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Belletristik
Buch Leseprobe UNDENIABLE - Eva und Deuce, Madeline Sheehan
Madeline Sheehan

UNDENIABLE - Eva und Deuce


Hells Horsemen Serie 01

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Prolog
Es gibt immer einen Grund, weshalb du bestimmte Leute triffst. Entweder verändern sie dein Leben oder du bist derjenige, der ihr Leben verändert. - Angel Flonis Harefa -

Mark Twain sagte einmal: „Die zwei wichtigsten Tage in deinem Leben sind der Tag, an dem du geboren wurdest, und der Tag, an dem du den Grund dafür erkennst.“ Ich erinnere mich nicht an den Tag, an dem ich geboren wurde, aber ich erinnere mich an den Tag, an dem ich den Grund für meine Geburt erkannte. Er hieß Deuce. Er war mein Grund. Und das hier ist unsere Geschichte. Es ist keine schöne Geschichte. Ein paar Stellen sind, ehrlich gesagt, hässlich. Aber es ist unsere. Und weil ich glaube, dass alles, was passiert, aus einem bestimmten Grund geschieht, würde ich nichts daran ändern wollen.

Kapitel 1

Ich war fünf Jahre alt, als ich Deuce traf. Er war dreiundzwanzig und es war Besuchstag in Rikers Island. Mein Vater, Damon Fox oder auch „Preacher“ – der Präsident des berüchtigten Silver Demons Motorradclubs (Mother Chapter) in East Village, New York City – leistete eine fünfjährige Haftstrafe wegen schwerer Körperverletzung und Angriff mit einer Mordwaffe ab. Es war nicht das erste Mal, dass mein Vater im Gefängnis saß, und es war auch nicht das letzte Mal. Der Silver Demons MC bestand aus bekannten Kriminellen, die nach dem Codex der Straße lebten und sich einen Dreck um die moderne Gesellschaft und alles, was damit verbunden war, scherten. Mein Vater war ein mächtiger und gefährlicher Mann, der weltweit über die Silver Demons regierte und hohes Ansehen genoss, meistens aber einfach nur von den anderen MCs gefürchtet wurde. Er besaß Verbindungen zur Regierung und zur Mafia, aber was ihn am gefährlichsten machte und am meisten für Furcht sorgte, waren seine vielen Verbindungen zum kleinen Mann auf der Straße. Zu Menschen, die nicht in seinem Zirkel verkehrten. Menschen, die durch das Raster gefallen waren. Und die Aufträge stillschweigend erledigen konnten. Sein Umgang mit Worten und sein charmantes Lächeln versorgten ihn überall, wo er hinging, mit Freunden – und da er bereits auf einem Motorrad unterwegs gewesen war, als meine Großmutter mit ihm schwanger war, bedeutet das Wörtchen „überall“ wortwörtlich überall. Die Fehler meines Vaters, die ständigen Verbrechen und der Lebensstil im Club waren mir nicht fremd, sondern alles, was ich kannte. Ich hielt die Hand meines Onkels „One-Eyed“ Joe, als wir durch Rikers Besucherraum für Familien gingen. Da mein Vater alleinerziehend war, hatten mein Onkel Joe und Tante Sylvia das zeitlich begrenzte Sorgerecht für mich erhalten. Meine Mutter, Deborah „Darling“ Reynolds, hatte sich nur wenige Wochen, nachdem ich geboren worden war, von meinem Vater getrennt. Viele Männer wären unter der Verantwortung für ein Neugeborenes zusammengebrochen, vor allem ein Biker, der dem Ruf der Straße nur wenige Wochen widerstehen konnte. Aber nicht Preacher. Abgesehen von den gelegentlichen Besuchen im Gefängnis war mein Vater ein guter Dad, und mir hatte es nie an etwas gefehlt. Er trug die orange Gefängniskluft, sein Haar war zu einem Pferdeschwanz in seinem Nacken zusammengebunden. Er bemerkte uns sofort und sprang auf. Die Handschellen um seine Handgelenke behinderten ihn etwas, genauso wie die durch eine Kette zusammengebundenen Fußknöchel und die Gefängniswache hinter ihm, die ihn wieder nach unten drückte. „Eva“, sagte er sanft und lächelte mich an, während ich auf den unbequemen Plastikstuhl kletterte. Meine Füße steckten in Turnschuhen und reichten nicht bis auf den Boden, mein Kinn nur knapp über den Rand des Tisches. Onkel Joe setzte sich auf den Stuhl neben mich. „Daddy“, flüsterte ich und bemühte mich tapfer, nicht zu weinen. „Ich möchte dich knuddeln. Onkel Joe sagt, dass ich nicht darf. Warum darf ich nicht?