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Belletristik
Buch Leseprobe Unter uns nur Wolken, Rose Snow
Rose Snow

Unter uns nur Wolken



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Tom


 


Seit ich zu Florian gezogen bin, schlafe ich weniger. Ich liege in meinem alten Zimmer, in dem Bett mit dem Geruch von früher, und die Gedanken ziehen wie blasse Wolken durch mein Hirn.


Ich kapiere jetzt, wie schnell sich alles ändern kann. Von einem Tag auf den anderen verschwindet die Welt, wie sie für dich war, und existiert dann einfach nicht mehr. Und plötzlich wird dir klar, dass sich die Zeit nicht zurückdrehen lässt, dass du nicht in eine beschissene Zeitmaschine steigen und an den Punkt zurückreisen kannst, an dem alles in Ordnung war. Du kapierst, dass du einen Weg finden musst, um mit der neuen Situation zurechtzukommen, und egal wie du es drehst und wendest, es wird nicht mehr sein wie früher. Das Einzige, was bleibt, ist der Geruch von früher, dieser Geruch voller Erinnerungen, der dich in deinem alten Schlafzimmer empfängt und dir leise Schmerzen bereitet.


Ich drehe mich unruhig auf die andere Seite, während die ersten Sonnenstrahlen durch die großen Fenster tanzen. Mein Kopf ist voll mit Zeug, das ich nicht vergessen darf, und während ich mich herumwälze, um noch etwas Schlaf abzukriegen, denke ich an die bescheuerten Bodenmarkierungen und Signalschilder, die ich erneuern muss. Die alten kann ich wegschmeißen und bei den neuen muss ich auf ein paar Sachen achten:


 


Besser mit Symbolen als mit Schrift arbeiten. Die Tante von letztens hat Figuren aus der Kindheit empfohlen, zum Beispiel den Erdal-Frosch oder die Persil-Frau. Florian wird es hassen, die in seiner Wohnung zu haben.


Grelle Farben verwenden. Er kann nur noch schwer Blau- und Grüntöne voneinander unterscheiden, auch wenn er es nicht zugibt.


Die Bodenmarkierungen, die den Weg zur Toilette zeigen, sind einen Dreck wert, wenn Florian nicht das Licht andreht. Ich muss leuchtende Markierungen auftreiben. 


 


Ich bin noch bei den leuchtenden Markierungen, nicke kurz ein, träume von blinkenden Manneken Pis, den kleinen pinkelnden Jungen, die sich an meiner Bar anstellen und alle alkoholfreie Drinks bestellen, wache wieder auf und weiß, dass wir jemanden finden müssen.


Allein halte ich das nicht länger aus. Ich muss wieder schlafen können, ich kann nicht die Nacht in der Bar und den Tag bei ihm verbringen. Wann war ich das letzte Mal in meiner Wohnung? Wann hatte ich das letzte Mal eine Frau?


Müde taste ich nach meinem iPhone, tippe darauf herum und gebe schließlich die Anzeige auf, die nicht zu sehr nach Hilferuf klingen darf. Dann schlurfe ich gähnend zu dem anliegenden Badezimmer und bin dankbar, dass Florians Wohnung über 200 Quadratmeter misst und jedes Schlafzimmer über ein eigenes Bad verfügt. Nach einer kurzen Dusche blicke ich in den Spiegel und sehe darin einen unrasierten Typen, der in den letzten Wochen sichtbar gealtert ist. Ich fahre mir mit den Handinnenflächen über das Kinn und habe keine Lust, die Bartstoppeln wegzumachen. Stattdessen putze ich mir die Zähne, benutze Deo und ziehe mir eine schwarze Jeans und ein schwarzes T-Shirt über, um den Tag beginnen zu lassen.


 


Florians Schlafzimmertür ist noch immer geschlossen und ich höre sein Schnarchen bis auf den langen Flur hinaus. Es hört sich an, als würde er ganze Wälder roden, Baum für Baum. Das Geräusch beruhigt mich, hat es schon immer. Bereits mit vier, wenn ich zwischen den beiden gelegen habe und verschwitzt wach wurde, weil ich von Monstern oder meinen Eltern geträumt habe, half mir der gleichbleibend sägende Laut. Es war mein ganz eigenes Schlaflied. Ein tiefes, rhythmisches Schnarchen, das von Substanz und Konsequenz zeugt, Eigenschaften, die Florian besitzt. Oder besessen hat.


 


Es gibt gute und schlechte Tage. Und viele dazwischen.


Die Küche ist unaufgeräumt, überall stapeln sich dreckige Tassen und Teller und ich verfluche Florian und die letzte Pflegerin. Die letzte Pflegerin dafür, dass sie sich von ihm hat verscheuchen lassen, und Florian, weil er Pflegerinnen wie Bonbons verschleißt. Der Geschirrspüler ist voll, und sein Inhalt natürlich triefend schmutzig. Ich stecke ein Tab in das Fach und schalte das Ding ein, das wild zu piepsen anfängt.


Das nicht auch noch.


Langsam reibe ich mir über die Augen und würde am liebsten irgendwo dagegen schlagen. Meine Hand ballt sich zu einer Faust.


„Du hast ihn kaputt gemacht“, murrt eine raue Stimme hinter mir. Ich drehe mich um. Keine Ahnung, wie er sich so schnell umgezogen hat, aber er steht mit Leinenhose und weißem Hemd vor mir. Dabei sieht er mich erwartungsvoll an und seine dunklen Augen blitzen.


