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Belletristik
Buch Leseprobe Untersuchungshaft u.Jugendgefängnis, Manuel Magiera
Manuel Magiera

Untersuchungshaft u.Jugendgefängnis



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„Kenny, draußen wimmelt es gleich von Polizeibeamten und vor allem von Männern mit Gewehren, die nicht zögern werden, zu schießen, wenn ihr versucht, wegzulaufen.
Ich gehe jetzt zu deinen Freunden und werde mit ihnen und Torben reden. Wirst du mir gehorchen?“ Er hat nun fast Tränen in den Augen und ich spüre seine Angst.
Dann nickt er und lässt sich von mir aufs Bett setzen.
„Bleibe vom Fenster weg, ja! Es hat in den beiden Schulen schon genug tote Jugendliche gegeben. So etwas darf sich niemals wiederholen!“, erkläre ich ihm mit zitternder Stimme.
Dann taste ich mich vorsichtig vor die Tür und erblicke gleich den angeketteten Vollzugsbeamten, der mich erwartungsvoll ansieht.
„Bleiben Sie ruhig, wir dürfen jetzt nicht die Nerven verlieren. Die Waffen sind zwar geladen, aber wahrscheinlich nicht entsichert. Ich versuche erstmal mit den Jungs zu reden.“
Er nickt gefasst mit dem Kopf. Von allen Seiten sind Martinshörner zu hören. Langsam beuge ich mich zum Fenster hinüber. Polizeifahrzeuge riegeln die Zufahrtswege zum Gericht ab und Polizisten in verschiedenen Uniformen bereiten sich auf ihren Einsatz vor. Sie tragen Sprechfunkgeräte in ihren Händen. Aus dem Gerichtsgebäude werden Menschen ins
Freie gebracht und verschwinden schnell auf den Fußwegen, die um das Gericht herumführen.
Es sieht allerdings nicht so aus, als wenn es bereits einen koordinierten Einsatzplan gibt. So etwas ist hier sicher noch nie vorgekommen und darin liegt vielleicht auch die Chance, den Vorfall unblutig zu Ende zu bringen.
Ich laufe zu Torbens Zelle und nenne meinen Namen. Die Tür wird einen Spalt geöffnet und ich schlüpfe hinein. Torben sitzt erschüttert und kreidebleich auf seinem Bett. Ich habe ihn noch nie so sprachlos gesehen. Er zittert leicht und auch die drei Jungen schauen ziemlich kläglich drein. Einer der Zwillinge sieht interessiert aus dem Fenster. Sein Freund steht daneben und
spielt mit seiner Waffe. Ich werfe den beiden einen bösen Blick zu.
„Komm vom Fenster weg, Junge und leg die Pistole ab oder willst du uns auch noch verletzen?
Sagt mal, ihr Helden, was habt ihr euch eigentlich bei dieser Aktion gedacht? Mal eben so in den Knast spazieren und einen Gefangenen befreien? Und was jetzt? Der Gefangene will sich anscheinend gar nicht von euch befreien lassen. Ich öffne jetzt die Tür und dann schiebt ihr alle drei eure Ballermänner auf den Flur, hab ich mich klar genug ausgedrückt?“ Sie sehen mich sprachlos an. Einen Augenblick spüre ich ein Zögern. Anscheinend wissen sie nicht mehr, wie sie sich verhalten sollen. Torben findet seine Fassung wieder. Er wird unwirsch. „Tut, was er sagt, oder wollt ihr, dass wir hier noch alle draufgehen? Wo habt ihr die Dinger überhaupt her?“
Maik antwortet leise.
„Ben hat sie uns gestern Abend gegeben. Er sagte, sie gehören dir.“
Torben sieht sich die Waffe bestürzt genauer an.
„Ich glaube wohl, mein Sparschwein klingelt. Der Bengel muss meine Waldlaube kennen. Na warte Bürschchen, du kannst was erleben. Nun kriegen sie mich wegen des Einbruchs in das Waffengeschäft auch noch dran!“
Er schreit die verblüfften Jungen wütend an. „Und jetzt raus auf den Flur damit. Wird’s bald!“
Ich öffne vorsichtig die Tür und einer nach dem anderen legt seine Pistole auf den Boden und schiebt sie langsam auf den Flur. Erleichtert berührt meine Hand Torbens Schulter und ich blicke in drei schockierte Jungen Gesichter.
„So, ihr bleibt jetzt hier und wartet auf die Polizei. Torben passt auf euch auf, damit ihr keine Dummheiten mehr macht. Ihr könnt euch schon mal umschauen. So werden eure Zimmer in der nächsten Zeit sicher auch aussehen. Ich befreie jetzt den Vollzugsbeamten und kümmere mich um Benjamin.“ Dann nehme ich dem erstarrten Mario den Schlüsselbund aus der Hand und schiebe mich vorsichtig aus der Tür. Geduckt laufe ich zu dem angeketteten Beamten. Vom Gitter ist nicht mehr viel übrig geblieben. Der Mann sieht mich dankbar an.
„So, jetzt drehen wir den Spieß mal um und ich befreie Sie aus Ihrer misslichen Lage, welcher Schlüssel ist es denn?“ frage ich ihn. „Keiner davon, der Handschellenschlüssel befindet sich in meiner linken Brusttasche. Das haben Sie gut gemacht. Das mit den Waffen, meine ich.“