“ Mein Vater blinzelte. Dann blinzelte er erneut. Ich wusste es damals nicht, aber mein großes, starkes Raubein von Vater versuchte selbst seine Tränen zu unterdrücken. Onkel Joe drückte meine Schulter. „Kleines“, sagte er schroff, „erzähl deinem Daddy vom Buchstabierwettbewerb.“ Aufgeregtheit sorgte dafür, dass meine Tränen versiegten. „Ich habe den Buchstabierwettbewerb gewonnen, Daddy! Meine Lehrerin Mrs. Fredericks sagt, dass ich so gut wie ein Drittklässler buchstabieren kann, obwohl ich erst im Kindergarten bin!“ Mein Vater grinste. Dieses Grinsen wollte ich nicht wieder verlieren, also machte ich weiter. „Weißt du, wie alt Drittklässler sind, Daddy?“ „Wie alt denn, Kleines?“ Er lachte. „Acht Jahre“, sagte ich aufgeregt. „Manchmal auch neun.“ „Ich bin stolz auf dich, Kleines“, sagte er und seine Augen leuchteten. Ich strahlte. Wenn man jung ist, bedeuten einem die Eltern die Welt. Mein Vater war meine Welt. Wenn er glücklich war, war ich es auch. Onkel Joe drückte erneut meine Schulter. „Eva, Liebes, warum holst du dir nicht was zum Knabbern aus den Automaten, damit dein Daddy und ich uns kurz unterhalten können?“ Das war mal wieder typisch. Im Club „unterhielten“ sich die Leute ständig, und zwar über Dinge, die ich nicht hören durfte. Meist war es mir egal, da die Jungs mich liebten, mich oft in den Arm nahmen, mich auf ihren Schultern reiten ließen und mir Geschenke machten. Für eine Fünfjährige ist ein MC voller selbsternannter großer Brüder und Väter, vergleichbar damit, wenn ein normales Kind jeden Tag Weihnachten feiern darf. Ich nahm das Geld von Onkel Joe und flitzte zu den Automaten. Zwei Leute standen vor mir an, also tat ich das, was ich immer tat, wenn ich mich langweilte – ich sang. Im Gegensatz zu den meisten Kindern meines Alters, die New Kids on the Block oder Debbie Gibson hörten, hörte ich mir die Musik an, die im Club gespielt wurde. Einer meiner Darlin’stitel war „Summertime“ von Janis Joplin. Hier stand ich also, wackelte mit dem Hintern zu „Summertime“, das ich sehr, sehr falsch sang, und wartete in der Schlange im Rikers Island Besucherraum für Familien auf meine abgestandenen Kartoffelchips, als ich folgende Worte hörte: „Magst du auch Hendrix, Kleine?“ Ich fuhr herum und wurde mit einem Paar in Jeans gekleideter Beine mit durchgescheuertem Stoff an den Knien konfrontiert. Mein Blick wanderte höher, und ich bestaunte den Fremden vor mir voller Freude. Er war groß und braun gebrannt. Seine Arme und Beine bestanden aus Muskeln, und seine Taille war schlank. Seine Stirn war breit, sein Kinn stark und kantig. Er hatte sich den Kopf rasiert, so dass nur ein wenig blondes Haar zu sehen war, und seine Unterarme waren mit verschiedenen Tattoos von fein ausgearbeiteten Drachen bedeckt. Ich hatte noch nie einen schöneren Mann gesehen. Es gibt drei verschiedene Arten von Männern in dieser Welt: Es gibt die Schwachen, die wegrennen und sich verstecken, wenn das Leben ihnen in den Arsch tritt. Dann gibt es Männer, die Rückgrat besitzen, sich aber, wenn das Leben sie tritt, zwischendurch auf andere verlassen. Und dann gibt es die wahren Männer, die nicht weinen oder sich beschweren, die nicht nur ein Rückgrat haben, sondern aus einem Rückgrat aus Stahl bestehen. Männer, die ihre eigenen Entscheidungen treffen und mit den Konsequenzen leben und die Verantwortung für ihre Handlungen und Worte übernehmen. Männer, die, wenn das Leben ihnen in den Arsch tritt, zurück schlagen und weitermachen. Männer, die ein hartes Leben führen und noch härter sterben. Männer wie meinen Vater und meine Onkel. Männer, die ich von ganzem Herzen liebte. Männer wie Deuce. „Ich mag Hendrix“, sagte ich. „Aber Janis rockt alles. Ich höre mir fast jeden Tag ‚Rose’ an!