„Wahrscheinlich“, murre ich zurück und gehe in die Knie, um das Gerät besser inspizieren zu können. „Wann hast du ihn das letzte Mal verwendet?“


Florian reibt sich über seinen grauen Vollbart. „1968.“


„Blödsinn, da gab’s noch keine Geschirrspüler.“


„Eben.“


Ich sehe Florian ungläubig an. „Du hast noch nie einen Geschirrspüler benutzt?“


Florian zuckt mit den Achseln. „Kann ja nicht so schwer sein. Also“, er macht einen Schritt auf mich zu, „für dich vielleicht schon. Muss ich das in die Hand nehmen?“


Ich sehe ihn mir genau an, wie er da steht, mit der absoluten Überzeugung in der Stimme. „Du weißt, wie das geht?“


Er nickt. „Ein Kinderspiel.“


 


Fünf Minuten später reibt sich Florian die Hände. „Geschafft.“


„Das gilt nicht“, knurre ich, während der Geschirrspüler schon problemlos läuft.


„Was gilt hier nicht?“, fragt Florian entspannt zurück.


„Das Sieb war verstopft“, knurre ich weiter.


„Na und?“


„Du kannst hier doch nicht von einer Reparatur sprechen.“ Ich gehe zur Kaffeemaschine und mache mir einen Espresso.


Florian wäscht sich die Hände und trocknet sie ab. „Warum nicht?“


Ich nehme einen kräftigen Schluck. „Weil eine Socke im Sieb war.“


„Na und?“, fragt er leichthin und lehnt sich gegen den Küchentisch. „Repariert ist repariert.“


Ich seufze. „Hast du die Socke in den Geschirrspüler getan?“


Florian betrachtet mich und sein Mundwinkel zuckt. „Warum sollte ich eine Socke in den Geschirrspüler stopfen? Das macht doch keinen Sinn. Überleg doch, bevor du deine Fragen stellst.“


„Hast du?“


Florian verschränkt die Arme vor der Brust und in seinen Augen lodert ein schelmisches Feuer. „Ich kann mich nicht erinnern.“


Ich sehe ihn an. „Ist das dein Ernst?“, frage ich langsam.


Florian macht sich auch eine Tasse Kaffee und geht dann Richtung Esszimmer. Sein Gang ist sicher und konzentriert, er hat heute einen guten Tag. „Was soll mein Ernst sein?“


Ich folge ihm. „Dass du jetzt die Demenz-Karte ausspielst.“


Er setzt sich an den schweren Mahagonitisch, an dem meine Großeltern früher immer ihre Freunde bewirtet haben. Mittlerweile sind die meisten von ihnen schon tot und der große Tisch wirkt in dem riesigen Esszimmer nur noch überflüssig.


Florian reibt sich über seinen Bart und sieht mich vorwurfsvoll an. „Demenz ist eine schwere Krankheit, mein Junge. Darüber macht man keine Scherze.“ Seine Stimme klingt ernst.


Ich nicke und setze mich auf einen grün gepolsterten Stuhl gegenüber von Florian, während er mich beobachtet, als wäre ich sein Gegenüber bei einem Verhör. „Stimmt. Und Demenz ist auch nicht dazu geeignet, um sie als Mittel gegen Pflegerinnen einzusetzen.“


Florian nippt genüsslich an seinem Kaffee. Die ruhige Art, mit der er es macht, zeigt mir, dass ich ins Schwarze getroffen habe. „Ich weiß nicht, wovon du sprichst.“


„Kannst du dich nicht erinnern oder willst du nicht?“, brumme ich und hebe eine Augenbraue.


„Ich brauche keine Pflegerin, Tom. Ich kann gut auf mich selbst aufpassen.“


Ich schüttle den Kopf. „Das kannst du nicht“, seufze ich. „Und das weißt du.“ Es tut weh, das auszusprechen, aber irgendwann kommt der Moment, an dem es gesagt werden muss. Und dieser Moment war schon vor einigen Wochen. Trotzdem versetzt es mir noch immer einen Stich.


„Du bist hier“, sagt Florian und greift nach meiner Hand. Seine Finger fühlen sich rau an und ich lächle matt.


„Das bin ich, das habe ich versprochen. Aber wir brauchen Hilfe. Hör also auf, einen auf griesgrämiger alter Mann zu machen, wenn sich die neuen Pflegerinnen vorstellen.“


Florian zieht die Hand weg. „Ich dachte, die Agenturen wollen niemanden mehr schicken?“, murrt er.


Ich nicke. „Es gibt aber nicht nur Agenturen, es gibt auch andere Möglichkeiten. Also benimm dich das nächste Mal.“


Florian presst die Lippen zusammen, wie es nur Kinder tun, die ihren Willen nicht durchsetzen können. „Die eine hat geklaut und die andere die ganze Zeit geredet, und der Rest, das willst du gar nicht wissen.“


„Das ist doch schön“, sage ich und ziehe mir die Zeitung heran. Ich reiche Florian einen Teil. 


„Dass sie geklaut hat?“, fragt er misstrauisch und setzt sich seine Lesebrille auf.


„Dass sie mit dir reden wollte“, erkläre ich und meine Augen gleiten über die neuesten Schlagzeilen.


„Sie hatte Mundgeruch“, bemerkt Florian trocken und blättert seinen Zeitungsteil auf. „Und jedes Mal, wenn sie gesprochen hat, kam eine Welle aus altem Fisch und Elefantenmist auf mich zugeflogen. Ich sage dir, Junge, da wünschst du dir, dass sie lieber den Mund hält.“


Ich blättere zum Sportteil. „Florian, die aus Rumänien hat dir auch nicht gepasst. Und die hat die meiste Zeit gar nichts gesagt.“


Florian schnauft und seine Hand beginnt so zu zittern, dass die Tasse umfällt und der Kaffee auf den Tisch fließt. „Die hat doch mit der rumänischen Mafia zusammengearbeitet.“


„Mit der rumänischen Mafia?“, wiederhole ich ungläubig und sehe ihn eindringlich an. Die Tasse beachte ich gar nicht mehr. 


Florian nickt mit einer Selbstverständlichkeit, die mich darüber nachdenken lässt, ob er den Schwachsinn absichtlich erfindet oder er sich das Ganze tatsächlich einbildet.