„Danke, ich bin allerdings ziemlich aufgeregt und es ist noch nicht ausgestanden. Gehen Sie jetzt bitte runter und sagen Sie, dass drei der Jungen bei Torben in der Zelle sitzen und aufgegeben haben. Sie sind nicht mehr bewaffnet. Die Pistolen liegen auf dem Flur.
Torben hat sich geweigert bei der Befreiungsaktion mit zu machen. Er wusste nicht, was sein Bruder vor hatte. Ich denke, es ist Bennys Idee gewesen. Der ist oben in dem kleinen Dachzimmer. Ich gehe da jetzt rauf und versuche, auch ihn zur Aufgabe zu bewegen. Der
Jüngste sitzt bei mir in der Zelle. Er hat von den Größeren keine Waffe bekommen. Sie sollen freundlich mit ihm umgehen. Er ist noch ein Kind, ein Mitläufer und seinem Bruder hörig.“
„In Ordnung und vielen Dank. Mann, da kommen ein paar Gören und sprengen uns einfach unseren Knast kaputt! Es ist nicht zu fassen!“ Er steigt kopfschüttelnd langsam die Stufen hinab.
Ich schaue kurz zu Kenny, der noch immer ganz apathisch auf meinem Bett sitzt. „Ich gehe jetzt zu Benjamin. Erkläre mir den Weg.“ „Den Gang zu Ende und dann die linke Tür nach oben.
Da ist ein kleiner Flur und die Tür mit der Wendeltreppe ist auf. Kriegen wir jetzt Ärger, müssen wir auch ins Gefängnis?“ Seine Stimme klingt ängstlich.
Ich setze mich zu ihm. Ken ist eigentlich ein sehr vernünftiger Junge, aber er vergöttert seinen großen Bruder. Den Jungen fehlt der Vater. Torben hat mir einiges aus seinem Leben erzählt. Benjamin ist zwar hochintelligent, aber er betet Torben an und muss aufpassen, nicht ins kriminelle Milieu abzugleiten. Kenny kommt mit seiner sensiblen Art ihrer Mutter nach und besitzt ein sehr gut ausgeprägtes Rechtsempfinden. Aber er kann sich nicht vom älteren
Bruder lösen. Seine blauen Kinderaugen schauen mich fragend an.
„Der Jugendrichter wird euch schon einiges zu erzählen haben. Aber bei euch steht die Erziehung im Vordergrund und nicht die Strafe. Was raus kommt, weiß ich allerdings auch nicht. Es kommt jetzt auch auf euer Verhalten an. Ihr dürft euch weder wehren, noch versuchen, davon zulaufen. Beim Richter sagst du bitte, dass es dir furchtbar leid tut und du so etwas nie mehr wieder tun wirst, ja?“
„Großes Indianerehrenwort!“, erhalte ich spontan zur Antwort und muss unwillkürlich schmunzeln.
Für Kenny scheint die Welt in diesem Moment wieder in Ordnung zu sein. Ich mache mir Sorgen um seinen Bruder. Benny hat also auch noch eine Waffe. Und ich bin mir nicht sicher, ob er im Umgang damit genauso unerfahren ist, wie die anderen. Vorsichtig trete ich ans Fenster und schaue hinaus.
Die Luke im Schrägdach ist geöffnet und eine Person geht in dem Raum dort nervös hin und her. Ich öffne mein Fenster und gebiete Kenny, sich hinter die Toilette zu verziehen. Aus einer der Zellen im Nebenbau zielt tatsächlich ein Gewehr nach oben. Ich habe Angst. Es ist zwar niemand zu erkennen, aber ich vermute, dass längst eine Spezialeinheit für solche Fälle vor Ort ist.
„Benny, hier ist Manuel. Du sicherst jetzt die Pistole und wirfst sie hinaus, hast du gehört!
Torben ist mit den anderen in seiner Zelle. Er will nicht ausbrechen. Er ist sauer auf dich, wegen der Waffen. Es wird auch für dich nicht so schlimm, wenn du jetzt tust, was ich
dir sage, Benny hörst du mich?“ Ich bekomme keine Antwort.
„Benjamin, du wirfst jetzt das verdammte Ding nach unten, sonst kannst du was erleben!“
Torbens Stimme überschlägt sich und klingt bedrohlich aus der Nachbarzelle.
Gebannt schaue ich nach oben. Ben steht unschlüssig im Dachraum. Dann klettert er hinaus und hält die Waffe schussbereit im Anschlag. Die Situation eskaliert. Ich spüre plötzlich eine Eiseskälte und starre auf das Gewehr aus der gegenüberliegenden Zelle.
Verzweifelt schreie ich zu den Beamten des Sondereinsatzkommandos hinüber.
„Nicht schießen! Bitte, es sind doch noch Kinder! Benny, du schmeißt jetzt die Waffe
weg. Bist du verrückt geworden! Denke doch ein einziges Mal auch an deine Mutter! Hat sie nicht schon genug Kummer?“
Dann hält er einen Augenblick inne und seine Hand bewegt sich nach vorn. Er will loslassen, aber sein Finger löst sich nicht. Noch hat er es nicht ganz auf die feste Mauer geschafft, er hängt mit den Beinen in der Luft. Alles geht nun sehr schnell. Die Waffe gleitet ihm aus der Hand, schlägt auf dem Mauerwerk auf. Ein lauter Knall zerreißt die Luft. Er verliert den Halt und gleitet das Dach hinunter. Der Stacheldraht auf der kleinen Plattform über dem Dachgiebel fängt ihn auf, aber er rührt sich nicht mehr.