“ Er grinste zu mir herunter, und seine Grübchen kamen zum Vorschein. „Ich mag dich, Kleine“, sagte er. „Du hast einen guten Musikgeschmack und trägst Chucks statt dieser verfluchten High-Top Sneaker, die jeder hat.“ Er mochte mich. Das war ehrlich der beste Tag meines Lebens. „Ich hasse High-Top Sneaker“, sagte ich und rümpfte die Nase. Er zwinkerte mir zu. „Ich auch.“ Ich würde auf jeden Fall alle meine Sneaker wegwerfen, sobald ich nach Hause kam. Als ich an der Reihe war, stellte ich mich auf die Zehenspitzen und schob mein Kleingeld in die Maschine. Ich nahm mir Zeit, mir die Auswahl anzusehen und entschied mich für eine kleine Tüte gesalzener Erdnüsse. Ich trat auf die Seite und beobachtete, wie der Mann zwei Tüten Chips, drei Schokoriegel und einen großen Cookie mit Schokoladenstückchen kaufte. „Wow“, sagte ich. „Du musst wirklich hungrig sein.“ Er lachte. „Das ist nicht für mich.“ Er zeigte auf die andere Seite des Zimmers. „Mein Alter.“ Ich warf einen Blick zu meinem Vater und Onkel Joe. Sie steckten immer noch ihre Köpfe zusammen und „unterhielten“ sich. „Darf ich ihn kennenlernen?“, fragte ich. Er zog die Augenbrauen hoch. „Ah … Er ist ein wenig streitsüchtig.“ Ich lachte. Alle Männer, die ich kannte, waren streitsüchtig. Ich schob meine Hand in seine und sah zu ihm hoch, bereit, seinen Vater zu treffen. Seine Hand war warm und richtig gemütlich, so wie mein Bett, nachdem ich die ganze Nacht darin geschlafen hatte. Er starrte hinab auf unsere miteinander verbundenen Hände. Sein Gesichtsausdruck verriet Verwirrung. „Fertig“, sagte ich und zog an seiner Hand. Er zuckte mit den Schultern und führte mich zu einem nahe gelegenen Tisch, an dem ein älterer Mann mit einem langen grauen Bart und einem rasierten Schädel saß, der auf die gleiche Weise wie mein Vater mit Handschellen gesichert war. Mein neuer Freund ließ meine Hand los, um sich zu setzen, und ich kletterte auf den Platz neben ihn. „Hi!“, sagte ich fröhlich. „Willst du mir was mitteilen?“, fragte der alte Mann seinen Sohn. „Sie mag Janis“, erwiderte er. Der alte Mann studierte mich. „Du magst Janis, Kleine?“ Ich nickte. „Und Steppenwolf und Three Dog Night und die Rolling Stones und Billie Holiday und …“ „Billie Holiday?“ Er klang überrascht. Ich schob mir einige Erdnüsse in den Mund und nickte. „Sie rockt.“ Der alte Mann grinste, wobei sich sein gesamtes Gesicht veränderte. Ich wusste sofort, dass vor langer Zeit dieser streitsüchtige alte Mann genauso wunderschön gewesen war wie sein Sohn. „Ich mag Billie Holiday“, sagte er schroff. „Ich mag dich“, sagte ich spontan, weil ich immer spontan Dinge sagte. „Möchtest du ein paar Erdnüsse?“ „Sicher, Kleine, gern.“ Er lächelte. Ich schüttete den Rest meiner Erdnüsse in seine Hand, und er warf sie sich alle in den Mund. „Eva!“ Beim Klang von Onkel Joes Stimme zuckte ich zusammen. Er marschierte zügig durch den Raum auf mich zu. Als er den Tisch erreichte, wirkte nicht nur er angefressen, sondern auch meine beiden neuen Freunde. „Hast du Todessehnsucht?“, flüsterte Onkel Joe dem alten Mann zu. „Die Horsemen verstehen sich gut mit den Demons. Lass es uns verflucht noch mal so beibehalten.