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Belletristik
Buch Leseprobe und das letzte Wort hat die Liebe, Carola Kickers
Carola Kickers

und das letzte Wort hat die Liebe



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***


 


Niko Mertens saß wieder, wie allabendlich, an dem kleinen Schreibtisch, an dem noch vor zwei Jahren sein Vater oft bis in die Nacht hinein gearbeitet hatte. Die eichene Standuhr, welche die kleine Ecke am Fenster ausfüllte, beendete gerade den neunten Schlag. Aber Niko hörte es nicht. Die Mutter war bereits zu Bett gegangen, denn seit der Vater tot war und sie nur den Sohn zu versorgen hatte, war ihre Arbeit bedeutend weniger geworden. Endlich blickte Niko auf, sah auf die Uhr und fragte sich selbst: „Wo bleibt Katja denn heute Abend? Sie müsste doch längst hier sein.“ Der Bus, mit dem auch Herr Walding zu kommen pflegte, war sicherlich schon am Blücherplatz gewesen. Ja, wo blieb Katja? Katja Walther war Sekretärin bei Becker & Co., dem größten Exportgeschäft am Platze. Sie musste in der letzten Zeit häufig länger arbeiten. Frau Piegler hatte vor Kurzem geheiratet und die Neue musste sich erst einarbeiten. Es war eigenartig. Obwohl Niko wusste, dass Katja wahrscheinlich auch heute wieder die ganze Post erledigen musste, konnte er doch nicht verstehen, dass sie noch nicht bei ihm war. Ein leiser Zweifel schlich durch seine Seele. Gewiss, Katja hatte auch damals zu ihm gehalten, als nach dem Tode des Vaters offenbar wurde, dass das große und wohlbekannte Baugeschäft August Mertens aufhören musste zu existieren. Es war alles so überraschend gekommen. Niko und seine Mutter standen plötzlich vor dem Nichts. Beide hatten mit dem Vater ihre ganzen Hoffnungen zu Grabe getragen. Sicherlich war es eine schwere Zeit für Niko gewesen. Doch wie oft beteuerte er Katja gegenüber, dass er alles daran setzen würde, sie glücklich zu machen. Vertrauensvoll hatte sie zu ihm aufgeschaut. Und das gab Niko Antrieb, sein Schicksal zu meistern. Obwohl er sein Studium abbrechen musste, um Kaufmann zu werden, hatte er doch alle Prüfungen mit „Gut“ bestanden. Ja, er hatte gearbeitet. Und das für Katja. Er liebte sie von Herzen. Im Geiste sah er sie vor sich stehen. Dieses frische Gesicht mit den leuchtenden Augen. In krausen Locken fiel das schimmernde blonde Haar auf ihre Schultern. Und wenn sie lachte, blitzten die kleinen weißen Zähne aus dem leuchtenden Rot der schön geschwungenen Lippen. Das war Katja – seine Katja! Wie leicht und zart sie war, wenn er sie in die Arme nahm. Sie glaubte an ihn. Das hörte er immer wieder von ihr. Durfte er da noch zweifeln? Nein! Aber wo blieb sie nur? Der nächste Bus war doch schon fällig. Und wieder dieser leise Zweifel. Durfte er Katja an sich und sein Los fesseln? Was konnte er ihr denn schon bieten? Vorläufig gewiss nichts. Katja war immer so lebensfroh gewesen. Ohne sie wäre er längst zu einem Einsiedler geworden. Sie war seine strahlende Sonne. Und was gab er ihr? Nichts außer einem liebenden Herzen. Genügte das? Konnte er denn etwas dafür, dass ihn das Schicksal so hart auf die Probe gestellt hatte? Er war gewiss ein froher und lustiger Mensch gewesen. Aber das Lachen war ihm vergangen. Und plötzlich kam ihm ein furchtbarer Gedanke. Wie, wenn Katja nur aus Mitleid zu ihm halten würde? Nein, nein, das durfte nicht sein. Dumme Gedanken! Wie konnte er nur so schlecht von seiner Katja denken? Immer später wurde es. Niko besann sich, dass er noch arbeiten wollte. Mit einem energischen „Ach was!