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> Belletristik > Und täglich grüßt die Erinnerung
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Belletristik
Buch Leseprobe Und täglich grüßt die Erinnerung, Sabine Brandl
Sabine Brandl

Und täglich grüßt die Erinnerung



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Pünktlich um sieben kam Lisa in München am Gasthaus Zum alten Großwirt an. Da niemand aus ihrer alten Klasse ihr innerliches Zögern bemerken sollte, ging sie zügig ins Lokal. An der Theke fragte sie den Kellner nach dem Nebenraum, der für das Treffen reserviert war. Mit klopfendem Herzen öffnete sie die Tür. Aufregung, Hoffnung, Angst. Ihr Magen verkrampfte sich. Ihr ganzer Körper stand unter Spannung. Sie wollte schnell wissen, was sie erwartete. Schnell wissen, wie sehr es sich gelohnt hatte, hierher zu kommen. Schnell wissen, ob ihre Aufregung nicht doch umsonst war.


Als sie den kleinen Raum betrat, sah sie einen langen Tisch, an dem etwa ein Dutzend Personen Mitte dreißig saßen. Es waren nur zwei Männer darunter. Das war erstaunlich, denn in ihrer Klasse waren beide Geschlechter paritätisch vertreten gewesen. Schnell scannte Lisa die Gesichter beziehungsweise Hinterköpfe der Anwesenden vor allem die weiblichen. Dann wurde ihr Herzschlag ruhiger. Entwarnung. SIE war nicht dabei. Erleichterung? Enttäuschung? Beides. Nur von Letzterem deutlich mehr. Aber es war bestimmt besser, dass Carmen nicht da war. Das sagte zumindest Lisas Vernunft. Lisa setzte ihr geselliges schön euch zu sehen Gesicht auf und steuerte auf die Runde zu. Sie wurde herzlich empfangen und nahm neben Erika und Doris Platz. Neugierig betrachtete sie ihre alten Kameraden und Kameradinnen. Nur zwei der Damen passten in das Blümchenblusenklischee, das Lisa sich zurechtgelegt hatte: Heidi und Maria. Das war keine große Überraschung. Sie hatten sich schon damals langweilig und spießig gekleidet. Die beiden wirkten sehr fröhlich und redeten munter drauf los. Jedem das seine, dachte Lisa friedlich und plapperte ein wenig mit. Aber noch immer verspürte sie eine innere Unruhe, eine freudige und beängstigende Erwartung. Sie musste herausfinden, wer sich noch alles für das Treffen angemeldet hatte, schließlich war Carmen nie die Pünktlichste gewesen. Auf Partys war sie meist als eine der Letzten erschienen. Damals hatte das Sprichwort noch gepasst: Je später der Abend, desto schöner die Gäste. Ob dem jetzt immer noch so war? Lisa hatte sich nicht ganz zufällig neben Erika gesetzt. Sie war die Initiatorin des Klassentreffens und damit die beste Informationsquelle. Aber als sie Erika nach Carmen fragte, meinte diese nur: »Keine Ahnung, ob sie kommt. Sie sagte, sie müsse mal sehen. Wenn, dann käme sie etwas später. Ich hätte mich gern noch mit ihr unterhalten, aber sie hatte es wohl eilig ...«


Lisa nickte und lenkte das Gespräch schnell auf eine andere Klassenkameradin, die ebenfalls nicht anwesend war. Erika redete gern und viel. Lisa zeigte sich als dankbare Zuhörerin. Es war ihr manchmal ganz recht, unter Leuten zu sein, die viel zu erzählen wussten. So musste sie nicht ständig etwas von sich preisgeben und konnte sich in Ruhe ihre Meinung zu den Worten anderer bilden. Der Abend verlief teils amüsant und teils etwas zäh. Essen wurde bestellt, Schweinebraten und Schnitzel gegessen, Bier und Wein getrunken und viel belangloses Zeug geplaudert. Lisa aß kalorienbewusst einen gemischten Salat und trank ein leichtes Weißbier. Sie lauschte hübschen und faden Anekdoten, eifrigem Klatsch und Tratsch, unterschwelliger Angeberei, Geschichten von Babys, Obsttorten und Weight Watchers. Irgendwann reichte man, wie erwartet, Fotos herum. Die Fotos der Kinder und Ehemänner wurden begutachtet und gelobt. Lisa war jetzt wirklich froh darüber, selbst welche mitgebracht zu haben, zeigte den Anderen nun eifrig auch ihre Familie. Über den vielen Bildern vergaß sie sogar Carmen und die Bedenken, die sie noch auf der Zugfahrt begleitet hatten. Gegen zehn Uhr beschloss Lisa aufzubrechen. Es war ganz nett gewesen, aber viel mehr war von dem Abend nicht zu erwarten. Zuvor wollte sie noch schnell die Toilette aufsuchen. Sie stand auf und verließ den Nebenraum. In der Nähe des Einganges war eine Treppe, die hinab zum WC führte. Lisa steuerte zügig darauf zu. Dabei stieß sie fast mit einer Frau zusammen, die gerade schwungvoll das Lokal betrat. Lisa erstarrte. Ihr Gegenüber blickte sie erst überrascht an, dann begann es über das ganze Gesicht zu strahlen. Die hellblauen Augen leuchteten und kleine Lachfältchen zierten das sonnengebräunte Gesicht. »Mensch Lisa«, rief die Frau erfreut. »Wie geht’s dir, altes Haus? Komm, lass dich mal drücken.«


»Carmen«, hauchte Lisa. Ehe sie sich versah, lag sie schon in Carmens Armen und wurde fest an ihre Brust gedrückt. Sie spürte Carmens schlanken, warmen Körper, während ihr Gesicht in den schwarzen Locken versank. Ein Hauch von Cool Water Woman drang in ihre Nase, und Lisas Knie wurden weich. Die Umarmung war kurz, aber kräftig gewesen. Nun stand Carmen wieder strahlend vor ihr und musterte sie neugierig.


»Toll siehst du aus. Hast dich gut gehalten. Und? Wie ist das Klassentreffen? Lohnt sich’s, da reinzugehen?«


»Naja«, brummte Lisa und taumelte leicht. »Geht so … ein bisschen langweilig … Ich wollte gerade aufbrechen.«


»Ach, du willst schon gehen? Ich dachte, du wolltest runter auf die Toilette?«


»Ja, das auch«, erwiderte Lisa. »Und dann nach Hause.«


»Warte mal!«, rief Carmen. »Lass uns noch was unternehmen. Geh’ aufs Klo, pack deine Sachen und komm nach draußen. Ich warte vor dem Lokal. Wir können zu ´ner Kneipe fahren, die bei mir gleich ums Eck liegt. Die schließen erst, wenn alle Gäste weg sind.«


»Ja …aber …Wie komm’ ich dann heim?« Wie ein vergifteter Pfeil schoss der Gedanke an ihre Kinder und ihren Mann plötzlich durch Lisas Kopf. Sie hatte versprochen, spätestens mit der letzten Bahn zu kommen. Morgen wollten sie einen Sonntagsausflug zu Lisas Eltern nach Bad Tölz machen. Da hieß es, pünktlich um halb acht aufzustehen.


»Die erste U-Bahn geht um fünf«, sagte Carmen. »Du kannst aber auch bei mir schlafen, ist kein Problem.« Sie beendete ihre Worte mit einem warmen Lächeln und einen sanften Augenaufschlag.


Lisas Mund sagte: »Alles klar. Ich bin in zwei Minuten draußen.« Ihr Großhirn schwieg. Dafür trommelte ihr Herz umso lauter.


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