immer überpünktlich, doch heute kam sie fast eine halbe Stunde zu spät. Und zu allem Übel hatte sie anscheinend auch noch ihr Handy in der WG vergessen und konnte nicht einmal Bescheid geben.


„Das werde ich von Emilia auf ewig zu hören bekommen“, fügte sie wütend hinzu und wäre fast in eine ältere Frau hineingelaufen.


„Passen Sie doch auf“, fuhr diese sie an. „Diese Jugend von heute.“


Doch Diana rannte einfach weiter, denn sie durfte keine Zeit mehr verlieren. Jedoch passte sie dieses Mal besser auf, wo sie langlief. Und atmete erleichtert auf, als sie den Ausgang erreichte und die Treppen zur Straße emporstieg.


Fuck!, fuhr es Levin durch den Kopf und er lehnte sich in seinem Stuhl zurück. Lucy. Es war seltsam, nach all diesen Jahren wieder ihre Stimme zu hören. Seit ihrem letzten Telefonat waren Jahre vergangen und er hatte keine Ahnung, wie sie an seine neue Handynummer gekommen war.


„Levin? Bist du noch da?“, wollte Lucy auf Englisch wissen, als er nichts erwiderte, und Levin musste schlucken.


„Was willst du?“, erwiderte er in der gleichen Sprache, während er seine linke Hand zu einer Faust zusammenballte. „Wir haben uns nichts mehr zu sagen.“


„Das sehe ich anders“, widersprach Lucy ihm vorwurfsvoll. „Es gibt sogar einige Dinge, die wir klären müssen. Das habe ich dir auch bereits in meinen Briefen geschrieben, die du jedoch nie beantwortet hast.“


„Dean geht nicht zurück nach Amerika“, sagte Levin kalt, ohne auf ihren Vorwurf einzugehen. „Und jetzt lass mich ein für alle Mal in Ruhe.“


Wütend legte er auf, doch sein Handy begann sofort erneut zu klingeln. Immer wieder drückte er ihren Anruf weg, bis er schließlich genug hatte und das Gespräch erneut annahm.


„Was hast du an meinen Worten nicht verstanden?“, fuhr er sie zornig an. „Ich habe keine Lust, mit dir zu reden.“


„Und ich werde nicht damit aufhören, bis wir uns unterhalten haben“, erwiderte Lucy bestimmt. „Es liegt also an dir. Ein Gespräch, mehr will ich gar nicht.“


„Und das soll ich dir glauben?“, fragte Levin skeptisch.


Er kannte seine Schwägerin gut genug, um genau zu wissen, dass sie einen Plan verfolgte. Sie hatte damals vorgehabt, ihm seinen Sohn wegzunehmen, doch er war ihr zu vorgekommen. Möglich, dass sie es jetzt noch einmal versuchen wollte. Und er musste wissen, was genau sie plante.


„Gut“, gab sich Levin schließlich geschlagen. „Dann rede.“


„Nicht am Telefon“, erwiderte Lucy sofort. „Ich möchte persönlich mit dir sprechen.“


„Hältst du mich für so blöd?“, wollte Levin belustigt wissen. „Ich werde bestimmt nicht zu dir nach Amerika kommen. Wenn das dein Plan ist, dann …“


„Ich bin in Deutschland“, unterbrach Lucy ihn kühl. „In Berlin. Im Café Lebensart am Tempelhofer Hafen.“


„Du bist hier?“, fragte Levin ungläubig und ihm wurde ganz kalt.


Mit aller Kraft musste er den Drang unterdrücken, sofort das Gespräch zu unterbrechen, um seine Eltern zu informieren. Ihr Aufenthalt hier konnte nichts Gutes bedeuten. Da war er sich sicher.


„Ja“, versicherte sie ihm. „Und ich warte hier auf dich. Bis gleich.“


Kurz darauf war das Gespräch unterbrochen und Levin starrte fassungslos auf sein Handy. Noch immer konnte er es nicht glauben. Nicht nur, dass die Familie seiner verstorbenen Frau herausgefunden hatte, wo er arbeitete. Nein, seine Schwägerin kannte auch seine private Handynummer. Und es war anzunehmen, dass sie inzwischen auch wusste, wo er und seine Eltern wohnten.


Panisch wählte Levin die Nummer seiner Eltern, aber niemand ging ran.


„Fuck!“, fluchte er leise vor sich hin, während er aufstand und nach seiner Aktentasche griff.


In seinem Kopf malte er sich die schlimmsten Horrorvorstellungen aus. Er stellte sich vor, dass Dean inzwischen längst nicht mehr bei seinen Eltern, sondern auf den Weg nach Amerika war. Und dass er ihn nie wiedersehen würde. Doch dann rief er sich selbst zur Ordnung. Das alles waren nichts als Hirngespinste. Denn wieso sollte Lucy mit ihm reden wollen, wenn sein Sohn bereits bei ihr war. Außerdem würden seine Eltern ihren Enkelsohn niemals kampflos hergeben.


Um sich nicht weiter verrückt zu machen, verließ Levin sein Büro und eilte den Gang entlang zur Treppe, die in den Verkaufsraum führte. Doch kaum war er unten angekommen und hatte die Tür geöffnet, kam ihm eine junge Frau entgegen, die völlig gehetzt in ihn hineinlief. Und bevor Levin wusste, wie ihm geschah, fand er sich auf dem Fußboden wieder.


„Verdammt“, fluchte Levin auf und starrte die junge Frau ungläubig an, die seinen Blick fassungslos erwiderte. „Können Sie nicht aufpassen?“, fügte er wütend hinzu, als sie keine Anstalten machte, sich zu entschuldigen oder sich zu bewegen. „Das hier ist doch keine Rennstrecke. Wo wollen Sie denn so eilig hin?“


„Ich … Es tut mir leid“, begann die junge Frau zu stottern, rührte sich aber nicht vom Fleck.


Levin stöhnte leise und stand auf, ohne sie aus den Augen zu lassen. Erst jetzt fiel ihm auf, wie jung sie noch war. Ihre geschäftsmäßige Kleidung und der feste Dutt hatten ihn einen Moment lang verwirrt. Aber sie konnte höchstens 18 oder 19 sein. Also fast noch ein Kind.


„Vergessen Sie es“, winkte er ab und zog das Jackett glatt. „Ist ja nichts passiert. Aber Sie sollten in Zukunft vorsichtiger sein.“


Dann drehte er sich um und ging mit schnellen Schritten davon.


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