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Belletristik
Buch Leseprobe Vagabundo, Maxi Hill
Maxi Hill

Vagabundo



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1994
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Da läuft er mit großen Schritten die Straße entlang, unter der Last seines bunten Beutels nach vorn gebeugt. Er ist einer von denen, für die es nur unwürdige Namen gibt. Penner. Aussteiger. Vagabund. Stromer. Bettler?


 


Die meisten sind bettelarm. Dieser immerhin bettelt nicht. Sie sieht ihn hin und wieder – immer allein – nie mit denen, die an den Hecken sitzen und trinken, die lallen und pöbeln, die Wut und Missmut streuen gegen die scheelen Blicke derer, die sich vom schäbigen Anblick belästigt fühlen.


 


Für Isa-Kathrin Benson ist es schwer zu sagen, was diesen einen so einzig macht. Sie schätzt sein Alter so zwischen vierzig und fünfzig. Sein schwerer Gang vergreist die schmale Gestalt. Das dunkle Haar, dem etwas Glanz geblieben ist, stößt wellig bis zum Nacken, doch die Furchen in seinem Gesicht zerkratzen das letzte Bild von Jugend.


 


An einem kalten Wintertag hatte sie ihn im Buchhaus „Am Stadtbrunnen“ gesehen, sitzend auf der roten Lesecouch, wie selbstverständlich vertieft in eine kleine Lektüre. Sein Hab und Gut lag zu seinen Füßen. Der graugrüne Parka war geöffnet, nicht abgelegt. Vielleicht schamvoll, vielleicht glücklich, im Warmen sitzen zu dürfen und etwas von dem Leben zu erfahren, aus dem er ausgeschlossen ist. Momentan. Oder länger? Im Gesicht eine goldene Brille, die er zuvor niemals trug und die er auch heute nicht trägt. Ein Mann, mittendrin und doch am Rand der Gesellschaft?


 


An jenem Tag fühlte sich Isa-Kathrin Benson machtlos ihn anzusprechen. Wie eine Gesunde am Bette des Kranken, dem eine Buchautorin, wie sie eine ist, nichts bieten kann als bloße Worte, aufgereiht in Zeilen aneinandergefügt zu Seiten?


 


Für einen Moment legte der Mann das grüne Büchlein aus der Hand. Etwas stach in ihre Augen. Etwas, was nicht zu ihm gehören konnte.


 


Ihre Lippen öffneten sich stumm; ihre Wangen erschlafften. Dann ist sie gegangen. Staunend. Grübelnd.


 


Verblüfft ist sie noch immer: Warum liest einer von denen Goethe?


 


War es nur das Werk Goethes, das sie nachsinnen ließ? Hätte sie sich gedankenlos abgewendet, wäre er ihr so begegnet, wie sie ihn bisher kannte: Mit hängenden Schultern unterm abgenutzten Mantel. Mit ausgetretenen Schuhen. Mit prall gefülltem Plastik-Beutel. Wäre ohne Goethe ihr Denken ein anderes?


 


 


Ihr Fuß setzt heftiger auf als normal. Muss man sich einmischen, ohne gebeten zu sein? Der sollte etwas tun, der ein Elend zu verantworten hat. Sie hat es nicht zu verantworten. Sie hat das Elend hierzulande sogar kommen sehen, wie im Märchen vom Fischer und seiner Frau. Im Überfluss erkennt man die Sorge nicht, die in des Nächsten Augen liegt.


 


Sie kann nicht müßig sein und kann doch auch nichts tun?


 


Vom Dasein ohne feste Bleibe – die einer von denen auch Platte machen nennt - hat sie nur nebelhafte Vorstellungen. Konkrete Bilder findet sie nicht, nicht so konkret, wie vom Elend am anderen Ende der Welt, wo sie hinter die  Zäune der dürftigen Hütten sehen konnte, ins offene Herz der Familien …


 


 


 


Die Beobachtung in diesem Buchhaus hatte bei Isa-Kathrin Benson Gedanken geboren, über die sie früher gelächelt hätte, die ihr in den letzten zwei Nächten den Schlaf raubten, ohne Ergebnis. Verpflichtet fühlt sie sich zu nichts, aber die Jahre unter afrikanischer Sonne - und dennoch auf der Schattenseite der Welt – haben noch Zugriff auf ihren Verstand.


 


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