„Sie dachte, ich verstehe kein Wort. Deswegen hat sie beim Telefonieren dann doch reden können. Aber ich habe in meinem Job schon das eine oder andere Wort aufgeschnappt. Und ich weiß, was „Drogen“ und „bewusstlos“ auf Rumänisch heißt.“


„Du glaubst also, sie wollte dich unter Drogen setzen“, sage ich und nippe an meinem Kaffee. „Was für einen Grund hätte sie dafür?“


„Um mich zu vergewaltigen?“ Er schiebt sich die Lesebrille hoch und sieht mich herausfordernd an.


„Oder um dich loszuwerden“, erwidere ich nüchtern. „Hast du wieder eins deiner Spielchen mit ihr abgezogen?“, frage ich und stehe auf, um einen Lappen zu holen.


„Welche Spielchen?“


„Du weißt, welche Spielchen.“


Florian setzt die eckige Brille wieder auf und verschränkt die Arme vor der Brust. „Ich kann mich nicht erinnern.“


Ich lege den Kopf schief und mache mich auf den Weg zur Küche. „Echt jetzt? Schon wieder die Demenz-Karte?“


 


Nachdem ich uns Frühstück zubereitet habe, gehen Florian und ich nach draußen und machen einen kleinen Spaziergang. Eigentlich bin ich hundemüde und habe keine Lust auf einen Park voller schreiender Kinder und Mütter, aber die Ärzte haben gesagt, dass Routine und Gewohnheit für ihn wichtig sind.


Früher war er oft mit Greta hier. Als ich klein war, sind sie mit mir regelmäßig auf den Spielplatz gegangen, und später, als ich mit den Jungs unterwegs war und hier spätabends meinen ersten Joint geraucht habe, hat mich Florian gefunden und nach Hause geschleift.


„Lauter alte Leute“, grummelt er, als wir unter den blühenden Bäumen den Kiesweg entlang spazieren. Auf den Parkbänken sitzen Frauen mit Stützstrümpfen und grauen Haaren, die sich mit anderen Damen ihrer Generation unterhalten.


„Die sind in deinem Alter“, sage ich trocken und versuche, nicht zu grinsen. Stattdessen ziehe ich ein Zigarettenpäckchen aus meiner Hosentasche.


„Werd nicht frech“, gibt Florian zurück. „Ich bin noch immer fit genug, um dir eins überzuziehen.“ Er hebt drohend die Hand.


„Du hast mir nie eins übergezogen.“


„Was nicht ist, kann ja noch werden“, sagt er und ich höre das Lächeln in seiner rauen Stimme. „Außerdem ist eine Drohung manchmal effektiver als die Tat selbst. Du zum Beispiel mit deinen Pflegerinnen.“ Er macht eine kurze Pause und sieht mich an, während ich mir eine Zigarette anzünde. „Die brauchen wir nicht.“


„Doch, die brauchen wir“, gebe ich zurück und nehme einen tiefen Zug. „Und du darfst sie nicht vergraulen. Ich habe schließlich noch die Bar.“


„Ach, die Bar“, antwortet er. „Wie läuft es denn so?“


„Ganz gut.“ Ich versuche, ganz entspannt zu wirken, denn Florian wusste schon immer, wenn ich lüge. „Aber versuch nicht, das Thema zu wechseln“, sage ich, um selbst das Thema zu wechseln. „Heute Nachmittag kommen neue Pflegerinnen, die sich vorstellen, und eine davon nehmen wir, das schwöre ich dir.“


„Ach, das schwörst du mir?“, brummt er und zieht selbst ein Päckchen Zigaretten aus seiner Tasche.


„Der Arzt hat gesagt, du darfst nicht rauchen.“ Ich schnappe nach dem Päckchen, das er sofort hinter seinem Rücken versteckt.


„Ich kann mich nicht erinnern“, behauptet der sture Hund.


„Ich aber schon“, entgegne ich scharf.


Er legt den Kopf schief, fast so, als würde es einen Unterschied machen.


„Das Gesicht nutzt bei mir nichts“, sage ich kalt.


„Hab ich dich bei Greta verpetzt, als du deinen ersten Joint geraucht hast?“, fragt er mich. „Die hätte dir die Hölle heißgemacht.“


Ich schnaufe und hasse es, dass er mich immer wieder rumkriegt. Aber er ist nun mal der einzige Mensch auf der Welt, der mir noch was bedeutet.


„Gut. Aber nur eine“, sage ich. „Und wehe, du kommst mir nachher mit dem „Ich hab das Zählen vergessen“-Scheiß, okay?“



 


Ani


 


Ich renne. Meine Füße tragen mich nach draußen und ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal so schnell war. Meine Beine überholen meine Gedanken, sie laufen von allein, sie fliegen, über die Treppe, in die Ungewissheit, durch die schwere Glastür. Über den Asphalt, vorbei an den hupenden Autos und dampfenden Bussen, bis ich nicht mehr weiterkann. Ich halte die Tasche fest an meinen Körper gepresst, mein Atem geht heftig und ich bekomme kaum Luft, aber zumindest bin ich da raus. Sein Gesicht hätte ich nicht länger ertragen können, und trotzdem sehe ich es noch immer vor mir, mit seinem beschissenen Mitgefühl und seinen beschissenen Worten, und mein Verstand beginnt langsam zu kapieren, was gerade passiert ist. Meine Welt hat sich verändert, sie existiert nicht mehr, obwohl ich noch existiere. Ich stehe da und weiß nicht, wohin ich jetzt gehen soll, während die Leute ringsum es ganz genau zu wissen scheinen. Die meisten ignorieren mich, nur ein Mann schaut mich lange an, und ich vermute, dass es an meiner verschmierten Wimperntusche liegt oder einfach daran, dass ich eine Frau bin und Brüste habe, vielleicht reduziert sich alles darauf.