“ schüttelte er mit Nachdruck die unnützen Grübeleien ab. Er stand auf, ging zu dem kleinen Nussbaumschränkchen, das ihm die Mutter damals für seine Bücher freigemacht hatte, und holte eine blaue Mappe heraus. Diese Mappe, einfach aus dickem Papier gefalzt, enthielt seine liebste Arbeit, seine ganze Gedankenwelt hatte er den losen Blättern anvertraut. Hier reihte sich Gedicht an Gedicht, Novellen und Erzählungen, lose hingeworfene Skizzen und seine eigenen Reisebeschreibungen bewahrte er dort auf. Immer wieder kamen neue Werke hinzu. Nur mit dem Unterschied, dass seine Gedichte und Geschichten früher von seiner Lebensfreude durchdrungen waren. So, wie er selbst ernster geworden war, kam auch aus seiner Feder nur noch Enttäuschung und Härte. Damals war es ihm eine Freude gewesen, wenn Zeitungen seine Artikel druckten. Man liebte seine leicht beschwingte Art zu schreiben. Es gelang ihm einfach nicht mehr, die Richtung des lebensbejahenden Menschen wiederzufinden. Warum konnte er jetzt seine Arbeiten nicht mehr unterbringen? Warum all die Absagen? Eigentlich konnte er es sich denken. Die Menschen draußen wollten nicht an den Ernst des Lebens erinnert werden. Er selbst war ihnen unbekannt, weshalb sollten sie an seiner Lage Anteil nehmen? Als Niko die Mappe öffnete, fielen einige Fotos zu Boden. Richtig, er hatte sie gestern mit Katja in Erinnerung an ihre unbeschwerten Stunden betrachtet. Er hob sie auf und konnte nicht widerstehen, die Bilder noch einmal durchzusehen. „Zur Erinnerung an schöne Urlaubstage im Schwarzwald“ stand in grüner Schrift auf einem Bild. Und darunter war zu lesen: „Deine Katja“. Das Bild führte ihn Jahre zurück, in die Zeit, als er noch ein ausgelassener, fröhlicher Mensch gewesen war. Ihre Ferienzeit hatten sie im schönen Nagoldtal verlebt. Sie waren aufgelebt in der Natur, bei den herrlichen Spaziergängen durch den Wald. Weitab vom Verkehr schmiegten sich die kleinen Schwarzwalddörfer Schutz suchend an die Hänge der Berge. Wie oft hatte er mit Katja an dem Weiher gesessen und mit ihr den geheimen Platz besucht: Die Bank an der alten Weide. Jeden Abend waren sie dort zu finden gewesen, wenn das letzte Rot der sinkenden Sonne sich wie pures Kupfer auf dem Dorfteich verteilte. Das war der richtige Platz für ein verliebtes Pärchen. Das vor ihm liegende Bild erzählte von einem dieser Abende … Niko legte die Fotos still beiseite. Ob er das alles noch einmal erleben durfte? Er ging mit der Mappe zum Schreibtisch. Was hatte doch der Redakteur des Lokalanzeigers vor einer Woche zu ihm gesagt? Er müsse bei seinen Erzählungen mehr ins wahre Leben greifen und nicht so viel dunkle Fantasie. Da mochte etwas dran sein. Das war bestimmt der Grund, warum seine Arbeiten überall abgewiesen wurden. Er sann lange Zeit nach. Heute hatte er sein letztes Gedicht „Schicksalswege“ mit einem ablehnenden Bescheid zurückerhalten. Katja würde sicher danach fragen. Eigentlich war es deshalb gut, dass sie nicht gekommen war. Ob er es ihr überhaupt sagen sollte? „Wieder ein verlorener Tag“, sagte er leise zu sich selbst. „Arbeiten kann ich heute nicht mehr.“ Müde stand er auf, legte seine Pfeife in die Marmorschale. Die Blätter ließ er auf dem Tisch neben den Fotos liegen, löschte das Licht und ging zu Bett.