 


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Auf dem Gang kommen uns zwei Männer in Kampfanzügen entgegen. Ich schiebe Kenny in
meine Zelle. Einer der beiden deutet dem Kollegen an, er möge gehen.
Wir setzen uns. Der Polizist nimmt seinen Gesichtsschutz ab. Ich schätze ihn auf Anfang vierzig. Sein Gesicht verrät noch die Anspannung unter der er bis vor wenigen Minuten stand und seine
Miene wirkt ärgerlich und erleichtert zugleich. Er sieht Ken mit ernstem Blick an.
„Sag mal Junge, was habt ihr euch dabei gedacht?
Hier steht eine Hundertschaft Polizei und unsere Spezialeinheit. Wir sind für den Notfall trainiert und wenn der Befehl kommt, zögert kein einziger von uns, zu schießen. Und glaube mir, wir schießen nicht daneben! Ihr hättet alle tot sein können und wir müssten jetzt vor der ganzen
Welt zugeben, dass wir fünf Jugendliche, ja eigentlich noch Kinder, wenn ich dich betrachte, getötet haben!
Und wofür? Warum macht ihr solchen Mist? Um euch vor den Anderen aufzuspielen oder um in die Zeitung zu kommen?
Wir haben doch auch Familien und Kinder. Meine beiden Jungs sind zehn und dreizehn!
Glaubt ihr denn, wir könnten nach so einer Tragödie wieder zur Tagesordnung übergehen, als wenn nichts geschehen wäre?
Habt ihr auch mal an andere gedacht? An uns Polizisten, an eure Eltern und Geschwister? Oder die Lehrer? Die schießen doch auch nicht gleich um sich, wenn sie mal Probleme haben. Wir kämpfen gegen Terroristen, erwachsene Mörder, denen jeglicher Bezug zur Menschlichkeit fehlt. Auf überdrehte Teenager und Halbstarke, die vielleicht mit der Schule überfordert sind oder nur ein Abenteuer erleben wollen, zu schießen, ist nicht unsere Aufgabe!“


