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Belletristik
Buch Leseprobe Unter Zugzwang, Christian Hanewinkel
Christian Hanewinkel

Unter Zugzwang



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1. Buch Die Eröffnung



1


 


Es war ungewöhnlich, dass Balke so lange überlegte. Die Uhr tickte monoton. Hinten an der Wand lachten ihn dieses hässliche Rotwildgeweih und das steife Federvieh aus. Ein
komischer Vogel, dieser Wölfing. Wie der ausgestopfte Fasan neben der Terrassentür. Immer den Blick von oben, aber tot. Diese Tierreliquien im Wohnzimmer wirkten fremd.
Wölfing war Menschenfänger, kein Jäger. Balke erkannte schlagartig, dass seine Dame zu weit vom Geschehen entfernt stand. Seine Figuren erlaubten kein
Zusammenspiel. Alles wirkte wie Stückwerk. In seiner Bewunderung für Wölfings gesellschaftlichen Rang war seine Überlegenheit im Schach immer ein wichtiger Ausgleich
gewesen. Jetzt aber wankte dieses Gleichgewicht. Es war die zäheste Partie, die er bisher mit ihm erlebt hatte. Balke lief nach dem letzten Zug rot an, als hätte ihn gerade der
Tod geküsst. Er sah jetzt voraus, was unvermeidbar war. Matt in drei Zügen. Wölfings Lippen schmatzten triumphierend, dann Zigarrengeruch, der schnell in die Atemwege
des Verlierers vorstieß. Der legte den König quer aufs Brett und vermied jeden Blickkontakt.
„Ich habe Kopfschmerzen!“, erklärte Balke. „Das hätte ich jetzt auch. Du siehst, Henning. Ich lerne schnell.“
„Ja, Hartmut, aber hättest du meine Woche hinter dir, dann ...“
Er kratzte sich die kahle Stirn und schaute sich im altdeutsch eingerichteten Wohnzimmer um. Die biedere, wohlgeordnete Langeweile der Umgebung schnürte ihm den Hals zu.
Balke mochte das alles nicht, wusste aber die seltene Gelegenheit des Schachspiels mit seinem Partner zu schätzen. Sie war ihm bei Siegen eine willkommene Zerstreuung.
Jetzt aber kam Argwohn in ihm auf. Was ihn umtrieb, war das ständige Gefühl der Beobachtung. Selbst durch den dicken Zigarrenqualm. Er wusste nicht einmal mehr, ob
die Partien jeden Monat wirklich privat waren. Hartmuts Blicke am Brett verrieten ihm, dass er alles im Leben als ein Spiel ansah. Der Landesbankchef wirkte fortwährend belustigt,
kicherte leise in sich hinein, als ob er sich über seinen Ehrgeiz während der Partien lustig machte. Ihm wurde nun klar, dass hinter diesem scheinbaren Spiel längst mehr
stand, Wölfing einen hervorragenden Schauspieler abgab. Jetzt war es also passiert. Die erste Niederlage und die erste Zigarre, die Wölfing in seiner Anwesenheit rauchte.
Er hatte ihm nicht einmal eine angeboten. „Ich weiß, dass du privat nie über deine Arbeit redest, aber wenn du doch einmal deine Sorgen teilen möchtest, dann
ist unser monatlicher Schachabend durchaus auch dafür da.“
Der gönnerhafte Ton entging ihm nicht. Er dachte kurz darüber nach, wie er diese herablassende Bemerkung kontern konnte. Als Chef der Landesbank reichten Wölfings
Einflusskreise weit über die Provinz hinaus. Er musste aufpassen, was er sagte. Wie hatte er glauben können, dass seine Siege im Schach irgendetwas hätten kaschieren
können? Es war eine Ehre, hier monatlich einmal eingeladen zu werden. Es war eine tiefe Demütigung, keine Vorteile dadurch in Anspruch nehmen zu können und nun
Mitleid zu ernten.


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