 


***


 


Herbert Becker, der Juniorchef der Firma Becker & Co., prüfte sorgfältig die Auftragszettel, die ihm sein Handelsvertreter heute mitgebracht hatte. „Ja, mein lieber Herr Steffens, was ist eigentlich los? Die Aufträge werden immer kleiner. Neue Kunden bringen Sie überhaupt nicht mehr. Wie können Sie mir das erklären?“ Jakob Steffens zuckte die Achseln. „Ich vermute, dass Erdmann Söhne im Untergrund gegen uns arbeitet.“ „Erdmann Söhne?“ Jakob Steffens tat ganz unbefangen, dabei beobachtete er aus dem Augenwinkel gespannt die Wirkung seiner Worte. Er wusste, es war ein gefährliches Spiel, das er trieb. Richtig, der Chef biss an. Die steile Falte auf seiner Stirn war das sichtbare Zeichen dafür. Oh, Jakob Steffens verstand sich auf das Intrigenspiel, er hatte es in dieser Zeit der Wirtschaftskrise in Deutschland gelernt. Wie viele Deutsche hatte er erkannt, dass man auch ohne große Mühe und Arbeit „Geschäfte“ machen konnte – man musste nur geschickt sein – und ein belastbares Gewissen haben. Ehrliche Arbeit und Fleiß waren zu Begriffen geworden, mit denen man nur noch den Dummen imponieren konnte – ihm jedenfalls nicht! Sein Vertrag mit Becker & Co. lief in zwei Monaten sowieso aus. Der neue Vertrag mit Erdmann Söhne lag schon in seiner Tasche. Jakob Steffens dachte nicht im Entferntesten daran, für eine der beiden Firmen zu arbeiten. Für einige Prozente Provision? Lächerlich. Nein, der große Coup seines Lebens musste ihm gelingen. Bei Erdmann Söhne hatte er sein Ziel fast erreicht. Jetzt galt es, den Juniorchef von Becker & Co. einzuwickeln. „Worauf stützen Sie Ihre Vermutung?“ Die plötzliche Frage des Herrn Becker Junior unterbrach seine Grübeleien. Ohne eine Erwiderung zog Steffens seine Brieftasche und entnahm ihr einige Papiere. „Bitte – diese Unterlagen hat man mir streng vertraulich überlassen.“ Herr Becker Junior starrte wie gebannt auf die Unterlagen. „Also doch!“ Mehr sagte er nicht. Gleich darauf drückte er auf den Klingelknopf, der an der Seite seines Schreibtisches angebracht war. Im nächsten Augenblick öffnete sich die Tür und seine Sekretärin Katja Walther trat ein. „Sie hatten mich gerufen, Herr Becker?“ Die undurchdringliche Miene, die Jakob Steffens während der Unterredung mit seinem Chef aufgesetzt hatte, wurde beim Eintritt der jungen Dame wesentlich freundlicher. Wie ein alter Bekannter nickte er ihr vertraulich zu. Katja neigte leicht den Kopf. „Frau Walther, lassen Sie bitte den letzten Abschluss mit Erdmann Söhne heraussuchen. Ich brauche ihn sofort.“ „Jawohl, Herr Becker.“ Hastig wandte sich Katja um. Wie konnte der Vertreter sie in Gegenwart des Chefs so anstarren? Was fiel ihm ein? Er fixierte sie ja förmlich. Bis zur Tür fühlte sie seinen Blick im Rücken. Was wollte er von ihr? Hätte sie sich noch einmal umgewandt, wäre sie wohl über seinen Gesichtsausdruck erstaunt gewesen. Seine Augen besaßen etwas Lauerndes und um seine Lippen huschte ein spöttisches Lächeln. Wie die Gedanken, so wechselte auch sein Mienenspiel. Im Nu hatte Steffens, als er mit dem Chef wieder allein war, erneut sein undurchdringliches Gesicht