Und dann denke ich wieder an ihn und weiß, dass es sich nicht darauf reduzieren lässt, nicht auf ihre Brüste oder meine Brüste, auch wenn das irgendwie am einfachsten wäre. Natürlich ging es um mehr, um viel mehr, das konnte ich in seinem zerknirschten Gesicht ablesen, mit dem er noch immer so tat, als ob er nur das Beste für mich wollte.


Ich will nur ehrlich zu dir sein, Ani.


Als ob Ehrlichkeit das Beste wäre, diese scheiß Ehrlichkeit, die so verdammt weh tut, dass ich gerne schreien würde und toben, ich würde gerne zurück zu ihm und etwas zerstören, aber die Genugtuung gebe ich ihnen nicht. Ich bin nicht das labile Ding, für das sie mich halten, ich bin mehr, auch wenn ich gerade jetzt zu heulen anfange.


Zuerst ist es nur eine Träne und dann sind es ganz viele, wie eine stille Armee, lautlos. Nur zehn Minuten liegen zwischen meinem alten und dem neuen Leben, zehn Minuten, das ist eigentlich nicht viel, aber genug, um alles umzuwerfen.


Ich wische die Tränen weg, auch lautlos, denn so viel gebe ich ihm nicht. Er hat schon alles, mehr Tränen bekommt er nicht. Langsam öffne ich meine graue Tasche und suche zwischen den Klamotten und meinem Fotoapparat nach dem Portemonnaie. Ich ziehe den Zipp auf und starre in die leeren Fächer hinein. Gerade mal fünfzig Euro, mehr habe ich nicht. Wo soll ich jetzt hin?


Mir fallen meine Freunde ein, die alle mehr zu ihm als zu mir gehören, mir fällt meine Freundin ein, die es nicht mehr gibt, mir fällt meine Mutter ein, zu der ich garantiert nicht zurückgehen werde, das habe ich mir geschworen.


Ich stecke meine Geldbörse zurück und mache die Tasche zu. Meine Beine gehen ein paar Schritte, einfach nur um weiterzukommen. Vielleicht gibt es in der Nähe eine kleine Pension, aber wie lange werde ich dort mit fünfzig Euro bleiben können? Das Geld von dem Magazin bekomme ich erst in ein paar Wochen, darauf kann ich nicht zählen, und den Job in dem Café bin ich seit letztem Dienstag auch los.


Egal. Einfach weitergehen und darauf hoffen, dass mein Kopf schon eine Lösung finden wird, mit all seinen Gehirngängen und Synapsen, wofür sind die denn sonst da. Irgendwann tun mir meine Füße weh und ich setze mich an eine Bushaltestelle, einfach nur um zu sitzen und nicht mehr zu gehen. Langsam ziehe ich mein Handy aus meiner Tasche, die ich in der Schnelle nur mit dem Notwendigsten gepackt habe, und suche nach Pensionen unweit von hier. Pensionen, die ich mir leisten kann. Ich scrolle auf meinem Display und suche. Alles, was es hier gibt, beginnt bei vierzig Euro.


Ich atme tief ein und aus und versuche das Gefühl der Panik, das langsam in mir hochkriecht, zu ignorieren. Am liebsten würde ich einfach aufstehen und mich auf die Straße legen, genau an die Stelle, wo der Bus hält. Ich würde mich einfach überrollen lassen, würde das Stückchen Leben, das noch in mir ist, aus mir herausquetschen lassen und müsste nicht darüber nachdenken, ob ich vielleicht doch zu meiner Mutter gehe, für die das ein gefundenes Fressen wäre, oder die Nacht im Park verbringen will.


„Hab ich dich nicht gerade vorhin gesehen?“, fragt eine Frau neben mir und ich schrecke hoch. Sie hat hellblonde Haare und trägt eine Jeansjacke, doch sie meint nicht mich, sie meint das junge Mädchen mit dem Undercut und dem Nasenpiercing, das sich gerade neben mich setzt. Das gepiercte Mädchen runzelt kurz die Stirn und dann nickt sie, wie einer dieser Wackeldackel, die auf der Rückbank von Autos sitzen.


„Stimmt. Du bist gerade aus der Wohnung gekommen, als ich meinen Termin hatte.“ Sie macht eine kurze Pause. „Also ich weiß nicht, wie es bei dir war, aber für mich ist das nichts.“ Dabei zieht sie ihre grüne Jacke enger.


Die Blonde nickt jetzt auch und beißt von ihrem Sandwich ab. „Die Wohnung ist gigantisch, oder? Aber der Alte ist furchtbar. Hat er dich auch angeschrien?“


Das Mädchen neben mir verengt die Augen. „Er hat mich angespuckt. Und ich sage dir, das war mit voller Absicht.“


Die Blonde seufzt. „Ein Jammer, die Wohnung war wirklich unglaublich schön, und so riesig!“ Sie fährt sich durch die Haare. „Nachdem ich die Fotos im Internet gesehen hatte, dachte ich mir: WOW, so schlimm kann der Job gar nicht sein. Aber … nein, das mache ich nicht.“


„Ich hab ihm auch gesagt, dass ich mir das noch überlegen muss, aber ich hatte das Gefühl, dass er mich sofort genommen hätte. Ich könnte gleich einziehen, hat er angedeutet. Das war alles irgendwie eigenartig, schließlich bin ich noch in der Ausbildung.“ Sie zieht die gepiercte Nase kraus. „Ich hab kein gutes Gefühl dabei.“


„Der muss wirklich verzweifelt sein“, sagt die andere und ich versuche gar nicht mehr, so zu tun, als würde ich die beiden nicht belauschen. Wohnung, heute einziehen, Verzweiflung – irgendwie habe ich das untrügliche Gefühl, dass sich das nach mir anhört.


„Entschuldigung, sprecht ihr, wovon ich denke, dass ihr davon sprecht?“, mische ich mich ein.