“ Der alte Mann machte ein verstehendes Geräusch und sah mich an. „Du musst Preachers kleines Mädchen sein. Er hat von dir gesprochen. Er ist verdammt stolz auf dich.“ Ich nickte stolz. „Ich bin Preachers kleines Mädchen. Und ich werde, wenn ich groß bin, genauso sein wie er. Ich werde eine Fat Boy haben, aber ich will, dass meine glitzert, und ich will einen rosa Helm mit Totenköpfen. Und statt ein Clubpräsident werde ich eine Clubkönigin sein, weil ich den größten und furchterregendsten Biker der ganzen Welt heiraten werde. Und der lässt mich dann machen, was ich will, weil er mich wie wahnsinnig lieb haben wird.“ Onkel Joe brach in Gelächter aus, und der alte Mann schüttelte lächelnd den Kopf. Der schöne Mann beugte sich zu mir. „Ich werde dich daran erinnern“, flüsterte er. Ich antwortete nicht. Ich konnte nicht. Ich war von der Intensität in seinen strahlend blauen Augen gefangen. Sie erinnerten mich an einen gefrorenen See. Er hatte wunderschöne eisblaue Augen, die mich zu ihm und zu einem warmen und sicheren Ort zogen, an dem ich auf ewig bleiben wollte. Er streckte mir die Hand entgegen und brach damit den Zauber. „Ich heiße Deuce, Süße. Mein Alter hier ist Reaper. War nett mit dir zu reden.“ Ich legte meine Hand in seine, und seine großen Finger schlossen sich um meine. „Eva“, flüsterte ich. „Das ist mein Name, und es war so wahnsinnig großartig, dich kennen zu lernen.“ Er lächelte. Und seine Augen lächelten auch. Ich verlor mich wieder darin. Dann hob Onkel Joe mich hoch und warf mich über die Schulter. „Bringt dir die verdammt teure Privatschule nichts über das Quatschen mit Fremden bei?“, fragte er. „Muss wohl mal mit den Kerlen mit dem Stock im Arsch in der Schule unter vier Augen reden. Mit meiner Faust.“ „Bye!“, rief ich und winkte wie verrückt, während ich weggetragen wurde. Reaper winkte mir mit einem breiten Grinsen und beiden mit den Handschellen gefesselten Händen nach. Deuce stand grinsend auf und salutierte mir mit zwei Fingern. „Bye, Darling!“ Darling. Nun war es offiziell. Ich hatte mich Hals über Kopf verliebt. Deuce beobachtete, wie One-Eyed Joe, Mitglied der Silver Demons, mit Preachers Kind, das er sich über die Schulter geworfen hatte, abmarschierte. Die Kleine grinste und winkte wie eine Wilde. Er schüttelte den Kopf und lächelte. Als er sie nicht länger sehen konnte, verblasste sein Lächeln, und er wandte sich wieder an seinen Vater, der ebenfalls aufgehört hatte zu lächeln. „Niedliches Kind“, brummte Reaper. „Hätte mir ein Mädel anschaffen sollen, statt euch zwei abgefuckte Kerle.“ Er starrte seinen Vater an. Einen Moment lang hatte er Sehnsucht verspürt, als er beobachtet hatte, wie sein Alter dieses Kind angelächelt und so mit ihr geredet hatte, wie er es mit seinen eigenen Kindern hätte tun sollen, es aber nie getan hatte. Er war zu beschäftigt damit gewesen, ihn und seinen Bruder zu verprügeln. Ach ja, die guten alten Zeiten. „Preacher ist am Zug“, fuhr Reaper fort. „Hat dir den verdammten Deal mit den Russen direkt unter der Nase weggeschnappt. Warum zur Hölle hast du dir die Scheiße nicht geschnappt, als du die Chance hattest?“ Und da lag der Hund begraben. Er war Vizepräsident, und das war alles, was er für seinen Alten war. Jemand, dem man das verdammte Zepter übergeben konnte, wenn Reaper endlich – und wenn es nach Deuce ging, konnte es nicht schnell genug geschehen – abkratzte. „Preachers Road-Captain war schneller. Hat mir die Scheiße weggeschnappt, bevor ich davon gehört habe.“ Reapers Gesichtsausdruck wurde eisig. „Du bist so eine verfickte Null. Ich hätte Cas zum Vize machen sollen. Hätte dafür sorgen sollen, dass diese scheiß Nutte dich los wird.