aufgesetzt. Mit seinen Komplizen war er sich einig. Sämtliche Sendungen wurden über eine Scheinfirma geleitet. Ausfuhrbestimmungen waren schließlich dazu da, umgangen zu werden. Die amtlichen Begleitscheine, Lizenzen und dergleichen überflüssiges Papierzeug ließen sich auch heute noch beschaffen, ebenso eine vorzügliche Auskunft über ihre Scheinfirma. In spätestens zwei Wochen waren so viele Waren verschoben, dass sich das Geschäft auch lohnte – und dann auf Nimmerwiedersehen. Herr Becker Junior trommelte nervös mit seinen Fingern auf der Schreibtischplatte. Das hatte ihm noch gefehlt! Er plagte sich ab – erzielte die besten Abschlüsse im In- und Ausland –, und ausgerechnet Erdmann Söhne … Ein kurzes Klopfen schreckte ihn aus seinen Betrachtungen auf. Katja Walther brachte die gewünschten Ordner und blieb zögernd stehen, für den Fall, dass der Chef noch etwas wünschte. „Es ist gut, Frau Walther.“ Nachdem die Sekretärin das Zimmer verlassen hatte, verfiel er wieder in sein Nachsinnen. Also deshalb hatte Erdmann Söhne den Abruf der letzten Teillieferung um einen Monat verzögert, obschon die Preiserhöhung inzwischen wirksam geworden war – um mit der eigenen Lieferfirma zu konkurrieren! Damals hatte er Erdmann Söhne einen Sonderrabatt eingeräumt und auf die Gebiete verzichtet, die von Erdmann beliefert wurden. Mit Franz Erdmann hatte es sich immer gut arbeiten lassen. Aber seitdem er sich aus dem Geschäft zurückgezogen hatte, als seine Tochter den geschäftstüchtigen Prokuristen Waldberg heiratete, war von einem guten Einvernehmen nicht mehr viel zu spüren. Und jetzt dieser Übergriff! Damit musste Schluss gemacht werden, so schnell wie möglich! Als sich Jakob Steffens nach einer Stunde von seinem Chef verabschiedete und in das Vorzimmer trat, wo Katja Walther mit der heutigen Post beschäftigt war, zeigte sein Gesicht ein siegessicheres Lächeln. Die Sache hatte geklappt – besser, als er es sich hatte träumen lassen. Katja Walther hatte ihn nicht bemerkt. Ihr Profil leuchtete ihm entgegen. Eine außerordentlich hübsche junge Frau, stellte er mit Kennermiene fest. Eine neue Aufgabe für ihn? Man musste schon ganz vorsichtig zu Werke gehen. Nun ja, man würde ja sehen. „Nun, Frau Walther, noch so fleißig?“ Überrascht drehte sich Katja Walther um. „Ach, Herr Steffens, Sie sind lange nicht mehr bei uns gewesen. Da werden Sie sicherlich eine Menge Aufträge mitgebracht haben?“ „Wie man‘s nimmt; ich bin jedenfalls zufrieden. Übrigens fahre ich in zwei Tagen nach Süddeutschland. Würden Sie mir eine vollständige Kundenliste aufstellen?“ „Heute Abend noch?“ „Ja, dann könnte ich morgen früh meine Reiseroute festlegen. Oder haben Sie heute Abend etwas vor?“ „Nichts Besonderes.“ „Dann tun Sie mir doch den Gefallen. Ich helfe Ihnen schnell.“ Steffens setzte sich an den Computer und lachte Katja fröhlich zu. Wenn er so lacht, sieht er nicht einmal so unsympathisch aus, befand Katja insgeheim. Wenn sie doch nur Niko benachrichtigen könnte. Aber der saß ja doch bei seinen Gedichten und vermisste sie wohl kaum. Steffens legte Papier in den Drucker und sah Katja aufmunternd an. „Nein, nein, Herr Steffens“, lachte Katja. „Sie diktieren und ich schreibe für Sie. Das geht schneller.