Die beiden sehen mich an. „Du meinst die Anzeige? Wegen der Stelle?“


Ich richte mich auf. „Ich habe leider irgendwie die Adresse verschlampt … kommt ihr gerade von dort?“


Die blonde Frau mit der Jeansjacke nickt. „Ja, aber ich glaube nicht, dass du dort einziehen möchtest.“


Ich zucke mit den Schultern. „Ich würde es mir gerne ansehen.“


„Wie du willst, aber mach dich auf etwas gefasst“, sagt das Mädchen mit dem Nasenpiercing neben mir. „Es ist gleich um die Ecke, das Jugendstilhaus, oberste Wohnung. Ist die Nummer dreizehn.“


„Bei wem muss ich noch mal klingeln?“, frage ich unschuldig und stehe auf.


„Bei Hartmann“, sagt die Blonde und dann gehe ich los, ihren zweifelnden Blick im Rücken.


 


Die Außenfassade des Hauses ist wunderschön, aber ich versuche, mich davon nicht blenden zu lassen. Wer weiß schon besser als ich, dass das Innen mit dem Außen oft nicht mithalten kann? Der Wind zerrt an mir, als ich den Kopf in den Nacken lege. Es ist ein typischer Jugendstilbau mit den geschwungenen Linien, ornamentalen Mustern und der unverkennbaren Symmetrie. Früher habe ich solche Gebäude geliebt, aber Liebe ist scheinbar etwas, das mir in den letzten Monaten abhandengekommen ist, wie ein Mantel, den man einfach irgendwo vergisst.


Zögerlich drücke ich die Klingel, neben der „Hartmann“ steht, und dann fängt es zu regnen an, mit einer elementaren Wucht, die jeden Zweifel wegwäscht und mich nach drinnen drängt. Als der Summer angeht, drücke ich die schwere Tür auf und trete ein.


 


Drinnen ist es kühl und diesig. Ich sehe einen Lift mit einem schmiedeeisernen Gitter, für den man einen Schlüssel braucht, und wende mich der Treppe zu. Das Mädchen hat gesagt, die Wohnung der Hartmanns liegt in der obersten Etage, und als ich im vierten Stock ankomme, wartet schon ein großer, dunkelhaariger Typ vor der Tür. Er ist unrasiert, trägt schwarze Jeans mit einem schwarzen T-Shirt und wirkt müde, unglaublich müde. Er ist nicht viel älter als ich, vielleicht Anfang dreißig. Obwohl er ungewaschen aussieht, riecht er gut, aber das ist das einzig Positive an ihm. Seine ganze Körperhaltung strahlt etwas Kaltes und Ruppiges aus, das mich vom ersten Moment an abschreckt.


Ich sehe ihn an und habe plötzlich das Gefühl, dass es ein Fehler war, hierherzukommen. Alles war ein Fehler, Noah war ein Fehler, diese Stadt war ein Fehler, mein Studium war ein Fehler, meine Gedanken sind Fehler, meine Ängste sind Fehler, mein ganzes beschissenes Leben ist ein Fehler. Was soll ich denn jetzt sagen, durchfährt es mich, und bevor ich noch länger hier stehen und ihn blöd anglotzen kann, mache ich auf dem Absatz kehrt.


„Halt“, ertönt seine tiefe Stimme. „Wo wollen Sie denn hin?“


Er klingt eine Spur netter, als er aussieht, und ich bleibe stehen. „Tut mir leid, ich hätte nicht herkommen sollen“, sage ich über die Schulter.


Er mustert mich von oben bis unten. „Jetzt sind Sie schon mal da. Jetzt können Sie auch reinkommen“, erwidert er, dreht sich um und lässt die Tür offen stehen.


Ich höre, wie der Regen auf das Dach prasselt, mit seiner ganzen Kraft, ich höre das Eingangssignal einer SMS, die nach Noah klingt, und dann höre ich einfach auf zu denken und folge ihm in die Wohnung.


 


Drinnen empfängt mich der Geruch nach Vergangenheit, gemischt mit teurem Rasierwasser und alten Essensresten. Die Wohnung wirkt riesig und ich erahne noch nicht einmal, wie groß sie ist. Die Räume sind stilvoll eingerichtet, viel Biedermeier, aber kombiniert mit modernen Stücken. Es sieht überraschend gemütlich aus und ich frage mich, wie der Typ in dieses gediegene Ambiente hineinpasst. Er sieht nicht nach einem derartigen Zuhause aus – er ist eher wie ein Buch, das ins falsche Regal zurückgestellt wurde.


Der Typ führt mich ins Wohnzimmer und deutet auf einen gepolsterten Stuhl, der zu dem kleinen Holztisch und den Wand- und Deckenlampen aus Bassano-Keramik passt. Ich setze mich auf die vordere Kante der Sitzfläche und versuche, ruhig zu wirken und nichts von dem Noah-Tsunami in mir preiszugeben, versuche, nicht darüber nachzudenken, ob ich das Schlimmste überhaupt schon überstanden habe oder ob die Welle sich gerade zurückzieht, um dann erst mit ihrer ganzen zerstörerischen Wucht über mich hereinzubrechen.


Nicht die richtigen Gedanken für ein Vorstellungsgespräch, selbst wenn man nicht weiß, worum es eigentlich geht. Der Typ sitzt mir gegenüber und sieht mich an. Seine Augen sind stumpf und ausgelaugt.


„Ich bin Thomas Hartmann“, erklärt er nüchtern. „Ich hätte nicht damit gerechnet, dass heute noch jemand auftaucht.“


Ich nicke nur, weil ich nicht weiß, was ich sagen soll.


„Wie ist Ihr Name?“, fragt er.


„Anika Bayer“, sage ich.


„Und … welche Erfahrungen haben Sie?“


„Wie bitte?“, frage ich zurück und streiche mir eine dunkle Haarsträhne aus dem Gesicht. Es war eine blöde Idee, das durchzuziehen, ich sollte aufstehen und gehen, denn ich bin auch nicht mehr als ein Buch, das nicht in dieses Regal passt. 