“ Deuces Mutter war eine Nutte gewesen – keine von der Straße, eine im Club. Sie war sechzehn Jahre alt gewesen, als sein Vater sie geschwängert hatte, sein Vater fast dreißig. Nachdem er geboren worden war, hatte sein Vater sie mit nichts als der Kleidung auf ihrem Leib auf die Straße gesetzt. Alles, was Deuce von seiner Mutter besaß, war ein verblichenes Foto eines sehr jungen Mädchens, das auf der Harley seines Alten saß. OLIVIA MARTIN stand auf der Rückseite. Er stellte sich gern vor, dass sie ein neues Leben mit jemandem begonnen hatte, der das Gegenteil seines Vaters war. Dass sie Frieden und eine Familie gefunden hatte, die sie liebte. Sein jüngerer Bruder, Cas, stammte von einem weiteren geschwängerten Weib aus dem Club. Gleiche Geschichte, anderer Tag. Dreiundzwanzig Jahre lang hatte er sich mit diesem Mist abgefunden. Jetzt hatte er genug. Er stand auf, wobei er seinen Stuhl nach hinten schob, legte die Handflächen auf den Tisch und lehnte sich vor. „Niemand – und wenn ich sage niemand, dann meine ich verdammt noch mal keine müde Sau – interessiert sich auch nur einen Dreck für dich, du Mistkerl. Der Club respektiert seinen Präsidenten, aber keinen deiner Jungs interessiert es, ob du lebst oder stirbst. Ich hab mich in deiner Abwesenheit um die ganze Scheiße gekümmert. Und zwar verflucht noch mal viel besser als du, also muss ich nicht herkommen. Aber ich tue es aus Respekt und gerade habe ich den letzten Funken Respekt, den ich noch für dich übrig hatte, verloren.“ „Du kleiner Scheißer“, zischte Reaper. „Du wirst bezahlen für …“ „Nein. Du wirst bezahlen. In der Sekunde, in der ich hier rausgehe, werde ich den Auftrag erteilen und die Summe hinterlegen.“ Angst flackerte im Blick des alten Mannes auf. Nie hatte Deuce etwas Schöneres gesehen. „Denk daran, du Dreckskerl, dass ich es war, der es angeordnet hat, wenn du ausblutest.“ Er wandte sich ab, bevor sein Vater ein Wort sagen konnte, und marschierte durch den Besucherraum von Rikers. Er atmete schwer, sein Herz galoppierte in seiner Brust, und er war fest entschlossen, diesen Mann fertigzumachen. „Deuce!“, erklang eine helle Stimme. Er drehte sich um. Eva lief auf ihn zu. Bevor sie ihn erreichte, stoppte sie abrupt. Sie schnaufte und streckte ihm ihre Hand entgegen. „Ich konnte nicht mehr mit dir teilen“, sagte sie atemlos. Er beugte sich zu ihr und schloss seine Hand um eine kleine Tüte Erdnüsse. Auf einmal hatte er Probleme beim Schlucken. Dieses Mädchen, dieses verdammte kleine Mädchen, das ihn nicht kannte, hatte ihm gerade sein erstes Geschenk gemacht, ohne etwas als Gegenleistung zu fordern. Sie erwartete weder Gefallen noch setzte sie Bedingungen. Er hatte falsch gelegen. Es gab etwas Süßeres, als die Angst in den Augen seines Vaters. Eva war viel süßer. Wenn er jemals ein Kind haben sollte, wollte er so eines. „Danke, Darlin’“, sagte er heiser. „Werde ich dich jemals wieder sehen?“ Sie legte den Kopf auf die Seite. Mit großen Augen wartete sie auf seine Antwort. Er starrte in diese großartigen Augen, die zu groß für ihr Gesicht waren. Groß und rauchgrau wie ein Gewitter. Verdammt schön. Er lächelte. „Ich hoffe es, Süße.“ Sie bedachte ihn mit einem mörderisch niedlichen Grinsen und hüpfte zurück zu ihrem Vater und Onkel, die ihn mit Blicken erdolchten. Ihre Zöpfe hüpften mit. Nachdem er die Erdnüsse in seine Tasche geschoben hatte, ging er. Am ersten Straßentelefon, das er sah, gab er den Auftrag durch. Eine Stunde später gab es einen Käufer. Drei weitere Tage später blutete sein Vater unter der Dusche aus.


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