“ „Schade, von mir aus kann es nicht lange genug dauern, wenn Sie dabei sind.“ Steffens machte ein Armesündergesicht, dass Katja unwillkürlich lachen musste. „Aber mir macht es etwas aus. Der letzte Bus fährt in einer Stunde.“ „Das macht doch nichts, Frau Walther. Ich bringe Sie mit meinem Wagen nach Hause.“ „Nein, nein, wir wollen uns beeilen, dann bekomme ich den Bus noch.“ „Sie brauchen aber keine Angst vor mir zu haben. Ich bin zwar ein Reisender, aber kein Mädchenhändler.“ Das kam wieder so treuherzig heraus, dass Katja laut auflachen musste. Es war ein helles fröhliches Lachen, fast kindlich. „Nun ist aber Schluss, jetzt wird gearbeitet.“ „Oh, wie energisch. Also gut, fangen wir an.“ Eine Viertelstunde arbeiteten sie bereits, als Steffens auf einen Namen deutete. „Warten Sie mal, Frau Walther. Wenn ich mich nicht irre, ist die Firma L. Körner in Konkurs geraten.“ Katja Walther beugte sich zu ihm hinüber. Dabei streifte ihr blondes Haar leicht sein Gesicht. Steffens widerstand mit Mühe seinem Drang, ihr duftiges Haar zu berühren. „Nein, Herr Steffens, das ist nicht L. Körner. Die Firma heißt wohl so ähnlich. Aber das kann ich sofort feststellen.“ Sie stand auf und suchte in einem Ordner. Steffens wusste genau, dass es sich um eine Firma Börger handelte, aber er wollte Zeit gewinnen. In 20 Minuten ging ihr Bus. Und darüber hinaus musste er sie festhalten. „Sehen Sie, es ist nicht die Firma Körner, sondern die Firma Börger.“ „Ach ja, richtig!“ Steffens tat ganz unschuldig. „Da habe ich mich wohl geirrt.“ Katja Walther saß schon wieder am Computer. „Sind Sie denn noch nicht müde, Frau Walther? Dass ich Ihre Freizeit auch noch in Anspruch nehmen muss, tut mir wirklich leid.“ „Aber ich bitte Sie, Herr Steffens, das liegt doch alles im gemeinsamen Geschäftsinteresse, zudem sind wir ja bald fertig.“ Verstohlen sah Steffens auf seine Armbanduhr. Noch zehn Minuten! „Nun, dann wollen wir weitermachen, damit ich Sie nicht länger aufhalten muss als unbedingt nötig.“ Nach einer Viertelstunde waren sie fertig. Steffens stöhnte, als ob er völlig erschöpft sei. „Jetzt bin ich aber geschafft. Eine Erfrischung könnte bestimmt nicht schaden. So, und jetzt mache ich Ihnen einen Vorschlag zur Güte. Sie haben mir heute einen großen Gefallen getan. Jetzt müssen Sie mir aber auch gestatten, dass ich mich ein wenig erkenntlich zeige. Den Bus bekommen Sie sowieso nicht mehr. Wir fahren jetzt noch irgendwo hin, stärken uns etwas und dann fahre ich Sie nach Hause.“ „Das Letztere akzeptiere ich. Das andere können sie ja später allein nachholen.“ Als Steffens ein betroffenes Gesicht machte, fügte sie halblaut hinzu: „Ich muss doch nach Hause.“ „Und wenn ich Sie herzlich bitte?“ Steffens schaute sie treuherzig und zugleich traurig an. Wer konnte diesem Dackelblick widerstehen? „Also gut, aber nur für einen Augenblick.“ Steffens half Katja in ihren Mantel. Mit einem letzten Blick prüfte sie, ob alles in Ordnung war, löschte das Licht, verschloss ihr Büro und lieferte den Schlüssel beim Empfang ab.