Der Typ reibt sich die Augen. „Welche Erfahrungen haben Sie in der Pflege von älteren Personen?“


Ich sehe ihn unbewegt an, während er auf eine Antwort wartet.


„Meine Mutter“, erkläre ich und versuche, einfach irgendetwas zu sagen, damit er nicht sieht, wie fehl am Platz ich bin. Hier und in dem ganzen Leben.


„Ihre Mutter ist dement?“, fragt er nach und gähnt.


„Nein, ist sie nicht“, sage ich und wünschte, sie wäre es. Dann könnte sie mich einfach vergessen. „Sie braucht nur besondere Pflege.“ Die Wahrheit ist gerade nicht mein Begleiter, aber eine komplette Lüge ist meine Aussage auch nicht. 


Etwas piepst laut, ein schriller Ton, und der Typ zieht ein Handy aus seiner Hosentasche. „Shit“, sagt er und starrt auf das Display. Dann schaut er mich an. „Wir müssen das hier abkürzen. Ich erkläre Ihnen kurz, worum es geht.“ Er beugt sich auf seinem Stuhl vor und sein Gesicht nimmt einen ernsten Ausdruck an.


„Florian, meinem Großvater, wurde vor einigen Wochen Alzheimer diagnostiziert. Mir ist schon früher aufgefallen, dass er Sachen vergisst und verlegt, aber irgendwann ist er von der Polizei nach Hause gebracht worden, völlig verwirrt und desorientiert. Er hat Momente der vollkommenen Klarheit und dann plötzlich geht er im Morgenmantel auf die Straße oder macht etwas“, er stutzt für einen Moment, „etwas Verrücktes.“


„Was?“, frage ich interessiert. „Also, welche verrückten Dinge tut er?“


Er räuspert sich, es ist ihm unangenehm, darüber zu sprechen. „Er verliert Sachen. Wäscht seine Socken im Geschirrspüler. Will sich etwas zu essen machen und dreht den Herd nicht mehr ab. Vergisst, wo er wohnt. Hören Sie“, er zieht tief die Luft ein und beugt sich noch etwas weiter nach vorne, „die meiste Zeit geht es ihm gut. Aber ich kann nicht verantworten, dass ihm etwas passiert. Daher brauche ich jemanden, der sich tagsüber um ihn kümmert, der auf ihn aufpasst, ihm etwas zu essen macht, den Haushalt in Ordnung hält und die Einkäufe erledigt.“ Er richtet sich wieder auf. „Trauen Sie sich das zu?“


Ich zögere einen Moment und dann höre ich das Gewitter, das draußen zu toben anfängt. Es ist ein hässliches Geräusch, ein lautes Krachen, das durch meinen Körper jagt und mich kurz zusammenzucken lässt. Das Bild einer nassen Parkbank zuckt durch meinen Kopf und dann nicke ich, fast automatisch, wie einer dieser hässlichen Wackeldackel. 


 


„Das wäre Ihr Zimmer“, sagt Thomas Hartmann und reibt sich über das stoppelige Kinn. Ich sehe in den Raum, der riesig ist und mehr Platz bietet, als mir wahrscheinlich guttut. Ein hübsches Doppelbett steht in der Mitte, ein kleiner Biedermeier-Sekretär und ein dazu passender Schrank an den eierfarbenen Wänden. Eine Tür führt in ein kleines Bad mit Wanne und Tageslicht. Alles hier wirkt wie in einem Hotel.


„Wann lerne ich Ihren Großvater kennen?“, frage ich und es kommt mir komisch vor, dass ich ihn noch nicht gesehen habe.


„Sofort“, entgegnet Thomas Hartmann und sieht auf seine groben Hände, fast als hätte ich ihn bei etwas erwischt. „Ich bringe Sie zu ihm.“ Er geht voraus, durch einen langen Gang, der sich zu vielen anderen Räumen verzweigt und an dessen Wänden Gemälde aus den verschiedensten Epochen hängen, hauptsächlich Impressionisten und Expressionisten. Solche Wohnungen kannte ich bislang nur aus Filmen.


Wir bleiben vor einer zweiflügeligen Glastür stehen und es scheint, als würde der junge Hartmann in der Bewegung innehalten. Es ist nur ein kurzer Moment, als er die Hand auf die Türklinke legt und wartet, aber er wirkt, als wäre er sich nicht sicher, ob er das hier wirklich tun soll.


Ich bin mir nicht sicher, ob er mich vor dem Alten oder den Alten vor mir beschützen will, und wahrscheinlich gibt es darauf auch keine richtige Antwort. Von drinnen klingt klassische Musik an mein Ohr und ich zupfe mit den Fingern an meinem Daumennagel, während ich immer nervöser werde und sich mein Gedankenkarussell voller Zweifel in Gang setzt, das mit jeder Runde lauter und blinkender und schriller wird.


„Florian“, sagt er, als wir den Raum betreten, und das kreischende Karussell kommt zum Stillstand. An den Wänden hängen jüngere Werke, vornehmlich Kubismus und Dadaismus in einer beeindruckend aufeinander abgestimmten Auswahl. Es sind kräftige Malereien, die dem antiquiert eingerichteten Raum eine neue Richtung geben.


In der Mitte gibt es einige Sitzgelegenheiten und auf den Kommoden an den Wänden stehen silberne Bilderrahmen. Ich brauche einen Moment, um den alten Herrn Hartmann zu entdecken, der in einem breiten Ohrensessel Richtung Fenster sitzt. Erst nach einigen Schritten kann ich sein Gesicht erkennen.


Sein Kopf liegt reglos auf dem samtigen grünen Sessel und sein Körper wirkt wie ein Mehlsack, den jemand in die Ecke geschmissen hat. Er hat graue Haare und einen grauen Bart, wie ein alter Seemann. Er muss einmal ein attraktiver Mann gewesen sein, die Ähnlichkeit zu seinem Enkel ist unverkennbar.