 


Der Mann ist sichtlich berührt und erregt. Aber er hat recht. Wir alle müssen uns mit zum Teil erheblichen Schwierigkeiten im Leben auseinandersetzen und wenn dann jeder deswegen gleich Amok laufen würde, wohin sollte das führen?
Die jungen Leute müssen lernen, ihre Schwierigkeiten und Konflikte auf adäquate Art zu bewältigen. Mit Waffen und Gewalt löst man jedenfalls keine Probleme.
Ich blicke dem erfahrenen Beamten des Sondereinsatzkommandos ...


 


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„Ich kann immer noch nicht glauben, was mein Benny da angestellt hat. Ken, Ihr hättet alle erschossen werden können! Dafür braucht ihr doch nicht zum Gymnasium zu gehen. Ich dachte, ihr würdet etwas lernen und ein besseres Leben führen können, als Torben.“
Sie wischt sich mit einem Taschentuch die Tränen aus den Augen und fährt fort.
„Im Fernsehen haben sie gesagt, die Waffengesetze würden nun verschärft werden. Es wäre zwar kein Amoklauf gewesen, aber schon wieder hätten Jugendliche gefährliche Schusswaffen benutzt.“ Sie schenkt mir mit zittriger Hand eine Tasse Kaffee ein und ich antworte nachdenklich.
„Ich bin nicht sicher, ob man damit die Probleme lösen kann. Man trifft doch nur die anständigen Bürger in den Schützenvereinen. Wer so etwas vor hat, wird sich die benötigten Waffen anderweitig besorgen. Und Benny hat sie ja auch nur zufällig in Torbens Laube gefunden. Ich überlege ständig, ob es solche Taten zu meiner Jugendzeit gegeben hat. Aber mir fällt nichts ein. Die Verhaltensänderungen bei den Jugendlichen heute müssen doch einen
Grund haben!“
Frau Sörensen wirft Kenny, der sich in den Sessel gelümmelt hat, einen tadelnden Blick zu und antwortet mir ruhig.
„Wissen Sie, ich denke, das hektische Leben und die ganze Technik überfordern unsere Kinder. Und die Eltern müssen beide arbeiten, um Computer, Handys und Autos bezahlen zu können. Die haben doch gar nicht mehr die Zeit, sich mit ihren Kindern zu unterhalten
oder mit ihnen zu spielen. Benny und Ken sitzen auch stundenlang vor dem Computer. Das kann nicht gut sein. Wir haben früher viel mehr draußen gespielt und vor allem sind uns nicht soviele Flausen in den Kopf gesetzt worden.“
Ich gebe ihr recht und bedanke mich für den Kaffee.
„Ich glaube, man sollte weniger an Pisa denken, als vielmehr daran, glückliche ausgeglichene Kinder heranzubilden, die wieder Spaß am Lernen bekommen und nicht durch den ganzen Leistungsdruck von Turbo Abitur und Gesellschaft überfordert werden.
Aber ich muss jetzt gehen. Der Beamte wartet. Machen Sie sich keine Sorgen, Frau Sörensen. Benny ist kräftig. Er wird wieder gesund.“
Wir verabreden uns für zwei Uhr am Nachmittag. Ich nehme Kenny etwas zur Seite, als er mich zur Tür bringt.
„Ken, sei ordentlich zu deiner Mutter. Sie braucht dich jetzt. Hier ist meine Telefonnummer. Ruf mich an, wenn du Probleme hast.“
Er verspricht es. Einige Minuten später sitze ich wieder im Auto des verständnisvollen jungen Kommissars.


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