 


***


 


Steffens saß schon im Wagen und hielt den Schlag geöffnet. Im nächsten Moment heulte der Motor auf, die Scheinwerfer flammten auf, die Fahrt ging stadteinwärts. Vor einem vornehmen Club hielt Steffens an. „Da wären wir. Jetzt wollen wir uns von dem anstrengenden Job etwas erholen. Kommen Sie.“ Etwas widerstrebend ließ sich Katja durch den Eingang schieben. „Aber Herr Steffens, ich bin doch für diese Umgebung gar nicht angezogen.“ „Ich wette, Sie sind die Schönste in diesem Lokal.“ In einer Ecke fanden sie einen kleinen gemütlichen Tisch. Gerade hatte die Live-Band aufgehört zu spielen und die Tänzer strebten ihren Plätzen zu. So wurden sie kaum beachtet. Katja stellte es mit Genugtuung fest. Ihre anfängliche Scheu verflog langsam. Wie lange hatte sie schon keinen Club mehr besucht? Der Kellner brachte den bestellten Drink. Ach ja, sie hatte Durst! Hell klangen die Gläser zusammen. Der Cocktail war köstlich. Katja betrachtete interessiert ihre Umgebung. Das Lokal war gut besucht, aber nicht überfüllt. Die Beleuchtung war geschickt indirekt angebracht. Die in Braun-Gold gehaltenen Wände wurden seitlich und aus der in der Mitte zulaufenden Kuppel angeleuchtet, auch die Tanzfläche war in rosiges Licht getaucht, das aus einem abschließenden Sockel gleichmäßig verteilt wurde. Über den kleinen Tischen befanden sich außerdem zusätzliche Spots, die einen rosaroten Schein auf die Gesichter der Gäste warfen. Es wirkte irgendwie gemütlich. Stufenweise war die Band an der hinteren Seite der Tanzfläche aufgebaut. Halb in einer mit seidig schimmernden Überhängen eingefassten Nische versteckt, waren nur der Sänger und die jeweils spielenden Instrumente der Musiker sichtbar, alles andere verschwand in der kunstvollen Dekoration. Nur gedämpft klang die Musik herüber und vermischte sich mit der leise geführten Unterhaltung der Gäste, gleich einem Rauschen, zu einem auf- und abschwellenden Ton. Es ist doch alles nur raffinierte Ausstattung und eine künstliche Schönheit, die nur eine Wirkung auf das Sinnliche bezweckt, stellte Katja jedoch überlegend fest. Es war der Reiz des Neuen, der sie zuerst gefangen genommen hatte. Bald sah sie, dass auch bei den Menschen vieles Attrappe war, was sie im ersten Moment bewundert hatte. Aber waren das nicht Nikos tiefgründige Gedanken, die ihr so plötzlich in den Sinn kamen? Gedanken, die sich in seinen grauen Augen widerspiegelten, jedes Mal, wenn sie ihn ansah. Früher sprühten in seinen Augen silberne Funken, wenn er lachte. Sie konnte sie kaum daran erinnern, wann Niko das letzte Mal herzlich gelacht hatte. Verwundert stellte sie fest, dass sie bereits genauso schwermütig dachte wie ihr langjähriger Freund; war sie mit ihren 21 Jahren schon so ernst geworden oder hatte der Umgang mit Niko und seinem veränderten Wesen sie bereits selbst verwandelt? Früher war sie doch viel lebenslustiger gewesen. Katja fuhr erschrocken auf, als sich eine Hand leicht auf ihre Schulter legte. „Verzeihen Sie, Frau Walther, wenn ich Sie aus Ihrer versunkenen Stimmung herausreiße. Ich beobachte Sie jetzt schon einige Zeit. Sie haben mich und die Welt wohl ganz vergessen?“ „Ach bitte, seien Sie mir nicht böse. Ich war tatsächlich nicht ganz dabei. Ich bin etwas müde geworden und hier lässt es sich so gut träumen.“ „Dann lassen Sie mich wenigstens teilhaben an Ihren Träumen, oder … passe ich da nicht hinein?