Die dunklen Augen starren auf den Parkettboden. Auf eine skurrile Art und Weise sieht auch er aus wie ein Gemälde, das in den Raum gestellt wurde. Ich folge seinem leeren Blick und erkenne eine tellergroße Pfütze auf dem braunen Parkett, die mich an einen kleinen See erinnert.


Automatisch blicke ich auf seine Hose, schiele in den Schritt, auch wenn es sich nicht gehört, und entdecke einen durchnässten Fleck auf der hellbraunen Leinenhose, der nur einen Schluss zulässt. Ich habe noch nie einen Erwachsenen gesehen, der sich eingepinkelt hat, aber ich habe schon Erwachsene gesehen, die gekotzt und geflucht und ihre Freunde verraten haben, deshalb finde ich es nicht so schlimm.


„Florian“, murrt der junge Hartmann und seine Stimme klingt genervt. „Ist das dein Ernst?“


Der ruppige Ton überrascht mich und ich ziehe eine Augenbraue hoch, während ich mich zu ihm umdrehe.


„Ich glaube, er braucht Hilfe, keine Vorwürfe“, sage ich ruhig und sehe mich in dem Zimmer nach einem Lappen um.


„Aktuell braucht er keine Hilfe“, sagt der junge Hartmann trocken und atmet tief durch. „Florian, lass den Scheiß.“


„Lass den Scheiß?“, wiederhole ich. „Sie sind ja von der ganz netten Sorte.“


„Ach, denken Sie das?“, entgegnet er süffisant. „Der von der nicht so netten Sorte sitzt gerade vor Ihnen.“ Er macht eine kurze Pause und richtet seine Aufmerksamkeit auf seinen Großvater.


„Florian, ich habe einen Notfall in der Bar. Filippa ist schon wieder ausgefallen und ich muss Mark unterstützen, sonst dreht er durch. Die anderen Pflegerinnen hast du ja erfolgreich vergrault, aber jetzt ist genug. Mit der da wirst du dich arrangieren müssen.“


Der alte Hartmann starrt noch immer ins Nichts und ich fühle, wie ich wütend werde, weil er den Alten so behandelt. Kontrolliert atme ich durch. Wut ist nicht gut, Wut fühlt sich zwar besser an als Schmerz, aber sie führt dazu, dass ich dumme Sachen sage. Und das sollte ich jetzt besser nicht tun, wenn ich die Nacht nicht draußen im Regen verbringen will.


„Florian“, macht der junge Hartmann weiter und seine Stimme klingt bedrohlich, während ich sehe, wie sich seine Finger zu einer Faust formen.


„Wollen Sie ihn jetzt etwa schlagen?“, frage ich trocken und alle guten Vorsätze, die Klappe zu halten, sind auf einen Schlag verpufft. „Und wenn Sie mal nicht da sind, soll ich ihn dann für Sie verprügeln, wenn er sich einpinkelt?“


Der junge Hartmann wendet sich mir zu. „Ich habe schon des Öfteren daran gedacht, ihn zu schlagen, Frau Bayer“, murrt er. „Aber zwischen Denken und Tun liegt noch ein sehr großer Unterschied. Zum Beispiel jetzt – Sie denken, dass sich mein Großvater eingepinkelt hat? Schauen Sie mal auf seine Hose.“ Er deutet auf den nassen Fleck. „Schauen Sie mal genau hin und dann schauen Sie auf das Hosenbein. Müsste da nicht ein Rinnsal zu erkennen sein? Irgendetwas, das auf das Missgeschick hindeutet, das er uns weismachen will?“ Noch während ich die Stirn runzle, kniet sich der junge Hartmann auf den Boden, direkt neben die Lache. Mit einer schnellen Bewegung taucht er seinen Zeigefinger in die gelbe Flüssigkeit und steckt sich dann den Finger in den Mund. Unwillkürlich trete ich einen Schritt zurück. Ich hab schon viel Scheiß erlebt, aber das hier ist sogar mir zu abgefahren.


„Apfelsaft? Naturtrüb?“, fragt der junge Hartmann nüchtern und starrt seinen Großvater an. Die Mundwinkel des Alten beginnen zu zucken.


„Der andere war alle, du hast schließlich keinen neuen besorgt“, entgegnet er amüsiert.


Ich starre die beiden an, während mein Gedankenkarussell der Zweifel zu drehen anfängt, immer schneller und schneller. Der Alte scheint genauso kaputt zu sein wie ich selbst und ich bin mir nicht sicher, ob ich so jemandem gewachsen bin. Andererseits fühle ich mich einer Nacht auf einem Bahnhof oder im überdachten Wartebereich einer Bushaltestelle auch nicht gewachsen.


„Also die Pinkelhose“, murrt der junge Hartmann jetzt und reibt sich über die Augen. „Hast du dein sonstiges Repertoire schon verspielt? Kein Schreien, Schlagen oder Sabbern? Wir hatten doch ausgemacht, dass du wenigstens einmal normal bist. Einmal, Florian. Um mehr habe ich dich nicht gebeten.“


Der Alte zuckt mit den Schultern. „Muss ich vergessen haben.“


Die Antwort quittiert der junge Hartmann nur mit einem Kopfschütteln und wendet sich dann mir zu.


„Wenn Sie wollen, können Sie sofort anfangen“, sagt er rau. „Natürlich erhalten Sie nicht nur Kost und Logis, sondern auch ein Haushaltsgeld und ein Gehalt von“, er macht eine kurze Pause, „von 1000 Euro netto.“


Ich starre ihn an. Ist das Verzweiflung, dass er mir so viel anbietet, oder ist es ein leuchtend rotes Warnsignal, das mir heulend dazu rät, möglichst schnell hier abzuhauen?