“ Unter seinem suchenden Blick wurde Katja ganz verlegen. „Ach ... ich … ich habe nur darüber nachgedacht, ob die Menschen hier wirklich so froh und sorglos sind, wie sie sich geben.“ „Aber, warum geben Sie sich denn solchen Problemen hin? Dafür hat man im Alter noch genug Zeit. Ich kann den Kellner ja mal fragen.“ „Jetzt machen Sie sich auch noch lustig über mich.“ „Nein, nein, nichts liegt mir ferner. Aber Sie trinken ja nicht mehr.“ Er hob sein Glas: „Trinken wir auf das, was wir lieben.“ Katja lächelte zurückhaltend. „Und jetzt hätte ich eine kleine Bitte, Frau Walther.“ „Und die wäre?“ „Ich möchte wenigstens einmal mit Ihnen tanzen. Oder sind Sie zu müde?“ „Ich habe zwar lange nicht mehr getanzt, aber wenn Sie es trotzdem mit mir versuchen wollen, habe ich nichts dagegen.“ Steffens verneigte sich elegant und führte Katja zur Tanzfläche. Er stellte mit Genugtuung fest, dass ihr manch bewundernder Blick folgte, als sie sich nach den Klängen einer langsamen Ballade auf der Tanzfläche drehten. Katja tanzte leicht wie eine Feder. „Ich muss mich wundern, Frau Walther, dass Sie lange nicht mehr getanzt haben wollen, dabei habe ich selten eine so gute Tanzpartnerin gehabt. Mit Ihnen könnte ich den ganzen Abend durchtanzen.“ „Früher habe ich sehr gerne getanzt, aber seitdem … aber das wird Sie nicht interessieren.“ „Ich interessiere mich für alles, was mit Ihnen zusammenhängt, Frau Walther. Vielleicht weiß ich auch, wo Sie der Schuh drückt.“ „Sie?“ Zwei fragende Augen sahen ihn an. „Ja, Katja.“ Steffens gab seiner Stimme einen weich-traurigen Klang. „Damals, als ich Sie in der Firma kennenlernte, bewunderte ich Sie. Eine wahre Fröhlichkeit strömte aus Ihrem ganzen Wesen. Aber mehr als freundlich waren Sie zu niemandem, und ich wäre so gerne …“ Steffens konnte den Satz nicht mehr vollenden. Die Musik verklang in einem lang gedehnten Akkord. Katja und Steffens befanden sich gerade in der Nähe ihres Tisches. Nachdem sie ihre Plätze wieder eingenommen hatten, schien Steffens in eine Art wehmütige Stimmung zu versinken. Plötzlich sah er Katja mit feierlichem Ernst an. „Ich weiß nicht, ob ich es Ihnen heute sagen darf.“ Er nahm Katjas Hand in die seine. „Immer, wenn ich draußen auf Reisen war, habe ich an Sie denken müssen. Dann habe ich mir vorgenommen, Ihnen bei nächster Gelegenheit meine Zuneigung zu offenbaren. Und eines Tages musste ich feststellen, dass ich zu spät gekommen war. Was nützte es, dass ich mich selbst einen Esel schalt. Aber ganz vergessen konnte ich Sie nicht. Deshalb habe ich auch festgestellt, was Ihren übrigen Kolleginnen und Kollegen nicht aufgefallen sein mag. Sie sind nicht mehr die alte, lebenslustige Katja.“ Katja sah Steffens verständnislos an. Konnte es denn möglich sein? Sie hatte Steffens immer für einen zwar tüchtigen, jedoch leichtsinnigen Menschen gehalten. Er fühlte sich also zu ihr hingezogen? Begehrte sie vielleicht sogar? Bei diesem Gedanken spürte sie, wie sie leicht errötete. Wie sehr ersehnte sie sich dieses Begehren von Niko. Aber Steffens? Etwas wie Mitleid stieg in ihr auf. Vielleicht hatte sie ihn verkannt? Sie wäre keine Frau gewesen, wenn sie sich bei seinem Geständnis nicht geschmeichelt gefühlt hätte. Langsam gewann sie ihre Fassung zurück.


 


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