Der Alte schreckt ebenfalls auf. „1000? Du spinnst ja. Die anderen haben nicht so viel bekommen.“ Er sieht mich abschätzig an und mustert mich von oben bis unten. „Willst du sie etwa flachlegen?“


Ich fühle, wie sich meine Augen verengen. Vielleicht hat er mir zu früh leidgetan.


„Florian“, sagt der junge Hartmann scharf.


Der Alte verschränkt die Arme vor der Brust. „Viel ist ja nicht dran an ihr.“


„Florian“, wiederholt er noch einmal und seine Stimme klingt gefährlich. „Willst du ins Heim?“ Er sagt die Worte langsam und gewählt und ich habe nicht den Eindruck, dass er sie oft sagt. 


Der Alte schnauft und reibt sich über den grauen Bart. „Hast du ihre Unterlagen gecheckt? Woher kommt sie? Was hat sie für Erfahrungen und Qualifikationen? Du kannst mich doch nicht irgendjemandem in die Hand drücken wie ein kleines Kind. Sie könnte eine Massenmörderin sein, die alte Menschen ersticht.“


„Richtig, das könnte ich sein“, erwidere ich, weil es mir reicht, dass sie über mich reden, als ob ich nicht da wäre.


Der junge Hartmann zündet sich eine Zigarette an. „Ja“, sagt er trocken und fixiert den Alten. „Vielleicht wünsche ich mir das sogar.“


 


 


Tom


 


Ich hetze zur Bar. Die Kleine hat taff ausgesehen und gleichzeitig zerbrechlich, eine seltsame Kombination. Ich kann nur hoffen, dass sie die erste Nacht übersteht und sich von Florian nicht vergraulen lässt. Hübsch ist sie ja, das könnte vielleicht ein Pluspunkt sein, wenn auch ein wenig dürr. Für Florian hat sie eindeutig zu wenig Oberweite, was aber auch egal ist, denn der Alte findet an jeder was zu meckern.


In der Eile habe ich ihr nur die wichtigsten Dinge erklärt, Küche, Badezimmer und Florian. So gut den einer erklären kann.


Verdammt, als ich die Tür zum Wohnzimmer geöffnet habe, hatte ich schon Schiss, welche Show er heute abzieht. Mit der Pinkelsache habe ich nicht gerechnet, vielleicht, weil etwas in mir hofft, dass er doch noch vernünftig wird. Wie kann ein so kluger Mensch zu so einem kleinen Kind mutieren? Macht er das mit Absicht, um mich schon drauf vorzubereiten, was noch kommen wird?


Die Ärzte haben gesagt, dass das Gehirn nach dem „Last in – first out“-Prinzip funktioniert. Menschen mit Demenz verlieren zuerst die jüngsten Fähigkeiten und Erinnerungen. Mit Fortschreiten der Krankheit erkennen sie Gegenstände und Personen nicht wieder, verlernen die Sprache und alltägliche Bewegungen – sie entwickeln sich wieder zu einem Baby.


Ich hätte nie gedacht, dass ich Florian so sehen muss. Nicht Florian.


Ich öffne die Tür, mache das Licht an und lasse meinen Blick über den polierten Holztresen und die Barhocker schweifen. Die Tische an der Wand stehen noch verlassen da und ich genieße diesen kurzen Augenblick der Einsamkeit.


Die Einsamkeit ist das, was ich am meisten vermisse. Anscheinend habe ich mich in den letzten Jahren zu sehr an das Leben allein gewöhnt und es ist seltsam, jetzt mit meinem Großvater in einer Wohnung zu leben. In der Wohnung, in der ich groß geworden bin, mit einem scharfsinnigen Florian und einer herzlichen Greta.


Greta.


Ich vermisse sie. Ihr Lachen, ihre weichen Berührungen und die Art, wie sie mit Florian umgegangen ist. Ihren berühmten Apfelkuchen, die Besuche im Museum, die Spaziergänge und ihre Geschichten, die mich getröstet und geleitet haben. Greta wusste zu jeder Lebenssituation die richtige Geschichte und ich frage mich, was sie mir jetzt raten würde.


Ich gehe an die Bar, schnappe mir eine Flasche Whiskey und schenke mir ein Glas ein. Mann, ich bin so verzweifelt, dass ich Florian in die Obhut einer unbekannten Frau gebe, selbst auf die Gefahr hin, dass sie kriminell, vorbestraft oder eine Irre ist. Aber die Bar geschlossen zu lassen, ist keine Option, das müsste Florian wissen, weil ich sonst die Raten nicht mehr bezahlen kann. Und meine Eltern werde ich nicht um Geld bitten, niemals. Ich werde das hier selbst hinbekommen.


Und ich werde Florian nicht im Stich lassen. Ich werde nicht gehen und so tun, als würde er nicht existieren, um ihn dann einmal im Monat in irgendeinem Pflegeheim zu besuchen, dessen Pflegerinnen nett lächeln, solange der Besuch da ist. Und die die senilen Alten in Wirklichkeit wie Dreck behandeln und nur darauf hoffen, dass sie möglichst schnell abkratzen.


Ich habe es Greta versprochen und ich werde mein Versprechen halten. Komme, was wolle, das bin ich ihr schuldig.


Mit einem großen Schluck stürze ich die goldene Flüssigkeit hinunter, schlucke sie mit meinen Zweifeln weg und verlasse mich darauf, dass die Nacht nicht noch beschissener wird.


 


„Einen Martini. Geschüttelt, nicht gerührt“, haucht die Blonde mit dem tiefen Dekolleté und beugt sich über den Tresen, bis ihre Brüste fast aus dem Kleid springen. Das Licht in der Bar ist gedämpft, aber die Dinger kann ich nicht übersehen.



Ich nicke, schenke ihr ein Glas ein und bin froh, dass der Laden voll ist. Die Leute von der Firmenfeier lachen und unterhalten sich, sind gut drauf und bestellen einen Drink nach dem anderen. Das ist gut fürs Geschäft. Wenigstens eine Sache, die heute nicht vollkommen schiefläuft.


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